unbesiegbares Heimweh (eigenste Worte des Kapitäns Speedy); er war
untröstlich über den Verlust seines Freundes, den ihm seine sterbende
Mutter, die Königin Durenesch, aufs wärmste empfahl. Ja, er fasste
jetzt einen förmlichen Hass gegen die Engländer, und als er von der
unglücklichen Niederlage derselben durch die Zulu hörte, rief er: „Ich
wollte, alle Engländer wären vernichtet!“[18] Ein anderes mal schrieb
er an Speedy, ob er nicht etwas Geld zusammenbringen könne, um mit
ihm zu fliehen, und zwar, wie er vorschlug, zum Negus Johann, dieser
würde ihm gewiss den Thron abtreten. Auf einen so unsinnigen Vorschlag
konnte sich der ehemalige Gouverneur des Prinzen natürlich nicht
einlassen. Speedy erstrebte dann, als er von des Prinzen Krankheit
hörte, noch einmal die Wiedererlangung seines alten Amtes, erreichte
aber nur, dass er den Prinzen auf vier Wochen besuchen durfte. Als
die englischen Aerzte endlich eine unheilbare Schwindsucht bei Prinz
Alamayo constatirten, wollte man ihn nach Indien schicken, um ihn dort
der Armee einzuverleiben. Aber es war zu spät. Prinz Alamayo starb im
Jahre 1879, wie Kapitän Speedy sagt, am gebrochenen Herzen. Heimweh
nach seinem afrikanischen Alpenlande tödtete ihn. Alamayo bekam eine
prinzliche Bestattung. Auf Befehl der Königin Victoria wurde Speedy
telegraphisch herbeigeholt; es war zu spät geworden, er konnte ihn
nur noch einige Tage pflegen und dann seiner Beerdigung beiwohnen. So
hatte er den Trost, dass der abessinische Prinz sich in den letzten
Augenblicken in seiner Muttersprache unterhalten konnte, und dass sein
erster Erzieher ihm im letzten Kampfe zur Seite stand.
Kapitän Speedy und sein Begleiter Kapitän Brooks kamen also an Bord.
Ersterer hatte ausserdem ein Maulthier und einige Kamele mit sich,
welche Thiere ebenfalls die Reise nach Massaua mitmachten. Durch die
beiden Engländer erhielt unsere Tischgesellschaft eine sehr angenehme
Vermehrung, denn Mr. Speedy war ein lebhafter Erzähler, und an Stoff
mangelte es ihm nie. Er beabsichtigte, in die angrenzenden Nordländer
von Abessinien zu gehen, da das eigentliche Abessinien zu betreten ihm
verboten sei. Aus welchem Grunde, konnte ich eigentlich nicht erfahren,
denn ich glaube kaum, dass der jetzige Negus Negesti Notiz von ihm
nehmen würde.
Wir lagen einen ganzen Tag vor Suakin, keineswegs für uns angenehm,
weil bei eintretender Ebbe das Wasser schreckliche Dünste aushauchte.
Aber der Fischreichthum ist, wie überall im Rothen Meere, so auch hier
ganz unglaublich. Oft sieht man eine durch leicht gekräuselte Wellen
angedeutete Wolke sich auf der Seeoberfläche langsam fortbewegen. Man
forscht nach der Ursache, man schreibt sie anfangs einer partiellen
Brise zu. Aber keineswegs. Es sind Milliarden kleiner stint- oder
sardinenartiger Fischchen, 5 cm gross, welche, wie wir später
Gelegenheit hatten zu erproben, in Oel gebacken ein vorzügliches
Gericht abgeben.
In Suakin gibt es kein Consulat, deshalb sind die dort wohnenden
Europäer ganz auf sich selbst angewiesen. Wenn ein solches Verhältniss
an der gegenüberliegenden arabischen Küste grosse Gefahren in sich
schliesst, so ist das an der ägyptischen nicht zu befürchten.[19]
Die Einwohnerzahl wechselt, da die Landbevölkerung, die Hadendaui,
theilweise nur vorübergehend, namentlich in den Wintermonaten, dort
Wohnung nehmen. Die Bevölkerung auf der Insel selbst kann man auf
1500 Seelen veranschlagen, von diesen waren 1882 ca. 60 Europäer, 20
Araber, 50 ägyptische Beamte, 300 Soldaten und 100 Galerensträflinge.
