zum Fort =spaniol=, welches Castelnuovo krönt. In der Nähe desselben
sahen wir ein verlassenes, dachloses Haus, dessen Wände dermaßen mit Epheu
bewachsen waren, daß das Haus, wie die französischen Hecken, aus Bäumen
geschnitten schien. Gleich daneben saß auf dem Wege ein uraltes Weib,
eine hexenartige Gestalt; sie ging uns um Almosen an; als wir sie näher
betrachteten, fanden wir, daß ihr ganzes Gesicht mit kleinen Kreuzchen
bemalt war. Sie versicherte uns, der Pfarrer hätte sie so gezeichnet;
vermuthlich geschah dies, um die arme Frau vor dem Aberglauben des Volkes,
welches in diesem Punkte in Dalmatien noch sehr zurück ist, zu schützen.
Vielleicht ist dies Mütterchen der böse Geist, der in dem verfallenen, mit
Epheu besponnenen Gebäude haust. Auf dem der Sonne ausgesetzten Castel war
eine glühende, drückende Hitze. Doch erfreute uns der so lange entbehrte
Anblick österreichischer Soldaten. Die Weißröcke nehmen sich halt überall
gut aus, im tiefsten Süden wie im höchsten Norden. Wir besahen die
einzelnen Theile der Befestigungen, welche unter Carl =V.= von spanischen
Truppen gegen die Muselmänner gebaut wurden, nachdem der Kaiser das
Städtchen Castelnuovo den Venezianern genommen hatte. Die vier Eckthürme
sind von einer außerordentlichen Festigkeit. In dem einen derselben
befindet sich eine sehr gut gebaute Cisterne; über dem Eingangsthore ist
eine sehr schön ciselirte türkische Inschrift, welche von den Mohammedanern
gesetzt wurde, als sie das Fort den Spaniern abgerungen hatten. Beim
Eingange der Stadt befindet sich ein freier Raum, von welchem die
Volkstradition erzählt, er sei für die oft vorkommenden Zweikämpfe zwischen
Spaniern und Muselmännern bestimmt gewesen. Die Stadt ist ärmlich und
klein, mit engen und steilen Gäßchen. Am Ende derselben, gegen das Meer,
liegt abermals ein aus starken Quadern erbautes Fort, welches in türkischen
Händen war; wir besuchten es ebenfalls. Auf allen diesen erhabenen Punkten
genießt man der schönsten Aussicht. Die innere Stadt ist ebenfalls mit
einer hohen Mauer umschlossen, durch die ein sehr steiles Eingangsthor
führt. Ueber diesen abschüssigen, schlecht gepflasterten Thorweg soll einst
ein Bey im gestreckten Laufe hinunter gesprengt sein, man findet es fast
unglaublich; doch so unbehülflich ein Türke zu Fuße ist, so gewandt und
keck ist er auf dem schuhartig beschlagenen Wüstenrosse. Man zeigt auch dem
Reisenden eine roth bemalte Stelle der Stadtmauer, auf welcher die
Moslemin die blutigen Köpfe der Christen dem schaudernden Volke wiesen. Wir
verließen die Stadt, fast verschmachtend vor Hitze, und kehrten durch
die kühlenden Haine bei sinkender Sonne an den Mauern des uns so lieb
gewordenen Klosters vorbei, zum Lazareth zurück. Nun ging es sich gar
lieblich im stillen, friedlichen Abend. Erde, Meer und Lüfte ruhten vom
schaffenden Tagesleben aus; und so thaten auch wir. Wir kehrten auf unser
Schiff zurück und stärkten unsere müden Körper durch das auf dem Verdecke
aufgetragene Mittagsmahl. Nach Tisch verfingen wir uns in einen politischen
Streit, welcher einen Theil der Gesellschaft noch bis gegen eilf Uhr wach
erhielt. Des andern Tages in der Frühe setzte sich unser Dampfschiff wieder
in Bewegung, um uns in die übrigen Theile der Bocche zu bringen. Kaum hat
man die Bucht, in welchem sich Kloster und Lazareth befinden, aus dem Auge
verloren, so öffnet sich ein neuer, vom Meere gebildeter See. An Schönheit
wohl der geringste, aber dennoch lieblich und freundlich. Die Berge, die
