Als die britische Expedition begann, war Kassai Gouverneur von Adua

und Lidj-Kassai sein Titel; aber Kassai regierte als Gouverneur

keineswegs über ganz Tigre, sondern nur über die nächstliegende

Gegend. Tigre hatte um diese Zeit keinen Herrscher, wie denn in den

letzten Jahren der Regierung Theodor’s die vollkommenste Anarchie

in ganz Abessinien herrschte. Es ist daher auch nicht ganz genau,

wenn im „Record of the expedition to Abyssinia“, S. 16, gesagt wird:

„Im Frühling 1867 rebellirte Dejach Kassai, Statthalter des Wagshum

Gobaze in Tigre gegen seinen eigenen Herrn und bemächtigte sich der

Herrschaft dieser Provinz.“ Denn er war keineswegs Dedjadj. Gobesieh

rebellirte übrigens ebenfalls gegen Theodor, und dass letzterer auch

nicht rechtmässiger Kaiser von Abessinien war, ist bekannt. Aber

Theodor besass als Gekrönter und Gesalbter den Rechtstitel auf die

höchste abessinische Würde. Wagschum Gobesieh, in den letzten Jahren

der Regierung Theodor’s eigentlich mächtiger als der Kaiser, denn

Schoa machte sich unter dem Enkel Sahela Selassie’s, dem König Menelek,

ebenfalls unabhängig, hatte den rechtmässigen Gouverneur von Tigre,

Ras Bariu, schon 1863 vertrieben. Eigenthümlich genug tritt nun das

Bestreben zu Tage, dass jeder Rebell, jeder Gouverneur, welcher sich

unabhängig erklärt, sofort vermeint, Ansprüche erheben zu können auf

die abessinische Kaiserwürde. Menelek[23] unterschreibt sich König der

Könige. Gobesieh hatte die offen ausgesprochene Absicht, sich krönen

zu lassen unter dem Namen Hesekias, und Kassai, eben noch Gouverneur

zweiten Ranges, erklärte offen seine Anwartschaft auf die abessinische

Kaiserwürde.

In der That sollte der junge Mann bald der erstaunten Welt zeigen, dass

er der bedeutendste von allen um die höchste Macht Ringenden sei. Jung,

kühn und berechnend, wusste Kassai jede sich ihm bietende Gelegenheit

zur Befriedigung seines Ehrgeizes festzuhalten und auszunutzen. Tapfer

wie Theodor, zeigte er sich als ein viel klügerer Herrscher. Was konnte

ihm daher gelegener kommen als der Feldzug der Engländer 1867? Und wenn

man es vom nationalen Standpunkt aus verdammen kann, dass der Fürst

von Tigre, bereits 1867 Herrscher dieses Theils von Abessinien, sich

mit den Feinden seines Landes verband, so muss man immer bedenken,

dass die Verhältnisse Abessiniens in den letzten Jahren der Regierung

des Kaisers Theodor sich derart zugespitzt hatten, dass niemand mehr

wusste, wer Freund oder Feind sei. Ausserdem besitzt der Abessinier

nicht das Vaterlandsgefühl, welches sich gründet auf das Bewusstsein

des mit dem Lande Verwachsenseins. Fanatisch wie der Moslim, gehorcht

er leider nur den Gefühlen, welche einer Religion entspringen, die sich

blos um Aeusserlichkeiten dreht. Die in Abessinien lebenden Falascha,

d.h. Juden, sind in den Augen der Abessinier keine Abessinier, d.h.

Christen. Die Begriffe Abessinier und Christen decken sich bei ihnen.

Auch die Mohammedaner -- als es noch solche gab, denn seit 1880 mussten

sich alle Moslemin taufen lassen -- sind dadurch bloss Abessinier

geworden. Für den Anthropologen sind die christlichen Abessinier,

die Mohammedaner, die Falascha stets derselben Abstammung. In der

Anschauung der Abessinier ist nur Abessinier, wer Christ ist.

Wenn man dies in Erwägung zieht, wird man Kassai kaum tadeln, dass er

sich empörte und die Gelegenheit ergriff, sich mit den Engländern gegen

die „Gottesgeisel“ Theodor zu verbünden.

