einigen Leuten, welche Waffen und Instrumente trugen, begleitet, den
Aufstieg, während die Mehrzahl aufs obere Avero-Thal zugingen, um
mich dort zu erwarten. Trotz der frühen Stunde begegneten uns schon
Eingeborene, welche auf Klippschliefer (Hyrax abessin.) ausgegangen
waren, von denen sie Dutzende auf der Schulter trugen. Das Fleisch
dieses reizenden Thierchens essen die Mohammedaner, während es die
Abessinier aus religiösen Gründen verschmähen. Unter unerwartet grossen
Anstrengungen bei der Steilheit und ausserordentlichen Schwierigkeit
der Wege ging es nun bergauf. Mehreremal wollte ich davon abstehen,
den doch gar nicht so hohen Berg zu erklettern, aber wenn ich dann
bemerkte, mit welcher Leichtigkeit die von Jugend auf an Bergsteigen
gewöhnten Abessinier die schwierigsten Stellen überwanden, mir sogar
noch hülfreiche Hand leisteten, dann trieben Ehrgeiz und Scham mich
vorwärts. Die grosse Affenheerde, vermuthlich dieselbe, der wir tags
zuvor bei Mülhohinna begegneten, und wahrscheinlich die einzige auf
dem Gedem, stellte sich uns wieder entgegen, wurde aber durch einige
blinde Schüsse vertrieben. Endlich oben! Die Sonne ging gerade auf,
und ein wunderbares Bild bot sich unsern überraschten Blicken. Noch
einen grossen, von seitwärts wachsenden Boswelien und Avalo (Olea
chrysophylla) überschatteten Lavablock, welcher 4 m im Geviert hielt,
mussten wir erklettern. Wir standen auf der höchsten Spitze.
Leider waren durch tief hängende Wolken die Ortschaften Massaua,
Hotumlu, Arkiko u.s.w. verhüllt, aber nach allen andern Seiten
beschränkte nichts unsern Blick. Im Süden die Ansley Bai! Ich dachte
an die Gründer von Adulis, an das von Kosmas aufgefundene Denkmal
ptolemäischer Herrschaft, welches auf eine vormalige langdauernde
Grösse und Wichtigkeit des Ortes zurückschliessen liess. Im Geist sah
ich jene Scharen indischer Soldaten, welche dem stolzen britischen
Leu folgten; die Eisenbahn, die Lagerbefestigungen, die grossartigen
Wasserbecken, um Elefanten und die 40000 andern Lastthiere zu tränken.
Jene wunderbare Bucht mit den grossen Transportschiffen, welche damals
oft zu Hunderten dort ankerten! Und jetzt -- nicht einmal ein einsames
Fischerboot durchfurchte die klaren Fluten.
Und hätte nicht England ein viel grösseres Recht, sich bei Adulis einen
Denkstein zu errichten, als jener Grieche, der die stolze Inschrift
setzte: „Der grosse König Ptolemäus, Sohn des Ptolemäus und der Arsinoe
u.s.w., hat das vom Vater erhaltene Reich durch Hülfe der von ihm und
von seinem Vater aus Aethiopien herbeigeholten Elefanten erweitert und
grosse Eroberungen in Kleinasien gemacht u.s.w.“ Hätten nicht auch,
fragen wir, die Briten das Recht und die Pflicht, dort bei Adulis
ihrer Grösse ein Denkmal zu errichten? Ein Denkmal, um der Nachwelt
zu verkünden, wie sie, blos um einige der Ihrigen aus den Händen
eines mächtigen afrikanischen Tyrannen zu befreien, hierher kamen
mit Tausenden von englischen und indischen Soldaten, mit indischen
Elefanten und 40000 Lastthieren, und wie sie hierauf nach Magdala
zogen, die Engländer befreiten, das äthiopische Reich zertrümmerten
und dann siegreich nach blos drei Monaten Aufenthalt das Land wieder
verliessen!
