Glaubensmissionaren nach Abessinien nicht schicklich und namentlich
auch deshalb unrecht sei, weil die Regierung dieses Landes das
Missionswesen unter den Einwohnern verboten habe. Schliesslich
müssen doch immer die Gesetze eines Landes und nicht die religiösen
Vorschriften die oberste Richtschnur bilden für die, welche
darin leben. Es würde absolut unmöglich sein für die menschliche
Gesellschaft, heutzutage blos nach religiösen Vorschriften zu leben.
Selbst in Abessinien thut man das nicht. Und alle Völker, welche sich
eine Zeit lang +nur+ nach religiösen Stimmungen oder Bestimmungen
richteten, sind daran bald zu Grunde gegangen. Wenn wir aber in Europa
die Befolgung der Gesetze unserer Länder für alle verbindlich machten,
so sollte man diese Forderung billigerweise auch für andere Länder
berücksichtigen. Das haben denn auch die Schweden begriffen, denn wenn
sie sich auch Eingang in Abessinien zu verschaffen suchten, thaten sie
es doch immer offen, nie heimlich.
Die Missionsanstalt der Schweden, deren Existenzmittel durchaus
aus privaten schwedischen Zuschüssen beschafft werden, besitzt ein
geräumiges, äusserst zweckmässig eingerichtetes Gebäude auf der Grenze
zwischen Hotumlu und Mkullu, welche zwei Ortschaften, wie schon
erwähnt, am Festlande gegenüber Massaua gelegen sind. Die von Höfen
und Gartenanpflanzungen umgebene Wohnung kann für dortige Verhältnisse
luxuriös genannt werden, obschon sie nach deutschen Begriffen viel zu
wünschen übriglässt. Jedenfalls ist die schwedische Mission in Massaua
und Umgegend das besteingerichtete Gebäude, das an Zweckmässigkeit
selbst das nicht unschöne Regierungspalais übertrifft. Dicht neben
der schwedischen Mission haben die Franzosen ein unansehnliches
Häuschen, dessen Vorzug aber darin besteht, dass es in einem wahren
Hain von Lawsonien und Parkinsonien liegt, welche ehedem vom englischen
Consul Plowden angepflanzt wurden. Mit ihren frischen immergrünen
Blättern entzücken sie das in jener Gegend durch Baumüberfluss nicht
verwöhnte Auge. Die eigentliche Hauptmission der französischen
Lazaristen befindet sich jedoch in Massaua selbst. +Der Boden wurde
der schwedischen Mission von Gordon Pascha bewilligt.+ Gegründet
1870, hatten die Schweden anfangs auch landeinwärts Anstalten,
zogen sich aber zurück, als sie vom Negus Befehl erhielten, ihre
Missionsthätigkeit in Abessinien einzustellen. Selbst die nahe Station
auf einem Hügel bei der heissen Quelle von Ailet verliessen sie, um in
jeder Beziehung den abessinischen Vorschriften zu genügen. Ein von der
Mission 1879 gemachter Versuch, durch Absendung von Geschenken, die ein
Missionar nach Debra Tabor überbrachte, den Negus geneigter zu stimmen,
scheiterte vollkommen. Vielleicht war der Ueberbringer der noch dazu
dürftigen Geschenke nicht die geeignete Persönlichkeit.
