Selbstverständlich besuchten wir auch den Stadttheil Falaschabed,

welcher auf dem rechten Ufer der Kaha liegt, also eigentlich gar

nicht zu Gondar gehört. Einen Ausbruch von Fanatismus fürchtend, nahm

ich einige zwanzig Soldaten Bedeckung mit, aber das wäre kaum nöthig

gewesen, so demüthig zuvorkommend, aber zugleich auch so zurückhaltend

fand ich die Bewohner. Die Kenner abessinischer Literatur wissen,

dass die Falascha die abessinischen Juden sind. Man hat viel über

ihr Herkommen geschrieben, aber es ist wol kein Zweifel, dass sie

+eines+ Stammes mit den übrigen Abessiniern sind. Dasselbe

Aeussere, dieselbe Kopfbildung, dieselbe Hautfarbe; sie unterscheiden

sich nur durch ihre Sprache, indem die meisten den Quorra-Dialekt,

die bei Gondar Wohnenden aber auch Amharisch sprechen. Juden sind sie

unzweifelhaft, obwol sie von den andern Juden der Welt sehr abweichen.

Zwar fussen sie, wenigstens zum Theil, auf dem Alten Testament;

sie regeln ihr Leben nach den zehn und übrigen Geboten Moses’; aber

sie glauben an kein Wiedererscheinen des Messias; sie wissen nichts

von der Babylonischen Gefangenschaft, was schon für das Alter ihrer

Religion spricht; sie haben keine Kenntniss von der Existenz des

Talmud; sie stehen ausser der Gemeinschaft mit den eigentlichen Juden.

Gerade so auch die Juden von Draa und Tafilet. Nimmt man an, dass alle

Abessinier ursprünglich aus Arabien stammen; dass sie dort schon in

frühester Zeit den mosaischen Glauben annahmen; hierauf nach Afrika,

nach ihrem jetzigen Stammland Abessinien zogen und daselbst wohnen

blieben; dass also sämmtliche Abessinier einst jüdischen oder, besser

gesagt, mosaischen Glaubens waren; dass die Mehrzahl derselben im 4.

Jahrhundert zur christlichen Lehre übertrat, ein kleiner Rest aber

mosaisch blieb: dann haben wir die einfachste Lösung über Herkunft und

Abstammung jenes interessanten jüdischen Bruchtheils.

Am Abend nach meinem Besuche in Falaschabed überraschten Schimper zwei

Falascha-Missionare, welche über Metemmeh ins Land kamen, nachdem sie

vorher von Massaua in Aethiopien einzudringen versuchten. Von da kamen

sie aber nur bis Tsatsega, denn Ras Alula liess sie in Ketten legen und

einkerkern. Vielleicht sässen sie noch in Gefangenschaft, wenn nicht

Schimper dorthin kam, dessen Fürsprache ihre Freiheit bewirkte. Sie

sprachen etwas Englisch und Deutsch und waren europäisch gekleidet.

Sie wollten nach Debra Tabor, um sich vom Negus die Erlaubniss zur

Bekehrung der Falascha zu erbitten. Ich rieth ihnen davon ab, als

sie mich bei meiner Abreise von Gondar begrüssten: ich kannte die

Gesinnungen des Negus Negesti in Betreff solcher Bekehrungen genau.

Trotzdem verschiedene deutsche Missionare über ihre Reisen zu den

Falascha eigene Schriften veröffentlichten, z.B. Stern, Rosenthal

und besonders Flad[141], so ist doch manches Irrthümliche über die

abessinischen Juden verbreitet. So behaupten die meisten, sie gingen

unbewaffnet. Aber es kamen verschiedenemal Falascha zu mir, um Töpfe

oder andere Sachen zu verkaufen, +und stets waren sie bewaffnet+.