Nach hinlänglicher Erholung wollte ich die Gedalospitze, eine der
höchsten des Gedem, messen. Aber leider hatten wir den Alkohol
vergessen. Das Aneroid konnte zwar auch eine annähernd richtige
Höhe angeben, aber wünschenswerth war es, diese Messung durch eine
hypsometrische zu controliren. Und nun -- einer der jungen Abessinier,
welcher unsere Verlegenheit bemerkte, machte sich sofort auf, um das
Gewünschte vom Lagerplatz zu holen. In unglaublich kurzer Zeit war er
auch mit der Flasche zurück. Die hypsometrische Messung ergab 1029
m, während das Aneroid nur 825 m[60] anzeigte; ein anderes Aneroid
ergab 811 m. Anscheinend war dies die höchste Spitze des Berges.
Von Kuppen merken wir an: Arbara, im äussersten Südwesten; Idet, 2
km ostnordöstlich von Gedalo entfernt; Maderali, von Gedalo 2 km in
westnordwestl. Richtung entfernt; Koma, nordnordöstlich davon ca. 6 km
entfernt, also ungefähr gleich hoch, im Unterschiede von höchstens 50
m. Durch scharfkantige Riffe miteinander verbunden, senden sie nach den
Hauptthälern tief eingeschnittene Rinnsale hinab, wodurch der Gedem
seinen so wilden Charakter erhält. Namentlich vom Arbara aus senkt sich
nach Ansley Bai ein grosses, tiefes Thal hinab.
Wir blieben nur so lange oben, um die mehreremal nacheinander
vorgenommenen Messungen zu vollenden, und begannen dann den Abstieg.
Die nach zweijähriger Dürre gehemmte Vegetation erfreute doch jetzt
durch einen gewissen Reichthum, namentlich auch deshalb, weil man
auf gar keinen Pflanzenwuchs gerechnet hatte. Viele Bäume jedoch
waren blattlos, und junge Knospen schienen es nicht recht zu wagen,
sich hervorzuthun. Hin und wieder ragte aus den Spalten der höchsten
Bergpartien grosses Büschelgras hervor; aber überall sah man die
Spuren einer jüngst viel reichern Vegetation. Ja, die verschiedenen
Flechten, Moose und Pilze an den Bäumen und am Gestein deuteten auf
eine gewöhnlich grosse Feuchtigkeit hin.
Ausser verschiedenen Mimosen nannten die abessinischen Diener Saffa,
Gerar, Kema, Karmea (Boscia reticulata), Dudena, Unkueï, Ankoa
(Boswellia papyrifera) und Tolnua. Am meisten aber auf dem Gedem setzte
mich in Erstaunen das Vorkommen wenn auch nicht sehr grosser Exemplare
der Adansonia digitata, gewiss ein Beweis von grosser Feuchtigkeit des
Erdreichs. Fast alle Bäume sind von Stapelien umschlungen, welche oft
in den Kronen wahre Schattendächer bilden.
Ausser vielen Gazellenheerden, die aber nur in kleinern Truppen
erschienen, wurden die schon erwähnten Affen und Klippschliefer
bemerkt. Hyänen, Leoparden, Luxe, wilde Schweine, Schakale, vielleicht
auch Löwen, Ichneumone, Stachelschweine, Ratten und Mäuse bilden
den Säugethierbestand. Von Vögeln bemerkte ich Aasgeier, Raben mit
weissem Hals (Corv. leuconotus), Falken, Haubenlerchen, Rebhühner,
Perlhühner, Webervögel und Nectarine, viele jedoch in ihrem flüchtigen
Vorbeihuschen konnte ich nicht erkennen.
Bei der grossen Trockenheit war die niedere Thierwelt weniger sichtbar.
Von Ameisen machte sich die Häuser bauende Termite durch ihre 2-3 m
hohen plumpen Gebäude noch am meisten bemerkbar. Grössere Schlangen
bekamen wir nicht zu sehen, Echsen und kleinere Schlangen wurden
eingeheimst, ebenso einige Libellen, Skorpione und Scolopendren
gesammelt.
