Aber verschiedene Umstände erklären die so dünne Bevölkerung

Abessiniens. Der stete Krieg im Lande rafft eine Menge Männer in

der besten Blüte ihres Lebens dahin. Zwar die Soldaten sind fast

alle beweibt, aber vielleicht ein Drittel der Kinder stirbt keines

natürlichen Todes. Und wie viel Opfer kostet im Lande das beständige

Kriegführen, wohin man auch das häufige Revoltiren und Raubmorden

rechnen muss. Oft auch verheeren Krankheiten ganze Ortschaften und

Provinzen, so nach dem ägyptisch-abessinischen Kriege eine in Tigre

ausgebrochene Pest oder ähnliche Krankheit, vielleicht die Cholera.

Möglicherweise hatte sie hier ihren Entstehungsherd, von wo sie sich

später nach Aegypten verbreitete, durch eigene Schuld der Abessinier.

Unzählige Hyänen, Schakale und Aasgeier, die von weitem herbeiströmten,

reichten nicht aus, um alle die Leichen auf den Schlachtfeldern von

Gudda Guddi und Gura zu verzehren. Daher die Fäulniss und daher die

menschenmordenden Seuchen. Das früher zu 6000 Einwohnern geschätzte

Adua hat, wie ich glaube, gegenwärtig kaum 3000. Matteucci (S. 83

seines Werks „In Abissinia“) sagt: „Die über Abessinien berichtenden

Schriftsteller sagen von der tigrischen Hauptstadt, sie sei wichtig

wegen der dort blühenden Industrie, und geben ihr eine Bevölkerung

von 8000 Seelen: als wir ankamen, waren daselbst nicht einmal 1000

Bewohner, einbegriffen selbst die in der Umgegend Wohnenden.“ Der

italienische Reisende nahm 1878 also nur 1000 Seelen, und noch dazu

die umliegende Gegend mitgerechnet, für Adua an. Man wird deshalb

vielleicht meine 3000 Einwohner schon für übertrieben halten, aber

Nachforschungen liessen mich zu diesem Ergebniss kommen. Auch die

trotz des guten Bodens durch Heuschreckenplage oder andere Umstände

verursachten Hungersnöthe muss man bei Festsetzung der Bevölkerung in

Anschlag bringen.[93]

An Thieren war kein Mangel, und als wir Abbi Addi verliessen, stiessen

wir gleich auf eine grosse Heerde Paviane, welche neben uns auf den

Bergen desselben Weges zogen. Ein paar blinde Schüsse brachten Leben in

die Heerde, aber erst, nachdem sie durch grosses Geschrei und wüthende

Grimassen ihren Unwillen zu erkennen gegeben, räumten sie das Feld.

Perlhühner und Tauben lieferten uns immer eine angenehme Beigabe

zu unserer Küche. Wir nahmen eigentlich nur Eine Mahlzeit und zwar

abends, wenn die Zelte aufgeschlagen waren. Morgens gleich nach dem

Aufstehen Thee mit Milch und Zwieback dazu. Alsdann die Verpackung

des Frühstücks. Stecker und ich ritten in der Regel voran, machten

gewöhnlich an einer Stelle, wo klares Wasser floss, halt, und liessen,

auf der Erde hockend, die Fasten brechen. Kalter Braten, Brot, Käse,

Butter, Wasser mit Cognac war, was ein Diener, der eigens zu dem Zweck

mit uns ritt, aufsetzte. Abends aber speisten wir warm und sehr gut.

Ein Abessinier, Tassama, kochte unter der Aufsicht Karl Hubmer’s. Stets

gab es eine vorzügliche Suppe, dann Braten, Gemüse, manchmal auch

Wild, und als Getränk Wasser mit Cognac oder Thee, häufig auch Tetsch.

Täglich wurde ein Rind und sehr häufig noch ein Schaf geschlachtet.

Vorräthe also, wie auf andern Reisen, braucht man nach Abessinien nicht

mitzunehmen. Wer z.B. Kaffee dem Thee vorzieht, findet ihn überall und

zwar billig und gut. Das einzige für die Mitnahme Empfehlenswerte sind

junge Gemüse in Büchsen, Zucker und Butter, sowie gutes Weizenmehl,

denn das abessinische ist grau und schmuzig.

