selbst auf andern Wegen und ohne Gepäck mit einer Abtheilung seiner
Armee das Ufer von Mai-Tsade bestieg, schickte er einen seiner besten
Generale, den Ras Alula, auf die Anhöhen von Gundet. In Adirbate stand
die Reserve, welche einen etwaigen Durchbruch nach Süden verhindern
sollte. Die Strasse nach Godofelassie hatte man offen gelassen. Auf
diese zu, sobald die Hauptarmee der Aegypter im Thale von Gudda-Guddi
angekommen war, bewegten sich concentrisch der Negus und Ras Alula.
Am 17. November waren die Aegypter schon verloren. Sie befanden sich
wie in einer Mausefalle. Jede Disciplin hatte aufgehört. Einzelne
Abtheilungen versuchten zwar, bis zum Mareb vorzudringen, wurden aber
aus den Wäldern von unsichtbaren Feinden erschossen. Auf die Anhöhe
zurückzukehren war vollkommen unmöglich. Ich habe selbst diesen Weg
genommen und kann aus eigener Erfahrung bestätigen, dass der Aufstieg
ein wahnsinniges Unternehmen gewesen wäre.
[Illustration]
[Illustration: SCHLACHT BEI GUDDA-GUDDI.
Das Original, 4 Meter lang, 80 Centimeter hoch, Geschenk des Negus
Negesti und in Abessinien gemalt, befindet sich im Besitz des
Verfassers.
Der untere Theil schliesst sich an den obern rechts an. Die Abessinier
sind stets _en face_, die Aegypter _en profil_ dargestellt.]
Gudda-Guddi ist ein schmales Thal; es heisst auch Gundet, nach den auf
der linken Bergseite des Thals gelegenen Dörfern. Gudda-Guddi
speciell sind einige Wasserlöcher oder Quellen, in deren Besitz sich
die Aegypter gesetzt hatten. Unter fortwährendem Schiessen seitens der
Abessinier, welche von den Anhöhen herab auf die Aegypter feuerten,
ohne dass diese das Feuer zu erwidern vermochten, zogen sich die
letzten Truppen unter Oberst Arendrup zwischen dicht bei den Quellen
liegende Granitblöcke zurück und suchten sich hier zu befestigen. Die
Blöcke sind haushoch, liegen dicht zerstreut beieinander und hätten
mit ihren senkrechten Wänden, wenn man Zeit gehabt hätte, die Lücken
zwischen den Blöcken zu schliessen, eine gute Redoute abgegeben. Aber
diese Zeit mangelte. Sobald der Kaiser von oben her wahrnahm, dass
dieses Häuflein -- von Arendrup hatte noch ca. 4-500 Mann -- sich
den mörderischen Kugeln zu entziehen versuchte, stürzte er nach. Was
vermochten die paar hundert gegen Tausende fanatisirter beutelustiger
Krieger! Wirkte jetzt auch manche ägyptische Kugel verderbenbringend,
denn bei dieser letzten Action fielen einige hundert Abessinier, am
Ende musste man der Uebermacht weichen. Am 18. November lebte kein
kampffähiger Aegypter mehr. Das Abschlachten des Arendrup’schen
Häufleins begann um 9 Uhr morgens, um 3 Uhr nachmittags war alles
vorbei. Von den Höhen hatte ein Bataillon Aegypter, welches bei Mai
Scheka aufgestellt gewesen war, der Tödtung seiner Kameraden, ohne
helfen zu können, zusehen müssen. Als sie sich anschicken wollten,
herabzusteigen, rückten die abessinischen Truppen heran, und in wilder
Flucht mussten sie sich zurückziehen. Viele von ihnen wurden noch, ehe
sie die sichern Mauern von Senhit erreichten, unterwegs ermordet, denn
nicht nur die Soldaten verfolgten sie, sondern auch die abessinische
Landbevölkerung schlug jeden Aegypter todt, wo sie ihn fand.