Es geht hieraus schon hervor, dass sie Handel treiben, obwol man

abermals behauptete, dass sie den Handel als mit ihrer Religion

nicht verträglich verabscheuten. Die Falascha kleiden sich ebenso

wie die abessinischen Christen und haben mit diesen hinsichtlich

der Speisevorschriften u.s.w. eine grössere Verwandtschaft, als man

nach den bisherigen Berichten über sie annehmen möchte. Man muss nur

immer festhalten, +dass die christlichen Monophysiten Abessiniens

ebenfalls alle Satzungen des Alten Testaments als zu Recht bestehend

betrachten+. Was ihren Fanatismus anbetrifft, so dürfte derselbe

kaum den der abessinischen Christen übersteigen, und ebenso wenig

wie diese sind sie mit der hebräischen Sprache bekannt. Ihre mit den

abessinischen Christen gemeinsame Sprache ist das Gees[142] (auch

Ghez, Gheez u.s.w. geschrieben). Wären sie echte Juden, müssten sie

+alle+ Schriften des Alten Testaments besitzen und Hebräisch

sprechen können, denn bei den Juden ist das Hebräische die heilige

Sprache; der +echte+ Jude darf nur das Alte Testament im

hebräischen Text lesen und nur auf +Hebräisch+ beten. Für die

abessinischen Mosaisten ist aber +Gees+ die +heilige+ Sprache.

Möglich, dass die Falascha von Gondar keine regelrechte Kirche

besassen. Zwar die Missionare beschrieben sie als eine aus drei

Abtheilungen bestehende, den christlichen Kirchen ähnliche. Aber das

mir gezeigte gottesdienstliche Gebäude hatte gar keine Aehnlichkeit

damit, es glich eher einer mohammedanischen Moschee: länglich-viereckig

aus Stein gebaut, mit nur einer Thür, ihr gegenüber eine Art hölzerner,

durchaus mit Matten belegter Tisch (Altar), auf welchem ein grosser,

wie es schien, aus Bronze verfertigter Leuchter stand, mit je drei

Armen und einem Arm in der Mitte, wie er im Buche Mosis beschrieben

wird. Ich war wol der erste Christ, dem sie gutwillig einen Einblick

in ihre Kirche gestatteten. Ebenso freundlich und gefällig wie

die übrigen Abessinier, kamen sie, mit ihrem Schum an der Spitze,

um mich zu begrüssen. Als ich aber Miene machte, ihre Kirche zu

+betreten+, baten sie mich, davon abzustehen, auch von dem Besuche

ihrer Häuser, „sie würden sie sonst nicht wieder bewohnen können“.

All diesen Unsinn äusserten sie so freundlich und liebenswürdig,

dass ich selbstverständlich meine Bitte durchaus nicht wiederholte,

obschon es nur eines Winkes bedurfte, um sie durch die Soldaten mit

Gewalt zu erzwingen. Nachdem ich noch einige hübsche Silberkettchen

von ihnen gekauft, schied ich in bester Freundschaft. Als sie jedoch

hinter mir her mit Wasser (wahrscheinlich geweihtem) sprengten, um ihr

Dorf von der Anwesenheit eines Ungläubigen oder so vieler Ungläubigen

zu reinigen, musste ich die Soldaten zurückhalten, welche sich auf

sie stürzen wollten, um sie „für diese Unverschämtheit“, wie sie sich

ausdrückten, zu züchtigen.

Aber unverschämt waren nicht sie, sondern die Soldaten. Ich erhielt in

Gondar nicht nur die gesetzlichen Lieferungen in reichlichem Maasse,

sondern auch von allen Seiten viele Geschenke. Ausserdem kaufte

ich täglich Bier, Tetsch und sogar Schnaps, welchen die Frau eines

ehemaligen Missionars, Namens Meier oder Obermeier, gut zu destilliren

verstand, um meine ganze Begleiterschaft an Ruhetagen bewirthen zu

können. Sogar die anspruchsvollen Damen meines Gefolges zeigten sich in

Gondar zufrieden. Die Soldaten aber ergossen sich über die ganze Stadt.

Gleich am ersten Tage liess mir ein hoher Geistlicher sagen, dass sie

sogar in Etschegebed eingedrungen wären, um ein Haus zu plündern.

Offenbar geschah die Beschädigung dieses für unverletzlich gehaltenen

Stadttheiles aus Unkenntniss. Ich beeilte mich, der geplünderten

Familie ihren Verlust zu ersetzen.

