bei den gebildetsten Abessiniern der Gedankengang ein so himmelweit
von dem unserigen verschiedener ist, dass es äusserst gefährlich
gewesen wäre, demselben zu folgen, geschweige denn zu widersprechen.
Hatte doch erst vor kurzem der Kaiser mit dem bald darauf aus
Abessinien ausgewiesenen Bischof Massaya[114] und andern Geistlichen
aus Schoa einen grossen Disput gehabt, der damit endete, dass man den
eingeborenen Geistlichen, welche katholisch geworden und die Einheit in
der Natur Christi anders auffassten, die Zunge abschnitt! Was gingen
mich auch jene unfruchtbaren religiösen Streitfragen an? Ist selbst
in Europa je etwas dabei herausgekommen? Als aber der Negus sah, dass
ich keineswegs gewillt sei, mich mit ihm auf dem Gebiete religiöser
Erörterungen zu tummeln, gab er mir den Brief, um ihn vorzulesen. Das
that ich denn auch laut und mit Betonung, während Schimper Satz für
Satz übersetzte und später den Brief Amharisch zu Papier brachte.
Hierauf reichte ich den kaiserlichen Brief zurück. Der Negus Negesti
dankte und fragte dann: „Die deutsche Sprache ist sehr wohltönend,
verstehen die Deutschen auch die französische, englische und
italienische Sprache?“ (Mich wunderte, dass er nicht fragte, ob
wir nicht auch „Griechisch“ verständen, denn ich glaube, innerlich
war er doch noch immer überzeugt, dass Griechenland das mächtigste
Reich Europas sei, „grösser als alle übrigen Staaten zusammen“.) --
Ich erwiderte: „Nein, die Engländer, als unsere Vettern, können wir
allerdings leichter verstehen, aber das Französische und Italienische
muss gelernt werden, wie z.B. der Amhariner das Tigrische oder der
Abessinier das Arabische lernen muss.“
Darauf fragte ich den Negus, ob er gestatte, dass ich ihm einige Gaben
überreiche. Nach erhaltener Erlaubniss hiess ich Schimper die vor dem
Gemach mit den Geschenken wartenden Diener hereinrufen.
Zuerst brachte man das prachtvolle solinger Schwert[115], welches,
ursprünglich für den Sultan von Uadaï bestimmt, sich eine Zeit lang
in den Händen der räuberischen Suya von Kufra befand, später aber
zurückgegeben wurde. „Hat Ihnen“, fragte der Negus, „der Kaiser von
Deutschland diese Geschenke für mich mitgegeben?“ -- „Nein, Majestät,
diese Gegenstände sind alle von mir und sollten ein geringes Zeichen
meiner Hochachtung sein für den Herrscher der Könige von Aethiopien.“
Sodann erschien der bei Gerson in Berlin gefertigte Schirm, eigentlich
ein kleines Sonnenzelt, und erregte durch seine gediegene Pracht fast
noch eine grössere Wirkung als das Schwert. Von echtem grünen Sammt,
reich mit Stickereien echter Goldarabesken bedeckt und langen echten
Goldfransen ringsum behangen, war er inwendig mit dickem gelben Atlas
gefüttert und hatte aufgespannt ca. 2 m Durchmesser. Die Stange und
oben der Knauf waren echt vergoldet. Der Schirm ist in ganz Abessinien
das Symbol der Fürsten, etwa wie bei uns das Scepter. In Abessinien ist
heute noch der Besitz eines Schirmes sowie Zeltes aus rothem[116] Stoff
Privilegium allein des Negus. Und wenn mein +grüner+ Schirm solch
einen überraschenden Erfolg erzielte, so war das nur der Goldstickerei
und überhaupt der in jeder Beziehung reichen und meisterhaften
Anordnung zuzuschreiben. Wie bei uns in unsern militärisch organisirten
Ländern nur die grössten kriegerischen Thaten jemand die Auszeichnung
des Sceptertragens (Marschallstabes) verschaffen können, so hängt bei
den Abessiniern die Tragung eines seidenen Schirms immer von einer
besondern Gunst des Negus ab. In letzterer Zeit erlaubte er allerdings
vielen vornehmen Herren und Damen, sich eines europäischen Schirmes
zu bedienen, und er wird jetzt wol bald jedem gestatten, in dieser
Beziehung zu thun und zu lassen, was ihm beliebt; aber 1881 war diese
Erlaubniss als für jedermann geltend noch nicht erfolgt. Nur des
abessinischen Strohsonnenschirmes darf sich gegenwärtig jeder bedienen.
