Am folgenden Tag hatten wir bis Ailet nur einen kleinen Marsch. Die

Gegend wird immer belebter, das Wild, besonders Hasen, Rebhühner,

Francoline u.s.w., zahlreicher, und der Seecharakter tritt mehr und

mehr zurück. Grosse Termitenhügel, in der Ebene viele Scolopendriden

und Julus zeigten an, dass jetzt auch grössere +beständige+

Feuchtigkeitsverhältnisse walteten. Ehe man in das breite Thal

von Ailet kommt, übersteigt man eine fast nordsüdlich laufende

Hügelkette von 300-350 m Höhe, welche den Namen Taracha, oder auch

weiter im Süden den Namen Digdigta führt. Oben angekommen, hat man

eine herrliche Aussicht auf das breite schöne Thal, welches sich

nordnordöstlich bis zum Meere erstreckt. Mit Wehmuth erblickt das Auge

die reichen, von hundert Rinnsalen netzartig durchzogenen Gefilde vor

sich, welche dem prachtvollen Boden regelmässig das Wasser zuführen.

Mit Wehmuth, sage ich, denn Tausende könnten hier ihr Brot finden. Und

jetzt? Das ganze Thal hat drei oder vier elende Weiler, von denen der

bedeutendste Ailet ist.

Unter einigen schönen Bäumen, westlich von Ailet, liess ich, eine

freundlich angebotene Wohnung ablehnend, die Zelte aufschlagen. Ein

für allemal beschloss ich damals, nie in abessinischen Wohnungen zu

schlafen, da ich auf der Rückreise während des britischen Feldzugs zu

üble Erfahrungen gemacht hatte. Die heissen Quellen von Ailet, welche

ca. 5 km südlich von der kleinen Oertlichkeit liegen, sind eine höchst

merkwürdige Erscheinung. Ein daraus unausgesetzt hervorfliessendes

kleines Rinnsal umgibt da, wo auf einem Hügel die Ruinen der

schwedischen Mission liegen, in einem Umkreis von ca. 50 m so heisser

Boden, dass man mit blossen Füssen nicht darauf wandeln kann. Das aus

grossen, sehr tiefen Löchern hervorbrodelnde Wasser hat als heisseste

Temperatur +59° (nachmittags bei 31° Lufttemperatur), einige Meter

unterhalb +58°, 10 m weiter nach unten noch +50°, und 15 m weiter

entfernt noch +48°. Bei dieser Temperatur leben schon Wasserkäfer[70]

im Rinnsal. Trotz der Unsicherheit der Gegend fand ich verschiedene

Familien, welche krankheitshalber badeten. Rheumatische Leiden sollen

auf diese Weise schnell beseitigt werden. Mineralische Bestandtheile

liessen sich durch den blossen Geschmack[71] nicht erkennen, im

Gegentheil, wenn kalt geworden, war das Wasser von vollkommen süssem

Geschmack. Durch meinen Dolmetsch[72] erfuhr ich, dass die sich

Badenden christliche Abessinier aus Hamasen waren, welche in Massaua

Felle verkaufen wollten.

Obschon es Weihnachten war und wir in Ermangelung von andern

Festlichkeiten abends einige Extraschüsseln unserm Mahle zufügten,

hatte uns das Marschiren während des ganzen Tags so ermüdet, dass um 9

Uhr nachts alles im Lager schlief. Nur die ägyptischen, diesmal durch

einige Dorfbewohner verstärkten Soldaten hielten die übliche Wache.

Das aber bemerkte ich schon, dass sie mich keineswegs bis zur wahren

abessinischen Grenze begleiten würden, wie doch ursprünglich abgemacht

worden war. Dazu mangelte der Muth. Sie wollten eigentlich hier schon

umkehren, ja, sie beredeten sogar die Kameltreiber, fortzugehen: „Die

Abessinier werden euch die Thiere abnehmen“, sagten sie.

