recht geräumigen, von Herrn Naretti ihm zur Verfügung gestellten
Hütte Wohnung. Am 17. früh morgens brauchte auch der Festschlafendste
sich nicht wecken zu lassen, denn schon lange vor Sonnenaufgang tönte
ein eigenthümliches Brausen und Lärmen durch die Lüfte: es kam von
dem Packen, Satteln, Aufladen der Tausende von Maulthieren, Eseln
und Pferden; von dem Gebrüll und Stampfen der Thiere; von dem Rufen,
Sprechen, Rennen und Gehen der Menschen; es war, von fern gehört, wie
ein Börsengesumme im grossen. Dazwischen knatterten Gewehrschüsse. Ich
trete heraus und erblicke etwas Unbeschreibliches. Das ganze grosse
Lager um Samara herum ist in Aufruhr. Ueberall Gruppen, Familien,
Einzelne. Man schleppt aus den Hütten die Sachen, welche man mitnehmen
will; sie werden verladen, von halsstarrigen Thieren abgeworfen, wieder
aufgeladen, umgepackt. Wie ein umgerührter, wimmelnder Ameisenhaufen.
Einzelne Züge ordnen sich. Hier hundert, dort weniger Leute mit ihren
Thieren. Bei vielen Haufen besteht nur die Hälfte, bei den meisten nur
ein Viertel aus Soldaten; die übrigen sind Greise, Weiber, Kinder.
Alle ziehen ab nach einer bestimmten Richtung, nach Südost, als ob sie
irgendein Punkt mit unwiderstehlicher Gewalt anziehe. Die Hütten, die
Gehöfte bleiben verwaist stehen. Kein Mensch kümmert sich um sie. Dann
verschwinden die lebendigen Säulen um eine Bergecke herum. Da -- es
war 8 Uhr morgens -- ertönt plötzlich ein Kanonenschuss, noch einer
und mehrere: der Negus! Ich trat hervor. Zuerst ein Zug Musikanten,
Leute mit riesigen Trommeln, mit Pauken und Trompeten, mit erbeuteten
ägyptischen Blasinstrumenten, denen sie entsetzliche Töne entlockten.
Dann ein langer und breiter Zug mit Gepäck; eine von Cavaleristen
umschwärmte Abtheilung Fusssoldaten; Grosswürdenträger; der Negus auf
reichgeschirrtem Maulthier. Ueber ihm ausgespannt der prachtvolle
deutsche Sonnenschirm, dessen Gold in dem strahlenden Sonnenschein sich
zu verdoppeln schien. Dicht hinter dem Negus mit fast ebenso grosser
Pracht der Etschege. Hierauf wieder eine Abtheilung Soldaten und andere
Züge bis um 10 Uhr, wo alles hinterm Gebirg verschwand. Das Lager war
leer. Samara erschien wie ausgestorben.
Wenn man bedenkt, dass vielleicht 40000 Menschen -- so hoch muss
man wol die Zahl +aller+ Anwesenden in Samara veranschlagen --
innerhalb sechs Stunden mit verhältnissmässiger Ordnung abzogen, so
muss man zugestehen, dass hier von vornherein ein System waltete.
Man hörte keine Befehle. Es war, als ob ein unsichtbarer Geist alles
leitete. Auch Stockungen und wüste Durcheinanderschiebungen schienen
nicht vorzukommen. Man muss eben wissen, dass in Abessinien für Kaiser
und Heer seit 1000 Jahren eine gewisse Lager- und Marschordnung
besteht. Jeder Offizier, jeder Beamte weiss, wann und wo er mit seiner
Truppe zu marschiren und zu lagern hat. Voran der Fitorari, welcher
gegenüber dem Zelte des Negus nach vorn lagert; zuletzt der Balata
Geta mit der Lagerung rückwärts vom Zelte des Negus; der Budjurun
unmittelbar vor dem Negus mit der Lagerung rechts vom Zelte desselben.
Der Agafari oder wirklich geheime Oberhofmeister marschirt vor dem
Budjurun und lagert auf dem äussersten rechten Flügel u.s.w.