ihn umgeben, sind sanfter gewölbt, und sind Vegetation und Cultur üppiger;
fruchtbare Olivenwälder und reiche Weingärten, in denen sich die heiteren
Campagnen befinden, bedecken die sanft aufstrebenden Ufer. Dieser Theil
trägt mehr das Bild einer naiven Landschaft; den Gegensatz dazu bildet
die nächstkommende Bocche. Das Meer verengt sich zu einem mit hohen Felsen
umgebenen Canal; die laue Luft wird kalt und fast beengend, man glaubt sich
in ein Felsenlabyrinth ohne Ausweg verirrt zu haben. Plötzlich
erweitert sich das schroffe Ufer und man befindet sich in einem stillen
melancholischen Gewässer, welches einem abgelegenen Gebirgssee vergleichbar
ist. Die kahlen, rauhen Felsen zeichnen sich wiederspiegelnd in den tiefen
blauen Fluthen ab. Dem Eingang gegenüber hängt ein niedlicher Ort an
der steinigen Wand. Auf diesem freundlichen Punkte ruht das Auge mit
Wohlgefallen; er gleicht einem zierlich gebauten Neste, an ernster
Kirchenwand. Auf dem blauen Spiegel ruhen zwei Inseln, auf welchen
sich Kirchen befinden. Der sonntägige Glockenschall begrüßte uns mit
christlichem Ernste; da wir auch eine Messe hören wollten, hielten wir
mit dem Dampfer, setzten uns in ein Boot und steuerten diesem Orte, Namens
Perasto, zu. Derselbe ist von den Venezianern erbaut und erinnert im
Kleinen an einzelne Theile der Hauptstadt des kaufmännischen Volkes.
Die Sitze der Nobili, zierlich erbaute Paläste mit Balkonen und maurisch
gemischten Fenstern, wechseln im lieblichen Gewirre mit einer für diesen
Ort sehr großen Anzahl schön erbauter Kirchen, zwischen welchen sich einige
schlanke Cypressen erheben. Als wir an das Land stiegen, fanden wir eine
ziemliche Menge Volkes am Quai versammelt. Einzelne unter ihnen zeichneten
sich durch ihr schönes eigenthümliches Kostüme aus. Die Trachten in
Dalmatien sind, wie überall im Süden, sehr mannigfach und originell. Als
wir nach einer Messe fragten, verwies man uns auf eine spätere Zeit. Wir
benützten daher die Gelegenheit, einen Besuch auf einer dieser Inseln zu
machen, welche durch ihre Madonnenkirche berühmt ist. Das ganze kleine
Eiland gleicht einer schönen Terrasse, auf welcher die mit einer Kuppel
versehene Kirche im byzantinischen Styl ruht. -- Ein Fischer fand der
Legende nach das Madonnenbild auf einem kleinen unter der Terrasse
befindlichen Felsen; nachdem durch dieses Bild einige Wunder geschehen
waren, beschloß man, auf dem Gestein eine Kirche zu erbauen; da aber der
Raum zu klein war, warfen die frommen Bürger von Perasto so lange Steine in
das Meer, bis sich aus dem Grunde hervor die kleine Insel bildete, auf der
sie nun die Kirche bauen konnten, welche in ihrem Innern mit sehr hübschen
marmornen Altären geschmückt ist. Doch damit die Fluthen nicht wieder
verschlingen, was mühselig zusammen geschleppt wurde, muß jeder
Schiffsbesitzer sein mit Steinen gefülltes Fahrzeug bei der Insel in die
Fluthen ausladen. Als wir nach Perasto zurückkehrten, kündigte man uns an,
daß wir die Messe für heute versäumt hätten. Wir bestiegen wieder unseren
Dampfer und fuhren gen Cattaro. Aus dieser felsigen, melancholischen Bocche
kommt man in eine andere, an deren einem Ufer die schroffen Felswände
bis Cattaro fortlaufen, während sich an dem andern eine der reizendsten
Landschaften dem Auge darbietet. Welcher dieser Bocche der Vorzug gebührt,
ist schwer zu entscheiden; unstreitig ist aber die letzte die belebteste,
denn Haus an Haus steht längs dem Abhange, mit zierlichen Gärten umgeben,
in denen Palmen mit Cypressen und Orangenbäume mit Granaten wechseln.
