Dann standen wir auf, und nun ging es nach der auf der westlichen Seite

der Insel gelegenen Kirche. Es war wie eine Procession, denn fast die

ganze Bevölkerung der kleinen Insel schloss sich an. Jung und alt,

alles ging mit. Und recht freundlich, zutraulich und anständig benahmen

sich die Leute. Auch die Wohnungen aus Stein, die von niedrigen Mauern

umschlossenen Gärtchen sahen so schmuck aus, dass man unwillkürlich

an die Portugiesen denkt, welche so lange Zeit hier ihren Einfluss

ausübten. Ja, wie in Gondar, erinnert die Bevölkerung dieser kleinen

Insel auffallend an den portugiesischen Typus. Die meisten haben ganz

schlichtes Haar, und der nach oben sich erweiternde Schädel ist echt

portugiesisch.

Die Kirche selbst ist ein äusserst interessantes Bauwerk: allerdings

ein Rundbau in abessinischem Stil, aber einige Bauten daneben sind

offenbar portugiesischen Ursprungs. Dicht umgeben die Kirche uralte,

aufs üppigste von prachtvollen Lianen umschlungene Juniperus und

Oelbäume. Die Bilder in derselben, ältern Ursprungs, sind, wie die

meisten abessinischen, auf stark gegipster Leinwand[128] gemalt, die

man fest anliegend auf die nackte Wand klebt, sodass man recht gut von

al fresco sprechen kann. Auch erkennt man die Leinwand auf den ersten

Blick gar nicht. Wie gewöhnlich, waren die gemalten Gegenstände der

Bibel und der abessinischen Geschichte entnommen. Die hölzernen[129]

Königsärge ruhen nicht mehr in dem +Gewölbe+, welches oberhalb

der Erde hinter der Kirche offenbar früher Grabstätte gewesen ist.

Mit Bestimmtheit wussten die Geistlichen selbst nicht anzugeben, ob

ausser Jasus noch ein anderer Kaiser in Matraha begraben liege, da

sie gar keine Documente oder geschichtlichen Nachweise zu besitzen

vorgaben. Und die „ältesten Leute“ der Insel wollten oder konnten sich

dessen nicht erinnern. Die Möglichkeit, dass sie keine Bücher und

Documente mehr besassen, ist übrigens, wie Schimper mir mittheilte,

nur zu wahrscheinlich, da Theodor einst mit wahrer Berserkerwuth die

Insel überfiel und die ganze Priesterschaft, von der er beleidigt

zu sein glaubte, fortschleppte. Die meisten von ihnen wurden grausam

umgebracht, die Einwohner der Insel aber in ihren Häusern verbrannt.

Schimper, als kleines Kind, war Augenzeuge dieser Schandthaten.

Am meisten interessirte mich das aus zwei Stockwerken bestehende

Gewölbe, sodann eine kleine Kapelle mit Rundbogen, ferner die Fenster

und Thürme, welche als Schutzthürme aufgeführt sein mochten und die mir

zum ersten mal einen vollen Blick über die staunenswerthe Thätigkeit

jener Hand voll Jesuiten gewährten, die unter Christof de Gama nach

Abessinien kamen. Höchst merkwürdige grosse Spinnen, welche vor dem

Gewölbe und, wie ich später sah, auch in den die Kirche umgebenden

Bäumen und Büschen wahrhafte Riesennester -- förmliche Wagenräder --

errichtet hatten, durfte ich leider meiner Sammlung nicht einverleiben,

da die frommen Geistlichen baten, sie nicht zu stören oder gar zu

tödten.

Es versteht sich von selbst, dass ich für die Geistlichkeit ein

reichliches Almosen zurückliess, und befriedigt kehrten wir auf unserer

Tankua nach dem Festlande zurück. Mein Geldgeschenk musste übrigens

Wunder gewirkt haben, denn abends liess sich die Geistlichkeit noch

einmal melden, und siehe da, man brachte nun ganz aus freien Stücken

die Lieferung. Selbstverständlich hatten sie sich nicht verrechnet,

als sie annahmen, sie würden dafür blanke, neue Maria-Theresienthaler

erhalten.