Die Vorstadt Kef dürfte im Sommer 3000, im Winter 5000 Einwohner
haben, wovon die meisten den Hadendaui angehören. An eigenen Schiffen
besitzt Suakin nur einige Sambuk (jene ca. 50 Tonnen haltenden Schiffe
mit unverhältnissmässig hohem Hinterdeck und grossem lateinischen
Segel). Es kommen durchschnittlich im Monat vier ägyptische und zwei
italienische Postdampfer, welche beide Linien Passagiere und Waaren
befördern, nach Suakin.
Der Sklavenhandel wird von Suakin aus, namentlich aber von den
Küstenpunkten in der Nähe noch immer betrieben. Bestimmte Angaben sind
schwer darüber zu erhalten, da die Transporte nachts und so heimlich
wie möglich stattfinden. Im Februar 1881 schaffte man von Suakin nach
Djedda 65 Sklaven. Ein anderer Transport von 87 Seelen, meistens
Kinder beiderlei Geschlechts, wurde im Sommer 1880 durch Militär
in den Gebirgen von Singals (zwei Tagereisen von Suakin entfernt)
abgefasst und durch die Behörden mit Freiheitsbriefen versehen und
an die Bewohner von Suakin, zum Theil aber auch an die von Djedda
abgegeben. Natürlich muss der Empfänger solcher Negerkinder eine
Bescheinigung ausstellen, keinen Handel mit denselben treiben zu
wollen. Halberwachsene oder ausgewachsene Burschen steckt die Regierung
unter die Soldaten, während man die halbwüchsigen Mädchen dem ersten
besten Soldaten als Frau beigibt.
In Suakin sind fünf Moscheen, zwei davon auf der Insel selbst, drei
in Kef. Von Fanatismus weiss die Bevölkerung nichts, wie überhaupt,
und wir betonen das noch einmal, unter allen mohammedanischen Ländern
die ägyptische Regierung seit Mehemed Ali stets bemüht gewesen
ist, religiöse Unterschiede soviel wie möglich durch vollkommenste
Unparteilichkeit gegen alle verschiedenen Bekenntnisse zu verwischen.
So dampften wir denn wieder hinaus aufs hohe Meer, um unsere
Schlussfahrt zu machen, denn jetzt hielten wir direct auf Massaua.
Immer schwüler und unerträglicher wurde die Wärme, bis endlich der hohe
Gedem-Berg als Wahrzeichen der Stadt in Sicht kam. Die Dampfer halten
gerade auf ihn los und sind dann sicher, nach Massaua zu gelangen,
welches erst viel später am Horizont auftaucht.
Es war schon spät abends geworden, nach Sonnenuntergang, als wir
dicht bei der Stadt Anker warfen. Trotz der vorgeschrittenen Zeit
wurden noch alle Hafenförmlichkeiten erledigt, und an Bord kamen die
Honoratioren der Stadt: der französische Viceconsul Monsieur Raffray,
bekannter Naturalist und vor Jahren schon in Abessinien; Hassen Bei,
ein Oesterreicher in ägyptischen Diensten; Herr Tagliabue, Italiener;
Herr Lucardi, ebenfalls; Herr Habib, der Postdirector; Herr Michel,
Zolldirector. Wir hatten die erste Etappe glücklich zurückgelegt, von
hier aus begann erst die eigentliche Reise. Welche Erinnerungen aber
tauchten in mir auf angesichts Massauas und des mächtigen Gedem-Berges!