In der sichern Voraussicht, dass sie sowie die Kameltreiber am

folgenden Tage mich verlassen würden, schickte ich am frühen Morgen

den Naib voraus, um von Leuten, welche nicht fern von uns weideten,

Ochsen zu miethen. Denn wenn auch Ras Alula versprochenermassen mir

abessinische Soldaten und Ochsen entgegensenden wollte, so hätte

mich das auf unbestimmte Zeit zu einem Aufenthalte in oder bei Ailet

genöthigt, ohne einmal mit Sicherheit auf das Eintreffen derselben

rechnen zu können. Glücklich für mich -- wie mich denn überhaupt auf

dieser ganzen Reise stets ein aussergewöhnliches Glück begünstigte --

fanden wir denn auch Aschuma-Beduinen, welche sich bereit erklärten,

unser Gepäck mit ihren Ochsen bis nach Kasen zu schaffen. Damit waren

alle Schwierigkeiten überwunden.

Bis nach Adegani, einer Oertlichkeit, ca. 8 km westsüdwestlich vor

uns, hatten wir jedoch noch das „beruhigende“ Gefühl, unter dem

militärischen Schutze Aegyptens zu reisen. Weiter erklärte der

Offizier, sich nicht vorwärts wagen zu dürfen. Dort sollte es sich also

entscheiden, ob wir wieder nach Ailet zurück oder allein, allerdings

auf eigene Verantwortung, unsere Reise fortsetzen müssten. Das Chor

Choar, welches uns nach kurzem Marsch nach Adegani führte, hat immer

fliessendes Wasser, und wir befinden uns jetzt mitten im tropischen

Afrika, schon die Papyrusstauden am Wasser deuten dies an. Wie überall

auf unserm ganzen Wege, bemerken wir auch hier noch zahlreiche

Friedhöfe. Sind sie alten, ältesten Datums? neuern Ursprungs? Oft sind

es Tumuli nach Art der alten keltischen Denkmäler, oft Aufhäufungen,

wie sie die Mohammedaner aller Länder zu machen pflegen. Aber wie

stark muss einst die Bevölkerung hier gewesen sein! Und jetzt hausen

in diesen segenspendenden Gefilden gar keine sesshaften Bewohner mehr.

Nur Nomaden befinden sich in den Vorbergen Abessiniens, und der Stamm

der Aschuma, welcher zwischen Ailet und Kasen weidet, dürfte höchstens

300 Männer zählen, dazu die Nebara mit 200, die Alaschkar mit 300,

die Gedemsega mit 200, die Asus-Adaha mit 300, die Massali und Ueira

ungefähr mit ebenso viel Männern, das ist die ganze Bevölkerung der

östlichen Gehänge Abessiniens, etwa vom 15. bis zum 16.° nördl. Br.

Also zu jedem Mann etwa noch drei Individuen hinzugerechnet, würde das

die Gesammtseelenzahl von noch nicht 8000 Menschen ergeben.

Die Aschuma befanden sich, als wir Adegani erreichten, schon an Ort

und Stelle. Das Militär wurde nun verabschiedet, abgelöhnt und, was

mich besonders erfreute, ein jeder war mit der Ablöhnung und mit dem

Extrabakschisch zufrieden. Und gleich von vornherein zeigten sich

die Aschuma als höchst liebenswürdige und gutmüthige Burschen. Aber

diese Laderei! Die meisten Ochsen trugen nur ein Stück Gepäck auf

dem Rücken. Es fehlte also das Gegengewicht zweier auf beiden Seiten

eines Saumthieres verladener Gepäckstücke. Die Aschuma hatten keine

eigentlichen Buckelochsen, aber auch keine mit ganz flachen, breiten

Rücken. Bei der Beladung fasste man die Thiere beim Maul oder griff

ihnen in die Nüstern, und das Packen ging dann ziemlich schnell von

statten. Aus freien Stücken führten die Aschuma noch Reservethiere bei

sich, um täglich wechseln zu können.

Aber was waren das für Märsche! Man bedenke nur, dass Kasen in

gerader Linie von Massaua nur etwa 60 km, von Ailet, wo doch schon

die Schwierigkeiten beginnen, etwa 40 km entfernt ist. Aber mit

der Schönheit der Natur wachsen die Hindernisse. Wasser überall in

Hülle und Fülle und bald auch Regen dazu, als wir uns auf der schon

bedeutenden Höhe von 1900 m befanden! Um nur diese kurze Entfernung von

ca. 40 km zu überwinden, brauchten wir sechs Tagemärsche, denn erst am

29. December hatten wir bei Kasen die eigentliche Hochebene von Hamasen

erreicht.

