Welchen Gefahren übrigens die mohammedanischen Pilger ausgesetzt sind

auf ihren langen Wanderfahrten, davon gibt folgende mir vom Kapitän

mitgetheilte Thatsache den Beleg. „Denken Sie sich“, hub er an, „da

tritt gestern ein Grieche, welcher diese Menschenfracht vermittelt und

der ganzen Pilgergesellschaft als Agent dient, an mich heran mit den

Worten: ‚Wir könnten ein Geschäft machen, Commandant.‘ -- ‚Wie so?‘

-- ‚Geben Sie mir die Erklärung, dass Sie nur nach Yanbo[8] führen,

und die Sache ist gemacht. Ich theile das dem Schich der Pilger mit,

und Sie werden finden, dass er sich auf der Stelle bereit erklärt, für

jeden Pilger 10 Thaler mehr zu zahlen, als für die Fahrt nach Djedda

ausbedungen ist. Mit diesen mohammedanischen Hunden braucht man es

ja so genau nicht zu nehmen. Eine Entdeckung ist nicht zu fürchten;

unter diesen verdammten Halbmondsanbetern versteht kein einziger eine

europäische Sprache, und schriftlich wird ja nichts abgemacht zwischen

uns und ihnen. Für mich würde ich mit einigen hundert Thalern zufrieden

sein, der ganze Rest ist für Sie, Commandant.‘ -- Ich erwiderte dem

griechischen Lump kurz, ich sei von Rubattino angewiesen, +direct+

nach Djedda zu fahren, und drehte ihm den Rücken. -- Sie staunen“,

setzte er hinzu, „dass ich diesem saubern Agenten keinen Fusstritt

gegeben habe, aber man muss Scenen an Bord vermeiden, und bei der

Concurrenz, welche zwischen den verschiedenen Linien herrscht,

muss man oft genug Bosheiten und Ungerechtigkeiten stillschweigend

ertragen, um die Fracht für die Zukunft nicht zu verlieren.“ -- Aber

man sieht hieraus, welchen Gefahren die Pilger ausgesetzt sind,

seitdem Speculanten sich der Beförderung derselben bemächtigt haben.

Vom culturellen Standpunkt aus sollte man ja eigentlich nur wünschen,

dass die Pilgerreisen nach Mekka, Lourdes, Allahabad, Kevelaer,

Kerbelah, Jerusalem, Rom und wie alle andern Städte und Ortschaften

heissen mögen, aufhörten. Nutzen und Segen für die Menschheit haben

sie nicht gehabt, erweislichermassen sind sie aber oft genug Ursache

verheerender Krankheiten gewesen, Krankheiten, welche nicht nur sich

auf die Pilgerkreise beschränkten, sondern mittels derselben auch der

übrigen Menschheit Verderben brachten. Aber was ist zu machen gegen

Gewohnheit und Gewinnsucht? Nur Aufklärung kann hier helfen, und

schliesslich muss man sich mit dem Gedanken trösten, dass trotz des

erleichterten Verkehrs, trotz des viel billigern Reisens das Pilgern zu

obengenannten und andern religiösen Sammelplätzen stets mehr abnimmt.

Statistisch lässt sich das nachweisen. Eines Tages werden sich statt

der verschiedenen Völker, die den Islam bekennen, in Mekka auch die

Anthropologen versammeln, und wir zweifeln gar nicht, dass dies,

wennschon erst in unabsehbarer Ferne, geschehen wird. Hätte im Anfang

dieses Jahrhunderts ein christlicher Europäer auch nur irgendeine

Moschee der Gläubigen betreten können? Seit dreissig Jahren besuchen

die Europäer, ohne belästigt zu werden, die Moscheen Kairos, und eine

der heiligsten Bethallen der Mohammedaner Nordafrikas, die grosse

Moschee von Kairuan, ist jetzt einem jeden geöffnet.

