überspannten Bank, welche, abgesehen von der uns nicht angenehmen
Höhe von 80 cm, recht bequem ist. Auf den Lederstreifen liegen zur
Bereicherung des Sitzes Teppiche und Kissen. Neben seinem Angareb
befand sich ein ähnlicher für mich, und auf der andern Seite ein
grosser, auf der Erde ausgebreiteter Teppich, auf welchem die
Anwesenden, welche das Recht oder die Erlaubniss hatten, in seiner
Gegenwart zu sitzen, nach Art der Türken Platz nahmen. Hinter
dem Angareb des Ras stand ein junger Mann, trotz seiner Jugend
schon Oberst und überdies Verwalter eines wichtigen Amtes: er war
Oberstfliegenwedler.
Nach kurzer Begrüssung ging ich auf den Ras zu und gab ihm die Hand; er
fragte nach meinem Befinden und erzählte, was mir besonders auffiel,
unmittelbar darauf, dass er soeben von den abessinischen Provinzen
Bogos und Mensa Steuern eingetrieben, d.h. sie ausgeplündert habe,
denn das ist in diesem Falle darunter zu verstehen. Mein Dolmetsch,
Johannes, war nicht zur Stelle, und die Unterhaltung ging nur schwierig
von statten, weshalb ich mich bald verabschiedete. Die Ehrenwache
begleitete mich zum Wohnplatz des Generals Balata Gebro, jenes
bekannten Freibeuters, welcher 1876 den ägyptisch-amerikanischen
Geologen Mitchell gefangen nahm.
Die sehr geräumige Wohnung Balata Gebro’s bestand aus verschiedenen
grossen umzäunten Hütten, Zelten u.s.w., die er fast ganz zu unserer
Verfügung stellte. Stecker jedoch, der meinen Widerwillen gegen
abessinische Wohnungen kannte, gerieth mit ihm in grossen Wortwechsel,
da er unsere Zelte +ausserhalb+ der Umzäunung wollte aufschlagen
lassen, was Balata Gebro entschieden verweigerte, indem er sich auf
Befehle berief und meinte, nur innerhalb seines Gehöftes uns vor
Neugierigen schützen zu können.
Und so mussten wir denn die Zelte innerhalb der Umzäunung aufschlagen
lassen. Bald darauf schickte der Ras einen Ochsen, ein Schaf, 100
Brote, einen Topf mit Butter, einen Topf mit Honig und einen Sack
mit Gerste, mit der Erklärung, dass von jetzt an alle Tage in jeder
Ortschaft diese Lieferung an mich zu geschehen habe. Natürlich übergab
ich dem Ueberbringer das entsprechende Gegengeschenk in Geld.
Am folgenden Tage, am 1. Januar 1881, überreichte ich dem Ras meine
Gaben: einen Winchesterkarabiner (Repetirgewehr zu neun Schuss, von
Lefaucheux in Paris), eine schön vernickelte Weckuhr, einen grossen
wurzener Teppich und seidenen Sonnenschirm, beide Stücke für Frau
Ras Alula. Alles fand den Beifall des Generals. Sodann wurde Tetsch
gereicht. Als ich, wie tags vorher, mein Glas auf einen Zug leerte --
in Massaua hatten mir die Europäer gesagt, es sei das so Sitte bei
den Abessiniern -- fragte mich der General verwundert lachend, warum
ich den Inhalt so schnell leere? Auf meine Antwort erwiderte er: „Was
wissen die verfluchten Türken von unsern Sitten? Im Gegentheil, wir
trinken langsam und nie viel auf einmal.“ Aus der jetzt zwanglosen
Unterhaltung will ich nur die Worte Ras Alula’s anmerken: „Wenn
Aegypten uns nicht die uns geraubten Provinzen zurückgibt, werden wir
Massaua und Chartum zerstören.“
Abends besuchte uns in unserm Zelt Balata Gebro. Wahrscheinlich hatte
er tagsüber schon viel Tetsch getrunken. Er lehnte den Thee ab, den