Am 18. November 1875 hatte das Schlachten aufgehört. Alle Aegypter,
mit Ausnahme des Bataillons, welches nicht in den Abgrund von
Gudda-Guddi hinabstieg, waren getödtet. Man liess allerdings viele
lebendig auf dem Schlachtfeld liegen, aber als -- Entmannte! Einige
derselben pflegte man sorgfältig, aber nur damit sie im Stande
wären, die Kunde dieser grauenvollen Niederlage nach Massaua und
Senhit zu bringen. Alle übrigen waren niedergemetzelt worden. Einen
österreichischen Grafen Zichy, welcher auch in der ägyptischen Armee
diente, fand man als Schwerverwundeten zwei Tage nach der Schlacht und
verpflegte ihn auf Verwendung des französischen Viceconsuls in Massaua,
Mr. de Sarzec. Auch er starb, und nur auf wiederholtes Bitten des
Consuls gestattete der Negus ein christliches Begräbniss in Aderbati.
Die Niederlage war so gross und empfindlich für die Aegypter gewesen,
dass die Localbehörden darüber gar nicht nach Kairo zu berichten
wagten. Man sagte einfach, man habe die Schlacht verloren, aber man
verschwieg die grauenhaften Umstände, unter denen das Abmorden vor sich
ging.
Die ägyptische Regierung hatte Munzinger, der, wie wir früher gesehen,
von Massaua entfernt worden war, nach Berbera geschickt, um die Küste
von Seila bis Cap Gardafui in Beschlag zu nehmen. Diese bis dahin
unabhängig gewesene Küste wurde nun mit einem mal unter Munzinger und
auf dessen Anregung ägyptisch. Aber nicht nur an der Küste, sondern
auch im Innern wusste der Chedive seine Macht zu begründen, indem er
1875 die bedeutende Oase Harar seinem Reiche einverleibte. Munzinger
rastete keinen Augenblick. Er hatte mit Negus Menelek von Schoa ein
Bündniss abgeschlossen, und es war ausgemacht worden, dass, während
Arakel Bei vom Norden her den Negus Negesti angriffe, Munzinger vom
Süden her mit dem Negus Menelek einen Einfall in Abessinien unternehmen
sollte. Dass dieser kein Freund von Johannes war, dass er selbst nach
der Würde der äthiopischen Kaiserkrone strebte, haben wir eingangs
dieses Kapitels erfahren. Allerdings hätte dieses Unternehmen von
zwei Seiten her für den jetzigen Kaiser von Abessinien bedenklich
werden können. Aber Munzinger ging zu sorglos vor, er war kein Soldat,
er unterschätzte offenbar die Eingeborenen, indem er sich auf seine
gelegentlich des englischen Feldzugs gemachten Erfahrungen verliess.
Von Tadjura im Herbst 1875 aufbrechend, an der Spitze einiger
hundert Soldaten, hätte er wol mit dieser vorzüglich ausgerüsteten
Truppe Schoa erreichen können, wenn dies stets unter militärischen
Vorsichtsmaassregeln geschehen wäre; aber als er nachts bei Aussa
lagerte und sämmtliche Wachen vor Ermüdung und Hunger dienstuntüchtig
waren, überfielen ihn Galla. „Der Kampf dauerte bis 8 Uhr morgens;
175 ägyptische Leichen und 500 todte Galla bedeckten die Walstatt.
