Diensten stehenden Geologen und Geodäten Mitchell, welcher über seine
Gefangennahme und schlechte Behandlung einen äusserst lamentabeln
Bericht publicirte. Herr Mitchell befand sich im Winter 1876 als
chedivialischer Beamter unter dem Schutze von 50 ägyptischen
regelmässigen Soldaten in Ailet und nahm diese Grenzgegend geodätisch
auf, welche zu Abessinien gehört, dagegen von Aegypten als ägyptisches
Gebiet beansprucht wird, in der That aber freies, d.h. von keiner
Behörde regiertes Gebiet ist. Eines schönen Tages überfiel ihn eine
Abtheilung abessinischer Soldaten, die meisten ägyptischen Soldaten
konnten sich durch die Flucht retten, Mitchell gerieth in die Hände
der Abessinier. Natürlich wurde er in Ketten gelegt und nicht gerade
zu glimpflich behandelt, nach kurzer Gefangenschaft jedoch vom Negus
Negesti selbst in Freiheit gesetzt. Mitchell wundert sich in seinem
Buche darüber, dass ihn der Negus Negesti ohne Gelddarbietung entliess!
Kann man sich eine grössere Naivetät vorstellen? Man denke sich einen
solchen Fall in Europa, sagen wir, zwischen zwei der civilisirtesten
Nationen, zwischen Deutschland und Frankreich. Also diese beiden
Länder befinden sich miteinander im Kriege. Auf der Grenze ertappen
die Franzosen einen deutschen Geodäten, welcher ihr Gebiet vermisst,
aufnimmt und kartographirt. Die Franzosen würden zweifelsohne den
Deutschen auf der Stelle erschossen haben. In Abessinien blieb dagegen
Herr Mitchell einige Wochen in Ketten und wurde dann bedingungslos
entlassen. Aber er verlangte noch Entschädigung, Geschenke, Geld
dafür, dass er für seine Regierung, die ägyptische, auf abessinischem,
d.h. feindlichem Gebiet, mappirt hatte! Diese sogenannte schmähliche
Behandlung, die Fesselung eines ägyptischen Beamten rief einen Schrei
der Entrüstung in Aegypten und Europa gegen den Negus Negesti hervor,
und selbst denkende Männer stimmten mit ein, ohne aber den wahren
Sachverhalt zu kennen, nämlich dass Abessinien und Aegypten noch immer
im Kriege miteinander sind.
Es kam aber der Zeitpunkt immer näher, wo ganz Aethiopien Ein Reich
werden sollte, was es seit Jahrhunderten nicht gewesen war. Mitte 1879
zog der Kaiser nach dem Süden, um Schoa zu unterwerfen und Menelek zu
zwingen, ihn anzuerkennen. Aber es kam nicht zur Schlacht. Als die
beiden Armeen einander gegenüberstanden, zeigte Menelek an, er sei
bereit, sich zu unterwerfen. Auch er, der viel Aeltere, was Abkunft
anbetrifft, und Vornehmere, wollte sich beugen vor dem neuen Kaiser,
vor dem „Auserwählten Gottes“, Und aus Erfahrung an andern Fürsten
wusste er, dass der Negus Negesti ihn nicht entthronen würde. Hatte
er doch Ras Adal zweimal verziehen! Eine von der Politik Theodor’s
ganz verschiedene befolgte Johannes. Während jener, wenn er sich
eine Provinz, ein abessinisches Königreich eroberte, stets einen
+neuen+ und, wie er annahm, ihm ergebenen Gouverneur oder König
einsetzte, lässt der jetzige Negus Negesti, wenn irgend möglich, den
Bewohnern ihre angestammten Gouverneure und Regenten. Und hierauf
rechnete auch Menelek, der Sohn von vielen Königen!
Menelek schrieb Johannes, er würde sich bei ihm einstellen, mit
dem Stein auf dem Nacken: ein noch immer geübter Brauch der
erniedrigendsten Art der Unterwerfung in Abessinien, etwa das, was die
Römer mit ihrem „durchs Joch gehen“ verstanden. Der Kaiser schrieb ihm,
es sei dies nicht nöthig, er möge nur auf dem Evangelium einen Eid
schwören, nie wieder revoltiren zu wollen. Sein Königreich dürfe er
behalten[44], aber alljährlich müsse er bestimmten Tribut zahlen.
