Das Verhältniss der Stadt Gondar ist so: der nordwestlichste Theil,

Etschegebed, wird westlich von Felaschabed, welches 2 km ausserhalb

der eigentlichen Stadt liegt, durch die Kaha getrennt. Das eigentliche

Quartier der Bewohner, Farsbed, liegt südlich vom Gemp oder östlich

von Etschegebed; südlich von letzterm, aber getrennt davon durch einen

grossen unbewohnten Raum, das ehemalige Quartier der Mohammedaner:

Islambed; endlich oberhalb des letztern Gaingbed. Auf hügeligem Berge

nimmt den nördlichsten und höchsten Punkt der Gemp ein, zwischen

welchem und der übrigen Stadt sich ein grosser freier Platz für den

Wochenmarkt befindet. Unregelmässig schon wegen der hügeligen Lage,

unterscheidet sich die Stadt in ihrem Aeussern durch nichts von den

andern grossen Städten des Reichs. Dieselbe Form der Häuser und

Kirchen, dieselben krummen Strassen zwischen hohen steinernen Mauern,

hinter welchen die runden steinernen Hütten der Bewohner liegen. Doch

kann man immerhin in Gondar eine verhältnissmässig grössere Zahl

zweistöckiger Hütten finden, die Mauern sind sorgfältiger gearbeitet,

und kleine runde Bogenfenster neuern Ursprungs bezeugen, dass die

Abessinier das Wölben von den Portugiesen lernten.

Von weitem und von höher gelegenen Punkten sieht Gondar, abgesehen

von den wahrhaft grossartigen Ruinen, wirklich reizend aus. Dort die

vielen Kirchen in uralten Hainen von Juniperus- und wilden Oelbäumen,

und fast in allen Höfen die Uontsa (_cordia habessinica_) oder grosse

Sykomoren! Häufig auch lugen über die mit Rankgewächsen und anderm

Grün umsponnenen Mauern Mandeln-, Granaten-, Citronenbäume und

Schambukgebüsch (_Arundo Donax_), jenes dem Spanischen Rohr ähnliche

Gras.

[Illustration: KAISERLICHES GEBÄUDE IN GONDAR.

THEILE DES GEMP MIT VERZIERUNGEN, WIE SIE HIER UND DA IN STEIN ERHALTEN

SIND.]

Die meisten Reisenden machen der eigentlichen Stadt, welche am höchsten

liegt, den Mangel an Wasser zum Vorwurf. Gondar hat allerdings oben

keinen Brunnen, aber zu beiden Seiten der Stadt fliesst Wasser, und

je nördlicher, desto näher ist man demselben. Wir campirten weit nach

Norden, aber südwestlich vom Gemp, und gleich zu unsern Füssen floss

der Kahafluss, aus welchem man fleissig oberhalb Trinkwasser schöpfte,

während ihn unterhalb waschende Männer benutzten.

Unser erster Gang galt natürlich dem berühmten Kaiserschlosse, dem

schon mehrfach erwähnten Gemp, welchen englische und deutsche Reisende

so oft und ausführlich beschrieben, dass eine Wiederholung überflüssig

sein möchte. Trotzdem Theodor einigemal im Gemp residirte, kann

jetzt von Wohnbarkeit keine Rede mehr sein. Rüppel, Combes, Tamisier

fanden doch noch einige bewohnte Gemächer, in welchen der letzte, in

nothdürftige Lumpen gehüllte Atse ihnen Audienz ertheilte. Jetzt könnte

man kaum noch gegen die Unbilden des Wetters irgendeinen sichern Platz

darin finden. Dennoch erregen die wirklich grossartigen Ruinen unser

Erstaunen. Von weitem gesehen, macht der Gemp mit den ihn umgebenden,

oft 10 m hohen crenelirten Mauern den Eindruck jener alten genuesischen

und venetianischen Schlösser, wie man sie im Orient überhaupt und

ebenso an der istrischen und spanischen Küste sieht, wenn man von

Barcelona südwärts mit dem Dampfer bis Cartagena oder Valencia fährt.