Munzinger, welcher sich mit seiner Frau mitten im Lager, in seinem
Zelt befand, wurde nicht ermordet, sondern er fiel kämpfend, sich
vertheidigend, nachdem er selbst mit einem Gewehrschuss und zwei
Revolverschüssen drei der anstürmenden Galla niedergestreckt hatte. Er
erhielt einen Säbelhieb auf den Kopf, ein zweiter zerschmetterte ihm
den linken Schulterknochen; ferner erhielt er noch fünf Lanzenstiche,
aber er starb erst um 12 Uhr mittags. Es war eine vollständige
Verwirrung und ein furchtbares Gemetzel. In wilder Flucht retteten
sich die wenigen überlebenden Aegypter nach der Küste zurück, und auf
der Flucht starben von ihnen noch ungefähr funfzig.“[37] So endete
auch dieses Unternehmen für Aegypten sehr unglücklich, aber keineswegs
konnte das den Chedive von weitern Unternehmungen gegen Abessinien
abschrecken. Vielleicht jedoch hatte man ihm dieses Unglück in seiner
ganzen Grösse nicht gemeldet, sondern einfach gesagt, Munzinger sei
ermordet. Die Wissenschaft erlitt aber durch den Tod Munzinger’s einen
schweren Verlust, denn neben seinen ehrgeizigen Unternehmungen fand er
noch stets Zeit zu ethnographischen und linguistischen Studien.
Die nun geplante Expedition, zu welcher allerdings auch jetzt nicht
der mindeste Grund vorlag, wurde mit grosser Sorgfalt ausgerüstet. Zum
Oberstcommandirenden ernannte der Chedive seinen Sohn Hassan.
Prinz Hassan, dritter Sohn des Chedive, war 1873 nach Berlin geschickt
worden, um sich militärisch auszubilden. Den Dragonern zugetheilt,
that er Lieutenantsdienst bei dieser Waffe und wurde, als er nach etwa
zweijährigem Dienste Abschied nahm, mit dem titulären Majorscharakter
vom Kaiser entlassen. Nun soll gewiss nicht bestritten werden, dass
ein deutscher Major ebenso viel vom Kriegshandwerk versteht wie ein
türkischer oder ägyptischer General; aber bei der Jugend des Prinzen
war es doch ein wenig gewagt, ihn gleich an die Spitze einer Armee zu
stellen. In Deutschland würde man dies nicht gethan haben. Mit seiner
Truppe holte sich dann Prinz Hassan im russisch-türkischen Feldzug auch
keinen Lorber. Aber Vorwürfe kann man ihm auch nicht machen. Und nun
sollte er gar nach Abessinien!
Diesmal wurden 25 Bataillone nach Massaua geschickt, eine ungeheuere
Menge Kriegsmaterial mit verladen und nach sorgfältig angestellten
Terrainstudien eine ganz andere Route gewählt, welche zwar anfangs
grössere Schwierigkeiten bot, aber directer auf Massaua zurückführte
und eine kürzere und mehr sichere Linie auf der Basis bildete. Man
ging von Massaua direct in den Bergfalten nach Gura, wo man alsbald
ein regelrecht befestigtes Werk errichtete, welches 15000 Soldaten
aufzunehmen vermochte.
Im Februar brach die Armee von Massaua auf, und der Aufmarsch wurde
ohne Verlust bewerkstelligt. Die ägyptische Regierung hatte von
Kairo ganz neue Truppen geschickt und ohne Aufenthalt über Massaua
weiter befördert, damit sie durch Erzählungen einiger von Gudda-Guddi
entronnenen Entmannten nicht entmuthigt würden. Dennoch ging man
nicht siegestrunken in den Kampf. Gerüchte von der Grausamkeit der
Abessinier, namentlich die Gewissheit, dass die Abessinier keine
Gefangenen machten, sondern jeden, der in ihre Hände gerieth,
abzuschlachten pflegten, erweckten ein gewisses unheimliches Gefühl.
Und wofür sollten denn auch die Aegypter sich begeistern? Was konnte
dem ägyptischen Soldaten im besten Falle geboten werden? Ruhm? Kaum!
Denn wer erfuhr von ihrem etwaigen Siege über die Abessinier? Schätze?
Die Abessinier hatten und haben ja nichts. Das ganze Eigenthum des
abessinischen Soldaten besteht nur in seiner Waffe von zweifelhafter
Güte, in seiner schlechten, schmuzstrotzenden Schama.[38] Länderbesitz?