Endlich kamen die hohen Berge Arabiens in Sicht. Ich war enttäuscht,

aber angenehm. Ich hatte mir die arabische Bergkette nicht so hoch und

malerisch vorgestellt, und nun zeichneten sie sich immer klarer am

durchsichtigen Himmel ab. Die zackigen, wunderbar wilden Zerklüftungen

wurden schon dem blossen Auge sichtbar und, wenn auch baumlos, konnte

doch die Küste hinsichtlich der Bergformen in jeder Beziehung mit der

süditalienischen einen Vergleich aushalten. Bald lag Djedda vor uns.

Wer zum ersten mal aus den grossen Culturländern Deutschland,

England, Frankreich u.s.w. nach dem Süden kommt, wundert sich über

die lärmende Zudringlichkeit der Fachini von Genua, über das Geschrei

der Lazzaroni Neapels oder, wer gar nach Nordafrika kommt, über die

Handgreiflichkeiten der Araber und Neger, der Fellachen und Berberiner

in Alexandria, Port Said u.s.w. Es scheint aber, dass mit der Glut der

Sonne sich die Heissblütigkeit der Bewohner steigert. Und Djedda liegt

schon südlich vom Krebs!

So war denn unser Dampfer, sobald das Herabhissen der gelben Flagge das

Zeichen zur _libera pratica_ gegeben hatte, sofort auch von grossen und

kleinen Booten umschwärmt, und bald wimmelte es auf Deck von stämmigen

Maschobsträgern schwarzer, brauner, gelber und weisser Hautfarbe.

Welch ein Gewirr, welch ein Durcheinander! Zum Glück war ihnen, wie

den Javanesen, welche sich mit uns an Bord befanden, das Hinterdeck zu

betreten verboten, und von der Brücke des Dampfers konnte man in Ruhe

und ohne belästigt zu werden dem Entwirren des menschlichen Knäuels

beiwohnen. Wie das vor sich ging, spottet jeder Beschreibung. Das

Durchhauen des Gordischen Knotens konnte nicht schneller von statten

gehen.

Hatten sie sich verständigt, war irgendeine Uebereinkunft geschlossen

zwischen den Pilgern und den Bootsbesitzern? War überhaupt in der

kurzen Zeit eine Verständigung möglich gewesen? So meine Frage. Aber

beantwortet, praktisch wenigstens, wurde sie erst, als ich ans Land

ging und dort wahrnahm, dass die Javanesen noch am selben Abend

mit ihren Habseligkeiten der heiligen Kaaba in Mekka zupilgerten.

Aber jetzt flogen Koffer und Kisten über Bord, Töpfe aus Steingut

zerbrachen vor ihrer Ankunft in der Jolle, Säcke mit Reis barsten und

vermischten ihren körnigen Inhalt mit der Ghee (flüssige Butter, wie

solche fast ausschliesslich in Indien im Gebrauch ist) am Boden des

Bootes. Dazwischen flogen vom Dampfer herab Sonnenschirme, Fächer aus

Bambus, Vogelbauer mit lebendigem Inhalt aus der Papagaienwelt, Packete

mit Kleidungsstücken, lose Kleider, Turbane, Teppiche, Decken und

Matratzen. Die armen Asiaten hatten gut jammern, schreien, fluchen,

sich sträuben -- es half nichts. Drohen und schlagen richtete erst

recht nichts aus. Was wollten die Schwächlinge machen gegen die

muskulösen Hafenamphibien Djeddas? Stets wurden sie zurückgetrieben.

Und als endlich alles Leblose und verschiedene den Pilgern gehörige

Thiere vom Dampfer auf wunderbar schnelle Weise in die Leichterschiffe

befördert worden waren, kamen sie selbst an die Reihe. Und fast ebenso

schnell spedirte man sie über Bord. Was kümmerte es die rohen Leute,

ob die Pilger gerade in die Jolle kamen, welche ihr Privateigenthum

barg, wenn jeder der erstern nur eine rechte grosse Zahl der Gläubigen

erhaschte: der Bezahlung wegen.

