Wir verließen die großen Cypressenhaine, bestiegen wieder unsere

schimmernden Rosse, und setzten unseren Weg nach Burnabá fort. Wir

durchstreiften die fruchtbarste Gegend mit der üppigsten Vegetation; man

konnte sich hier den richtigsten Begriff von dem Reichthume der türkischen

Länder machen; die herrlichsten Reben schlingen sich um die kräftigen

Feigenbäume; die berühmten Zuckermelonen von Smyrna wachsen zwischen dem

kornreichen türkischen Weizen; alles hat den Anstrich der Fülle, doch sieht

man, daß Mutter Natur die Hauptkünstlerin in dieser herrlichen Kultur ist.

Häufig begegneten wir Kamelzügen und Maulthieren, mit den Früchten des

Landes beladen; von allen Seiten ward das Auge gespannt, überall erblickte

man Neues und Fesselndes. Als wir in eine breitere, nur mit einzelnen

Bäumen bewachsene Ebene geriethen, fingen die mit langen Flinten und

Säbeln bewaffneten und bizarr gekleideten Garden des Pascha an, uns zu

umschwirren; immer rascher trieben sie ihre Pferde an, und hoben sie ihre

Stimmen zu wildem Geschrei; der Staub wirbelte unter den fliegenden

Hufen auf, und nach den verschiedenen Richtungen gegenseitig ihre Wege

durchkreuzend, gaben sie uns ein Bild kriegerischer Kämpfe; es nimmt sich

ganz gut aus, wenn solch ein brauner Sohn des Orients in der malerischen

Tracht, auf seinem kleinen feurigen Renner, zwischen den Bäumen stäubend

dahin fliegt, den Säbel schwingt, die lange Muskete zum Schusse anlegt,

sich in den kühnsten Bewegungen hin und her schwingt und das wilde

Schlachtgeschrei ertönen läßt. Wie bedauerte ich, daß wir auf unseren

Parade-Rossen dergleichen nicht thun konnten; doch leider dürfen diese

Repräsentations-Thiere nach türkischer Sitte nur im Schritte geritten

werden, indem sie der Pascha blos bei großen Gelegenheiten, wie beim

Einzuge in die Moschee braucht. Aus Artigkeit für den freundlichen

Halil waren wir also verdammt, den ersten Theil des Weges im imposanten

Einzugsschritte mit zeitweiligen nicht sehr dazu passenden Lançaden zu

machen. Doch ward uns nach einiger Geduldprobe Hülfe verschafft; wir

kamen in eine Papiermühle und versicherten dort auf die artigste Weise den

türkischen Herrschaften, daß wir gesonnen seien, diesen herrlichen Thieren

eine besondere Schonung angedeihen zu lassen. Artiger konnten wir die Sache

nicht wenden. Die Türken schienen hierüber keineswegs böse zu sein, wir

sprangen von unseren Pferden ab und nahmen dafür leichtfüßigere Thiere aus

dem Gefolge, und nun ging es zu unserem Vergnügen bald in einem schärferen

Tempo, und lachend und scherzend kam unser großer Schwarm im lebhaftesten

Gewühle nach Burnabá. Dieser Ort, der Sommeraufenthalt der Franken, die

elegante =villeggiatura=, in welcher sich die verschiedenartigsten Stämme

Europa's dem Sommervergnügen hingeben, liegt am Gebirge und sieht durch

seine vielen und reichbepflanzten Gärten gar lieblich und heiter aus. Die

Ortschaft ist groß; nur Schade, daß, wenn man in das Innere eindringt, man

von der Pflanzenfülle und dem Häuser-Comfort gar wenig steht, indem

alles mit hohen Mauern nach orientalischem Schnitte abgeschlossen ist. Im

türkischen Theile befindet sich ein Bazar, welcher jedoch schmutzig und

von kleiner Ausdehnung ist, so daß das Innere der Straßen gar wenig

Interessantes darbietet. Uns war es jedoch vergönnt einen tiefern Blick in

die Pracht und den Comfort der Bewohner dieser südlichen Länder zu thun.

