einigen Minuten östl. L. von Greenwich und vom 11.° 50′ nördl. Br.
geschnitten und liegt ca. 2500 m über dem Meere. Am Fusse des Hügels
Samara, auf welchem sich die königliche Residenz befindet, hatten
wir die Höhe von 2496 m. Unter dem Einflusse des mächtigen Guna, der
fast die Höhe des Montblanc erreicht und dessen Gipfel beinahe immer
Wolken umhüllen, stürzen sich zahlreiche Bäche nach der Ebene hinab,
welche auch zur trockensten Jahreszeit nicht des Wassers ermangelt. Auf
dieser bedeutenden Höhe über dem Meere, zumal auf den höchsten Punkten
der Gebirge, beginnt der Unterschied zwischen trockener und nasser
Jahreszeit zu schwinden. In Semien z.B. und in andern ebenso hohen
Gegenden Abessiniens regnet es in der sogenannten trockenen Jahreszeit
fast täglich. So auch auf den Guna-Bergen, was denn bewirkte, dass seit
Jahrtausenden die ewig rieselnden Wasserfäden sich tief in die fette
Dammerde einschnitten, bis sie den basaltischen Grund erreichten, auf
welchem sie nun weiter auswaschen und zerstören.
Diese prachtvolle Hochebene hat klimatisch ungefähr dieselben
Verhältnisse wie Talanta und Uadela. Hier ist es im Winter nicht zu
kalt und wegen der immerhin bedeutenden Höhe im Sommer nicht zu heiss.
Hier könnte in der That der Boden alles hervorbringen, was auf der
Erde wächst. Traurig aber, dass gerade in Abessinien gar kein Sinn für
Obstcultur vorhanden ist, dass man Getreide und Gemüse nur insoweit
anbaut, als man für den Jahresbedarf nothwendig zu haben glaubt.
Zwar die jeweiligen Herrscher versuchen manchmal zusammengeraubte
Einzelvorräthe in Magazinen zu vereinigen, aber jedesmal haben sie
sich in ihren Vorausberechnungen geirrt, jedesmal kamen sie zu kurz,
und Hungersnoth war die Folge. Man wird sich erinnern, wie traurig der
Verproviantirungsversuch Theodor’s in Magdala ausfiel, obwol er, wie
man sagte, seit Jahren dort Korn und Vieh zusammenschleppte. Theodor
hätte, falls er nicht ohnehin schon, nachdem man bei Aroge seine Armee
aufs Haupt geschlagen, vernichtet gewesen wäre, bereits nach kürzester
Zeit keine andere Wahl gehabt, als entweder kämpfend zu sterben oder
sich zu ergeben. Trotz seines Geschenkes von zwölf Ochsen an Lord
Napier, welche dieser bekanntlich zurückwies, stand er an der Schwelle
der Hungersnoth.
Die Landschaft Debra Tabor hat andererseits den unschätzbaren Vortheil
der centralen Lage und ist in dieser Beziehung weit besser gelegen als
die Stadt der Atse[105], Gondar, welche zwar leicht zu befestigen wäre,
aber während eines grossen Theils des Jahres ganz ausser Verbindung mit
vielen Provinzen bleibt. Wenn der Takase seine Wassermengen durch die
engen Thäler drängt, dann ist Gondar von Nordabessinien abgeschnitten
oder kann doch nur auf grossen Umwegen erreicht werden. Dem ist die
Landschaft von Debra Tabor, in der die königliche Residenz Samara
liegt, nicht ausgesetzt. Maassgebend war auch wol für Ras Ali bei der
Uebersiedelung nach Debra Tabor seine Unlust, denselben Aufenthaltsort
mit dem Atse zu theilen. Denn wenn auch zu seiner Zeit schon die
abessinischen Kaiser zu einer blossen Null herabgesunken waren, so hing
ihnen doch noch immer ein gewisser historischer Nimbus an, und das
schon musste für den Emporkömmling zu viel sein. Seit Ras Ali haben,
ob mit Ueberlegung oder nicht, die folgenden Herrscher Debra Tabor
immer bevorzugt. Und wenn sie sich auch nicht immer dort aufhielten,
denn bei der Verfassung des Landes +kann+ jetzt der Kaiser gar
nicht an einem und demselben Ort weilen, so war doch sowol bei Theodor
wie bei Johannes Debra Tabor der bevorzugte Lagerplatz der kaiserlichen
Heere.