Um die Hunderte von Pilgern nebst allem Gepäck abzuladen, war kaum eine

halbe Stunde verflossen. Wir selber mietheten nun auch ein Boot, um

zur Stadt zu fahren. Mir lag besonders daran, einen Brief auf die Post

zu geben. War aber eine solche in Djedda? Es lagen noch verschiedene

grosse Dampfer auf der Rhede, Consulate sind in Djedda vorhanden, und

das englische und holländische (dies wegen der indischen Pilger) sogar

bezahlte Consulate. Also eine Post muss da sein. Es war mittags, das

Amtszimmer geschlossen, ein Briefkasten nicht vorhanden, aber einer

der Unterbeamten, welcher in einer Veranda seinen Kef abhielt, belehrte

uns, wir sollten nur getrost den Brief und was immer -- Briefmarken

hatten wir von Aegypten mitgenommen -- durch einen Spalt im Fenster

schieben, es würde schon besorgt werden. Meine Briefe, wie ich später

erfuhr, sind denn auch in der That alle gut übergekommen. Die Post ist

nicht türkisch, sondern ägyptisch.

Djedda[9], altes Grossmütterchen, ich hatte gar nicht vermuthet, eine

so stattliche Stadt in dir zu finden! Vom Landungsplatz führt gleich

eine verhältnissmässig breite Strasse, mit zahlreichen Restaurants,

türkischen Kaffeehäusern und Schnapskneipen eingerahmt, in das

Innere der Stadt. Die Schnapsverkäufer, welche auch schlechtes und

gutes Bier (deutsches von Dreher oder Puntingham) verkaufen, sind

alle griechischer Nationalität. Grosse ansehnliche, mehrstockige,

blendend weisse Gebäude überragen überall die Strassen, von denen

die hauptsächlichsten, namentlich die, welche die Bazare bilden,

mit Bretern, auch wol Zweigen, zum Schutz gegen die glühenden

Sonnenstrahlen überdeckt sind. Nirgends in der mohammedanischen Welt

gibt es so schöne und kunstvoll geschnitzte Muscharabiehn als in

Djedda. Die Kunst, schöne durchbrochene Holzgitter herzustellen, hat

sich von Syrien und Aegypten nach Arabien geflüchtet. Denn in den

Städten der erstern beiden Länder existirt sie nicht mehr. In den

Ländern des Islam, welche jetzt mit den Abendländern in so innigem

Verkehr stehen, braucht man sie nicht mehr: man baut europäisch, man

kleidet sich europäisch, und kaum verschleiern sich die Mislemate noch,

jedenfalls nicht mehr, als es bei uns die europäischen Damen thun,

um ihre Reizlosigkeit dem forschenden Auge zu entziehen. Aber hier

in Djedda[10], wo der fanatische Argwohn gegen alles Fränkische noch

lodert, werden die Frauen und Jungfrauen noch unter strenger Clausur

gehalten, hier so nahe dem Mittelpunkt religiöser Voreingenommenheit,

wo Hass und Wuth gegen Andersgläubige die unsinnigsten Pläne aushecken,

ist alles noch echt und unverfälscht.

Djedda hat stark zugenommen: es ist der bedeutendste Hafen am Rothen

Meere, und nach Aussage und Meinung der dort lebenden Engländer beträgt

die Einwohnerzahl jetzt ca. 15000 und in der Pilgerzeit gegen 20000

Seelen.[11] Und es liegt, wenn man die statistischen Nachrichten

über die Handels- und Schiffahrtsbewegungen untersucht, kein Grund

vor, an dieser Annahme zu zweifeln. Aber die Stadt schien wie todt,

als läge alles im Grabe. Vollkommen ausgestorben. Nur die am Hafen

zurückgebliebenen griechischen Kaufleute brachten noch Leben. Auch hier

indess wenig Verkehr. Das eigentliche Volkselement fehlte ganz und gar.

