Die Lage Gondars. -- Theodor plünderte die Stadt. --

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1883 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert; ungewöhnliche und

altertümliche Ausdrücke bleiben gegenüber dem Original unverändert.

Rechtschreibvarianten wurden nicht vereinheitlicht, sofern die

Verständlichkeit des Textes dadurch nicht berührt wird.

Im laufenden Text werden Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö, Ü) mit

ihren Umschreibungen dargestellt (Ae, Oe, Ue); in Passagen in

Versalien (z.B. Bildunterschriften) werden die Umlaute dagegen

direkt verwendet.

Zitate in Zitaten wurden im Originaltext in ‚umgekehrten

Gänsefüßchen‘ (entsprechend den französischen Guillemets) gesetzt,

also «so». Da dies aber in deutschsprachigen Texten zu ungewollten

Zeilenumbrüchen führen kann, wurden diese durch ‚einfache‘

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Besondere Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit

den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

kursiv: _Unterstriche_

gesperrt: +Pluszeichen+

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MEINE MISSION

NACH

ABESSINIEN.

[Illustration: JOHANNES, NEGUS NEGESTI VON ABESSINIEN

NACH EINER ZEICHNUNG VON VIGONI.

Titelbild.]

MEINE MISSION

NACH

ABESSINIEN.

AUF BEFEHL SR. MAJ. DES DEUTSCHEN KAISERS

IM WINTER 1880/81

UNTERNOMMEN

VON

GERHARD ROHLFS.

_MIT ZWANZIG SEPARATBILDERN UND EINER KARTE._

[Illustration]

LEIPZIG:

F. A. BROCKHAUS.

1883.

Das Recht der Uebersetzung ist vorbehalten.

VORWORT.

Das vorliegende Werk enthält in ungeschminkten Worten die Erzählung des

von mir während der so schnell ausgeführten Reise nach Abessinien im

Winter 1880/81 Erlebten.

Im grossen Ganzen ist das alte Aethiopien ein entdecktes Land zu

nennen. Die zahlreichen Reisenden -- zuerst Portugiesen, dann

Engländer, Franzosen und Deutsche, zu denen in jüngster Zeit auch

Italiener sich gesellten -- haben bewirkt, dass wir im allgemeinen

die Bodengestaltung, den Umfang der Seen, den Verlauf der Flüsse und

auch die Höhen der Gebirge Abessiniens mit annähernder Genauigkeit

kennen. Ebenso ist die Geologie des Landes hinlänglich erforscht, wenn

auch über die mineralogischen Schätze Abessiniens, was ihre Fund-

und Lagerstätten anbetrifft, wenig bekannt ist. Wir wissen, dass die

Abessinier Eisen bearbeiten, wie das ja andere afrikanische Völker

auch thun; wo und wie sie es gewinnen, ist uns aber unbekannt. Wir

wissen, dass die Eingeborenen in den südlichsten Theilen des Landes

Goldstaub aus dem Flusssande zu waschen verstehen, aber nicht das Wo,

noch weniger die eigentlichen Lagerstätten des Goldes, welchen die

Flüsse das edle Metall entnehmen. Man behauptet sogar, Steinkohlen

kämen in Abessinien vor, aber auch am Tana-See sind die Gegenden

der eigentlichen Kohlenschichten nicht näher angegeben worden. In

der Flora und Fauna, namentlich unter den kleinern Thieren, dürfte

in Abessinien noch manches Neue zu finden sein. Und damit auch diese

Reise nicht ganz ohne wissenschaftliche Resultate bliebe, hatte Fürst

Bismarck bereitwilligst genehmigt, dass Dr. Stecker, mein Gefährte

nach Kufra, mich begleiten dürfe. Mittlerweile hat seine Reise sich zu

einer eigenen gestaltet. In diesem Augenblick wissen wir, dass es Dr.

Stecker gelungen sei, Abessinien in südlicher Richtung zu verlassen,

und dass er vielleicht schon bald an irgendeiner Stelle am Ocean wieder

auftauchen werde.

* * * * *

Die dem Buche beigegebenen Bilder entstammen zumeist der Feder

Zander’s. Herr Zander, dessen persönliche Bekanntschaft ich während

der britischen Expedition machte, ein geborener Anhaltiner, kam schon

in früher Jugend nach Abessinien, woselbst er den Botaniker Dr.

Schimper, zu gleicher Zeit übrigens auch verschiedene deutsche und

französische Missionare als Gesellschafter vorfand. Zander besass

ein ausgezeichnetes Zeichentalent und hätte bei gehörigem und länger

dauerndem Unterricht gewiss Bedeutendes geleistet. Seine vorzüglich

ausgeführten Federzeichnungen, welche auf den ersten Blick aussehen

wie Radirungen, schickte er ein an den verstorbenen Herzog von Anhalt.

Dessen Sohn, Seine Hoheit der jetzt regierende Herzog, stellte mir mit

grösster Liberalität sämmtliche Originale zur Vervielfältigung zur

Verfügung. Auf den ersten Blick erkennt man, dass Zander vorzüglich

begabt war Landschaften wiederzugeben, während seine Figuren geringere

Geschicklichkeit verrathen. Durch den Anblick der landschaftlichen

Bilder Abessiniens bekommt man aber ein viel klareres Bild von der

Zerrissenheit der Natur, als dies durch detaillirte Schilderungen

möglich sein würde. So etwas lässt sich nur durch den Griffel

wiedergeben. Wie soll man, ohne stets dasselbe oder Aehnliches zu

sagen, die Natur eines Landes schildern, welches bei einer Deutschland

fast gleichkommenden Ausdehnung so wild und zerrissen ist, dass

nirgends ein schiffbarer, nicht einmal ein flössbarer Strom vorkommt?

Zander verstand es auch, die architektonischen Arbeiten der Abessinier

und ihre Ornamentik gut wiederzugeben. Was die Baulichkeiten

anbetrifft, besonders die in und um Gondar, so haben die Abessinier

daran wenig theil: alles ist auf die Portugiesen zurückzuführen. Die

so eigenthümlich crenelirten Mauern, die ganze Anordnung der Gebäude,

die Bearbeitung des Materials, alles zeugt aufs deutlichste von

europäischem Werk. Ausserdem wissen wir das aus der Geschichte.

Original sind die Abessinier durchaus in der Malerei und Ornamentik.[1]

Was die letzere anbetrifft, so erinnert die Ausführung ungemein an

byzantinische Vorbilder. Und es kann ja auch recht gut zugegeben

werden, dass in den ersten Jahrhunderten des Christenthums die

Abessinier an den Quellen der übrigen christlichen Kirchen schöpften.