ZEHNTES KAPITEL.
MEINE AUDIENZEN BEIM NEGUS NEGESTI.
Erste kurze Audienz beim Negus. -- Seine Wohnung. -- Der Balderaba
oder Geschäftsvermittler. -- Die Wohnung des Grossschatzmeisters.
-- Das Riesenzelt. -- Gastgeschenke des Negus. -- Feierliche
Audienz beim Negus. -- Der Etschege. -- Ueberreichung des Briefes
vom Deutschen Kaiser. -- Seltsame Ansichten des Negus. -- Vorlesung
des Briefes. -- Ueberreichung der Geschenke. -- Die Wichtigkeit
eines seidenen Schirmes in Abessinien. -- Die Bettler. -- Ein
Markttag. -- Tägliche Audienzen. -- Der Negus will den Reisenden
zum Friedensvermittler zwischen Abessinien und Aegypten. --
Günstiges Urtheil über den Negus. -- Die Wohnung und Stellung
Naretti’s. -- Abschiedsaudienz. -- Geschenke des Negus, darunter
eine Anweisung auf 4000 Mark, die der Reisende ablehnt. -- Herr
Stecker bleibt bei den Narettis zurück.
Inzwischen kam vom Negus ein Bote: wir sollten ohne Verzug zu ihm
kommen. So ritten wir denn durch eine kurze Hecke gaffenden Volkes.
Grosse und kleine Gehöfte, in deren Mitte sich Hütten befinden, welche
je nach dem Range des Besitzers aus drei, zwei oder auch nur einer
bestehen, säumen den schmalen Pfad, an dessen Seiten Gras, Buschwerk
und Unkraut lustig emporwuchern. Auch hier, in der unmittelbarsten
Nähe der Residenz, sind die Wege derart holperig und krumm, dass
man die Bewohner im Vergleich mit westeuropäischen Verhältnissen
für vollkommene Barbaren halten möchte. Freilich, wenn man an die
abscheulichen Wege des heutigen Russland, Ungarn denkt, wo die
Bewohner doch halbwegs civilisirt sein wollen, so findet man in diesem
abessinischen Zurückgebliebensein nichts Auffälliges mehr.
Wir erreichten jetzt eine Plattform, wo eine Batterie mit Kanonen
neuester Construction, die man den Aegyptern abnahm, aufgestellt war.
Hier empfing und begrüsste uns der Balata-Geta[106] und überliess uns
einem zweiten höhern Hofbeamten, der uns in das mit konischem Strohdach
versehene Thorgebäude führte. Hier mussten wir unsere Maulthiere
verlassen. Das runde Thorgebäude war angefüllt mit Beamten, Offizieren,
Landleuten, welche Geschenke oder Steuern brachten oder vielleicht
appelliren oder Berufung gegen ein Urtheil einlegen wollten. Man musste
sich fast durchdrängen.