Wir erreichten nun den nicht durch seine Einwohnerzahl, wol aber wegen

seines bedeutenden Marktes wichtigen Ort Fenaroa. Südlich davon, nach

Durchwatung des Tsellari, kamen wir in die Region des Baobab. Zwar

erblickt man einzelne Exemplare dieses Baumes schon nördlich, z.B.

ein prächtiges in der Nähe von Fenaroa, hier aber, erst südlich vom

Samre-Fluss, treten sie massenhaft auf. Den Berg Amba Saka, welchen wir

südlich vom Samre überschritten, fanden wir bei ca. 1400 m Passhöhe

dermassen mit der _Adansonia digitata_ bedeckt, dass man von einem

Baobabwald sprechen konnte. Und was für Exemplare! Als ob man in eine

vorsündflutliche Periode gekommen wäre. Schade, dass sich nicht im

Tsellari, den wir hierauf passirten, einige grosse Saurier zeigten und

von den Pachydermen die Flusspferde und Nashörner. Dann hätte man ein

completes Bild vorsündflutlicher Schöpfung bewundern können.

Nach Ueberschreitung des unbedeutenden Tsellari-Flusses, dessen Thal

und Wasserbecken von Wild und Fischen wimmelt, für unsere Mahlzeiten

eine willkommene Zugabe, betritt man südlich eine wunderbare Spalte,

deren unterste, von senkrechten Felswänden beseitete Weite oft nur

einige Meter breit ist. Ungefähr sieben Kilometer geht es durch diese,

überdies noch von seitwärts hervorschiessendem Buschwerk derart

überschattete Schlucht, dass man zuweilen den Himmel nicht sieht.

Grosse, in diesen Abgrund geschwemmte Sykomorenstämme versperren häufig

den Weg und, eingeklemmt, müssen sie liegen bleiben, bis Vermoderung

sie weiter bergab schiebt oder gänzlich auflöst oder kubikmetergrosse,

von der Flut getriebene Felsmassen sie zermalmen.

Indem wir so rasch wie möglich diese gefährliche Gegend durchzogen,

fiel mir die lebendige Schilderung Munzinger’s ein: „Weh dem, der

hier weilt in der Regenzeit; von langer Fahrt müde, bettet sich der

Wanderer in dem Thal. Er ist von der Hitze so erschöpft, selbst diese

finstern Gründe laden ihn zur Ruhe. Im heissesten Mittag wiegt er sich

in süsse Träume; seiner harret das freundliche Heim -- da dröhnt es

dumpf im Hochgebirg; ein Schuss, ein zweiter, dann der schreckliche

den ganzen Himmel durchrasende Donner. Doch fürchtet er noch nicht,

das Gewitter ist ja +so fern+. Er weilt und träumt, er sei schon

bei den Lieben. Da erhebt sich von oben ein Rauschen, wie wenn der

Wind durch die Blätter führe. Es wird lauter, gewaltiger, es zischt,

es prasselt, es toset, es brüllt, als wenn die bösen Geister anführen

-- nun naht es, mauergleich, schäumend und sich überstürzend -- es ist

der Waldstrom. Der Bach, vom Regen angeschwollen, ist ein mächtiger

Strom geworden, doch seines kurzen Lebens gedenk, stürzt wild und

feurig er das Thal hinab; die tiefgewurzelten Sykomoren sinken unter

seiner Wucht und die grasige Ebene wird von Schutt überrollt; das

Wasser füllt das ganze Thal und langt hoch an die Felsen hinauf. Wehe

dir, du armer Mann, wo solltest du hin entfliehen? Hast du die Flügel

des Adlers, hast du die Krallen des Affen, der über dir schwebend

deiner Noth höhnt? Bist du im Bunde mit den Geistern, dass sie dich

forttrügen? Hier ist sie nicht dein Knecht, die Natur, sie ist dein

dich vernichtender Feind u.s.w.“

In dieser Schegalo-Schlucht -- das Wort Schegalo bedeutet

Drachenschlucht -- erinnerte ich mich des Abzuges der britischen

Armee aus Abessinien, wo, trotzdem man die nahende Gefahr durch den

elektrischen Telegraphen signalisirte, beim Durchziehen derartiger

Felsspalten einigemal Truppen oder Vieh fortgeschwemmt und natürlich

vernichtet wurden. Unmöglich sich zu retten! Ich erinnerte mich der

Drachenschlucht bei Eisenach; aber wenn ich im Geiste einen Vergleich

anstellte, erschien mir letztere gegen die an manchen Stellen Hunderte

von Metern hohe Schegalo-Spalte wie ein Puppenwerk, wie ein Spielwerk.