Vor zwölf Jahren hatte ich schon einmal Massaua besucht, nur auf einen
Tag von der Adulis-Bucht aus. Auf meinen Wunsch, die Stadt zu besehen,
liess damals der Commandant eines vor Sues liegenden französischen
Kanonenbootes dieses heizen, und wir fuhren hinüber. Munzinger hatte
mich gebeten, ihm seine Frau, eine Abessinierin, mitzubringen, was ich
auch that. Später sah ich ihn noch einmal, als ich zur Ausführung der
libyschen Expedition in Kairo eintraf. Kaum hatte ich dort mit meiner
Begleitung den Perron betreten, als Munzinger den Zug zur Fortreise
benutzte, um als Generalgouverneur der Küste des Rothen Meers den
Befehl über ganz Sudan zu übernehmen und den Krieg gegen Abessinien
zu organisiren, welcher so verhängnissvoll für die ägyptische Armee
und für Munzinger selber werden sollte, da er auf diesem Feldzuge sein
Leben verlor.
Massaua, das alte Sabaitikon stoma[20], hatte, seitdem ich es 1868
gesehen, bedeutende Veränderungen erlitten und zwar zu seinen Gunsten.
Bei meinem Besuch im genannten Jahre war das einzige Gebäude, welches
an europäische Verhältnisse erinnerte, das, welches Munzinger, zu
der Zeit englischer und französischer Consul, bewohnte. Selbst das
ehemalige Haus des Gouverneurs, sowie das des frühern Consuls Plowden
konnte nicht als anständig bezeichnet werden. Jetzt aber hat man eine
ganze Reihe relativ vorzüglicher Wohnungen gewonnen. Herr Raffray z.B.
wohnt ganz gut, und das Gebäude des frühern Gouverneurs war ebenfalls
für einen einheimischen Beamten vollkommen ausreichend. Besonders
hübsch und elegant nahm sich das Massaua gegenüber aufgebaute Schloss
aus, dermalen Chedivialisches Palais genannt, welches aber seinerzeit
Arakel Bei für sich als Amtswohnung hatte errichten lassen.
Diesen ersten Eindruck erhielt ich sofort, als ich am folgenden Morgen
Ali Risa, dem Generalgouverneur der Provinzen am Rothen Meere, meine
Aufwartung machte und sodann Ali ed Din, den Gouverneur von Massaua,
besuchte. Ersterer war mit einem eigenen Dampfer der Regierung gekommen
und beabsichtigte nach Seila zu fahren. Ein gebildeter Herr, eigentlich
seines Faches Architekt, sprach er fliessend Französisch und hatte sich
auch sonst durchaus europäische Manieren angeeignet. Ali ed Din, von
Haus aus tscherkessischer Sklave, verdankte andern mir nicht bekannten
Umständen seinen hohen Posten. Beide Herren waren übrigens sehr
freundlich und zuvorkommend. Man schickte gleich eine Ehrenwache, wie
es überdies mir als türkischem Bei und dann speciell als Gesandten Sr.
Maj. des Deutschen Kaisers zukam.
Darauf wurden die Zollangelegenheiten geordnet, was gerade nicht sehr
glatt abging. Freilich hatte ich dreissig Kisten und Koffer, und
anfangs bestand der französische Director durchaus auf Durchsicht
meines Gepäcks, bis er sich endlich durch den Platzgouverneur
überzeugen liess, dass die von Kairo aus meinerseits gegebenen Befehle
genau einzuhalten wären.
Nun war noch die Wohnungsfrage zu erledigen. Am besten wäre es gewesen,
gleich hinauszuziehen nach Hotumlu und dort die Zelte aufzuschlagen.
Ich hatte ein sehr geräumiges englisches Leinwandhaus, welches früher
Speedy besass, gekauft, und in diesem mit doppeltem Dache und allen
andern Bequemlichkeiten, wie Badezimmer, Küche u.s.w., versehenen
Zelte hätte ich aufs beste wohnen können. Aber es fehlte noch manches
andere, namentlich waren noch viele Einkäufe an Waaren, Geschenken
und Lebensmitteln zu machen, sodass ich es für rathsam hielt, vorerst
in Massaua selbst zu bleiben, und mit Dank das gütige Anerbieten des
Herrn Tagliabue, in seine Wohnung zu ziehen, annahm. Der damalige
italienische Minister der auswärtigen Angelegenheiten, Herr Cairoli,
hatte die Güte gehabt, mir ein Empfehlungsschreiben für ihn mitzugeben.