Abgetrennt nach dem Chalcedonischen Concil von der Gemeinschaft der

übrigen abendländischen und morgenländischen Kirchen -- mit Ausnahme

der koptischen -- waren sie dann auf sich selbst angewiesen und sind

fast ganz ohne weitere Entwickelung auf dem einmal erlangten Standpunkt

geblieben.[2]

Dasselbe gilt von der Malerei. Die Abessinier kamen in der Malerei

insofern den alten Aegyptern um einen Schritt voraus, als sie ihre

Figuren nicht nur im Profil, sondern auch mit dem Gesicht dem Beschauer

zugewendet wiedergeben. Ja, sie machen den sonderbaren Unterschied,

dass sie sich selbst mit dem vollen Gesicht, ihre Feinde -- und stets

sind das Mohammedaner -- von der Seite wiedergeben. So wird denn

auch aus dem beigegebenen Bilde der Schlacht von Gudda-Guddi[3] der

Beschauer leicht die Abessinier von den Aegyptern unterscheiden können,

wenn er weiss, dass die im Profil Dargestellten stets Ungläubige,

dagegen die en face Christen, d.h. Abessinier sind. Natürlich darf

man derartige abessinische Leistungen nicht mit unserm künstlerischen

Maassstab messen, den Culturhistoriker aber werden sie wegen der

Lebhaftigkeit der Auffassung ungemein interessiren.

Kein Volk in Afrika, auch nicht einmal das stets mit dem Abendlande in

Berührung gebliebene koptische, kann Derartiges aufweisen, und wenn

wir in Deutschland, seit Albrecht Dürer hauptsächlich, so riesenhaft

schnelle Fortschritte in der Malerei gemacht haben, so muss man

eben bedenken, dass in Abessinien, abgeschlossen wie es nach aussen

geblieben ist, bis auf diese Stunde jeder Anstoss fehlte, um neues

Leben in die alte Weise hineinzubringen.

Gleich andern halbcivilisirten Völkern leisten die Abessinier

Vorzügliches in der Filigranarbeit. Die Mannichfaltigkeit der Blumen,

Arabesken, Schnörkelchen, Rosetten etc., welche sie in Gold und

Silber herzustellen verstehen, ist wahrhaft bewunderungswürdig. Der

abgebildete Schild[4], Geschenk des Negus Negesti für den Verfasser,

60 cm im Durchmesser, ist von dickem Büffelleder und aussen mit

blauem Sammt überzogen. Die dicken Silberplatten, welche denselben

bedecken, sind von wundervollen Gold-Röschen in Filigran bedeckt. Eine

jede Rosette könnte einer Dame als Schmuck dienen. Reizend ist auch

jener durch zahlreiche Ketten gebildete Halsschmuck, und originell

insofern, als die beiden Schliessstellen verschiedene Formen zeigen:

die eine stellt eine hohle Rolle dar, welche ein Amulet, zugleich aber

auch Moschus aufnehmen kann. Das ebenfalls aus zierlichen Kettchen

gebildete Armband sowie namentlich die goldenen Haarnadeln sind von

vorzüglicher Arbeit. Letztere haben noch den Vorzug, dass sie sowol vom

männlichen wie vom weiblichen Geschlecht getragen werden können. Und

die Phantasie der abessinischen Goldschmiede ist so wenig beschränkt,

dass man nie eine antrifft, welche wie die andere aussieht; gerade

wie im Mittelalter die gothischen Architekten dadurch so grosse

Erfolge erzielten, dass sie ihren Bauten durch Anbringung von tausend

verschiedenen Verzierungen, trotz des im grossen Ganzen einheitlichen

Gepräges, Mannichfaltigkeit zu geben verstanden. Und so haben denn alle

abessinischen Filigranarbeiten denselben Charakter, aber nie gleicht

eine der andern. Es gibt keine Haarnadel, keinen Halsschmuck, kein

Armband, keinen mit Filigran geschmückten Schild, welche genau ein

Vorbild hätten. Ueberall Originalität und Verschiedenheit, nirgends

Uniformität in der Ausführung.

Die zierliche Strohflechterei[4], die schön gedrechselten Hornbecher,

die Thongefässe, die hölzernen Becken, die mit Silber eingelegten

Spiesse, sollen nur im Vorbeigehen genannt werden. In dieser Beziehung

stehen übrigens die Abessinier nicht höher als viele innerafrikanische

Völker. Erwähnung verdienen indess noch ihre Messingarbeiten. Ein

abgebildetes Räuchergefäss aus Messing, wie man es in den Kirchen bei

der Messe anwendet, eine Rassel aus eben solchem Metall und gleichfalls

beim Messdienst gebräuchlich anstatt der kleinen Glocken, welche die

Katholische Kirche vorschreibt, veranschaulichen genugsam, dass auch

in der Gürtlerarbeit die Abessinier einen verhältnissmässig hohen

Standpunkt einnehmen.

* * * * *

Seit Beendung der Reise vergingen ein Jahr und sechs Monate.

Unterdess haben in Aegypten grosse und einschneidende Veränderungen

stattgefunden. Das Land der Pharaonen ist der Machtsphäre des

britischen Leuen unterstellt worden und dem Sultan der Türken so

gut wie verloren. Factisch war ja überdies in den letzten Zeiten,

eigentlich seit der Regierung Mehemmed Ali’s, Aegypten nur insofern

noch dem Sultan unterthan, als es alljährlich so und so viel Tribut

zwangsweise zahlte, so und so hohe Bakschische leistete und bei

gegebenen Gelegenheiten militärische Hülfe schickte, wenn letzteres

von den Westmächten gestattet wurde. Mit der Türkei hat Abessinien

direct schon seit langem nichts mehr zu thun gehabt. Man wird sich

erinnern, dass die Pforte überdies ihre Hoheitsrechte längs der ganzen

Küste des Rothen Meeres an der afrikanischen Seite bis Massaua südwärts

an die ägyptische Regierung abtrat. Mit den Eroberungen südwärts

von Massaua bis zum Cap Gardafui hat die Türkei nie etwas zu thun

gehabt. Geleitet von ehrgeizigen Männern, führte dieselben Aegypten

allein aus. Gordon bestreitet sogar den rechtmässigen Besitz. Ebenso

verhält es sich mit den sudanischen Eroberungen, welche von Aegypten,

obschon es Vasallenmacht ist, unabhängig von der türkischen Regierung

gemacht worden sind. Ismaël hätte sogar, als die Pforte ihn auf Befehl

der europäischen Mächte absetzte, sagen können: die Herrschaft von

Türkisch-Aegypten gebe ich auf, aber das sudanische Aegypten ist von

mir erobertes Gebiet. Er hat es nicht gethan. Gegenwärtig beginnt man,

dasselbe als einen integrirenden Bestandtheil des ägyptischen Reiches

zu betrachten.

Es fragt sich nun, was hat der Negus Negesti von den jetzigen

Machthabern Aegyptens, von England, zu erwarten? Soll der Zustand,

wie er jetzt ist, ewig dauern? Sollen die Grenzgebiete ewig im

Kriegszustande verharren?