König Menelek erschien aber in der That vor versammeltem Hof mit einem
schweren Block auf dem Halse. Als der Negus Negesti den Mann in einer
solchen Erniedrigung erblickte, sprang er auf und befahl dem General
Ras Alula, den Stein abzunehmen, worauf er Menelek umarmte und unter
einem Strom von Thränen seine eigene Krone bringen liess, mit der er
ihn krönte. Mit dieser Krönung Menelek’s, mit der Unterwerfung Schoas
war Abessinien, abgesehen vom Küstenbesitz, auf welchen es mit Recht
Anspruch machen kann, ein einziges Reich geworden. Für den Nachfolger
Theodor’s hatte sich dessen Traum erfüllt.
Ein wichtiges Ereigniss, denn die verschiedenen europäischen
Gesandtschaften, welche der Negus Negesti inzwischen empfing, können
nur als Höflichkeitsbesuche gelten, war im Winter 1879/80 die
Gesandtschaft Gordon Pascha’s an den Hof des Kaisers von Abessinien.
Der ehemalige englische Oberst, welcher in China so Vorzügliches
leistete, stand seit Jahren in ägyptischen Diensten und hat sich als
Generalgouverneur der sudanischen Provinzen unvergängliche Verdienste
um die Abschaffung der Sklaverei und des Sklavenhandels erworben.
Auch seine Bemühungen zur Heranbildung gerechter und unbestechlicher
Beamten, welche die ihm anvertrauten Provinzen und Unterthanen
mit Güte und Gerechtigkeit regieren, können gar nicht hoch genug
angeschlagen werden. Aber wir zweifeln, ob er für eine solche Reise zu
einem solchen Herrscher sich eignete. Seine Mission schlug denn auch
gänzlich fehl, sodass das Verhältniss zwischen dem Negus Negesti und
dem Chedive womöglich sich noch verschlimmerte. Ohne Zweifel beleidigte
Gordon den Negus durch zu barsches Auftreten, und dann wieder und
jetzt aufs höchste dadurch, dass er den an den Chedive geschriebenen
Brief erbrach.[45] Dazu war Gordon Pascha unzweifelhaft vom Chedive
ermächtigt.
Erwähnen will ich noch, dass ein gewisser Uadenkal, welcher in Bogos
lebte und, obschon Abessinier, sich Aegypten anschloss, angewiesen
wurde, sich ruhig zu verhalten, was er jedoch so wenig that, dass er
sogar den Sohn Theodor’s, den damals noch lebenden Prinzen Alamayo,
als Gegenkaiser aufstellen wollte. Erst als er die Unterwerfung
Menelek’s erfuhr, kehrte er nach Abessinien zurück und der Kaiser
verzieh ihm auch.
Gordon stand seit 1877 in Unterhandlungen mit dem Kaiser. Im Jahre
1879 schickte er den Herrn Winstanley an den Negus mit Geschenken und
Friedensvorschlägen, und obschon der Negus auf Gordon’s Vorschläge
sich nicht einliess, welche im Namen des Chedive, aber gegen Gordon’s
eigenen Wunsch, auf den Verbleib von Bogos bei Aegypten lauteten,
schrieb er doch folgenden recht freundlich gehaltenen Brief[46] an ihn:
„Von Seiner Majestät Johannes, König der Könige von Aethiopien, an
Gordon Pascha.
„Mein lieber Freund, Gott sei Dank, ich und mein Volk befinden uns
wohl. Die Sachen, welche Sie mir geschenkt haben, habe ich erhalten
aus den Händen Winstandling’s: Sammt, einen Silbersattel, zwei goldene
Anzüge (d.h. Brokatstoffe), fünf Ellen roth Bannasi, zwei rothe Anzüge,
einen Silberteller mit zwölf Silbertassen und einer goldenen, eine
schöne Flinte und einen schönen Teppich.