Und möge Herr Tagliabue, dem ich auf andere Weise gar nicht genügend
meinen Dank abstatten konnte, an dieser Stelle denselben noch einmal
entgegennehmen; er kommt von Herzen. Man bedenke nur, welche Last er
sich durch meine Aufnahme in seine allerdings hinlänglich geräumige
Wohnung aufbürdete! Und nicht blos um meine Wenigkeit allein handelte
es sich, auch Dr. Stecker, Karl Hubmer, und gar bald eine Menge
abessinischer Diener mussten untergebracht werden. Dazu die vielen
Kisten und Kasten, die vielen Säcke mit Vorräthen, selbst Maulthiere
und Hunde, die uns gehörten, füllten bald den Hof des Hauses. Wir
speisten gemeinschaftlich mit Herrn Tagliabue und dessen jüngerm
Bruder, und auch zu den Ausgaben des Tisches erlaubte uns unser Wirth
keinen Beitrag.
Massaua, eine Insel, ist 1 km lang und von ONO. nach WSW. gelegen.
Die Breite beträgt an der breitesten Stelle nicht mehr als ca. 250
m. Die Hälfte, und zwar die westliche, ist mit Häusern und Hütten
bedeckt, während die östliche Seite auf der äussersten Spitze ein
schlechtes Befestigungswerk mit einigen alten Kanonen und einer kleinen
Kaserne aufweist. Dicht dabei befindet sich die französische Mission
und Kirche. Wie in manchen Gegenden, z.B. in Posen, polnisch und
katholisch, deutsch und protestantisch sich decken, so ist im Orient,
besonders in Abessinien, französisch und katholisch, englisch und
protestantisch ein und derselbe Begriff. Ich werde später noch darauf
zurückkommen.
Auf der Insel Massaua, welche jetzt aber keine wirkliche Insel mehr
ist, leben höchstens 1500 Einwohner. Zum Theil bestehen diese aus
Europäern, besonders Griechen, Banianen, d.h. Ostindiern, in deren
Händen sich der hauptsächlichste Handel, namentlich der Handel mit
Perlen, concentrirt, und Eingeborenen vom Festlande. Wir besitzen von
Massaua so vorzügliche Beschreibungen der neuern und neuesten Zeit[21],
dass ich darauf verzichte, irgendetwas Neues über die dortigen
Verhältnisse zu bringen.
Auf einige Aenderungen will ich indess in aller Kürze aufmerksam
machen. So liess Munzinger, als er noch Generalgouverneur war, die
Insel mittels eines festen Dammes mit der nahen Insel Tolhut oder
Taulhut verbinden. Bei der geringen Tiefe von kaum 1,50 m war damit
keine grosse Schwierigkeit verbunden. Grössere Mühe machte schon
die Verbindung Tolhuts selbst mit dem Festlande, aber auch das
bewerkstelligte Munzinger und vervollständigte diese nützliche Anlage
dadurch, dass er ganz im Osten von Hotumlu am obern Flussbett des
Mpasi, welcher durch Mkullu und Hotumlu fliesst, eine unterirdische
Wasserleitung legte und bis Massaua führte. Da aber bei den
Mohammedanern Unterhaltungskosten vollkommen unbekannte Dinge sind, so
zerfiel die Wasserleitung nach Munzinger’s Ermordung, und jetzt läuft
das Wasser nur noch bis Hotumlu.
Auf der Südspitze von Hotumlu hat die ägyptische Regierung ein
ziemlich starkes Erdwerk errichtet, dort, wo etwa vor nunmehr fünfzig
Jahren unser wackerer Landsmann Hemprich begraben sein mag. Hier
concentrirt sich überhaupt jetzt das officielle Leben. Denn wenn
auch der eigentliche „Divan“ in der Stadt selbst, gegenüber dem
Zollbureau, dicht am Hafen gelegen ist, so befindet sich doch hier die
Wohnung Ali ed Din’s, wo er gleichfalls „Divan“ abhält. Ebenso die
Telegraphenanstalt mit dem Staatsschatz. Die eigentliche Garnison von
Massaua, ein Bataillon schwarzer, sehr gut uniformirter und vorzüglich
(mit Remington) bewaffneter Soldaten, campirte auf Tolhut. Campiren ist
eigentlich kaum der richtige und Kaserniren der richtigere Ausdruck,
denn die Soldaten sind in geräumigen, mit Strohdächern versehenen
Hütten untergebracht, deren Seitenwände aus durcheinandergeflochtenen
Zweigen bestehen. Auf diese Weise circulirt die Luft, und die Sonne
wird, ebenso wie feuchte Niederschläge, durch das Strohdach abgehalten.
