mit basaltischen Steinmassen, welche das Gehen -- eigentliche Wege
gibt es ja in Abessinien nicht -- sehr erschweren. In Adi[77]-Dochale
nächtigt man gewöhnlich und beginnt dann am folgenden Morgen, je früher
desto besser, den Abstieg, der, obgleich nicht sehr hoch, ca. 500 m,
doch ganz fürchterlich ist und das Reiten stellenweise fast zu einer
Unmöglichkeit macht. Manchmal windet sich der Weg wendeltreppenartig
hinab durch senkrecht stehende schwarzpolirte Basaltsäulen, welche
an Schönheit mit denen der Fingalsgrotte wetteifern können. Wie es
den Aegyptern möglich gewesen ist, hier Artillerie herabzuschaffen,
erscheint unbegreiflich. Endlich sind wir bei den Granitblöcken von
Gudda-Guddi, zwischen welchen Herr von Arendrup und Arakel Bei ihren
letzten Verzweiflungskampf fochten. Wir zogen so schnell wie möglich
durch die bleichenden Gebeine hindurch, obschon die Abessinier nicht
müde wurden, uns wieder und wieder aufmerksam zu machen auf die Gruppen
und Schädel der Erschlagenen, an denen man oft noch die Schuss- und
Hiebwunden erkannte. Ein schreckliches, schauderhaftes Bild! Und dabei
die schönste, reichste Natur, denn bei Gudda Guddi hat man nun schon
eine solche Tiefe erreicht, dass die Pflanzenwelt mit einem mal wieder
tropischen Charakter zeigt. Wir lagerten südlich von Gudda Guddi bei
Mai Gome, im Schatten einer riesigen Akazie, welche durch ihre kleinen
gelben Röschen die Luft mit balsamischen Düften erfüllte. Mai Gome
ist kein Ort, sondern eine Quelle im Thal, dessen östliche Wandung
den District Gundet bildet, aus mehrern Weilern bestehend, welche dem
Balamberrassobe[78] unterthan sind, der hier zugleich eine Zollstation
besitzt. Der stattliche Mann machte uns einen Besuch und brachte
vorzügliches Weizenbrot zum Geschenk. Aber trinken konnte er! Ein
grosses Quantum Absinth stürzte er ohne Zumischung von Wasser hinunter.
Sein Ansehen bewies die Pünktlichkeit, womit sich die Träger und zwar
in solcher Zahl einstellten, dass ich durch sie alle meine Sachen hätte
fortschaffen können. Ja, am andern Tage war das von ihnen getragene
Gepäck schon vor uns an Ort und Stelle.
Der Mareb, dieser bedeutende Fluss Nordabessiniens, der später den
Namen Sobat, Chor el Gasch und endlich Atbara annimmt, war schon
einmal als schmalster Wasserfaden von uns überschritten worden, der
sich jetzt aber breitbettig, jedoch wasserlos ausweitete. Nur hin und
wieder hatten sich Tümpel erhalten, welche von grössern und kleinen
Fischen wimmelten. Das Wasser floss unterirdisch. Die herrlichen Bäume
mit riesigen Schatten gewährten uns einen willkommenen Platz für
unsere Mahlzeit. Gigantische Feigenbäume und Tamarinden, die uns ihre
fast reifen Früchte boten, um durch Zerquetschen Limonade daraus zu
bereiten! Die Mareb-Ebene, besonders das eigentliche Mareb-Thal hält
man mit Recht für ungesund. Aber weshalb sich die südlich ansteigende
Gegend, speciell Hamedo-Gegend genannt, eines so schlechten Rufes
erfreut, ist mir unbegreiflich.
Schon von der Hamasenschen Hochebene aus haftet der Blick an den bei
Adua liegenden Bergen, von so wechselnder und seltsam wunderlicher
Gestalt, dass man nicht weiss, ob die Aduenser Berge oder die von
Semien malerischer sind. Immer deutlicher zeichneten sie sich jetzt ab,
und wenn man bei Daro Tachele die Mareb- oder, wie sie auch genannt
wird, Daro Tachele-Ebene verlässt, hat man sie dicht vor sich.