Nach der üblichen Begrüssung fragte ihn der abessinische Herrscher:
„Weshalb sind Sie eigentlich gekommen?“ -- „Um mit höchster Erlaubniss
die christliche Religion lehren zu dürfen.“ -- „Aber wir sind ja alle
Christen.“ -- „Wir wollen auch nicht die christlichen Abessinier
bekehren, sondern die Falascha (die Juden).“ -- „Habt ihr denn
in Schweden und Europa keine Juden?“ -- „O ja, aber es gibt dort
Geistliche genug, um sie zu bekehren.“ -- „Aber wie seid ihr denn
eigentlich hierhergekommen, welche Länder habt ihr durchzogen?“ --
„Wir kamen durch Europa und dann durch Aegypten.“ -- „Ei, welcher
Religion gehören denn die Aegypter an?“ -- „Der mohammedanischen.“ --
„Dann bleibt doch lieber dort, um die Aegypter und Türken zu bekehren,
statt nach Abessinien zu kommen, wo wir alle Christen sind. Vor allen
Dingen lasst es euch angelegen sein, dass das Land und die Stätte, wo
unser Heiland lebte und gekreuzigt ward, dass Palästina und Jerusalem
christlich werde.“ -- Sich mehr und mehr erwärmend fuhr der Negus
fort: „Die christlichen Franzosen, Engländer und Deutschen prahlen
immer mit ihrer Macht, und dass es eine Kleinigkeit sei, die Türken zu
verjagen, aber warum lassen sie denn die Ungläubigen im Besitze der
heiligen Stätten? Nur Russland und ich kämpfen fortwährend gegen die
Mohammedaner, und hoffentlich werden wir uns einst in Jerusalem die
Hand reichen.“[66] -- Natürlich konnte der schwedische Bruder hierauf
nichts erwidern. Dem Negus die Sache auseinanderzusetzen, dass sich
die schwedische Mission gar nicht mit Glaubensangelegenheiten befasse,
sondern nur den Kindern Unterricht ertheile in Lesen, Schreiben,
Geographie, Geschichte, nützlichen Handwerken und Künsten, daran dachte
er wol nicht, oder der Negus hatte nicht weiter Lust, ihn anzuhören,
kurz, der Missionar musste unverrichteter Sache wieder abziehen.
Dennoch bin ich überzeugt, dass, wenn jemand den Negus Negesti klar und
ruhig über die Thätigkeit der schwedischen Mission in Kenntniss setzte,
würde er gewiss gerade diesen Brüdern und Schwestern den Eintritt in
Abessinien gestatten.
Will er doch Fortschritt für sein Volk insofern, als er nach mit
Aegypten abgeschlossenem Frieden sein Land europäischen Künstlern
und Handwerkern öffnen will. Warum sollte er diese Oeffnung nicht
erleichtern durch die von der schwedischen Mission begonnenen
Vorarbeiten? Trotz dieses Miserfolgs hat die schwedische Mission an der
Grenze des Landes ihre Thätigkeit nicht eingestellt, und wir glauben
bestimmt, dass schon nach wenigen Jahren der ausgestreute Same seine
Früchte tragen wird. In der von dem Bruder Lundal und seiner Frau,
sowie von drei bis vier andern verheiratheten Missionaren geleiteten
Anstalt (wir lernten auch eine sehr feinfühlige, aus Nürnberg gebürtige
Dame kennen) werden augenblicklich gegen 150 abessinische Kinder
erzogen. Es ist eine Freude, zu sehen, wie die kleinen Wesen, vom
zartesten Alter an bis zu 12 und 15 Jahren, gedeihen und wachsen. Alle
Abstufungen der Hautfarbe von gelb zu schwarz sind vertreten. Ausser
höhern Fertigkeiten im Lesen, Schreiben, Rechnen u.s.w. muss jedes Kind
irgendein Handwerk oder eine Kunst erlernen. Hier werden die Mädchen im
Stricken, Sticken, Nähen unterrichtet, dort sieht man Knaben schustern,
drechseln u.s.w. Alle sind reinlich und europäisch gekleidet, und dass
die Ernährung eine vorzügliche und dem Klima angepasste ist, braucht
wol kaum gesagt zu werden. Eine mit einer kleinen Orgel versehene
Kapelle im Missionshause selber dient dazu, in den Abessiniern das
Gefühl und die Liebe für die christliche Religion wachzuhalten.
Ausser der amharischen Sprache erlernen die Kinder das Schwedische. Es
scheint uns dies aber ein grosser Fehler zu sein, da sie fürs spätere
Leben diese Sprache gar nicht verwerthen können. Weshalb lehren sie den
Kindern nicht die deutsche Sprache, da jeder Missionar doch deutsch
versteht? Oder englisch? Von den Reisenden, welche nach Abessinien
kommen, gehört die Hälfte der deutschen Nation an. Zur Zeit König
Theodor’s waren fast alle Europäer in Abessinien Deutsche, wenn auch
die Missionare, wie wir gesehen haben, es liebten, sich Engländer zu
nennen.