Ein zweites noch stärkeres Fort haben die Aegypter bei Saga in der Nähe
von Hotumlu errichtet, es mit Kanonen versehen und dort ebenfalls 1500
Mann untergebracht. Im ganzen stehen also in Massaua, denn auch das
Fort von Saga muss hinzugerechnet werden, ca. 3000 Mann regelmässiger
Soldaten. Ausserdem verfügt aber der Gouverneur noch über einige
hundert Mann Baschi-Bosuks.
Ich habe über die Zahl der Einwohner des eigentlichen Massaua meine
ungefähre Schätzung mitgetheilt. Aber die Ortschaften Hotumlu und
Mkullu nebst Saga sind, namentlich jetzt, so innig mit Massaua
verwachsen, räumlich so wenig davon getrennt, dass sie eigentlich,
wie Kef und Suakin, ein Ganzes bilden. Auf den Karten sieht man immer
Mkullu als Ort angegeben, Hotumlu fehlt gewöhnlich. Gerade dieser
Ort dürfte aber an Einwohnern, und auch sonst, der wichtigere und
bedeutendere sein. Ich schätze Hotumlu auf 1500, Mkullu auf 500 und
Saga auf ca. 100 Seelen. Im ganzen dürften also diese Orte, Massaua
eingeschlossen, etwa 3500 Seelen haben. Die Verhältnisse des Handels
hoben sich insofern etwas, als abessinischerseits der Export zu Lande
nach Bogos zu (Suakin) vollständig geschlossen ist. Aber bei dem noch
immer herrschenden Kriegszustand zwischen Aegypten und Abessinien sank
der Verkehr, das Kommen der Karavanen, der Zufluss von Waaren aus
Abessinien auf ein Viertel oder noch weniger herab, im Verhältniss zu
dem, was unter normalen Verhältnissen auf den Markt gebracht werden
müsste. Wachs, Butter, Häute, Felle, Kaffee, manchmal Getreide ist
das Einzige, was die Abessinier bringen, und zwar darf vom Innern her
alles nach Massaua gegen einen geringen und, wie ich glaube, etwas
willkürlich erhobenen Zoll eingeführt werden. Erst beim Verladen
nach auswärts erhebt die Douane eine Abgabe. Unter diesen Umständen
leidet die Importation auch, obschon über Massaua Güter eingeführt
werden, welche für den localen Consum, sowie für die umliegenden
Oerter, z.B. Arkiko, und die jetzt ägyptischen Provinzen Bogos,
Mensa nothwendig sind. Ja, selbst manche Waaren gehen von hier nach
Kassala und Gedaref. Man importirt ausser den Artikeln für Europäer
und ägyptische Beamte (hierher gehören z.B. Möbel und fertige Kleider
aller Art, Kochgeschirr, Steingut, kurz alles, was die Europäer
brauchen, auch Conserven u.s.w.), Baumwollstoffe, Seidenwaaren, Tuche,
Brocatstoffe (diese werden von den Banianen aus Indien eingeführt:
höchstwahrscheinlich lyoner Fabrikat; einen merkwürdigen Umweg machen
also diese Stoffe, um nach Massaua und Abessinien zu kommen; die
in Massaua lebenden Europäer gingen übrigens damit um, sich diese
Stoffe direct zu verschaffen) und rothe Garne, welche, früher von
England bezogen, jetzt auch Monza in Italien liefert. Ja, es ist
den Italienern sogar gelungen, die Nationaltracht der Abessinier,
die Schama (ein breites weisses Baumwoll-Umschlagtuch mit rothen
breiten Streifen) herzustellen. Aber ich glaube kaum, dass sie damit
in Abessinien sich ein grosses Feld erobern werden, da der Preis,