Durch einen hohen gewölbten Bogengang in der Mauer betritt man den

grossen gepflasterten Hofraum: eine sonst in Abessinien unbekannte

Sache, wenn man absieht von der grossen Plattform vor der Kirche von

Aksum. Die Mauern des eigentlichen kaiserlichen Palastes sind gut

erhalten, da das Gestein aus Basalt und nur die Fenstereinfassung aus

Sandstein besteht, der, wie Heuglin meint, aus Korata stammt. Aber

wie traurig sieht es im Innern aus! Die grossen Säle mit ihren Decken

in Stucco sind halb verfallen; die geschwärzten Kamine, die Nischen,

die alkovenartigen Oeffnungen: alles das lässt wol noch die ehemalige

Bestimmung erkennen, ist aber jetzt ganz unbenutzbar. Die Fussböden

mancher Zimmer sind jetzt mit Lebensgefahr zu begehen: der Regen hat

den Mosaikboden, der darauf ruhte, aufgeweicht, und oft gähnt uns durch

ein grosses Loch die darunterliegende Halle entgegen. Die steinernen

Treppen zu den Thürmen hinauf, deren massiv cementirte Kuppeln

crenelirte Umgänge haben, sind gut erhalten. Auf einem der Thürme

fanden wir im obersten Gemach einen Eremiten, welcher, wie er angab,

seit zwölf Jahren nicht aus seiner Behausung herauskam. Seine Nahrung,

ausschliesslich Brot und Wasser, brachten ihm die Bewohner Gondars und

der Umgegend: ein grosser Haufen Brot sowie ein Napf klaren Wassers

gaben Zeugniss davon. Seine ganze Kleidung bestand in einem ledernen

Hemde. Dazu ein grosser Stab, um Fledermäuse und andere lästige Thiere

fern zu halten, ein Rosenkranz und ein Messingkreuz: das war das

ganze Geräth dieses sonderbaren Heiligen. Er starrte von Schmuz, denn

natürlich hatte er sich seit zwölf Jahren nicht gewaschen, was seine

Heiligkeit in den Augen der Abessinier besonders hervorhob.

Welch eine wunderbare Fernsicht von diesem Thurme herab! Ich glaube,

kaum von einem Schlosse in Europa gibt es eine schönere. Vollkommen

begreiflich, dass hier thatkräftige Kaiser ihr Schloss erbauten. Zu

unsern Füssen die ausgedehnte Stadt; dann nach Süden der Blick über die

fruchtbarsten Gefilde von Dembea, die sich immer mehr erweitern und auf

den herrlichen Tana-See auslaufen, den man am Horizont hell erglitzern

sieht.

Besonders interessirten mich am Boden der verschiedenen Säle die

Verzierungen, welche meistens an maurische Architektur erinnerten.

Stets wiederholte sich im Stucco das sogenannte Siegel Salomonis,

offenbar eine Anspielung auf die Abstammung der Dynastie von Salomo,

denn an einen wirklichen Zusammenhang mit maurischer Architektur kann

nicht gedacht werden. Das oft angebrachte Kreuz sah man sowol in Stucco

als auch auf den äussern Gebäuden in Stein ausgehauen. Auch fehlte im

Relief der abessinische Löwe nicht, ganz so, wie man ihn in den Siegeln

der Negusse eingeschnitten findet.

Betrachtet man bei der Durchwanderung diesen Palast mit seinen grossen

Sälen, Corridoren, Galerien und Kellern, mit den wohlerhaltenen

steinernen und halbverfallenen hölzernen Treppen, mit den hohen,

stets glasfensterlosen Rundbogenöffnungen, vor welchen aber noch

halbvermoderte Holzläden in den verrosteten Angeln hin und her

klappern, so konnte man sich trauriger Gedanken nicht entschlagen. Aber

die nicht gänzliche Ruinhaftigkeit des Gemp berechtigt zu der Hoffnung,

dass dereinst irgendeinem starken Geiste die Wiederaufrichtung Gondars,

des Gemp und des ganzen abessinischen Reiches gelingen werde.

