Geschenken überhäuft, hatte den Negus bald nach Gordon’s Abreise
ebenfalls verlassen. Er überbrachte für den König von Griechenland,
für den griechischen Kronprinzen und den Ministerpräsidenten die
Decoration des vom Negus Johannes wieder erneuerten Salomonis-Ordens.
Ursprünglich von Theodor gestiftet, hatte derselbe drei Klassen.
Die Form war bei allen dieselbe: zwei ineinanderliegende Dreiecke,
genau so, wie das Staatswappen der marokkanischen Kaiser und das
der bairischen Bierwirthe. Kaiser Johannes lässt die Decoration aus
massivem Gold herstellen und die Goldstäbe abwechselnd mit Diamanten
und Türkisen besetzen. Man hat sich in Aegypten viel die Köpfe darüber
zerbrochen, woher diese Intimität zwischen dem Negus und dem Basileus
stamme; man sagte, der griechische Consul wolle den Negus überreden,
einen griechischen Abuna, statt eines koptischen, zu nehmen[56], und
ausserdem für Griechenland ausschliesslich Handelsvortheile gewinnen
u.s.w. u.s.w. Alles das ist möglich. Und wir gestehen offen, dass,
wenn es Herrn Mitzaki gelungen wäre, den Negus zu überzeugen, es sei
vortheilhafter, einen griechischen Abuna statt eines koptischen zu
nehmen, dies für Abessinien nur hätte von Vortheil sein können. Denn
ein koptischer Abuna +war+ doch einst ägyptischer Unterthan,
Unterthan eines Mohammedaners und bot daher stets leichter eine
Handhabe zum Intriguiren, was man von einem griechischen Abuna nicht zu
fürchten brauchte. Griechenland ist ausserdem zu weit entfernt und zu
schwach, um irgendwie Einfluss auszuüben oder gar activ in Abessinien
einzugreifen. Davon hat allerdings ein Abessinier keinen Begriff; sagt
ihm jemand, Griechenland sei mächtiger als alle übrigen Staaten Europas
zusammen, so liegt kein Grund für ihn vor, dies für unwahr zu halten.
Als wichtiges Ereigniss muss sodann noch verzeichnet werden die Krönung
des Gouverneurs von Godjam, Ras Adal, zum König Teklahaimanot; sie fand
Mitte Januar 1881 statt. Ras Adal, welcher früher ebenfalls gegen den
Negus Negesti rebellirte, bewies sich in letzter Zeit als treu, nahm
lebhaften und wirksamen Antheil an der Schlacht von Gura und bewirkte
gleich darauf die Unterwerfung von Kaffa und Enarea, wofür ihn der
Negus Negesti nun belohnte. Um die Krönungsfeierlichkeit noch grösser
zu machen und mit allem nur möglichen Pomp zu veranstalten, wurde auch
der König von Schoa zu dieser Feierlichkeit eingeladen, und zum ersten
mal seit undenklichen Zeiten sahen wir im Jahre 1881 das geeinigte alte
äthiopische Reich mit seinem Negus Negesti Johannes an der Spitze und
unter ihm die Königreiche Schoa, Godjam und den nördlichen Theil Tigre,
welches allerdings heute noch keinen König besitzt, voraussichtlich
denselben aber demnächst, in der Person des Ras Areya, des einzigen
Sohnes des Kaisers selbst, erhalten wird.
Mehr aus Höflichkeit als aus irgendeinem andern Grunde antworteten die
verschiedenen Mächte auf die Schreiben des Negus Negesti. Der Verfasser
war am ersten zur Reise gerüstet und konnte als erster noch im Jahre
1881 abessinischen Boden betreten.
Nach dieser kurzen Excursion auf das Gebiet der neuesten Begebenheiten
in Abessinien wollen wir den Faden der Erzählung wieder aufnehmen,
welche im ersten Kapitel die Uebersiedelung nach Hotumlu berichtete.
VIERTES KAPITEL.
AUFENTHALT IN HOTUMLU.
Der Berg Gedem. -- An den abessinischen General Ras Alula.