Uebrigens war Kassai keineswegs der einzige abessinische Fürst, der

sich den Engländern anschloss: Hailo, Gouverneur von Hamasen, bot

im September dem General Merewether seine Dienste an. Wir erfahren

aber aus einem Bericht dieses Generals, dass er schon im October sich

Kassai unterwerfen musste, und dieser nun immer mehr seine Herrschaft

über Tigre befestigte. Er nahm sogar die für unüberwindlich gehaltene

Amba Zion in Tigre, wobei verschiedene Kanonen in seine Hände fielen.

Der Commandant der Bergfeste übergab sie freiwillig dem aufgehenden

Gestirn, und in der That konnte Kassai nunmehr den Titel Negus von

Tigre annehmen.

Bald darauf, im November 1867, eröffnete Kassai brieflich mit den

Engländern officielle Beziehungen. Sein Brief lautete[24]:

„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes; Ein Gott.

Brief, geschickt von Dedjasmadj Kassai, Anführer der Häupter von

Abessinien, an den Anführer der britischen Truppen.

„Wie geht’s Ihnen? Gut?

„Durch Gottes Gnade haben wir den Thron unserer Vorfahren bestiegen,

den Thron Michael’s, Ulda Salassie’s und Sabagadie’s. Wir sind alte

Hausfreunde, von Consul Salt an bis auf Plowden. Ich erwartete einen

Brief von Ihnen, aber da keiner kam, habe ich selbst geschrieben. Ich

weiss nicht, weshalb Sie kommen. Wenn ich es wüsste, würde mir das

Freude machen. Wir sind Hausfreunde. Ich sende Lidj Mircha[25], den

Sohn von Atu Wurke, welcher meine Sprache und die Ihrige versteht. Ich

sende Ihnen mein Herz und auch Sie, senden Sie mir Ihr Herz! Im Jahre

1860 nach Christi Geburt in der Zeit Johannes’, des Evangelisten, im

Monat Hadar, am 18., Mittwochs.“

Am 21. Januar 1868 wurde dann der Gefährte Speke’s, der damalige Major

Grant, nach Adua geschickt, um persönlich mit Kassai zu unterhandeln.

Am 7. Februar kam Grant zurück und konnte über den schmeichelhaftesten

Empfang berichten. Es liegen aus dieser Epoche zwei Briefe Kassai’s

vor: an Lord Napier und General Merewether, in welchen der Prinz den

Wunsch einer Zusammenkunft mit Lord Napier ausdrückt, die denn endlich

auch, und sie ist denkwürdig genug, mit letztem am 25. Februar

stattfand, wobei man die Vereinbarungen traf, welche der britischen

Armee zum grössten Vortheil gereichten. Welches Unheil hätte in der

That der Fürst von Tigre als Feind den englischen Truppen zufügen

können! Die Behauptung ist nicht übertrieben, dass er die britische

Expedition hätte scheitern machen können. Theodor mit Kassai verbündet!

Dann hätte Lord Napier letztern erst unschädlich machen müssen!

Kassai lag natürlich vor allem daran, als Negus Negesti von Lord

Napier anerkannt zu werden[26] und letztern zu bewegen, ihn unter

allen Umständen gegen seinen mächtigen Rivalen Wagschum Gobesieh zu

schützen. Dies konnte indess Lord Napier auf keinen Fall versprechen!

Aber nichtsdestoweniger kam ein vorteilhafter Vertrag zu Stande. Kassai

garantirte dem englischen Befehlshaber absolute Neutralität, versprach,

wöchentlich 60000 Pfund Weizen und Gerste zu liefern, den Telegraphen

zu respectiren u.s.w. Es war daher auch nicht zu viel gesagt, wenn es

im englischen Rapport hiess: „Kassai’s Freundschaft war von grösster

Wichtigkeit“.

Im Verlaufe der britischen, mit so staunenswerther Geschwindigkeit

zu Ende geführten Expedition begegnen wir dem Fürsten von Tigre erst

wieder beim Abzuge der britischen Truppen. Seinem Versprechen, Prinz

Kassai zu belohnen, falls er den Engländern freien Durchgang durch

Tigre gewähre, kam Lord Napier in wahrhaft königlicher Weise nach.