Aber bald nach meinem Besuche der Falascha, als ich mich bei

eintretender Nacht bereits zurückgezogen, stürzte Schimper in mein Zelt

mit dem Rufe: „Die Soldaten morden und plündern die Falascha!“ In der

That ertönte aus hundert Kehlen ein markdurchdringendes Geschrei. Bald

darauf fielen Schüsse. Zwei Häuser standen in Flammen. Der Kentiba

kam und verfügte sich nebst meinem Hauptmann Mariam[143] an Ort und

Stelle. Dann meldeten sie: „Soldaten drangen bei einem Falascha ins

Haus und wollten etwas Tiefkorn (_eragrostis_) haben. Der Falascha

widersetzte sich. Andere Soldaten kamen hinzu. Nun Rauferei, wobei

ein Schuss fiel. Nur +ein+ Falascha wurde verwundet. Das Feuer

entstand wol nur zufällig. Jetzt ist alles wieder ruhig.“ Von einer

Bestrafung der Soldaten war natürlich keine Rede, man hatte ja nur

einen Falascha verwundet! Meiner Verwunderung darüber begegnete ein

Bewohner Gondars mit der Bemerkung: „Nun, was thut’s damit? Der Negus

gibt ohnedas nächstens Befehl, dass sich alle Falascha sollen taufen

lassen.“

Ich rüstete zum Aufbruch. Abgesehen von den Plünderungsscenen konnte

ich von Gondar nur angenehme und bezüglich der prachtvollen Ruinen

auch sehr denkwürdige Erinnerungen mitnehmen. Bürger wie Geistlichkeit

machten mir den Aufenthalt so angenehm wie möglich, und wenn ich auch

hier hartnäckig die Annahme einer Wohnung verweigerte, so that ich dies

lediglich aus Reinlichkeitsrücksichten. Männer, Frauen, auch junge

Mädchen kamen häufig mit kleinen Angebinden. Frisches Brot, Pfirsiche,

junges Gemüse oder irgendetwas anderes brachten sie. Ging auch bei den

meisten der Hintergedanke auf den Empfang eines bessern Geschenkes, so

äusserten sie doch keine Unzufriedenheit, wenn sie anscheinend zuerst

nichts erhielten. Um so grösser dann ihre Freude über das schliesslich

doch Erhaltene.

Zum Mitgehen meldeten sich viele Nonnen und Mönche, welche alle auf

meine Kosten nach Jerusalem wollten. Einen Mönch nahm ich denn auch

in meinen Dienst, mit der Zusicherung, dass ich ihn auf meine Kosten

nach Jerusalem wolle reisen lassen. Aber alle?! Dazu gehörte viel Geld.

Meine Karavane vergrösserte sich auch hier wieder; selbst einige Mönche

und Nonnen schlossen sich an, sie konnten dann doch wenigstens bis

Massaua sicher reisen.

Der mich begleitende einäugige Mönch -- die meisten Mönche in

Abessinien leiden an irgendeinem körperlichen Gebrechen -- führte alle

seine Habe mit sich, denn eine Reise nach Jerusalem und der damit

verbundene Aufenthalt in der heiligen Stadt dauert Jahre. Er trug ein

ledernes, seit vielen Jahren nicht gewechseltes, ungewaschenes Hemd.

Gegen Regen oder kaltes Wetter diente ihm eine Art Lederburnus.[144]