Dieser grosse Palast ist keineswegs das einzige Gebäude in dem

weitläufigen, von der Mauer umgebenen Hofraume. Nordwestlich erhebt

sich, nur kleiner, aber ebenfalls mit flachem Dach und von Thürmen

flankirt, ein Ebenbild des grossen Palastes, bestimmt für den Ras,

welcher, obschon in Wirklichkeit der Herrscher von Abessinien,

äusserlich dem Kaiser nachstand. Der dicht neben dem Palaste des

Kaisers befindliche, durch eine Brücke damit verbundene Palast

der Kaiserin verdient auch Beachtung. Einen kleinen, zierlichen,

pavillonartigen Bau bezeichnete unser Gondarensischer Führer als

„Liebeshaus“, in welchem sich die Geliebten der frühern Kaiser

aufhielten.

Im innern Hofe des Gemp sieht es entsetzlich verwildert aus: überall

fast undurchdringliche Dickichte von Ricinus, Schambuk (_Arundo Donax_)

und Schlingpflanzen, durch die sich Hyänen und andere Raubthiere enge

Pfade zu ihren Höhlen in den dunkeln Gewölben bahnten. Man darf daher

ja nicht allein und unbewaffnet im Gemp umherwandeln. Wie unser Führer

versicherte, sind häufig schon Kinder, welche sich zum Spielen dorthin

begaben, nicht zurückgekehrt.

Auch die von Heuglin schon erwähnten schönen und jetzt prächtig

entfalteten Dracänen fanden wir in den Hofräumen des Gemp.

Natürlich machten wir auch dem obersten Geistlichen der Stadt einen

Besuch. Seine Wohnung liegt jetzt auf dem höchsten Punkte inmitten

Islambeds. Aber für einen so wichtigen Mann, mindestens ein Bischof an

Rang, war sein Haus dürftig und arm eingerichtet. Der hohe Geistliche

hatte gerade einen Ochsen abschlachten lassen, weshalb wir eine Zeit

lang im Hofe warten mussten und zusehen konnten, wie die untere

Geistlichkeit seines Sprengels, welche zugleich bei ihm Dienerstelle

vertrat, Brondo ass. Zufällig bemerkte ich auch durch die Thür, wie

der hohe Würdenträger selbst seine Mahlzeit einnahm, wobei zwei

andere Geistliche ihm ihre Schama überbreiteten[137], damit er von

niemand gesehen werde. Wir wurden recht freundlich aufgenommen und

dann über eine steinerne Treppe ins obere Haus geführt. Die Bewirthung

beschränkte sich, wie fast überall in Gondar, auf Schnaps von sehr

zweifelhafter Güte, ja, von fuseligem Geschmack. Die, wie gesagt, nicht

besondere Wohnung bestand aus einem Erdgeschoss, in das man nachts

Vieh hineintreibt, und einer obern Abtheilung, welche eigentlich nur

einen grossen Raum bildet, denn die von derselben ausgehenden kleinern

Räumlichkeiten sind so klein, dass sie zum Wohnen nicht benutzt werden

können. Dem sofort eröffneten religiösen Gespräch suchte ich mich

dadurch zu entziehen, dass ich durch Schimper erklären liess, ich

verstände absolut nichts von solchen Dingen. Und als er dennoch immer

wieder darauf zurückkam und namentlich meine Meinung über die Jungfrau

Maria wissen wollte, machte ich der Sache dadurch ein Ende, dass ich

mich erhob und verabschiedete.

Beim Durchreiten des ehemaligen mohammedanischen Stadttheils gewährten

die vielen leerstehenden Wohnungen, trotz der kurzen herrenlosen

Zeit schon wahre Ruinen, einen trostlosen Eindruck. Noch trauriger

sehen aber die leerstehenden oder vielmehr verwaisten Moscheen aus,

welche der Pöbel zum Theil demolirt zu haben schien, denn durch grosse

Maueröffnungen konnte man in das Innere derselben hineinsehen.