Kassai erhielt an Waffen die alten Gewehre vom 3. und 25. Regiment der

Eingeborenen, sechs Mörser, sechs Haubitzen, 725 Musketen, 130 Flinten,

eine grosse Quantität Munition, Pferde- und Artilleriegeschirr. Ferner

Lebensmittel, Kleidungsstücke und Geräthschaften aller Art, kurz alles

das, was für den Feldzug der britischen Truppen berechnet gewesen und

jetzt überflüssig geworden war. Kassai hatte an Lebensmitteln auf Jahre

hinaus Vorrath, und darunter fehlten selbst feinere Sachen nicht, wie

Porterbier (230 Gallonen), Zucker centnerweise, Mixed pickles u.s.w.

So ausgerüstet, konnte er es allerdings unternehmen, gegen seine

Gegner mit Zuversicht ins Feld zu ziehen. Es kamen ja eigentlich

auch nur Gobesieh von Lasta und Menelek von Schoa in Betracht.

Letzterer verhielt sich vollkommen ruhig, nur suchte er sich mehr

und mehr in seinem eigenen Königreich Schoa zu befestigen, und

wie sein grosser Vorfahr öffnete er sein Land bereitwilligst den

Europäern, wovon namentlich die Italiener, sowie protestantische

Missionare und katholische Bischöfe profitirten. Zwischen Gobesieh und

Kassai entbrannte aber gleich der Kampf, der es nach verschiedenen

Scharmützeln 1871 zur Entscheidung brachte. Gobesieh, der über eine

viel grössere Armee verfügte -- die Engländer geben an, dass ihm zur

Zeit ihrer Anwesenheit über 60000 Krieger zu Gebote standen -- hatte

keine so guten Waffen wie Kassai. Aber tapfer und unternehmend, war

er nach Adua gezogen, um Kassai bei und in seiner eigenen Hauptstadt

anzugreifen.

Am 14. Juli 1871 standen sich die beiden Armeen nicht weit von Adua,

der Hauptstadt von Tigre, gegenüber.[27] „Man kann heute noch die

Knochen dort bleichen sehen“, sagt Raffray, welcher 1873 Abessinien

besuchte; „westlich von Adua, auf dem Wege nach Axum liegt ein Hügel,

der sich an die Berge lehnt. Auf der Seite dieser Berge stellte Kassai

seine kleine Armee auf, ungefähr 12000 Mann stark, während die 60000

Mann Gobesieh’s die Ebene einnahmen, welche aus einem Wald von Spiessen

zu bestehen schien. Endlich ertönte allerorts Gewehrfeuer. Aber die

stockwerkweise übereinander aufgestellten Soldaten Kassai’s konnten

alle zu gleicher Zeit schiessen, während aus der Armee Gobesieh’s nur

die erste Reihe Gebrauch von den Feuerwaffen machen konnte. Kassai

zeichnete sich durch grosse Tapferkeit aus. Mit einem Knie auf dem

Boden, zielte er auf seine Feinde, unbeweglich und unbekümmert um die

Gefahr, und jede Kugel brachte dem Gegner den Tod. Gobesieh, der seine

Leute dadurch decimirt sah, wollte selbst den Hügel erstürmen, aber

sein von einer Kugel getroffenes Pferd überschlug sich und stürzte mit

ihm zu Boden. Jetzt brachen die Tigrenser hervor, und Gobesieh wurde

gefangen genommen. Der Schatz und die Papiere Gobesieh’s fielen in

Kassai’s Hände.“

Raffray sagt ferner: „Der Gebrauch des Landes erheischte es, Gobesieh

die Augen aus dem Kopfe springen zu lassen und zwar dadurch, dass man

die Ohren mit Pulver vollstopfte und sodann den Schädel durch Explosion

sprengte. Kassai wandelte jedoch die Strafe um: man blendete Gobesieh

einfach die Augen durch ein im Feuer geröthetes Eisen. Man legte ihm

sodann silberne Ketten an und sperrte ihn auf Amba Salama ein, wo er

bald darauf gestorben sein soll.“

Nach einem solchen Siege konnte Kassai daran denken, sich krönen zu

lassen. In der That geschah das etwa ein halbes Jahr später, am 21.