Ein charakteristischer Unterschied zwischen dem orientalischen und dem

europäischen Volke ist es, daß die Bewohner Europa's mit ihren Schätzen

prunken, ihre Gärten den Schaulustigen öffnen, gar häufig mit dem, was sie

durch ihr Geld erkauft haben, prahlen und alles Mögliche thun, um Leute zu

finden, welche das von ihnen Geschaffene bewundern. Der Orientale dagegen

häuft seine Schätze mit stiller Eifersucht zwischen den vier schützenden

Mauern auf, schafft sich daselbst ein Paradies, und genießt es im Stillen

mit den Eingeweihten des Hauses; höchstens erlaubt er der Fama, daß sie

von den geheimnißvollen unsichtbaren Wundern seines Hauses spricht. Dadurch

wird im Oriente das Niegesehene immer von Neuem bewundert, wenn in

Europa der Blick der Menge längst davon gesättigt ist. Durch die Güte des

General-Consuls erhielten wir in den Garten eines sehr reichen Banquiers,

Namens B., eines gebornen Triestiners, Einlaß. Der Besitzer empfing uns

auf das Zuvorkommendste und führte uns in einen, in seinem Garten gelegenen

reizenden Salon, welcher uns das lebhafteste Bild des luxuriösen Geschmacks

des Orients gab. Der mit Marmor belegte Boden war in zwei Abtheilungen

getrennt, so daß der eine Theil erhöht war. Hier lief längs der Wand ein

Divan, zu dessen Füßen reiche Teppiche gebreitet waren. An den mit einer

großen Anzahl Fenstern durchbrochenen Wänden hingen Armleuchter mit in

Goldrahmen gefaßten Hohlspiegeln; in dem unteren Theile des Salons

befand sich ein fein gearbeitetes marmornes Doppelbecken, in welches

eilf Springquellstrahlen mit lieblichem Geplätscher niederrieselten. Das

abfließende Wasser derselben bildete außerhalb des Gebäudes einen mit

Bäumen beschatteten Teich, dessen von Stein ummauerte, über den Boden

erhobene, von Goldfischen belebte Wasserfläche sich unmittelbar an der

Fensterflur befindet. Durch diese Wasserfülle ist es, daß diesen reizenden

Salon eine immerwährende wohlthuende Kühle durchweht. Der Garten ist mit

Orangenbäumchen und andern üppigen Gewächsen des Südens bepflanzt. Nachdem

wir ihn durchschritten hatten, wurden uns in dem angenehmen Gartenhause die

herrlichsten Erfrischungen gereicht. Sie bestanden aus Gefrornem und dem

berühmten in Smyrna eingemachten Obste; es ist Sitte, dieses in allen

Häusern bei der Ankunft fremder Gäste zu reichen. Hierauf besuchten wir

das Haus eines Armeniers, von dessen Dachzimmer aus man die herrlichste

Aussicht auf das Thal, die Stadt und den prächtigen Golf hat. Glücklich

die Menschen, die dies Zauberbild von den Fenstern ihres Hauses aus sehen

können.