Die Sache liegt so: England betrachtete bis zum Hereinziehen Aegyptens

in seine Machtsphäre Abessinien und Aegypten als nicht im Kriege

miteinander befindlich. Die mangelhafte Kenntniss der abessinischen

Zustände in Cairo mochte Sir Mallet bewogen haben, in diesem Sinne nach

London zu berichten, trotzdem oft genug von Mordthaten, Ueberfällen,

Plünderungen ganzer Ortschaften, ja Brandschatzungen ägyptischer

Grenzprovinzen seitens der Abessinier berichtet wurde. Auch die

ausdrückliche Versicherung des Negus Negesti, dass er sich stets als

mit Aegypten im Kriege befindlich betrachte, konnte das britische

Cabinet nicht veranlassen, aus seiner Reserve herauszutreten. Aber

damit, dass England jetzt factisch am Nil herrscht, ist die Sache eine

ganz andere geworden.

Nach festerer Gestaltung der dortigen Verhältnisse kann es nicht

fehlen, dass England eine Stellung zu Abessinien einnehmen muss, welche

binnen kurzem die Frage, ob dieses Land selbständig bleiben oder

britisch werden soll, zur Entscheidung bringt. Will man Abessinien

erhalten, will man dieses Land für die Civilisation der Europäer

gewinnen, dann muss man ihm Zugang zum Meere verschaffen. Ohne das gibt

es keinen Frieden, ohne das kann sich der abessinische Handel nicht

entwickeln, ohne das gibt es keine wahre Cultur. Auf das mehr oder

weniger der Küste kommt es dabei nicht an. Auch ist die Zurückgabe von

Bogos und Mensa ganz gleichgültig, obschon, und mit Recht, der Negus

Negesti dieselbe als einen Ehrenpunkt betrachtet. Aber ein grosses

Volk darf nicht vom Meere abgesperrt bleiben, dadurch wird es zum Tode

verurtheilt.

Wir hoffen, dass Gordon, dieser grosse Philanthrop, von dem man sagt,

dass er in diesem Augenblick auf der englisch-ägyptischen Bühne

erscheinen soll und der so grosse Sympathien für das christliche

Abessinien hegt, diese Sache endgültig regeln wird. Jetzt heisst es:

entweder Abessinien wird britisch, oder vollkommen frei, unabhängig und

gelangt in Besitz einer Küste. Ein Drittes gibt es nicht. Denn wenn

Aegypten jahrelang einen permanenten Kriegszustand an seiner Grenze

dulden konnte, so liegt das in der Natur der ägyptischen Verhältnisse.

Was kümmert es die kahiriner Regierung, wenn so und so viele Menschen

alljährlich umkommen und ermordet werden, falls man nur seine noch dazu

vollkommen unbegründeten Hoheitsrechte aufrecht erhalten kann! Und

namentlich, wenn alles dies so weit entfernt von Cairo vor sich geht.

Aber solche Zustände wird England nicht dulden. Nach Herstellung fester

Zustände in Cairo wird auch Abessinien endlich zur Ruhe kommen.

* * * * *

Ein Wort über die Karte. Sie wurde zuerst in Petermann’s

„Geographischen Mittheilungen“ veröffentlicht, und ist speciell von

Hassenstein gefertigt, welcher von den vielen Schülern, die Petermann

herangebildet, als einer der ausgezeichnetsten bezeichnet werden darf

-- „ein junger Veteran“, wie Petermann ihn selbst vor nunmehr 20 Jahren

nannte. Die Karte enthält nicht nur die eigenen Beobachtungen, sondern

alles, was bis 1882 über Abessinien als neu zu vermerken war, ist mit

verwerthet worden.

Zum Schluss noch ein Wort über die Schreibweise der abessinischen

Namen. Ich habe den Grundsatz befolgt, welcher ja auch noch in diesem

Sommer auf dem Allgemeinen Französischen Geographencongress als der

allein richtige anerkannt wurde, die Namen so wiederzugeben, und zwar

in deutscher Weise, wie ich sie hörte. Dass dabei Irrthümer unterlaufen

können, soll nicht geleugnet werden: das Auffangen und Hören der Wörter

ist eben eine zu individuelle Sache. Aber wenn ich Aksum oder Uadaï

schreibe, habe ich nichts dagegen, wenn der Franzose Aksoum und der

Engländer Wadaï schreibt. Als Deutscher aber schreibe ich Abessinien,

Aethiopien, Aegypten, nicht Abyssinien, Egypten. Selbst nicht einmal

die Italiener würden so knechtisch sein, Abyssinia zu schreiben, sie

geben das Wort durch Abissinia wieder. Weshalb sollen wir denn unsere

Eigenart aufgeben? Ist die deutsche Literatur über Afrika vielleicht

geringer als die der Engländer und Franzosen? Würde es einem Engländer

einfallen, uns zu Liebe Abessinien zu schreiben? Verinternationalisirt

man sich nicht schon ohnedas genug? Also behalten wir unsere

Schreibweise und lassen den übrigen Nationen die ihrige!

WEIMAR, im December 1882.

G. ROHLFS.

INHALT.

Seite

Vorwort. V

ERSTES KAPITEL.

AUF DEM ROTHEN MEERE.

Verhältnisse in Sues. -- Der Dampfer Messina. -- Sturm.

-- Die mohammedanischen Pilger. -- Djedda. -- Das Grabmal

der Mutter Eva. -- Suakin. -- Herr Braun. -- Kapitän

Speedy. -- Alamayo, nicht der einzige Sohn Theodor’s von

Abessinien. -- Die Gemahlin Theodor’s. -- Sklavenhandel.

-- Seit Mehemed Ali Toleranz in Aegypten. -- Massaua. --

Munzinger. -- Ali Risa und Ali ed din. -- Herr Tagliabue.

-- Befestigungen und sonstige Verhältnisse von Massaua.

-- Die französische Mission. -- Klima und Bevölkerung von

Massaua. 1

ZWEITES KAPITEL.

NEUESTE ABESSINISCHE GESCHICHTE.

Veranlassung der Reise. -- Negus Johannes. -- Dessen

Brief an den englischen Feldherrn. -- Sein Vertrag mit

Lord Napier. -- Johannes und Gobesieh. -- Schimper’s

Bericht über Johannes’ Krönung. -- Munzinger’s Ehrgeiz und

Emporstreben. -- Chedive Ismaël’s Lob. -- Aegyptens Feldzug

gegen Abessinien. -- Johannes und seine Armee. -- Die

Schlacht im Abgrunde von Gudda-Guddi. -- Munzinger’s Tod.

-- Abermals Aegypten gegen Abessinien. -- Prinz Hassan. --

Die Schlacht von Gura. -- Hassan’s Flucht. 40

DRITTES KAPITEL.

FORTSETZUNG DER NEUESTEN GESCHICHTE ABESSINIENS.