Ueber die Insel füge ich noch hinzu, dass dieselbe etwa 1 km lang und

0,5 km breit ist. Grössere Fische, als 1 m lange, gibt es nach der

Versicherung der Matrahenser im See nicht. Von meinem Besuche auf der

Insel Matraha und von meinem Lagerplatz am Tana-See nahm ich nur liebe

und angenehme Erinnerungen mit. Desto mehr wundert es mich, dass man

Dr. Stecker eine kurze Zeit darauf nicht so gut empfing, obwol ich

eigens die Priesterschaft gebeten, meinen Begleiter, falls derselbe

käme, ja recht freundlich aufzunehmen. Sollte die Freundlichkeit der

frommen Leute nur der dringenden Empfehlung des Etschege zuzuschreiben

sein?

Denke ich an den Tana-See mit seinen tiefblauen Fluten und ewiggrünen

Ufern zurück, dann muss ich sagen: von den Aequatorialseen wird er zwar

bedeutend an Grösse, aber gewiss nicht an Schönheit und Ueppigkeit

der ihn umgebenden Natur übertroffen. Und was die Reinheit der Luft

anbetrifft, so ist die an und für sich hohe Lage des Sees und die

stellenweise unmittelbar ans Ufer stossenden, nicht niedrigen Berge,

z.B. der Tekla Haimanot auf Segi mit 2074 m, im Norden der Goraf mit

2134 m Höhe die beste Bürgschaft für gesunden Aufenthalt. Wann aber

werden die Zeiten kommen, dass man nach Abessiniens herrlichen Seen,

dem Aschangi, Tana etc. und nach den Alpenlandschaften von Semien,

Guna etc. Kranke schickt, um in ewig reinen Lüften zu gesunden?

Gewiss in sehr ferner Zukunft! Augenblicklich möchte ich keinem

Vergnügungsreisenden einen Ausflug nach Aethiopien empfehlen.

Am 22. Februar 1881 fingen wir von neuem zu packen an, während die

Soldaten des Obersten es nicht lassen konnten, zu guterletzt noch mit

Plünderungen verbundene Abschiedsbesuche in den Hütten der Bewohner zu

machen. Bis dahin betrugen sie sich am Tana ziemlich anständig: sie

erhielten ja wirklich genug Lebensmittel von mir; auch hielt sie eine

Art Scheu von Wohnungen ab, welche unmittelbar unter der Geistlichkeit

standen. Jetzt aber glaubten sie noch schnell die kurze Zeit vor dem

Aufbruch benutzen zu müssen, um hier etwas Kusso (Wurmmittel), dort

einige Eier, hier etwas Butter, dort Gescho (zum Tetschbereiten) zu

ergattern, was dann wieder ein allgemeines Jammern und Wehklagen der

Besitzer zur Folge hatte. Und wen betrachtete man als den Urheber

und Anstifter aller dieser Plündereien? Meine Wenigkeit natürlich. Zu

mir kamen sie heulend und schreiend und verlangten die Herausgabe der

gestohlenen Gegenstände oder Ersatz. Ich half so gut es ging. Als aber

die Geistlichkeit von Matraha beim Abschiednehmen in Klagen über das

unwürdige Benehmen der Soldaten ausbrach -- und aus langer Erfahrung

kannten sie es doch gewiss recht gut -- und mich dafür verantwortlich

machen wollten, musste ich dies durchaus ablehnen. Ich liess ihnen

durch Schimper sagen, sie möchten sich in dieser Angelegenheit an

den Obersten wenden und ihm meinetwegen ihren Fluch geben. Aber sie

erreichten gar nichts bei ihm, im Gegentheil, er liess die Priester

fortjagen. Wie verwünschte ich innerlich diese Escorte, welche

plündernd durchs Land zog, überall Wehklagen und Jammer hervorrief,

die Felder zerstampfte, die Häuser durchsuchte und überhaupt mit der

grössten Anmaassung auftrat.

Der Weg geht fast gerade nordwärts, neben dem See, den man häufig

erblickt, oft aber entziehen ihn hohes Buschwerk oder Hügel dem Auge.