Auch der Garten des Armeniers ist üppig und giebt reichen Schatten; doch

das Schönste, was wir an reizender Natur sahen, war bei Herrn W., einem

reichen Engländer, der ebenfalls Kaufmann und Banquier ist. Als wir in den

Garten traten, fanden wir auf einem vor dem Hause gelegenen mit Cypressen

und anderen herrlichen Pflanzen reich umgebenen Platze eine elegante

Gesellschaft versammelt. Es war ein Bild des Wohllebens, wie diese Herren

und Damen in der herrlichen Abendluft sich dem =Dolce far niente= ergaben,

wie an ihrer Seite die Blumen den herrlichsten Duft verbreiteten, ein

Papagei sein lebhaftes Gefieder mit Stolz schüttelte, die Bäume still und

ruhig zum blauen endlosen Himmelsgewölbe ihr stolzes Haupt erhoben, wie das

schöne mit einem Perron versehene Haus sich zwischen dem Grün zeigte, und

alles dies mit dem südlichen Dufte und der reinsten Abenddämmerung in einem

stillen frohen Einklange stand; ein solches Bild prägt sich in das Herz

des Fremden ein und er denkt sich die Leute glücklich, welchen ein solcher

Wohnort zu Theil wird. Mistreß W., die Schwiegertochter des Besitzers, eine

schöne, wenn auch etwas zu starke Frau mit einem gar sanften, engelguten

Ausdrucke und regelmäßigen Zügen, kam uns entgegen und führte uns in

die Gemächer ihres Hauses. Hier herrschte europäischer Luxus, in südlich

wonnigem Klima. Die feinsten reichsten Möbel waren mit Geschmack und

Comfort gestellt; man sah es, daß hier englischer Geist herrsche. Nach

einem ziemlich alltäglichen Gespräch begab man sich wieder in den Garten,

welchen uns Mistreß W. auf die freundlichste Art Gelegenheit gab zu

bewundern. Von einer Terrasse aus hatten wir abermals eine herrliche

Aussicht auf das Thal und die hohen Gebirge; diese schimmerten zauberhaft

im brechenden Lichte der vorgerückten Dämmerung. Als wir zurückkehrten,

wurden uns auch hier Confituren angeboten und Mr. W. Sohn, ein mageres

komisches Männchen mit weißer Jacke und weißem Hute, stellte sich uns vor;

ein eigenthümlicher Kontrast zu seiner schwarzgekleideten, etwas starken

und doch schönen Frau. Nachdem wir den Garten verlassen und noch einen

andern durchschritten hatten, hielten wir uns noch einige Zeit bei Herrn B.

auf, worauf wir uns auf unsere Pferde schwangen und den Rückritt antraten.

Es war Nacht geworden, aber eine Nacht, wie keine Phantasie des Nordens sie

malen kann, eine Nacht, wie man sie nur an dem üppigen Strande

Kleinasiens mit Bewunderung genießt; klar bis in die Unendlichkeit war das

Himmelsgewölbe, kein Laut ließ sich hören, Ruhe herrschte auf der

weiten Erde, Ruhe auf dem weiten Meere, und als Sieger über den heißen

lebensvollen Tag, stieg mächtig hinter Smyrna's edelgeformten Höhen

der große, volle Mond auf. Scharf begränzten sich die Schatten, silbern

schimmerte es durch das Laub, und wie mit einem Zauberschlag war das Land

in eine Märchengegend umgewandelt.

Bald spornten wir unsere Pferde an, und im raschen Galopp ging es

wunderlich, grauenhaft heimlich, im unentschiedenen zitternden Mondlichte

der Stadt zu; wie ein Geisterreigen erschienen die Türkengräber zwischen

den dunklen, wehmüthigen Cypressen; und nun ging's bis an die Stadt durch

einige ihrer engen Straßen, und bald waren wir auf dem Verdecke des lieben

Vulkan, wo wir nach genossenem Male uns noch des herrlichen Anblicks auf

das silberglitzernde Meer, die weißen, scharf beleuchteten Minarets und

Kuppeln, die großen Häusermassen und die entfernten Berge erfreuten.

Beim Anblick von Corfu.