Was ging es den Soldaten an, dass der Chedive noch so und so viele
Quadratkilometer seinen weiten Besitzungen hinzufügen wollte?
Fanatismus? Die ägyptischen Soldaten haben von Natur aus keinen
Religionshass, und namentlich die schwarzen Kinder Sudans versuchten
während der grässlichen Niederlagen bei Gudda-Guddi und Gura oft genug,
das Herz ihrer Feinde zu rühren, indem sie sich bereit erklärten, auf
der Stelle zum Christenthum überzutreten, falls man sie nicht entmanne,
falls man ihnen nur das Leben lasse.
Mit aller Anstrengung arbeiteten die Aegypter, ihr Werk sturmfest und
für die Abessinier uneinnehmbar zu machen, was ihnen in kurzer Zeit
gelang.
Aber auch der Kaiser von Abessinien war nicht unthätig gewesen.
Boten, welche das Land durchzogen, die Priester in den Kirchen riefen
und predigten zum Kampf für das Vaterland gegen die ungläubigen
Mohammedaner. Durch Herolde liess der Kaiser verkünden, es gelte, die
Frauen und Töchter zu schützen, welche die Aegypter in ihre Harems
schleppen wollten; Männer und Jünglinge sollten zum Schwert greifen,
um die Bibel gegen den Koran zu vertheidigen. Und alle folgten dem
Rufe. Auch der mächtige Ras Adal kam mit seiner ganzen Armee. Ganz
Abessinien erhob sich, die Gefahr hatte alle geeinigt. Selbst Menelek
von Schoa, der doch eben erst ein Bündniss mit Aegypten abgeschlossen,
wagte nicht, sich der allgemeinen Strömung entgegenzusetzen, und
wenn er auch nicht selbst kam, so schickte er doch Truppen, Geld und
Vorräthe. Der Chedive hätte dem Kaiser Johann keinen grössern Gefallen
thun können als mit diesem zweiten, ohne Ursache, ohne jeglichen Grund
unternommenen Einfall. Zum ersten mal, seit Hunderten von Jahren, stand
das Aethiopische Reich geeint da, einem einzigen Führer, dem Negus
Negesti gehorchend.
Der Negus verfügte über ca. 200000 Bewaffnete: in der That eine Achtung
gebietende Macht, wenn man bedenkt, dass Abessinien kaum 1,500000
Einwohner haben dürfte; dass das Land keine Wege und Stege besitzt;
dass die Verbindungen sehr schwierig, oft durch reissend und tief
gewordene Ströme ganz unmöglich geworden sind. Und in kurzer Zeit
geschah die Zusammenbringung so vieler Krieger! An Geschützen besass
Johannes etwa ein Dutzend, mit Gewehren Bewaffnete etwa 10000, alle
übrigen hatten nur Lanzen[39], Schwerter und Schilde. An Pferden
(Cavalerie) standen dem Kaiser höchstens einige hundert zu Gebote. So
vorzüglich die abessinischen Pferde und namentlich so billig sie sind,
so gibt es doch keine eigentliche Cavalerie. Dem gegenüber standen
20000 mit Remington bewaffnete, aufs vorzüglichste ausgerüstete und
eingeübte[40] ägyptische Soldaten. 24 Geschütze vertheidigten das
Fort von Gura, es war natürlich Feldartillerie. Cavalerie hatten die
Aegypter nicht mit heraufgebracht. In dieser Beziehung also standen
beide Armeen sich gleich.
Aber die Abessinier waren elektrisirt durch den Gedanken an die
Vertheidigung ihres Vaterlandes, ihrer Frauen, ihrer Kinder, und
fanatisirt durch die Aussicht, gegen die Ungläubigen kämpfen, für die
christliche Religion sterben zu können.