Endlich erweitert sich das Thal, es wird wieder hell, und die

gedrückte Stimmung, mit der Menschen und Thiere diesen grausen Schlund

durchzogen, weicht einer heitern Stimmung. Die vielen Perlhühner laden

zu Jagdstreifzügen ein; den Pavianheerden sendet man einen Schuss

zu, um sie zu ihrer so ergötzlichen Eile anzutreiben. Und haben wir

nun wieder die Höhe glücklich erklommen, alle Siebensachen mit den

keuchenden und dampfenden Maulthieren, welche ausserordentliche Proben

von Kraft und Geschicklichkeit ablegen, nach oben gebracht, dann ruht

das Auge mit Wohlgefallen auf der grossartigen Gegend von Tsamara. In

der Ferne erblickt man nach Osten zu die vor Jahren von der tapfern

britischen Armee überstiegenen Grate und kann es im Geiste kaum fassen,

wie +solche+ Berge, +solche+ Thäler von den Truppen, die man

aus dem nordischen Europa und dem heissen Indien herbeiholte, konnten

überwunden werden. Wir werfen noch einen Blick auf das Schegalo-Thal

und bemerken mit Staunen, dass es breit, in fast gerader Nordrichtung

in den Tsellari hineinmündet. Aber am nördlichsten Ende des Schegalo

befindet sich auf der Sohle des Thales ein schwarzes Band, so

wenigstens erscheint es aus der Entfernung von oben gesehen: das ist

die Drachenschlucht, welche wir durchzogen. Dann, beim Wenden, erfreuen

wir uns am Anblick des hoch in die Wolken hineinragenden Biala, eines

alten Bekannten, den ich vor 15 Jahren besuchte. Majestätisch winkt er

von Süden herüber, und wir wissen nun, dass wir nahe bei Sokota sind,

und meinen sogar die Gegend des Aschangi-Sees zu erkennen.

Der letzte Weg bis Sokota war insofern interessant, als wir rechts

und links am Wege viele Haufen von Steinen bemerkten, die man wegen

ähnlicher Form und Gestalt offenbar den Dolmen, Kromlechs u.s.w.

zuzählen muss. Es wird jetzt überhaupt wol niemand mehr Afrikas

vorgeschichtliche Steinzeit bezweifeln. Wenn auch manche im Nilthal

gefundene, wie mit Steinkunstgebilden überdeckte Stellen nichts anderes

sein mögen als die Producte vieljähriger Verwitterung, so hat man

andererseits so viele Beweise vom Vorhandensein der Steinzeit, dass

man gar nicht mehr die Sache ableugnen kann. Vor allem wichtig wäre

es, wenn man die Höhlen, welche in Afrika überhaupt und besonders auch

in Abessinien zum Theil künstlich, zum Theil natürlich in grosser Zahl

vorkommen, durch Aus- und Nachgrabungen auf vorhistorische Gegenstände

genau untersuchte. Das Land der Troglodyten hiess man es ja im

Alterthum.

Immer bergauf und bergab geht es in Abessinien. So hatten wir denn

auch, ehe wir Sokota erreichten, noch manche Höhe, jede über 2000 m

hoch, zu überwinden. Einzige Belohnung war der Blick auf die stets

wechselnde Scenerie, welcher aber leider sehr häufig die Hauptsache

fehlte: das Allbelebende des Menschen. Denn mag eine Natur noch so

schön sein, mag der Gebirgscharakter sich noch so grossartig entfalten,

mögen zahlreiche Waldströme und Wasserfälle dem Auge ihre mächtigen

Spiegel bieten, -- wenn der Mensch fehlt, entsteht eine Lücke, eine

Oede, welche selbst durch die Anwesenheit einer regsamen Thierwelt

nicht ausgefüllt wird, wenigstens meiner Meinung nach.