Bei Ferkaber, einem felsigen Absatz, dessen Grat wie ein Sporn westlich

nach dem Tana verläuft, und vor welchem mit schmuckem Kirchlein die

reizende Insel Kalamondj liegt, ist eine bedeutende Zollstätte. Denn

wir verlassen nun mit dem District Dangurieh die Provinz oder vielmehr,

wie Schimper behauptet, die Landschaft Fogara, die mir allerdings kein

politischer Bezirk zu sein scheint, während Dangurieh einen solchen

bildet, und betreten Begemeder.

Ganz überrascht glaubte ich im Zolldirector, einem jungen stattlichen

Manne, einen Weissen, einen Europäer zu erblicken. „Da kommt ein

Europäer oder der Sohn eines Europäers!“ rief ich Schimper zu. Und

es war so. Der junge Mann, welcher in Ferkaber als Zolldirector

fungirt und den Namen Takal-Michael oder auch Haile Michael führt,

ist der Sohn eines berühmten französischen Forschers, welcher ehemals

längere Zeit in Aethiopien weilte. Ich bat ihn, der mich so freundlich

begrüsste und mir auf Arabisch gleich seine Herstammung mittheilte,

mich abends zu besuchen. Leider kam er nicht, wahrscheinlich weil wir

weiter von Ferkaber lagerten, als wir eigentlich beabsichtigten. Mich

freute nur, dass ich ihm noch sagen konnte, dass sein Vater lebe,

wahrscheinlich aber wol nicht mehr nach Abessinien zurückkomme.

Als wir am selben Abend auf dem rechten Ufer des Gomara lagerten,

befanden wir uns schon nördlich vom Tana. Wir waren jetzt in Dembea,

einer der reichsten Provinzen Abessiniens. Grosse Viehherden bezeugten

dies allerdings genugsam, und der fette Boden, einst offenbar Seeboden,

musste überall die reichsten Ernten geben. Auch Wald fehlte nicht,

und der Gomara selbst gab uns einen Beweis von Fischreichthum, denn

ein Mann warf sein rundes, mit Steinchen beschwertes Netz aus, und im

Nu hatte er eine grosse Anzahl Fische zusammen, eine Art Karpfen oder

Schleien, die er uns zum Geschenk machte. Interessant war es auch, zu

sehen, wie in ganzen Schwärmen meist grosse Wasservögel beständig vom

See her und kleinere Vögel nach dem See hinzogen.

Dembea ist meines Wissens der bevölkertste Theil von Abessinien,

aber was will eine solche Dichtigkeit gegen die in unsern Ländern

bedeuten? Es kam hier zu einer äusserst widerlichen Scene zwischen den

Soldaten und den Einwohnern von Belange, welcher Ort, 2 km südlich

von unserm Lager entfernt, den Ochsen zu liefern hatte. Der Oberste

behauptete, dass derselbe zu klein sei, und schickte daher, um Leute

als Geiseln einfangen zu lassen, Soldaten ins Dorf, welche diese

Gelegenheit natürlich wieder zum Plündern benutzten. Die Einwohner

widersetzten sich aber, es kam zum Streit, es wurde geschossen und

der Schum (Ortsvorsteher) verwundet, kurz, es fehlte nicht viel an

einer regelrechten Schlacht. Ein solcher Vorfall veranlasste denn

nicht endenwollende Debatten, man zog die Geistlichkeit mit zu Rathe

und schliesslich verlangten sie, ich solle entscheiden. Aber ich

brauche wol kaum zu sagen, dass ich auf die Schiedsrichterrolle rundweg

verzichtete, obschon der Streit selbst am andern Morgen nicht enden

wollte. Der Schum selbst -- er hatte nur einen Streifschuss bekommen

und davon macht man in Abessinien nicht viel Aufhebens -- und einige

Dorfbewohner wurden gefangen fortgeschleppt. Das setzte aber doch dem

Ganzen die Krone auf! „Wer hatte denn eigentlich unrecht“, fragte ich

Schimper, „die Soldaten oder die Bürger?“ „Nach deutschen Begriffen“,

sagte Schimper, „allerdings die Soldaten, aber nach abessinischen die

Dorfbewohner, weil sie nicht vorschriftsmässig lieferten und ausserdem

sich widersetzten.“

Glücklicherweise wurde am folgenden Tage, als wir bei dem Orte Teda

lagerten, der Streit in Güte beigelegt. Verwandte kamen und brachten

Geschenke, nachträglich auch noch Lieferungen, und so setzte man den

Schum und seine Mitbürger wieder in Freiheit. Aber auch in Teda kamen

wieder Scenen vor, wie denn überhaupt kein Tag ganz in Friede und

Ruhe verging. Die schönen, mit Zwiebeln, Pfeffer, Kürbissen und Rüben

bepflanzten Gärten wurden zum Theil ausgeraubt. Diese entsetzliche

Soldateska verleidete mir die Reise, welche unter andern Umständen viel

angenehmer gewesen wäre.