Man hält in der Nähe der Residenz und innerhalb derselben so sehr auf
die Schirmordnung, dass, als ich tags nach der Hauptaudienz wieder zum
Negus gerufen wurde, ein im Hofe anwesender General mir durch Schimper
zuflüstern liess, „ich möge meinen Schirm niederspannen lassen“ -- ich
liess mir nämlich nach abessinischer Weise von einem Diener den Schirm
tragen -- „in der Residenz dürfe niemand, ausgenommen der Kaiser,
einen Schirm aufspannen.“ Ich that es indess nicht, sondern liess
erwidern, ich würde mich eines Schirmes bedienen, solange der Negus mir
es nicht verböte.
Der Burnus aus violettem Sammt, auch reich mit echtem Gold bestickt,
40 m deutsches Tuch feinster Art, war ebenfalls sehr willkommen, sowie
einige Kleinigkeiten, die in Spielsachen[117] bestanden. Natürlich
bedachte ich auch in entsprechender Weise die ersten Hofbeamten, ich
hatte für sie Taschenuhren, Goldbrocatgewänder, Doppelferngläser,
Revolver u.s.w. mitgebracht. Keiner von ihnen bettelte mich an, alle
waren vollkommen mit ihren Geschenken zufrieden, und es macht mir
besonderes Vergnügen, dies ausdrücklich bemerken zu können, weil
fast sämmtliche Reisende über die Bettelhaftigkeit der Abessinier,
namentlich auch der Grossen, zu klagen pflegten.
Freilich im allgemeinen +ist+ in Abessinien Bettelei starker
Brauch. Hungersnoth, Raub, Plünderung, Kriegführung tragen das
Ihrige dazu bei. Schon früher erwähnte ich, dass in Abessinien eine
ganze Menschenklasse davon lebt, Reisende zu begleiten und von deren
Ueberfluss zu leben. Man sieht und hört sie, merkt aber keineswegs in
unangenehmer Weise ihre Anwesenheit. Ist für sie etwas zu essen, so
sind sie da; ist nichts übriggeblieben, dann sind sie auch zufrieden.
Sie sind nie unzufrieden, zudringlich, nie klagen sie. Ja, im Laufe
der Zeit bildet sich eine Art freundlichen Verhältnisses zwischen den
eigentlichen Reisenden und diesen Bettlern: sie reisen eben mit. Auch
leisten sie gern kleine Dienste, tragen Gepäck, bringen trockenes Holz
zum Kochen und Brennen, holen Wasser, richten Botschaften aus und
werden so, ohne je Geld oder Kleidungsstücke zu verlangen, Diener der
eigentlichen Diener.
So fehlten denn auch in Debra Tabor die professionellen Bettler
nicht. Schon frühmorgens sammelten sie sich ausserhalb der Umzäunung
unserer Wohnung. Den näselnden einförmigen Gesang der Geistlichkeit um
Mitternacht in der nahen Kirche verstärkten um 3 Uhr morgens Scharen
von Mönchen durch Hymnen auf das Mitleid des deutschen Gesandten. Jung
und alt, Männer und Weiber, alles sang, heulte, rief. Trat ich morgens
um 6 Uhr oder später aus dem Zelt, sah ich wol Hunderte um mich her.