-- Antwort Ras Alula’s. -- Abermals an Ras Alula und dessen
Antwort. -- Die Furcht vor den Abessiniern. -- Fahrlässigkeit der
Orientalen. -- Die für den Negus Negesti bestimmten Geschenke. --
Besteigung des Gedem. -- Der Naib. -- Der freundliche Besitzer
einer Hütte. -- Zahlreiche Begräbnissplätze. -- Beschaffenheit
und Umgebung des Gedem. -- Affen. -- Je ein geschlachtetes
Thier für Mohammedaner besonders und für Christen (Abessinier)
besonders. -- Die Aussicht vom Gedem. -- Messung des Gedem. --
Abstieg. -- Vegetation. -- Fauna. -- Der Klippschliefer. --
Körperbeschaffenheit, Bekleidung, Nahrung der Bewohner. -- Das
weibliche Geschlecht.
Unser Lagerplatz befand sich auf einer kleinen luftigen Anhöhe
und bot eine entzückende Aussicht. Nach Westen zu hatte man das
unvergleichliche Alpenpanorama von Abessinien vor sich. Gegen
Abend, zuweilen allerdings auch bei Tage, lagen gewöhnlich schwere
Haufenwolken auf den Bergriesen, und an irgendeiner Stelle -- das
sah man deutlich -- witterte und regnete es. Aber des Morgens, wenn
die aus dem Meere auftauchende Sonne der Gebirgswand neues Licht
spendete, zeichneten sich mit wunderbarer Klarheit die Umrisse der
einzelnen Berge ab. Imposant trat namentlich etwas südlicher der
mächtige, vom eigentlichen Hochplateau abgelöste Bisenberg mit dem
darauf befindlichen Kloster hervor. Letzteres konnte man jedoch der
örtlichen Verhältnisse wegen nicht unterscheiden. Im Süden aber, etwas
zu Ost, erhob sich nahe vor uns der grossartige Gedem, welcher, wenn
auch im Vergleich zu den abessinischen Nachbarn an Höhe nur ein Kind
-- seine Höhe ist etwa die des Brockens -- sich dadurch bemerkbar
machte, dass er plötzlich aus einer kaum über dem Niveau des Meeres
am Meere gelegenen Ebene hervortrat. Vor dem Gedem lag Massaua, das
Inselchen Tolhut, die grüne Insel Sidi Schich und links davon mit
seinen phantastischen Formen zeichnete sich das von Arakel Bei erbaute
chedivialische Schloss ab. Nach Norden hatten wir den Blick auf das
zwischen Tamarisken, Parkinsonien und Calotropis versteckte schmucke
und stattliche Gebäude der schwedischen Missionare, während nach Ost
zu die Hütten der Bewohner von Hotumlu uns die Ansicht aufs Rothe Meer
entzogen. Unsern Hügel trennte nur ein schmaler Arm des Mpasi von der
Wohnung Franz Hassen Bei’s, welche als ein Musterhaus aller Gebäude in
jener Gegend dienen kann. Allen Reisenden ein treuer Berather, lebt
Hassen Bei schon seit Jahren in Massaua oder Senhit als ägyptischer
Beamter. Im Jahre 1882 war er sogar von der ägyptischen Regierung mit
einer Mission an Johannes betraut und erledigte sich seines Auftrags
in Adua, wo der Negus damals residirte. Verheirathet mit einer Enkelin
des berühmten Negus Ubieh von Tigre, versteht sich diese würdige Dame
vortrefflich auf die Führung des Hausstandes ihres Gatten und hat sich
vollkommen die Art und Weise, wie Europäer leben, zu eigen gemacht.
Hassen Bei war, als ich mich in Massaua befand, Vicegouverneur oder
Adlatus des Gouverneurs und füllte zur Zufriedenheit Aller seinen
Posten aus. Neben Herrn Tagliabue, welcher während unsere Aufenthaltes
in Massaua uns am meisten mit Rath und That zur Seite stand, sind
wir Herrn Hassen Bei zu grösstem Dank verpflichtet. Durch seine
Vermittelung wurde mir auch der Regierungsdolmetsch zur Verfügung
gestellt, durch den ich folgenden Brief an den General Ras Alula,
Gouverneur der Provinz Hamasen, amharisch schreiben und absenden
liess:[57]
„Massaua, 18. November 1880. Der Brief gelange an den geehrten Ras
Alula vom Kaiserlich Deutschen Gesandten Rohlfs! Wie geht es Ihnen?