Der Bibelkundige ersieht hieraus, dass eine solche auf uraltem
Herkommen beruhende Anordnung auf biblische Vorbilder hinweist. Ja, die
Vermuthung ist nicht ausgeschlossen, dass diese mosaische Marsch- und
Lagerordnung selber ihren Ursprung afrikanischen Völkern verdankt. --
Also alles davon! Nur unser Balderaba blieb zurück und zwar auf
besondern Befehl des Kaisers, um diesem über unsere Abreise Bericht zu
erstatten.
Und nun mussten wir uns denn ebenfalls für die Reise rüsten, was
so ziemlich den ganzen Tag hinnahm. Mein Gepäck hatte sich zwar
ausserordentlich vermindert, sodass ich selbst verschiedene Maulthiere
zurücklassen konnte, aber andere Elemente vergrösserten meine
Karavane. Da kam zuerst der Budjurun-Lauti mit einer vornehmen Dame,
welche nach Adua reisen wollte, und die er nebst ihren zehn Dienern
unter meinen Schutz stellte. Eine andere Dame, Frau eines Beamten in
Uogera, kam selbst, um für sich und ihre acht Diener die Mitreise
unter meinem Schutze zu erbitten. Natürlich schlug ich es ihr nicht
ab. Auch einer jungen hübschen Dame von etwas zweifelhaftem Rufe
nicht. Man fragte sich wol, wohin will sie? welche Absichten hat
sie? Sie besass nur zwei Diener, aber keine weibliche Bedienung. Das
etwa waren die vornehmsten Reisenden. Ausserdem aber schlossen sich
wieder kaufmännische Gesellschaften an und, wie immer, eine ganze
Bande von Bettlern beiderlei Geschlechts. Auch Schimper’sche Verwandte
fanden sich ein und _last not least_: ein Oberst mit einer ganzen
Militärabtheilung, es mochten ca. 100 Soldaten sein, sollte mich wegen
Unsicherheit der Gegend von Uogera bis zum Takase begleiten; bis
dahin auch die Districtsgouverneure der Provinzen. Und der Etschege
gab mir einen Geleitsmann bis Gondar mit, da diese Stadt zum grössten
Theil, dann aber die ganze Gegend am Tana-See sein Eigenthum ist, und
ohne seinen speciellen Befehl wären die Lieferungen ausgeblieben.
Diesmal in der That sah ich mich auf diese angewiesen. Abgesehen vom
Allernothwendigsten, hatte ich unsere Vorräthe Stecker gelassen, und
dann handelte es sich um eine Gesellschaft von 500 Menschen, und alle
diese zu sättigen, musste selbst bei reichlichen Mitteln bedenklich
machen.
Und recht schlimm ging es anfangs. Bis Dobarik herrschte stets Mangel.
Dazu kam das anspruchsvolle Benehmen der vornehmen Damen, von denen die
eine eine Frau Dedjadj (die meisten übersetzen das mit Herzog) war.
Kam ihnen einmal Brot, Fleisch oder Bier etwas später als gewöhnlich,
gleich schickten sie, um zu klagen, einen ihrer Diener zu mir oder zu
Schimper, den ich ihnen, sowie allen, zum Balderaba gegeben. Allerdings
musste man mir täglich 1000 Brote liefern; aber wie oft fehlte daran
mehr als die Hälfte! Und um einen Abessinier satt zu machen, bedarf es
mindestens dreier Brote. Noch schlimmer aber sah es mit dem Fleisch
aus. Täglich sollte für mich ein Ochs und ein Schaf da sein, aber
bis wir Gondar erreichten, hielten die mich begleitenden Beamten es
für zweckmäßiger, sich das Geld dafür von den Ortschaften geben, als
die Thiere in natura einliefern zu lassen. Zum Glück hatte sich bei
meinem Aufenthalt in Debra Tabor eine ganze Heerde angesammelt, sodass
wir zwar täglich Fleisch, aber keineswegs reichlich hatten. Mancher
der mich begleitenden Bettler musste abends sich hungerig schlafen
legen, so sehr ich auch bemüht war, für alle zu sorgen. Die reifenden
Gerstenfelder, die ebenfalls reifen Schimbera zu Seiten des Weges
boten zwar einigermassen einen Ersatz; aber welchen Lärm und Skandal
machte es, wenn die Leute sich wie grasendes Vieh oder wie Heuschrecken
über die Felder ergossen, und die jammernden Bauern herbeieilten,
um die hungerigen Plünderer abzuwehren, die sich jedoch auf die sie
begleitenden Soldaten verliessen und ihr Geschäft fortsetzten: sie
wurden zu wirklichen Heuschrecken in Menschengestalt. --
Der Abschied von Stecker wurde mir recht schwer. Wir hatten zusammen
in Kufra gelitten, geduldet und dem Tode ins Auge gesehen, und das
schmiedet eine Kette, welche so leicht nicht bricht. Aber endlich
mussten wir uns trennen. Von Naretti begleitet, bestieg ich um 1½ Uhr
nachmittags mein Maulthier und fort ging’s nach Westen, dem blauen
Süsswassersee entgegen, welcher eins der Hauptbecken des uralten und
ewig jungen Nil bildet. Auch Naretti verabschiedete sich bald, und so
war ich denn allein, zum ersten mal, da Schimper um Urlaub gebeten
hatte, um seiner an den Oberzolleinnehmer von Abessinien verheiratheten
Schwester Lebewohl zu sagen, welche im Dorfe Lisawa wohnt, das noch zum
District von Debra Tabor gehört.