Einen besonderen Eindruck macht die Cypresse, welche bei den so häufigen
griechischen und katholischen Kirchen überall gen Himmel zeigt. -- Die
Häuser, welche im frischesten Grün liegen, deuten alle auf Wohlstand;
sie gehören auch meist reichen Schiffskapitänen, deren Weiber zu Hause am
Spinnrocken plaudern, während die Männer in den amerikanischen Gewässern
mit den Wogen kämpfen. Neben manchen Gebäuden sieht man auch Schiffe,
welche auf eine glückliche Zurückkunft deuten sollen, in kleinen, gerade
für die Größe des Fahrzeugs passenden Docks liegen. Ganz am Ende dieser
großen, langen und schönen Bocche liegt das Städtchen Cattaro an einer
Felswand angelehnt, auf welcher sich in schwindelnder Höhe das Fort
befindet. Neben demselben geht eine, von der österreichischen Regierung
gebaute, sehr kunstreiche Straße nach Montenegro, die bestimmt ist, den
Verkehr zu erleichtern; -- die Montenegriner aber lassen sie unbetreten
und ziehen es vor, die steilen Felsen hinunter zu klettern. Da Cattaro eine
Festung ist, sieht man beim Ankommen nur wenig von der Stadt, die auf einen
sehr engen Raum gebaut ist; man wäre fast geneigt, es für das Ende der
Welt zu halten, so umgeben es die drohenden Felsenmassen. Wir ließen unser
Fahrzeug auf einige Stunden halten. -- Auf der Rhede waren mehrere Schiffe,
unter andern der Dampfer Curtatone von der Kriegsmarine. Als wir gelandet
hatten durchliefen wir die Stadt, welche außer einem hübschen, halb
gothischen, halb byzantinischen Domportale und einigen im venezianischen
Style erbauten Häusern nichts Bedeutendes aufzuweisen hat. Gegen vier
Uhr kehrten wir auf dem Wege, den wir am Morgen gekommen waren, bei der
herrlichsten Abendbeleuchtung zurück. Das Licht war gemildert und die
Konturen zeigten sich schärfer. Die verschiedenen Gegenstände hatten noch
den südlichen Anstrich, wenn gleich nicht in der Stärke und Wärme wie
Griechenland. Dem felsigen Ufer, welches wir des Morgens unberücksichtigt
gelassen hatten, nahten wir uns jetzt mehr und sahen, daß es große
Naturreize aufweist, und an mehreren Orten mit den freundlichsten Dörfchen
geschmückt ist. Abends ankerten wir wieder in der Bucht des Lazarethes.
Das Gefühl, welches sich in uns beim Anblick der Bocche geregt hatte, war
Staunen, daß man bei uns in der Heimat nicht mehr von dieser herrlichen
Gegend wisse. Alles strömt nach Nizza, Florenz und andern halb südlichen
Gegenden, während man nicht ahnt, daß man im eigenen Vaterlande so viel
Schönes hat, welches allen Reiz der Vegetation vereinigt, und sich des
herrlichsten, immer sanften Klima's erfreut. Die venezianischen Paläste
stehen leer, sie verlangen nur um 800 bis 1000 Gulden gekauft, und dann
bewohnt zu werden, um den Besitzern die herrlichsten Räumlichkeiten und
lieblichsten Aussichten darzubieten; aber nein, man rast in die Ferne, läßt
sein Geld in Massen unter fremden Völkern aufgehen, und begnügt sich
mit einer schlechten Wohnung, nur um in der Fremde zu sein; fühlt sich
glücklich weil man sich modern findet und seufzt über das uninteressante
langweilige Vaterland. Freilich ist die Civilisation in diesen südlichen
Gegenden von Oesterreich nicht sehr fortgeschritten. Entschließt sich
aber einmal ein reicher, an Comfort gewöhnter Mann, seine Wohnung hier
aufzuschlagen, so ist der Grund gelegt, und die Gescheidten werden sich
glücklich fühlen, ein solches Paradies, wo Palme und Eiche brüderlich
wachsen, ihr eigen nennen zu können.