Wir näherten uns aber nun der alten Kaiserstadt, und innerhalb

derselben war ich wenigstens für einige Zeit dem Einflusse des Obersten

entzogen. Die Bergketten, welche von Norden her mittels ihrer beiden

auseinandergehaltenen Schenkel auf dem Tana-See stehen, und dem

dazwischenliegenden Lande den Anschein geben, als ob es selbst einst

Seebecken gewesen wäre, ziehen sich nun mehr und mehr zusammen und da,

wo sie zusammenstossen, liegt Gondar. Mit welcher Spannung ging ich

dieser altehrwürdigen Stadt entgegen! Man steigt immer höher und höher

und passirt dann den Magetsch auf einer steinernen fünfbogigen Brücke.

Ich erinnerte mich, gelesen zu haben, dass Bruce die Besorgniss hegte,

die Pfeiler dieser Brücke könnten von herabgeschwemmten Felsblöcken

zerstört werden. Das ist ganz richtig. Aber glücklicherweise hat

sich das bisjetzt nicht ereignet. Noch ebenso stolz, wie zuvor, als

Sabagadis, jener Städteerbauer, sie mit Hülfe der Portugiesen oder

deren Nachkommen errichtete, noch ebenso fest wie Bruce sie gesehen,

der darüber hinritt, steht sie heute und wird hoffentlich so bleiben,

bis bessere Tage für Abessinien mit einer würdigern Verwendung seiner

Kräfte und Hülfsmittel anbrechen.

ZWÖLFTES KAPITEL.

GONDAR IM JAHRE 1881.

Die Lage Gondars. -- Theodor plünderte die Stadt. -- Ursachen der

verminderten Bevölkerung. -- Der von der frühern Kaiserfamilie

abstammende Knabe. -- Milde des Negus Johannes gegen Abkömmlinge

vormaliger Kaiserfamilien. -- Der Gemp oder das Kaiserschloss. --

Der Eremit auf dem Thurm. -- Besuch beim obersten Geistlichen. --

Theuere Marktpreise. -- Gold- und Silberarbeiter. -- Sklavenhandel

in Abessinien verboten, doch noch betrieben. -- Der Vater

des Etschege. -- Zahl und Beschäftigung der Geistlichen. --

Lustschlösser. -- Kirchen. -- Stadttheil der Falascha oder Juden.

-- Die Falascha-Missionare. -- Die Falascha von den Soldaten

geplündert. -- Abschied. -- Der Mönch.

[Illustration: GONDAR MIT DEM GEMP (KAISERSCHLOSS).]

Gondar liegt auf einem Sporn, welcher aus den gleich nordwärts von

der Stadt sich zusammenziehenden Bergketten entspringt. Westlich

davon rinnt die Kaha, östlich der Angareb. Beide vereinigen sich am

Fusse des Gondarberges zum Kaha-Angareb und gehen dann bald darauf

in den Magetsch, dessen aus Lavasteinen erbaute Brücke wir soeben

überschritten. Noch erblickt man nichts von der alten Stadt, dann aber

plötzlich -- man glaubt zu träumen -- tauchen Burgen und Schlösser

auf, man erblickt crenelirte Mauern, in weiterer Entfernung liegen,

versteckt zwischen buschigen Bäumen, Paläste und Kirchen. Ist das

eine abessinische Stadt? -- Wenn man sonstwo in Abessinien auf eine

Stadt oder einen grössern Ort trifft, sieht man weiter nichts als

eine Anhäufung spitzdachiger, strohbedeckter, gleichförmiger Hütten.