In der Nähe der Hauptstadt von Tigre schickte ich einen meiner Diener
voraus, um Schimper meine Ankunft wissen zu lassen. Auch sollte er
ihm den Brief des Grossherzogs von Baden einhändigen, worin dieser
ihm anempfahl, in meine Dienste zu treten. Adua’s Nähe äusserte sich
nicht nur durch die grössere Dichtigkeit der Ortschaften, sondern
auch dadurch, dass man von Daro Tachele an ganz vereinzelt und einsam
liegende Gehöfte erblickt, was in Hamasen bei so unsichern Zuständen
nie vorkommt.
Den mächtigen Scholoda-Berg umgehend, hatten wir einen Vollblick auf
Adua. Sofort erkannte ich die Stadt wieder, welche ich im Jahre 1868
schon einmal mit Herrn Stumm besuchte. Wie damals, liess ich auch jetzt
ausserhalb der Stadt Lager schlagen und zwar auf dem rechten Ufer des
Mai Gogo, welcher sich dicht unterhalb Aduas mit dem bei dieser Stadt
vorbeifliessenden Assam verbindet. Adua mit seinen grossen Kirchen und
einigen nicht nach der allgemeinen Schablone gebauten Häusern, welche
mehr europäisch aussehen, nimmt sich, zumal mit seinem prachtvollen
Berghintergrunde, äusserst malerisch aus. Es ist, namentlich in den
letzten Jahren, so oft beschrieben worden[79], dass ich dabei nicht
zu verweilen brauche. Verändert hat sich nichts seit meinem letzten
Besuche, nur ein grosses Gehöft: die Wohnung des Negus Negesti am
Fusse des Scholoda, dann eine grosse neue Kirche, welche der Negus
aus Dankbarkeit für die über die Aegypter erfochtenen Siege errichten
lässt und an deren innerer Ausschmückung man noch immer arbeitet, sind
Neubauten.
Gleich nach meiner Ankunft suchte ich Schimper auf, fand ihn aber
nicht zu Hause, da er mit dem Gouverneur von Tigre, Lidj-Ambe, einem
Neffen des Negus Negesti, verreist war. Indess konnte ich doch einen
Einblick thun in die Wohnung Schimper’s, welcher in Abessinien den
Namen Ngdaschit führt, und freute mich, dass er, der kein geborener
Deutscher ist, sondern nur etwa während zehn Jahre in Deutschland
Erziehung genoss, aus unserm Vaterlande den Sinn für Reinlichkeit
mitnahm. Ein sogleich abgeschickter Bote sollte Schimper von meiner
Ankunft in Kenntniss setzen. Inzwischen schlugen wir Lager auf; einige
Tage wollten wir hier bleiben.
Nun bekam ich auch Besuch von einem Europäer und zwar dem einzigen,
der sich hier befand, einem Franzosen, Mr. Baraglion, einem echten
Provençalen, welcher seit Jahren in Abessinien als Waffenschmied sich
einiges Geld erwarb. Aber in Abessinien war leichter hinein- als
wieder herauszukommen. Man verweigerte ihm stets die Erlaubniss,
man brauchte ihn eben; er war der einzige wirkliche Waffenschmied
im ganzen Lande, der sich auf die Ausbesserung von Flinten neuester
Construction verstand. Zwar gelang es ihm, einen Theil seiner Gelder
nach Massaua in Sicherheit zu bringen, aber er hatte noch eine namhafte
Summe bei sich. Endlich erlaubte ihm der Negus Negesti Abessinien zu
verlassen.[80] Aber mit wem die Reise machen? Mit Bianchi etwa, welcher
kurz vorher durch Adua kam? Aber der schien ihm zu wenig Sicherheit zu
bieten. Mit einer abessinischen Karavane? Die Abessinier würden mir das
Geld geraubt haben, meinte er. Ganz allein? Nimmermehr! Da dachte er
denn mit mir zu reisen, ich schien ihm zu seiner Befreiung aus diesem
„Affenlande“, wie er Abessinien nannte, die meiste Gewährschaft zu
bieten. Er wolle geduldig meine Rückkehr abwarten. Ich sagte ihm, sein
eigener Consul, Herr Raffray, würde bald eintreffen. Aber er wollte
nichts davon wissen. Und so versprach ich ihm denn, seinen Wunsch nach
meiner Zurückkunft zu erfüllen.