Es war ein wundervoller Nachmittag. Ueber der ganzen Gegend lag Ruhe
und tiefer Friede ausgebreitet. Nur hin und wieder sah man noch kleine
Trupps von Nachzüglern, welche dem Heere des Kaisers nacheilten.
Wir kamen nach einer Viertelstunde bei Gafat vorbei, bewunderten die
Schlote und leergebrannten Fabrikgebäude, welche die Missionare auf
Befehl Theodor’s errichten mussten, um dort jene Kanonen und Mörser zu
giessen, welche auf den ersten Blick durch ihre Grösse imponirten, beim
ersten Schuss aber zerplatzten.
Mit betrübten Herzen dachten wir an die traurigen Stunden, welche hier
die britischen Gefangenen verlebten, an die Erniedrigung, welche sich
die Missionare und der französische Consul Lejean mussten gefallen
lassen. Jetzt sind nur noch Ruinen da, und auch diese werden wol in
einigen Jahren vom Erdboden verschwunden sein.
Prachtvolle mähbare Gerstenfelder, dicht daneben junge Gerste,
welche saftgrün eben den Mutter-Erdboden verliess, weiterhin Bauern,
beschäftigt, das Korn gerade der Erde anzuvertrauen -- so entrollte
sich vor uns ein lachendes Bild nach dem andern, während im Norden das
Melsa-Gebirge, im Süden das Debra Tabor-Gebirge in grossartiger Weise
den Blick begrenzten. Natürlich konnten wir, da wir so spät aufbrachen,
am ersten Tag nur einen kurzen Marsch zurücklegen, wir campirten bald
an einem kleinen tief eingeschnittenen Bache, der nach Norden abgoss
und dem Reb zufliesst. Hätten wir nur gleich einen doppelt so grossen
Weg machen können!
Immer mehr Reisende kamen, um sich uns anzuschliessen. Die günstige
Gelegenheit, unter militärischer Bedeckung nach Tigre kommen zu
können, war zu verlockend. Aber die meisten hatten keine Vorräthe.
Wie sollte das schliesslich enden? Und wieder kam eine vornehme, in
einen himmelblauseidenen Mantel gehüllte Dame, welche ebenfalls mit
kaiserlicher Erlaubniss einen Sonnenschirm tragen durfte. Sie liess
sich ohne weiteres ganz in der Nähe meines Zeltes eine Hütte aus Reisig
bauen. Schimper, immer sehr ehrerbietig und galant gegen Damen,
meinte, man müsse auch diese unter die zu Verpflegenden aufnehmen. Wir
hatten im ganzen am Abend des ersten Marschtags fast 1000 Menschen um
uns.
Die Gegend wurde immer lieblicher und schöner, die Wildheit verlor sich
mehr und mehr; die aus weiter Ferne herüberwinkenden Bergriesen mahnten
allerdings den Reisenden, welche Schwierigkeiten unter Umständen seiner
warteten. Oft glaubte man in einem Hain von Palmen[119] zu wandeln,
und die Häufigkeit dieses tropischen Baumes findet denn auch Ausdruck
im Sselenoa-Fluss, d.h. Palmenfluss. Natürlich dacht sich die Gegend
ab nach dem Tana[120]-See, doch muss man einige grosse Treppen oder
Felsufer hinab, welche einen äusserst zerrissenen Charakter zeigen.