Und daneben oder darüberhin ragt ein grösseres Gebäude mit konischem

Dach: es ist die Kirche, die gewöhnlich in einem Hain von Oel- oder

Wachholderbäumen liegt. Wie so ganz anders hier! In Gondar herrschte

europäischer Einfluss, das merkt man gleich. Freilich, beim Näherkommen

wird dieser erste Eindruck abgeschwächt, weil sich nun bald auch die

eigentlichen Stadttheile der Eingeborenen herausheben, die man zuerst

gar nicht bemerkte oder übersah. Jene auf europäische Art gebauten

Burgen und Schlösser bilden einen eigenen, vom übrigen abgesonderten

Stadttheil, aber die Spannung bleibt doch, und man beeilt sich mit der

Findung des Lagerplatzes, um so bald wie möglich die interessanten

Baulichkeiten einer nähern Besichtigung unterwerfen zu können.

Wie immer, so lehnte ich auch diesmal die von den Bewohnern uns

angebotene Wohnung ab, obwol sie uns dringender als anderwärts dazu

einluden, und am dringendsten der neue Kentiba[130], welcher zugleich

mit uns Debra Tabor verliess, wo er einige Tage vor unserer Abreise vom

Negus mit der Bürgermeisterei von Gondar belehnt worden war. Ich liess

mein Zelt am Westrande der Stadt, aber etwas unterhalb ihres bewohnten

Theiles neben dem Flusse Kaha aufschlagen, mit der Aussicht auf die

Lustgärten und Bauten Quosquam.

Der ganze Morgen ging hin mit Empfang von Besuchen: zuerst kam der

Kentiba mit den ältesten Bewohnern, dann die Geistlichkeit von den

vielen einzelnen Kirchen, deren jede ihre Vertreter schickte, sodass

der Empfang kein Ende nehmen wollte. Auch der Stellvertreter des

Etschege erschien und bedankte sich für das rothe Tuch.[131] Alle

baten um Entschuldigung, wenn die mir gebührende Lieferung nicht genau

käme, aber das war nur eine falsche Bescheidenheit, denn von allen

Seiten strömten die Gaben herbei, und da ich keine einzige ohne ein

entsprechendes Gegengeschenk annahm, herrschte zwischen uns bald das

beste Einvernehmen.

Natürlich hielt ich sobald wie möglich Umschau über eine Stadt, welche

wegen ihrer ausgezeichneten Lage sicher dermaleinst wieder eine Rolle

spielt.

Gondar liegt nach Bruce[132] auf 12° 34′ 30″ nördl. Br. und 37° 33′

östl. L. von Greenwich.[133] Die Höhe über Massaua beträgt ca. 1904 m,

über dem Tana-See ca. 149 m. Die von drei so vorzüglichen Beobachtern

verschieden angegebene Breite der Stadt erklärt sich zum Theil

vielleicht aus den verschiedenen Standpunkten bei der Beobachtung, denn

die Länge von Norden nach dem Süden beträgt mindestens 3 km.

Gondar soll unter Kaiser Fasilidas, welcher von 1633-1668 regierte und

als Kaiser den Namen Alem Saged führte, erbaut sein. Wahrscheinlich ist

aber Gondar als abessinische Stadt weit älter; nur die grossartigen

Bauten: der Gemp, die Lustschlösser und die steinernen Brücken in der

Nähe der Stadt verdanken ihm ihre Entstehung. Die Einwohnerzahl ist

je nach der Anzahl der jedesmaligen Besucher verschieden. Wenn Bruce

für Gondar 10000[134] Familien annimmt, müsste man die Einwohnerzahl

mindestens auf 40000 Seelen veranschlagen. Combes und Tamisier geben

nur 6000 Einwohner an; Rüppel, welcher etwas früher in Gondar war,

6500, d’Abbadie 12-13000. Heuglin greift wieder auf die Rüppel’sche

Zahl zurück und spricht von 6-7000 Seelen. Unter den neuern Reisenden

liess sich Vigoni[135] von 8000 Einwohnern erzählen, ohne aber für

diese Angabe einstehen zu wollen. Heuglin sagt übrigens in seinem

ältern Werke (Gotha 1857): Gondar besitze höchstens 5-6000 Einwohner,

dürfe aber vor wenigen Jahren noch mindestens die doppelte Zahl von

Einwohnern gehabt haben.