Den Gedem bewohnen im Norden die Saurta, auf der südlichen Hälfte
die Terroa, beide Stämme dem Naib vom Arkiko unterthan. Der Religion
nach sind sie Mohammedaner, von Fanatismus ist jedoch bei ihnen keine
Rede. Sie haben auch keine Tholba (Geistliche) und keine Moscheen.
Nach Aussage des Naib soll jeder Stamm mindestens 1000 Seelen stark
sein, was ich indess für sehr übertrieben halte. Die Terroa besitzen
auf dem Südgehänge des Gedem eine grössere Ortschaft, sonst aber leben
sie zerstreut wie die Saurta in einzelnen, rund und auf einfachste
Art erbauten Hütten. Beide Stämme, nahe verwandt mit den um Massaua
wohnenden Triben, reden tigrinisch, d.h. einen stark mit arabischen
Wörtern verquickten Dialekt des echten Tigrischen. Ihr Aeusseres
ist ebenfalls nicht von dem der Küstenstämme zu unterscheiden. Alle
Männer, Frauen und Kinder sind von dunkler, ins Schwarze spielender
Hautfarbe und sehr mager, und diese Spärlichkeit in der Entwickelung
und Befettung der Muskeln, die infolge davon mehr hervortreten, macht
ihre stark markirten kaukasischen Gesichtszüge nur noch markanter. Ihr
Haar tragen sie nicht, wie die übrigen Küstenbewohner und verschiedene
Nubiervölker, in wulstigen Flechten oder geflochtenen Wülsten, sondern
kurz geschnitten; aber nie rasiren sie sich den Kopf, wie es Araber und
andere im Norden Afrikas wohnende berberische Stämme zu thun pflegen.
Möglich, dass ihr Haar, welches ich überall nur 2 cm lang fand, bei der
Neigung, sich zu kräuseln, nicht länger wächst. Die Männer gehen ohne
jeden Schmuck, ohne jedes Abzeichen. Ihre Bekleidung ist die möglichst
einfache: ein um die Lenden geschlagenes Stück Zeug. Für gewöhnlich
tragen sie keine Waffen, und bei solchen Naturkindern ist das gewiss
ein Beweis grosser Friedfertigkeit, aber alle besitzen Wurfspiesse.
Als Nahrungsquelle kann man ihre Schaf- und Ziegenheerden bezeichnen.
Die Terroa besitzen auch Rinderheerden. Jagd betreiben beide Stämme
eifrig, und besonders liegen sie dem Fange der Klippschliefer ob.
Jenes kleine, murmelthierartige, nach den Zoologen mit unserm grössten
Säugethier, dem Elefanten, nahe verwandte Thierchen, fangen sie mit
Fallen oder graben es aus seinen Höhlungen heraus. Der Hyrax haust
übrigens ebensowol in hohlen Baumstämmen wie in Felsspalten und
Löchern. Mit der grössten Gewandtheit läuft das zierliche Thierchen
an glatten Felswänden auf und ab, gerade so wie es die Fliegen an
Fensterscheiben thun. Bei der verhältnissmässigen Grösse des Thierchens
ist dies um so mehr zu verwundern.
Das weibliche Geschlecht der Saurta und Terroa ist, wie wir das bei
fast allen auf nicht hoher Cultur stehenden Völkern wahrnehmen,
bedeutend kleiner als das männliche. Die jungen Mädchen haben
angenehme Züge, aber die grosse Magerkeit im allgemeinen thut der
Schönheit ihres Körpers Abbruch. Sie machen auf ihre Haut keine
Tätowirungen, durchbohren aber die Nasenflügel, die Nasenscheidewand
und, wie wol auch die Damen in Europa, die Ohrlappen, um durch die
Löcher Silberringe oder Glasperlen zu schieben. Den Hals, das Hand-
und Fussgelenk schmücken sie mit Metallringen. Ihre Hände, aber auch
die der Männer, sind ausnehmend klein: eine Eigenthümlichkeit nicht
blos der Küstenbewohner, sondern aller Abessinier, deren Hände (eine
jede Pariserin würde den gemeinsten Soldaten in Abessinien um seine
Hände beneiden) überhaupt zu klein sind, als dass sie könnten schön
genannt werden. Der Grund der Kleinheit, der Verkümmerung liegt im
Nichtgebrauch, in der Arbeitslosigkeit.