Ich bin wohl, Gott sei Dank! Ich komme gesendet vom König von Preussen
(ich hatte ‚Kaiser‘ dictirt; ‚Preussen‘ oder ‚Borussia‘ ist, wie ich
andern Ortes erwähnt habe, bei den orientalischen Völkern synonym für
Deutschland) mit einer Antwort auf Seiner Majestät Schreiben. Das zeige
ich Ihnen, dem geehrten Ras Alula, hiermit an und bitte Sie nun, das
Seiner Majestät eilig schreiben zu wollen. Wenn Sie mir bestimmen, will
ich zu Ihnen kommen, um bei ihm (das ist ein Schreibfehler, ich hatte
Ihnen geschrieben) zu bleiben, bis von Seiner Majestät Antwort für mich
anlangt. Ich bitte, dass auch von Ihnen die Antwort mir bald zukommen
möge. 10. Hedar 1873.“ (Alter Stil.)
Man wird aus diesen Zeilen entnehmen, dass ich meinen Brief mit
äusserster Höflichkeit abgefasst hatte; das Antwortschreiben des
abessinischen Generals zeichnete sich aber keineswegs durch allzu
grosse Höflichkeit aus. Es lautete:
„Der Brief des Ras Alula gelange an den kaiserlich deutschen
Botschafter Rohlfs. Wie geht es Dir? Ich bin Gott sei Dank wohl. An
Seine Majestät werde ich sofort für Dich einen Eilboten mit einem
Briefblatt senden, und Du beeile Dich, sobald Seine Majestät Dich
vorzulassen befiehlt, dass ich Dich sende. Das Schreiben mit dem
geehrten Auftrag, das Du mir geschickt hast, ist an mich gelangt. Im
Jahre der Barmherzigkeit 1873 geschrieben im Lager von Tzaazaga am 15.
Hadar“ (23. November 1880).
Man ersieht hieraus, dass der abessinische General mich duzte,
während ich ihn „Sie“ genannt hatte. Und man glaube keineswegs,
dass dies eine gewisse Freundlichkeit ausdrücken sollte. Ich
war ihm ein Fremder, und gegen Fremde tragen die Abessinier ein
hochfahrendes Wesen zur Schau. Unter sich sind sie derart höflich und
ceremoniell, dass kleine Kinder, wenn sie einander fremd sind, sich
gegenseitig „Sie“ nennen und erforderlichenfalls die Titel „edler“,
„hochwohlgeborener“, „right honourable“, „Hoheit“ u.s.w. u.s.w. mit
peinlichster Gewissenhaftigkeit ertheilen. Ganz anders ist das bei
den Arabern zwischen hoch und niedrig, Freund und Feind, alt und jung
übliche „Du“! Wenn der Abessinier duzt, ist es nicht Vertrautheit,
sondern es drückt einfach Geringschätzung aus, die allerdings zuweilen
eine gewisse Vertraulichkeit in sich schliesst. Weder der ägyptische
Regierungsdolmetsch noch andere hatten mir das gesagt. Erst bei meiner
Rückkehr machte Schimper mich darauf aufmerksam, und die schwedischen
Missionare bestätigten diese unhöfliche Angewohnheit. Ja, sogar
die kleinen abessinischen, von ihnen aus Gnade und Barmherzigkeit
aufgenommenen Zöglinge, die ihnen körperliches Wohlergehen, alles und
alles verdanken, benennen sich unter sich mit „Sie“ und sonstigen
hochtönenden Redensarten, während sie ihre Pfleger, Ernährer und
Erzieher duzen. Auf diese Mittheilung der Missionare erlaubte ich
mir die Bemerkung, dass solche Unarten am besten durch schlagende
Verbesserungen abzustellen seien, aber die weichherzigen Leute ziehen
es vor, sich duzen zu lassen. Was mich anbetrifft, so erfuhr ich die
unhöfliche Art des Benehmens der Abessinier gegen Fremde, wie gesagt,
erst später; aber selbst im Anfang meiner Reise davon unterrichtet,
würde ich ebenso wenig wie Gordon und die Missionare einen cas daraus
gemacht haben. Ich hätte mich trösten müssen mit dem Gedanken, dass nur
die Dummen und Unwissenden unhöflich sind und Dummheit mit Eitelkeit
und Unhöflichkeit untrennbar verbunden ist.