Aber sie baten auch nie vergebens, alle bekamen ihr Theil, und das geht
in Südabessinien um so leichter, als man ja Kleingeld zur Verfügung
hat: die Amole. Wenn ich ausging, gab ihnen einer der mich begleitenden
Diener eine Hand voll Thaler, gewöhnlich 10 Stück. Dass dabei unter
viel Lärm und Geschrei die köstlichsten Scenen vorkamen -- prügeln
durften sie sich nicht -- versteht sich von selbst, aber schliesslich
vertheilten sie sämmtliche Gaben mit mehr Gewissenhaftigkeit und
Verständniss, als wir es selbst hätten thun können.
Ich will noch erwähnen, dass ich dem Negus bezüglich der Herkunft
der Geschenke einige Erklärungen gab, wobei er sich besonders dafür
interessirte, zu wissen, ob alles in Deutschland verfertigt sei.
In Debra Tabor erlebten wir auch einen grossen Markttag, welcher jeden
Montag stattfindet, kleinere dagegen alle Tage, aber an verschiedenen
Orten des Districts. Die in Südabessinien vorkommenden Gegenstände sind
hier schon sehr billig. Für einen Thaler kauft man z.B. 30, manchmal
40 Pfd. Kaffeebohnen; das in Südabessinien gebräuchliche Pfund ist
freilich bedeutend kleiner als bei uns, etwa 350 Gramm. Ferner rothe,
gegerbte Ochsenhäute, drei bis vier Stück für einen Thaler. Billig
sind auch die in Abessinien gefertigten Waffen: für einen Thaler zwei
Spiesse; für einen Thaler einen aus Büffel- oder Rhinoceroshaut gut
gearbeiteten Schild. Bei mit Silberplatten belegten Schilden kommt der
Silberwerth, kaum aber die Arbeit in Betracht.
In Debra Tabor hatte ich keinen Augenblick frei, da ich jede Minute
gewärtig sein konnte, zum Negus gerufen zu werden. Dazu das lästige
Gefolge einer grossen Ehrencompagnie, selbst bei einem Spaziergange. Es
war mir daher keineswegs unangenehm, vom Negus selbst zu hören, dass
er eine Inspectionsreise (d.h. einen Raubzug) nach dem Süden hin nur
meiner Ankunft wegen verschoben habe. Nun aber würde er am 17. Februar
Debra Tabor verlassen, niemand bliebe zurück, und so brauche auch ich
nur bis zum 17. Februar zu bleiben.
Dieses „niemand bliebe zurück“ ist nicht genau wörtlich zu nehmen.
Wie Asmara, wo der Ras Alula mit der Grenzarmee zu lagern pflegt, ist
Debra Tabor, vollends Gafat und Samara, ein fast nur von Soldaten
und Hofbeamten bewohnter District. Es gibt allerdings einige kleine
Hüttenansammlungen, z.B. um die Kirche von Medani Allem, wo auch Bürger
und Bauern wohnen, aber alle diese stehen doch als Käufer und Verkäufer
in irgendeinem Verhältniss zur Armee.
Bei einer der folgenden Audienzen, zu welchen man mich täglich
abholte, hielt mir der Negus eine fast zweistündige Rede über die
Vortrefflichkeit der abessinischen Religion, über die Einheit der Natur
Jesu Christi u.s.w. Ich hütete mich wohl, ihm je zu widersprechen
oder auch nur den Anschein zu erwecken, als ob ich nicht auch
überzeugt wäre. Soll es schliesslich darauf ankommen, dass derjenige
der christlichste sei, welcher am meisten und festesten glaubt, dann
können sich die alten Aethiopier trösten: sie glauben +alles+,
was in der Bibel Alten und Neuen Testaments steht. Daher die Mordlust,
die Unduldsamkeit, der Fanatismus der abessinischen Kaiser. Was
würde der Kaiser antworten, wenn ihn jemand aufmerksam machte auf
das „Unchristliche“ solcher Raubzüge, welche Tod und Verderben über
ganze Völkerschaften verbreiten? Er würde einen jene Verbrechen, und
Sünden glorificirenden Spruch aus den Büchern Moses’ citiren. Was
soll man da machen? Ein Missionar wagte den Einwand: „Aber das steht
ja im +Alten+ Testament!“ Da antwortete der Negus: „Der Heiland
sagte: ‚Ich bin nicht gekommen, den Alten Bund aufzulösen, sondern zu
erfüllen.‘“ Er wollte dadurch beweisen, dass das Alte Testament ebenso
bindend für die Abessinier sei wie das Neue. Kann man überhaupt mit
einem Priester streiten? Und der jetzige Kaiser von Abessinien ist ja
so ein Priester, der _summus episcopus_, er kennt die Bibel wie kein
anderer.