Während aber bei weitem Vordringen nach dem Süden die Thierwelt sich

wenig ändert -- unter den Vögeln bemerkt man jetzt öfters Papagaien

-- zeigt sich unter den Pflanzen stets etwas Neues. Im allgemeinen

sind auch hier noch auf den Gehängen die verschiedenartigen Mimosen

und der Kolqual die Charakterbäume, und in den tiefeingeschnittenen

Thälern vermisst man nie die oft in riesigen Exemplaren vorkommende

_Calotropis procera_. Aber beim Lomin-Fluss finden wir jetzt

Spargelgewächse, Ricinus, Aloë, welche letztere übrigens auch in

Nordabessinien vorkommt, und Zizyphus, der mit kleinen rundlichen

Blättern den wohlduftenden, sich durch die Aeste emporrankenden Jasmin

stützt. Dann die jetzt immer zahlreichern, höchst sonderbar geformten,

meist auf Mimosen festgewachsenen Schmarotzer; Lauranthusbüsche, oft

roth, oft braun gefärbt; _Carissa edulis_ mit ihren betäubenden,

wohlduftenden Blumen; ein weissblätteriger Strauch mit stachelichten

Blumen und stachelichten Blättern, _Octostegia integrifolia_ genannt,

beide nicht leicht zu brechen, denn heimtückisch verwunden sie die sich

nach ihnen ausstreckende Hand; grossartig entfaltete Hypericumbüsche;

Stechäpfel, welche ganze Felder dicht überwuchern, sodass man meint,

sie wären künstlich angepflanzt. Man behauptet, die abessinischen

Priester benutzten die Dämpfe dieser im getrockneten Zustande von ihnen

verbrannten giftigen Pflanze, um Leute damit zu betäuben und dadurch

allerlei aus ihnen herauszubringen. Oben auf den höchsten Gipfeln vor

Sokota erblickten wir auch zum ersten mal jene sonderbaren, nur in

Abessinien vorkommenden Kugeldiesteln (_Echinops giganteus_) mit 1 bis

1,50 m hohen Stämmen und kindskopfgrossen Kugeln. Vereinzelt sehen wir

auch schon jene riesige Erica, welche wir bald in noch viel grössern

Exemplaren vor Debra Tabor bewundern sollten.

So gelangten wir nach Sokota, zogen gleich über die Stadt hinaus und

begannen auf einer schönen Wiese zu lagern, welche vom Ort der Mai

Bellis trennt, hier nur mehr ein schmaler Wasserfaden, der etwas

weiter im Südwesten seinen Ursprung nimmt. Aber wir hatten nicht

mit der Bewohnerschaft gerechnet. Kaum war ein Zelt aufgeschlagen,

als Soldaten aus der Stadt kamen mit der Erklärung, dass wir da

nicht lagern durften, das Gras würde zerstampft, es gehöre dem

Wagschum Ras Buru. Dieser befand sich am Hof in Debra Tabor. Der mich

begleitende Hauptmann wollte zwar von Wegziehen nichts wissen: ich

sei Gast des Negus Negesti und als solcher habe ich das Recht, mein

Zelt aufzuschlagen, wo ich wolle, auch kamen bald andere Soldaten

mit der Weisung, mich dort zu belassen. Aber ich, ängstlich besorgt,

irgendetwas den Bewohnern Unliebes zu thun, gab Befehl, weiter weg vom

Ort auf einem Platze zu lagern, von welchem ich erfuhr, dass er kein

Privateigenthum sei.