Die Truppen lagen sich eine Zeit lang unthätig gegenüber, nur hin und
wieder fanden kleine Scharmützel statt, welche bald mit dem Siege der
einen, bald mit dem der andern Partei endeten. Und die Sache hätte für
die Abessinier sehr schlimm werden können, wenn die Aegypter ruhig und
defensiv in ihrem Fort geblieben wären. Die Einnahme desselben durch
Sturm war einfach unmöglich.
Da geschah das Unglaubliche, dass Prinz Hassan am 7. März die Truppen
ausrücken und angreifen liess. Der blutigste Kampf entspann sich, ein
Kampf, wie er wol nie in Abessinien ausgefochten ward. Solche Feinde
hatten sich nie gegenübergestanden. Selbst die Schlachten zur Zeit der
Portugiesen und des Sultans Mohammed Granje waren nichts dagegen. Die
Aegypter, abgedrängt von der Festung, von der kolossalen Uebermacht
fast erdrückt, kämpften wie Verzweifelte. Die Aussicht, entmannt und
getödtet zu werden, machte sie tapfer. Sie wussten, es galt siegen
oder sterben. Aber immer mehr schmolzen die Aegypter zum Häuflein
zusammen. Zwanzig Bataillone waren bis abends niedergemetzelt, und
wenn die Abessinier auch den doppelten Verlust erlitten: sie konnten
stets die empfindlichen Lücken, welche das Schnellfeuer der Aegypter
in ihren Reihen anrichtete, wieder ausfüllen. Der Prinz Hassan war
überall. Tapfer focht er wie ein gemeiner Soldat, zwei Pferde wurden
ihm nacheinander unter dem Leibe erschossen. Ebenso aber wusste der
Kaiser von Abessinien durch sein persönliches Eingreifen seine Leute
zu entflammen. Zuletzt nur noch ein Morden und Schlachten, denn
nachmittags war man handgemein geworden. Die Abessinier sowol wie die
vom Fort abgedrängten Aegypter hatten sich verschossen. Beiden Theilen
fehlte die Munition.
Endlich gegen Abend gelang es Prinz Hassan, mit einigen Bataillonen
trotz der Terrainschwierigkeit das Fort wiederzugewinnen. Die
Abessinier aber drängten nach. Welche Nachlässigkeit! Der
Festungscommandant, der es versäumte, gleich mit Kartätschen
dareinzuschiessen, auch auf die Gefahr hin, 50-100 Aegypter mit tödten
zu müssen, um durch Schnell- und Massenfeuer den Abessiniern den
Eingang zu verwehren!
Kaum gelang es dem Prinzen Hassan, mit einigen hundert Mann sich
in einen im Fort befindlichen Reduit zu flüchten. Hier befand er
sich vorläufig in Sicherheit, hier hatte er noch einige Geschütze,
Waffen, Munition, Lebensmittel, nur kein Wasser. Aber es war Nacht
geworden, und so konnte er nicht verhindern, dass man alle übrigen
Truppen abschlachtete, dass die Kanonen des Forts, die Lebensmittel,
die Munition in die Hände der Sieger fielen. Ungefähr 50000 Menschen
bedeckten das Schlachtfeld, einige leicht, einige schwer verwundet.
Alle Lebenden wurden entmannt. Die Todten waren glücklicherweise
die Mehrzahl. Der Kaiser von Abessinien hatte am 7. März 1876 den
vollkommensten Sieg erfochten und eine der grössten Schlachten
geschlagen, die je in Abessinien stattfanden.