wir gerade tranken, aber einige Wassergläser voll Cognac -- noch dazu
Hennesy Cognac -- verschmähte er nicht, sodass er bald in sehr erregter
Stimmung zu prahlen anfing: „Bin ich nicht der gefürchtete Balata
Gebro? Reicht nicht mein blosser Anblick hin, um 2000 Türken in die
Flucht zu jagen? Ich bin der Held, der jenen Diener der Ungläubigen,
Mitchell, gefangen nahm! Ich tödtete mit eigener Hand 100 Aegypter. Ich
entmannte mit eigener Hand 25 Ungläubige.[74] Ich bin der Starke und
Unüberwindliche. Ich bin der Träger des schwarzen Leopardenfells. Es
mögen 5000 Türken kommen, ich allein werde sie vernichten. Man nennt
mich den +magern+ Balata Gebro, aber der magere Balata Gebro ist
ein Löwe. Man nennt mich den magern Balata Gebro, aber der Balata Gebro
entmannt und tödtet alle seine Feinde!“
So ging es noch lange weiter, bis ich seine Besiegung beschleunigte
durch ein viertes Wasserglas voll Cognac, den Rest der ganzen Flasche.
Er goss es hinunter und stürzte dann wie angeschossen zum Zelt hinaus
nach seiner gegenüberliegenden Wohnung, um dort seine Niederlage zu
verschlafen.
Merkwürdigerweise schien Balata Gebro am folgenden Tage vom
Katzenjammer nichts zu spüren. Als ich morgens um 5 Uhr zum
Frühgottesdienst ritt, kam er mir schon entgegen, da er mit dem Ras
bereits ganz früh zur Kirche gewesen war. Diese dem heiligen Michael
gewidmete Kirche von Tsatsega zeichnet sich durch nichts Besonderes
aus: nur die reich mit Elfenbein ausgelegte Bundeslade, angeblich 500
Jahre alt, ist sehenswerth. Als wir zur Kirche kamen, war trotz der
frühen Stunde der Gottesdienst schon vorüber, welcher eigentlich von
Mitternacht bis Sonnenaufgang dauert. Die Geistlichkeit, einige im
Vorhof lungernde Mönche und Nonnen bekamen ihr Geldgeschenk und wir
dafür den Segen.
Tsatsega liegt 2328 m über dem Meere auf dem rechten Ufer des Mai Gola,
eines der Quellflüsse des Anseba. Der Ort selbst, welcher aus wenigen
Hütten von Thon besteht, ist unwichtig, wichtiger das umfangreiche
Lager. Indess fand ich die Grösse desselben und die Zahl der anwesenden
Soldaten sehr übertrieben. Ich glaube kaum, dass in Tsatsega mehr als
2000 Soldaten standen, mit Alten, Weibern und Kindern im ganzen 10000
Seelen. Wenn aber dennoch der Ras Alula im gewollten Augenblick über
vielleicht 20000, ja 50000 Mann gebieten kann, so muss man bedenken,
dass die grösste Zahl der dem Bauernstande angehörenden bewaffneten
Soldaten beurlaubt werden, aber verpflichtet sind, auf den ersten Ruf
zu erscheinen. Das Lager war in Gruppen geordnet. Um ein grösseres
Zelt, um eine grössere Hütte standen kleinere für die Soldaten, sodass
der Offizier oder der Anführer immer inmitten seiner Untergebenen sich
befand.
Was die Soldaten anbetrifft, so fand ich eine grosse Veränderung
zwischen denen, welche ich zur Zeit des Kaisers Theodor sah, und
denen des jetzigen Negus Negesti. Theodor’s Soldaten hatten nur in
vereinzelten Fällen und obendrein vorsündflutliche Gewehre; meistens
nur Spiesse, Säbel, Schilde u.s.w. Spiesse und Schilde sind auch
heute noch da, aber dass sie aus der Mode kommen, merkt man an der
unsorgfältigen Arbeit. Nur selten noch sieht man jene sonst so
häufigen, mit schönem Gold- und Silberfiligran versehenen Luxusschilde.