Jetzt aber möchten wir doch noch der Schutzlosigkeit der Protestanten
erwähnen, sobald sie nicht der englischen oder deutschen Nation
angehören. So die schwedische Mission. Die Missionare wagen es
nicht, mit ihren Beschwerden den schwedischen Generalconsul in
Alexandria anzugehen, weil sie wissen, dass er nicht die Macht hat,
ihren Klagen abzuhelfen, vielmehr diese nur dazu dienen, ihnen noch
grössere Unannehmlichkeiten zu bereiten. So liess der Gouverneur
Alla ed din zu Massaua im December vorigen Jahres einen Diener der
schwedischen Mission, einen christlichen Abessinier, derart prügeln,
dass dieser zeitlebens ein Krüppel bleibt. Man wollte von ihm durch
Prügel das Geständniss erpressen, er habe Zündhütchen nach Abessinien
eingeschmuggelt. Die Sache war erlogen, wie sich später herausstellte,
aber den Diener der Schweden konnte man damit nicht wieder gesund
machen. Eine Genugthuung zu fordern wagten die Schweden nicht. Herr
Lundal hat nie darüber an den schwedischen Generalconsul berichtet.
Dadurch würde ihre Lage nur noch schlimmer, meinte er.
Friedrich Wilhelm IV. schuf 1841 im Verein mit der Königin Victoria
das Bischofthum Jerusalem. Das eine mal wird der protestantische
Bischof von Preussen, das andere mal von England ernannt. In Jerusalem
also haben die Protestanten Schutz, und zwar die Protestanten aller
Völker. Für damalige Zeiten konnte Preussen nicht mehr thun. Ausserhalb
Jerusalems waren die Preussen ebenso schutzlos, wie die Holländer[67]
und Schweden es jetzt sind. Katholiken irgendeiner Nation sind nie
ohne Schutz gewesen; kamen sie in Noth, so wandten sie sich einfach an
den officiellen Beschützer der katholischen Kirche im Orient: an den
französischen Vertreter, der überall im Orient zugleich Protector der
römischen Kirche ist, namentlich seitdem der Heilige Vater aufgehört
hat weltlicher Fürst zu sein, also auch keine Consuln im Auslande
unterhalten kann.
Wäre es aber nicht zeitgemäss, dass das mächtige deutsche
protestantische Reich sich mit dem weithin herrschenden
protestantischen britischen zum Schutze solcher Protestanten
vereinbarte, welche im Ausland auf ihre eigene Regierung nicht zählen
können? Jene beiden protestantischen Mächte haben ja in Jerusalem einen
gemeinsamen Bischof! Warum sollten sie nicht auch in andern Orten und
Ländern ihre Vertreter beauftragen, überhaupt die Protestanten, also
auch die schwedischen, in Schutz zu nehmen?
Als Gordon Generalgouverneur war, welcher ihnen ja auch jenes
Grundstück überwies, auf dem heute ihr so zweckmässig eingerichtetes
Gebäude steht, hatten die schwedischen Missionare nicht das mindeste
zu fürchten. Gordon in seinem grossen Rechtssinne, mit seinem
durch und durch religiösen Gemüth unterstützte in jeder Weise ihre
Bestrebungen. Aber seit er von der Statthalterschaft abtrat, werden die
schwedischen Missionare oft in unverantwortlicher Weise mit kleinen
und grossen Plackereien behelligt. Die ganz grundlosen Mishandlungen
ihres abessinischen Dieners erzählten wir. Der katholische Consul
thut natürlich nichts für die protestantischen Missionare; er würde
wol einschreiten, wenn es ihnen ans Leben ginge; aber übrigens sie zu
schützen, hält er nicht für geboten.