Januar 1872, in der alten Kaiserstadt Axum. Dr. Wilhelm Schimper, der

zu der Zeit noch lebte, wohnte derselben bei und hat uns darüber in

der „Zeitschrift für Erdkunde“, 1872, S. 270, berichtet: „Dieselbe

wurde durch einen aus Aegypten verschriebenen koptischen Bischof[28]

vollzogen und nahm Kassai nun den Namen Johannes an. Einige 1871 nach

Abessinien gekommene italienische Arbeiter, namentlich die Gebrüder

Naretti[29], hatten für den Kaiser -- Negussa Negesti, König der

Könige, lässt sich der Kürze halber durch Kaiser wiedergeben -- ein

sehr prächtiges Throngestell nebst Sessel angefertigt. Da letzteres

aber nicht lang genug war, um bequem darauf liegen zu können, so

liess Kassai an dessen Stelle eine Art Bett herrichten.“ Die weitern

Ausführungen Dr. Schimper’s seien hier übergangen, wie es denn auch

absolut unmöglich ist, dass, wie Schimper berichtet, acht Tage nach

der Krönung ein Priester in Axum den Kaiser und den Abuna in den Bann

gethan hätte. Schimper war überhaupt sehr schlecht auf den jetzigen

Kaiser zu sprechen, und die üble Behandlung seiner Tochter[30]

konnte die Beziehungen nicht verbessern. Leider sind aber überhaupt

die Berichte dieses sonst so ausgezeichneten Forschers keineswegs

unparteiisch und vollkommen wahr, wie denn selbst der junge Schimper,

der Sohn des berühmten Gelehrten, oft genug die Unzuverlässigkeit

und den grossen Leichtsinn seines Vaters bis in dessen spätestes

Greisenalter hinein beklagte.[31]

Kassai hätte jetzt mit Ruhe an die Befestigung seiner Herrschaft in

Abessinien denken können, wenn ihm nicht, und zwar schon im Jahre

seiner Krönung, ein äusserer Feind in Werner Munzinger entstanden wäre.

Munzinger hat zu tief in die Geschichte und die staatliche Geographie

Abessiniens eingegriffen, als dass nicht ein Wort über ihn hier am

Platze wäre.

Munzinger hatte den britischen Feldzug in Abessinien mitgemacht.

Französischer und englischer Consul zugleich, war er officiell nach der

britischen Campagne nur noch französischer Consul in Massaua. England

hielt es für unnütz, in Abessinien einen Vertreter zu unterhalten, da

es glaubte, für lange Zeit in diesem Lande vollkommen aufgeräumt zu

haben. „Dieses Land hat durchaus kein Interesse für Grossbritannien“,

äusserte Lord Napier, „unsere Kaufleute wollen von commerziellen

Beziehungen mit Abessinien nichts wissen.“ Aber Frankreich, schon

blos der Thätigkeit seiner Missionare wegen, musste dort einen Consul

haben. Trotzdem die Herrscher Abessiniens so und so oft in nicht

miszuverstehender Weise den französischen Repräsentanten ihr Misfallen

zu verstehen gaben[32], kommen sie immer wieder, zum Theil aus

religiösen Gründen, auf ihre vermeintliche Unentbehrlichkeit zurück.

„Nous sommes tellement aimés par ces peuples“, sagen sie, gerade wie

sie es sich stets in Beziehung auf ihre Unterthanen in Südalgerien

einbilden, und merken dabei nie, dass man ihnen empfiehlt, sie möchten

die Thür von aussen zumachen. Munzinger war französischer Consul

1869-71, obschon kein einziger französischer Unterthan seinen Schutz

beanspruchte.

Die britische Expedition hatte aber die Aufmerksamkeit des Chedive

auf ihn gelenkt. Ismaël war ein weitschauender Mann. Mag man noch so

sehr gegen ihn sprechen, die Geschichte wird ihm einst Gerechtigkeit

widerfahren lassen. Sein Unglück, seine Entthronung wurde hauptsächlich

durch europäische Speculanten und Schwindler herbeigeführt.