Im Charakter der Saurta und Terroa scheint eine grosse
Gleichgültigkeit, eine grosse Theilnahmlosigkeit gegen alle äussern
Vorkommnisse zu liegen. Abgeschieden wie sie sind, von den Abessiniern
nicht belästigt, weil bei ihnen nichts zu holen ist, von der
ägyptischen Regierung nicht übermässig bedrängt -- man lässt ihnen
mindestens so viel, um nicht zu verhungern -- leben sie jahraus
jahrein auf dieselbe Art. Von der Heirath, dem einzigen wichtigen
Lebensabschnitt, wird kaum Aufhebens gemacht. Ohne Festlichkeit
übergibt man das junge Mädchen gegen Erlegung einer Kleinigkeit dem
Gatten, und dieser beginnt dann mit ihr eine Murmelthierexistenz in der
Weise der Aeltern und Grossältern.
Die Isolirtheit, das Inselartige des Gedem ist Hauptursache davon.
Andererseits trägt die immerwährend hohe Temperatur gewiss nicht wenig
dazu bei, eine Theilnahmlosigkeit zu erzeugen, welche unter andern
Umständen unerklärlich wäre. --
Wir stiegen ins schöne Avero-Thal hinab, das an manchen Stellen
prachtvolle Bäume und auch Spuren von Ackerbau zeigt, welchen die
Terroa -- sie säen Durra und Mais -- nach anhaltenden Regengüssen
zuweilen betreiben. Unter einer schönen Tamarinde hielten wir Mahlzeit.
Schäfer mit kleinen Heerden kamen uns entgegen. Schnell handelseinig,
brieten wir zwei für einen Thaler erstandene Zicklein über dem Feuer,
und die Hirten, ihre Hunde und viele Aasgeier, Raben u.s.w. hatten auch
noch was davon. Alsdann ging es weiter. Aber erst mit Sonnenuntergang
erreichten wir Arkiko und unser Zeltlager bei Hotumlu.
Die Erzählung meiner kleinen zweitägigen Reise, abends bei einem
guten Glase Dreher’schen Bieres, welches wir leider aber nur bis auf
+26° zu kühlen vermochten, animirte Stecker derart, dass er gleich
darauf ebenfalls einen Ausflug dahin unternahm und ebenso befriedigt
zurückkehrte. Als Vorbereitungsreise kann auch in der That kein
besserer Weg von Massaua aus eingeschlagen werden, als nach dem Gedem,
diesem Abessinien im Kleinen in pflanzlicher und thierlicher Beziehung.
Inzwischen war der sehnlichst erwartete Dampfer eingetroffen. Mr.
Lombard und seine Frau hatten sich bereits fertig gemacht. Der
französische Consul nebst zwei französischen Offizieren, die ihn
begleiten wollten, rüsteten ebenfalls. Ein spanischer Abgesandter,
Herr Sosten d’Abargues, schon seit einem Jahre in Aegypten, sowie Herr
Mitzaki, der griechische Consul, dieser in neuer Mission, sollten
von Sues eintreffen. Ausserdem wollten noch zwei Jagdgesellschaften
ihr Glück in Abessinien versuchen: eine englische unter Mr. James,
und eine österreichische, die aus den Herren Pálffy, Esterházy und
Prinz Liechtenstein bestand. Von einem Eindringen in das eigentliche
Abessinien konnte bei beiden freilich nicht die Rede sein, aber
erfolgreiche Jagden im Norden des Landes haben sie allerdings gehabt.
Ehe wir aber jetzt die eigentliche Reise beginnen, sei es uns
gestattet, einen Blick auf die Mission der Schweden zu werfen, welche
sich seit Jahren so grossartig in Mkullu entfaltete.