Wir waren nun in der Gegend der Agau, eines freilich in Sokota noch

schwach vertretenen merkwürdigen Volksstammes, welcher als ein von den

übrigen Abessiniern verschiedener gilt. Er soll mit den Bogos verwandt

sein, und neuerdings brachte über ihn Professor Reinisch zu Wien,

welcher Keren bereiste, viel Interessantes. Die Agau unterscheiden

sich übrigens nicht im mindesten von den übrigen Abessiniern, weder

durch die Hautfarbe, die ja ohnedies bei allen Abessiniern so

sehr wechselt, noch durch das Haar, welches, obgleich gewöhnlich

gekräuselt, doch auch schlicht ist. Nur ihre Sprache weicht von der

amharischen und tigrischen ab, auch ihr Charakter, welcher mehr als

bei der übrigen Bevölkerung Ungeschliffenheit und Wildheit zeigt.

Nirgends mehr als hier hatten wir kleine Unannehmlichkeiten. Auf ihre

Kleidung legen sie noch weniger Werth als die übrigen Abessinier.

Freilich, wie Bruce vor allerdings nunmehr fast hundert Jahren sie

schildert, sind sie nicht mehr. Auch in nichtcivilisirten Gegenden

wird alles besser und vollkommener, wenn auch bedeutend langsamer als

in unsern schnelldenkenden, schnellarbeitenden Ländern. Still stehen

bleiben kann heute kein Volk mehr auf der Erde; gänzlicher Stillstand

ist überhaupt wol nie bei den Völkern gewesen, auch nicht bei den

afrikanischen. Aber wenn man die Berichte frühester Schriftsteller,

eines Alvarez, Lobo u.s.w., über die Einwohner und Zustände Abessiniens

liest, dann die spätern von Salt, Bruce, endlich die noch spätern von

Rüppel, Heuglin, Beke, Combes und Tamisier u.s.w., welch ein gewaltiger

Unterschied dann zwischen heute und damals! Ja, die zwanzig Jahre

zwischen dem von Lejean, Cameron, Rassam, Flatt, Waldmeier und andern

geschilderten Hofleben Theodor’s und dem des jetzigen Negus Johann

zeigen bezüglich der Hofhaltung eines regierenden abessinischen Fürsten

einen Unterschied, welcher grösser ist als der zwischen dem Anfang und

der Jetztzeit dieses Jahrhunderts.

Treten afrikanische Völker, wenn auch nur von Zeit zu Zeit,

europäischen näher, so können sie sich dem Einflusse der Civilisation

nicht lange entziehen. Kommt es vollends auf Handelsbeziehungen an,

dann hilft keine Religion und nichts mehr, alles europäisirt sich.

Man sehe nur einmal auf die direct von Europa beeinflussten Städte

Alexandria, Port Said, Sansibar, ja selbst Massaua, Djedda -- alle

europäisiren sich. Wenn auch allmählich, lernt die Bevölkerung

arbeiten, denken wie die Europäer; allmählich schwindet der stets

durch die Religion hervorgerufene Hass, und endlich arbeiten die

verschiedenartigst veranlagten Völker an den gemeinsamen Aufgaben der

Cultur.

Sokota liegt ca. 2250 m über dem Meere. Ich hatte früher die

Einwohnerzahl zu 5-6000 Seelen veranschlagt; aber auch hier ist ein

ganz bedeutender Rückgang zu verzeichnen; auch hier wüthete jene

Seuche, deren ich schon bei Adua erwähnte; auch hier vielleicht

forderte der stete Krieg seine Opfer. Kurz, über 1500 Seelen däucht

mir 1881 für Sokota kaum zu hoch.[94] Ganze Quartiere standen leer,

und die verfallenen Gebäude zeugten nur zu deutlich von einer hier

vormals dichten Bevölkerung. Ehe ich dem Gouverneur einen Besuch

machte, begab ich mich nach der etwas ausserhalb der Stadt gelegenen

neuen Kirche Medani Allem, die nach dem Kriege ein Franzose oder

Schweizer, Mr. Dubois, erbaute. Die Kirche zeichnet sich aber durch

nichts Besonderes aus, war zudem nicht einmal vollendet, da man aus

Geldmangel vom Weiterbau absehen musste.