Jung und alt, reich und arm, Männer, Frauen und Kinder, befanden sich

alle schon seit einigen Tagen in Mekka, in jenem „Harem“[12] Gottes,

das den Ungläubigen zu betreten bei Todesstrafe verboten ist. Führte

sie nun der Gewinn nach irdischen Gütern dahin oder die Aussicht auf

die Freuden des himmlischen Paradieses, welche den Rechtgläubigen nach

je öftern Pilgerrundreisen in desto erhöhterm Maasse verheissen werden

-- Mekka hatte magnetisch alle angezogen.

[Illustration: Plan des Friedhofs und Grabmals unserer Mutter Eva.

Nord.

1. Füsse der Eva. 2. Lendengegend der Eva. 3. Kopf der Eva. 4.

Grab der Mutter des Sultans Mahmud. 5. Grab eines Schichs. 6.

Grabgebäude der Eva. 7. Eingangsgebäude zum Friedhof. 8. Beliebige

Gräber. 9. Friedhofsmauer. 10. Mauer, um die Gebeine der Eva zu

bezeichnen.]

Ein kleiner Bube, den Stecker und ich mietheten, um uns das Grabmal

Eva’s zu zeigen -- die einfachste Pietät erheischte doch den Besuch der

irdischen Grabstätte unserer Stammmutter -- gab aber wol die richtigste

Erklärung für die Abwesenheit der Djeddenser: „Mein Vater hat sich als

Kameltreiber verdungen, mein älterer Bruder ebenfalls, mein Oheim ist

als Wächter mit, meine Mutter kocht für einen pilgernden Türken und

meine Schwester hat sich Soliman, dem Kahiriner, angeheirathet.“[13]

-- „Und du selbst, warum bist du nicht nach Mekka gegangen?“ -- „Ich

bin schon seit langem Hadj“[14], erwiderte der höchstens zwölfjährige

Bengel, „und wenn ich um diese Zeit hier bleibe, verdiene ich viel mehr

als Führer, da fast alle Frengi das Grabmal unserer gnädigen Frau Haua

zu besuchen pflegen und für mich dann immer ein gutes Bakschisch übrig

haben.“ Und das mag wol im Durchschnitt für alle Djedda-Bewohner das

Treibende sein. Das Grabmal der Eva liegt in einem etwas höher als 1

m ummauerten Friedhof, ausserhalb der Stadt, nach Norden zu. Unsere

Ururgrossmutter muss sehr lang gewesen sein, denn der Kopf liegt an der

östlichen Mauer und ist durch einige verkrüppelte Palmen angedeutet.

Eine niedere und etwas mehr als 1 m breite Steineinfassung bezeichnet

die übrige Lage des Körpers, während Bauch und Lendentheile durch ein

kleines Gebäude besonders beschützt sind. In diesem Gebäude zeigt

ein alter Marabut -- gegen ein Bakschisch natürlich -- unter bunten

Tuchüberwürfen einen hölzernen Sarkophag. Er öffnet auch auf Verlangen

-- gegen ein Extrabakschisch natürlich -- ein kleines Kläppchen in

dem hölzernen Sarge. Und auf den Einwurf, dass man nichts bemerke,

zündet er eine Kerze an, und -- gegen ein abermaliges Extrabakschisch

-- leuchtet er hinein, um einem das Herz der Eva zu zeigen. Man

sieht natürlich nichts. Aber das ist auch selbstverständlich: „ein

Ungläubiger ist ja mit Blindheit geschlagen; nur der Moslim vermag

das Herz der gnädigen Frau Haua zu erblicken.“ -- Ist das nun nicht

ein Wunder? Wagt es angesichts einer solchen Thatsache ein Christ noch

zu zweifeln an der Wahrhaftigkeit des Islam? Das westliche Ende der

Kirchhofsmauer bezeichnet die Lage der Füsse der Eva, mithin hatte der

Körper die achtungswerthe Länge von ca. 100 m. Aber schön muss sie

nicht gewesen sein, diese unsere Stammmutter. Denn bei einer so grossen

Länge nur etwas breiter als 1 m gewesen zu sein? Man stelle sich im

Geiste eine solche Pappel vor: eine wahre Vogelscheuche!