Menelek von Schoa. -- Aegypten und Abessinien. --

Mitchell’s Gefangennahme. -- Negus Johannes und König

Menelek. -- Gordon Pascha. -- Johannes schreibt an Gordon.

-- Gordon’s Unterredung mit Johannes zu Debra Tabor. --

Johannes schreibt an den Chedive. -- Johannes schreibt an

die Grossmächte Europas. -- Gordon verlässt den ägyptischen

Dienst. -- Gordon’s Brief an die Times. -- Der griechische

Consul Herr Mitzaki. 67

VIERTES KAPITEL.

AUFENTHALT IN HOTUMLU.

Der Berg Gedem. -- An den abessinischen General Ras

Alula. -- Antwort Ras Alula’s. -- Abermals an Ras Alula

und dessen Antwort. -- Die Furcht vor den Abessiniern.

-- Fahrlässigkeit der Orientalen. -- Die für den Negus

Negesti bestimmten Geschenke. -- Besteigung des Gedem.

-- Der Naib. -- Der freundliche Besitzer einer Hütte. --

Zahlreiche Begräbnissplätze. -- Beschaffenheit und Umgebung

des Gedem. -- Affen. -- Je ein geschlachtetes Thier für

Mohammedaner besonders und für Christen (Abessinier)

besonders. -- Die Aussicht vom Gedem. -- Messung des Gedem.

-- Abstieg. -- Vegetation. -- Fauna. -- Der Klippschliefer.

-- Körperbeschaffenheit, Bekleidung, Nahrung der Bewohner.

-- Das weibliche Geschlecht. 87

FÜNFTES KAPITEL.

DIE SCHWEDISCHE MISSION IN HOTUMLU, DIE FRANZÖSISCHE IN

KEREN.

Maltzan über die schwedische und die katholische Mission.

-- Anders der Verfasser. -- Die Kaiser Theodor und Johannes

gegen die Missionare. -- Die französische Regierung daheim

meist freigeistig, draussen orthodox-katholisch. -- Die

Engländer evangelisiren und anglisiren dann. -- Die Wohnung

der schwedischen und französischen Missionare. -- Negus

Johannes’ Unterredung mit schwedischen Missionaren. -- Die

abessinischen Kinder in der Anstalt. -- Schutzlosigkeit

der nichtenglischen und nichtdeutschen Protestanten.

-- Gordon unterstützte die schwedischen Missionare. --

Die französische Mission in Keren. -- Der Abuna der

Abessinier. -- Kaiser Theodor und der Abuna. -- Die Kirche

der französischen Mission in Tigre von den Abessiniern

verbrannt. 108

SECHSTES KAPITEL.

AUFSTIEG ZUM ABESSINISCHEN HOCHLAND UND ANKUNFT IN KASEN.

Das Geleit ägyptischer Soldaten. -- Abschied von

Hassen Bei und den schwedischen Missionaren. -- Die

Vorgegend zum abessinischen Hochland keine Wüste. --

Menschenöde. -- Lagerung im Thal Ailet mit heissen

Quellen. -- Aschuma-Beduinen. -- Zahlreiche Friedhöfe. --

Verabschiedung des ägyptischen Militärs. -- Ansiedelungen

der Aschuma. -- Tropische Vegetation. -- Wunderbare

Fernsichten. -- In Kasen wartet ein Offizier Ras

Alula’s auf den Reisenden. -- Rasttag. -- Dorfmusik.

-- Beschreibung von Kasen. -- Die Geistlichkeit. --

Musikanten. -- In Ras Alula’s Lager. 125

SIEBENTES KAPITEL.

EMPFANG BEIM RAS ALULA UND REISE NACH ADUA.

Ras Alula’s Wohnung. -- Balata Gebro. -- Geschenke. -- Ras

Alula’s Aeusserungen. -- Gebro’s Besuch. -- Das Lager. --

Bewaffnung und Ernährung der Soldaten. -- Herr Lombard.

-- Abschied vom Ras Alula und Gebro. -- Ehrlichkeit der

abessinischen Diener. -- Hauptmann Mariam. -- Der Mareb.

-- Vegetation. -- Das Profitmachen abessinischer Beamten.

-- Sicherheit bei Fortschaffung des Gepäcks. -- Heuglin’s

Irrthum. -- Der Ort Godofelassi. -- Der Abstieg zum Mareb.

-- Gudda Guddi mit den bleichenden Gebeinen. -- Der Mareb.

-- Die Stadt Adua. -- Der Waffenschmied Mr. Baraglion. --

Herr Schimper und Prinz Lidj-Ambe. -- Der Markt in Adua. --

Schwatzhaftigkeit der Abessinier. 142

ACHTES KAPITEL.

VON ADUA NACH SOKOTA.

Der Amben-Bezirk. -- Der Mönch. -- Die dünne Bevölkerung.

-- Die Region des Baobab. -- Die schauerliche Schlucht. --

Anmeldung beim Kaiser. -- Sokota, der grösste Salzmarkt. 165

NEUNTES KAPITEL.

REISE NACH DEBRA TABOR UND BESCHREIBUNG DIESER LANDSCHAFT.

Der hohe Geistliche. -- Die Vorberge des Biala. -- Die

schauderhaften Wege. -- Der hohe Geistliche und die drei

Maria-Theresienthaler. -- Der Takase. -- Im Thal von

Agissa. -- Negus Johannes schickt hundert Mann Ehrenwache.

-- Eine Extrareinigung. -- Schimper nach Debra Tabor voran.

-- Die Furt des Reb-Armes. -- Ankunft in Debra Tabor. --

Die Gebrüder Naretti. -- Debra Tabor nicht Ort, sondern

District. -- Näheres darüber. 186

ZEHNTES KAPITEL.

MEINE AUDIENZEN BEIM NEGUS NEGESTI.

Erste kurze Audienz beim Negus. -- Seine Wohnung. -- Der

Balderaba oder Geschäftsvermittler. -- Die Wohnung des

Grossschatzmeisters. -- Das Riesenzelt. -- Gastgeschenke

des Negus. -- Feierliche Audienz beim Negus. -- Der

Etschege. -- Ueberreichung des Briefes vom Deutschen

Kaiser. -- Seltsame Ansichten des Negus. -- Vorlesung des

Briefes. -- Ueberreichung der Geschenke. -- Die Wichtigkeit

eines seidenen Schirmes in Abessinien. -- Die Bettler. --

Ein Markttag. -- Tägliche Audienzen. -- Der Negus will

den Reisenden zum Friedensvermittler zwischen Abessinien

und Aegypten. -- Günstiges Urtheil über den Negus. -- Die

Wohnung und Stellung Naretti’s. -- Abschiedsaudienz. --

Geschenke des Negus, darunter eine Anweisung auf 4000 Mark,

die der Reisende ablehnt. -- Herr Stecker bleibt bei den

Narettis zurück. 203

ELFTES KAPITEL.

AM TANA-SEE.