Der Gouverneur, Dedjadj Tassama, der Stellvertreter des abwesenden Ras

Buru, war mittlerweile mit Geschenken -- Lebensmitteln -- zu unserm

Lager gekommen, und ich beeilte mich, ihm den Besuch zu erwidern. Ich

fand ihn in einer Wohnung, zu welcher man nur mittels halsbrecherischer

Stiege gelangen konnte, und auf schmuzigen Teppichen sitzend, ohne

Angareb, konnte ich es nicht vermeiden, verschiedene Parasiten

mitzunehmen, welche man sonst nur bei den schmuzigsten Arabern und

Berbern mit besonderer Zärtlichkeit und Vorliebe auf dem eigenen Körper

gepflegt findet. Tassama, dem ich natürlich entsprechende Geschenke

mitgebracht hatte: einen Revolver, Baumwolle, Sammt und Seidenstoff,

nebst verschiedenen deutschen Schmucksachen für seine Frau, fand es

höchst unlogisch, dass mein Rock das seidene Unterfutter auf der

Innenseite zeige. Er meinte, die Seide als das Kostbarere müsse doch

nach aussen getragen werden, ich möge daher meinen Rock umkehren.

Eine unerwartete Freude hatte ich am zweiten Tage meines Aufenthalts

in Sokota. Als ich nachmittags von einem Spaziergange bis fast zur

Quelle des Bellis, an welchem Sokota liegt, zurückkehrte, kam mir schon

von weitem Hubmer entgegengelaufen mit dem Rufe, ein Europäer käme und

das könne nur Schimper sein. Die Vermuthung bestätigte sich bald: eine

nicht unbeträchtliche Karavane näherte sich, und ich erkannte Schimper,

der sich hoch zu Maulthier aus den übrigen Begleitern deutlich

hervorhob.

Man wird sich erinnern, dass ihm Lidj-Ambe die Erlaubniss, mich zu

begleiten, ohne einen schriftlichen Befehl von Ras Alula verweigerte.

Einige Tage nach meiner Abreise von Adua kam aber der berühmte General,

und so hatte sich denn schnell die Schimper’sche Angelegenheit

geordnet. Ras Alula gestattete nicht nur die Abreise desselben, sondern

gab ihm noch ein Schreiben für mich mit, das ihm gewissermassen

als Pass und Legitimation diente und ihn namentlich von lästigen

Plackereien, Zollabgaben, Geschenkerpressungen befreite, womit die

Districtsbehörden und selbst die Schum grösserer Städte gleich bei der

Hand sind. Ich hatte vor meiner Abreise eine hinlänglich grosse Summe

für Schimper zurückgelassen, damit er während seiner Abwesenheit die

Kosten seines Haushaltes und die Anschaffung von Maulthieren und Eseln

zum Transport seines Gepäckes bestreiten könne.

Zugleich beschloss ich, da ich ja jetzt an Schimper einen Dolmetsch

besass, wie ich ihn nicht besser wünschen konnte, Hauptmann Mariam

voranzusenden, mit einem Brief an den Kaiser, um ihn von meiner

baldigen Ankunft in Kenntniss zu setzen. Die Gerüchte von der Abreise

desselben nach dem Süden nahmen eine immer bestimmtere Fassung an. Jede

uns von Debra Tabor oder überhaupt vom Süden entgegenkommende Karavane

meldete, der Negus rüste zur Reise, ja, die letzten behaupteten

sogar, er sei schon abgereist. Und da die meisten als sein Ziel

Kaffa angaben, so hätte ich, um zu ihm zu gelangen, eine noch einmal

so lange Reise machen müssen als von hier bis Debra Tabor. Hauptmann

Mariam brach denn auch auf, schweren Herzens, denn ein prachtvolles

Rind sollte noch am selben Tage geschlachtet werden, aber erst

abends, während er bereits am Morgen seine Reise antreten musste. Ein

tüchtiges, in Aussicht gestelltes Geschenk machte ihn aber willfährig.

Seine Flinte, seine besten Sachen, kurz alles einigermassen Werthvolle

liess er bei mir zurück, denn allein durch solche Gegenden zu reisen

ist immer ein Wagniss.