Der Morgen graute, die Sonne kam und ergoß einen tiefen Frieden über die

silberne Fluth und die hohen Berge Albaniens. Eifrig rauschte unser Dampfer

durch die salzigen Wellen. Rasch flogen wir an den kleineren Jonischen

Inseln vorbei, welche sich wie die Rücken großer Meer-Unthiere aus dem

Wasser erhoben; dann erblickten wir die äußersten Spitzen der gesegneten

Insel Corfu. Eine ziemliche Strecke fährt man längs ihrer Ufer, bis man das

Festungswerk gewahrt, welches die Stadt krönt; dies englische Colonial-Fort

ließe sich jedoch nur mit einer Dornenkrone vergleichen. Die Insel

besteht meist aus bergigem Terrain, und ist mit den frischesten, schönsten

Waldungen bewachsen; sie gewährt dem Auge einen wohlthuenden Anblick. Das

ganze Land gleicht einem großen Park, in welchem sich einzelne freundliche

Ortschaften befinden. Auch diese sehen nett und wohlgebaut aus; sie machen

nicht den traurigen Eindruck mancher griechischer Dörfer, welche vereinzelt

daliegen und sich in unregelmäßigen Formen aus dem uncultivirten Boden

erheben. Es ist ein erfreulicher Anblick, schön erbaute Villen inmitten

der südlichen, von des Gärtners Auge gepflegten Vegetation zu sehen. Dazu

kontrastiren die schön geformten Felsen an der Meeresküste vortrefflich.

Man muß gestehen, daß die Engländer es verstehen, allem, was ihnen

unterworfen ist, Cultur und Schönheit aufzuzwingen; denn auch das felsige

Malta soll mit dem frischesten Grün übersponnen sein. Je näher man der

Stadt kommt, desto mehr nehmen die Landhäuser zu. In einiger Entfernung von

der Stadt war ein englisches Schiff geankert, welches auf einen im Meere

schwimmenden schwarzen Punkt Scheiben schoß. Dieses kleine Seemanöver

amüsirte mich außerordentlich; es war komisch zu sehen, wie die Kugeln zehn

bis zwanzig mal hinter der Scheibe im Meere wieder aufhüpften, so daß es

wie Springbrunnen schäumte. Nicht sehr oft trafen die seekundigen Britten

ihr freilich sehr kleines Ziel. Da wir die Schußlinie passiren mußten,

hegten einige die Besorgniß, wir könnten getroffen werden; doch hielt

das Schießen, während wir durchfuhren, einige Zeit ein. Die, die Stadt

deckenden Felsen schwanden nun immer mehr und das schöne Absteigquartier

der Britten entwickelte sich vor unseren Blicken. Schroff zeichnete sich

das hohe, spitze Fort auf dem blauen Himmel ab, terrassenförmig breiteten

sich um dasselbe die herrlichsten Gärten und schönst-gebauten Häuser. Am

Fuße dieser, die Stadt dominirenden Veste reihen sich steinerne Bastionen

aneinander, welche den Fluthen entwachsen; auf einer derselben, welche die

äußerste Ecke bildet, befindet sich der prachtvolle Garten des Gouverneurs,

mit außerordentlich vollen und großen Bäumen. Am Ende desselben gegen

die Stadt zu, steht ein großer, aus mehreren Trakten bestehender, grauer,

steinerner Palast, dessen Räume hohe grüne Jalousien vor der Hitze

schützen. Dieses weitläufige ernste Gebäude ist der Sitz des Zwingherrn,

welchen die freie brittische Macht über die armen Insulaner als Protector

gesetzt hat. -- Man glaubte in der Stadt, daß wir landen würden. Wir

steuerten aber in eine Art breiten Canals, welcher durch eine kahle,

felsige Insel unmittelbar vor der Stadt gebildet wird. Diese selbst hat

ein elegantes, reinliches Aussehen. Große, schön gebaute Häuser deuten

auf Wohlhabenheit und geben einen Beleg zu Englands praktischem Luxus und

kaufmännischem Comfort. -- Den Ort umschließen die lieblichsten dunkel

grünen Hügel, aus denen die freundlichen Cottages der Britten einladend

entgegen schimmern. Auf der, der Stadt gegenüber liegenden Insel befindet

sich ebenfalls ein Befestigungswerk, in welches kein Fremder eingelassen

wird. Man erzählte uns, daß alle Morgen hundert englische Soldaten aus der

Stadt in Kähnen auf diese Insel gebracht werden und Abends wieder zurück

kehren. Sie sollen der Regierung einen Schwur abgelegt haben und Niemand

weiß, was sie auf diesem mysteriösen Punkte zu thun haben -- man munkelt

jedoch, daß sie durch einen Tunnel die beiden Inseln unter dem Meere

verbinden wollen. Unmittelbar vor der Stadt hielten wir einen Augenblick

an, um von einem dort ankernden Lloyd-Dampfer Nachrichten einzuholen, und

sogleich kam John Bull, mit weiß angezogenen Matrosen dahergeschwommen;