„Mein Freund, ich bin sehr dankbar für die Güte, welche Sie mir
erwiesen haben; ich habe alles gesagt, was nöthig ist. Meine Wünsche
wird er (der Ueberbringer des Briefes) Ihnen mittheilen. Ich hoffe, Sie
bald zu sehen.“
Gordon, mit der Administration seiner ausgedehnten Provinzen
beschäftigt, wurde sodann im August 1879, nachdem Tewfik die Regierung
angetreten hatte, nach Kairo berufen und erhielt den Auftrag, sich
sofort nach Abessinien zu begeben, um mit dem Negus Negesti Frieden zu
schliessen. In Massaua am 5. September 1879 angekommen, brach er von
dort am 11. September auf, war beim Gouverneur von Hamasen, Ras Alula,
am 17. desselben Monats, und erreichte nach fast sechswöchentlicher
ununterbrochener Reise Debra Tabor, woselbst er sogleich zum Negus
geführt wurde. Der griechische Consul Mitzaki von Sues befand sich
ebenfalls dort. Gordon überbrachte ein chedivialisches Schreiben mit
der Anfrage, unter welchen Bedingungen der abessinische Herrscher
gewillt sei, Frieden zu schliessen. Sodann sollte er die Herausgabe der
Gefangenen[47] beantragen.
Gleich die erste Zusammenkunft trug einen unfreundlichen Charakter.
Da stand auf der einen Seite der Mann, welcher, von Glücksumständen
getragen oder, wie er selbst glaubte, durch göttliche Vorsehung
erkoren, sich zum Alleinherrscher eines bis dahin stets zersplitterten
Reiches aufschwang, eines Reiches, welches seiner Meinung nach zu den
mächtigsten der Erde zählte; der ausserdem von den geographischen
Zuständen und namentlich von den Machtverhältnissen der übrigen
Länder die kindlichsten Begriffe besass, etwa wie weiland sein
berühmter Vorfahr David oder Salomon; der, im Vollgefühl, die Aegypter
zweimal aufs Haupt geschlagen zu haben, glaubte, als Sieger sein vae
victis! unbedingt durchführen zu können. Und auf der andern Seite
Gordon, der, im Bewusstsein seiner grossen Verdienste um Humanität
im allgemeinen, sich beim Friedensschluss nach dem Krimkrieg als
vorzüglicher Politiker erwies; der an der Spitze der chinesischen Armee
die Aufständischen bezwang und dadurch ein wahres Feldherrntalent an
den Tag legte; der endlich in Aegypten durch seine administrativen
Maassnahmen sowie durch die Mittel, welche er zur Unterdrückung des
verabscheuungswürdigen Sklavenhandels in Anwendung brachte, einen neuen
Lorberkranz seinem alten Ruhme hinzufügte; der, obwol in ägyptischen
Diensten, seine englische Zugehörigkeit nicht aufgab, ja nicht einmal
aus dem Verband der britischen Armee schied; der jederzeit das
Bewusstsein: „civis romanus sum“, in der Brust trug; der jetzt über ein
Gebiet regierte, fünfmal grösser als das des abessinischen Kaisers und
fast mit derselben persönlichen, sonst aber mit grösserer Machtfülle
als dieser!
Der Negus Negesti musste schon deshalb für Gordon kein wohlwollendes
Gefühl in seiner Brust hegen, weil dieser in die Dienste eines
mohammedanischen Herrschers getreten war. Die Mohammedaner oder Türken
oder Aegypter, alle diese drei Namen decken sich für die Abessinier
und sind ihnen das Verabscheuungswürdigste, was auf der Erde existirt.
Allerdings ist es ja oft genug vorgekommen und kommt noch immer vor,
dass abessinische Häuptlinge sich mit den Mohammedanern verbündeten,
dass christliche Abessinier zum Islam übertraten; aber der echte
Abessinier sieht sein Heil nur im Christenthum, Abessinier und Christ
ist ihm so gleichbedeutend wie Türke und Mohammedaner.