Auf seinem Haupte sass ein gelbes Käppchen. Ein Rosenkranz, ein

hölzernes Kreuz, ein Strohsonnenschirm, ein gewöhnlich als Spiess

getragenes, oben schon beschriebenes Bücherpult, endlich ein an seinem

Gürtel aus Hanfseil hängendes Büchlein mit den Psalmen David’s bildete

seine übrige Ausstattung. Hosen trug er nicht. Von meinen Maulthieren

liess er zwei Ledersäcke tragen: der eine mit Büchern, die er verkaufen

wollte und später in Massaua auch recht gut los wurde; der andere mit

angesammelten Nahrungsmitteln. Seit er Mönch wurde, hatte er, weil dies

für fromm galt, sich nicht gewaschen; und da wir uns in der Fastenzeit

befanden, enthielt er sich trotz der anstrengenden Märsche jeder

thierischen Nahrung, auch der Eier und Fische. Sobald wir lagerten,

baute er sich dicht neben meinem Zelte eine kleine Hütte aus Reisig

und las vor seinem aufgestellten Bücherpult mit näselnder Stimme seit

Jahren denselben Psalm täglich vielleicht funfzigmal, denn er hatte

ein Gelübde gethan, +diesen+ Psalm, ich erinnere mich nicht mehr

welchen, viele tausendmal zu lesen. Die Abessinier liessen sich indess

seine Anwesenheit gern gefallen, denn nun konnten sie ja von dem

guten Mönch leicht Absolution erhalten, z.B. Samstags, wenn sie von

dem geschlachteten Rinde assen oder überhaupt nicht fasteten. Umsonst

und ohne Auferlegung von Bussübungen ertheilte er die Absolution: die

kostenfreie Reise nach Jerusalem sei für ihn Belohnung genug, sagte er.

Nur einmal machte er eine Ausnahme: ein abessinischer Diener, der ihm

gebeichtet, dass er nachts von Ratten und Mäusen geträumt habe, musste

so und so oft ein Gebet hersagen.

Absichtlich zeichnete ich so genau das Bild dieses Mönches, eines

übrigens durchaus guten, sittenreinen und unschuldigen Menschen,

um dadurch auf die mehr oder weniger grosse Aehnlichkeit aller

abessinischen Mönche hinzuweisen.

[Illustration: BRÜCKE ÜBER DEN MAGETSCH IN DER NÄHE VON GONDAR.]

DREIZEHNTES KAPITEL.

VON GONDAR NACH AKSUM.

Die drei Regionen Abessiniens. -- Riesendisteln. -- Ein Kurier mit

einem Schreiben des Negus Negesti. -- Eine Deputation Geistlicher.

-- Die Aussicht von Lamalmon-Berg. -- Ein Gemeindecomplex mit 1000

Mönchen und 29 Nonnen. -- Die Aebtissin. -- Der Oberst mit seinen

Soldaten zieht ab. -- Bettler zu Pferde. -- Das Flusspferd. --

Der Neffe des Negus Negesti. -- Streit zwischen Dienern und den

Soldaten des Hauptmanns Mariam wegen eines Mädchens.

Am 1. März verliess ich Gondar, eine Strecke weit begleitet vom

Kentiba und andern Einwohnern der alten Kaiserstadt. Bald entschwindet

der schöne Gemp den Blicken. Nordwärts muss man noch eine von den

Portugiesen erbaute Brücke, die über den Magetsch führt, überschreiten.

Rasch alsdann, auf verhältnissmässig guten Wegen, geht es stetig

bergan. Aber so saftig auch zwischen blühenden Rosen- und Jasminbüschen

die Matten daliegen, so wenig bevölkert ist die Gegend. Dennoch aber

weisen grosse Getreidefelder auf nicht gänzliche Besitzlosigkeit hin.

Riesige Rhododendren, Eriken, mehr als doppeltmannshoch, blühende

Kusso-Bäume (_Brayera anthelmintica_), Hypericum geben kund, dass man

sich bedeutender Höhe nähert. Aber Akazien, Spargelgebüsche, Aloë und

andere abessinische Gewächse sieht man noch. Diese Gegend muss schon

zur Deka[145] Abessiniens gerechnet werden, deren unterste Grenze man

zu ca. 2500 m annehmen darf.

Wir nähern uns der bedeutenden Höhe von 3000 m und finden

an verschiedenen Stellen jene wunderbaren Riesendisteln mit

mannskopfgrossen Köpfen, deshalb Kugeldisteln (_echinops giganteus_),

auf Amharisch aber koschoschilla genannt. Koqualbäume fangen an zu

verschwinden, während Schirmakazien noch häufig vorkommen. Ganz

reizend sind die auf den Wiesen blühenden lilienartigen Gewächse. Oft

durchduftet Rosmarin die Gegend. --

[Illustration: RIESENDISTEL, ECHINOPS GIGANTEUS.]