Was die französische Mission anbetrifft, so haben wir der in Massaua
und Hotumlu befindlichen Filiale schon gedacht.
In Keren dagegen oder vielmehr in Senhit besitzen die Katholiken eine
so grossartige Anstalt, dass derselben ein Bischof vorsteht. Auch sie
beschäftigen sich hier mit Kindererziehung, wohl wissend, dass, wer
die Kinder, die Jugend hat, einst Gebieter der Erwachsenen ist. Aber
nebenbei betreiben sie auch Glaubensmission und verfehlen nicht, sich
gelegentlich in die Streitereien zwischen Abessiniern und Aegyptern,
oder zwischen abessinischen Parteien einzumischen. Wenn letztere üble
Angewohnheit nicht wäre -- und sie ist nur dem Umstande zuzuschreiben,
dass die katholischen Missionare Franzosen sind, welche es nie
unterlassen, himmlische Angelegenheiten mit irdischen zu verquicken --
dann würde, unserer unmassgeblichen Meinung nach, +beim abessinischen
Volk+ der Katholicismus leicht Eingang finden. Bei der Regierung,
bei einem Negus Negesti nie.
Beim Volke deshalb, weil der katholische Cultus mit dem abessinischen
äusserlich die grösste Aehnlichkeit hat. Derselbe Mariendienst,
dieselbe Bilderanbetung, dasselbe Fasten, dieselben Aeusserlichkeiten,
besonders dieselbe Sündenvergebung für Geld. Aber bei der Regierung
scheiterte die Einführung der römischen Kirche immer an der Erwägung,
dass man alsdann ein fremdes Oberhaupt anerkennen müsse. Eigenthümlich.
Hier besteht ein scheinbarer Widerspruch.
Die Abessinier müssen nämlich, altem Herkommen gemäss, ein fremdes
Oberhaupt für ihre Kirche haben, kein geborener Abessinier darf Abuna
sein. Kein Negus Negesti will aber den Papst als Oberhaupt der Kirche
anerkennen. Die Sache erklärt sich, wenn man bedenkt, dass der fremde
Abuna im Lande selbst residiren muss. Dadurch wird er gewissermassen
zum Abessinier. Und wenn auch der koptische, mit ausserordentlicher
Gewalt ausgestattete Abuna, wie der Heilige Vater, lösen und binden,
die schwersten Verbrechen durch ein einziges Wort entsündigen und durch
ein einziges Wort denjenigen, welchen er hasst, verderben kann, so
muss man doch immer bedenken, dass er schliesslich in der Hand eines
energischen Negus auch weiter nichts als ein gefügiges Werkzeug ist.
Man erinnere sich des geschichtlichen Vorgangs, dass der vor
öffentlicher Versammlung vom Abuna für verdammt und vogelfrei erklärte
Kaiser Theodor eine Pistole auf den Abuna richtete, mit den Worten:
„Lieber Vater, gib mir deinen Segen!“ -- Der Abuna hatte angesichts
der ihm drohenden Kugel nichts Eiligeres zu thun, als seinen Segen zu
ertheilen. Diese Inderhandhabung des Abuna ist ein grosser Vortheil
für den Negus oder dessen Regierung, denn in Abessinien ist Negus und
Regierung ein und dasselbe.
Der Protestantismus wird sich aber am wenigsten durch Bekehrung
Eingang verschaffen, weil seine Anschauung und die der Abessinier
grundverschieden sind. Die Abessinier warfen den Protestanten vor, dass
sie Maria hassen, nicht fasten, nicht beichten, nicht die Heiligen
verehren; sie nennen die Protestanten schlechtweg „Mariahasser“. Weder
Katholiken noch Protestanten haben in Abessinien nennenswerthe Erfolge
aufzuweisen. Beide Missionen versuchten es daher mit Kindererziehung,
und jeder, auch der Gegner von Missionsthätigkeit, wird ein solches
Vorgehen nur billigen. Während aber die Schweden, die Gesetze des
Landes achtend, ganz von der Glaubensverbreitung abstanden, lässt sich
dies von den Franzosen nicht sagen. Nicht nur, dass Bogos und Mensa[68]
fast ganz zum Katholicismus bekehrt sind, suchen die Franzosen auch in
Hamasen fortwährend Proselyten zu machen. Und wenn sie auch noch so oft
vertrieben, ausgeplündert und eingekerkert werden, mit echt römischer
Zähigkeit kehren sie stets wieder. „Man muss Gott (d.h. hier der
römischen Kirche) mehr gehorchen als dem Menschen“, ist ihr Motto, und
damit gehen sie vorwärts.