Prinz Hassan fing sogleich Unterhandlungen an. Er erbot sich, bei
seinem Vater die Abtretung von Bogos und Mensa zu erwirken, ein hohes
Lösegeld zu zahlen. Aber der Negus, welcher mittlerweile das Fort
wieder hatte räumen lassen, verlangte unbedingte Unterwerfung. Er
liess das Fort räumen, weil bei Tage Prinz Hassan aus dem Reduit ihn
hätte beschiessen können. Ausserdem war der Prinz wegen Wassermangels
zur baldigen Uebergabe gezwungen. Mit dem Sohne -- dem Lieblingssohne
-- des Chedive in Händen, hätte der Negus alles erlangen können[41]:
Massaua, die Ansley Bai, Kassala, Gedaref, Harar, kurz alles, was die
Aegypter den Abessiniern seit Theodor’s Tod abgenommen hatten. Aber
an Unterwerfung dachte Prinz Hassan nicht. Vielleicht fürchtete er
einen erzwungenen Uebertritt zum Christenthum oder das noch schlimmere
Schicksal seiner meisten Kameraden, obschon mit Unrecht, denn der
Kaiser, so unerbittlich er sich gegen die übrigen Aegypter gezeigt,
würde doch das Leben und die Gesundheit des Sohnes des Chedive geschont
haben.
Mittlerweile, fast in Verzweiflung, knüpfte Prinz Hassan directe
Unterhandlungen an mit dem abessinischen Anführer Ras Bariu, welcher
mit seiner Truppe den Weg von Gura nach Massaua versperrt hielt. Und
hier war er glücklicher. Gegen Auslieferung der Kriegskasse, in welcher
sich 20000 Pfd. St. in Gold und ca. 30000 Thaler (österreichische
Maria-Theresienthaler) in Silber befanden, liess Ras Bariu seine
Truppen rücken, sodass Prinz Hassan in der Nacht vom 8. auf den
9. März durch die Lücke hindurch entfliehen konnte. Er erreichte
ganz allein[42], zu Pferde, um Mitternacht am 9. März Massaua, die
wenigen Soldaten, todmüde, halb verhungert und verdurstet, welche
mit entfliehen konnten, trafen erst am Morgen des 10. März ein.
Schreckliches Ende einer Unternehmung, die man ohne jeglichen Grund
anfing, welche Tausenden von Menschen einen schmachvollen Tod bereitete
und welche zurückgeführt werden muss auf den Ehrgeiz nur einiger
wenigen.
Ras Bariu sollte übrigens seines Geldes nicht froh werden. Die
Nachricht von der Flucht des Prinzen verbreitete sich am andern Morgen
sofort durchs ganze Lager. Wie konnte so etwas auch verborgen bleiben!
Kaiser Johannes eilte herbei, und ehe der Verräther Zeit hatte, mit
der Kriegskasse zu fliehen, hatte sich der Negus Negesti in Besitz
derselben gesetzt und den Ras gefangen genommen. Man behandelte ihn
glimpflich. Beweisen konnte man ihm auch ein Einverständniss mit Prinz
Hassan nicht. Das Zerrissene der Gegend, die Dunkelheit der Nacht
konnte, bis zu einem gewissen Grad wenigstens, als eine Entschuldigung
für ihn gelten. Man blendete ihn daher blos und steckte ihn für immer
auf eine Amba.
DRITTES KAPITEL.
FORTSETZUNG DER NEUESTEN GESCHICHTE ABESSINIENS.
Menelek von Schoa. -- Aegypten und Abessinien. -- Mitchell’s
Gefangennahme. -- Negus Johannes und König Menelek. -- Gordon
Pascha. -- Johannes schreibt an Gordon. -- Gordon’s Unterredung mit
Johannes zu Debra Tabor. -- Johannes schreibt an den Chedive. --
Johannes schreibt an die Grossmächte Europas. -- Gordon verlässt
den ägyptischen Dienst. -- Gordon’s Brief an die Times. -- Der
griechische Consul Herr Mitzaki.