Alsdann ging es in einen ca. 100 m langen, 20 m breiten Vorraum, in
welchem Soldaten vierreihig in möglichst gerader Linie aufgestellt
waren, alle ohne Ausnahme mit Remingtongewehren, die man ebenfalls
früher den Aegyptern abnahm. Dennoch aber, trotz des kriegerischen
Aussehens -- mag man über die den Aegyptern abgewonnenen Schlachten
denken wie man will --, die Leute, wie überhaupt die abessinischen
Soldaten, machten doch den Eindruck, dass sie vor gutgeschulten
europäischen und selbst vor +gutgeführten+ ägyptischen Truppen
nicht würden standhalten. Malerisch allerdings war der Anblick:
die Offiziere mit schwarzen oder bunten Pardelfellen umhangen,
andere mit kostbaren blau- oder rothsammtnen Schilden, beschlagen
mit Silberplatten, auf welchen Goldfiligransterne sassen, dazu die
Haltung der ohnedies so graziösen Abessinier -- alles das machte einen
überraschend schönen Eindruck. Man glaubte irgendeinen Aufzug vor
sich zu haben, und ein Aufzug, eine Parade war es ja auch. Langsam
schritten wir durch die lebende Gasse buntgekleideter Soldaten, und
eine zweite, grössere runde Halle empfing uns, in welcher der Kaiser
bei regnerischem Wetter Recht zu sprechen pflegt. Wir mussten hier
kurze Zeit halt machen, da man abermals dem Negus unsere Ankunft
anmeldete. Auch dieses Gebäude war voller Offiziere, Gouverneure,
hoher Beamter sowie niederer Diener. Aber man bekümmerte sich fast gar
nicht um uns, sei es, dass man sich bereits an das Erscheinen fremder
Gesandter gewöhnte, oder auch wegen der Nähe des Negus eine grössere
Zurückhaltung beobachten zu müssen glaubte. Blos einige Diener boten
uns niedrige Schemel zum Sitzen.
Nun aber erschien der Afa Negusti[107], welcher ein hohes richterliches
Amt am Hofe von Abessinien bekleidet, um uns zum Negus zu geleiten.
Nach abermaliger Durchschreitung eines Hofraumes erstiegen wir auf
einer sehr steilen, unangenehm glatten Treppe aus Basaltsteinen das
grosse Gemach, in welchem der Kaiser fremde Gesandte zu empfangen
pflegt. Dieser Raum, die vordere Abtheilung eines von Herrn Naretti
erbauten und speciell zur Wohnung des Negus bestimmten Gebäudes ist
keineswegs eines Kaisers würdig, selbst nicht in Abessinien. Wie ganz
anders wohnten da die Kaiser in den noch ziemlich gut erhaltenen
monumentalen Schlössern Gondars! Die dunkle und finstere Wohnung des
Negus in Samara glich ganz einer _Casa di campagna_, wie man sie in
ihrer dunkeln Färbung auf den Bergen Umbriens und der Emilia sieht.
Die unbehauenen, durch Mörtel verbundenen Basaltsteine haben mit dem
niedrigen Dache _à cheval_ nichts Imponirendes. Die Wohnung besteht aus
zwei Abtheilungen, einem vordern und einem hintern Zimmer; aus letzterm
kann der Negus gleich in seine grossen runden Wohnhütten gelangen.
Das vordere, etwa 10 m lange und 8 m breite Gemach, in das man uns
führte, war durchweg mit schönen weichen persischen Teppichen belegt.
An den Wänden ringsum hingen äusserst wirkungsvoll blendendweisse,
rothgeränderte Schama, von welchen auch genügend Licht durch die
einzige Oeffnung, die Thür, zurückstrahlte. Im Hintergrunde, gerade
dem Eingang gegenüber, sah man eine Erhöhung, belegt mit blauem
Sammt, an welchem massiv silberne Fransen hingen; ausserdem einen
Angareb, d.h. ein abessinisches, hier mit schönen Teppichen, Fellen
und seidenen Kissen belegtes Sofa. Der Negus sass nach türkischer
Manier zwischen zwei Kissen. Neben ihm standen für uns zwei hübsche,
weisslackirte und vergoldete Rococostühle, mit Polstern von geblümter
rother Seide. Einige nicht mit jenen vorhin erwähnten weissen Tüchern
behangene Nischen enthielten prachtvolle Krüge, Vasen, Becher u.s.w.
aus getriebenem Gold oder Silber, alles abessinische Arbeit. Sie würden
jeden Sammler und Kunstkenner entzückt haben.
Der Negus war in abessinischer Tracht: vollkommen in seinen Margef
gehüllt, jenes prachtvolle Umschlagetuch, welches, weicher als
Seide, aus feinster Baumwolle gewebt und an beiden Enden mit 40 cm
breiten Seidenborden in wundervollen Farben durchflochten ist. Kopf
und Gesicht steckten ebenfalls, Augen und Stirn ausgenommen, in der
Umhüllung. Aber durch das feine Gewebe des Margef bemerkte man sein
nach kriegerischer Art geflochtenes Haar, aus welchem eine reizende
Goldfiligrannadel hervorlugte.