So am folgenden Tag. Aber die Wildheit, die Unwegsamkeit dieses
einige hundert Fuss hohen Absatzes verschwand unter einer wahrhaft
überraschenden Pflanzen- und Blumenfülle. Ueberall grosse Büsche von
Rosen und Jasmin. Man zog dahin in einem Meer von Wohlgerüchen. Alsdann
lagerten wir am Fusse der Amba Tsunko[121], bekannter unter dem Namen
Amara Gedell, d.h. Aasgeierfels. Der Berg ist um so auffallender, als
er ganz vereinzelt, ein riesiger Block, aus der Ebene aufsteigt, nach
allen Seiten fast senkrecht abfällt und unersteiglich ist. Oben aber
wird er von einem herrlichen Laubdach bedeckt und dient zahlreichen
Aasgeiern und Adlern, welche hier vor allen Angriffen sicher sind, zum
Aufenthalt. Die Sage geht, König Theodor habe von dem mindestens
100 m hohen Block einen Adler heruntergeschossen, was denn meine Leute
anfeuerte, auch ihre Geschicklichkeit zu zeigen. Es stellte sich aber
heraus, dass keiner es dem berühmten Kaiser nachmachen konnte, trotz
der bessern Waffen, die sie besassen.
[Illustration: AMARA GEDELL.]
Als ich abends längs des kleinen Baches, der sich in weitem Bogen um
die Amba Tsunko hinzieht, einen Spaziergang machte, stiess ich zum
ersten mal auf die Musa Ensete, welche an den Ufern wild wächst und
hier ihre prächtigen saftgrünen Blätter entfaltet.
Immer anmuthiger wird die Gegend, und der aus verwitterten vulkanischen
Massen bestehende Boden immer reicher. Weizen- und Gerstenfelder
wechseln ab mit der wickenartigen Schimbera, aus deren reifen Erbsen
unsere abessinischen Diener eine „Purée“ zu machen verstehen, welche
wirklich gut schmecken würde, wenn nur nicht die brennende Schärfe des
rothen Pfeffers den Geschmack so sehr beeinträchtigte. Wir lassen nun
etwas nördlich die bedeutende Handelsstadt Deritta liegen, welche bis
vor kurzem fast nur aus Mohammedanern bestand, die aber sich ebenfalls
sämmtlich mussten taufen lassen. Einer meiner Diener, ein junger Mann
von 25 Jahren, erhielt dort bei seiner Taufe den Namen Desta.
Man passirt hierauf den Reb, den man erst in unmittelbarer Nähe
bemerkt, denn er frass sich tief in den schwarzen Humusboden ein und
rollt nur langsam seine trübe Flut zwischen senkrechten Ufern dem Tana
zu. Eine steinerne Brücke überrascht mit ihren fast gothischen Bogen,
deren ich vier zählte. Die erste Brücke in Abessinien! Aber schon
vorher machte sich die ehemalige Anwesenheit der Portugiesen, denn
diese erbauten die Brücke, durch eine recht breite, stellenweise sogar
gepflasterte Strasse bemerklich. Nachdem man die grossen Kieselsteine
weggeräumt, beseitigte man durch kleinere die Unebenheiten.
Also in dem Bezirk der ehemaligen Portugiesenherrschaft sind wir
jetzt. Auffallend ist es nur, dass angesichts der in diesem Theile
Abessiniens doch gut erhaltenen Brücken spätere Herrscher nie daran
dachten, anderwärts ähnliche nützliche Werke zu errichten. Ein
tüchtiger Kaiser, Theodor, beherrschte doch unlängst, und ein zweiter
tüchtiger, Johannes, beherrscht jetzt Abessinien. In seiner Noth
liess Theodor einen Weg von Debra Tabor nach Magdala bauen, aber die
dabei notwendigen Brücken bestanden aus Holzstämmen, waren also ganz
vergänglicher Natur. Trotz seiner Scheusslichkeiten, die er beging,
indem er Dutzende von Priestern verbrennen und ermorden liess, baute er
-- Kirchen, z.B. die prächtige Kirche Medani Allem in Debra Tabor. Auch
der jetzige Kaiser Johannes, ein sehr frommer Mann, lässt Dutzende von
grossen Kirchen aufführen, aber keine einzige Brücke. Was in aller Welt
nützen die vielen Kirchen in Abessinien?