Wenn es nun unter diesen Umständen für mich unmöglich war, auf seine
religiösen Meinungen näher einzugehen, konnte ich mich doch weniger
den politischen Gesprächen entziehen. Nicht nur erzählte mir der
Negus ausführlich die in den ersten Kapiteln dieses Buches erwähnten
Siege über die Aegypter, sondern auch seine Unterredungen mit Gordon
bezüglich des Friedens.
Leider vermochte ich ihn nicht zu überzeugen, dass Gordon, als er
in ägyptischen Diensten stand, gar keine andern Friedensvorschläge
machen +konnte+ als die, welche ihm von der ägyptischen Regierung
zu machen befohlen waren. Dass Gordon gleich darauf den ägyptischen
Dienst verliess und zwar wol hauptsächlich aus dem Grunde, weil er
die Forderungen des Negus, zum Theil wenigstens, für gerecht hielt,
das konnte er allerdings nicht leugnen, aber er wollte durchaus nicht
glauben, dass Gordon seine Ansprüche, d.h. die des Negus, jetzt
unterstütze. „Warum trat er nicht in meine Dienste? Warum verliess er
nicht die Dienste des ungläubigen mohammedanischen Fürsten?“ fragte er
beständig.
Dabei legte er denn auch mir die Frage vor, ob ich als sein
Bevollmächtigter für ihn Frieden schliessen wolle. Ich erwiderte,
falls meine Regierung dies gestatte, würde ich es als eine grosse Ehre
und für eine meiner schönsten Aufgaben betrachten, Frieden zwischen
zwei Völkern zu stiften. „Aber“, fügte ich hinzu, „ein vollkommen
bindendes Versprechen kann ich, da ich augenblicklich im Dienste des
Deutschen Kaisers stehe, nicht geben.“ -- „Versprechen Sie mir nur
in feierlichster Weise, dass Sie, wenn Ihnen Ihre Regierung keine
Schwierigkeit bereitet, als mein Stellvertreter mit dem Chedive Frieden
schliessen wollen.“ Dies that ich, nachdem ich gefragt hatte, welche
Forderungen er an Aegypten stelle. Als ich ihm bemerkte, dass ich
vielleicht einige, nicht aber alle Forderungen durchsetzen könne, sagte
er: „Ich überlasse das Ihnen, führen Sie meine Sache als mein Anwalt
nach bestem Können und Wissen.“ Das konnte ich abermals versprechen.
Was in der That gab es Schöneres und Edleres, als zwischen zwei grossen
Ländern Frieden zu schliessen, dazu beizutragen, dass man endlich
jenen Raubzügen, jenen Plünderungen, jenem Abfangen von Menschen ein
Ziel setze! Ist nicht Friedenvermitteln eine der erhabensten Thaten?
Der Krieg erzeugt das Böse, der Friede das Gute. Jeder Krieg ist
verabscheuungswürdig, wenn auch zuweilen unvermeidlich. Ausserdem war
der Antrag und Auftrag des abessinischen Kaisers so ehrenvoll für mich,
dass ich nicht umhin konnte, Schimper zu fragen, weshalb die Wahl
des Negus auf mich gefallen sei. Hatten ihm meine Geschenke, welche
ja persönlich von mir kamen, so imponirt? Glaubte er, ich würde ihm
mit Deutschland einen guten Hinterhalt verschaffen? Meinte er, dass,
weil ich an dem Feldzuge der britischen Armee theilnahm, also auch
früher schon die Verhältnisse Abessiniens kennen lernte, für die mir
zugedachte Rolle ich ihm besonders geeignet erscheine? Ich vermuthe,
alles dies zusammen bestimmte den Negus zu seinem so ehrenvollen
Vorschlage, vornehmlich aber doch meine Theilnahme am britischen
Feldzuge. Denn nicht nur fragte er wiederholt, ob ich auch Lord
Napier persönlich kenne, sondern er gab mir auch den vor Jahresfrist
an ihn gerichteten Brief der Königin Victoria zu lesen. In der That
wusste Johannes den Einfluss und die Macht Englands nicht hoch genug
anzuschlagen und besonders über Lord Napier war er des Lobes voll.