drei Maria-Theresienthaler das Stück, für abessinische Verhältnisse
zu theuer ist.[22] Auch Wein, Liqueure, schlechter Schnaps, Bier,
Petroleum, Oel wird importirt, von diesen aber nur der Schnaps und
nur in geringen Mengen weiter befördert. Deutsche Waaren kommen gar
nicht auf den Markt, denn selbst das Bier ist österreichisch. Mit
den griechischen Kramläden ist gewöhnlich ein Wein-, Schnaps- und
Bierverkauf verbunden. Auch türkische Kaffeehäuser gibt es, und am
Wasser befindet sich eine Art von Gasthof, den ein Grieche eigentlich
nur für abessinischen Besuch einrichtete, worin aber gelegentlich auch
Europäer Unterkommen suchen, wie denn zu meiner Zeit zwei französische
Offiziere dort abgestiegen waren. Arme Leute, wie schon so viele vor
ihnen, kamen sie aufs gerathewohl nach Massaua, um in Abessinien
Dienste zu nehmen, dort ihr Glück zu suchen! Aber waren Herr und Frau
Lombard, welche mit mir gekommen waren, nicht in ähnlicher Lage?
Erwähnt wurde schon, dass Frankreich eine Mission in Massaua unterhält,
welche aus vier Geistlichen besteht, abhängig von der viel grössern
Mission der katholischen Kirche in Keren. Die Messe wird täglich,
Hochamt Sonntags gefeiert, und auch Abessinier nehmen am Gottesdienst
theil. Die Gebäude der französischen Geistlichkeit sind geräumig,
massiv und schön gelegen. Die Missionare haben ihre eigene grosse
Cisterne (eine von den alten Cisternen, deren noch mehrere in der Nähe
der Mission vorhanden sind und heute noch benutzt werden; Heuglin
meint, sie seien persischen Ursprungs, der Anlage und Bauart nach würde
ich sie eher zu den griechischen oder römischen rechnen), welche ihnen
fürs ganze Jahr Wasser liefert.
Das gesellige Leben in Massaua ist gleich Null. Kein Mensch geht in
Gesellschaft. Wohin sollte man auch gehen? Die Europäer besuchen
manchmal ein türkisches Kaffeehaus, um eine Tasse Mokka zu trinken; sie
gehen zu irgendeinem Griechen, um ein Glas Absinth oder eine Flasche
Dreher zu trinken; oder sie gehen zum Pascha, zum liebenswürdigen
Postdirector Habib Schiavi, zum Director der Douane, wo sie eine
Cigarrette und Tasse Kaffee bekommen. Das ist alles. Abends wird wol
ein Spaziergang oder ein Spazierritt gemacht nach Hotumlu und einzelne
thun sich zusammen, um am nahen Gedem oder sonstwo in der Ebene zu
jagen.
Ueber die eingeborene Bevölkerung, unter welcher Bezeichnung ich,
abgesehen von den ruhigen und anscheinend theilnahmlosen Banianen,
hier alle die verstanden haben will, welche nicht Europäer sind,
also Abessinier (und es haust immer ein guter Theil Abessinier in
Massaua und Umgegend), Schoho und andere Küstenbewohner, berichten die
Reisenden nicht viel Gutes. Namentlich wird viel über das zügellose
Leben in Massaua geklagt. Möglich, dass die Ausweisung sämmtlicher
Herumtreiber aus Massaua und umliegenden Orten andere Verhältnisse
schuf: ich fand in Massaua die Bevölkerung nicht schlimmer als
anderswo, jedenfalls besser als in andern +grossen+ Hafenstädten.