Ehe wir nach dem District Eifag kamen, wo wir in der Nähe einiger
Dörfer nächtigten, überraschte uns einer jener gewaltigen Waldbrände,
wie man sie nicht nur in Abessinien, sondern überall in Centralafrika,
ja selbst in den nördlichen Berberstaaten so häufig erlebt. Meist
entstehen dieselben durch Unvorsichtigkeit. Irgendeine Karavane
lässt lebendige Kohlen oder gar noch loderndes Feuer zurück. Bald
darauf jagt der Wind die Flamme in die nahen trockenen Gräser, und
der Waldbrand ist da, welcher häufig riesige Dimensionen annimmt von
oft quadratkilometergrossen brennenden Räumen, auf unglaublich weite
Entfernungen seine Dämpfe entsendet, ähnlich dem Moorrauch, den man
bis zu den Alpen hin verspürt. Es entsteht dadurch jener eigentümliche
trockene Nebel, den wir Moorrauch, die Engländer Hamattan nennen.
Diese Waldbrände hemmen denn auch die Entwickelung der Bäume. Es
wird wol jedem Reisenden aufgefallen sein, dass, abgesehen von
jenen undurchdringlichen tropischen Urwäldern, z.B. in Yoruba, die
wegen ihrer Dichtigkeit und daraus resultirenden Feuchtigkeit nicht
abgebrannt werden +können+, alle sogenannten lichten Wälder
aus nicht sehr grossen Bäumen bestehen und man erst an den Ufern
der Flüsse und Bäche wieder grosse und dicke Bäume vorfindet, zu
welchen die Flamme nicht gelangen kann, weil das sie umwachsende
Gras und Buschwerk sammt Unterholz während des ganzen Jahres, auch
in der trockensten Zeit, grün und feucht bleibt. Aber auf Flächen
und Bergen trocknet in der trockenen Jahreszeit alles. Die grossen
Bäume behalten zwar ihre Säfte, die nicht, wie bei unsern blattlosen
Bäumen, im Winter zurücktreten, aber wenn sie alljährlich die Flammen
des Grases umfluten, so wird doch ihr Wachsthum dadurch gehemmt. Nur
die Adansonien scheinen nicht daran zu leiden, vielleicht wegen ihrer
dicken rhinocerontischen Haut oder Schale.
Eifag[122], ein District mit einigen Oertern, liegt recht hübsch an
den Ausläufern der nördlichen Gebirgskette, welche in Amba-Tschara,
Michael Debr u.s.w. gipfelt. Man kann nun schon den herrlichen See und
im Osten davon die so überaus fruchtbare Ebene überblicken, welche
nahe am See aus Marschboden mit hohem Grase besteht, aus welchem,
wie bei uns im Norden von Deutschland, die Heerden kaum hervorragen.
Scharen von Wasservögeln, welche morgens seewärts, abends landwärts
fliegen, kündigen ebenfalls die Nähe des grossen Wasserbeckens an,
und breitgetretene Wege durchs Gebüsch zeigen uns die Richtung der
Flusspferde und Nashörner, wenn sie zum Wasser wollen. Prachtvolle
Juniperus und Wontsabäume (cordia) beschatten den grossen Marktplatz
von Eifag, der ausserdem durch zahlreiche steinerne Herde für Schmiede
und Garköche, durch Löcher aller Art, durch Holzgestelle zum Aufhängen
von Gegenständen und leerstehende Hütten sich bemerkbar macht. In der
Nähe desselben lagerten wir, während der Oberst mit seiner Truppe
weiter nach oben hinzog. Aber trotzdem die Bewohner Eifags reichlich
Lebensmittel verkauften, denn geliefert wurde nicht, da die Beamten das
Geld dafür einsteckten, konnten die Soldaten von Plünderungen nicht
ablassen.
Wir durchzogen bis zum Tana, diesem grössten See Abessiniens, eine
überaus liebliche Gegend. Ich schlug mein grosses Zelt gegenüber der
malerischen Insel Matraha auf, welche nur durch einen schmalen Sund
vom Festlande getrennt ist. Unser Lagerplatz war der denkbar schönste.