es war der Hafen-Kapitän, der uns auf bereitwillige Weise die =Pratica=

brachte, um bei dieser Gelegenheit ein tüchtiges Trinkgeld einzustecken.

Als man ihm antwortete, daß wir auf keinen Fall landen würden, wollte er

durchaus von unserem Kapitän erfahren, wer sich auf dem Schiffe befinde und

als er dies nicht erfuhr, ruderte er mit einem sehr finstern Gesicht

wieder ab. Während dieses Ruhepunktes konnten wir die Stadt mit aller Muße

betrachten; da es die Zeit der Siesta war, sah man außerordentlich wenig

Bewegung in den Straßen. Auch die Zahl der Schiffe auf der Rhede war sehr

klein, da die Cholera auf den jonischen Inseln grassirte und hiedurch der

Handel auf einige Zeit gehemmt war. Bald schäumten wieder unsere Räder und

fort ging es im Fluge.

Gegen das Ende der Insel nahen sich ihre Ufer der albanischen Küste; in

der Mitte dieses engen Gewässers befindet sich eine ganz kleine, bizarr

geformte Felsen-Masse, auf welcher ein ebenfalls ganz kleiner Leuchtthurm

ruht. Er führt einen sehr unappetitlichen Namen, man nennt ihn den

»krätzigen«, vermuthlich nach der eigenthümlichen Felsenbildung. Ein

Invalide vegetirt auf diesem kleinen Raume. Bald entschwanden die letzten

Spitzen der Inseln und fröhlich steuerten wir unserem theuren Vaterlande

zu.

Zwei Tage in den Bocche di Cattaro.

Schon am frühesten Morgen warf ich mich in meine Kleider und war der Erste

auf dem Verdecke. Eine gesunde frische Luft, von Oesterreich's geliebtem

Boden, den ich zum erstenmal wieder erblickte, stärkte meine Glieder und

mit stiller Wonne betrachtete ich den herrlichen Sonnenaufgang über den

dunkelblauen Bergen Dalmatiens. Ein leichter, duftiger Nebel ruhte auf

den stillen Wassern und gab dem kommenden Gestirn einen rosig zauberhaften

Schein; doch bald fielen die hüllenden Dünste und groß und prächtig

schien mir die Sonne in's dankbare Auge. Nun gab auch das neue Licht den

melancholischen Gebirgen Farbe und Leben; Felsen, Wälder und einzelne

kleine Ortschaften zeigten sich dem Blicke, der mit Ergötzen im Anschauen

des theuren Vaterlandes ruhte. Bald langten auch die Reisegefährten an und

herzlich begrüßten wir uns auf österreichischem Gewässer. Es erschien mir

als eine gute Vorbedeutung, daß gerade bei der Ankunft im Vaterlande die

Sonne uns so prachtvoll und hell entgegenkam. Wir nahmen unser Frühstück

auf dem Verdecke in der heitersten Laune, und so kamen wir unter munteren

Gesprächen zu dem Eingange der berühmten =Bocche di Cattaro=. Durch einen

ziemlich schmalen Canal kommt man in die erste seeartige Meerenge. Der

Eindruck ist still und groß, wie der eines ruhigen reizenden Binnensee's;

man vergißt das große Meer hinter sich und vertieft sich mit Lust in den

Anblick der neuen lieblichen Landschaft. Hier sind nicht mehr die nackten

Felsen und gelben Flächen von Hellas, hier herrscht buntes, frisches

Leben und mäßige glückliche Civilisation. Man sieht nicht mehr die öden

menschenleeren Räume; aus den üppigen Wäldern erheben sich Häuser, deren

Wohlstande man anmerkt, daß sie unter dem österreichischen Scepter stehen;