Auf dem Friedhofe liegen auch noch einige andere Mohammedaner begraben,

im Gebäude selbst wird sogar das Grabmal der Mutter des Sultans

Mahmud des Grossen, wie die Türken ihn nennen, und das eines frommen

Schich gezeigt, dessen Namen mir leider entfallen ist. Sollte sich

jemand indess dafür besonders interessiren, so könnte sicher eins der

Consulate in Djedda Auskunft ertheilen. Vielleicht würde man übrigens

nicht weit von der Wahrheit ab sein, wenn man aufs gerathewohl sagte,

es liegt dort der Schich „Mohammed“ oder „Abdallah“ begraben.

Etwas Grün sieht man auch auf dem Kirchhofe, wie auch ausserhalb

desselben, namentlich fand ich einige blühende Sennesbüsche. Im

allgemeinen macht aber die Abwesenheit von Grün, der Mangel an

Süsswasser den Aufenthalt in Djedda zu einem entsetzlich trostlosen,

was für die Eingeborenen nur durch die grosse Nähe ihres Sanctuariums

-- Mekka ist 100 km entfernt -- ausgeglichen wird. Hiervon profitiren

aber die Europäer nicht, wenigstens geistig nicht.

Nach einigen Erfrischungen bei englischen jungen Kaufleuten, welche

uns zuvorkommend einluden, ihr „Home“ zu besuchen, gingen wir nach dem

Hafen zurück. Und, o Wunder! Die Javaner rüsteten sich in aller Ordnung

und Eile zum Aufbruch nach Mekka. Ein jeder hatte seine Siebensachen

wiedergefunden. Mochte jenem auch sein ganzer Oelvorrath verloren

gegangen, diesem die Hälfte seines Mehls ausgeschüttet, einem dritten

seine Essschale zerbrochen, einem vierten der Spiegel in tausend

Scherben zerschlagen sein -- das liess sich alles leicht verschmerzen.

Mekka und die Kaaba winkten ja von fern, und damit war ja schon die

Schwelle des Paradieses überschritten. Mochten die Beduinen auch

doppelte und dreifache Taxe für die Kamele fordern, denn diese frommen

Wüstensöhne wussten ja, dass sie fordern konnten, was sie wollten, da

es der letzte Augenblick war, um noch zum Opfer und zum Kaaba-Umgang

rechtzeitig einzutreffen -- auch das liess sich verschmerzen, denn

was bedeutete das Geld im Vergleich zu den in Aussicht stehenden

Freuden des Paradieses! Freude glänzte daher auch auf den sonst so

ausdruckslosen gelben Gesichtern, und uns, den Frengi, warfen sie

verächtliche, mitleidige Blicke zu, als wir unser Boot bestiegen, um

zur Messina zurückzufahren.

Wir mussten jetzt nach Suakin hinüber, das auf der andern Seite an

der afrikanischen Küste in Süd zu Ost gelegen ist. Die Ueberfahrt

war prächtig, die verhältnissmässig kühlen Nächte, durchschnittlich

+25°C., wirkten äusserst belebend nach des Tages Glut, welche man

auszustehen hatte. Die Stadt liegt nicht unmittelbar an der Küste,

sondern man gelangt zu ihr mittels eines ca. 1 km langen natürlichen

Kanals, kaum breit genug, dass zwei Dampfer ausweichen können. Diese

Seeenge läuft in einen Sack aus, und in diesem Wassertümpel liegt auf

einer kleinen fast runden Insel Suakin oder, wie einige auch schreiben

oder sprechen, Suakim. Mit dem Festlande durch einen Damm verbunden,

befindet sich dort gleich der viel bedeutendere Ort Kef. Wenn man die

Gesammtbevölkerung beider Orte auf 5000 Seelen veranschlagen darf, so

kommt wol auf die eigentliche Insel Suakin kaum mehr als der dritte

Theil der Einwohner. Später mehr hierüber.