So ist es denn auch im Sommer 1881 wieder zu argen Auftritten gekommen.
In einem kleinen Orte der Provinz Agame (in Tigre), welchen die
Franzosen St.-Etienne nannten, besassen sie eine Gemeinde von ca. 400
Seelen, denen vier Brüder vom Lazaristenorden, wie alle französischen
Missionare in dieser Gegend, vorstanden. Es scheint nun, ob erwiesen
oder nicht ist ganz gleichgültig, dass die Missionare einen Rebellen,
den Dedjadsch Hagus, mit Geld und Pulver unterstützt hatten. So
behaupteten wenigstens die abessinischen Behörden. Dafür wurde vom
Generalgouverneur der Provinz Plünderung des Ortes anbefohlen. Der
Ballata, d.h. der Districtsgouverneur, liess indess den Geistlichen
sagen, für ihre Person hätten sie nichts zu fürchten. Die Soldaten
jedoch, nachdem sie den Ort geplündert, drangen in die Kirche, nahmen
die Altargeräthe weg, entkleideten den von Keren herbeigeeilten
Bischof, Monseigneur Touvier, und liessen ihm nur sein Flanellhemd und
seine Beinkleider. Ebenso verfuhren sie mit den übrigen Geistlichen,
und einer der Brüder, in den Augen der Abessinier wahrscheinlich der
am meisten schuldige, wurde gefangen fortgeschleppt. Die übrigen
abessinischen katholischen Geistlichen, welche man fesselte, erduldeten
sicherlich wegen ihres Uebertritts von der monophysitischen zur
römischen Kirche eine harte Strafe. Auch Monseigneur Touvier und die
übrigen Lazaristen liess man keineswegs gleich wieder los. Nein,
ihre abessinischen Diener, sogar die eingeborenen Frauen, welche
für sie Brot buken, sassen eine Zeit lang in Gefangenschaft. Das
ganze Dorf sammt dem Gotteshause übergab man den Flammen. Herrn
Raffray, dem französischen Consul, gelang es allerdings, schon im
Verlaufe des Sommers die Freilassung seiner Landsleute vom Negus
Negesti zu bewirken, aber dieser Vorfall war die Ursache seiner so
unfreundlichen Aufnahme. Und von einer Genugthuung oder gar von einer
Geldentschädigung wird nie die Rede sein, was auch französische Blätter
darüber berichten mögen. Genugthuung +kann+ Frankreich[69] sich
nicht verschaffen, und eine Geldentschädigung kann der Negus nicht
leisten, und wenn er könnte, würde er es nicht wollen. Frankreich
hat sich durch die Einmischung seiner katholischen Missionare schon
oft grosse Unannehmlichkeiten bereitet, ohne dass es Genugthuung
erlangen konnte. Aber andererseits zog es auch häufig genug Vortheile
aus seinem Missionswesen. Die französischen Missionare, so sehr sie
auch ihre Arbeit für das Reich Gottes betonen, sind und bleiben bis
zu einem gewissen Grad immer national. Besonders die englischen
Missionare nehmen zuerst immer die Interessen ihres Landes wahr und
dann diejenigen Gottes. Mögen sie auch das Gegentheil behaupten,
die Geschichte bestätigt unsere Behauptung. Noch einmal also: man
verzichte auf jede Glaubensbekehrung in Abessinien. Dagegen pflege man
aufs eifrigste die Kindererziehung. Jeder Unparteiische wird darin
nichts Feindliches gegen Missionare erblicken. Nur durch systematische
geistige und körperliche Kindererziehung erreicht man seinen Zweck.