und doch hat auch der uncivilisirte Zustand Griechenlands seine besondern

Reize! Die belebte Landschaft unter südlichem Himmel und die kahlen

rosenfarbenen Gebirge am blauen schäumenden Meere von Lepanto, welch' ein

Kontrast! Gegen das Innere des Landes zu erheben sich hohe, felsige Berge

in äußerst malerischen Gestalten, welche wohl ebenfalls in den höheren

Regionen kahl sind, jedoch mehr das Gepräge des nördlichen Gesteines

tragen. Gegen das Meer zu ist das Gebirge niedrig und hat runde, nicht

sehr schöne Formen. Dasselbe ist meist von Myrten überwachsen. An den Ufern

ziehen sich frische grüne Weinberge mit einigen Villen im italienischen

Geschmacke hin. Zwei Punkte sind es jedoch, die das Auge am meisten

fesseln: das malerisch gelegene Städtchen Castelnuovo mit seinen eckigen

Forts, und das in byzantinischem Styl erbaute griechische Kloster Sabina;

ein hell erleuchteter Punkt im üppigsten Grün. Unser Schiff ankerte beim

Lazareth von Castelnuovo, welches sich eine halbe Stunde vom Städtchen

unmittelbar unter dem Kloster am Meeresstrand befindet. Nachdem wir uns

einigermaßen anständig gekleidet hatten, fuhren wir ans Land und betraten

mit Jubel nach so vielen Erlebnissen zum erste Mal wieder den festen

werthen Boden Austria's. Unser erstes Ziel war das Kloster, welches unsere

Neugierde schon vom Schiffe aus gewaltig gereizt hatte. Wie angenehm waren

wir überrascht, die deutsche Eiche (=quercus germanica=) neben dem üppigen

Lorbeer zu finden und uns in deren wohlthuenden Schatten zu laben. Auch

Wiesen sahen wir nach so langer Zeit wieder, frische grüne Wiesen, welch'

Entzücken! Und auf diesen Wiesen sprossen große Orangen-Bäume, umarmt vom

nordischen Epheu! Es war ein stilles, liebliches Plätzchen, das unmittelbar

vor dem Klosterthor lag: die lieblichste Vermälung der Schönheit des

Nordens mit der Glut des Südens. Die heißen Strahlen der Sonne wurden durch

das Blätterdach der Eiche in ein wohlthuendes Licht verwandelt, hie und

da blickte das tiefe Blau durch die Aeste auf einen weichen Sammetteppich.

Eine stolze Cypresse ragte in die reinen Lüfte und zu ihrer Seite, an einer

alten Mauer, wiegte sich ein in der Frucht stehender Orangenbaum, dessen

Aeste den saftigen Reben zur Stütze dienten; spielend neigte sich die

glühende Granate an ihren zarten biegsamen Aesten herab. Am Fuße des

leichten Abhanges öffneten sich die herrlichsten Blicke auf die ruhige,

spiegelklare See. Wir traten durch einen steinernen Bogen in einen

terrassenförmigen Hof. Eine große, eine kleine Kirche und das Kloster

erheben sich auf diesem Platze.