Sokota hat Mittwochs einen wirklich grossen und bedeutenden Markt,

und da die Leute aus der ganzen Umgegend schon Dienstag nachmittags

eintreffen, Donnerstag nachmittags aber erst Sokota wieder verlassen,

so dauert er eigentlich drei Tage. Namentlich der Salzhandel, d.h. der

Amole-Handel ist hier der bedeutendste von allen in Abessinien. Auch

an kleinen Markttagen sieht man grosse Züge von Pferden, Maulthieren

und Eseln anlangen und bald darauf schon bepackt wieder abziehen. Man

beladet sie, indem man die Amole über ihren Rücken wölbt, zwei bis

drei Gewölbe übereinander. Regnet es, dann pflegt man eine oder zwei

getrocknete Häute oder sonstige das Wasser nicht leicht durchlassende

Stoffe darüberzulegen. Aber wehe, wenn ein Lastthier während eines

Flussdurchganges zu Falle kommt und die Ladung nass wird oder gar

auseinandergeht. Dann ist wenig mehr zu retten, jedenfalls tritt durch

das Schmelzen eine Gewichtsverminderung ein. Sonst ist der Salzhandel

trotz der vielen Zollstellen ein sicherer und einträglicher. Je weiter

von der Ursprungsstelle Taltal, desto mehr vertheuert sich das Salz.

Während man z.B. an der Stelle, wo die Amole oder Galeb, wie sie auf

Tigrisch heissen, für einen Thaler 80-100 Stück bekommt, erhält man in

Sokota, dem ersten und grössten Salzwerk Abessiniens, 60-80 Stück, in

Gondar 20-30, in Debra Tabor aber nur noch 15-20, und je weiter nach

Süden, desto seltener wird das Salz, bis es ganz im Süden nur noch 4

Stück auf einen Thaler gibt. Matteucci (S. 238 seines Werkes) sagt,

dass man in Fadasi und Baso vier Stücke Salz für einen Thaler bekäme.

Am Tage vor meiner Abreise kam mein Postbote, Namens Edris, vor Zeiten

im Dienste des französischen Consuls und jetzt von mir angestellt.

Als merkwürdiges Beispiel, mit welcher Leichtigkeit mohammedanische

Abessinier, aber erst nach der letzten Massentaufe, ihren Glauben

verlassen, führe ich an, dass dieser Edris als Mohammedaner

nicht direct in meinen Dienst treten konnte. Um ihn aber doch zu

entschädigen, hatte ich ihn bei mir als Postboten angestellt und

pecuniär stand er sich auch so besser. Als ich nun aber ganz obenhin

äusserte, eigentlich in der Meinung, er würde dies gar nicht für Ernst

nehmen, dass er als Christ mit mir nach Debra Tabor hätte gehen können,

meinte er, er habe nichts dagegen, sich taufen zu lassen. Ich beachtete

seine Erwiderung gar nicht. Aber abends sah ich ihn angethan mit der

blauseidenen Schnur, auch setzte er sich mit meinen übrigen Dienern zum

gemeinschaftlichen Fleischgenuss, zum Brondo nieder. Das musste auch

den Ungläubigsten überzeugen, dass er Christ geworden sei, und zwar

aus innerstem Herzen. In der That fand sich in Sokota ein Priester,

welcher ihn gegen Erleg von 20 Amolen taufte, ohne dass er das

Glaubensbekenntniss abzulegen brauchte. Eine neue blauseidene Schnur

war ebenfalls schnell gekauft und damit der Christ fertig. Als ich

fragte, was werden aber in Massaua die Mohammedaner dazu sagen, wenn

sie hören, du bist übergetreten? erwiderte er: „Ich bin Abessinier, und

solange du dort bist, bleibe ich bei dir; wenn du fort gehst, trete

ich in die Dienste eines andern Frengi, und was können mir dann die

Türken thun!“ Er war ein ganz guter Kerl, der Edris, welcher nun den

Namen Gebr Maskal erhielt, und noch ehe ich Massaua verliess, trat er

in die Dienste eines schweizer Kaufmanns, eines Herrn Müller; seine

Stellung als Christ blieb also unangefochten.

NEUNTES KAPITEL.

REISE NACH DEBRA TABOR UND BESCHREIBUNG DIESER LANDSCHAFT.

Meine Mission nach Abessinien Auf Befehl Sr. Maj. des Deutschen Kaisers im Winter 1880/81 unternommen · 第 13 / 27 段