Ich ritt sodann zum Kentiba, welcher in dem vornehmen Gaingbed seine

Amtswohnung hat. Aber trotzdem sie vorher, wie Schimper sagte, eigens

gereinigt worden war, roch es darin von wahrhaft schauderhaften

Dünsten. Auf dem Raume zwischen dem Gemp und Gaingbed hielt man

gerade grossen Markt, den wir mit allem zum Leben Nothwendigen

sehr gut versehen fanden. Sogar europäische Gegenstände konnte man

erhalten, aber zu fabelhaften Preisen. So kostete ein gewöhnlicher

Spülkump von weissglasirtem Steingut, wie man ihn in Deutschland und

England für 10-15 Pfennig kauft, einen Maria-Theresienthaler, d.h.

vier Mark. In demselben Verhältniss theuer waren die sogenannten

Beril, d.h. bauchigen Flaschen, aus denen man Tetsch trinkt, Gläser

und leere Weinflaschen, sowie andere nicht in Abessinien vorkommende

Gegenstände. Ausserdem gab es kleine Spiegel, bunte Taschentücher,

weissen, rothen und schwarzen Zwirn, rothes Garn, Knöpfe, Glasperlen

verschiedenster Art, meist für die Gallaländer bestimmt. In den Häusern

selbst boten aber auch Kaufleute Tuch, Kattun, Sammt und Seide feil.

Die Gold- und Silberarbeiter sind meist eingewanderte Griechen oder

Mohammedaner, welche in Abessinien Christen wurden oder werden mussten.

Ihre Schmucksachen aus Silber oder vergoldetem Silberfiligran würden

jedem europäischen Goldschmied zur Ehre gereichen. Ich kaufte kleine

Haarnadeln und Silberkettchen mit Medaillons, die manchmal in Gestalt

reizender Büchsen oder Rollen Amulette oder Moschus enthalten, welcher

bei den Abessiniern beliebt ist.

Die Abessinier, gleichgültig ob christlicher oder mohammedanischer

Abstammung, verstehen schon längst die Kunst des Vergoldens. Sie

amalgamiren Quecksilber mit Gold, reiben damit das Silber ein und

verflüchtigen dann das Quecksilber durch Feuer. Ueberhaupt haben sie in

Gold- und Silberarbeiten von allen afrikanischen Völkern, selbst Araber

und Berber nicht ausgenommen, den höchsten Grad der Kunst erreicht.

Aeusserst billig waren auf dem Markte die heimischen Producte. Der

Thaler hatte hier einen Werth von zwanzig Amolen. Ein gutes Pferd

konnte man für sechs bis acht Thaler, ein gutes Rind für drei bis

vier Thaler bekommen. Der Kaffee war ebenso billig wie in Debra

Tabor, desgleichen Mehl, Getreide, Zwiebeln, Knoblauch, rother

Pfeffer. Auf meine Frage, ob man auch Sklaven kaufen könne, erhielt

ich eine verneinende Antwort. Der jetzige Negus Negesti verbot den

Sklavenhandel im Umfang seines ganzen Reiches, gleichwol betreibt

man ihn in Godjam und Schoa wenigstens mit Mohammedanern und Heiden

noch öffentlich. Ja, man sagte mir, dass selbst Johannes nach grossen

Raubzügen ein Auge zuzudrücken pflege, wenn seine Soldaten von

den geraubten Frauen und Kindern welche verkaufen, nur dürfen es

keine Christen sein. Männer werden stets entmannt und getödtet. Der

fortwährende Sklavenhandel auf der ägyptischen Grenze ist eine bekannte

Thatsache. Die ägyptischen Soldaten verkaufen ihre gefangenen hübschen

Abessinierinnen oder heirathen sie bestenfalls, stets aber müssen

diese zum Islam übertreten. Viel häufiger noch fallen mohammedanische

Civilisten, welche den immerwährenden Kriegszustand benutzen, auf

abessinisches Gebiet ein, um zu plündern und Gefangene zu machen, die

sie verkaufen. Die englische Jagdgesellschaft, welche 1881 aus Bogos

und Mensa zurückkam, traf unterwegs eine ganze Karavane gefesselter

abessinischer Sklaven. Dass von Suakin Sklaven ausgeführt werden,

erwähnte ich bereits. Es ist auch ganz unmöglich, die weite ägyptische

Grenze zu überwachen. Die ägyptische Regierung möchte den Sklavenhandel

gern abschaffen, +kann+ es aber nicht. Das ganze, durch die

mohammedanische Religion aufs innigste mit dem Wesen der Sklaverei

verwachsene Volk hält diese für gesetzlich.