FÜNFTES KAPITEL.
DIE SCHWEDISCHE MISSION IN HOTUMLU, DIE FRANZÖSISCHE IN KEREN.
Maltzan über die schwedische und die katholische Mission. --
Anders der Verfasser. -- Die Kaiser Theodor und Johannes gegen
die Missionare. -- Die französische Regierung daheim meist
freigeistig, draussen orthodox-katholisch. -- Die Engländer
evangelisiren und anglisiren dann. -- Die Wohnung der schwedischen
und französischen Missionare. -- Negus Johannes’ Unterredung mit
schwedischen Missionaren. -- Die abessinischen Kinder in der
Anstalt. -- Schutzlosigkeit der nichtenglischen und nichtdeutschen
Protestanten. -- Gordon unterstützte die schwedischen Missionare.
-- Die französische Mission in Keren. -- Der Abuna der Abessinier.
-- Kaiser Theodor und der Abuna. -- Die Kirche der französischen
Mission in Tigre von den Abessiniern verbrannt.
König Theodor sagte, zuerst kommen die Missionare, dann die Consuln,
endlich die Soldaten. So unrecht hatte er eigentlich nicht. Der Verlauf
der ganzen Colonisationsgeschichte zeigt fast überall diese, wenn auch
öfters umgekehrte Reihenfolge.
Es kann natürlich hier nicht die Absicht sein, eine Geschichte
abessinischer Mission von den ersten Anfängen an zu geben. Auch nicht
von den Ursprüngen der protestantischen Mission in Abessinien. Wozu
auch? Man würde nur ein Bild verkehrter und verfehlter Bestrebungen
entrollen, verzerrter noch dadurch, dass durch die Feindseligkeit
der Protestanten und Katholiken in einem fremden Lande die Bewohner
daselbst keineswegs den vorteilhaftesten Eindruck vom europäischen
Christenthum erhalten.
Die schwedische Mission begann ihre Thätigkeit gleich nach Beendigung
des britischen Feldzugs. Der ursprüngliche Zweck war auf die
Evangelisirung Abessiniens gerichtet; aber ins eigentliche Land der
Monophysiten sind sie nie gekommen. Ohne Schutz einer weltlichen Macht,
mit Mühe gegen die Plackereien der sonst in religiösen Dingen so
duldsamen ägyptischen Regierung sich wehrend, haben sie nicht einmal
sich von der Küste loszumachen vermocht. Und doch ist die schwedische
Missionsanstalt diejenige, welche am meisten unsere Bewunderung und
Achtung verdient!
Das ist freilich nicht die Meinung aller. Selbst Maltzan[61], wol aber
nur durch Munzinger beeinflusst, welcher als französischer Consul eine
protestantische Mission natürlich mit nicht wohlwollenden Blicken
ansah, fällt das wegwerfendste Urtheil:
„Gern hätte ich diesen Gesprächen[62] auch den Nachmittag gewidmet,
aber leider wurde mir dieser verdorben, und zwar durch die Ankunft
eines schwedischen Missionars, gewiss des unwissendsten und
bornirtesten Menschen, der je nach Afrika geschickt wurde, um
‚Heiden zu bekehren‘. Schweden besitzt nämlich eine Mission in
Massaua, in deren Gründung und Statuten es alle andern Missionen an
Ungeschicklichkeit übertrifft. So besteht hier die Bestimmung, dass
ein Missionar nur drei Jahre in Afrika bleibt; hat er es hier so
lange ausgehalten, so bekommt er zur Belohnung eine fette Pfarrei
in Schweden. Nun sind aber drei Jahre das Minimum, welches ein
Missionar an Zeit braucht, um sich in dem hiesigen Sprachenchaos
zurechtzufinden. Also kommen diese Missionare gerade dann fort,
wenn sie vielleicht anfangen, leistungsfähig zu werden. Die hiesigen
Schweden sind übrigens so schwerfällig, dass sie noch viel längere
Zeit bedürften, um sich zu wirklichen Leistungen zu befähigen. Mit
der Sprache unbekannt, in ihrer nationalen Exclusivität sich streng
abschliessend, haben diese Leute auch fast mit niemand Umgang, mit
‚Heiden‘, die es in Massaua nicht gibt, natürlich auch nicht. Sie leben
also hier ein gemüthliches Stillleben, halten Betstunden, schreiben
erbauliche Briefe nach Schweden, und damit ist wahrscheinlich den
dortigen frommen Seelen gedient u.s.w.“
In anderm Sinne äussert sich aber Maltzan über die katholische
Mission[63]: „Ganz anders ist dagegen der Eindruck, welchen die
katholischen Missionare machen. Diese schlauen Mönche sind zwar
überall gehasst und gefürchtet, aber sie fassen trotzdem doch Fuss.