Auf ein zweites Schreiben, welches ich an den Gouverneur von Hamasen
richtete, erhielt ich auch schnell Antwort. Mein zweiter Brief hatte
folgenden Inhalt[58]:
„Der Brief gelange an den geehrten Ras Alula von Gerhard Rohlfs (ich
hatte dictirt: der Brief gelange von Gerhard Rohlfs an den geehrten
Ras Alula), Diener des Kaiser-Königs von Preussen! Wie ist es Ihnen
ergangen? Ich bin wohl, Gott sei Dank! Ihr geehrtes Briefblatt, wofür
ich danke, ist mir zugekommen. Ich danke Ihnen vielmals für Ihre
Botschaft an Seine Majestät meinethalben. Jetzt habe ich noch 14
Tage hier zu warten, bis Babur (d.h. _il vapore_, der Dampfer) von
Sues kommt. Ich bitte, dass Sie mir in diesen Tagen Leute und Vieh
nach Sabarguma entgegenschicken wollen. Funfzig Ochsen zur Belastung
bedarf ich. Zwei Tage, ehe ich aufbreche, werde ich nochmals Botschaft
schicken, dass Sie mir 20 Soldaten bis Ginda entgegenschicken, die mir
Sicherheit geben. Am 19. Hedar 1873“ (27. November 1880).
Hierauf traf rechtzeitig schnell folgende Antwort ein:
„Der Brief des Ras Alula gelange an den geehrten Gerhard Rohlfs,
Minister (d.h. Diener) des Königs von Preussen. Wie ist es Dir
ergangen? Ich bin, Gott sei Dank, wohl. Wenn Du kommst, mache, dass Du
nach Ailet kommst. In Ginda sind muselmanische Räuber, welche plündern.
Nach Ginda komme nicht! Wenn Du in Ailet anlangst, sende an mich! Ich
werde Dir sofort Leute schicken, die das Geleit geben.“ (Ohne Datum.)
Hieraus ersieht man schon, dass ich noch längere Zeit in Hotumlu zu
weilen hatte. Indess war der Aufenthalt in meinem grossen schönen
Zelte mit Schattendach weit angenehmer als in Massaua. Die Nächte
wurden gegen Morgen sogar kühl im Vergleich zur Tageswärme, denn
vor Sonnenaufgang fiel das Thermometer häufig auf +20°C. Auch sonst
unterhielten wir mit allen Bewohnern der Gegend gute Beziehungen.
Mr. et Madame Lombard, welche sich nun auch zum Aufmarsch nach
Abessinien rüsteten, hatten Wohnung genommen in der französischen
Lazaristenmission, nahe beim schwedischen Missionsgebäude, und öfters
machten wir uns Besuche. Sehr häufig kamen auch die ägyptischen
Stabsoffiziere und blieben zum Essen bei mir. Der Generalgouverneur
liess vor meinem Zelte einen Doppelposten aufstellen, und nachts
bezog stets ein ganzer Zug mit einem Lieutenant Wache bei meinem
Lager. Trotzdem ich innerhalb der befestigten Linie lagerte, denn
das äusserste mit guten Kanonen bewehrte Fort, welches ein ganzes
Bataillon regelmässiger Soldaten beherbergte, lag noch ca. 2 km von
mir in Saga, wurde nicht selten bis zu meinem Lager, ja, bis zum
eigentlichen Massaua alles in Angst und Schrecken gesetzt. Kurschid
Bei, der Höchstcommandirende, kam einigemal sogar spät abends
angeritten: „Die Abessinier, Ras Alula, sind im Anrücken!“ Es war
immer blinder Lärm, aber die Panik so gross, dass alle ausserhalb der
Vertheidigungslinie sich befindenden Bewohner eiligst zurückflüchteten.
Ich bin fest überzeugt, dass wenn die Abessinier wirklich gekommen
wären, kein ägyptischer Offizier, kein Soldat standgehalten hätte.