Unterwegs überholte mich ein Kurier, der mir vom Negus einen Brief

brachte, den ich mit Bangen Schimper zum Uebersetzen gab. Mit Bangen,

weil er möglicherweise den Befehl der Zurückkehr enthielt. Das passirte

ja Gordon, als er schon dicht auf der Grenze nach Metemmeh zu plötzlich

umkehren und den Weg nach Massaua einschlagen musste. Was macht sich

ein abessinischer Kaiser daraus, wenn jemand seinetwegen einen Weg

von 1000 km in rasender Eile zurücklegen muss. Vielleicht wollte

er, dass ich statt +eines+ Hutes[146] zwei für ihn kaufe. Oder

irgendein anderer nichtiger, in seinen Augen aber wichtiger Grund

veranlasste die Entsendung eines Kuriers. Glücklicherweise war meine

Besorgniss unbegründet, denn der Brief enthielt weiter nichts als

Folgendes:

„Der Brief des Gottverordneten Johannes, Königs von Zion, Königs der

Könige von Aethiopien, gelange an den Hofrath Dr. Gerhard Rohlfs.

Wie ist Dir’s ergangen? Ich mit meiner Armee bin Gott sei Dank wohl.

Vom Gallafeldzug bleibe ich zurück, nachdem ich von der Ankunft der

zahlreichen kaiserlichen Gesandten gehört habe; denn ich sagte, ehe

ihre Rede gehört ist, will ich nicht gehen, Völker zu vertilgen.

Geschrieben im Claudius-Lager (Galaddeos-Safar) am 17. Jekatit im Jahre

der Barmherzigkeit 1873.“[147]

Ich antwortete gleich mit demselben Kurier, dass ich die Maassnahme

Seiner Majestät für sehr weise halte, und es namentlich vorzüglich

fände, dass er das „Völkervertilgen“ noch aufgeschoben habe. --

Je höher wir kamen, desto grossartiger wurde die Natur. Nach Westen

zu sah man in unabsehbare Fernen. Ganz Kolla-Uogera lag vor uns. Aus

der Tiefebene aber stiegen zahlreiche Bergriesen empor. Man irrt also

gewaltig, wenn man sich die Kolla als eine einzige Ebene vorstellt.

Nach Osten und Nordosten zeigten sich die Biala- und Lalibala-Berge und

der schneebedeckte Semien-Gebirgsstock, an dessen Wänden, wie uns das

Wetterleuchten andeutete, allabendlich starke Gewitter niedergingen.

So erreichten wir mit ca. 2800 m Höhe die bedeutende Ortschaft Dobarik,

welche fast auf dem höchsten nördlichen Bande des Uogera liegt, der in

seinen höchsten Spitzen noch einige hundert Meter die Höhe von 3000 m

übersteigt.

Eine grosse Deputation Geistlicher in Ornat, mit Kreuzen, Fahnen und

Kirchenmusik, kam aus dem nahen Fares Saber, um uns zu begrüssen. Aus

Neugier kamen sie, aber auch mit der Bitte um Erlass der Lieferungen.

Zufriedengestellt, zogen sie wieder heim. Nachmittags machte ich selbst

einen Gang zu diesem für Abessinien so bedeutungsvollen Ort, denn hier

war es, wo Theodor, aus Zorn über den Tod seiner Günstlinge Plowden und

Bell, fast 2000 Abessinier kaltblütig schlachten liess.

In Dobarik verliessen uns die Beamten, welche uns bis dahin auf Befehl

des Kaisers begleitet hatten, und mit ihnen verschwand ein Theil der

Damen.

Darauf begannen wir den Abstieg vom Lamalmon-Berg. Zum ersten

und einzigen male sahen wir hier die merkwürdige Gibara-Pflanze

(_rhyncho-petalum montanum_), die Charakterpflanze der höchsten

Berge Semiens, wie denn überhaupt der Lamalmon-Berg und Hoch-Uogera

orographisch zu Semien gerechnet werden müssen. Die Aussicht vom

Lamalmon nach Norden zu ist wol die grossartigste Abessiniens.

Unmittelbar zu unsern Füssen verliert sich über kolossale Basaltabsätze

und Säulen hinweg der Blick in geheimnissvolle, unergründliche Tiefen,

die Bergwand von Semien aber, welche man früher, von weitem gesehen,

für eine compacte Wand hielt, löst sich in ein Meer von Bergen auf. Und

welche sonderbare Gestaltungen! Will man verrückte Bergformen sehen,

muss man nach Abessinien kommen.

[Illustration: LAMALMON-BERG.]