Ragusa.
Während des frühsten Morgens, im besten Schlummer, fuhren wir in den Hafen
von Gravosa ein, dem Hauptankerplatz der Stadt Ragusa. Als wir das Verdeck
erstiegen, sahen wir uns von sehr lieblichen Ufern umgeben; sanfte begrünte
Hügelketten schlingen sich um die tiefblaue Fluth, am Strande des Meeres
erheben sich Villen im venezianischen Geschmacke, umgeben von Cypressen und
andern südlichen Gewächsen. Man kann nicht sagen, daß die Gegend großartig
imposant ist, aber sie ist sanft und lieblich. Den Anblick der Stadt Ragusa
deckt die Höhe von Bella vista, wir mußten uns daher an dieser Gegend
begnügen lassen, was übrigens für einen Freund der Natur, wie ich es bin,
vollkommen lohnend war; der prachtvolle Morgen war blau, mild und wonnig.
Erst gegen Mittag besuchten wir die Stadt. So sehr ich mich auf den Anblick
dieses historisch interessanten Ortes freute, war ich doch recht froh, den
Morgen in der würzigen frischen Luft, umgeben von der freundlichen Gegend,
auf dem Verdecke zuzubringen; wie sehr ich auch auf Reisen dafür bin,
jeden Augenblick zu benützen, um sich umzusehen und seine Kenntnisse zu
bereichern, so ist es mir doch nicht unlieb, zuweilen einige Stunden unter
angenehmen Eindrücken in Ruhe zu verleben; denn es muß dem Reisenden, der
die Reise genießen will, die Möglichkeit werden, die erlebten Begebnisse
an seinem Geiste vorbeiziehen zu lassen, und sie in sein Tagebuch
aufzuzeichnen; nur durch solche Mittel prägen sich die gesehenen
Gegenstände fürs Leben in das Gedächtniß ein, und wenn man lange wieder am
heimischen Herde sitzt, so blühen dann lebhaft und frisch die Erinnerungen
an das Erlebte auf. Ich machte es so, und arbeitete fleißig an meinem
Tagebuch. Mein Bruder mußte leider diesen prächtigen Tag im Bette
zubringen, da er sich in der Bocche di Cattaro an dem Abend, als wir
Castelnuovo besahen, erkältet hatte. =Dr.= F. blieb den ersten Theil des
Morgens bei ihm, später wanderte er mit K. über die Bella vista in die
Stadt. Fürst J. und Baron K. waren schon seit dem Morgen dort, um sich
die dem Lande eigenthümlichen Waffen zu kaufen und den, auf dem Schiffe
in folge des ziemlich großen Verbrauches mangelnden Wein, durch sehr
schlechten Dalmatiner zu ersetzen. Graf C. und ich blieben allein bei
meinem Bruder. Der aufmerksame =Dr.= F. hatte kaum die Stadt besehen, so
kehrte er wieder zurück und löste uns beim Kranken ab. Wir ruderten nun in
einer kleinen Barke auch dem Lande zu, und setzten uns in eine Calesche,
dem einzigen Wagen von Ragusa, um auf der vortrefflich gebauten, aber wie
früher erwähnt, ziemlich unnützen Kaiserstraße die Hügelspitze Bella vista
zu erreichen. Mit Recht führt der Punkt diesen wohlklingenden Namen, da
dort oben das Meer dreimal dem entzückten Blick erscheint. Von dem Punkt
aus stürzen rasch die Felsen in die See hinunter, welche brausend und
schäumend gegen die braunen zackigen Massen tobt. Auf denselben wachsen
hunderte von Aloën, welche das Gepräge des Südens erhöhen; zur Rechten
sieht man den lieblichen Hafen von Gravosa, ein Bild des Frohsinns; zur
Linken erscheinen die Kuppeln der Stadt, welche in einem kleinen Raume, am
Fuße einer Anhöhe erbaut ist. Auf dieser stehen Villen an Villen mit den