Jetzt sind fast alle Soldaten, sobald sie im Felde stehen, stets
mit Flinten bewaffnet. Und wenn man auch noch oft genug Lunten-
oder Steinschlossflinten sieht oder solche mit dem schon neuern
Zündhütchenschloss, so findet man doch auch viele Hinterlader.
Mindestens 15000 Remingtongewehre sind mit ausreichender Munition im
Besitze des Negus. Man darf aber keineswegs glauben, dass die Soldaten
Abessiniens irgendeinen Vergleich mit unsern regelmässigen Armeen
aushalten. Bei weitem nicht einmal mit den ägyptischen, vielleicht
nicht einmal mit den marokkanischen Truppen. Der abessinische Söldling
bekommt nie Sold, der Offizier nie Zahlung. Die Soldaten sind wie
die Civilpersonen gekleidet. Eine Schama, meist herzlich schlecht
und immer von sehr zweifelhafter Reinlichkeit, darunter Hose und
Hemd aus Baumwolle, bilden die Uniform. Der Kopf barhaupt, aber das
Haar mit Vorliebe in kleinen oder auch grossen Wulsten geflochten,
dazu ein dicker Siegelring und um die Schultern ein Schaf- oder
Ziegenfell mit 2 Fuss langen Fransen, oft auch statt dessen ein Löwen-
oder Pantherfell für die besonders Tapfern -- das ist der Schmuck
der Soldaten. Ausserdem im Sommer stets noch der unvermeidliche
tellerartige Sonnenschirm von Stroh. Endlich ein langer krummer Säbel
an der rechten Seite. So ausstaffirt kommt der abessinische Soldat
daher. Stolz blickt er auf jeden hernieder: ihm gehört das Land, für
ihn muss der Bauer arbeiten. Er selbst arbeitet nie, auch der geringste
Soldat rührt nichts an, um etwa seinen Unterhalt zu erwerben. In dieser
Beziehung hat er ganz den dummen Dünkel der mittelalterlichen Barone
und Lanzknechte. Ja, er ist so eitel, dass er nicht einmal selbst
seine Waffen trägt, dazu hat er seinen Pagen, seinen Waffenträger,
ganz wie die Cavaliere des Mittelalters. Und man merke wohl, ich
rede immer vom +gemeinen+ Soldaten. Diese jungen Waffenträger,
oft nur im Alter von zehn bis zwölf Jahren, alle freiwillig sich
stellend, welche zuerst als solche eintreten und für ihren Dienst
nichts erhalten als einen Theil der Beute beim Plündern, bilden die
Rekruten des abessinischen Heeres. Im Alter von 18 Jahren oder auch
schon früher suchen sie sich einen Schild zu verschaffen, denn der
Schild gilt immer noch als besonderer Kriegsschmuck, namentlich wenn
etwas Silber daran ist; dazu einen Säbel, ein Gewehr, und nun überreden
sie andere Knaben, ihre Aeltern zu verlassen und in den Wehrstand zu
treten. Aber wenn die Generale, die Offiziere und Soldaten nie Löhnung
bekommen, wovon nähren, wovon kleiden sie sich? Mit den Lilien auf
dem Felde kann man sie doch wol nicht vergleichen. Ausschliesslich
von Plünderung! Die Beute wird regelrecht vertheilt. So und so viel
bekommt der Anführer, so und so viel die Offiziere, so und so viel
der Soldat. Daher auch die ewigen Raubzüge der Abessinier. Der Negus,
die Grossen, welche eine seiner Armeen commandiren, +müssen+
fortwährend Krieg führen, um ihre Truppen ernähren zu können. Das ist
recht traurig, denn eigentlich ist es ein beständiger Krieg einiger
gegen alle. Solange der Kriegszustand mit Aegypten dauert, kann man in
diesen Raubzügen wenigstens eine gewisse Gesetzmässigkeit erblicken:
man findet es begreiflich, dass die Abessinier sich für die geraubten
Provinzen zu entschädigen suchen. Und solange noch auf der Grenze
Völker und Gegenden existiren, auf welche der Negus Negesti glaubt
seine vermeintliche Souveränetät ausdehnen zu müssen, kann man in den
Kriegszügen wenigstens einen Schein von Recht entdecken. Aber wenn nun
alles das einmal aufhört, wenn es gelingt, mit Aegypten Frieden zu
schliessen, wenn die angrenzenden Provinzen unterworfen sind: was dann?