Und auch mit Recht, denn ohne Lord Napier wäre Kassai nicht Johannes
geworden. So theilte er mir auch mit, Lord Napier habe an ihn einen
Brief gerichtet, Gordon nicht als Gefangenen zurückzubehalten, was er
selbstverständlich auch nie würde gethan haben, denn Gordon, obwol
ägyptischer Pascha, sei doch Engländer. --
Auch dem Etschege, damals dem höchsten Geistlichen des Landes, machte
ich einen Besuch. Ich war einigermassen in Verlegenheit, was ich diesem
vornehmen Mann als Geschenk geben sollte, fand aber dann noch einen
rothtuchenen, mit Gold gestickten Burnus, Brocatstoff, Sammt und andere
Gegenstände, womit er auch zufrieden zu sein schien. Hätte ich seine
Anwesenheit beim Negus vorher gewusst, würde ich natürlich passendere
Geschenke für ihn bereit gehalten haben. Ich fand in ihm einen höchst
aufgeklärten Mann, aufgeklärter, als man es von einem so hohen
abessinischen Geistlichen erwarten sollte.
Auch meine vorgefasste Meinung über den Charakter des Negus Negesti
musste ich zu seinen Gunsten corrigiren. Ein Wütherich, ein perfider
Mensch sollte er sein, und zwar fällte man schon während der englischen
Expedition dieses Urtheil über ihn. Und doch erwies er sich dort als
ein treuer Bundesgenosse, als ein Mann von Wort. Mit Zagen ging ich
zu ihm hin, die Berichte der Missionare lauteten über ihn äusserst
ungünstig. Ich fand aber in ihm einen ganz vernünftigen Menschen. Dass
er keine Missionare in Abessinien dulden will? Auch wir haben die
Jesuiten ausgewiesen; er ist Herr in seinem Lande, +sein+ Wille
ist Gesetz, dem Gesetz muss man gehorchen. Dass er das Rauchen verbot?
Auch bei uns war es einst verboten, wer wollte ihm das vorwerfen? Dass
er bei vielen Gelegenheiten grausame Strafen verhängt? Er beruft sich
dabei auf das Alte Testament!
Indess theilte er mir mit -- ob diese Worte aber aufrichtig gemeint
sind, wage ich nicht zu unterschreiben -- dass er, im Fall es ihm
gelänge, mit Aegypten Frieden zu schliessen, sein Land den Europäern
öffnen wolle. Nicht nur wünsche er alsdann Handwerker und Künstler,
sondern auch Gelehrte herbeizuziehen. Am liebsten wäre es ihm, wenn
Eisenbahnen und Strassen sein Land durchzögen, um durch directe
Verbindung mit europäischen Ländern seine Waaren dorthin zu schaffen
und andere von dort zu beziehen. Aber erst müsse Friede geschlossen
sein.
Bei den jetzigen militärischen Verhältnissen des Landes ist aber, auch
nach geschlossenem Frieden, an eine eigentliche Civilisation des Volkes
nicht zu denken. Die Soldaten leben eben nur durch Raub und Plünderung.
Das Nothwendigste für Abessinien wäre, Regelmässigkeit in die Abgaben
zu bringen und sonach auch eine Bezahlung der Soldaten möglich zu
machen.