Aufbruch des ganzen kaiserlichen Lagers. -- Der Negus

erscheint. -- Die Lagerordnung. -- Reisegesellschaft,

darunter drei vornehme Damen. -- Hundert Soldaten zur

Bedeckung. -- Eintretender Mangel, da die Karavane sich bis

zu 1000 Menschen verstärkt. -- Lieblichkeit der Gegend.

-- Der Aasgeierberg. -- Die erste steinerne Brücke in

Abessinien. -- Ein Waldbrand. -- Lagerplatz dicht am Wasser

des Tana-Sees. -- Beschreibung des Tana. -- Die Kirche auf

der Insel im See. -- Die Soldaten plündern in den Hütten

der Bewohner. -- Aufbruch. -- Der Zolldirector. -- Dembea

die reichste und bevölkertste Provinz Abessiniens. --

Der zu klein befundene Ochs und abermals Plünderung der

Soldaten. -- Ankunft in Gondar. 230

ZWÖLFTES KAPITEL.

GONDAR IM JAHRE 1881.

Die Lage Gondars. -- Theodor plünderte die Stadt. --

Ursachen der verminderten Bevölkerung. -- Der von der

frühern Kaiserfamilie abstammende Knabe. -- Milde des Negus

Johannes gegen Abkömmlinge vormaliger Kaiserfamilien. --

Der Gemp oder das Kaiserschloss. -- Der Eremit auf dem

Thurm. -- Besuch beim obersten Geistlichen. -- Theuere

Marktpreise. -- Gold- und Silberarbeiter. -- Sklavenhandel

in Abessinien verboten, doch noch betrieben. -- Der Vater

des Etschege. -- Zahl und Beschäftigung der Geistlichen. --

Lustschlösser. -- Kirchen. -- Stadttheil der Falascha oder

Juden. -- Die Falascha-Missionare. -- Die Falascha von den

Soldaten geplündert. -- Abschied. -- Der Mönch. 252

DREIZEHNTES KAPITEL.

VON GONDAR NACH AKSUM.

Die drei Regionen Abessiniens. -- Riesendisteln. -- Ein

Kurier mit einem Schreiben des Negus Negesti. -- Eine

Deputation Geistlicher. -- Die Aussicht vom Lamalmon-Berg.

-- Ein Gemeindecomplex mit 1000 Mönchen und 29 Nonnen. --

Die Aebtissin. -- Der Oberst mit seinen Soldaten zieht ab.

-- Bettler zu Pferde. -- Das Flusspferd. -- Der Neffe des

Negus Negesti. -- Streit zwischen Dienern und den Soldaten

des Hauptmanns Mariam wegen eines Mädchens. 281

VIERZEHNTES KAPITEL.

AKSUM IM JAHRE 1881.

Lagerung vor Aksum. -- Nachts bei Regen ein Unfall. --

Nicht Opferstein, sondern Königsstuhl. -- Keine Obelisken,

sondern Stelen. -- Eine noch nicht veröffentlichte

Inschrift. -- Die Wohnung des Negus Negesti. -- Die lästige

Rotte Jungen und Mädchen. -- Gefesselte Knaben. -- Der

Nebreïd von Aksum. -- Besuch der Metropolitankirche. --

Musikanten. -- Besuch beim Nebreïd in der Kirche. --

Beschreibung seiner Umgebung und der Kirche. -- Unterredung

mit dem Nebreïd. -- Abschied von Aksum. -- Priester mit

Geschenken des Nebreïd. -- Die Einwohnerschaft Aksums. 295

FUNFZEHNTES KAPITEL.

VON AKSUM NACH MASSAUA.

Geburtstag des Deutschen Kaisers und die dabei aufgeführten

Spiele. -- Mr. Baraglion. -- Herr Abarguez de Sosten.

-- Ein abessinisches Bad und seine Aerzte mit ihren

Mitteln. -- Aeusserst wenige Geisteskranke und körperlich

Verkrüppelte in Abessinien. -- Ein Räuberhauptmann.

-- Eine merkwürdige Begegnung. -- General Gebro. --

Eine Gerichtssitzung. -- Gefangennahme mehrerer Diener

des französischen Consuls. -- Das Bisen-Kloster und

dessen Beschreibung von Alvarez. -- Das Thal von Genda.

-- Zurücksendung der abessinischen Bedeckung. -- Der

Gouverneur von Massaua sendet freundlichst eine Compagnie

Soldaten entgegen. -- Ein mächtiges Gewitter. -- Ankunft in

Massaua. -- Schmerzlicher Abschied von den Abessiniern. --

Ein Beispiel von Anhänglichkeit abessinischer Diener. 312

SECHZEHNTES KAPITEL.

RÜCKREISE.

Fürchterliche Hitze auf dem Rothen Meere. -- Die jungen

Engländer. -- In Suakin. -- Herr Gessi an Bord. -- Die

Geschichte seines Unglücks. -- Sues im Festkleid. --

Chedive Tewfik. -- Ankunft in Berlin. 338

Register. 342

VERZEICHNIS DER ABBILDUNGEN.

Johannes, Negus Negesti von Abessinien Titelbild

Schlacht bei Gudda-Guddi 56

Euphorbia Kolqual oder Kandelaberbaum 151

Blick auf die Alpen Semiens 165

Samara, Residenz des Negus Negesti in Debra Tabor 195

Amara Gedell 236

Am Tana-See 240

Gondar mit dem Gemp (Kaiserschloss) 252

Kaiserliches Gebäude in Gondar 260

Quosquam, Ruine des kaiserlichen Lustschlosses 271

Brücke über den Magetsch in der Nähe von Gondar 281

Riesendistel, Echinops giganteus 282

Lamalmon-Berg 284

Musicirender Abessinier 304

Moderne Kunst in Abessinien. 2 Tafeln.

Abessinische biblische Darstellungen.

Ornamentik aus dem Innern abessinischer Kirchen. 2 Tafeln.

Probe eines vom Negus an den Verfasser gerichteten amharischen

Briefs mit dem Staatssiegel.

KARTE.

Gerhard Rohlfs’ Expedition nach Abessinien vom November 1880 bis

April 1881.

ERSTES KAPITEL.

AUF DEM ROTHEN MEERE.

Verhältnisse in Sues. -- Der Dampfer Messina. -- Sturm. -- Die

mohammedanischen Pilger. -- Djedda. -- Das Grabmal der Mutter Eva.

-- Suakin. -- Herr Braun. -- Kapitän Speedy. -- Alamayo, nicht der

einzige Sohn Theodor’s von Abessinien. -- Die Gemahlin Theodors.

-- Sklavenhandel. -- Seit Mehemed Ali Toleranz in Aegypten.

-- Massaua. -- Munzinger. -- Ali Risa und Ali ed din. -- Herr

Tagliabue. -- Befestigungen und sonstige Verhältnisse von Massaua.

-- Die französische Mission. -- Klima und Bevölkerung von Massaua.