Das ist eine Frage, welche ich kaum wage zu beantworten. Entweder man
muss das Heer bedeutend vermindern, und im Innern würde dabei für die
Regierung gar keine Schwierigkeit vorliegen, weil sie im Besitze der
vielen Amben, d.h. natürlichen Festungen, mit Leichtigkeit auch das
widerspenstigste Volk zügeln könnte, oder aber man muss das eigene Volk
ausplündern. Regelmässige Abgaben nämlich gibt es bisjetzt nicht in
Abessinien. Zwar steht dieses Land durch seine Religion immerhin auf
einer relativ hohen Stufe der Cultur, aber wie unendlich viel ist darin
noch zu thun!
Ras Alula hatte zu meiner schleunigen Abreise ebenso viel Lust wie ich
selber. Wahrscheinlich kam ihm der Befehl, mich so rasch wie möglich
zu befördern. Zwar erhielt ich von Herrn Hassen Bei aus Massaua die
Meldung, dass Professor Reinisch meinen Dolmetsch Johannes für die
österreichischen Jagdherren, Fürst Esterházy u.s.w., angeworben habe,
aber ich trauerte seinetwegen nicht lange: einestheils dolmetschte
er entsetzlich schlecht, andererseits war er trotz seines wiener
Aufenthaltes körperlich schmuziger als der schmuzigste Abessinier.
Ausserdem erhielt ich von Ras Alula das Versprechen, dass ich Schimper
von Adua mitnehmen dürfe. Johannes wollte mich überdies noch einige
Märsche begleiten.
Wie ich früher schon erwähnte, waren Herr und Frau Lombard vor mir
aufgebrochen und demnach auch früher beim Ras Alula angekommen. Ich
konnte am ersten Tage ihre Wohnung von der meinigen aus bemerken, da
ich ihre französische Flagge sah. Am Tage meiner Abreise erblickte
ich die Fahne nicht mehr. Wir haben uns im Lager nicht gesehen. Für
mich lag keine Veranlassung vor, ihn zu besuchen, und er +wollte+
vielleicht nicht zu mir kommen. Herr Raffray, der französische Consul,
gab mir noch einige hundert Thaler für ihn mit, die ich ihm gegen
Quittung in Tsatsega zustellen liess. Ich erfuhr nun, dass dem Herrn
Lombard die Reise ins Innere Ras Alula untersagte, dessen Worte mir
Balata Gebro folgendermassen wiederholte: „Ich weiss nicht, was Herr
Lombard eigentlich beabsichtigt. Einmal will er nach Schoa, dann wieder
zum Negus Negesti. Ein andermal verlangt er sogar von mir die Abhaltung
einer Revue! Dann wieder ist er mit den gelieferten Lebensmitteln
unzufrieden, ohne zu bedenken, dass dieselben keinem Muss entspringen,
sondern eine freiwillige Liebesgabe sind.“ Und in der That, nur eine
dieser Beschuldigungen, wenn sie begründet war, musste genügen, um das
Mistrauen eines auch weniger mistrauischen Generals zu erwecken. Hätte
Herr Lombard meine Vermittelung bei Zeiten angerufen, so konnte ich
seine Weiterreise vielleicht ermöglichen. Vor allem würde ich ihm aber
gerathen haben, sein Herz nicht auf die Zunge, seine Gedanken nicht auf
die Lippen zu legen. Ich erfuhr sein Misgeschick erst am Tage meiner
Abreise, und da war es zu spät, irgendetwas für ihn zu thun. --
Der Tag der Reise kam. Im letzten Augenblick gelang mir noch der Ankauf
einiger Maulthiere, sodass mir die Regierung nicht viele Träger zu
stellen brauchte. Jetzt ritt ich hinüber zum Ras, um mich von ihm zu
verabschieden. In meiner Gegenwart gab er dem Hauptmann Mariam, der
mich mit seinen Soldaten begleiten sollte, die letzten Anweisungen
und einen schriftlichen Generalbefehl. Nun wollte ich mein Maulthier
besteigen. Wie überrascht aber war ich, als ich vor dem Thore ein
vorzügliches, prächtig gesatteltes Thier vorfand: eine Ehrengabe des
abessinischen Ras.