Keine Abenteuer. Zwar begegneten uns einigemal kleine Gruppen, aber

nach freundlichen Begrüssungen, nachdem man sich über das Woher und

Wohin unterrichtet, setzte jeder seinen Weg fort. Wir kamen auch zu

einigen Ansiedelungen der Aschuma, namentlich im Uainathal, wo wir

funfzehn elende Strohhütten fanden. Frische Waldbrandplätze deuteten

an, dass hier die Aschuma ihre Durra dem Boden anvertrauen wollten.

Sie sind also keine reinen Nomaden, d.h. Menschen, welche nur vom

Viehstande leben, sondern sie erbauen sich ihr Korn selbst. Ihre

Heerden sind, wie sie selbst sagten, auch viel zu unbedeutend, als

dass sie ausschliesslich davon leben könnten. Selbstverständlich

nomadisiren, d.h. weiden sie auf ganz bestimmtem Grund und Boden. Sie

sind in der unangenehmen Lage, dem Naib sowol als auch dem Gouverneur

von Hamasen Steuern entrichten zu müssen, und werden ausserdem noch

von beiden nicht selten durch willkürliche Abgaben bedrückt. Ihrer

Abstammung nach nicht mit den Küstenbewohnern verwandt, dürften sie

den Abessiniern angehören. Ihre mehr als einfache, oft aber nur aus

einem Hemd bestehende Kleidung ist die Schama. Als Waffen führen sie

einen Spiess, einzelne auch einen Säbel, zwei von ihnen besassen

uralte Luntenflinten. Das Haar tragen sie kraus und kurz geschnitten.

Ihre Sprache ist der tigrinische Dialekt. Die Hautfarbe der meisten

ein schmuziges Braun, das man jedoch vielleicht ebenso sehr dem

Schmuz als der Natur zuschreiben muss. Die wenigen Frauen, die wir

sahen, hatten sanfte Züge, starrten aber auch von jahrelang auf ihrem

Körper haftendem Schmuz. Wie alle auf dem Gehänge von Abessinien

lebenden Stämme wollen auch die Aschuma Mohammedaner sein. Ich wüsste

aber nicht, dass sie das durch etwas anderes als durch ihre eigene

Behauptung erhärten könnten, denn von den üblichen Gebeten verrichteten

sie keins, und auch sonst gaben sie keine auf den Islam hinweisende

Andeutungen.

Ich erwähnte vorhin, dass wir in den Thälern der untern Gehänge

vollkommen tropische Vegetation vorfanden: riesige Sykomoren,

Tamarinden, wildwachsende hohe Citronenbäume mit saftgrünen,

glänzenden Blättern, aus deren Kronen unsere flinken Abessinier einen

willkommenen Vorrath von kleinen, aber kräftig schmeckenden Früchten

herabholten, prachtvolle Ricinusstauden, Myrten, höher hinauf erst

abessinische Rosen und Jasmine, Aloë, Carissa edulis, wilde Oelbäume

und überall auf dem Boden schöner Graswuchs. Dass sich in einer mit

so üppigem Pflanzenwuchs bedeckten Gegend ein grosser Thierreichthum

vorfindet, brauche ich kaum zu bemerken. Einmal glaubten wir, es war

nachts, als wir bei Chor Agenat lagerten, dicht bei unserm Lagerplatz

sogar einen Löwen brüllen zu hören. Da wir aber am Morgen keine Spuren

bemerkten und Löwen bekanntlich nicht wie die Paviane in Bäumen hausen,

so wird es wol nur ein Ochse gewesen sein, welcher sich etwas von der

Heerde entfernte.