Jagt man sie fort, so kommen sie auf Schleichwegen zurück und erobern
bald wieder ihr altes Praestigium. So ging es neulich in Tigre,
dessen Fürst Dedschatsch Kassa (der jetzige Kaiser Johannes), ein
fanatischer Monophysite (bekanntlich die äthiopische Heterodoxie),
sämmtliche katholische Priester fortgejagt hatte. Und siehe da! jetzt
sind sie wieder im Besitz aller ihrer verlorenen Stationen und sollen
bereits elf Dörfer ‚bekehrt‘, d.h. vom Monophysitismus zum römischen
Katholicismus gebracht haben. Diese Priester sitzen aber nicht müssig
wie die Schweden, welche nichts anderes zu thun zu haben scheinen, als
den ganzen Tag Orgel zu spielen, zum grossen Skandal der Moslems, denen
dies ‚Bimbaumbimme‘ gar nicht gefallen will.“
Es ist kaum zu begreifen, wie Maltzan ein so vorurtheilsvolles Urtheil
über die schwedischen Missionare hat fällen können. Die Schweden sind
allerdings keine wissenschaftlich gebildeten und grossen Gelehrten,
aber sie „unwissend“ und „bornirt“ zu nennen, ist geradezu eine
Unwahrheit. Die schwedischen Missionare bleiben nicht drei Jahre in
Massaua, sondern meistens lebenslänglich. Die schwedischen Missionare
sind fast alle der amharischen Sprache mächtig, auch ihre Frauen. Von
vielem Orgelspiel der Schweden habe ich nichts vernommen, obschon ich
nicht einige Tage, wie Maltzan, in Massaua verweilte, sondern mehrere
Wochen in der Nähe der protestantischen Mission in Hotumlu lagerte. Und
wenn auch, welches Unrecht läge daran? Jedenfalls würden die Moslemin
auch kaum etwas dagegen sagen. Viel richtiger ist aber, was von Maltzan
über die Katholiken oder Franzosen sagt. Denn beide Namen, wir können
das nicht genug betonen, decken sich im Orient, sobald es sich um
Missionare handelt. Erst im vergangenen Sommer wurden sie wieder aus
Abessinien verjagt; wer zählt zum wievielten male!?
Der eingangs erwähnte König Theodor hat in der That recht gehabt. Er
liess Missionare in sein Land kommen, aber er gebrauchte sie -- die
protestantischen wenigstens -- zur Fabrikation von Pulver und Kanonen;
er empfing Consuln, aber er sperrte sie ein; er gab Veranlassung,
dass eine feindliche Armee sein Land überschwemmte, und, besiegt und
gedemüthigt, gab er sich den Tod! Es liegt also in der That etwas
Wahres im Ausspruch des abessinischen Monarchen. Hat er doch an sich
selbst die Erfahrung gemacht und als Held der blutigen Tragödie mit
dem Opfer seines Lebens die Richtigkeit seiner Worte besiegelt. Auch
sein Nachfolger, der Kaiser Johannes, hat über Missionare und ihre
Thätigkeit, soweit es Abessinien betrifft, dieselben Ansichten. Ja, er
beruft sich in dieser Angelegenheit ausdrücklich auf die Meinung und
die Aussprüche seines Vorgängers.