Lidj-Ambe, der Gouverneur, und Schimper kamen am folgenden Tag und
letzterer direct zu mir geritten, um mich zu einem Besuche beim
Gouverneur einzuladen. So ritten wir denn hinüber: alle unsere Diener
mit Flinten und in neuen weissen Schama hinein in die Stadt mit den
engen ungepflasterten Strassen, die jedoch eines gewissen Reizes
nicht entbehren, da aus dem Mauerwerk grüne Kräuter und Buschwerk
hervorwuchern und über die Mauern Uonzabäume, _Cordia abessinica_,
_Arundo donax_ und wilde Oelbäume ragen.
Lidj[81]-Ambe, welcher Dedjatsch ist, hat, obschon Prinz und Neffe des
Negus Negesti, keineswegs eine so hervorragende Stellung wie Ras Alula,
der Gouverneur von Hamasen. Dies zeigt sich auch an seiner Wohnung,
welche kleiner, und an seinem Gefolge, welches geringer an Zahl ist.
Lidj-Ambe entfaltete allen ihm möglichen Pomp, unterstützt zumal von
Adua selber mit seinen grossen Kirchen und seiner hochgestellten
Priesterschaft, welche der Gouverneur von Hamasen nicht aufweisen
konnte. Diese hochbeturbanten[82] Priester gaben der Gesellschaft des
Lidj-Ambe und ihm selber ein gewisses Relief. Im Anfang steif und
zurückhaltend, unterhielt man sich bald recht zwanglos, und reichlich
wurde guter Tetsch herumgereicht. Was soll man aber eigentlich mit
solchen Leuten sprechen, welche an Kenntniss und Urtheil tief unter
europäischer Bildung stehen? Und je grösser die Unwissenheit der
Geistlichkeit, desto grösser ihr Fanatismus. -- Besonders interessirte
mich eine Persönlichkeit, die ich hier kennen lernte, da sie einen
gewissen geschichtlichen Hintergrund hat: Mircha, Murcha oder Mirscha,
der seine Erziehung in Bombay erhielt und bei Grant und Lord Napier als
Dolmetsch fungirte, damals häufig erwähnt in den officiellen englischen
Berichten. Leider wollte Lidj-Ambe nicht erlauben, dass Schimper
mich begleite, obschon ich mich auf die Zusicherung Ras Alula’s
berief. Seine beständige Antwort war immer: Ras Alula habe ihm nichts
davon geschrieben. Da ich unmöglich vorher wissen konnte, dass die
persönliche Freiheit in Abessinien so sehr beschränkt und der Einfluss
des Ras Alula so weitreichend sei, hatte ich versäumt, mir von ihm ein
Schreiben zu erbitten. Aber auf der Stelle schrieb und expedirte ich
ein solches.
Wir besuchten auch einen Markt in Adua, und erstaunen muss man über
die Menge der herbeiströmenden Käufer und Verkäufer, sowie über die
Verschiedenartigkeit der zu verkaufenden Gegenstände. In Adua hat man
als einziges Geld nur den Maria-Theresienthaler vom Jahre 1780, da
das abessinische Kleingeld, die Amole[83], erst in den amharischen
Provinzen Geltung hat. Indess kann man Amole kaufen. Für einen Thaler
erhielten wir 48 Stück.