Mitunter wahrhaft wunderbare Fernsichten! Bei einer Bergwandung

erblickten wir sogar deutlich Massaua am Rothen Meere! Wir sahen

es noch einmal bei unserer Ankunft zu Kasen am Morgen vom hohen

Geraraberg, welcher dem Kasenberge angehört. Ein unvergleichlich

schöner Ausblick! Nachts zuvor hatte es geregnet. Als ich etwas vor

Sonnenaufgang mein Zelt verliess, um wegen der im Zelte herrschenden

feuchten Luft draussen meinen Kaffee einzunehmen bei einem prasselnden

Feuer, dessen Nahrung aus wohlduftenden Wachholderästen bestand,

zertheilten sich die Wolken und sanken dann, als würden sie auf einer

Bühne vom Schnürboden herabgelassen, immer tiefer und tiefer. Oben der

bereits lichtblau gewordene Himmel, als lächle er der Sonne entgegen,

die sich noch unter dem Horizont befand! Immer fester ballten sich

von Kuppe zu Kuppe die schweren Haufenwolken zusammen. Da entstieg

die feurige Kugel dem Meere. Dort Massaua! Und zu unsern Füssen wie

aus einem einzigen Guss ein riesiges Eisfeld, eine Schneefläche, ein

grossartiger, silberstrahlender Gletscherteppich, der sich zur Ebene

hinab entfaltete. Das waren die Haufenwolken, welche nachts über uns

regneten und jetzt, von der Sonne getroffen, sich den mächtigen Abhang

hinabwälzten. Hier und dort einzelne schwarze Bergkuppen, welche das

weisse Brauttuch der Natur durchbrachen! -- Solche Augenblicke vergisst

man nie.

Der letzte Aufstieg, nur noch ca. 400 m hinan, war der allerschlimmste.

An Reiten konnte man der Steilheit wegen nicht denken. Ein eigentlicher

Weg existirte ja auch gar nicht, denn sehr selten nimmt man die

Richtung auf Kasen. Es ist das der Weg, den auch Herr von Katte vor

Jahren einschlug, als er in Abessinien eindrang.

Westlich vom Rande des Berges in mehr niedriger Gegend befindet sich

der kleine ärmliche Ort Kasen. Jetzt waren wir also in der Machtsphäre

des Negus Negesti. Von dem Augenblick an hörte man auf, ein freier

Mensch zu sein, denn im Grunde genommen ist jeder, einerlei ob

Fremder oder Eingeborener, Privatmann oder Gesandter, im Bereiche

des abessinischen Herrschers weiter nichts als ein Object, eine

Persönlichkeit ohne eigenen Willen. Selbst Gordon, dessen Machtfülle

seinerzeit die des Negus Negesti von Abessinien bei weitem überstieg,

hatte sich, einmal innerhalb Abessiniens, solchen Erwägungen nicht

entziehen können.

Welch ein Leben und Lärmen, als wir auf das ärmliche Dorf loszogen,

obwol die Bewohner desselben von unserer Ankunft unterrichtet worden

waren. Denn seit mehrern Tagen befand sich dort ein Offizier mit

Soldaten von der Armee des Generals Ras Alula, um aus der ganzen

Umgegend Lastochsen zu requiriren, womit er mir, einem Befehle des

Generals gemäss, bis Ailet entgegenkommen sollte. Aber die Aufregung

der Bewohner war eine freudige.

Nach so anstrengenden Aufmärschen beschloss ich, Rasttag zu machen,

und liess unser Lager sowie mein grosses Prunkzelt aufschlagen und die

deutsche Flagge entfalten. Bald darauf kam der abessinische Offizier

mit der Meldung, er habe 50 Ochsen zur Verfügung und würde mich, wie

ihm befohlen, zum General geleiten. Mit Verwunderung bemerkte ich, dass

seine Soldaten zum Theil gute Waffen und zwei sogar Remingtongewehre

besassen. Die Aschuma wurden nun abgelöhnt und noch reichlich mit

Geschenken versehen, worauf ich um so mehr hielt, als die Treiber,

welche mit Mr. Lombard heraufgekommen waren, sich bitter über zu

kärgliche Bezahlung beschwerten.

Unsere Zelte umlagerten unzählige Abessinier, welche aus der ganzen

Umgegend, namentlich den Ortschaften Amne Petros, Asen und Amba Bero

kamen, um uns anzustaunen. Auch die Dorfmusik von Kasen erschien, um

uns ein Willkommständchen zu bringen. Zahlreich war sie nicht: nur zwei

Individuen, welche dasselbe Instrument bliesen, d.h. eine Art Schalmei,

der Vater ein 1,5 m langes, mit Leder überzogenes Tutrohr, der Sohn

ein kleineres, aber ebenso construirtes. Nur zwei Töne konnten sie aus

diesen riesigen Nachtwächterhörnern hervorbringen. Das Merkwürdigste,

Niedagewesene bei diesem ohrenzerreissenden Concert war aber, dass

sich beide Musikanten, nachdem sie, langsam hin- und herschaukelnd und

ihr langes Blasrohr auf- und absenkend, sich in musikalischen Ergüssen

versucht hatten, auf den Rücken legten und nun unisono den Himmel

anbliesen. Entsetzlich, aber auch komisch zugleich, sodass Stecker

und ich schnell ins Innere des Zeltes eilten, um nicht die andächtig

lauschende Menge, welche das alles wunderschön fand, durch hier

unpassende Heiterkeitsausbrüche zu stören.