[Illustration: EUPHORBIA KOLQUAL ODER KANDELABERBAUM.]
Der Abschied von Balata Gebro war ein recht langer, obschon ich ihm
gar keine besondern Geschenke dargereicht: einen ziemlich gewöhnlichen
Revolver und einige hundert Mark in Maria-Theresienthalern, welche
Stecker ihm heimlich zustecken musste. Er überwachte die Bepackung
unserer noch durch sieben vermehrten Maulthiere und die schnelle
Herstellung der Packsättel. Endlich um 10¾ Uhr setzten wir uns in
Bewegung, die jedoch nur langsam erfolgte. Und dazu noch: ich hatte die
Ehrenwache noch nicht abgelohnt! Jetzt die Abladung eines Maulthieres,
die Oeffnung der Kiste, die Herausnahme des Geldes, und das alles
unter den Augen der umstehenden Abessinier! Aber nicht genug kann ich
die Ehrlichkeit der abessinischen Diener, ihr anständiges Benehmen
hervorheben: auf der ganzen Hin- und Rückreise ist mir nie etwas
abhanden gekommen. Auch murrten die Leute niemals, als ob sie zu wenig
bekommen hätten. Und so ging es denn auch mit dieser Angelegenheit
glatt ab, und die Ehrenwache zog sich ganz zufrieden zurück, während
wir mit unserer kleinen Bedeckung, unter dem Commando des Hauptmanns
Mariam, der uns bis zum Negus Negesti begleiten und namentlich für die
täglichen Lieferungen sorgen sollte, Tsatsega verliessen.
Im allgemeinen ging es nun südlich, zuweilen westlicher und dann wieder
mit östlicher Abweichung. Je mehr ins eigentliche Abessinien hinein,
desto schöner und fruchtbarer wurde die Gegend. Wir passirten noch am
selben Tage den Mareb, der etwas weiter östlich von der Stelle unsers
Ueberganges tief eingebettete, steile, aber äusserst malerische Ufer
hat. Ein kleiner Wasserfall belebt noch die wundervolle Scenerie.
Trachyt, Basalt herrscht hier noch vor; der Kandelaberbaum drückt der
Pflanzenwelt den Stempel auf; der Grund ist dick bestanden mit einem
binsenartigen Gras, tara ualia, d.h. Mädchenhaar, das vielleicht auch
einmal für die Industrie dienstbar gemacht werden kann, wie die Stipa
tenacissima. Bei 2000 m Höhe lagerten wir nachts in der Nähe eines
kleinen Dorfes Namens Addi Saul. Hier bemerkten wir zum ersten mal
jene saftgrünen schönen Palmen, wahrscheinlich eine wilde Phönix, mit
sehr feinen Wedeln, die Früchte reifen jedoch nicht, sind daher nicht
geniessbar. Statt des Ochsen brachte uns der Schum (Ortsvorsteher) drei
Schafe; der mich begleitende Hauptmann wollte nun zwar noch Geld drauf
haben, aber ich verbot das ein für allemal.