Anerkennen muss man aber doch immer, dass sowol Theodor, dieser

auf Plowden’s und Bell’s Zureden, wie auch später Johannes den

Sklavenhandel verbot. Anzuerkennen deshalb, weil bei den Christen

Abessiniens Neues und Altes Testament in gleicher Geltung steht, in

letzterm aber genug Stellen vorkommen, aus denen mit Leichtigkeit

Sklavenhalten und Sklavenverkauf als vollkommen erlaubte Dinge

nachgewiesen werden können.

Ich besuchte auch den ehrwürdigen Vater des Etschege. Obschon ohne

officielle Stellung und nicht einmal Geistlicher, bewohnt er eine

schöne Wohnung in Etschegebed, eigentlich die einzige in Gondar

reinlich gehaltene, in der sich auch etwas Luxus entfaltete. Der alte

Mann vereinte viel Wohlwollen mit Wissen, und eine gewisse Herzensgüte

leuchtete von seinem Antlitz. Sein Sohn, damals oberster Geistlicher

im Reich, war sein Abgott. „Ich bete täglich, dass es ihm gelinge, den

Kaiser von Raubzügen abzuhalten und zu veranlassen, dass er sich eine

feste Wohnstätte wähle. So lange keine feste Residenz, so lange kein

Friede im Lande!“ fügte er nach einer Weile hinzu. Ich hütete mich

wohl, irgendwie eine Meinung zu äussern, obwol ich innerlich aus vollem

Herzen zustimmte. Denn eine feste Residenz würde den Negus nöthigen,

seine Einkünfte zu regeln, seine Truppen, seine Beamten zu besolden.

Dann endlich wäre das Land vor jenen Raubzügen sicher, welche jetzt

unternommen werden +müssen+, um die Truppen zu ernähren.

Auch der Vater des Etschege liess uns Schnaps darbieten, den wir nicht

ausschlagen durften. Man trank ihn aus kleinen Kaffeeschalen, zuvor

aber musste der Diener einige Tropfen davon kosten, um an den Tag zu

legen, dass kein Gift darin sei.

Nach der Aussage der Bewohner hat Gondar vierzig Kirchen. Die Zahl

der Geistlichen ist Legion. Ob sie aber 1200 beträgt, wie Heuglin

will, wage ich nicht zu behaupten. Man nannte mir einige hundert.

Aber das ist für eine Stadt von höchstens 4000 Seelen schon zu viel.

Man sollte meinen, in Abessinien seien die Geistlichen ohne alle

Beschäftigung, aber das ist keineswegs der Fall: nicht selten Meister

der Kalligraphie, stellen sie auf Pergament geschriebene Prachtwerke

mit schön ausgemalten Anfangsbuchstaben her. Uebrigens malen sie

auch alle Bilder: kleinere auf 20 cm langen oder grössere auf 3-4 m

langen und nur 10 cm breiten Pergamentstreifen, wo Bibelsprüche mit

scenischen Darstellungen abwechseln. Dann die grossen Kirchenbilder.

Ebenso verfertigen sie jene Andachtskrücken, deren sich stets alle

abessinischen Geistlichen, auch Mönche und Nonnen, bedienen, zu welchen

ihnen Goldschmiede die eisernen, messingenen, silbernen und goldenen

Kreuze liefern. Ferner die höchst originell gearbeiteten Lesepulte,

welche gewöhnlich aus einem Spiess bestehen, den man auf Pilgerreisen

als Waffe brauchen kann. Will man ihn als Pult benutzen, so steckt

man die eiserne Spitze in die Erde und befestigt ein Pult daran, mit

Bleikugeln an zwei Schnuren, die man auf die Seiten des Buches legt,

damit sie der Wind nicht umweht.