Das Zelt lag unmittelbar am Wasser, von diesem nur durch einen etwa
3 m breiten Rasenstreifen getrennt, der ca. 1 m höher lag als der
Spiegel des Sees. Rechts also, nach Norden zu, schloss die Scenerie
ein kleines über und über mit Candelaberbäumen bestandenes Vorgebirge.
Nach Süden zu sah man in weitester Ferne die Berge von Korata und
den hohen Guguwieberg; vor uns lag wie eine Silberplatte der ruhige
See, und im Hintergrunde hatten wir eine herrliche Baumwand aus
Akazien, Worka und Wontsa und andern Laubbäumen, welche mit prächtig
farbigen Schmarotzergewächsen, mit tausendfach sie umschlingenden
Rankgewächsen umsponnen war. Dazu die Bäume wie übersäet mit jenen
kleinen birnförmigen Nestern des Webervogels. Kann man sich ein
reizenderes Bild denken? Ich liess mein Lager deshalb so unmittelbar
am Rande des Tana-Sees aufschlagen, weil den Tag über der von dem
Wasserspiegel herwehende Wind angenehme Kühlung brachte, nachts aber
der entgegengesetzte Landwind die Feuchtigkeit desselben abhielt.
[Illustration: AM TANA-SEE.]
Der Tana-See mit seiner birnförmigen Gestalt wurde zuerst von Bruce
am eingehendsten geschildert. Seine wirkliche Gestalt ist jetzt von
Stecker, welcher nach mir dahin kam und den See fast in seiner ganzen
Ausdehnung umging, festgestellt. Die Mitte des Sees wird fast genau
vom 12.° nördl. Br. und dem 37.° 15′ östl. L. v. G. geschnitten. Der
Flächeninhalt desselben beträgt etwa 3000 □km,[123] also ungefähr so
viel wie der des Cantons Tessin in der Schweiz oder wie der der Insel
Socotra, die Höhe dagegen über dem Meere ca. 1750 m, welche von Rochet,
von mir und zuletzt von Stecker, ganz unabhängig voneinander, gefunden
ward. Was die Tiefe des Sees anbetrifft, so liegen darüber noch keine
abschliessenden Untersuchungen vor, welche erst dann wirklich richtige
Resultate ergeben können, wenn Europäer in ordentlichen Schiffen
mit guten Messwerkzeugen Tiefseemessungen anstellen. Wenn man den
Tana als einen ehemaligen Krater betrachtet, dürfte seine Tiefe eine
beträchtliche sein, während andererseits zu bedenken ist, dass seit
undenklichen Zeiten aus den 50 Flüssen und Flüsschen, welche in den See
sich hinein ergiessen, grosse Mengen Geröll, Erde u.s.w. abgelagert
wurden. Stecker, der, wie wir erwähnten, 2980 □km Flächeninhalt angibt,
rechnet davon auf die zwei Inseln Dek und Dega, auf erstere 40 □km,
auf letzere 44 □km. Die grösste Tiefe fand Stecker[124] zwischen der
Insel Dega und Zegi mit 72 m, zwischen Korata und Zegi mit 67 m. Aber
auch nach ihm dürfte die grösste Tiefe, weit über 100 m, nördlich von
Dek zu suchen sein. Wie wenig zuverlässlich aber derartige Angaben
von Messungen oft sind, geht daraus hervor, dass Rochet d’Héricourt
bei der Insel Matraha bei 197 m noch keinen Boden zu finden vorgab,
Stecker dagegen die Tiefe daselbst auf 5 m angibt, und ich, der ich
in einer Tankua[125] überfuhr, fand, dass die mich nach der Insel
übersetzenden Fährleute mit ihren 4 m langen Stangen schon bei 2 m auf
Grund stiessen. Keineswegs ist aber vielleicht an diesen so voneinander
abweichenden Angaben der verschiedenartige Wasserstand des Tana-Sees
schuld, welcher sehr wenig wechselt, wie man an den Wassermarken sehen
kann. Trotz der zahlreichen Zuflüsse dürfte derselbe während und
nach der Regenzeit kaum mehr betragen als 1,25 cm, welche Höhe durch
Sturmfluten nach der einen oder andern Seite sich noch um 50 cm erhöhen
mag. Die regelmäßige Regenzeitswassermarke war, wie man an den Felsen
ersah, in der That nur 25 cm über dem Spiegel des Meeres.