Es ist eine in Abessinien ganz gewöhnliche Sitte -- und man sagte mir,
was ich kaum glauben mag, dass selbst europäische Reisende, sogar
+officielle Abgesandte+ dieselbe mitzumachen sich nicht scheuten!
-- dass die einheimischen Beamten, wenn sie für den Negus oder sonst
in officiellen Diensten reisen, sich nicht unerhebliche Summen dadurch
zusammenbringen, dass sie sich täglich die ihnen zukommenden Rationen
in Geld auszahlen lassen. Gesetzt den Fall, sie haben, wie ich damals,
das Anrecht auf täglich ein Rind, ein Schaf, einen Topf Honig, einen
Topf Butter und einen Sack mit Gerste, so repräsentirt dieses unter
Brüdern ca. acht Maria-Theresienthaler. Sie überlassen nun alles dem
Schum, um ihm auch einen Vortheil zu gönnen, für vielleicht fünf Thaler
baar, stecken das Geld ein und profitiren somit bei einer Reise von
30 bis 40 Tagen 150-200 Thaler, für Abessinien eine enorme Summe,
eine Summe, welche nach unsern Verhältnissen mindestens 1000-1500
Thaler beträgt. Und der echte abessinische Beamte treibt das Handwerk
noch besser, indem er sich von den auf seiner Marschroute immer
vorgeschriebenen Ortschaften, auf welche seine Verpflegung lautet,
diese in Geld zahlen lässt, dafür aber andere benachtheiligt, die ihm
Nahrungsmittel in natura liefern müssen.
Es sollen, wie gesagt, europäische Reisende auch geldlich von diesem
System profitirt haben, und unmöglich ist es nicht, denn selbst mir bot
man einmal drei Thaler, wenn ich auf ein zu lieferndes Rind verzichten
wollte. Ich brauche wol kaum zu sagen, dass ich Herrn Schimper, meinen
damaligen Dolmetsch, beauftragte, auf das Rind sowol wie auf das Geld
zu verzichten. Ein für allemal hatte ich beschlossen, die Lieferungen
durch Geld auszugleichen, und bei den billigen Preisen konnte dies
ja auch leicht geschehen. Gordon war in dieser Beziehung mit gutem
Beispiel vorangegangen, oft vielleicht zu grossartig aufgetreten;
aber ich wollte nicht, dass der Vertreter Deutschlands hinter ihm
zurückstände. Vollkommen unbegreiflich finde ich es denn auch, wenn
verschiedene Reisende, welche doch wissen und fühlen müssen, dass
derartige Lieferungen wenigstens für Europäer „Gastgeschenke“ sind,
auftrumpfen, wenn sie nicht einlaufen und dann wol noch gar ohne
entsprechende Geldgeschenke abziehen!
Die erste bedeutende Stadt, Namens Godofelassi, wenn ein Ort von ca.
1200 Einwohnern Stadt genannt zu werden verdient, erreichten wir, nach
vielen Mühen und Weitläufigkeiten mit unserm Gepäck, am 7. Januar. Da
ich noch nicht alle nothwendigen Maulthiere besass, so war ich immer
noch für einen Theil des Gepäcks auf Träger angewiesen. Träger bekommt
man stets nur mit Widerstreben, und dann gehen sie blos von Ort zu Ort.