Ich selber versuchte weder die Zählung der Häuser, wie Rüppel, noch

die der Familien, wie Bruce. Mein Aufenthalt, der sich kaum auf eine

Woche erstreckte, gestattete das nicht. Aber nach häufigen Gängen

durch die Stadt, nach Besichtigung aller Stadttheile, kam ich zu der

Ueberzeugung, dass Gondar im Jahre 1881 höchstens noch 4000 Einwohner

besass, und begründe die Abnahme der so grossen frühern Einwohnerzahl

durch den Umstand, dass Gondar nicht ferner Residenz für die Kaiser

von Abessinien, die Atseh, und ebenso wenig für die Itegeh, d.h.

Kaiserinnen blieb, welche in Gondar Hof zu halten pflegten, falls die

Kaiser ins Feld rückten. Zwar verloren die Kaiser in den letzten Jahren

mehr und mehr an Ansehen und Reichthum, aber der mit ihrer Person doch

immer verbundene Nimbus verfehlte nicht, manche abessinische Familien

nach Gondar zu ziehen. Rüppel, d’Abbadie, Tamisier und Combes, welche

als letzte Europäer noch den letzten Schattenkaiser besuchten, geben

uns in ihren Schilderungen ein treffendes Bild davon. Sodann bewirkten

die entsetzlichen, über die Stadt verhängten Heimsuchungen Theodor’s

die starke Verminderung der Einwohnerzahl Gondars. Nicht nur mordete

und schändete er, sondern alles in seinen Augen nur einigermassen

Werthvolle schleppte er fort. Gondar, zweimal von Theodor überfallen

und gründlich ausgeplündert, verlor, wie man sagt, unter seiner

Regierungszeit 5000 Einwohner. Und wenn auch nur die Hälfte der

angegebenen Zahl sich bewahrheiten liesse, wie schrecklich für eine

Stadt! Bei der Gelegenheit soll Theodor auch sämmtliche Bücher, deren

er nur habhaft werden konnte, weggeschleppt haben. So sehr ich auch

nach amharischen geschichtlichen Werken in Gondar sowol wie auch später

in Axum forschte, wo ich namentlich auf die Chronik fahndete, deren

Rüppel im zweiten Bande seines Werkes, S. 108, erwähnt, es gelang mir

nur Bücher religiösen Inhaltes ans Tageslicht zu ziehen. Von den vielen

Büchern, welche z.B. Combes und Tamisier als vorhanden anführen, war,

ausser solchen religiösen Inhalts, kein einziges aufzutreiben. Und

sicher hielt sie nicht böser Wille verborgen: mit dem Kentiba und der

ganzen Geistlichkeit stand ich ja auf bestem Fuss, wie man mir denn

auch Kirchengeräthe verkaufte. Aber auf meine Frage nach Büchern gaben

sie stets die Antwort: „Theodor hat alle fortgeschleppt“. So auch in

Matraha. Die werthvollsten abessinischen Bücher befinden sich jetzt wol

in London, da den Engländern die ganze Bibliothek Theodor’s auf Magdala

in die Hände fiel. Wie vieles aber mag bei dieser Gelegenheit zu Grunde

gegangen sein, denn die ganze Umgebung von Magdala war beim Rückzug der

englischen Truppen mit zerrissenen amharischen Büchern, losen Blättern

und Fragmenten überstreut.

Als dritte Ursache der Entvölkerung kann man auch die gewaltsame

Bekehrung der Mohammedaner anführen. Der mohammedanische Stadttheil,

Islambed genannt, welcher nach Rüppel 300 Häuser enthielt, steht jetzt

fast ganz verlassen da. Denn wenn auch ein Theil von den Muselmanen

zur christlichen Religion übertrat, so wanderten doch die meisten aus

Gondar aus, an welchen die Stadt eine grosse Zahl geschickter Arbeiter

verlor. Seuchen, welche gleichfalls in diesem Theile von Abessinien

wütheten, trugen auch wol zur Verminderung der Einwohnerzahl bei; kurz,

ich glaube mit 4000 die Seelenzahl Gondars sehr hoch angegeben zu haben.