freundlichsten Gärten umgeben, deren Zierde Palmen, Lorbeeren, Granaten,
Sensitiva's und andere südliche Gewächse sind. An der äußersten Spitze der
Stadt ragt ein hoher Felsen aus dem Meere, auf welchem das Fort S. Pietro
liegt. Der kahle Kamm der Anhöhe ist von dem Fort Napoleone (oder
Fort =imperial=) gekrönt. Dies liebliche, durch das herrlichste Wetter
hervorgehobene Bild erinnerte mich lebhaft an die Beschreibungen und
Zeichnungen von Sicilien, während es von den griechischen Ansichten ganz
verschieden war. Auf dieser hier ruhte der Stempel des grandiosen und doch
lieblichen Italien, während die allgemeine Auffassung von Hellas schönen,
melancholischen, sehnsüchtigen Ernst ausdrückt. Wir waren aus dem Wagen
gestiegen und legten unsern Weg nach der Stadt zu Fuße zurück. Die
Straße senkt sich ziemlich rasch, von Villen eingefaßt, zu den mächtigen
venezianischen Stadtmauern hinab. Man machte uns aufmerksam, daß die
Landhäuser durch eine Strecke leer und leblos aussehen; sie wurden 1805 von
Russen und Montenegrinern vereint geplündert. Die Franzosen vertheidigten
sich damals im Innern der Stadt. Da das Land arm und die Macht der Nobili
gebrochen ist, diese aber, weil ihre Besitzungen Majorate sind, dieselben
nicht verkaufen können, so sind die nackten Mauern der langsamen Zerstörung
der Zeit ausgesetzt. Durch zwei schief hinter einander stehende massive
Steinthore gelangten wir in eine breite, mit weißen Quadern gepflasterte
Straße der innern Stadt. Wir glaubten nach Venedig versetzt zu sein. Gleich
am Beginne steht das im byzantinisch-gothischen Style erbaute Kloster der
Franziskaner; demselben folgt die schönste Reihe von Palästen der alten
Nobili. Ragusa war im Kleinen eine Republik wie Venedig, von Adeligen
beherrscht, an deren Spitze ein Doge stand, welcher jedoch alle Monate
neu aus den Senatoren gewählt wurde. Während der kurzen Dauer seiner Würde
durfte er die Räume des schön eingerichteten Dogenpalastes nicht verlassen;
nur bei einer bestimmten Festlichkeit zeigte er einen seiner Füße außerhalb
der Thüre; diese Freiheit ist für einen Präsidenten der Senatoren fast
einem Gefängniß zu vergleichen; und doch riß sich jeder um die Würde.
Damit aber keiner der Adeligen im Staate übermächtig werde, mußte ein
Jeder seinen Besitz im Gebiete der Ragusanischen Republik an verschiedenen
Theilen zerstreut haben. In der Blüthezeit französischer Herrschaft wurde
dieses aristokratische Institut aufgehoben; mit den übrigen venezianischen
Landen kam auch diese einst selbständige Stadt mit ihrem Gebiete an die
österreichische Krone. Nun lebt nur mehr der Name der Nobili in deren
Söhnen, die sich in den Prachtgebäuden ihrer Väter ärmlich erhalten. Der
Glanz ist geschwunden, aber der Haß zwischen den einzelnen Parteien der
Republik lebt noch in den machtlosen Enkeln fort. Wie sich alle inneren
Feindseligkeiten ausgleichen, wenn es gilt, sich gegen eine dritte Macht zu
vereinigen, so kokettirte im Jahre 1848 auch eine Partei in Ragusa mit
dem aufrührerischen Venedig, mit dem die Stadt sonst in der größten
Feindseligkeit lebte. Von der an Palästen reichen Straße ziehen sich
schmale, finstere Gäßchen in die übrige Stadt, und selbst diese engen