So musste manchmal ein Gepäckstück oder zwei liegen bleiben in einem
Ort, da man so schnell keine Träger auftreiben konnte. Dann ging der
uns begleitende Offizier zurück, und spätestens am andern Tage hatte
ich alle meine Sachen wieder. Damals ärgerte ich mich über diese kurze
Verzögerung. Bei ruhigem Nachdenken jedoch staune ich jetzt über die
Schnelligkeit, mit der man alles Gepäck fortschaffte. Der arme Abargues
de Sosten, welcher zum Fortschaffen des seinigen gar keine eigenen
Maulthiere besass, musste wochenlang auf dasselbe warten. Eine Kiste
lag am Wege, eine andere in einem Dorfe, eine dritte irgendwo. Und
wunderbar! bei dieser Transportweise hat sich kein Reisender beklagt,
dass ihm irgendetwas abhanden kam.
Die Gegend, welche wir durchzogen, war prachtvoll. Wie ein grosser mit
herrlichen Bäumen bestandener Park; schöngrüne, blühende, oft durch
reiche Culturen unterbrochene Büsche; Felder mit Schimbera (Lathyrus),
einer Hülsenfrucht, welche fast wie Erbsen aussieht und schmeckt;
Kolqual und Mimosen; am Wasser stets riesige Sykomoren!
Erwähnen muss ich, dass der sonst so zuverlässige Heuglin in seinen
Angaben auf dem Wege nach Godofelassi eines Vulkans erwähnt. Er sagt
darüber[75]: „3-5 Meilen westlich von unserm Weg zieht sich ein
niedriges tafelförmiges Hügelland hin, Daba Meda (Meda heisst Ebene)
genannt, an dessen Ostrand sich ein Krater mit Caldera und pyramidalem
Eruptionskegel im Centrum erhebt; der Berg oder die Gegend heissen
Az-Schemer. Die relative Höhe des Vulkans schätze ich auf 3-400 Fuss,
die Kraterwände scheinen nach innen sehr steil abzufallen und sein
Rand ausserordentlich scharf zu sein.“ Man könnte fast versucht sein,
aus dem Worte „caldera“ zu schliessen, es handle sich um einen noch
thätigen Vulkan. Aber trotz der überall vulkanischen Gesteinsmasse
der Gegend gibt es keine thätigen feuerspeienden Berge oder Geiser
in Abessinien. Der Berg und Name Az-Schemer[76] existirt gar nicht.
Wahrscheinlich meinte Heuglin den bei Addi Baro liegenden Berg Addi-
oder Az-Schikel, welcher jedoch nie ein Vulkan war. Ferner ist Daba
Matta (nicht Meda, hat also auch nichts mit Ebene zu thun) ein
mächtiger Gebirgsstock, welchen man schon von Adua im Süden, von Asmara
im Norden sehen kann, ein Wegweiser und Wahrzeichen, von dem es nur
auffällt, dass ihn Heuglin übersah.
Prachtvolle Pferde wurden in Godofelassi zum Verkauf angeboten, zu 6-12
Thaler das Stück, gute Maulthiere nur spärlich, aber meiner Heerde
konnte ich doch einige hinzufügen. Wir erstaunten über die vielen
Hyänen und Schakale, welche unser Lager umschwärmten, letztere zeigten
sich sogar am Tage. Neun Diener zur Vervollständigung unserer Karavane
wurden angeworben; einen, welcher aus Eitelkeit sich weigerte, Holz zu
holen, weil das, wie er behauptete, Frauenarbeit sei, entliess ich.
Godofelassi, früher halb christlich, halb mohammedanisch, hat jetzt
nur noch einige mohammedanische Familien und dürfte überhaupt wol
einer der wenigen Plätze sein, welchen Mohammedaner bewohnen. Denn
im Jahre 1880 erliess der Negus Negesti einen Befehl, demzufolge
alle Mohammedaner zur christlichen Kirche übertreten oder auswandern
mussten. Fast alle zogen es vor, sich taufen zu lassen, wodurch ein
ganz neues frisches Element unter die christlichen Abessinier kam,
nicht etwa, weil ein volksthümlicher Unterschied zwischen Mohammedanern
und Christen bestanden hätte, sondern weil erstere vor letztern sich
durch Arbeitsamkeit und Kunstfertigkeit auszeichneten.