Der Markt von Adua findet im Nordosten auf einem keineswegs sehr ebenen
und passenden Platze statt. Alles ist nach den Gegenständen auf kleine
Gassen vertheilt. Hier steht das Vieh: Pferde, Rinder, Schafe, Ziegen,
auch Hühner und getödtetes Wild. Dann eine Gasse, wo auf beiden Seiten
Männer, Mädchen und Frauen hinter Säcken mit Getreide, Weizen, Gerste,
Bohnen und Erbsen hocken. Grosse Haufen frischen und getrockneten
rothen Pfeffers zeugen von dem starken Gebrauch dieses Gewürzes. Reihen
von Honig- und Buttertöpfen; viele Töpfe mit Honigwein und Bier; auf
grossen Tüchern kleine Spiegel, Perlen aus Venedig und Böhmen, Flacons
mit schlechten Essenzen, Barille[84], Trinkgläser, Steingut, schlechte
Messer und Scheren, Schreibpapier, schwarzer, weisser und rother Zwirn,
Kattun in zwei Sorten (der bessere weiss, ziemlich gut; der schlechtere
fast grau, stark gegipst), bunte Taschentücher, schlechte Seidenstoffe,
schlechte Tuche in rother, gelber und hellblauer Farbe, Spiegel, hier
auch eine Kiste mit elendem Cognac und noch giftigerm Absinth: das
ist so ziemlich, was sie von europäischen Waaren feilbieten. Endlich
abessinische Stoffe: prächtig mit bunter Seide gestickte Hemden und
Hosen für Damen, Schama verschiedener Güte und Grösse[85], auch einige
wunderschöne Margef[86], selbst für uns von bedeutendem Preis. Aber
wenn man das sehr sorgfältig ausgeführte Baumwollgewebe betrachtet,
welches ein Gemisch von Wolle und Seide zu sein scheint und ausserdem
an beiden Enden einen in wunderbar schönen Farben gestickten 4 cm
breiten Rand zeigt, so wird man für ein solches Tuch den Preis von
150-200 Mark nicht zu hoch finden. Auch Waffen: Spiesse, Säbel, alte
Flinten, Pistolen, Büffel- und Rhinocerosschilde u.s.w. Bogen und
Pfeile sucht man aber in Abessinien vergebens. Selbst naturhistorische
Gegenstände: Löwen- und Pantherfelle, Häute kleinerer Raubthiere und
Schlangen u.s.w. Ich kaufte die schöne Haut eines Python. In einer
andern Gasse rohe, getrocknete und auch roth gegerbte Ochsen-, Schaf-
und Ziegenfelle. In der That ein reichhaltiger Markt! Dazu dies
Getreibe! Mindestens die eine Hälfte der Menschen gehörte zum schönern
Geschlechte. Wie sie lachten und kicherten, wenn wir vorbeikamen! Aber
nichts von Zudringlichkeit und Frechheit, nichts von jener sklavischen
Scheu und jenem Verstecken, das man bei den Mohammedanerinnen wahrnimmt.