Man spricht den Eingeborenen alle Empfindung für Naturschönheiten

ab: dass die Pracht der Blumen, der Sternenhimmel, das blaue Meer,

der hehre Glanz schneebedeckter Berge sie gleichgültig lasse. Im

allgemeinen ist das richtig. Oft genug, wenn ich zwischen hohen

Rosengebüschen schwelgte und mit Entzücken dem Gesange der Vögel

lauschte oder mit Bewunderung meine Blicke über jene prachtvollen

Alpenlandschaften schweifen liess, blieben meine abessinischen Diener

vollkommen kalt. Ja, wenn man sie auf all das Schöne aufmerksam machte,

wussten sie nicht, was sie eigentlich dazu sagen sollten. Hier aber

erlebte ich eine Ausnahme. Aus dem unten gelegenen Orte Dibbewahr kam

uns eine vom Schum angeführte Deputation bis zum obersten Abstieg vom

Lamalmon entgegen, um beim Heruntersteigen behülflich zu sein. Als wir

gerade den Abstieg oder vielmehr das Herunterklettern beginnen wollten,

nahm mich der Schum bei der Hand, zog mich nach einer Plattform,

einem kanzelartigen Vorsprung, und rief: „Ueberschauen Sie dies und

sagen Sie, ob Ihr Land auch so schön, so grossartig ist!“ -- Ich habe

nie eine grossartigere, wildere Gebirgslandschaft gesehen. Selbst

in Amerika nicht. Unsere europäischen Alpenlandschaften sind „zahm“

dagegen.

Ohne Unfall geschah der Abstieg. Aber grösstentheils verdankten wir

das den freundlichen Bemühungen der Leute von Dibbewahr, welche die

den Maulthieren abgenommenen Lasten heruntertrugen. An manchen Stellen

konnte ich nur kriechend weiter kommen. Und nun der klimatische

Unterschied! Eben noch oben der Kampf mit Schnee und Regen, und

einige Stunden darauf schon, nach ganz veränderter Thier- und

Pflanzenwelt, der Eintritt in die Tropenregion. Eben noch erinnerten

die eigenthümliche Gibara, die Riesenheidekräuter (_Erica arborea_),

die Kugeldistel an die kalte Zone, und gleich darauf sagten einem

die Kandelaberbäume, die Palmen und Feigen, die Pavianheerden und

zuckerhutförmigen Termitenhügel, dass man sich in der heissen Zone

befinde.

Meist immer nördlich haltend, senkt sich der Weg bis zum Takaseh,

aber keineswegs stetig; im Gegentheil, es ist ein einziges Auf- und

Abklettern. Abgesehen jedoch von einigen schrecklichen Stellen, als

deren schrecklichste der Lamalmon-Steig bezeichnet werden muss, ist

+dieser+ Weg von Gondar nach Adua ungleich besser als der von

Debra Tabor nach Adua.

Beiläufig will ich bemerken, dass der Lamalmon-Steig ein Abstieg oder

Aufstieg, keineswegs aber ein Pass ist, wie er auf Karten und in

Reisebeschreibungen bezeichnet wird.

Wir berührten sodann die Landschaft Uoldeba, die wir als Eigenthum des

Etschege besonders hervorheben. Es leben hier an 1000 Mönche in 17

Gemeinden oder Ortschaften, und in einer achtzehnten, der Männerwelt

unzugänglich, ungefähr 29 Nonnen. Neben Debra Damo, Lalibala und

Teklaheimanot ist Uoldeba die berühmteste Aufenthaltsgegend der

Klosterbewohner. Kloster ist eigentlich nicht der richtige Ausdruck,

denn weder Mönche noch Nonnen wohnen in grössern Gebäuden beisammen,

sondern je einer oder eine für sich in kleiner Hütte. Sie leben von

den Einkünften des Bodens, vom Betteln, von ihrer Familie, von ihrem

eigenen Vermögen. Ueber Tracht und Gebaren der Mönche berichteten wir

schon. Der Oberste oder, sagen wir, „Prior“ von Uoldeba kam natürlich,

sobald wir unsere Zelte aufgeschlagen, mit einer grossen Anzahl Mönche

und brachte mir, ausser Geschenken an Lebensmitteln, als willkommene

Gabe einen ganzen Sack frischen Ingwers, welcher gekocht nicht nur

eine angenehme Zuthat zu Braten und Fleischspeisen abgibt, sondern

sich auch allein als ein pikantes wohlschmeckendes Gemüse zubereiten

lässt. Mit entsprechenden Gegengeschenken entliess ich die Mönche. Bald

darauf erschien die „Frau“ Aebtissin -- oder war sie ein Fräulein?