Mit Leichtigkeit würden sich die Abessinier sogar Massauas bemächtigt
haben. Darin sich zu behaupten, war allerdings unmöglich. Trotz der
guten Waffen, trotz der anscheinend festen Disciplin und der übrigen
guten militärischen Einrichtungen möchten ägyptische Truppen jetzt
gegen Abessinier nicht zu verwenden sein. Die Angst und Furcht vor
ihnen sitzt ihnen noch zu sehr in den Gliedern. Mehreremal, und das
war sehr komisch, kamen von Senhit Depeschen: die Abessinier hätten
grosse Niederlagen erlitten, hundert Mann seien gefallen, der und der
Ras gefangen worden. Hinterher aber kam der hinkende Bote: „irgendein
abessinischer Häuptling habe von Bogos oder einem andern ägyptischen
Gebiete so und so viel hundert Schafe, Rinder u.s.w. weggetrieben, bei
welcher Gelegenheit sich die ägyptischen Soldaten wohlweislich nach
ihren Schanzen zurückconcentrirten!“ --
Seit den Munzinger’schen für Massaua wirklich grossartigen
Verbesserungen hat man alles wieder ins alte Nichts zurückfallen
lassen. Bei gegebenen Gelegenheiten können die Orientalen unternehmen,
Bauten ausführen, Verbesserungen anbringen, aber die Anreizung dazu
müssen sie immer von aussen empfangen. Einmal ausgeführt, denken sie
nie an Unterhaltung. So ist denn die Wasserleitung, welche Munzinger
von Mkullu bis in die Stadt Massaua leitete, schon zur Hälfte wieder
eingestürzt und nur noch bis Hotumlu wirksam. Der Damm, welcher Massaua
mit Hotumlu und dem Festlande bildet, ist dem Einsturze nahe. Kein
Mensch denkt an Ausbesserungen. Der Palast, den Arakel Bei mit so
grosser Sorgfalt errichtete, droht binnen kurzem zu einer malerischen
Ruine zu zerfallen, Unterhaltungskosten dafür gibt es nicht. Am
meisten setzte mich aber in Erstaunen, dass ich auf einem aus Hotumlu
östlich hinaus unternommenen Spaziergange die Telegraphenleitung von
verschiedenen umgewehten und nicht wieder aufgerichteten Stangen am
Boden liegen -- und doch Dienste verrichten sah. Ich konnte mir das
anfangs nicht erklären, bis ich fand, dass der Draht auf basaltischem
Boden lag, welcher vielleicht isolirend wirkte.
Mittlerweile wurde die Ausrüstung eifrig betrieben, Instrumente
nahmen wir natürlich aus Europa mit. Auch hatte mir die Afrikanische
Gesellschaft die Geschenke, welche bei der Katastrophe von Kufra
gerettet oder wieder herausgegeben waren, zur Verfügung gestellt. Das
neue, glänzende, prachtvolle Schwert von Solingen hatte gar nicht
gelitten; die echt goldenen Fransen des grossen Sonnenschirms waren
durch neue noch schönere ersetzt worden; der violettblaue Sammtmantel
hatte sich ebenfalls gut erhalten. Das waren die Hauptstücke, welche
ich dem Negus Negesti als mein Geschenk überreichen wollte. Absichtlich
habe ich geschrieben: als mein Geschenk, da irrtümlicherweise das
Gerücht sich verbreitete, der Deutsche Kaiser übermittele durch mich
Geschenke an den Souverän von Abessinien.
Im übrigen completirte ich meine Geschenke durch Einkauf von
echtem und unechtem Sammt, Schama (grosse, weisse, rothgeränderte
Umschlagetücher, von denen ich Dutzende mitnahm), Baumwollenstoffen
geringerer und besserer Qualität, Taschentüchern, Sonnenschirmen aus
Seide und Kattun, Messern u.s.w. Sodann hatte ich eine ganze Partie
billiger in Deutschland fabricirter Schmucksachen, die ich ebenfalls
als Geschenke verwerthen konnte. Billige Ferngläser, Spiegel und
besonders Goldbrokatstoffe von wundervoller Farbe und schönen Mustern
vervollständigten die Geschenke. Man ersieht daraus, dass ich aufs
reichste ausgerüstet war, aber wie viele Gouverneure, wie viele
Provinzen und Städte mussten auch vorher besucht werden, und überall
sollten und mussten passende Geschenke für die Machthaber und für die
Bevölkerung dem Träger des kaiserlichen Briefes den nöthigen Glanz
verleihen.