Sues jetzt und Sues vor 15 Jahren, welch ein Unterschied! Zur Zeit

der Erbauung des Kanals, als in Aegypten die Baumwollenerträgnisse,

die grossen Unternehmungen des vorigen Chedive gewaltige flüssige

Geldmittel in Umlauf brachten, machte sich dies am meisten fühlbar in

den Städten am Kanal: Port Said, Sues und Ismailia. Namentlich in Sues

herrschten amerikanische, ja fast californische Zustände. Und noch

grösseres Leben entwickelte sich in dieser Stadt durch die englische

Expedition nach Abessinien, wenn auch nur während eines Winters.

Im Winter 1867/68 bot Sues in der That das Bild einer Hafenstadt

ersten Ranges. Die Gasthöfe, namentlich das wegen seiner vorzüglichen

Einrichtung bekannte Sueshotel, waren derart überfüllt, dass nachts

die Gäste in den grossen Sälen campiren mussten; Theater, Ballerinen

mit Gagen, so hoch, wie sie auf den ersten Hofbühnen Europas nicht

gezahlt wurden, sorgten für Augenweide, während rauschende Concerte

das Ohr befriedigten. Aber -- gerade wie die Hunderte von Spielhöllen

-- konnte man die Tempel Terpsichore’s und Apollo’s nur besuchen mit

dem „Revolver“ in der Hand. Auf der Rhede aber lag eine Flotte von

Kriegsschiffen und Transportdampfern.

Und jetzt? Im Jahre 1881/82? Die Einwohner von Sues vermehrten

sich nicht; im Gegentheil, 1867 war die Zahl der Seelen viel

bedeutender, aber es gewann eine festere Gestaltung: die Strassen

sind vorgezeichnet, die Gebäude nehmen mehr das Aeussere europäischer

Häuser an, mit einem Worte, die Stadt erhielt einen mehr gesitteten

Zuschnitt. Geld und Revolver herrschen nicht mehr. Der obwol nach

Sues benannte Kanal übt doch auf die Stadt geringen Einfluss aus: die

Schiffe passiren meist, ohne sich um die Stadt zu kümmern, durch den

Kanal, welcher östlich bei Sues vorbeigeht und dann weit südlich davon

ins Rothe Meer oder, genauer, in den Busen von Sues ausmündet. Bis

zur Mündung geht allerdings die Eisenbahn, welche von Kairo kommt.

Und hier, wo der Hafenmeister wohnt und Marineetablissements sich

befinden, haben sich denn auch schon Private, namentlich Restaurateure,

niedergelassen. Ja, an diesem vorgeschobenen Punkte entstand am 31.

Januar 1882 eine Schule und eine neue Stadt: „Port Tewfik“. Obschon

dieselbe voraussichtlich in nicht langer Zeit +eine+ Stadt mit

Sues bilden wird, entfernt sich dadurch das heutige Emporium doch immer

mehr von der Lage des einstigen Hafens Arsinoë.

Unserm deutschen Consul verdanke ich folgende neueste statistische

Nachrichten über Sues: Was die Einwohnerzahl anbetrifft, so liegt

keine officielle Angabe vor. Eine solche lässt sich überhaupt in

mohammedanischen Ländern nicht erzielen, selbst nicht in den Ländern

des Islam, welche unter europäischer Herrschaft sind. Herr Meyer, der

deutsche Consul, schätzt die Gesammtzahl von Sues auf 10000 Seelen.

Meiner unmassgeblichen Meinung nach ist diese Annahme viel zu hoch. Die

europäische Colonie zählt 600-700 Individuen. Sie besteht hauptsächlich

aus Griechen, Engländern, Maltesern, Italienern und Franzosen.

Deutschland hat in Sues nur 10 Angehörige.

Sues selbst producirt nicht, dennoch ist Import und Export nicht

unbedeutend. Die fürs Rothe Meer bestimmten Waaren kommen in Sues auf

der Bahn und dem Kanal, die für Europa bestimmten ausschliesslich zu

Wasser an. Ungefähr drei Millionen Francs jährlich werden in Sues

in Geld umgesetzt. Die Stadt steht in directer Handelsverbindung

mit Djedda, Suakin, Massaua, Hodeida, Marseille, Italien, Syrien,

Triest, Bombay, Madras und England. Von Suakin, dem in Beziehung zu

Sues meistbegünstigten Platz, wurden 1880 in 11000 Collis 2400 Tonnen

importirt, und dahin in ebenso vielen Collis 1200 Tonnen exportirt. Der

grösste Export in 30000 Collis zu 3000 Tonnen fand nach Djedda statt,

während von Hodeida mit 9400 Collis 840 Tonnen importirt wurden. Triest

finden wir mit dem nicht unbedeutenden Posten von 4000 Collis zu 500

Tonnen mit Import und 6000 Collis zu 1200 Tonnen mit Export betheiligt.

England weist allerdings nur 500 Collis zu 200 Tonnen Import und 5000

Collis zu 1000 Tonnen Export auf, aber man muss bedenken, dass Sues

überhaupt nur Durchgangspunkt ist. Das, was von Europa kommt, geht

meistens nach dem Rothen Meere, und umgekehrt. Bombay versorgt das

Rothe Meer mit Korn, Madras mit Indigo. Im ganzen belief sich der

Import auf 46600 Collis zu 6415 Tonnen, der Export auf 66800 Collis zu

8400 Tonnen. Man bringt nach Sues besonders Häute, Kaffee, Weihrauch,

Wachs, Sennesblätter, Elfenbein, Baumwolle, Sesam, Taback, Perlmutter,

Tamarinden, Gummi, Colqual, Indigo, Stoffe, Glassachen, Porzellan,

Steingut, Glasperlen, Conserven, Kurzwaaren, Weine, Schnaps, Mehl,

Metalle, Essenzen, Seife, Zucker, Kerzen, Schwefel, Petroleum, Korn,

Cement, Gewürze, Nahrungsmittel, Papier und Farben.

Im Jahre 1881 beobachtete man im Schatten ein Maximum von +40°4, ein

Minimum von +4°7 C. Die relative Feuchtigkeit betrug 98° Maximum und

12° Minimum. Regen fiel 0,015. Herrschender Wind: Nord. Die Dichtigkeit

des Seewassers bei Sues beträgt 1,039 (die des Mittelmeers 1,026) bei

+28° durchschnittlicher Wärme.

Nach Abessinien, wohin die Reise zum zweiten male gehen sollte -- der

Verfasser begleitete auch die britische Expedition unter Lord Napier --

gehen zwei regelmässige Linien: ägyptische Dampfer und italienische der

Compagnia Rubattino. Mit dem Worte „regelmässig“ soll aber keineswegs

gemeint sein, dass die Schiffe beider Linien am festgesetzten Tage ihre

Abfahrtszeit bestimmt innehalten. Das darf man in diesen Gegenden weder

von der einen, noch von der andern Gesellschaft erwarten.