Bei der Audienz erfuhr Gordon nun zum ersten mal, was der Negus,
um Frieden zu gewähren, verlangte, nämlich: Bogos, Metemmeh,
Schangalla, die Häfen von Sula und Amphila, einen Abuna und eine
Kriegsentschädigung. Zum Theil waren diese Forderungen den Aegyptern
bekannt. Aber merkwürdigerweise hatte Gordon die Instruction
von der chedivialischen Regierung, keine einzige zu bewilligen.
Doch eine, nämlich Abessinien dürfe sich einen Abuna „kaufen“ vom
koptischen Patriarchen. Auch wolle sich die chedivialische Regierung
zu Verhandlungen wegen freien Durchgangs von Waaren über Massaua
herbeilassen. Von vornherein konnte man unter diesen Umständen durchaus
kein Resultat erwarten.
Die letzte Audienz, am 8. November, spiegelt den Gang der ganzen
Unterhandlungen wider, weshalb wir darüber nach Gordon’s eigener
Mittheilung im „Anti-Slavery Reporter“[48] die wörtliche Wiedergabe als
historisch und culturhistorisch interessant mittheilen:
Am 8. November hatte Gordon seine letzte Zusammenkunft mit
Johannes, welcher sehr schlecht gelaunt war und keine Lust sich
auseinanderzusetzen zeigte. Der griechische Consul (Herr Mitzaki) von
Sues war auch anwesend.
Der König sagte: „Haben Sie noch irgendetwas zu sagen?“
Gordon erwiderte: „Nein.“
Dann sagte der König: „Gehen Sie zu Ihrem Herrn zurück, ich werde Ihnen
den Brief senden.“
Gordon fragte: „Wollen Sie mir nicht die gefangen gehaltenen
ägyptischen Soldaten zurückgeben?“
Johannes wurde sehr böse und rief aus: „Weshalb fragen Sie danach? Sie
haben viele von meinen Soldaten als Gefangene zurückbehalten.“
Gordon antwortete: „Nein, jeder ist freigegeben worden; fragen Sie den
Consul.“
Der Consul schwieg[49], und der König hob die Zusammenkunft mit den
Worten auf: „Ich habe schon einen Brief dieserhalb geschrieben, und
ich werde noch einen andern schreiben. Geh.“
Eine Stunde später erhielt Gordon den Brief und brach auf, um über
Galabat nach Chartum zu gehen. Aber in der Voraussetzung, dass der
Brief seinem Inhalt nach nicht in Ordnung sei, öffnete er ihn und fand
Folgendes[50]:
„Wie geht’s Dir in dieser Woche?[51] Gott sei gedankt, ich und meine
Soldaten wir befinden uns wohl. Der von Dir mir geschickte Brief ist
mir zugekommen. Wegen eines Friedensschlusses hast Du mir jenen Mann
geschickt. Nachdem Du mich beraubt hattest, kämpftest Du gegen mich
ohne Wissen der Könige, aber die Könige werden davon in Kenntniss
gesetzt werden. Und jetzt möchtest Du heimlicherweise, wie man es
zwischen Räubern thut, Frieden schliessen. Wie kannst Du den Frieden
schliessen, wenn Du die Kaufleute und die Landbevölkerung im Verkehr
hinderst? Die Könige werden über mein Verhalten und Deines in Kenntniss
gesetzt werden. Geschrieben in Senna am 29. October[52] 1879.“
Wie Gordon mit Recht hervorhob, bildete dieser Brief einen seltsamen
Contrast mit dem so höflich gehaltenen des Chedive. Aber andererseits
darf man nicht vergessen, dass, wenn auch der Chedive äusserst höflich
schrieb, Gordon doch keine einzige Concession mitbrachte, um auch nur
einigermassen den von Aegypten Abessinien verursachten Schaden zu
vergüten. Aegypten +hatte+ doch die Provinzen Bogos und Mensa
geraubt, und die früher von Abessinien halb abhängigen Galabat, Gedaref
und Harar, welche alljährlich bis zur Thronbesteigung Theodor’s Tribut
entrichteten, ganz einverleibt. Ausserdem erfahren wir aus diesem
Schreiben, dass der Negus Negesti gar keine eigentliche Vorstellung von
der Macht des Chedive, von der Grösse Aegyptens besitzt. Wahrscheinlich
lebt man in Abessinien immer noch im Glauben, Aegypten sei, wie
vor Mehemed Ali’s Regierungsantritt, ein von der Türkei durchaus
abhängiges Paschalik. Ferner erhellt aus dem Briefe des Negus, dass
er von europäischen Verhältnissen die eigenthümlichsten Vorstellungen
haben muss. Denkt er sich „die Könige“ als eine Vereinigung, als einen
Areopag? Alles das ist so unklar.