Das Klima, wenn auch im Sommer die Hitze unerträglich wird und
besonders nachts wegen der dann stets herrschenden Windstille sich
zu einem wahren Martyrium für alle steigert, rühmt man als gesund,
namentlich auch, weil es frei ist von epidemischen und ansteckenden
Krankheiten. Die Jahresdurchschnittswärme dürfte etwas über 30°
betragen, die des Sommers vielleicht 45°. Es regnet jährlich viel in
Massaua, und die Feuchtigkeit der Luft ist selbstverständlich enorm.
Hiermit glauben wir über Massaua gesagt zu haben, was sich im Jahre
1881 über diesen Ort berichten liess. Was mich persönlich anbetrifft,
so siedelte ich nach Beendigung meiner Einkäufe nach Hotumlu über.
Dort, in der Nähe, wo einst die Herzogin von Koburg-Gotha campirte,
liess ich meine Zelte aufschlagen und entfaltete die deutsche Flagge.
Und stattlich genug nahm sich das Lager aus, denn die ägyptische
Regierung lieh mir bereitwilligst noch ein grosses Offizierszelt,
sodass ausser meinem doppelbedachten Riesenzelt, welches 30 Fuss im
Geviert hatte, mein Lager noch vier andere Zelte aufwies. Ehe ich
aber in der Entwickelung meiner Mission fortfahre, müssen wir einen
Rückblick werfen auf die allerneueste Geschichte Abessiniens, um daraus
zu ersehen, +was+ mich eigentlich nach diesem Lande führte.
ZWEITES KAPITEL.
NEUESTE ABESSINISCHE GESCHICHTE.
Veranlassung der Reise. -- Negus Johannes. -- Dessen Brief an den
englischen Feldherrn. -- Sein Vertrag mit Lord Napier. -- Johannes
und Gobesieh. -- Schimper’s Bericht über Johannes’ Krönung. --
Munzinger’s Ehrgeiz und Emporstreben. -- Chedive Ismaël’s Lob. --
Aegyptens Feldzug gegen Abessinien. -- Johannes und seine Armee.
-- Die Schlacht im Abgrunde von Gudda-Guddi. -- Munzinger’s Tod.
-- Abermals Aegypten gegen Abessinien. -- Prinz Hassan. -- Die
Schlacht von Gura. -- Hassan’s Flucht.
Meine Reise nach Abessinien geschah im Auftrage Sr. Maj. des Deutschen
Kaisers. Der Negus Negesti hatte verschiedenemal an unsern Kaiser
geschrieben, um Vermittelung bittend in seinem Streit mit Aegypten,
und in der unserm Herrscher eigenthümlichen Leutseligkeit beschloss
derselbe ein Antwortschreiben abzuschicken und, um dieser Höflichkeit
noch mehr Ausdruck zu geben, dasselbe durch einen besondern Abgesandten
überbringen zu lassen. Posten gibt es ja auch in Abessinien nicht. Und
es war ja ganz natürlich, dass des Kaisers Wahl auf mich fiel, da ich
ja vor Jahren schon einmal, wenn auch nur auf kurze Zeit, Abessinien
besucht hatte. Ich begleitete die britische Expedition gegen König
Theodor nach Abessinien. Mir kam diese Reise jedoch ganz unerwartet.
Eben erst war ich von meiner Kufra-Expedition heimgekehrt. Aber hier
galt kein Zaudern, und als eines Tags der Fürst-Reichskanzler mich
kommen liess und mir die Mittheilung machte, mich bereit zu halten zu
einer Reise nach Abessinien, fragte ich weder nach dem Wann und Warum,
sondern stellte mich sofort zur Verfügung.
Um aber den ägyptisch-abessinischen Feldzug verstehen zu können,
müssen wir zurückgreifen auf die Geschichte des abessinischen Kaisers
selbst, welche zugleich die Geschichte des Landes ist, soweit uns die
Nachrichten über denselben vorliegen. Der Negus ist unzweifelhaft aus
alter und guter Familie. Seine sämmtlichen nähern und entferntern
Anverwandten haben das Prädicat Lidj, d.h. sie gehören dem höchsten
Adel an. Mit der alten Kaiserfamilie dürfte kaum andere Verwandtschaft
existiren als entfernt cognatische, obschon Johannes II. ebenfalls
seinen Ursprung bis auf Salomo zurückführt.