Verbindungen sind wieder durch schöne Paläste gebildet. Die breite Straße,
deren gutem Pflaster man ansieht, daß es nie befahren wird, mündet auf den
pittoresken Platz der Moneta. Auch hier kann sich das Auge an der schönen
Architektur nicht satt sehen. Am bemerkenswerthesten ist das Münzgebäude,
mit den leichten venezianischen Bogenfenstern; die Hauptwache und neben
derselben ein schöner steinerner Brunnen, in dessen zierlich gearbeitete
Becken leichte Springquellen das klarste und beste Wasser werfen; eine
architektonisch schöne, wenn auch nicht große Kirche, dem heiligen Blasius,
Schutzpatron von Ragusa, geweiht. Wir besuchten das Innere derselben, in
welchem mir am meisten die Stellung der Orgel auffiel, da sie unmittelbar
hinter dem Hochaltar an der Wand schwebt. Wir begaben uns dann auf die
=Piazza del duomo=, auf welcher der Dogenpalast, das Miniaturbild des
venezianischen und die Domkirche stehen; diese ist aus einem weißlichen
Steine im römischen Style gebaut. Man führte uns in eine mit Goldzierrathen
überfüllte Kapelle in der Nähe des mittleren Schiffes, in welcher sich eine
unendliche Masse von Reliquien befinden, die durch Alter und geschmackvolle
Fassung merkwürdig sind. Etwas unangenehm zu sehen war der ganze Körper
eines Heiligen, dessen Hülle, mit Farbe und Wundmalen des Todes in Wachs
bossirt gezeigt wird. Die Geistlichkeit schien jedoch den Leib dieses
Heiligen besonders zu verehren. Mit Stolz zeigte man uns diese Sammlung und
wirklich habe ich auch noch nie so viele heilige Reliquien auf einem Orte
vereinigt gesehen. Unter den vielen sehenswerthen Dingen fiel mir eine
goldene Kanne nebst Becken auf; in diesem befanden sich die Symbole des
Meeres in dunklem Metall auf das zierlichste gearbeitet. Man sah Fische,
Eidechsen, Krebse, Molche und dergleichen Gethier. Ein Geistlicher drückte
mir sein Bedauern aus, daß die Maschinerie dieses Kunstwerkes verdorben
sei, indem einst bei den Waschungen, in dem Augenblick als das Wasser auf
das Becken traf, die Thierchen durch die Kraft des Wasserdruckes lieblich
kreisten.
In der Perrückenzeit liebten die Geistlichen dergleichen bizarre
Kunstschätze, und in vielen Klöstern findet man noch Gegenstände dieser
Art. Von der Kirche gingen wir in den Dogenpalast. Zu ebener Erde läuft
eine breite leichte Säulengallerie mit maurischen Bogen; einer der Pfeiler
ist aus dem Aesculaptempel von Epidaurus -- das heutige Ragusa vecchia, --
sein Capitäl ist mit sinnigen =haut-reliefs= geziert, welche sich auf
die Kunst des heilenden Halbgottes beziehen. Einst hatte der Palast einen
zweiten Stock, welcher aber in dem furchtbaren Erdbeben 1760 einstürzte. Im
inneren Hofraume führt eine freie, sehr schöne Arkadenstiege in den ersten
Stock. Am Fuße derselben steht die hölzerne, leicht mit Blech überzogene
Büste eines Bürgers der Republik, welcher derselben eine sehr große Summe
vermachte. Für eine solche patriotische That ist ein jeder Staat immer
außerordentlich dankbar. Die Pracht der innern Palast-Räume ist ganz
verschwunden, und statt eines Dogen herrscht jetzt in denselben ein
Bezirkshauptmann, bei welchem wir unsere übrigen Reisegefährten antrafen.