Der Marktrichter fehlte auch nicht. Er sass auf einer Art
Plattform, und die eifrigen und lärmenden Erörterungen, welche
vor ihm stattfanden, bewiesen, dass Kaufen und Verkaufen doch oft
Streitigkeiten veranlassen. Ein eigentliches Kaufen nach unserer Art
und Weise konnte ja auch nur stattfinden, wenn es sich um Gegenstände
von Thalerwerth handelte. Bei geringwerthigen Sachen fand Tausch statt:
für Gerste rother Pfeffer, für ein Zicklein etwas Baumwollenstoff
u.s.w. Dabei ein Zungenlärm, als befände man sich innerhalb einer
geschlossenen grossen Börse. Man hat den Grundton der menschlichen
Sprache aus solchen Versammlungen mit der Stimmgabel herausfinden
wollen und behauptet, dass die Sprache der Engländer und Deutschen viel
tiefer sei als die der Franzosen, und die der Franzosen tiefer als die
der Spanier und Italiener. Ich glaube, dass, wenn man das vereinte
Sprechgeräusch von tausend und abertausend Abessiniern, männlichen und
weiblichen Geschlechts, gestimmgabelt hätte, würde man einen hohen
Sopran gefunden haben. Wenn man aber über die Masse der Wörter und
Phrasen, welche die verschiedenen Völker im Laufe eines Tages, eines
Jahres, eines Lebens hervorbringen, ein vergleichendes Urtheil fällt,
dann muss man jedenfalls den Abessiniern die Palme zuerkennen. An
Schwatzhaftigkeit übertreffen die Abessinier sogar die Franzosen. Im
Vergleich mit erstern kann man letztere Niemsi[87] nennen.
Wie oft gerieth ich in Verzweiflung, wenn mein Hauptmann Mariam das
„Ja“ oder „Nein“, welches ich von ihm auf eine an ihn gerichtete Frage
erwartete, mit einer halbstündigen Rede umspann. Es war so schlimm,
dass ich, ihm und denjenigen meiner Diener gegenüber, die ich am
meisten zu fragen hatte, zuletzt immer im voraus ausrief: „Ich will nur
ja oder nein.“ Und doch wie schwer hielt es ihnen, diese so einfachen
Wörter zu sagen! Sie waren jedenfalls noch unglücklicher über die
Beschränkung ihres Redeflusses, als ich über die Ausströmungen ihrer
Redseligkeit.
Am Abend vor unserm Aufbruchstag erhielten wir plötzlich Befehl, nicht
über Axum zu reisen, sondern östlich den Weg über Sokota einzuschlagen.
Anfangs glaubte ich, Ras Alula habe ebenfalls vom Negus die Weisung
erhalten, nach Debra Tabor zu kommen und zwar in meiner Gesellschaft.
Später jedoch erfuhr ich, dass der Weg durch Semien und westlich davon
durch Rebellen oder Räuber versperrt und dies die wahre Ursache der
veränderten Wegrichtung sei.
Von Schimper eine Strecke lang begleitet, zogen wir weiter, legten aber
am ersten Tage nur einen kleinen Marsch zurück. Am westlichen Fusse des
so merkwürdig geformten Berges Aba-Gerima schlugen wir unser Lager auf.
[Illustration: BLICK AUF DIE ALPEN SEMIENS.]
ACHTES KAPITEL.
VON ADUA NACH SOKOTA.
Der Amben-Bezirk. -- Der Mönch. -- Die dünne Bevölkerung. -- Die
Region des Baobab. -- Die schauerliche Schlucht. -- Anmeldung beim
Kaiser. -- Sokota, der grösste Salzmarkt.
Der geringe Einfluss Lidj-Ambe’s zeigte sich bald: der uns von ihm
beigegebene Hauptmann, welcher dafür zu sorgen hatte, Träger aus den
Ortschaften sowie abends Lieferungen herbeizuschaffen, fand nirgends
Gehör. Zum Glück war ich auf letztere vorerst nicht angewiesen, da
ich vorsorglicherweise die nächste Zukunft bedachte. Und nur für die
beiden übermässig langen Geschenkkisten hatte ich Träger nöthig. Nicht,
weil ich nicht genug Maulthiere besass: im Gegentheil, einige liefen
stets ledig oder wurden von den Dienern geritten, sondern weil nach der
Meinung der Abessinier diese Kisten überhaupt von Maulthieren nicht
getragen werden könnten.