Was weiterhin dem Beobachter bei den Bewohnern von Gondar auffällt, ist

die meist vollkommen kaukasische Bildung: sehr viele tragen schlichtes

Haar, das sogar nicht einmal die leiseste Kräuselung zeigt. Ich glaube

dies direct auf die Portugiesen zurückführen zu müssen. Hier lebten

sie ja vorzugsweise und vielleicht im Verhältniss zur abessinischen

eingeborenen Einwohnerschaft in grosser Zahl. Kräftig und im besten

Alter kamen sie. Und wenn schon die meisten Reisenden und Missionare

sich nicht abhalten liessen, mit den jungen schönen Abessinierinnen,

die ja so unbefangen ihre Liebe bieten, nähere Verhältnisse einzugehen,

die fast nie ohne Folgen blieben, um wie viel mehr ist das von den im

Lande bleibenden Portugiesen anzunehmen! Der Einfluss auf körperliche

Bildung macht sich auch bis heute noch geltend. Wie viele Jahre sind

denn seit jener Zeit verflossen? Etwa zweihundert. Also durch etwa

sieben oder acht Generationen hindurch läuft das portugiesische

Blut. Einer meiner Diener aus dieser Stadt, Namens Muchenen, sah

den Portugiesen so ähnlich, dass ich hätte schwören mögen, sein

Ururgrossvater sei Portugiese gewesen.

Im übrigen hat sich das Aussehen Gondars, seitdem es die letzten

Reisenden beschrieben, wol wenig verändert. Abbadie, Rüppel, Combes

und Tamisier sahen und begrüssten noch den letzten Schattenkaiser Atse

Sahala Dinguil oder, wie Rüppel schreibt, Aito Saglo Denghel. Der

Titel Atse ist augenblicklich in Abessinien erloschen. Es existiren

aber noch immer Cognaten der Familie. Ein Knabe von 12-14 Jahren,

der Kaiserfamilie entsprossen, besuchte mich zweimal; er brachte

auch Geschenke, die ich erwiderte, aber der Aufforderung, seinen

Vater zu besuchen, mochte ich nicht nachkommen, um nicht durch meine

Aufmerksamkeit den jetzigen Negus Negesti zu verletzen.

Die alte Sitte des Tödtens oder des Einsperrens der nähern und

nächsten Verwandten der abessinischen Herrscherfamilie existirt heute

nicht mehr. In frühern Jahrhunderten hielt man sie auf irgendeiner

Amba gefangen, jetzt lässt man sie leben und laufen. Wir sahen,

dass der jetzige Negus Johannes, welcher im günstigsten Falle Cognat

der kaiserlichen alten Familie ist, den Menelek von Schoa, der viel

grössere Anrechte auf die Stelle eines Atse hätte, nicht nur leben

liess, sondern auch aufs neue mit dem Königreich Schoa belehnte. Ja

sogar auch der älteste Sohn Theodor’s, Meschescha, erhielt die seinem

Vater ursprünglich eigene Provinz Quorra zurück. Meschescha fand ich

am Hofe des Kaisers, woselbst auch der jüngste erst 15 Jahre alte Sohn

des Kaisers Theodor, Namens Heilu, eine prinzliche Stellung einnahm.

Die ehemals dem König von Schoa verlobte Tochter Theodor’s lebt jetzt

verheirathet mit Ras Bariau, dem Statthalter von Schireh. Dieselbe

Herrscherfamilie, welche zu Zeiten des Tekla Haimanot die Provinz Lasta

erhielt[136], waltet seit der Zeit der Theilung bis heute noch im

Ras Gobesieh und Ras Buru-Lande. Uebrigens bewirkt die vermeintliche

Abstammung von der alten Salomonischen Dynastie in Abessinien stets

Unheil genug. Jeder Prätendent hat nichts Eiligeres zu thun, als sich

seinen Stammbaum zurechtzulegen, um seine Ansprüche womöglich in

den Augen des dummen Volkes durch eine hundertfältige Ahnenreihe zu

legitimiren.

Meine Mission nach Abessinien Auf Befehl Sr. Maj. des Deutschen Kaisers im Winter 1880/81 unternommen · 第 18 / 27 段