-- begleitet von einem halben Dutzend Nonnen. Sie brachten ebenfalls

einen Sack mit Ingwer, den sie vor mein Zelt stellten. Ihre Kleidung

bestand aus einem grobbraun-wollenen Kattunhemd; darüber ein gelbes

Mäntelchen aus demselben Stoff; auf dem Haupte ein gelbes Mützchen, bei

der Aebtissin dick umwickelt, sodass ein mächtiger Turban entstand.

Dazu bei allen der Rosenkranz, und jene Andachtskrücke, auf die sie

sich sehr würdevoll stützten, bis ich sie zum Sitzen einlud. Die

Aebtissin theilte mir mit, dass sie aus sehr guter Familie stamme und

schon seit längerer Zeit in Amt und Würden sei. Keine einzige dieser

Nonnen war jung, noch weniger schön oder auch nur schön gewesen, allem

Anschein nach. Wie die Mönche mussten sie das Gelübde der Keuschheit

ablegen, aber sie treten gewöhnlich nie jung in die Klosterschaft,

sondern nachdem sie in reichlicher Weise die Freuden des Lebens

genossen. Obgleich nahe bei den Ortschaften der Mönche wohnend, sehen

sie diese nie, wie die Aebtissin behauptete. Auf meine Frage, wovon

sie lebten, antwortete sie: „Von Gartenbau und der Verfertigung von

Kleidungsstücken und Stickereien, die wir verkaufen; hauptsächlich

aber“, fügte sie hinzu, „beten und lesen wir, denn nur dadurch kommen

wir zu Gott.“ Wie vorhin die Mönche, erhielten auch alle Nonnen ein

Gläschen Schnaps und die Aebtissin ausserdem ein Geldgeschenk, womit

sie so zufrieden gewesen zu sein schien, dass sie am Morgen, als ich

eben den Lagerplatz am Inso verlassen wollte, noch einmal angeritten

kam, um mir -- eine von ihr selbst genähte Hose zu verkaufen. Das

war doch rührend. Da jedoch dieses Kleidungsstück recht bedenklich

hinsichtlich der Reinlichkeit aussah und übrigens schon ein solches

zu meinen ethnographischen Merkwürdigkeiten gehörte, bat ich die

Aebtissin, es zu behalten, gab ihr aber ausserdem den Werth dafür in

Geld, da ich, wie ich ihr bemerkte, nicht wollen dürfe, dass eine so

hochgestellte und gottesfürchtige Frau meinetwegen den weiten Weg

umsonst mache. --

Je tiefer wir nun hinabstiegen, desto tropischer wurde die Natur, und

manchmal kamen wir durch ungemein grosse Bestände von Bambus, welches

eine Höhe von 10-15 m erreichte. Namentlich Bra Amba umsäumte ein

wahrer Bambuswald. Eigentlich sollte der Oberst mit seinen Soldaten

mich bis zum Takase begleiten, da aber eingezogene Erkundigungen von

hier bis Adua und weiter nach Norden zu Sicherheit vor Rebellen oder

Räubern verbürgten, so stimmte ich mit Freuden ein, als der Oberst

mir den Wunsch äusserte, schon am Mai Zabri zum Negus zurückkehren

zu dürfen. Das Gebaren dieser rohen Landsknechte war von Tag zu Tag

widerlicher geworden. Raubend und plündernd zogen sie neben meiner

Karavane her. Kein Dorf liessen sie unbesucht, kein Haus ununtersucht.

Wehe, wenn die Besitzer auf den Feldern sich befanden! Kehrten sie

heim, fanden sie ihr Haus rein ausgeplündert. Das Unangenehmste dabei

war, dass mich die Landbevölkerung für verantwortlich hielt, da ja das

Plündern immer vom Anführer des Zuges ausgeht.

Meine Mission nach Abessinien Auf Befehl Sr. Maj. des Deutschen Kaisers im Winter 1880/81 unternommen · 第 20 / 27 段