Abgesehen von der an malerischen Schönheiten überreichen Umgegend,
hat man, sobald man die Höhe von Adua im Osten erstiegen, einen
wunderbar überraschenden Fernblick auf die Alpen Semiens. Früher
stritt man viel darüber, ob in Semien immer Schnee sei. +Längst+
unzweifelhaft. Fast komisch musste es daher wirken, als Abargues de
Sosten im Sommer 1881 nach Aegypten berichtete, er habe zum ersten mal
ewigen Schnee auf den Gipfeln Semiens entdeckt. Bruce[88] allerdings
leugnete merkwürdigerweise ebenfalls die Existenz des Schnees in
Abessinien überhaupt, aber Gobat, Combes und Tamisier lieferten den
Beweis vom Gegentheil. Seltsam nur, dass ihn Bruce nicht +sah+!
Bei seiner Uebersteigung des Lamalmon +musste+ er den Schnee
sehen; auch vorher schon, denn man sieht ja die Semienberge aus
grosser Ferne. Aber diese Thatsache passte nicht in seine Theorie von
der Nilwasseranschwellung, obschon sie keineswegs irgendwie damit im
Widerspruch steht. Im Gegentheil. Wir alle riefen wie aus Einem Munde:
„Schnee!“ Prachtvoll glitzerte die Sonne darüber hin, und die von mir
befragten Leute der benachbarten Ortschaften versicherten, dass sie
diesen Anblick +stets+ hätten.
Bald kamen wir nun auch in jenen Amben-Bezirk, welcher der
abessinischen Gebirgsgegend einen so sonderbaren Charakter verleiht.
Schon der Umstand, dass wir manchmal im Sande wateten, deutete auf
Sandstein, und aus diesem bestehen in der That diese Königsteine,
wie man die Amben nennen kann. Aber nicht ausschliesslich sind
die Amben aus Sandstein, sondern auch und namentlich im Süden aus
vulkanischem Gestein, z.B. Magdala. Ja, Talanta ist eigentlich Eine
Amba von riesiger Ausdehnung. Bekanntlich dienen sie häufig als
Gefängnisse oder bieten Mönchen und Nonnen eine sichere Stätte für
ihre unzugänglichen Klöster, z.B. Debra Damo in Tigre. Als wir am 21.
Januar am Katschamo lagerten, von riesigen Amben umgeben: Debra Antsa
im Westen, Sattia Amba und Swandat Amba im Süden, wollte Stecker Sattia
Amba besteigen, aber am Fusse derselben schon wiesen ihn bewaffnete
Wächter zurück: es wären oben Staatsgefangene, niemand dürfe hinauf.
Von Sattia Amba bis nach Abbi Addi ist einer der schönsten Märsche.
Der Weg läuft am Fusse der hohen Debra Amba hin durch eine äusserst
liebliche Gegend, und hier entdeckten wir eine kleine Euphorbie von der
Art, wie sie im Vorland bei Massaua wächst, aber nicht mit viereckigen,
sondern fünfeckigen Zweigen. Man sieht hier auch häufig Steinhaufen,
ähnlich den in Nordafrika unter dem Namen Bu Sfor bekannten, die
wahrscheinlich aus gleichen Gründen von der früher hier befindlichen
mohammedanischen Bevölkerung errichtet wurden. -- Die Abessinier
erzeigen den Steinen eine gewisse Verehrung. Das hübsch gelegene
Dorf Takarakiro oder, wie Rüppel schreibt, Tackeraggiro, hatte zu
seiner Zeit nur mohammedanische Bevölkerung. Rüppel, I, 366, sagt:
„Tackeraggiro, welches aus etwa hundert meist steinernen Wohnungen
besteht, dürfte etwas über fünfhundert Einwohner zählen. Diese sind
insgesammt Mohammedaner und beschäftigen sich grösstentheils mit
Handel u.s.w.“ Im Jahre 1881 fand ich den ganzen Ort zum Christenthum
übergetreten. Südlich von Hamasen gibt es keine Mohammedaner mehr.