Wir verbeugten uns tief, worauf der Negus uns näher zu sich
heranwinkte, seine Hand aus der Umhüllung hervorlangte und, die meine
schüttelnd, uns ein herzliches Willkommen entbot. Bei dieser Audienz
waren nur zugegen der Budjurun[108]-Lauti, Dr. Stecker und Ngdaschit
Schimper als Dolmetsch. Der Negus erkundigte sich nach der Gesundheit
des Kaisers, des kaiserlichen Hauses, des Fürsten Bismarck und des
deutschen Heeres. Als ich darauf zufriedenstellend antwortete und auf
meine Frage nach der Gesundheit des Negus und seines Heeres ebenfalls
gute Antwort erhielt, meinte der Negus, dass wir, von der langen Reise
ermüdet, es wol vorzögen, uns zurückzuziehen; unser Balderaba sei der
Budjurun-Lauti. Von diesem geführt, verliessen wir die Wohnung des
Negus. Während der Audienz donnerten der Gesandtschaft zu Ehren die
Kanonen.
Zum nähern Verständniss füge ich hinzu, dass nicht nur jeder
Ausländer, sondern auch die Abessinier zu ihrer Vermittelung mit einem
Höherstehenden oder auch einem fremden unbekannten Gleichstehenden
eines „Balderaba“ bedürfen, welcher gewöhnlich ein Vertrauter
dessen ist, mit dem man in Verbindung zu sein pflegt. Der Budjurun,
sonst schon eine der einflussreichsten Personen am Hofe der Kaiser
von Abessinien -- denn auch dort ist Geld und Gut wie bei uns
gleichbedeutend mit Macht --, hat unter dem gegenwärtigen Kaiser den
ersten Rang. Eigentlich soll ja der Fitorari, d.h. der Vorkämpfer der
kaiserlichen Heere, über allen andern stehen, aber auch in Abessinien
weiss sich manchmal durch eigene Geschicklichkeit oder sonstwie ein
Beamter oder auch ein Offizier einen höhern Einfluss zu erringen, als
ihm seiner Stellung nach zukommt. Wir hatten also nicht nur einen
sehr einflussreichen Gastgeber, sondern auch einen allmächtigen
Balderaba bekommen. Und ohne einen solchen geht es nun einmal nicht
in Abessinien. Namentlich zwischen fremden Personen ist anfangs ein
directer Verkehr undenkbar. Mir ist es z.B. häufig vorgekommen, dass
ein von irgendjemand an mich abgeschickter Bote, wenn er auch nur einen
Tag in meinem Lager blieb, sofort einen Balderaba verlangte, d.h. einen
meiner Diener, welcher einen etwaigen Verkehr zwischen ihm und mir zu
vermitteln hätte.
Wir ritten also, sobald wir die Wohnung des Negus verlassen hatten,
vom Oberstschatzmeister begleitet, zu dessen Wohnung, die am Fusse
des Hügels lag und aus einer grossen Umzäunung bestand, welche
verschiedene grössere und kleinere Tokul enthielt. An der einen Seite
fand ich ein weissleinenes Zelt aufgeschlagen, ein unwohnliches, weil
von ungewöhnlicher Grösse: mein eigenes Prachtzelt, das doch auch 5
m im Geviert hielt, hätte viermal darin stehen können. Es war das
grosse Zelt, welches die italienische Geographische Gesellschaft dem
König Menelek von Schoa schenkte und dieser dann seinem Herrn, dem
Negus Negesti, zu Füssen legte. Da ich es für mich in der That zu
ungemüthlich fand, bat ich Budjurun-Lauti, mir zu gestatten, mein
eigenes Zelt, das ausserdem ein doppeltes Dach und doppelte Wände
besass, aufschlagen zu dürfen. Leider ging das nicht an; das wäre,
meinte er, eine Beleidigung des Kaisers, der eigens befohlen habe,
für mich sein grosses Paradezelt aufzurichten. Man hätte einen Ball
darin geben können, so geräumig war es. Als Geräth enthielt es aber
weiter nichts als zwei Angareb, jene hohen und breiten, mit Streifen
ungegerbter Rindshaut überzogenen Bänke der Abessinier, die man jedoch
hier mit hübschen Teppichen überdeckte. Auch vor denselben lagen
solche. In einer Ecke befand sich eine ca. 0,5 m tief in den Boden
gegrabene Röhre[109], um darin etwaige Bedürfnisse zu verrichten,
brauche aber wol kaum zu sagen, dass ich diese Bedürfnissanstalt gleich
zuschütten liess, welche an jene ominösen Spalten erinnert, wie man
sie auf den französischen Bahnhöfen, in den Hotels der kleinen Städte
Frankreichs und in fast allen französischen Privathäusern findet.