Hier sind wir aber auf ägyptischem Grund und Boden, wenn auch noch

nicht seit langer Zeit, denn erst 1865 wurde die Stadt nebst den

andern am Rothen Meere von der Türkei an Aegypten abgetreten. Aber man

merkt die ägyptische Herrschaft auch im Schlafe, möchte ich sagen,

an der grössern Toleranz. Namentlich unter der Regierung des vorigen

Chedive gab es wol kein Land auf der Erde, welches sich grösserer

religiöser Duldung erfreute als Aegypten. Während der eigentliche

Handel und die Hauptreichthümer Djeddas sich denn auch in den Händen

der Eingeborenen, der Mohammedaner, befinden, obschon auch diese jetzt

meist mit christlichem oder, wenn man diesen Ausdruck nicht liebt, mit

europäischem Gelde arbeiten, liegt der commercielle Schwerpunkt in

Suakin bei den Europäern.

Meerwärts am Ufer des Eilandes leuchtete uns ein „Hôtel du Soudan“

entgegen und, da ich ohnedies zur Stadt musste, um ein mir zum Verkauf

angebotenes Zelt zu besichtigen, nahm ich dankend die Einladung

des Kapitäns an, mit ihm ans Land zu gehen. Die Stadt macht einen

freundlichen Eindruck; ein kleiner Markt oder, besser gesagt, Platz,

zeigt einige europäische Restaurants, und im gastlichen Hause des Herrn

Braun, eines liebenswürdigen Landsmannes, konnten wir eine angenehme

Ruhepause machen. Herr Braun, welcher Anfang dieses Jahres vorzüglich

unterweisende Aufsätze über die Häfen und Handelsverhältnisse des

Rothen Meers schrieb und im berliner „Export“[15] veröffentlichte,

liess mir darüber nichts weiter zu sagen übrig. Und ich bin überzeugt,

selbst ein Kaufmann, welcher noch länger als Herr Braun in jenen

Gegenden geweilt hätte, würde kein besseres Urtheil als er abgeben

können. Nur gegen Eins möchte ich eine Einwendung erheben.

Herr Braun sagt im „Export“ Nr. 9 vom 28. Februar 1882 in Beziehung

auf Colonisation: „Keinem vernünftigen Menschen, welcher die hier

besprochenen Gegenden kennt, wird es je einfallen, einer deutschen

Colonisation von dieser Seite her nach Afrika hinein das Wort zu reden.