Von den beiden Brüdern Naretti empfingen wir viel Freundschaft,
obgleich sie uns natürlich nicht das sein konnten, was sie den
italienischen Reisenden gewesen waren, da wir ja Schimper zum Dolmetsch
hatten. Der ältere Naretti, schon seit Jahren in Abessinien, mit einer
Tochter Zander’s, aus Anhalt, verheirathet, welcher beim Kaiser Theodor
Kriegsminister gewesen war, nahm beim Negus die Stelle eines wirklichen
geheimen Oberzimmermeisters ein und nicht, wie man wol angab, die eines
Ministro della casa del Rè. Er leitete die Arbeiten zur casa del Rè,
wie er denn auch das Holzwerk zu vielen Kirchen behauen, bearbeiten und
hübsch schnitzen liess. Aber mit eigentlichen Regierungsangelegenheiten
befasste sich Naretti wol schwerlich. Beide Brüder, in jeder Beziehung
Ehrenmänner, besuchten wir nicht selten in ihrer dicht neben der
Residenz des Negus befindlichen gemeinschaftlichen Wohnung und freuten
uns jedesmal, dies thun zu dürfen. Sie waren, was Stühle, Tische,
Betten, Anzüge u.s.w. anbelangt, ganz europäisch eingerichtet, gingen
meist auch europäisch gekleidet, auch Frau Naretti, welche, in der
schwedischen Mission erzogen, Amharisch und Italienisch sprechen und
schreiben und, wie es scheint, auch vorzüglich kochen gelernt hat.
Jedesmal, wenn wir das Vergnügen hatten, bei Narettis zu speisen,
erfreuten wir uns eines vorzüglichen Tisches, wobei auch die Kartoffeln
nicht fehlten, welche, ursprünglich vom alten Schimper eingeführt, in
einigen Gegenden Debra Tabors gezogen werden und sicherlich durch die
vormals zahlreich in Gafat lebenden europäischen Arbeiter Verbreitung
fanden.
Am Tage vor meiner Abreise berief man mich zur Abschiedsaudienz, und
unser Balderaba, der Budjurun-Lauti, hatte zugleich den Auftrag, mich
zu beschenken. Denn wenn es auch nothwendige Sitte ist, dem Kaiser
Geschenke mitzubringen, so entlässt er doch keinen ohne Gegengeschenke.
Da wurden zuerst zwei prächtige Hengste und zwei schöne Maulthiere
vorgeführt. Das eine Pferd hatte silbernes Geschirr, aber auch
Sattelzeug und Geschirr der andern Thiere war überaus prächtig.
Sodann wurde mir ein Goldbrocatkleid angezogen, eine silberne, mit
Goldfiligran umsponnene Armspange angenestelt, ein blausammtner
Schild mit Silberplatten nebst zwei ausserordentlich schönen Spiessen
dargeboten. Der Abschied vom Negus war kurz und herzlich. Als man
mir die Geschenke nachführte, schickte ich den einen Hengst zurück.
Das Thier war zu edel, zu schön, um eine so beschwerliche Reise bis
zum Rothen Meere ertragen zu können. Die Abessinier beschlagen ihre
Pferde und Maulthiere nicht, und wenn letztere auch abgehärteter sind
und das Reisen ohne Hufeisen ertragen, so gehen Pferde fast immer zu
Grunde. Der Budjurun-Lauti machte anfangs Schwierigkeiten, das Pferd
zurückzunehmen, aber endlich nahm er es doch.
Grössere Mühe machte das Ablehnen eines Geschenkes von 1000 Thaler
(4000 Mark), welches der Negus mir mittels Anweisung auf den Gouverneur
von Schire wollte auszahlen lassen. Immer und immer kam unser Balderaba
darauf zurück, ich dürfe das Geld nicht ausschlagen, und ebenso
beharrlich erwiderte ich, dass ich kein Geld nöthig habe. Es beweist
das aber auch, wie geldarm der Negus ist, denn im Besitze einer so
grossen Summe würde er sie geschickt und nicht angewiesen haben.