Und speciell auf Abessinien angewandt, lässt sich ja kaum bestreiten,
dass hinsichtlich des Glaubens ein Fernbleiben europäischer Missionare
nur geboten erscheint. Die Abessinier sind doch Christen, wie der
jetzige Negus Negesti ganz richtig betont. Und ob ihr Glaube, der
Monophysitismus, der richtige ist oder nicht, wer würde das mit
Bestimmtheit zu behaupten wagen? Ein vernünftiger Mensch sicher nicht.
Hat man denn in Europa schon angefangen zu entscheiden, welche Religion
die richtige sei? Verfluchen nicht die Katholiken die Protestanten?
Fragt man die Träger der Religion, die Geistlichen, dann ist nur Heil
in ihrer resp. Kirche. Aber wenn man z.B. sieht, dass die Mehrzahl der
aufgeklärtesten Nationen: die Deutschen, Engländer, Schweden, Dänen,
Holländer, der protestantischen Religion angehören, dass aber die
protestantische Religion vom Haupte derjenigen Kirche verdammt wird,
welche bei Völkern herrscht, die auf einer bedeutend tiefern Stufe
der Cultur stehen, sollten einem da nicht berechtigte Zweifel erlaubt
sein an der Urtheilsfähigkeit solcher Menschen, die sich freilich als
von Gott besonders inspirirt hinstellen? Schliesslich dreht sich doch
alles nur um Herrschergelüste: Wenn du so glaubst, wie ich, sagt der
Katholik, dann wirst du selig. Wenn du so glaubst, wie +ich+ dir
die Bibel auslege, dann kommst du in den Himmel, sagt der Protestant,
u.s.w. Was ist nun das Richtige? Niemand weiss es, und der vernünftige
Mensch hat auch heute weder Zeit noch Bedürfniss, darüber nachzudenken.
Abgesehen von der französischen Regierung, welche im Orient als das
weltliche Schwert des Nachfolgers Petri gilt, ist daher auch keine
einzige Regierung für die Sache der Missionare beim äthiopischen
Herrscher eingekommen. Frankreich gilt, wie gesagt, als Beschützer
der Katholiken im Orient. Und wenn auch ab und zu die französische
Regierung im Lande selbst Voltaire’sche Freigeisterei treibt, so
huldigt sie im Auslande und namentlich im Orient nicht nur dem
orthodoxesten Katholicismus, sondern trägt sogar mit Vorliebe den
Propagandisten des Glaubens die Schleppe.
Früher, und in vielen Ländern und Gegenden noch heute, hatte England
in ähnlicher Weise den Protestantismus im Auslande vertreten. Und
was England durch die protestantischen Missionare gewann, braucht
kaum hervorgehoben zu werden. In der That verhielt es sich so, wie
König Theodor es sagte. Die Missionare, und es waren ebenso viele
deutsche, wie englische, erwiesen sich überall als die Pionniere
der grossbritannischen Colonien. Sie evangelisirten und bald darauf
anglisirten sie die Länder. Die Begriffe Protestantismus und Britisch
fingen an sich zu decken. Die deutschen Missionare verleugneten ihre
Heimat, sie nannten sich mit Vorliebe Briten.[64]
Sollen wir ihnen einen Vorwurf daraus machen? Nein! In jener
schmachvollen kaiserlosen Zeit +konnten+ die deutschen Missionare
nicht anders handeln. Fielen die Erfolge ihrer Bestrebungen einer
andern Nation in den Schos, so war es nicht ihre Schuld. Wer im
Vaterlande wollte sie dafür verantwortlich machen? Sollten sie etwa
Länder christianisiren für Reuss Greiz, Schleiz, Lobenstein und für
diese Weltmächte in Beschlag nehmen? War selbst Preussen zu der Zeit
im aussereuropäischen Auslande geachteter als etwa Oldenburg oder die
Hansestädte?[65]