Dagegen sprechen folgende Erwägungen: 1. Sämmtliche Plätze des Rothen

Meers haben als nächste Umgebung und auf viele Meilen ins Land hinein

nur ‚Wüste‘ und gänzlich unfruchtbare Gegenden. Aus diesem Grunde

würde selbst eine allenfallsige Colonie im Innern wegen der zu grossen

Entfernung des nöthigen Schutzes vom Meere her entbehren.“

Wir stimmen im allgemeinen mit Herrn Braun überein, bedauern aber,

dass er unsere neuern Literaturerzeugnisse über Cultivation und

Colonisation nicht genugsam beachtet hat. Und doch ist gerade in den

letzten Jahren ein so reichhaltiges Material[16] in dieser Beziehung

veröffentlicht worden, dass man mit entscheidenden Urtheilen sehr

zurückhaltend sein sollte. Jedenfalls ist es, so competent Herr Braun

in Handels- und kaufmännischen Sachen sein mag, vollkommen irrthümlich,

wir bedauern das sagen zu müssen, dass in der Nähe der Städte des

Rothen Meers nur „Wüste“ sei. Auch die meisten Reisenden, welche von

Massaua aufbrachen, z.B. zuletzt Tagliabue, Matteucci, Vigoni u.s.w.,

sprechen von „Wüste“ (_deserto_), welche zu durchwandern sei, ehe man

das abessinische Hochland erreiche. Aber diese Herren haben ebenso

wenig wie Herr Braun die „Wüste“ gesehen, können also gar kein Urtheil,

wenigstens aus Erfahrung nicht, darüber abgeben, was man unter Wüste

versteht. Ich frage aber einfach, ob man „Wüste“ die Umgebung von

Suakin nennen kann, wo die Botaniker Hunderte verschiedenster Pflanzen

einheimsen, welche dort unter den Mimosen wachsen oder im Schatten

von Euphorbien gedeihen. Oder wo man, ab und zu wenigstens, Ackerbau

treibt und zwar so, dass der Boden durch den Pflug aufgefrischt wird.

Oder wo in nächster Nähe beim Tokar- und Ossip-Fluss (Tokar-Gegend,

eine Niederung) grosse Baumwollanpflanzungen waren und vorzüglich

gediehen? Wenn letztere zu Grunde gingen, ist es sicher nicht in

klimatischer Ungunst oder in mangelhaften Bodenverhältnissen zu suchen.

Der Grund liegt in ganz andern Dingen. Der Barka schwemmt so viel

Wasser jahraus jahrein fort, und die ganzen weiten Ebenen südlich von

Suakin sind so mit Feuchtigkeit durchtränkt, dass es selbst mehrere

Jahre hintereinander nicht zu regnen braucht, und der Boden bleibt doch

feucht. Die Feuchtigkeit des Bodens der weiten Ebene südlich von Suakin

ist eben abhängig von dem abessinischen Regen, von den Niederschlägen

auf Hamasen, Bogos und Mensa, und dort regnet es alljährlich.

Auch wenn Herr Braun unter 2 und 3 sagt: „Die Völkerstämme seien zur

Arbeit und Cultivirung des Landes gänzlich unbrauchbar, und es würde

daher ein grosser Aufwand europäischer Arbeitskräfte erforderlich

sein“, so ist das nicht ganz zutreffend. Die Hinterlandsbevölkerung

am Rothen Meere des afrikanischen Continents treibt Viehzucht und

+Ackerbau+. Und namentlich, wenn es unter Umständen gelänge,

abessinische Ackerbauer zu gewinnen, würde man die Cultivirung des

Landes unter ganz andern Bedingungen beginnen können. Aber, wie gesagt,

in allen übrigen Dingen wird jeder die von Herrn Braun mit Klarheit

entwickelten Ansichten im „Export“ unterschreiben können; auch wir

möchten nach diesen Gegenden namentlich keine Deutschen locken, welche

ihr Vaterland verlassen, um „auszuwandern“. Wer nach den Küsten des

Rothen Meers geht und dort von vornherein sein Glück machen will, muss,

so scheint es, noch aufgeweckter sein als die, welche es in Amerika,

in Australien und Indien versuchen, aber, wie Herr Braun ganz richtig

sagt, es ist Platz für jedermann dort und noch viele ungehobene Schätze

sind zu gewinnen.

Mein Weg, um das vorhin erwähnte Zelt zu kaufen, führte mich durch

das recht belebte Kef nach ausserhalb, wo eine halbe Stunde oder ca.

3 km entfernt ein Grieche eine recht hübsche Farm besass. Als alte

Bekannte begrüssten wir die Calotropis procera, verschiedene Mimosen,

und die nach allen Seiten (Wüste!) reichlich bestandene Landschaft

wurde abgeschlossen durch eine Alpenlandschaft, welche in ihrer

Grossartigkeit schon ganz an Abessinien erinnerte. Namentlich mein

Begleiter, Dr. Stecker, schwelgte in Entzücken, denn im Handumdrehen

konnte er eine schöne Ausbeute an Coleopteren, besonders grossen

Buprestiden und reizenden Cetonien, welche hier auf den Akazien

und Calotropis vorkamen, sammeln, ebenso einige Spinnen und eine

sehr häufige, von den Blättern der Calotropis procera sich nährende

buntgescheckte grosse Accidide.