Ich machte auch einen Spaziergang nach und durch Kasen, ein auf und

an einem Hügel sehr unregelmässig gebautes Oertchen mit höchstens

700 Einwohnern. Die viereckigen, aber auch länglichen Häuser bestehen

aus Thon. Ausserdem vereinzelte runde Hütten. Die Dächer sind aus

Laubwerk und Schilf. Manche an die Bergwand gelehnte Wohnungen haben

flache Dächer, von welchen man gleich zu Berg steigen kann. Die

Kirche in Kasen ist entgegen der abessinischen Regel, welche Rundstil

vorschreibt, viereckig. Daneben befindet sich eine runde Hütte für

den Priester. Man sieht übrigens in Kasen ebenso viele leergebrannte

Stätten wie bewohnte, und dies spricht deutlich genug von den auf der

Grenze üblichen Plünderungen und Mordbrennereien. Kasen, zwischen

Mai Adora und Mai Mesrob, welche sich gleich unterhalb des Ortes

vereinigen und einen Quellfluss des Anseba bilden, liegt 2450 m über

dem Meere, der Rand des Hochlandes dagegen nach Osten zu noch 110

m höher. Immerhin eine ganz ansehnliche Höhe, sodass morgens vor

Sonnenaufgang das Thermometer auf den Gefrierpunkt sank. Das hinderte

jedoch keineswegs ein und von nun an beständiges nächtliches Blitzen

und Wetterleuchten. Wie weit waren wir denn auch von der tropischen

Hitzegegend entfernt? Nach Osten, Süd und Nordost in gerader Linie

höchstens 15-20 km. Dort fanden die Gewitter statt, von denen wir die

feurigen Elektricitätserscheinungen sahen, den Donner aber nicht hören

konnten.

Die Einwohnerschaft liess es an Aufmerksamkeiten aller Art nicht

fehlen. Freilich die Lieferungen gingen spärlich ein. Der Hauptmann

theilte mir mit, dass ich bis zum Hauptquartier täglich ein Anrecht

habe auf einen Ochsen und 120 Brote. Am ersten Tage aber erhielt ich

nur 20, am folgenden jedoch 80 Brote. Selbstverständlich zahlte ich

dafür baares Geld und mindestens den dreifachen Werth. Zum Lobe des von

Ras Alula geschickten Adjutanten muss ich erwähnen, dass er durchaus

kein Geldgeschenk annehmen wollte. Natürlich bestand ich nicht auf

Eintreibung der Lieferungen. Nur im äussersten Nothfalle, wenn ich

für meine zahlreiche Dienerschaft nichts zu essen hatte und für Geld

keine Nahrungsmittel irgendwo erhalten konnte, machte ich von dem mir

zustehenden Rechte der Eintreibung Gebrauch. +Jedesmal aber zahlte

ich dafür den Liefernden mindestens den doppelten Werth in Geld.+

In Kasen war es schwer, sich Kleinigkeiten zu verschaffen. Aegyptische

Kupfermünzen wollten die Leute nicht nehmen. Warum? weiss ich nicht,

denn so nahe der Grenze, konnten sie dieselbe leicht wieder verwerthen.

Amole oder Salzstücke hatten bei ihnen auch keine Währung, übrigens

besassen wir auch noch keine. Für jede Kleinigkeit verlangten sie

einen Thaler, und so erhielten denn auch die Musikanten für das vorhin

erwähnte Ständchen einige Thaler. Allerdings etwas unvorsichtig von

mir, denn meine Grossmuth zog mir nun alle Musikbanden der Umgegend auf

den Hals. Jede Ortschaft schickte ihre Musik. Aber damit war es noch

lange nicht genug.