Besonders französische Abenteurer, welche zu Hause kein Brot hatten,

überschwemmten das Land, und die unglaublichsten Dinge kamen vor,

welche den Chedive Ismaël in den Bankrott trieben.

Und mag man nun über Munzinger[33], welcher den Chedive zu den

unglücklichen Feldzügen gegen Abessinien zu verleiten wusste,

urtheilen wie man will: die Meinung kann man ihm nicht ersparen,

dass alle seine Beweggründe sich auf maasslosen persönlichen Ehrgeiz

zurückführen lassen. Keineswegs sollen hiermit auch nur irgendwie die

grossen wissenschaftlichen Verdienste Munzinger’s um die Erforschung

Afrikas in Schatten gestellt werden. Seine „Ostafrikanischen Studien“

und besonders viele gelehrte Abhandlungen in den Petermann’schen

„Mittheilungen“ werden stets ein glänzendes Zeugniss seines Wissens und

seiner vorzüglichen Beobachtungsgabe bleiben. Von Geburt Schweizer, war

in seinem Denken und gründlichem Wissen der so früh Dahingeschiedene

ein Deutscher. Auch die politisch-administrativen Talente Munzinger’s

wollen wir nicht in Abrede stellen. Im britischen Feldzuge gegen

Theodor lagen oft die politischen Fäden mit den eingeborenen

äthiopischen Fürsten ausschliesslich in der Hand Munzinger’s. Noch

weniger soll irgendwie sein Charakter als Privatmann verdunkelt

werden: ich selbst habe während der britischen Expedition und mit mir

unsere Landsleute, Graf Seckendorf und Herr Stumm, zu oft Beweise

seiner Güte und seiner Liebenswürdigkeit erhalten. Auch die zuerst von

ägyptischen Beamten gegen ihn erhobenen Vorwürfe wegen übertriebener

Grausamkeiten glaube ich zurückweisen zu müssen, denn Munzinger, ein zu

guter Kenner der Eingeborenen und ihrer Verhältnisse, wusste zu gut,

dass im dortigen Lande ein Regieren mit Phrasen und philanthropischen

Redensarten unmöglich ist.

Aber blos aus persönlichem Ehrgeiz Tausende von Menschen in den Tod

stürzen, ganze Provinzen auf Jahre hinaus unglücklich machen, kann

das gutgeheissen werden? Konnte denn überhaupt schon die ägyptische

Civilisation, ich meine die, welche sich in den sudanischen

Provinzen dieses grossen Reichs breitmacht, würdiger auftreten

und menschenbeglückender arbeiten, als dies unter den bestehenden

Verhältnissen der Fall war? Und hatte nicht Munzinger schon 1871

den ausgesprochenen Wunsch, anstatt chedivialischer Gouverneur von

Ostsudan, abessinischer Vicekönig zu werden? Es könnte eine solche

Behauptung übertrieben erscheinen, aber für Munzinger galt es als

nicht unausführbar. Der Chedive stand damals im Zenith seiner Macht.

Wenn er auch verpasst hatte, im richtigen Augenblick sich unabhängig

zu erklären, so hatte er doch eben erst bei Eröffnung des Sueskanals

die Repräsentanten der mächtigsten Staaten Europas als Gäste im Lande

der Pharaonen bewirthet und im Süden grosse, unbegrenzte Gebiete und

Länder seinem Reiche einverleibt. Einen Theil davon beherrschte

Munzinger und zwar durchaus unabhängig, Herr über Leben und Tod. Man

wird es verstehen, dass ein solcher, mit solcher Machtvollkommenheit

ausgestatteter Mann nach dem höchsten Ziele streben konnte. Vielleicht

nährte Munzinger auch im Innersten seines Busens den Plan, nach der

obwol mit ägyptischer Hülfe vollendeten Besiegung und Unterjochung

Abessiniens sich von Aegypten ganz unabhängig zu machen. Munzinger war

vollkommen der tigrischen Sprache mächtig; er verstand es, sich der

Denkungsweise, den Anschauungen und Sitten der Abessinier durchaus

anzubequemen; er war verheirathet mit einer Abessinierin und hatte

durch Bekanntschaft und Verwandtschaft mit mächtigen eingeborenen

Familien durchs ganze äthiopische Land enge Beziehungen.