Mittlerweile war es Abend geworden, der Tag ging auch schnell genug
dahin mit Empfang von Beamten und andern, welche uns besuchten. Für
meinen Reisegefährten, Dr. Stecker, liess man ebenfalls ein Zelt
aufschlagen, ebenso fanden die Diener ein gutes Unterkommen, und unsere
müden und wunden Maulthiere trieb man auf die Weide, welche in vollster
Pracht grünte und blühte. Natürlich erhielten wir gleich, nachdem wir
uns kaum eingerichtet, die Gastgeschenke des Negus: 3 Ochsen, 5 Schafe,
300 Brote, Mehl, Gerste, Honig, Butter und Wachsdrähte, deren man sich
in Abessinien anstatt der Kerzen bedient; grosse Krüge mit Tetsch;
Krüge mit Bier, und ein besonderes Geschenk vom Negus für mich: eine
Flasche mit in Gondar gebranntem Schnaps. Diese Gaben wiederholten
sich von nun an regelmässig in derselben Weise, solange wir in Samara
verweilten. Aber auch andere machten Willkommsgeschenke, vor allen
natürlich unser Wirth, der Budjurun, ausserdem viele, die es für ihre
Pflicht hielten, den Gast des Negus ebenfalls zu beschenken. Mancher
freilich hatte es auch wol nur auf das Gegengeschenk abgesehen.
Am folgenden Tage sollte die eigentliche feierliche Audienz, die
Ueberreichung des kaiserlichen Schreibens sowie die Uebergabe meiner
Geschenke vor sich gehen. Früh zogen wir daher unsere besten Kleider
an, liessen unsere Maulthiere besonders schön satteln, und um 8 Uhr
morgens, von unserm Balderaba, dem Budjurun-Lauti abgeholt, ritten
wir, begleitet von einer Zahl unserer Diener, welche bewaffnet waren,
während andere die Geschenke trugen, nach der kaiserlichen Residenz
hinauf.
Der Negus empfing mich mit demselben Ceremoniell wie tags zuvor, nur
diesmal in Gegenwart des Etschege, zu der Zeit der oberste Geistliche
Abessiniens, da das Land Anfang 1881 keinen Abuna besass. Von allen
Abessiniern darf der Etschege allein sich in Gegenwart des Kaisers
setzen, ohne specielle Erlaubniss dazu erhalten zu haben. Wie alle
Geistliche des Landes, trug er einen weissen Turban, der, um seine
hohe geistliche Würde auch äusserlich in die Augen fallen zu lassen,
von enormem Umfang und pyramidaler Höhe war. Sein übriger Anzug bestand
in einem schwarztuchenen Burnus; hochschnabelige Schuhe standen ihm zur
Seite. Er sass auf dem Teppich, der den Fussboden bedeckte. In der Hand
hielt er ein grosses Kreuz aus massivem Golde.