Auch die übrige Ausrüstung wurde hinsichtlich der Dienerschaft, der
Fortbewegungsmittel und der Nahrung aufs grossartigste hergestellt. Es
gelang mir, schon in Massaua einige Diener und Maulthiere zu bekommen,
erstere durchaus Christen, d.h. Abessinier, da ich im Lande durch
Mitnahme von Mohammedanern keinen Anstoss erregen wollte. Als Proviant
hatte ich Mehl, Hülsenfrüchte, Reis, Zwiebeln, Zwieback, Zucker, Thee,
einige Dutzend Flaschen Cognac und Absinth (diesen zum Verschenken),
Gewürze und diesmal nur wenige Conserven, da ja in Abessinien täglich
auf frisches Fleisch zu rechnen war.
Alles dies, selbst feinere Gemüse, europäische Kleidungsstücke u.s.w.
konnte man recht gut und verhältnissmässig billig in Massaua bei
griechischen Ladenbesitzern erhalten.
In die Zeit meines Aufenthaltes von Hotumlu fiel auch die Besteigung
des Gedem, welcher ein nach Norden vorspringendes Gebirge bildet,
dessen nördlichste Spitze unter 15° 4′ nördl. Br. sich befindet und in
seiner höchsten Spitze vom 39° 4′ östl. L. von Greenwich geschnitten
wird. Die Hauptachse des Berges ist von NNO. zu N. nach SSW. zu S.
gerichtet. Etwa 24 km lang, beträgt die Durchschnittsbreite ca. 5 km.
Von weitem gesehen, hat der Gedem ein herausforderndes, abschreckendes
und doch zugleich äusserst malerisches Aussehen: herausfordernd, weil
er so zur Hand liegt, dass man meint, man +müsste+ ihn besteigen,
und er ist ja auch oft bestiegen worden; abschreckend, weil er von
tiefen Furchen durchsetzt erscheint und keinen Baum und Strauch
zeigt; malerisch, weil kaum ein Berg sich durch harmonischere Formen
hervorthut. Seine Höhe steht mit der Breite und Länge in schönstem
Verhältniss. Aber der Gedem täuscht doch: er +ist+ nicht
kahl, sondern durchaus, von unten bis oben mit Bäumen und Unterholz
bestanden, nur sind die Bäume nicht gross, sondern scheinen durch
häufige Brände in ihrem Wachsthum gehemmt zu sein.
Es war ein wundervoller Morgen, als ich mit einigen Dienern,
einem Führer und einem Naib[59], alle beritten und reichlich mit
Proviant versehen, aufbrach. Der Weg führt um die Bucht herum, und,
fortwährend durch grosse Gebüsche von Calotropis procera und Euphorbia
quadrangularis reitend, erreicht man bald das freundliche Städtchen
Arkiko, die Residenz des Naib, mit etwa 1500 Einwohnern. Es war nicht
zu vermeiden, ihm, dem Hauptnaib, in seiner Wohnung einen Besuch
abzustatten. Noch weniger konnten wir der üblichen Tasse Kaffee, der
Cigarrette und zum Schluss dem Geschenke eines Hammels aus dem Wege
gehen. Ja, der Naib wollte sogar, wir sollten wenigstens einen Tag bei
ihm bleiben, was wir indess entschieden, aber mit grosser Höflichkeit
ablehnten, denn wir mussten weiter eilen, um noch vom frühen Morgen
zu profitiren. Sobald man nun das freundliche Arkiko verlässt, dessen
Häuser und Hütten zwischen riesigen Uscherbüschen, Mimosen und
Hadjilidj (balanites aegypt.) versteckt liegen, hält man sich dichter
dem Meere zu, dessen Anblick sich hier oft selbst dem Reiter durch
doppelt mannshohe Meerlorberbüsche, auch Schora (Avicennia tomentosa)
genannt, entzieht.
Im Uadi Fareg Bei, welches, wie viele andere, westlich vom Gedem
verläuft und unterirdisch fliessendes Wasser enthält, machten wir
bei einer Oertlichkeit, welche Airuri heisst und aus einigen Hütten
besteht, halt, um zu frühstücken. Der Besitzer einer Hütte liess es
sich nicht nehmen, uns mit schönen selbstgezogenen Wassermelonen zu
bewirthen, auch Kaffee liess er von seinem Töchterchen in einem eigens
dazu eingerichteten steinernen Kaffeetopf kochen: ein Beweis, wie
selbst bei armen Bewohnern dieses Getränk in Ansehen steht. -- Hier
konnten wir denn, während das Frühstück bereitet wurde, schönblühende
Blumen sammeln, wie denn überhaupt, je näher an den Gedem heran, der
Pflanzenwuchs zunimmt. Nach kurzer Rast ging es weiter. Eigentümlich
aber: hier sowol wie auch nördlich und westlich von Massaua weisen
die zahlreichen Begräbnissplätze auf eine einstmals viel zahlreichere
Bevölkerung. Wann lebte diese? Wann wurde sie verdrängt? Getödtet?