Gordon, dem er eine gleiche Summe „zuschickte“, wies ebenfalls das Geld
zurück, während, wie Herr Naretti sagte, die übrigen Herren meistens
das Geld ohne weiteres nahmen. Die Unterhandlung mit dem Balderaba
wegen des Geldes dauerte über eine Stunde, bis ich endlich erklärte,
ich bliebe bei meinem Nein und würde nun nicht mehr antworten. Bei
dieser Gelegenheit sei mir gestattet, darauf aufmerksam zu machen, dass
die Berichte von dem hohen Tribut, den der König von Schoa zu zahlen
hätte, meiner unmassgeblichen Meinung nach bedeutend übertrieben sein
müssen. Matteucci[118] spricht von 150000 Lire (fast 50000 Thaler),
die, abgesehen von vielen andern Dingen, welche hier zu nennen kein
Interesse vorliegt, alljährlich vom König von Schoa an den Negus
Negesti entrichtet werden müssten. Es kann dies schon deshalb nicht
wahr sein, weil der Negus nicht einmal das Geld zum „Kaufen“ eines
Abuna zusammen hatte. Und diese Summe betrug doch nur 7000 Thaler.
In dieser Beziehung sind übrigens die Abessinier wie die Marokkaner,
d.h. sie haben von Zahlen gar keinen Begriff. Als die Marokkaner unter
Mulei-el-Abbes mit Spanien Frieden schlossen, erklärten sie sich ohne
grosse Schwierigkeit bereit, die Millionen zu zahlen, als es aber zum
Abzählen des Geldes kam, fand es sich, dass alle ihre Schätze bei
weitem nicht ausreichten; sie wussten gar nicht, was eine Million ist,
sie kannten den Namen, hatten aber keinen Begriff davon. Und so geht
es mit den Abessiniern auch. Wenn das Volk sagt oder das Gerücht geht,
Menelek zahle an Johannes 50000 Thaler, so glaube ich schon sehr hoch
zu greifen, wenn ich 5000 darunter verstehe.
Den letzten Tag speisten wir noch bei Narettis, welche uns immer mit
gleich liebenswürdiger Freundschaft empfingen und mit Rath und That
unterstützten. Zugleich sagte uns Naretti, er begleite den Negus nicht,
sondern bleibe in Samara, um die Kirche zu vollenden, welche der
Negus ihm zu bauen aufgetragen habe. Da Stecker in den letzten Tagen
fieberkrank geworden war, luden sie denselben ein, bei ihnen zu wohnen.
Die Erlaubniss, eine Reise nach dem Tana machen zu dürfen, hatte der
Negus ohne Schwierigkeit auf meine Bitte bewilligt. Mir that es leid,
bis zum Tana-See nicht mit Stecker zusammen reisen zu können, aber
sein Zustand erforderte einige Ruhe, um sich für spätere Unternehmungen
kräftigen zu können. Und da es nun einmal geschrieben stand, dass
wir uns in Samara trennen sollten, so wurde mir der Abschied dadurch
weniger schwer, dass ich ihn in Gesellschaft guter Leute und noch dazu
bei Europäern einquartiert wusste.
ELFTES KAPITEL.
AM TANA-SEE.
Aufbruch des ganzen kaiserlichen Lagers. -- Der Negus erscheint.
-- Die Lagerordnung. -- Reisegesellschaft, darunter drei vornehme
Damen. -- Hundert Soldaten zur Bedeckung. -- Eintretender
Mangel, da die Karavane sich bis zu 1000 Menschen verstärkt.
-- Lieblichkeit der Gegend. -- Der Aasgeierberg. -- Die erste
steinerne Brücke in Abessinien. -- Ein Waldbrand. -- Lagerplatz
dicht am Wasser des Tana-Sees. -- Beschreibung des Tana. -- Die
Kirche auf der Insel im See. -- Die Soldaten plündern in den
Hütten der Bewohner. -- Aufbruch. -- Der Zolldirector. -- Dembea
die reichste und bevölkertste Provinz Abessiniens. -- Der zu klein
befundene Ochs und abermals Plünderung der Soldaten. -- Ankunft in
Gondar.