Am 6. November 1881 ging ich vormittags an Bord der Messina. Unser

freundlicher Consul in Sues, Herr Meyer, hatte uns mit seiner

Dampfbarkasse an Bord gebracht, und für lange Zeit zum letzten

mal erfreuten wir uns an den prächtigen Farben unserer deutschen

Reichsflagge. Obschon in vorgerückter Winterzeit, war es doch

ausserordentlich warm und kaum zum Aushalten, zumal bei vollkommener

Windstille. Nur die Zelte, welche von vorn nach hinten das ganze Deck

beschatteten, gaben etwas Kühlung.

Nichts ist unangenehmer, als plötzlich eintretende Verzögerung in der

vorher festgesetzten Abfahrtszeit, fast noch unangenehmer, als wenn

man bei der Ankunft in einem Hafen plötzlich erfährt, man sei unter

Quarantäne gestellt, auf die man, im Orient wenigstens, immer gefasst

sein muss. Nun aber kam auf einmal die Nachricht, wir hätten eine

Partie von Java kommender Pilger mit nach Djedda an Bord zu nehmen.

Wunderbar genug, wenn man bedenkt, dass der britische Dampfer, welcher

diese Gläubigen an Bord hatte, bei Djedda vorbeigefahren war, ohne sie

zu landen. Aber wiederum erklärlich durch die Quarantäneverhältnisse.

Endlich konnte man den englischen Dampfer am Horizont erspähen. Bald

lagen wir Seite an Seite, und die menschliche Waare wurde herüber

befördert. Keine angenehme Zugabe! Aber glücklicherweise machte doch

keiner unter den Passagieren Anspruch auf die erste Klasse, obschon

einige, welche besser, eleganter, aber nicht reinlicher als die Menge

gekleidet waren, sich absonderten und auf hübschen Teppichen, von all

ihrem Hausgeräth umgeben, eine Sonderstellung einnahmen. Die vollendete

Uebersiedelung dieser indischen Kinder hatte denn auch bald die Abfahrt

der Messina zur Folge, nachdem man vorher eine italienische _colazione_

eingenommen.

Langsam glitten wir dahin, denn auf dem Rothen Meere ist fast immer

gutes Wetter. So sagte uns der Kapitän des Schiffes, ein noch junger

Herr aus der alten italienischen Seestadt Genua. Schon sein Auftreten

erweckte Vertrauen, und sein seemännisches Benehmen wurde aufs

glücklichste durch kindliche Gutmüthigkeit -- die ja ohnehin den

Seemann so gut kleidet -- und ausserordentlich liebenswürdiges Benehmen

unterstützt. Ueberfüllt war der Dampfer nicht: ein französischer

Kapitän mit seiner Gemahlin, der, wie er vorgab, im Auftrage der

französischen Regierung nach Abessinien reiste und oft genug betonte,

„er sei im Besitze eines _passe-port diplomatique_“; einige Kaufleute

aus Suakin und Massaua, griechischer Nationalität; mein Reisegefährte,

Dr. Stecker, und meine Wenigkeit.

Angenehm ist eine Fahrt auf dem _Sinus Arabicus_[5] oder _Mare

Erythraeum_ nicht. Eingeschlossen von zusammenhängenden Gebirgsketten

mit einer durchschnittlichen Höhe von ca. 2000 m hindern diese Berge,

bei der verhältnissmässig geringen Breite des Rothen Meeres, dass

die sich auf der Oberfläche der See ansammelnde Feuchtigkeit aus

diesem fast eingeschlossenen Becken herausgetrieben wird. Man darf

daher das Vorhandensein einer beständigen Luftschicht oberhalb des

Wassers annehmen, vielleicht 100 m hoch oder noch beträchtlich höher,

welche fast mit Feuchtigkeit gesättigt ist. Unser zur Beobachtung

ausgestelltes Hygrometer zeigte während der ganzen Fahrt nie unter

98° relative Feuchtigkeit. Selbstverständlich sieht man dabei nichts

von der Feuchtigkeit, und man beobachtet selten Wolkenformation,

noch seltener Nebel auf dem Rothen Meere, aber man ist doch in einer

äusserst feuchten Luft. Man kann sich einen Begriff davon machen,

wenn man sich in Gedanken in ein Gewächshaus mit tropischen Pflanzen

versetzt, wo man ja ebenfalls die feuchte Luft durchaus nicht „sieht“,

aber die Anwesenheit derselben desto nachdrücklicher auf der Haut

verspürt. Und um so unangenehmer empfindet man diese feuchte Luft,

wenn sich mit derselben eine beständige Wärme verbindet, die fast den

heissesten Gegenden inmitten der Sahara an Stärke nichts nachgibt. Wie

gross übrigens +allerorts+ die Wärme des Rothen Meeres ist, und

zwar im Winter, dafür genügt die allerdings nur durch früher gemachte

Messungen bestätigte Thatsache, dass man stets Badewannentemperatur,

nie unter +28°C. hat.

Verführt durch die bei Herstellung der Karten aussereuropäischer

Länder angewandten kleinern Maassstabe, denkt man sich gewöhnlich das

Rothe Meer nicht so lang und nicht so breit, wie es in der That ist.

Von Sues bis zur Mandeb-Strasse[6] ist dasselbe fast dreimal so lang

als das Adriatische Meer, von Triest bis Brindisi gerechnet. Und einmal

aus dem Busen von Sues heraus und weiter fahrend auf hoher See, kann

man, wenn der Dampfer in der Mitte[7] sich hält, nirgends die doch

keineswegs niedrigen Bergketten sehen, welche auf beiden Seiten das

Rothe Meer begrenzen.

Dazu kommt, dass die guten englischen, französischen und deutschen

Dampfer, welche das Meer von Sues bis Aden, also in seiner ganzen

Länge durchmessen, sehr schnell fahren und diese ganze Strecke in

etwa vier Tagen und Nächten vollenden, dass aber die ägyptischen

und italienischen Dampfschiffe, welche nebenbei die am Rothen Meere

gelegenen Häfen besuchen, mindestens die doppelte Zeit gebrauchen,

um nur nach Massaua zu kommen. Eine entsetzliche Fahrt, bei der man

fortwährend wie in einem türkischen Dampfbad sich befindet.

An Bequemlichkeit, an guter Verpflegung, an Reinlichkeit war auf der

Messina auch kein Ueberfluss. Zum Glück hatte ich mir, was überhaupt

jedem Reisenden anzurathen ist, meinen eigenen Lehnstuhl mit an Bord

genommen. Die stets nach italienischer Art zubereitete Kost war gut

für den, der italienische Küche liebt, bei welcher Oel statt Butter

zu den Speisen genommen wird, welche Fett erfordern. Glücklicherweise

war ich in dieser Beziehung nicht voreingenommen. Auch der Schmuz

hatte nichts Befremdliches für mich, woran man sich ja überhaupt

gewöhnen muss, sobald man afrikanischen Boden betritt oder afrikanische

Gewässer befährt. Nur war es in den Privatkajüten -- Dr. Stecker und

ich besassen eine gemeinschaftlich -- wegen der zu grossen Hitze und

der mephitischen Dünste nicht zum Aushalten. Das Ausgusswasser aus der

Cabine des Schiffsarztes lief in unsere Kajüte hinein! Niemand dachte

an Ausbesserung, auf die sich wahrscheinlich auch niemand verstand.