Im Sommer 1872 nahm Munzinger die beiden abessinischen Provinzen Bogos

und Halhal für Aegypten in Besitz[34], und zur Belohnung dafür wurde

er vom Chedive im selben Jahre[35] mit der Würde und dem Titel eines

Pascha belehnt. Im Herbst 1873 legte Munzinger dem Chedive seinen

Plan vor, ganz Abessinien zu erobern. Munzinger glaubte fest an das

Gelingen seines Unternehmens: Bogos u.s.w. hatte er ja mit leichter

Mühe unterworfen, und für Aegypten waren diese nördlichen Gebiete

insofern von grosser Wichtigkeit, als man nun eine ununterbrochene

Strasse, eine beständige Verbindung herstellen konnte zwischen Kassala,

Gedaref und Massaua. Bislang musste man, wollte man nicht einen grossen

Umweg machen oder den Weg über Suakin einschlagen, über abessinisches

Gebiet reisen. Eine Telegraphenlinie wurde sogleich errichtet und

Senhit als Festung angelegt. Munzinger entfaltete die grösste Energie

und Thätigkeit, um den leicht gewonnenen Besitz dem Chedive zu sichern.

Der Negus, denn Kassai hatte sich mittlerweile schon zum Kaiser krönen

lassen, musste, Wuth und Grimm im Herzen, dem Vorgehen Munzinger’s,

der Einverleibung des nördlichen Theils von Abessinien in Aegypten

zuschauen, da ihm ein neuer mächtiger Feind mitten in Aethiopien

entstanden war. Nach der Unschädlichmachung Gobesieh’s empörte sich

Ras Adal, Herrscher von Godjam. Johannes war vollkommen ohnmächtig, er

konnte Munzinger keinen einzigen Soldaten entgegenstellen.

Wenn man nun bedenkt, wie Munzinger, einer der rührigsten Theilnehmer

der englischen Expedition, noch ganz unter dem Eindruck der

Leichtigkeit des britischen Erfolgs stehen musste, so wird man es

vollkommen begreiflich finden, dass er fest vom Gelingen seiner

Pläne überzeugt war. Und jetzt hatte er ja selbst schon einen Erfolg

aufzuweisen und zwar einen sehr bedeutenden.

Trotz seines Erfolgs stand aber Munzinger nicht fest im Vertrauen

des Chedive. Mochte von seinen Plänen einiges lautbar geworden sein,

mochte man ihm seinen Erfolg neiden, oder verstand er es nicht, auf

orientalische Weise zu kriechen -- als man 1875 den Feldzug unternahm,

war Munzinger nicht mehr Gouverneur, sondern Arakel Bei hatte ihn

ersetzt.

Der von Aegypten in Scene gesetzte Feldzug wurde mit grösster

Heimlichkeit ausgeführt. Wie viele Truppen man 1875 einrücken liess,

lässt sich nicht bestimmen. Auf dem Kriegsministerium in Kairo wird

man es auch nicht wissen. Nach den entsetzlichen Niederlagen liegt

erst recht kein Grund vor, der Mitwelt bekannt zu geben, wie gross der

Verlust gewesen.

Das Obercommando hatte man Arakel Bei, einem Neffen Nubar Pascha’s,

übertragen, einem talentvollen, tüchtigen Manne, aber von Haus aus

keineswegs gelernten Soldaten. Darauf kommt es ja auch in der Türkei

und Aegypten nicht an. Die eigentliche höchste militärische Spitze war

aber Arendrup Bei, dänischer Oberst a. D., wie denn überhaupt in der

ägyptischen Armee viele europäische und namentlich auch amerikanische

Offiziere dienten, letztere besonders aus der secessionistischen Armee.

Der Ausgangspunkt war Massaua, und für die vollendete Expedition

Senhit. Nach den Aussagen der Abessinier rückten die Aegypter mit 7000

Mann ein, wie jedoch letztere behaupten, nur mit drei Bataillonen.

Es ist aber kaum glaublich, dass man mit einer so geringen Zahl die

Eroberung Aduas unternommen hätte. Denn die Unterwerfung Tigres war das

Nächste, was man wollte.