So hart in unsern Augen nun auch der Befehl des Negus Negesti
erscheinen mag, wonach alle Mohammedaner in einer vorgeschriebenen
kurzen Zeit sich mussten taufen lassen, so lässt sich andererseits
nicht leugnen, dass man bei dem Hange zum Intriguiren und Spioniren
durch ihren Religionswechsel diesem Unwesen einen dauerhaften Riegel
vorschob. Die mohammedanischen Abessinier waren immer bereit, sich
mit den mohammedanischen Feinden gegen ihr eigenes Vaterland zu
verbinden. Ganz natürlich! Ihrer Religion folgend, gehorchten sie einem
christlichen Herrscher nur mit Widerstreben. Die getauften Aelteren
werden zwar noch immer feindselige Gesinnungen gegen die Christen,
d.h. die Abessinier hegen, aber die heranwachsende Jugend nicht. Die
abessinische Geistlichkeit sorgt dafür. Die Mohammedaner müssen die
christlichen Fasten halten, nach christlicher Weise schlachten, eine
blauseidene Schnur[89] tragen und die Mädchen sich die Excision[90]
gefallen lassen: alles Gebräuche, welche, so verabscheuenswerth sie
den Mohammedanern erscheinen mögen, sie zu echten Christen stempeln.
Und ist der Widerwille gegen diese äusserlichen Gebräuche einmal erst
geschwunden, dann kommt alles andere von selbst.
Bei Takarakiro vorbei gelangten wir nach dem reizenden Abbi Addi,
wo ich auf einer wundervollen, am Mai Tankua gelegenen Wiese lagern
liess, um der Hälfte meiner Diener einen Ruhetag zu vergönnen. Jeder
kam nämlich einmal im Monat, um eine Kusso[91]-Cur durchzumachen.
Da erlaubte ich denn, um nicht jeden Tag arbeitsunfähige Diener um
mich zu haben, den Leuten alle vierzehn Tage jene Cur, der sich ein
jeder mit Freuden unterzog. Ob wirklich der Genuss des Brondo[92] die
Entwickelung des Bandwurms begünstigte, wage ich nicht zu behaupten,
aber thatsächlich litten +alle+ meine Diener daran. An solchen
Tagen schien mein Lager ein Hospital zu sein. Schon früh morgens nahm
jeder seine Portion Kusso, es wurde dazu gefastet, und wenn man die
Patienten ganz und voll behandeln wollte, so gehörten dazu, wie sie
behaupteten, für einen jeden schliesslich ein paar Gläser Tetsch. Da
bei mir jeden Tag ein Rind geschlachtet und somit das rohe Fleisch
täglich genossen wurde, ist es sehr gut möglich, dass der Genuss
desselben dazu beitrug, diese lästigen Cestosen zu entwickeln. Herr
Baraglion z.B., welcher sich auch an den Genuss des Brondo gewöhnt
hatte, litt ebenfalls am Bandwurm. Wir, welche wir diesen widerlichen
Brauch nicht mitmachten, sind indess nicht davon belästigt worden.
Unser Lagerplatz grenzte nach der Amba Gelah hin an ein prachtvolles
jagdreiches Gebiet. Ich bedauerte, dass kein Jäger unter uns war.
Indess erlegten wir doch einige Perlhühner und Tauben. Von hier
an versuchte ich nun auch, die langen Kisten mit den Maulthieren
fortzuschaffen, und es ging.
Aber welch eine entsetzliche Plage mit den Ameisen! Glücklicherweise
ziehen sich diese nachts meist zurück, während die Termiten nur nachts
bauen und zerstören. Wenn man ganz früh vor Sonnenaufgang die grossen
Termitenhaufen betrachtet, dann wird man stets eine oder zwei frische
und feuchte Stellen finden. Bricht man sie mit einem Stock auf, so
trifft man die Termiten an der Arbeit des Bauens. Ebenso sieht man die
Termiten, welche keine Häuser bauen, aber die gefährlichsten sind, vor
Sonnenaufgang bei der Arbeit, d.h. beim Werke der Zerstörung. Hebt
man dann eine Holzkiste auf oder einen andern Gegenstand, welcher
unmittelbar den Boden bedeckt, so kann man sie auf der That ertappen.