Darüber konnte ich keinen Aufschluss erhalten. Aber ich vermuthe stark,
dass die schwache Bevölkerung erst seit der neuesten Zeit datirt. Die
Furcht vor den Abessiniern hat sie vertrieben.
Die Wasserlöcher von Airuri sind 2,5 m tief und hatten, als wir
nachmittags um 4 Uhr das Wasser hinsichtlich der Wärme massen, bei 29°
Lufttemperatur 27°C. Von hier an beginnt der Aufstieg.
Der Gedem, aus zwei fast senkrechten Granit- und Gneisschichten
bestehend, zeigt ausserdem mächtige Lavaergiessungen, welche, so
sieht es aus, jene beiden ersten Gesteinsmassen hier durchbrachen,
dort überfluteten. So abgerundet der Gedem von der Wasserseite
her aussieht, zeigt er doch, wenn man angekommen ist, äusserst
durchklüftete Wandungen. Während die Ostseite steil abfällt, zeigt
die Westseite Zwischenstufen, die sich zur Ferara-Ebene absenken,
welche den Berg von den abessinischen Vorbergen trennt. So hat der Berg
denn nach Westen zu auch zwei bedeutende Rinnsale: das nördlichere
heisst Mülhohinna, das südliche bedeutendere Avero. Beide, sowie
zahlreiche andere Rinnsale, ergiessen sich in den zuweilen auch nach
der Ferara-Ebene benannten Sillikit, der sich im Norden mit dem aus
Abessinien kommenden Chor Gatra vereint und später noch weiter nach
Norden zu den Namen Airuri und schliesslich Fareg Bei annimmt. Das
Mülhohinna-Thal hat 1 km von seiner Mündung aufwärts einen Brunnen mit
Süsswasser, dessen Temperatur, bei 30° Lufttemperatur und einer Tiefe
von 2 m, Stecker am Vormittag zu 30°C. fand. Der Mülhohinna-Brunnen
befindet sich schon 160 m über dem Meere. Bemerkenswerth ist, dass
man diesen Quell mit vorzüglichem Süsswasser während der englischen
Expedition verborgen hielt. Selbst nach zweijähriger Trockenheit zeigte
er noch eine ergiebige Fülle Wasser. Der südlichere Avero-Giessbach hat
übrigens eine bedeutendere Länge, welche mit allen Krümmungen ca. 5 km
betragen dürfte.
An der Quelle angelangt, wo gerade Schäfer eine kleine Ziegen- und
Schafheerde tränkten, störten wir eine zahlreiche Affengesellschaft
auf, von welcher ein Theil den Hundsaffen, Hamadryas kynokephalos, die
kleinern Affen dagegen den Hamadryas gelada anzugehören schienen. Bei
der Flucht sprangen die Jungen auf den Rücken der Mutter. Wir zogen
noch höher hinauf und campirten dann, von grossen Feuern umgeben, in
einer ziemlich engen Schlucht. Nachts wurden wir verschiedentlich
aufgestört durch das Geheul von Raubthieren, die wol herbeigelockt
sein mochten durch den Geruch der geschlachteten Schafe und die
weggeworfenen Gedärme. Letztere waren denn auch am andern Morgen
spurlos verschwunden.
Ich musste nämlich zwei Thiere schlachten lassen, da die eine Hälfte
der mich begleitenden Leute aus Christen (Abessiniern), die andere aus
Mohammedanern bestand. Letztere essen nicht das von jenen geschlachtete
Fleisch, und umgekehrt, obschon bei beiden, abgesehen von den dabei
ausgesprochenen Formeln, das Abschlachten absolut auf dieselbe Art
geschieht. Da ein Thier für alle vollkommen ausreichte, konnten sie,
indem sie zwei verzehrten, recht eigentlich im Fleische schwelgen, von
welchem auch nicht ein Titelchen übrigblieb.