Wie zur Zeit der frühern Kaiser ist Gondar auch jetzt noch immer

Mittelpunkt der Kunst und Wissenschaft, wenn von letzterer die Rede

sein kann. Hier erhalten die meisten Geistlichen und zahlreicher als

in Aksum, ihre Ausbildung, auch Laien. Namentlich kommen die Söhne

vornehmer Familien nach Gondar, um lesen und schreiben zu lernen.

Wie schon erwähnt, werden hier die hauptsächlichsten Gold- und

Silbersachen hergestellt. Aber auch solche von Horn, namentlich die

Trinkbecher. Dann musikalische Instrumente, Kirchengefässe, prächtige

Sattel für Pferde und Maulthiere, und nirgends kunst- und prachtvoller.

Nichts gibt aber dem Fremden einen bessern Begriff von dem ehemaligen

Glanze und der Pracht, welche an den Höfen der frühern äthiopischen

Kaiser geherrscht haben muss, als ein Besuch der ausserhalb der Stadt

zerstreut liegenden Lustschlösser.

Verlässt man Gondar westwärts, so trifft man zuerst auf ein längliches

Viereck hoher steinerner Mauern mit Schiesscharten und an den Ecken

mit Thürmen, von denen einige mit Thüren versehen sind. Südlich

bemerken wir eine grosse Bresche und ein offenes Thor von niedrigen

Verhältnissen, nördlich den Haupteingang durch ein besonderes Gebäude

hindurch. Von dem eigentlichen Schloss sieht man von aussen gar nichts,

denn ein einziger dichter Wald prachtvoller uralter Wachholderbäume

ragt über den Mauern hervor. Es ist dies das vom Kaiser Jasu Berhan

Saged erbaute Lustschloss, welches Heuglin merkwürdigerweise als

eine von Fasilidas erbaute Kirche bezeichnet. Das Schloss, Namens

Kaha-Mankil, hatte wahrscheinlich wie in Kassel das Marmorbad

dieselbe Bestimmung. Nur ist die Anlage ganz anders. Inmitten des

herrlichen Gartens grub man ein grosses ca. 3 m tiefes Becken und

darin auf steinernen Säulen und Bogen erbaute man ein wie der Garten

längliches Haus mit zwei Zimmern, also mit derselben Anordnung, wie

das vom jetzigen Kaiser auf Samara in Debra Tabor errichtete. Das

Ganze ist Ruine, aber nicht dergestalt, dass es nicht mit einigem

Aufwand vollkommen wiederhergestellt werden könnte. Eine Brücke,

welche zum Hause führt, ist noch vorhanden. Selbst die Wasserleitung,

um das Becken zu speisen, existirt noch. Sie kommt aus der unfern

vorbeifliessenden Kaha, welche diesem Lustschloss den Namen gab und

speiste ausserdem noch zwei grosse massiv aufgeführte Badestuben, die

jedoch jetzt vollkommen Ruine sind.

[Illustration: QUOSQUAM, RUINE DES KAISERLICHEN LUSTSCHLOSSES.

MIT ORNAMENTEN IN VERGRÖSSERTEM MASSSTABE.]

Noch vor dem Betreten dieses reizenden Lustgartens bemerkt man an

der nordöstlichen Ecke des Gartens einen kleinen Dom, welcher in

seinem Aeussern sehr an die bekannten „Marabuts“, d.h. Kuppelbauten

Nordafrikas erinnert. Angeblich soll der Kaiser Kaleb hier sein Pferd

begraben haben.

Noch malerischer liegt hier das Lustschloss Koskam oder Quosquam[138],

wie ich es aussprechen hörte. Man erblickt es schon von Kaha-Mankil

aus. Hoch oben auf den Bergen liegt es, reizend von Waldung umgeben,

auf dem Berge selbst stehen schöne Schirm-Akazien. Auch hier

umschliesst es eine Mauer, jedoch mit ebenso vielen Breschen als heilen

Stellen. Zuerst gelangt man auf eine grosse Plattform, mit herrlicher

Aussicht auf Gondar, auf den im Wiesenthal so reizend eingebetteten

Kaha-Mankil und endlich nach Süden zu auf den silbernen Tana-See.