Sie hatten keine besonderen Waffengeschäfte gemacht. Der Kreishauptmann
führte uns auf eine am Gebäude befindliche Terrasse, von der man eine
schöne Aussicht auf einige Paläste, das Meer und den kleinen Hafen der
Stadt hat. Als wir den Herzogssitz verließen, gingen wir an dem schönen,
aber ziemlich verfallenen Dominikaner-Kloster vorüber, aus der Stadt
hinaus. Man wollte uns das am Meere befindliche Lazareth und den
Türken-Bazar zeigen. Der letztere ist ganz das Gegentheil von dem in
Smyrna; ein wüster, leerer Raum, auf welchem die Türken dreimal die
Woche mit den Ragusanern Handel treiben. Zu meiner Freude sah ich einige
Mohammedaner in ihrer schönen Tracht hier versammelt, die mich an
mein liebes, schönes Smyrna erinnerten. In die Stadt zurückgekehrt,
durchstreiften wir noch einige palastreiche Gassen und beschlossen unseren
kurzen Aufenthalt in Ragusa mit einem Besuche im Franziskaner-Kloster,
welches sich an der Stadtmauer befindet. In der Kirche sind einige schöne
Marmor-Altäre. Das Interessanteste im Kloster ist jedoch ein Kreuzgang im
reinsten Style gebaut, welcher an den Wänden des Hofraumes herum läuft,
und auf dessen leichten byzantinischen Säulen eine breite Terrasse mit fein
ciselirter Steinbalustrade ruht; sie dient den Mönchen zum Spaziergange. In
der Mitte des Hofes erhebt sich ein mächtiger Orangenbaum. Der freundliche,
äußerst wohlwollende Prior zeigte uns jeden einzelnen Theil des Klosters,
worunter die neu errichtete Bibliothek von einiger Bedeutung ist. Beim
Thore fanden wir wieder unsere kostbare Kalesche und kehrten mit dem
Bezirkshauptmann über die =Bella vista= nach Gravosa zurück. Ragusa hatte
mir mit seinen vielen historischen Erinnerungen einen sehr bedeutenden
Eindruck gemacht. Die Lage ist so schön, das Klima mild und die Stadt
überdieß an Gegenständen reich, die das kunstliebende Auge ergötzen. Der
Bezirkshauptmann begleitete uns auf das Schiff, da er uns nach Tisch die
berühmten Platanen von Canossa zeigen und des andern Morgens nach Curzola
und Sabioncello begleiten wollte. Wir hätten uns gleich in Bewegung
gesetzt, da die Maschine schon geheizt war, aber unser guter K. hatte sich
so sehr in die Bibliotheken der Stadt vertieft, daß er erst spät, zwischen
einem Franziskaner und Weltpriester, wie ein Sträfling am Ufer erschien
und noch lange im Eifer des wissenschaftlichen Gespräches des Kahnes nicht
achtete, welchen wir um ihn sandten. Als er sich endlich wieder an Bord
einstellte, verließen wir Gravosa und steuerten zwischen den Inseln
Callamota, Mezzo und Giupana nach Canossa, wo wir schon nach gesunkener
Sonne ankamen. Der Bezirkshauptmann erzählte uns, daß man noch heut zu Tag
auf der Insel Mezzo einen mantelartigen Ueberwurf Kaiser Carl's =V.= zeige:
ein hoher Beamte dieser Gegend machte seine Aufwartung bei dem Kaiser,
derselbe empfing ihn in der Eile in diesem Mantel und erlaubte dem
Aufwartenden, sich eine Gnade auszubitten; da damals noch Bewunderung für
die kaiserliche Person herrschte, bat sich der Beamte den weiß seidenen
Mantel, der des Kaisers Schultern bedeckte, zum Geschenke aus. -- Die
nächstfolgende Insel St. André ist rauh und kahl; die einzigen Bewohner
waren wenige Mönche in einem kleinen Kloster. Doch das Eiland ist durch
eine rührende Geschichte, welche sich auf demselben zutrug, berühmt
geworden. Ein junger Nobile, der sich in den Mauern des Klosters befand,
wurde von einem Bauernmädchen, die das gegenüber am Festlande liegende Val
di noce bewohnte, geliebt. Das Mädchen schwamm alle Abende über die weite
Meerstrecke an einen Punkt, welchen ihr der junge Mönch durch ein Licht
anzeigte. Die Brüder des Mädchens bekamen Kenntniß von diesem Verhältniß
und eines Abends, da die Schwester den Geliebten besuchen wollte, eilten
sie ihr in einem Kahne voraus. Als sie das Wasser von der Bewegung, die
sie im Schwimmen machte, rauschen hörten, zündeten sie ein Licht an. Das
Mädchen folgte dem leuchtenden Punkte und schwamm mit ängstlicher Hast auf
denselben zu. Die wilden Brüder eilten jedoch immer weiter, die Schwester
dem Lichte nach, bis sie endlich zum Tode ermattet, in die Fluthen versank.