Die ägyptische Armee bewegte sich in kleinen Tagemärschen geradewegs

südlich, und da sie sich auf dem Höhenzuge vom rechten Mareb-Ufer

hielt, konnte sie ohne zu grosse Naturhindernisse vorwärts kommen.

Ausgerüstet war dieselbe mit vorzüglichen Waffen neuester Construction.

Die Soldaten hatten Remington-Gewehre, die Artillerie bestand aus

Hinterlader-Kanonen. Bekleidung, Verpflegung, Ausrüstung -- nichts

mangelte in dieser Beziehung. Die Offiziere waren viel luxuriöser

versorgt als damals die englischen während ihres Feldzugs in

Abessinien. Aber es fehlte viel, was zu einem Gelingen berechtigte.

Niemand kannte das Land, die allergewöhnlichsten Vorsichtsmaassregeln,

welche beim Vorrücken in einem feindlichen Lande so nothwendig sind,

liess man ausser Acht, strategischer Blick scheint keinem der höhern

Offiziere eigen gewesen zu sein, und man hätte nicht vergessen sollen,

dass die Taktik in einem Lande wie Abessinien, und einem Volke wie den

Abessiniern gegenüber, eine ganz andere sein muss als in Europa, und

wiederum eine andere, als man sie fast wehrlosen centralafrikanischen

Negerstämmen gegenüber ausübte.

Mittlerweile bezwang Negus Johann seinen Gegner Ras Adal. Bedeutend

besserer Politiker als Theodor, sein Vorgänger, bestätigte er Ras

Adal nicht nur in seiner Regentschaft, sondern verpflichtete ihn auch

grossmüthig durch Ueberlassung von Waffen und Munition. Er befand sich

bei der Kunde vom Anmarsch der ägyptischen Armee in Enderta[36] und

zog nun in Eilmärschen mit seinem ganzen Heere den Aegyptern entgegen.

Anfangs -- nach eigener Erzählung des Kaisers Johann -- hatte er

die Absicht, die feindliche Armee hinter dem Mareb zu erwarten. Der

Mareb, welcher bis ca. 14° 80′ einen vollkommen südlichen Lauf nimmt,

biegt dann ziemlich plötzlich nach Westen um und bildet so die Grenze

des eigentlichen Tigre. Mitte November stand Johannes mit seinen

Abessiniern schon am Mareb. Die Armee mochte 50000 Streiter zählen.

Genau weiss der Kaiser von Abessinien nie, wie viele Soldaten ihm zur

Verfügung stehen, da schriftliche Listen u.s.w. unbekannt sind. Die

Abessinier hatten sechs Geschütze bei sich, waren aber im übrigen

schlecht bewaffnet. Man wird sich erinnern, dass ihnen Lord Napier nur

alte Waffen überliess.

Schon am 15. November 1875 kam es zwischen den Aegyptern, von denen

einige kleine Abtheilungen sich bis zum Mareb vorgewagt hatten, und

Vorläufern der abessinischen Armee zu Plänkeleien. Der Negus, von

allen Vorgängen der ägyptischen Armee, von jeder noch so geringfügigen

Bewegung derselben aufs genaueste durch die Landleute unterrichtet,

beschloss nun, mit der Armee vorzurücken. Unglücklicherweise war

aber Arakel Bei gar nicht von den Unternehmungen der Abessinier

unterrichtet, sondern im Gegentheil durch falsche Nachrichten

irregeführt. So wusste er gar nicht einmal, dass er sich dem Negus

und der Hauptarmee der Abessinier gegenüber befand, sondern glaubte,

er habe es nur mit Banden zu thun. Unbegreiflicherweise begann er bei

Mai Scheko den Abstieg, welcher von fast senkrechten Wänden zwischen

Basaltsäulen hindurch beginnt und zu einem der schwierigsten in

Nordabessinien gehört. Weshalb man überhaupt mit einer Armee diesen Weg

nach Adua wählte, der freilich von Senhit aus der kürzeste, aber der

schwierigste war, ist unerfindlich.

Meine Mission nach Abessinien Auf Befehl Sr. Maj. des Deutschen Kaisers im Winter 1880/81 unternommen · 第 4 / 27 段