Die mit grossen Steinplatten belegte Plattform hat Platz für mehrere

hundert Menschen. Will man nun durch ein grosses Thor zwischen zwei

hohen Thürmen von ungleicher Dicke das Hauptgebäude betreten, so gähnt

einem schon nach einigen Schritten ein verödeter Raum mit eingefallenem

Dach und dem zertrümmerten Gebälk des ersten Stockwerks entgegen.

Wahrscheinlich verursachte ein Brand den Ruin des ungefähr 50 m langen

und 20 m breiten Baues. Mittels einer steinernen Treppe gelangt man

auf den dickern Thurm und oben in ein gewölbtes Zimmer, vor welchem

sich über dem Portal ein betretbarer Balkon befindet. Ohne Zweifel fand

der Brand schon vor Jahren statt, da jetzt im Innern des Baues grosse

Bäume wachsen. Hier aber und zwar als Gast der Iteghe[139], deren

Sommerresidenz dieses Schloss war, lebte längere Zeit Bruce, welcher

uns in ergreifenden Worten die Demüthigungen schildert, welche während

seiner Anwesenheit sich der regierende Atse musste gefallen lassen.

Südlich von diesem grossen Gebäude stehen noch die Ruinen eines

Rondels, worüber Heuglin (S. 218 seiner „Reise nach Abessinien“, Jena

1868) sagt: „In einem auf Bogen ruhenden grössern Hause, etwas südlich

von dem Lustschlosse und östlich von der Kirche, wohnt ein Nachkomme

der alten abessinischen Dynastie, den ich schon vor Jahren hier

kennen lernte. Er heisst Asfa Wosen und lebt ziemlich zurückgezogen

von bescheidenen Einkünften. Seine Wohnung besteht in einem niedrigen

runden Thurm aus zwei Stockwerken, mit grossem Strohdach. Um die

ganze obere Etage führt ein offener Gang, in den Zimmern prangen noch

spärliche Reste aus vergangenen bessern Zeiten, seidene Tapeten mit

metallenen Stiften verziert, glasirte Ziegel mit Arabesken und Bildern

und einige alte Oelgemälde, sowol Porträts als Thierbilder, offenbar

von einem europäischen Künstler in Abessinien gefertigt.“

Von alledem ist, abgesehen von den nackten Wänden der Zimmer, an

welchen man allerdings noch Spuren ehemaliger Tapeten bemerkt, nichts,

gar nichts mehr übrig. Unheimlich starrt dieses einst so reizende

Häuschen mit seiner Leere gen Himmel. Dass aber dort vormals eine

gewisse Pracht herrschte, wissen wir aus der Beschreibung Bruce’s,

welcher unter andern von den grossen venetianischen Spiegeln des

kaiserlichen Empfangssaals spricht.

Weiter nach hinten, aber noch innerhalb der Ringmauer, liegt die grosse

Kirche von Quosquam. Wie alle abessinischen Kirchen gebaut, zeichnet

sich diese durch ihre besondere Grösse aus und soll vordem durch die

zu ihr gehörenden Ortschaften sehr reich gewesen sein, die man ihr

jetzt zurückgab, aber ohne die kostbaren Gefässe aus Edelmetall, ohne

die Kronen ehemaliger Könige, ohne die grosse Bibliothek.[140] Alles

das schleppte Theodor fort, wenn es nicht schon theilweise vorher bei

andern Wirren und Plünderungen verloren ging.

Auf eine der übrigen Kirchen Gondars, obschon ich die meisten besuchte,

hier näher einzugehen, gewährt kein Interesse. Alle zeigen ungefähr

dieselbe Fassung. Erwähnen will ich blos noch: nur zwei Kirchen haben

Glocken, von welchen die holländische Regierung im vorigen Jahrhundert

der abessinischen zwei zum Geschenk machte. Einige Kirchen weisen auf

portugiesischen Ursprung.

Meine Mission nach Abessinien Auf Befehl Sr. Maj. des Deutschen Kaisers im Winter 1880/81 unternommen · 第 19 / 27 段