Durch den Sieg von Gura am 7. März 1876 änderten sich zauberhaft
schnell die staatlichen Verhältnisse Abessiniens. Die dem Negus
Negesti bislang von vielen verweigerte Anerkennung verwandelte sich
in Unterwerfung. Empörungen gibt es ja immer in Abessinien, und das,
was man in den Culturländern Europas, in Frankreich, Deutschland und
England, durch „mittelalterliche Zustände“ bezeichnet, ist eben im
äthiopischen Reiche noch in vollster Blüte. Aber die Grossen, die
Fürsten und Könige im Lande standen nun fest zum Kaiser. Man sah in ihm
ein Werkzeug Gottes, einen Auserwählten. Zweimal hatte er den Erzfeind
des Landes, den verhassten Mohammedaner, geschlagen. Nur durch den
directen Beistand Gottes konnte das geschehen sein! Die Priesterschaft
forderte daher den Negus Negesti auf, officiell seinen Titeln
hinzuzufügen: „Auserwählter Gottes“, und gern folgte er einer solchen
Aufforderung. Nur einer hatte sich noch immer nicht unterworfen: nach
ihm der mächtigste König in Abessinien, welcher selbst schon früher
nach der Kaiserwürde strebte, den man namentlich fürchten musste,
weil er directe Verbindung mit verschiedenen europäischen Mächten,
namentlich mit den Franzosen und Italienern unterhielt und im Bündniss
stand mit den Aegyptern: Negus Menelek von Schoa.
Vorläufig aber kräftigte sich Kaiser Johann im eigentlichen Abessinien.
Aegypten knüpfte Unterhandlungen an, die jedoch zu keinem Resultat
führten. Ohne irgendwelche Kenntniss von abessinischen Zuständen
-- in keinem Lande der Welt ist man mangelhafter über Abessinien
unterrichtet als in Aegypten -- schickte man verschiedene Gesandte ab,
um die Freilassung der ägyptischen Gefangenen zu bewirken. Aegyptische
Gefangene! Man sprach davon, dass man die ägyptischen Artilleristen
und Musikanten gezwungen habe, in die abessinische Armee zu treten.
Wie komisch das klingt für den, der mit abessinischen Verhältnissen
vertraut ist! Abgesehen von denen, die man als lebende, aber entmannte
absichtlich laufen liess, überlebte kein einziger Aegypter die
Schlachten von Gudda-Guddi und Gura, ausgenommen die wenigen, welche
sich durch die Flucht zu retten vermochten. Das musste man in Aegypten
doch wissen!
Der Gesandte, welcher gleich darauf, im Mai 1876, nach Adua kam,
Ali Bei, wurde vom Negus gut aufgenommen. Ueberhaupt hat man die
Grausamkeit des Negus Negesti übertrieben. Gerade in dieser Beziehung
sollte man sehr vorsichtig sein und sein Urtheil nicht vom europäischen
Standpunkte, sondern von dem des betreffenden Volkes abgeben. Und
was soll man dazu sagen, dass man im folgenden Jahre 1877 eine
abessinische Gesandtschaft, welche der Negus abschickte, um Frieden zu
schliessen und einen neuen Abuna an Stelle des Anfang 1877 gestorbenen
zu holen, zu Kairo ins Gefängnis steckte! Der Schmerz und die Trauer
über die eben verlorenen Schlachten war allerdings noch zu frisch,
aber eine Gesandtschaft hätte man doch respectiren müssen. Erst durch
Intervention des britischen Generalconsulats wurden die Abessinier
befreit und kehrten sodann unbelästigt, aber auch unverrichteter Sache
nach ihrem Vaterlande zurück.[43]
Kleinere Revolten eingeborener Fürsten, so der Abfall des Uald
Michael, welcher zu den Aegyptern überging, konnten die immer mehr
sich vollziehende Befestigung des Negus Negesti nicht verhindern. Auf
das Allgemeine hatten sie gar keinen Einfluss, wie denn kleinere, oft
auch grössere, zuweilen nicht einmal gegen die Gewalt des Negus Negesti
gerichtete Aufstände in Abessinien von jeher chronisch gewesen sind.