Freudiges Entzücken malte sich auf dem Antlitz des Negus, als ich
ihm den in einer rothsammtnen, geschmackvoll decorirten Mappe
ruhenden Brief des Kaisers von Deutschland überreichte. Der Herrscher
Aethiopiens löste die schwarzweissrothseidene Schnur, welche die
Umhüllung zusammenhielt, und jetzt, auf weissem Atlas liegend,
zeigte sich seinen erstaunten Augen der auch äusserlich prachtvoll
ausgestattete kaiserliche Brief. Der Umschlag von blauem Papier, wie
alle die, welche von unserm erhabenen Monarchen ausgehen, enthielt in
goldenen und buntgemalten Buchstaben die Adresse: „An Johannes, König
der Könige von Aethiopien, Majestät.“
„Das +ist+ ein kaiserliches Schreiben!“ rief der Negus entzückt
aus, indem er den Brief hervorzog und das rothe Siegel betrachtete,
welches jedoch durch die fürchterliche Hitze in Massaua ganz den
Wappeneindruck verloren hatte. Der Negus, dies bemerkend, stellte dann
sofort die Frage: -- Schimper dolmetschte wieder, Naretti war bei
keiner der Audienzen zugegen -- „aber hat Deutschland denn kein Wappen
wie England und Frankreich?“ „Ja“, erwiderte ich, „aber die Hitze hat
das Siegellack geschmolzen; indess werden Djanhoi[110] in dem Briefe
selbst das grosse Staatssiegel Deutschlands, welches das meines
gnädigen Herrn ist, finden.“
Der Negus drehte den Brief hin und her, triumphirende Blicke auf seine
abessinische Umgebung werfend, als wollte er sagen: Seht ihr dies
Schreiben, welches der mächtigste Monarch Europas dem mächtigsten König
von Aethiopien[111] sendet? Habt ihr nun alle begriffen, dass ich
wirklich der von Gott Auserwählte bin? Gibt es überhaupt noch jemand,
welcher an meiner Allmacht Zweifel erheben könnte? Das mochten sicher
die Gedanken des abessinischen Monarchen sein: man konnte sie fast von
seinem Antlitz ablesen.
Der Negus drehte den Brief noch einmal hin und her, jede Einzelheit
daran schien ihn zu interessiren, dann übergab er ihn dem Etschege,
damit auch dieser die kostbare Umhüllung bewundern könne. Endlich wagte
ich die Frage, da das Bewundern gar kein Ende nahm: „Wollen Majestät
nicht den Brief öffnen, damit ich ihn lese und Herr Ngdaschit ihn
übersetze?“
Der Kaiser sah mich an, drehte noch einmal den Brief um, ja, er
schien eine gewisse Angst zu empfinden. Fürchtete er irgendeinen
Zauber? Dann schnell zu Ngdaschit sich wendend, sagte er: „Bitte Herrn
Rohlfs, das Siegel zu erbrechen und dann mir Satz für Satz den Brief
vorzulesen.“ Ich nahm also das kaiserliche Schreiben wieder aus seinen
Händen entgegen, zerbrach mit grosser Langsamkeit, mit einer gewissen
Feierlichkeit das Siegel und entfaltete den auf grossen Quartseiten
kalligraphirten Brief, welcher die eigenhändige Unterschrift unsers
Deutschen Kaisers enthielt.
Eben wollte ich mit dem Lesen desselben beginnen, als der Negus
rief: „Verzeih, lass mich vorher den Brief sehen!“ Ich beeilte mich,
das Schreiben dem Negus wieder zuzustellen. Jede Seite wurde nun
genau untersucht, besonders aber das unten sich befindende grosse
Staatssiegel gemustert. „Frankreich hat auch einen Adler im Wappen“,
hob der Kaiser wieder an. -- „Ja“, sagte ich, „es +hatte+
vorübergehend dieses Wappenzeichen unter der Herrschaft der
Napoleoniden.“
„Warum sind gewisse Worte im Briefe besondere schön und grösser
geschrieben?“ fragte dann der Negus, und dabei zeigte er auf die Worte
„Wilhelm“ und auf seinen eigenen Namen „Johannes“. Ich erklärte ihm,
dass der Künstler die Namen des Deutschen Kaisers und des Königs der
Könige von Aethiopien stets durch besondere kalligraphische Schönheiten
hervorgehoben hätte.