Aber Gordon hat vollkommen recht, wenn er ausruft und einestheils
seinen Miserfolg diesem Umstand zuschreibt:
„Ich war überzeugt, dass der König aufgehetzt worden war von Personen
an seinem Hof, welche ihn überredeten, nur zu fordern, es würde schon
bewilligt werden.“
Nichts wollte er indess unversucht lassen, und so schrieb er denn
an Herrn Mitzaki, den griechischen Consul, um zu fragen und zu
erforschen, warum der König diesen Brief geschrieben, anstatt, +wie
er versprochen+, einen mit den von ihm erhobenen Ansprüchen zu
formuliren. In einer Audienz zuvor hatte nämlich der Negus Gordon
versprochen, die oben mitgetheilten mündlichen Forderungen dem Chedive
brieflich mitzutheilen. Es wurde Gordon geantwortet[53]: „Man hätte
den König wegen des Briefes gesprochen und derselbe habe geantwortet,
er habe dem Chedive so geschrieben, wie er es für passend hielte, und
dass er andere Briefe schreiben würde, wenn es in den Interessen seines
Staates läge.“ Dies war eine offenbar von einem Europäer inspirirte
Antwort. „Staatsinteressen“, das sagt kein Negus. Ein Negus Negesti
kennt nur _l’État c’est moi_. Aber sei dem wie ihm wolle, Gordon hatte
nichts erreicht und musste auf dem Rückwege noch die unangenehme
Erfahrung machen, dass fast auf der Grenze von Galabat sich ihm Truppen
des Ras Areya (Oheim des Negus) entgegenstellten mit der Weisung,
die Abreise Gordon’s nach dieser Seite hin zu verhindern und ihn auf
Massaua zu dirigiren. Auch auf dieser Rückreise begegneten Gordon noch
manche Widerwärtigkeiten. Am 7. December 1879 erreichte er Massaua
wieder und zerstörte somit durch seine Ankunft alle namentlich über
seine Gefangenschaft entstandenen Gerüchte.
Während der Negus Anfang 1879 schon Briefe an die christlichen
Grossmächte wahrscheinlich durch Private hatte befördern und in
Massaua auf die Post geben lassen, schickte er mit dem nach Sues
zurückkehrenden Herrn Mitzaki neue Schreiben an die europäischen
Mächte, Klageschriften, worin er die Könige aufforderte, ihm
beizustehen im Kampfe gegen die Ungläubigen und Aegypten zu befehlen,
an Abessinien die eroberten Länder und namentlich die Küste wieder
abzutreten, die es vorher besessen habe. Aus diesem Schreiben geht
deutlich hervor, dass der Negus sich sämmtliche christliche Mächte
als in ihren Interessen solidarisch verbunden dachte. Wie er das
vereinbarte mit dem Gedanken an den Krimkrieg, wo Frankreich, England
und Sardinien auf seiten der Mohammedaner die orthodoxen Russen
bekämpften, ist schwer zu sagen. Wahrscheinlich dachte er: wenn ein
abessinischer Fürst, Uld Michael, sich mit Mohammedanern verbündete,
dann konnte es zur Bekriegung Russlands auch Napoleon.
Wie wir in der Folge sehen werden, sind die Versuche des Negus Negesti,
die europäischen Regierungen für die abessinischen Angelegenheiten zu
interessiren, bislang erfolglos geblieben. Anders wäre es vielleicht
gewesen, wenn der Kaiser es verstanden hätte, sich mit Gordon besser
auseinanderzusetzen.