Als wir abends durch die lange Strasse von Kef zurückkehrten, sahen

wir dieselbe von stolzen Nubiern bevölkert, welche gravitätisch

daherschreitend, in ihrem dicken, wulstigen, schwarzen Lockenhaar

mit der langen hölzernen Spindel geschmückt waren. Hadendoa und

Beschari erinnern im Aeussern und in ihrem Auftreten schon stark

an die Abessinier, mit denen in frühern Zeiten auch wol ein

innigerer Zusammenhang bestand, welcher durch die später eintretende

Verschiedenartigkeit der Religion immer mehr abnahm.

Von Suakin führt eine der Hauptstrassen nach dem Innern von Afrika.

Graf Krokow, Schweinfurth, Junker und verschiedene andere haben sie

durchmessen, ja, nicht lange ist es her, als man ernstlich daran

dachte, von hier eine Eisenbahnlinie ins Innere zu legen. Tags vorher

war noch einer unserer alten Bekannten von Kassala oder doch aus

der dortigen Gegend gekommen: Kapitän Speedy. Derselbe lebte vor

Jahren längere Zeit in Abessinien, war eine Zeit lang nächst Plowden

und Bell Günstling Theodor’s gewesen und hatte sich infolge seines

langen Aufenthalts in Aethiopien die beiden Hauptsprachen des Landes:

Amharisch und Tigrisch, vollkommen zu eigen gemacht. In seinem Drange

nach Abenteuern besuchte er, nachdem er sich mit dem Negus entzweit,

Neuseeland, durchstreifte verschiedene andere britische Colonien und

traf während des englischen Feldzugs wieder in Abessinien ein, um dem

Oberstcommandirenden, Lord Napier, als Dolmetsch zur Seite zu stehen.

Nach Beendigung des kurzen, für England aber so ruhmvollen Kriegszugs,

wurde Speedy zum Gouverneur des jungen abessinischen Prinzen Alamayo

auserwählt.

Was eigentlich die englische Regierung oder vielmehr Lord Napier bewog,

den Prinzen Alamayo[17] nach Indien und England zu bringen, wird wol

stets ein Geheimniss bleiben. Kaum ist anzunehmen, dass der britische

Befehlshaber es that, um den fremden Prinzen nach altrömischer Sitte an

seinen Triumphwagen zu spannen. Wie der Erfolg lehrte, beabsichtigte

man auch nicht, durch ihn später Einfluss in Abessinien zu gewinnen

oder gar ihn selbst auf sein Herrscheramt vorzubereiten. Zudem waren

die Rechte Alamayo’s auf den abessinischen Thron doch eigentlich höchst

zweifelhafter Natur. Kapitän Speedy blieb während sechs Jahren mit dem

abessinischen Prinzen zusammen, dem ausserdem anfangs ein abessinischer

Deftera beigegeben war, um ihm das Amharische schreiben und lesen

zu lehren. Man weiss nicht, weshalb man Speedy die Oberleitung des

abessinischen Prinzen nahm. Er selbst, dem ich zum grossen Theil diese

Mittheilungen verdanke, wusste mir darüber keine Auskunft zu geben.

Alamayo wurde 1874 von Indien, woselbst er bis dahin mit Kapitän Speedy

geweilt hatte, nach England gebracht, um dort seine weitere Ausbildung

zu erhalten. Die britische Regierung liess ihm in der That eine

vollkommen prinzliche Erziehung angedeihen, und namentlich die Königin

von England interessirte sich aufs lebhafteste für den äthiopischen

Prinzen.

Meine Mission nach Abessinien Auf Befehl Sr. Maj. des Deutschen Kaisers im Winter 1880/81 unternommen · 第 2 / 27 段