Johannes, mein Dolmetsch, kam plötzlich mit dem Rufe ins Zelt gestürzt:

„Die Geistlichkeit, die ganze Geistlichkeit kommt!“ Ich bat Stecker,

Anordnung zu treffen, dass man unsere Lehnsessel vor die Zelte trage,

einen Teppich ausbreite, um die Herren draussen zu empfangen, denn

gerade bei der abessinischen Geistlichkeit ist der grösste Schmuz, da

man es für gottgefällig hält, sich so wenig wie möglich oder auch nie

zu waschen, es sei denn, dass man sich der Wiedertaufe unterzieht.

Und da kamen denn die würdigen Diener der abessinischen Kirche wirklich

heran: langsam in feierlichem Schritt, wie es solchen heiligen Männern

geziemt, alle im Ornat; der erste mit einem monstranzähnlichen

Instrument, der andere mit einem Kreuz, der dritte mit einer

Kirchenschelle, der vierte mit einem seidenen Fähnlein; im ganzen

etwa 30 Personen, Knaben und Mönche einbegriffen, letztere mit gelben

Käppchen und Ledermantel. Im Halbkreis standen sie vor meinem Zelt und

begannen Litaneien zu singen, ja, sie tanzten sogar, und ich möchte

ihre dabei gemachten Bewegungen keineswegs anständig nennen, wenigstens

wie wir die Sache auffassen. Ich liess endlich dem Oberpriester einige

Thaler reichen, worauf er eine lange Rede hielt: „Wir sind nicht des

Geldes wegen gekommen, sondern um die Ankunft eines weit hergekommenen

Glaubensgenossen zu feiern!“ u.s.w. Ich erwiderte: das Geld sei nicht

für sie, dazu sei es viel zu wenig, sie möchten es den Armen ihres

Sprengels geben. Damit, glaubte ich, habe die Geschichte ein Ende. Aber

weit gefehlt. Die ganze Gesellschaft fing an, sich zu setzen und von

neuem zu singen. Wie der Dolmetsch mir mittheilte, sangen sie jetzt

mein Loblied, und erst als sie beim Dunkelwerden merkten, dass trotz

der überschwenglichsten Lobeserhebungen nichts mehr herauszuschlagen

sei, zogen sie ab. Aber ganz früh am andern Morgen vor Sonnenaufgang

weckte man mich abermals durch Musik. Die Musikanten, weil

maulthierberitten, kamen entweder weit her oder waren vornehm: der eine

von ihnen, ein Minnesänger, trug sogar ein Ehrenkleid von Goldbrokat.

Ihre Instrumente waren dieselben, und eine Art einsaitiger Violine war

auch dabei.[73] Nachdem sie eine Zeit lang gesungen, liess ich ihnen

der Vorsicht halber, um nicht allzu sehr von Musikanten überlaufen zu

werden, blos einen Thaler verabreichen. Der Hauptbarde meinte zwar,

dass wol ein jeder von ihnen einen Thaler verdient habe, da sie so

weit hergekommen seien. Indess ritten sie doch, mit der kleinen

Gabe zufrieden, davon, und ich muss hier sagen, dass sich fast immer

abessinische Bettler als genügsam und freundlich bescheiden erwiesen.

Da die Aschuma wieder zurückkehrten, so musste ich das Anerbieten des

mir entgegengeschickten Offiziers, mir Ochsen und Esel zum Transport

meiner Sachen nach Tsatsega zu stellen, annehmen. Ich beschloss aber,

sobald wie möglich Maulthiere zu kaufen, um ganz unabhängig von der

Regierung reisen zu können. Denn gerade das macht eine Reise in

Abessinien so entsetzlich unangenehm, wenn man nur auf die Hülfe der

Regierung angewiesen ist. Freilich kann man dadurch erheblich sparen,

denn die Dorfbewohner sind ja gezwungen, das Gepäck des Reisenden

+umsonst+, entweder auf ihren eigenen Schultern oder mit ihren

Thieren, fortzuschaffen. Aber wie sinkt man dadurch nicht nur in den

Augen der Bewohner, die natürlich höchst ungern für einen Fremden

fronen, noch unlieber, als für ihre eigenen Beamten und Vornehmen,

sondern auch in der Meinung der Regierung, welche mit Verachtung auf

den Reisenden oder den Gesandten herabblickt, der ihr zur Last fällt.