„Das ist eine grosse Aufmerksamkeit, welche früher auch in Habesch
(Abessinien) Sitte war“, bemerkte er. -- „Ihr Kaiser ist ein
wirklicher Kaiser“, hob der Negus wieder an, „er ist Negus Negesti
von Deutschland, wie ich es jetzt von Abessinien bin, denn man hat
mir gesagt, dass viele Könige unter dem Kaiser von Deutschland
regieren.“ -- „Das ist vollkommen richtig, Majestät; früher hatten
sich zwar manche Fürsten mit Hülfe des Kaisers Napoleon unabhängig
gemacht, auch war die Kaiserwürde schon einmal erloschen, aber seit
Jahren hat Deutschland einen Kaiser, und alle Fürsten Deutschlands
erkennen im Kaiser ihren obersten Kriegsherrn.“ -- „Das ist gerade wie
bei uns in Abessinien“, erwiderte der Negus. „Aber seitdem ich den
Thron[112] meiner Väter bestieg, den auswärtigen Feind, die gottlosen
Mohammedaner, besiegte und endlich im Innern Herr der Rebellen wurde,
habe ich das alte äthiopische Reich geeint und wiederhergestellt, so
wie es bestand, als mein Urahn, Menelek, der Sohn Salomonis, es von
seiner Mutter, der Königin von Saba, ererbte.“ Nach einer kleinen Pause
-- denn Schimper musste mir das alles verdolmetschen, und ich wusste
nicht, was ich auf diese sonderbare Abstammungsrede erwidern sollte --
fuhr der Negus fort: „Frankreich hat jetzt keine Regierung, und die
Königin von England keine Könige unter sich, wie kommt das?“ -- Er
hatte sich inzwischen beim Reden so belebt, dass ihm der Margef, den er
auch diesmal trug, ganz vom Gesichte glitt. Ich erwiderte durch meinen
Dolmetsch: „Frankreich hat allerdings eine Regierung, und Englands
Königin hat mehrere Könige, sogar mohammedanische Fürsten unter sich.
Das englische Reich ist überhaupt das grösste der Welt, grösser als
alle übrigen europäischen Länder.“ -- „Wie ist das möglich? Man sagte
mir doch jüngst noch, Griechenland sei das mächtigste Reich, mächtiger
sogar als Russland, welches wir Abessinier bislang für das mächtigste
Reich hielten.“ -- Ich musste mich wirklich anstrengen, um mein Lachen
über diese sonderbaren geographischen und politischen Ansichten
zu unterdrücken. Aber wenn selbst sonst für vollkommen vernünftig
geltende Leute[113] sich nicht scheuen, bei Audienzen diesen dergestalt
unkundigen Beherrschern, welche nebst ihren Fürsten und Völkern doch
+nur+ auf solche Berichte angewiesen sind, die sonderbarsten
Dinge zu erzählen, wie ist es da zu verwundern, wenn sich in ihren
Köpfen über die Machtverhältnisse europäischer Staaten die seltsamsten
Ansichten bilden. „Ist es also nicht wahr, dass Griechenland die Türken
gezwungen hat, mit Russland Frieden zu schliessen und ganze Königreiche
abzutreten?“ -- Ich bat Schimper, mit wenigen Worten dem Negus den
letzten Krieg zwischen Russland und der Türkei auseinanderzusetzen.
„Aber Griechenland ist doch mächtiger als Deutschland?“ hob von neuem
der Negus an. Auch hier überliess ich die Antwort meinem Dolmetsch,
welcher ja in Karlsruhe eine vorzügliche Ausbildung, mithin auch
geographischen Unterricht erhielt.
„Warum zwingt die Königin von England ihre mohammedanischen Könige und
deren Unterthanen nicht, den christlichen Glauben anzunehmen?“ fragte
der Negus; „aus verschiedenen Religionen in Einem Lande entspringen dem
Herrscher stets Schwierigkeiten. Ich habe alle meine mohammedanischen
Unterthanen gezwungen, sich taufen zu lassen. Früher hatten sie stets
gemeinsame Interessen mit unsern Erbfeinden, mit den Aegyptern. Sie
pilgerten nach Massaua und Mekka und verriethen dann ihr Vaterland an
die Türken. Jetzt habe ich nur noch Christen und einige Falascha in
Abessinien.“