Sieht man die melancholische Gegend, das sanfte, blaue Meer, auf welchem
sich die letzten Strahlen der scheidenden Sonne brechen, so macht diese
traurige Geschichte einen tiefen Eindruck. --
Canossa ist der Landaufenthalt eines Ragusaner Nobile. Ueber einen
felsigen, äußerst steilen Weg klimmten wir zum Eingange des Gartens hinan.
Hier herrschte wieder die südliche Ueppigkeit im vollsten Maße. Mauerdichte
Laubgänge von Lorbeer und Buchs durchschnitten Wälder von blaugrünen
Oliven; gegen das Meer hin zogen sich lange Terrassen auf die schroffen
Felsen gebaut, und von Arkaden mit lieblichen Traubengewinden gekrönt.
Die frische, jugendkräftige Natur zeigte sich noch blühender im mystischen
Abendlichte. Wie wir die Haine mit stiller Bewunderung durchwanderten,
blieben wir plötzlich von Ueberraschung bewältigt stehen: wir befanden uns
vor der größten Eiche, die ich jemals gesehen habe. Zum Himmel strebt der
regelmäßige Stamm des riesigen Baumes, und erst in beträchtlicher Höhe
breitet er seine mächtigen Arme aus, die herumstehenden Bäume mit seinem
Dache schützend. Diese Eiche soll erst 150 Jahre zählen. Ihr grünes,
reiches Laub wird also noch manche Generation erfreuen, da ja das
Sprichwort sagt: »hundert Jahre wachse, hundert Jahre stehe und hundert
Jahre sterbe dieser Baum,« auch trotzt er noch jetzt mit ganz jugendlicher
Kraft den Stürmen der Zeit. Hätte nur auch die deutsche Eiche diese Kraft,
die dem Baume von Canossa innewohnt! Wir lenkten unsere Schritte zu einem
mit einem steinernen Neptun gezierten Bassin. Die Springbrunnen, welche
einst die reichen Ahnen entzückten, fehlen den verarmten Enkeln, das
steinerne Werk einstiger Größe zerfällt nun zur Ruine; doch eben das gab
diesem Punkte ein melancholisch malerisches Aussehen. Durch die Risse des
Gemäuers strebten Pflanzen aller Art und die Ketten des immer frischen
Epheu's hielten die lebensmüden Steine und schlangen sich um die
verwitterten Glieder des trauernden Wassergottes. Es war eine gar wilde,
reizende Unordnung in der Umgebung dieses Platzes, aus der man sah,
mit welcher Lust die Natur sich der Kunst entledigt. Im stillen Abende
rauschten und flüsterten die Blätter der Myrten und Granaten und erzählten
sich wohl gar manches von der einstigen Pracht, welche in diesem Orte
waltete, als noch die Senatoren die freien Herrscher des Landes waren.
An den die künstlichen Brunnen ehemals speisenden Quellen stehn die
weitgerühmten Wunder der Gegend: die Platanen von Canossa. Es sind die zwei
riesigsten Bäume Europa's. Mit ihren verzweigten, schattigen Aesten bilden
sie ein Gewölbe, unter welchem einmal ein ganzes österreichisches Regiment
lagerte. Für ihre ungeheure Größe sind sie noch jung, denn sie zählen
ebenfalls nicht über 150 Jahre. Der Umfang der ältern beträgt 27, der der
jüngern 30 Schuh. Jeder Hauptast hat die Dicke eines beträchtlichen Baumes.
Zwei Aeste der beiden Bäume sind in einander gewachsen. Die Rinde des
Hauptstammes ist frisch und glatt, und nirgendwo bemerkt man Spuren von
Alter. Die Platane ist schon an und für sich ein herrlicher Baum, wie
zauberhaft erscheint sie erst in einer solchen Größe!