Der Tana ist äusserst fischreich, hat aber keine Krokodile. Flusspferde
sahen wir, aber wegen zu grosser Entfernung konnten wir nicht Jagd auf
sie machen. In bewunderungswürdiger Ruhe sassen aber in nächster Nähe
von unserem Zelte buntfarbige Enten, schöne wilde Gänse, Riesenreiher,
Schwäne und Strandläufer. Pelikane stopften sich Fische in ihre
Kropfbeutel, und in der Baumwandung zwitscherten und sangen die
Vögelchen, dass es eine Lust war. Man glaubt gewöhnlich, in Afrika gebe
es wenig Singvögel, das ist aber irrthümlich; namentlich in Abessinien
sind sehr viele, von denen die meisten sich im farbenprächtigsten
Federschmuck zeigen.
Das Erste, was ich that, war, dass ich ein Bad im See nahm. Die
Wasserwärme betrug bei 24° Luftwärme 25°. Die wundervolle Süsse des
Wassers erinnert an den Geschmack des Nilwassers. Die Einwohnerschaft
der am Ufer zerstreuten, dem Etschege untergebenen Hütten waren
zwar recht freundlich, aber mit Lieferungen sah es schlimm aus, und
verkaufen wollten sie auch nichts, offenbar aus Furcht, kein Geld zu
bekommen. Erst als ich für ganz kleine Dienstleistungen reichlich
mit Amolen bezahlte, fassten sie Zutrauen, und bald schwammen wir im
Ueberfluss. Direct unterstellt sind sie der Geistlichkeit von Matraha,
jener kleinen Insel, welche unserm Lagerplatz gegenüberlag. Sobald
der mich begleitende Bote des Etschege dort erschienen war, kam eine
Deputation der Geistlichkeit und bat um Erlass der Lieferungen[126] (1
Ochs, 1 Schaf, 1000 Brote, Butter, Honig u.s.w.), was ich mit Freuden
bewilligte, aber nur bat, mir durch ihre Unterstützung den reichlichen
Einkauf von Lebensmitteln zu erleichtern. Zugleich ersuchte ich, mir
eine Tankua zu stellen, da ich gern am andern Tage ihrer berühmten
Kirche einen Besuch abstatten wolle. Matraha, dessen Kirche die Gebeine
des Kaisers Jesus oder Jasus I. birgt, ist nämlich Asyl und steht bei
den Abessiniern in grosser Verehrung.
Am andern Tage kamen denn auch zwei kräftige Inselbewohner mit ihrer
Tankua, und Schimper, ich und einer meiner Diener schifften hinüber.
Die Einrichtung der Tankua bringt es mit sich, dass den untern Theil
immer Wasser überschwemmt, während man auf dem obern Rohrbündel sitzt.
Wenn man aber die Füsse nicht angezogen hielt, wurden diese vom Wasser
überflutet. Das hat ja nun für die Abessinier, welche alle mit Ausnahme
der Geistlichkeit barfuss gehen, keinen Uebelstand, vollends nicht für
die Matrahenser, welche wahre Amphibien sind, aber für Europäer kann
man es gerade nicht „angenehm“ finden. Wir kamen schnell an, denn nur
ca. 500 m liegt die reizende Insel vom Ufer. So wie beim Einsteigen
wurden wir beim Landen von den Leuten getragen, da die tiefgehende
Tankua kein unmittelbares Landen gestattet.
Natürlich mussten wir zuerst zur Wohnung des obersten Geistlichen, wo
man uns in einem dunkeln Gemach Erfrischungen darbot. Als wir auf einem
hübschen Angareb sassen, der gerade für uns beide Platz hatte, brachte
man Kaffee und darauf Schnaps in kleinen Gläsern. Auf meine erstaunte
Frage, wie man in dieser Abgeschiedenheit Schnaps erhalten könne,
erwiderte er, die Kunst zu destilliren habe er in Jerusalem gelernt;
auch dem Negus Negesti und dem Etschege sende er alljährlich einige
Flaschen, der Kaffee aber sei von der nahen Halbinsel Segi.[127] Dieser
ehrwürdige Priester, dessen Namen ich leider vergessen habe, konnte
nicht genug hören über Jerusalem, Kairo, Alexandria, Städte, die er vor
mehr als einem Menschenalter besucht hatte.