Gordon, mit seinem persönlichen Einfluss und in seiner Eigenschaft
als Engländer, also der Nation angehörend, welche Indiens halber sich
aufs lebhafteste für alles interessirt, was am Sueskanal und an der
natürlichen Verlängerung desselben, am Rothen Meere, vorgeht, hätte
es vielleicht vermocht, England für Abessinien zu interessiren, denn
in seiner uneigennützigen, edeln Weise war er trotzdem ein Freund
Abessiniens, ja, ein Freund des Negus Negesti geblieben, so schwer
ihn derselbe auch beleidigt hatte. Freilich wusste Gordon, dass diese
Beleidigung nur aus der Unkenntniss des Negus mit den auswärtigen
Zuständen entsprang und ausserdem fremden Einflüsterungen ihre
Entstehung verdankte. Aber wie mancher andere würde jetzt erst recht
feindlich gegen den Negus aufgetreten sein. Gordon im Gegentheil
verliess gleich nach seiner Rückkehr nach Kairo den ägyptischen
Dienst für immer. Er wollte von nun an die Möglichkeit des activen
Vorgehens gegen Abessinien vermeiden. Wenn er bis dahin in strengem
Pflichtgefühl treu zu seinem Souverän stand und unter den schwierigsten
Umständen und ohne Aussicht auf Erfolg eine Mission unternahm, welche
viel Beschwerde und Mühe, aber keinerlei Lohn und Ruhm einbrachte,
so wollte er jetzt nichts mehr mit einer Regierung zu thun haben,
welche ihn möglicherweise in die Nothwendigkeit hätte versetzen
können, feindselig gegen ein christliches Volk vorzugehen. Gordon ist
eine durchaus christlich angehauchte Natur, ein eigenartig religiös
angelegter Mensch. Daher musste auch das Christenthum der Abessinier
auf ihn, den momentan in mohammedanischem Dienste stehenden Christen,
einen bedeutenden Einfluss ausüben. Und wenn er auch aus Pflichtgefühl
seinem Herrn nicht untreu ward, so scheint es doch unzweifelhaft,
„dass die vom Negus gemachten Versuche, Oberst Gordon von seinen
ägyptischen Verpflichtungen gegen den Chedive abzuziehen, und dass
die Vorstellungen, ein Christ und ein Engländer müsste doch eher
freundschaftliche Gefühle für einen christlichen Monarchen haben, als
für den Chedive, der doch Ungläubiger sei“, nicht ganz ohne Einfluss
auf ihn blieben.
Wir erfahren das aus einem Briefe, den Oberst Gordon am 1. Januar 1881
an die „Times“ sandte. Derselbe lautet in freier Uebersetzung:
„Mein Herr, ein Telegramm meldet, dass der König von Abessinien
Gesandte nach Kairo geschickt habe, um wegen des Friedens zu
unterhandeln.[54]
„Abyssinia bildet seit Jahrhunderten eine christliche Nation. Die
Abessinier besitzen die Heilige Schrift, worin sie wohlbewandert sind.
Sie sind frei von den Lastern der Orientalen und ein schöner männlicher
Volksstamm. Sie haben das Recht auf die Sympathie der christlichen
Nationen; denn wie trübe auch das Licht ihrer Kirche brennt, es lebt
doch noch, und es hat sich erhalten trotz der zahllosen Invasionen,
welche ihre mohammedanischen Nachbarn unternahmen, und obschon keine
andere christliche Kirche Hülfe brachte.
„Lord Napier kann davon erzählen, zu wie grossem Dank er und seine
Armee Prinz Kassai (jetzt König Johann) verpflichtet waren für die
Hülfe, welche dieser Prinz ihm leistete im Kriege gegen Theodor.
Und so sollte man hoffen, dass bei etwaigen Unterhandlungen zwischen
Abessinien und Aegypten -- und hierbei muss unsere Regierung
notwendigerweise um Rath gefragt werden -- keine parteiische Hinneigung
zu letzterer Macht stattfände.