Das Beladen der abessinischen Rinder bereitete aber weit mehr

Schwierigkeit als das der Aschuma. Ich bat daher Stecker und Karl

Hubmer, mit unsern beladenen Maulthieren voranzureiten und mich beim

Ras Alula anzumelden, während ich selbst mit dem Offizier und den

Soldaten bei dem übrigen Gepäck zurückblieb. Erst ziemlich spät brach

ich auf. Der Weg nach Tsatsega, ca. 22 km entfernt, bietet keine

grosse Schwierigkeit. Die Gegend ist grossgehügelt, manchmal mehr oder

weniger mit Büschen bestanden. Vereinzelt erscheint nun auch der so

echt abessinische Kandelaberbaum, Euphorbia kolqual. Im ganzen aber

macht die Landschaft einen Eindruck von Kahlheit und Oede, denn wenn

man auch auf zahlreiche, nach Westen abdachende, die Gegend belebende

Wasserfäden und nach so schrecklichen Zeiten und Kriegen mit Staunen

und Freude auf die grossen und schönen Rinderheerden blickt, so

erinnern einen doch immer und immer wieder die eingeäscherten Dörfer

an die Schreckensscenen, welche sich vor kurzem hier abgespielt haben

mögen. Man passirt nur einen bewohnten Ort, Baderho, wo der General

eine Ehrenwache, eine Compagnie gut bewaffneter Soldaten, hatte

aufstellen lassen, unter deren Begleitung ich weiter zog. Endlich

erblickt man auf einer Anhöhe, wo sich auch die grosse Kirche von

Adeköntschi befindet, das imposante Lager. Man durchreitet noch den Mai

Gola und ist dann inmitten der Truppen, welchen man für gewöhnlich die

Vertheidigung des Landes gegen den Erzfeind, den Aegypter, anvertraute.

SIEBENTES KAPITEL.

EMPFANG BEIM RAS ALULA UND REISE NACH ADUA.

Ras Alula’s Wohnung. -- Balata Gebro. -- Geschenke. -- Ras Alula’s

Aeusserungen. -- Gebro’s Besuch. -- Das Lager. -- Bewaffnung und

Ernährung der Soldaten. -- Herr Lombard. -- Abschied vom Ras

Alula und Gebro. -- Ehrlichkeit der abessinischen Diener. --

Hauptmann Mariam. -- Der Mareb. -- Vegetation. -- Das Profitmachen

abessinischer Beamten. -- Sicherheit bei Fortschaffung des Gepäcks.

-- Heuglin’s Irrthum. -- Der Ort Godofelassi. -- Der Abstieg

zum Mareb. -- Gudda Guddi mit den bleichenden Gebeinen. -- Der

Mareb. -- Die Stadt Adua. -- Der Waffenschmied Mr. Baraglion.

-- Herr Schimper und Prinz Lidj-Ambe. -- Der Markt in Adua. --

Schwatzhaftigkeit der Abessinier.

Es ist Sitte in Abessinien, dass Fremde, sobald sie einen Gouverneur,

einen Ras, einen Negus oder auch den Negus Negesti besuchen, sofort

nach ihrer Ankunft, ehe sie ihre Wohnung beziehen, sich zu demselben

begeben. So denn auch ich. Aber ein solcher Besuch dauert nur einige

Minuten, man sagt Guten Tag, das ist alles.

Beim Betreten des sehr umfangreichen Lagers empfingen mich von allen

Seiten Soldaten, Frauen und Kinder, sodass meine Ehrenwache nur mit

grosser Mühe die Andrängenden von mir abzuhalten vermochte. Die auf

einem beherrschenden Punkte mitten in Tsatsega errichtete Reisigwohnung

des Generals bestand aus einer grossen Veranda von Holz und Laub, die

in eine sehr geräumige runde, mit spitzem Dache versehene Hütte führte.

Vorhof und Hütte waren gedrängt voll von verschiedenen Würdenträgern,

welche dem Ras zur Erhöhung seines eigenen Glanzes dienen sollten. Denn

schliesslich sind ja auch dem Menschen die Menschen selbst ein höherer

Schmuck als grosse Säle mit Prunkstücken.

Meine Mission nach Abessinien Auf Befehl Sr. Maj. des Deutschen Kaisers im Winter 1880/81 unternommen · 第 10 / 27 段