Etwas später haben sie sich zurückgezogen, und man sieht dann nur die
Wirkungen. Bei Tage bemerkt man nie die Termiten.
An unserm Lager kam ein Zug Gefangener vorbei, mit schweren eisernen
Ketten an Armen und Beinen, sodass ein Entlaufen unmöglich schien.
Und doch brachte uns bald darauf der sie begleitende Offizier
die Nachricht: es habe sich ein und dazu noch mit einem Soldaten
zusammengeketteter Gefangener geflüchtet. Auf unsere Frage, wie denn
das möglich sei, erwiderte er: „Beide nahmen reissaus.“ Allzu viel ist
ungesund, dachte ich. Meistens schliessen sie nämlich den freien, sie
begleitenden Wachtsoldaten mit dem Missethäter zusammen, um somit,
ihrer Meinung nach, ein Entweichen ganz unmöglich zu machen. Der
suchende Offizier musste unverrichteter Sache abziehen, der Gefangene
blieb sammt dem Soldaten verschwunden.
Ein empfindlicher Verlust traf mich in Abbi Addi, da mein guter
wachsamer Hund Halebi starb. Ich liess den Cadaver gleich aus dem
Lager hinausschaffen, der andere Hund aber, welcher Bull hiess,
folgte demselben und hielt Wache. Aber noch vor Sonnenuntergang kam
eine Hyäne, vertrieb Bull und lief mit dem Cadaver davon. Bald darauf
zeigten sich noch andere Hyänen und Schakale, selbst ein Leopard, wie
die Diener behaupteten.
Am 26. Januar zogen wir weiter, meist stets in südlicher Richtung.
Nachträglich nahm ich auch noch einen Mönch in Dienst, welcher
dem Kloster Tekla-Haimanot zugehörte und von einer Wallfahrt nach
Axum zurückkehrte. Durch diesen Zuwachs erhielt meine Gesellschaft
einen neuen Glanz, denn die Grossen in Abessinien pflegen nie ohne
einen oder mehrere Priester zu reisen. Er war übrigens ein guter
Mensch. Eigenthümlich unterwegs berührte uns die Abwesenheit der
Bevölkerung, die vielen zerstörten Dörfer und der schwache Verkehr.
Wir befanden uns doch jetzt auf einer der gangbarsten Strassen
nach dem Süden, jedenfalls auf der geradesten von Adua nach Debra
Tabor. Und wie wenige Menschen erblickte man! Denn wenn uns auch
anfangs viele Soldaten begegneten, so geben diese doch keineswegs den
Maassstab für die Bevölkerung ab. Wenn ich mich später im Geiste nach
Abessinien versetzte und bedachte, wie wir Tag für Tag und auf grosse
Sehweite keine Ortschaften und Menschen erblickten, dann kam ich zur
Ueberzeugung, dass Abessinien keine so grosse Bevölkerung besitzt, wie
man anzugeben pflegt. Ich glaube schon hoch gegriffen zu haben, wenn
ich sie auf 1,500000 Seelen veranschlage. Es ist ja möglich, dass es
früher eine zahlreichere Bevölkerung gehabt hat und wahrscheinlich
dereinst auch haben wird, die Abessinier scheinen ein fruchtbares Volk
zu sein: Ehen mit fünf bis sechs Kindern und mehr sind häufig genug.
Auch beschränkt man sie nicht im mindesten. Jeder, den die Neigung dazu
treibt, kann heirathen, und aus solchen Ehen entspringen ja meistens
viele Kinder. Selbstmorde gehören zu den grössten Seltenheiten, und das
Klima ist durchaus gesund, denn die ungesunden, tief eingeschnittenen
Thäler sind fast gar nicht bewohnt. Der Reichthum des Landes kann eine
grosse Anzahl von Bewohnern ernähren.