„Der Gegenstand des Streites ist das Gebiet von Bogos, das durch
Munzinger 1869 oder 1870 den Abessiniern abgenommen wurde. Die
ägyptische Regierung erklärt, dass eine Rückgabe dieses Gebietes eine
Verletzung des Firmans des Sultans in sich schliesse, welchem zufolge
kein Theil des ägyptischen Gebietes abgetreten werden dürfe. Aber
das passt hier nicht, denn Bogos war nie ägyptisches Gebiet. Und da
Aegypten niemals der Pforte die Einverleibung von Bogos anzeigte, kann
diese auch nichts davon wissen.
„Bogos ist ein kleines Land und liegt als Vorsprung auf dem
abessinischen Hochlande. Wenn eingesammelt, betragen die Einkünfte
jährlich 700 Pfd. St.; in den letzten vier Jahren wurden keine Abgaben
eingesammelt. Die fortgesetzte Einverleibung von Bogos kostet den
Aegyptern 12000 Pfd. St. jährlich; man sollte es daher zurückgeben
im Interesse der Gerechtigkeit und des Staates. Oder die ägyptische
Regierung müsste sich mit dem König für die Besitzergreifung abfinden
durch einen zu zahlenden Tribut oder durch Kauf. In Wirklichkeit ist
das Land werthlos für Aegypten; es hat nur den Nutzen, dass die von
Massaua nach Aegypten führenden Telegraphenlinien dasselbe schneiden.
Diese könnten aber ebenso gut längs des Ufers von Massaua nach Suakin
geführt werden. Der sudanische Handel geht nicht durch Bogos, sondern
nach Suakin.
„Die nächste Frage betrifft den Handel eines grossen Landes, es ist das
die abessinische Hafenfrage. Der Einwand ward erhoben, man könne den
Abessiniern keinen Hafen geben, weil sie ein zu wildes Volk seien. Ist
es aber nur möglich, sie weniger wild zu machen, wenn man sie nicht
aus ihrer Isolirung befreit? Betrachtet man das Zollamt in Massaua,
so sieht man, dass die meisten dort aus- und eingeführten Waaren von
Abessinien sind und nach Abessinien gehen. Aegyptischer Handel existirt
dort fast gar nicht. Der Hafen von Annesley Bai, den der König mit
einem kleinen dazugehörigen Gebiet zu haben wünscht, bringt jährlich
100 Pfd. St. an Abgaben ein. Es ist noch eine Frage, ob es zu Aegypten
gehört. Einst besassen wir es, und Frankreich machte in vergangenen
Zeiten Anspruch darauf. Es würde nicht mehr als billig sein, dem König
einen freien Zugang zur See zu gewähren, wie man einen solchen auch für
Montenegro geschaffen hat.
„Die nächste Frage ist die Forderung des Negus, einen Erzbischof oder
Abuna zu besitzen. Seit Jahrhunderten erhält die abessinische Kirche
diesen Abuna aus der koptischen Kirche. Dies ist von Wichtigkeit, da
blos der Abuna die Priester ordiniren kann. Der König hat deshalb wegen
der Feindseligkeit der beiden Regierungen seit Jahren ohne Abuna sich
behelfen müssen[55], und während der ganzen Zeit konnten keine Priester
ordinirt werden.
„Die Aegypter haben deshalb eine so grosse Abneigung gegen die
Abtretung eines Hafens, weil sie der Sage glauben, dass vor der
Auferstehung oder dem Jüngsten Tag die Kaaba von den Abessiniern würde
zerstört werden; aber da diese Zerstörung ein Zeichen vom Herannahen
des Jüngsten Tages sein soll, so kann das ja schliesslich für Aegypten
ganz einerlei sein.
„Mohammed prophezeite auch seinen Anhängern Strafe, wenn sie sich je
unterfangen sollten, die Abessinier anzugreifen; dankbar wollte er sich
dadurch erweisen für den Schutz, den sie seiner Familie angedeihen
liessen während der Verfolgung seitens der Koreischiten.“ --