Durch Vermittelung unseres gefälligen Kapitäns ließ man uns in das Innere

der Kirchen eintreten. Die zwei in dem Kloster wohnenden griechischen

Mönche führten uns umher. Einer derselben, ein ältlicher Mann mit langem

grauen Bart, sprach gebrochen italienisch, so daß wir uns einigermaßen mit

ihm verständigen konnten. Im Inneren des Gotteshauses ist, der griechischen

Sitte gemäß, eine reich vergoldete Holzwand mit typischen Bildern vor

den Altar gezogen. Alle Christus- und Madonnenköpfe haben dieselben lang

gedehnten, nicht sehr schönen orientalischen Züge. Außerdem findet man noch

den geharnischten Georg und mehrere andere Heilige dargestellt. Einige der

hier befindlichen Bilder sind nicht ohne Kunstwerth. Von der Wölbung hingen

reiche silberne Lampen, Straußeneier und plumpe Verzierungen aus Baumwolle,

goldenen und farbigen Bändern herab. Da ich den Mönch mit Erstaunen

um deren Bedeutung fragte, erwiederte er mir, daß jeder Schiffer, beim

Auslaufen eines neuen ihm gehörigen Schiffes, einen solchen geschmacklosen

Zierrath an die Kirche spende. In der kleinen Kapelle, welche die zuerst

erbaute auf diesem Orte ist, befinden sich sehr schöne fromme Gaben, unter

welchen sich besonders ein fein geschnitztes Kreuz und mehrere mit Juwelen

besetzte Bilder auszeichnen. Das Innere des Klosters, welches aus nur

wenigen Zimmern besteht, ist klein und in einem kläglichen Styl gebaut.

Im Refectorium hängen einige alte schlechte Oelgemälde von russischen

gekrönten Häuptern.

Wir nahmen Abschied von dem lieben alten Manne, der uns durch die heiligen

Räume geleitet hatte, betrachteten noch einmal die herrliche Aussicht

vom Klosterhofe aus, und setzten unsern Weg durch den Eichenhain nach

Castelnuovo fort. Unterwegs lockte uns eine kleine Capelle auf einer mit

Aloën bewachsenen Anhöhe an. Hier hatten wir den umfassendsten Rundblick.

Tief zu unseren Füßen die begrenzte See; über den mit Myrten bewachsenen

Hügeln schimmert silbern am blauen Horizont das unendliche Meer durch die

höheren Spitzen getheilt. Auf der einen Seite die mit Epheu umsponnenen

Mauern von Castelnuovo, nicht unweit davon türkisches Gebiet, auf der

andern Seite die Wasserstraße zu den übrigen Bocche, an deren Ufern die

lieblichsten Villen hingestreut lagen, alles dieses von dem herrlichen

blauen Himmel überwölbt und von der mächtigen Sonne durchglüht! Wendete man

sich um, so war die Aussicht groß, aber düster; die bizarrsten, bis in den

Himmel langenden, schauerlich grauen Felsengruppen zeichneten sich scharf

auf schwarzer Gewitterluft. Nur einzelne Häuser hängen an der steinigen

Wand, umgeben von dunklen Cypressen. Das Ganze war geisterhaft, und doch

zog es das Auge mit dunkler Macht an. Diese Bergwände schließen, bis in die

Wolken ragend, die lieblichen Ufer der Bocche von dem düstern Montenegro

ab, welches theilweise schon auf den Bergspitzen beginnt. Die Aussicht war

so erhaben, einerseits mit südlichen Reizen bezaubernd, andererseits durch

stolze Abgeschiedenheit Wehmuth erregend, daß ich zu meinen Reisegefährten

sagte, dieser Platz locke mich an, mir hier einst eine Villa in

venezianischem Geschmacke zu bauen, von deren Fenstern, Balkonen und

Terrassen man jedesmal eine andere Aussicht genösse. Dieser Vorschlag wurde

einstimmig mit Enthusiasmus aufgenommen. Wenn man reist, findet sich so

mancher Fleck auf der Erde, wo man in feuriger Bewunderung ausruft: »Hier

laßt uns Hütten bauen!« und viel zu thun hätte man, wenn man überall diesen

heimlichen Wünschen nachgäbe. Den Hauptreiz dieser Gegenden bildete das

glückliche Zusammentreffen der verschiedensten Naturerscheinungen: großes

Meer, stille, seeartige Gewässer, Vereinigung der südlichen und nördlichen

Vegetation, Palme und Eiche, Mittelgebirg und riesige Felsen.

Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland · 第 13 / 15 段