Nicht auf den Glauben an den Papst, nicht auf den Mariencultus kommt
es an, sondern in erster Linie auf die Liebe zu Gott und allem Guten,
auf die Liebe zu rüstiger, sich und andere belebender und erquickender
Arbeit. Erreichen das die Missionare, was wollen sie mehr?
SECHSTES KAPITEL.
AUFSTIEG ZUM ABESSINISCHEN HOCHLAND UND ANKUNFT IN KASEN.
Das Geleit ägyptischer Soldaten. -- Abschied von Hassen Bei und
den schwedischen Missionaren. -- Die Vorgegend zum abessinischen
Hochland keine Wüste. -- Menschenöde. -- Lagerung im Thal Ailet
mit heissen Quellen. -- Aschuma-Beduinen. -- Zahlreiche Friedhöfe.
-- Verabschiedung des ägyptischen Militärs. -- Ansiedelungen der
Aschuma. -- Tropische Vegetation. -- Wunderbare Fernsichten.
-- In Kasen wartet ein Offizier Ras Alula’s auf den Reisenden.
-- Rasttag. -- Dorfmusik. -- Beschreibung von Kasen. -- Die
Geistlichkeit. -- Musikanten. -- In Ras Alula’s Lager.
Der Tag des Aufbruchs kam. Die bis zum letzten Augenblick sehr
dienstwillige ägyptische Regierung stellte Kamele, was ich um so höher
anschlug, als man mir diese gerade damals schwer zu beschaffenden
Lastthiere zu denselben niedrigen Preisen wie den ägyptischen Beamten
überliess. Ich beschloss, am Tage +vor+ Weihnachten aufzubrechen,
da ich dieses so deutsche Fest nun doch einmal nicht nach deutscher
Art, mit Tannenbaum u.s.w., hier feiern konnte.
Das Beladen der Kamele ging über Erwarten schnell. Auch blieben einige
Thiere ausserhalb meiner Berechnung, da die Leute sehr grosse Lasten
auffuderten; mindestens 5 Centner für ein Thier. Statt 25 Kamele nahm
man nur 16. Indess muss ich bemerken, dass wir, ausser Reitmaulthieren,
die man uns stellte, fünf eigene besassen, die man beladen konnte. Auch
das Geleit ägyptischer Soldaten hatte sich eingefunden: ein Offizier,
ein Naib und 25 Mann Baschibosuks, welche etwas abenteuerlich aussahen,
aber gute Waffen besassen. Eine ziemlich bedeutende Ausgabe für mich,
da ein jeder täglich einen Thaler bekam, der Offizier zwei und der
Naib drei. Das war aber doch wegen der auf der Grenze herrschenden
Unsicherheit nothwendig.
Karl Hubmer zog mit allen voran, während Stecker und ich noch einer
Einladung des uns gegenüberwohnenden Hassen Bei folgten, um bei ihm das
Mittagessen einzunehmen. Der Gouverneur, die obersten Offiziere, viele
befreundete Europäer waren schon im Laufe des Morgens herausgekommen,
um sich von uns zu verabschieden.
Da wir nicht zu lange von unserer grossen Karavane getrennt sein
wollten, wurde diesmal bedeutend schneller gespeist. Wir konnten uns
bald verabschieden von Frau Hassen, geb. Prinzess Ubieh, und von ihrem
Gemahl, vom Naib Mohammed (d.h. dem Hauptnaib) und einigen Cavassen
begleitet, ging es westwärts, nachdem wir noch einen Augenblick bei den
freundlichen schwedischen Missionaren vorgesprochen hatten, um auch
diesen Lebewohl zu sagen. Wer konnte wissen? vielleicht auf immer? Denn
bei einer Reise nach Abessinien kann man sich stets von vornherein auf
das Schlimmste gefasst machen.