Aber alles das, die grosse Hitze, die scheusslichen Ausdünstungen, das

oft genug unappetitlich aussehende Essen waren doch nur Kleinigkeiten,

welche man wol bemerkte, über die man sich aber nicht zu ärgern

brauchte.

Nachts schlief man auf Deck, wie das überhaupt auf allen Dampfern,

welche das Rothe Meer befahren, Sitte ist. Passagiere und Mannschaft,

Herren und Damen, Jung und Alt -- jeder liess sich seine Matratze

herauftragen, und unter leichtester Decke gab man sich allabendlich dem

süssen Zustand hin, wo man die kleinen irdischen Unannehmlichkeiten

vergisst.

„Auf dem Rothen Meere ist stets gutes Wetter“, wiederholte oft

genug unser braver Kapitän, der nach französischer Sitte sich gern

„Commandant“ nennen hörte. „Sturm ist auf dem Rothen Meere unbekannt,

ich fahre seit einem Jahre auf und ab und habe noch nicht nöthig

gehabt, auch nur ein einziges mal das Sonnenzelt einreffen zu lassen.“

-- Aber es sollte doch einmal geschehen.

Allabendlich hatten wir übrigens, seitdem wir Sues verlassen, vor uns

im Süden starke Wolkenbildung und glänzendes Wetterleuchten gesehen,

aber die Wolken hielten sich immer weit entfernt unter dem Horizont,

und das Wetterleuchten war der Widerschein meilenweit entfernter

Blitze. Aber am 10. Nov. kamen wir in die Zone der Wolkenbildung,

und das fürchterliche Wetter, welches über und unter uns tobte -- an

dem nämlichen Tage fand das Erdbeben von Agram statt, und auch in

Massaua verspürte man Erschütterungen -- gehörte vielleicht zu den

entsetzlichsten, das man auf hoher See erlebte. Da das Wetter nach

Sonnenuntergang schon anfing bedenklich zu werden, begaben sich alle

Passagiere unter Deck; ich selbst hatte mich gegen 11 Uhr abends aufs

Sofa im Salon ausgestreckt und glaubte, dass das Gewitter, in welchem

wir uns thatsächlich seit mehreren Stunden befanden, ohne besondere

Ausschreitungen vorübergehen würde.

Der Regen war bis dahin mässig gewesen, die Luft angenehm, der Wind

unbedeutend, nur die kolossale Menge der elektrischen Schläge, wenn

auch nicht überlaut, doch durch ihre Häufigkeit auffallend. Und dies

steigerte sich derart, dass bald der ganze Himmel wie ein Flammenmeer

erschien, denn nun folgte nicht ein Blitz dem andern, sondern es war

ein Zusammenrinnen unzähliger Zuckungen. Da, gleich nach 11 Uhr,

erfolgte ein Schlag von so grosser Heftigkeit, dass man sogleich

wusste, man sei im Mittelpunkte des Gewitters. Zugleich schlug der

Regen heftiger herunter, und wenn der Wind sich auch nicht zum Sturm

steigerte, so bearbeitete er doch mit so unregelmässigen Stössen den

Dampfer, dass die Lage des Schiffes um so gefährlicher erschien,

als der Capitano noch immer schlief und das Sonnenzelt anfing sich

loszureissen. Endlich erschien er. „Alle Mann auf Deck!“ wurde

gepfiffen, und trotz der Böen und Wellen, welche anfingen über Bord zu

stürzen, wurde das Zelt bald gerefft und damit eine Gefahr beseitigt.

Die Wuth der Elemente hatte sich aber so gesteigert, dass auch das

Wasser Feuer zu sein schien. Nach dem Sturm, ich muss das besonders

betonen, bestand ringsum das Meer aus nichts als Schaum und Gischt,

noch weisser gemacht durch die unaufhörlichen elektrischen Entladungen.

Wir waren natürlich wieder auf Deck gegangen. Plötzlich rief Hubmer:

„Bemerken Sie die blaue Flamme oben auf dem Mastbaum?“ -- In der

That zeigte sich oben während mehrerer Minuten eine 0,1 m lange blaue

Flamme. So plötzlich, wie sie gekommen, verschwand sie. Das alles

dauerte bis gegen 4 Uhr morgens. Als ich gegen 7 Uhr auf Deck kam,

zeigte sich das Schiff ganz normal, das Meer war vollständig glatt,

die Sonne brannte wie zuvor, und auch die allgemeinen Verhältnisse der

Atmosphäre hatten keine Veränderung, keine Abkühlung erlitten. Das

Thermometer wies um 9 Uhr morgens schon +29° im Schatten.

Ich bin weit davon entfernt, eine Beschreibung des Rothen Meeres geben

zu wollen, dieser alten, seit Eröffnung des Kanals zu neuem Leben

erwachten Heeres- und Handelsstrasse, deren Frequenz sich fast mit

der des „Broadway“, der „Friedrichsstrasse“, des „Strand“ vergleichen

lässt, wenn anders ein solcher Vergleich zulässig ist. Auch will ich

hier nicht untersuchen, warum das Meer das „Rothe“ genannt wird. Seit

Plinius und andern alten Naturforschern und Geographen ist diese Frage

noch so oft aufgeworfen, erörtert und beantwortet worden, ohne jedoch

zum Abschluss gekommen zu sein, dass ich als einfacher Passagier,

denn weiter war ich doch nichts, mir nicht gestatte, zu den vielen

Hypothesen eine neue hinzuzufügen. Auch die, welche der Commandant der

Messina aufstellte: der Name sei deshalb gegeben, weil man sehr oft

grossen Inseln abgestorbenen Seegrases von röthlicher Farbe begegne,

Inseln, welche manchmal meilengross, zuweilen länglich, dann wieder

hufeisenförmig seien, verdient weiter keine Beachtung. Neu ist sie

überdies nicht. Im Kapitän der Messina hatte ich übrigens einen Herrn

gefunden, dem ich noch zu Dank verpflichtet war für die liebenswürdigen

Gefälligkeiten, welche derselbe meiner Frau erwies, als sie in

Gemeinschaft mit der Familie des italienischen Generalconsuls Marquis

Goyzuetta Tripolis verliess, um nach Europa zurückzukehren.

Meine Mission nach Abessinien Auf Befehl Sr. Maj. des Deutschen Kaisers im Winter 1880/81 unternommen · 第 1 / 27 段