Man reitet fast eine Stunde, ehe man aus den weitläufig gelegenen
Hütten und Gehöften von Hotumlu, Mkullu und Saga heraus ist und die
Wälle der äussersten ägyptischen Schanzen hinter sich hat.
Mit Unrecht ist die Vorgegend, welche das eigentliche abessinische
Hochland vom Rothen Meere trennt, als „Wüste, deserto“ verschrien.
Diejenigen, welche diese so ungemein wilde, von tausend dem Hochlande
entsprungenen Rinnsalen durchfurchte, und wenn auch nicht dicht, so
doch licht mit Bäumen, Büschen und Kräutern bestandene Gegend Wüste
nennen, haben nie Wüste gesehen.
Während an der Küste Kalk und Madreporenformation vorherrschen,
kommen wir nun bald zu plutonischen Gesteinsmassen: Gneis, Urschiefer
und namentlich Lavamassen bilden den Grund der stark hügeligen
Gegend. Grosse, meist von Stapelien durchrankte Büsche der Euphorbia
quadrangularis, stachelige Mimosen, die unvermeidliche Kranka, hier
Uscher genannt, einige just hervorspriessende Gräser sind anfangs die
Pflanzen. An Thieren bemerkten wir am ersten, übrigens nur kleinen
Marschtage fast nichts. Auch keine Menschen bekamen wir zu sehen. Wir
passirten zahlreiche Chor, welche alle trocken lagen, aber doch Spuren
neuesten Wasserflusses zeigten, und erreichten um 5 Uhr abends Saati,
nachdem wir im ganzen von Hotumlu ca. 20 km zurückgelegt hatten, die
Wegkrümmungen mitgerechnet.
Saati schlechtweg bedeutet die Wasserlöcher oder Brunnen, welche im
Chor gleichen Namens gelegen sind, welcher vom Bisen kommt und ca. 5 km
nördlich von Massaua ins Rothe Meer sich ergiesst. Die Wasserlöcher,
mit etwas brakischem, jedoch ganz trinkbarem Wasser, liegen in einer
äusserst wilden, zerrissenen Ausbuchtung des mit steilen Ufern
eingefassten Flussbettes, wo das Gestein zum Theil aus schneeweissen
Quarzgebilden besteht.
Obwol bis dahin seit 25 Jahren in Afrika thätig, hatte ich es dort
nie mit wilden Bestien zu thun gehabt, sah ich dort nie einen Löwen
oder auch Panther lebendig. Auch nicht als ich den britischen Feldzug
mitmachte, abgesehen von Hyänen, Luchsen, Schakalen. Aber das konnte
man eben dem Umstande zuschreiben, dass vor einer so grossen Armee,
vor einer so grossen Anhäufung von Menschen und dem damit verbundenen
Lärm und Geräusch sich sämmtliche Thiere zurückzogen. Diesmal aber
glaubte Stecker mit Bestimmtheit auf einige aufregende Scenen rechnen
zu können. Hatte sie doch Blanford gerade in dieser Gegend erlebt;
liess doch Raffray gerade hier einen seiner Diener von einem Löwen
verspeisen. Aber weder in Saati noch später begegneten wir irgendeinem
reissenden Thiere. Stecker, der in Abessinien zurückblieb, erlebt
vielleicht so ein „Löwenabenteuer“. Sollte man jedoch von mir durchaus
eins erwarten, würde ich Zuflucht nehmen müssen zu irgendeiner
+interessanten+ Reisebeschreibung, um danach mit einigen der
Oertlichkeit und Zeit angepassten Veränderungen eine derartige
überraschende Geschichte zu behandeln. Aus meinen eigenen Erlebnissen
kann ich keine geben. --
Bei unserer Ankunft dunkelte es bereits. Ueberall wurden grosse Feuer
angezündet, die Zelte aber nicht aufgeschlagen und so die erste Nacht
unter freiem Himmel verbracht. Durch Kälte litten wir nicht, und dass
man eine Karavane, die aus mehr als funfzig Menschen bestand, durch
nichts, nicht einmal durch falschen Lärm störte, bedarf kaum der
Versicherung.