Blätter des Kuchens und rollte sie so zu einer Kugel, welche er dann mit
Grazie in den weit aufgerissenen Mund warf. Nach diesem Gerichte brachte
man Limonade-Scherbet, in sehr eleganten, wahrscheinlich französischen oder
sächsischen porzellanenen Rococo-Tassen. So schlecht dieses aus Citronen
bereitete Getränk im Occident ist, so erfrischend und vortrefflich ist es
im Orient. Die Speisen wurden außerordentlich rasch gewechselt, so auch
verschwand der labende Trunk nur zu bald. Ihn ersetzte ein gebackener Fisch
mit kleinen Rosinen. Diese Zusammenstellung ist zwar etwas gewagt, aber in
der Wirklichkeit nicht so schlecht, wie man glaubt; dann folgte eine sehr
gute Mehlspeise, Kataif genannt, dann Patlitscha, ein Gericht Fleisch
mit einem Gemüse Macedoine, dessen Hauptbestandtheil eine in der hiesigen
Gegend vorkommende sehr schmackhafte, paprikaartige Pflanze ist. Bei
diesen Speisen in halbweichem Zustande hilft man sich mit den rechteckig
geschnittenen Brotstücken, welche man auf den Zeigefinger legt, und so
mit diesem und dem Daumen sich bedient. Viele zarte Europäerinnen und fein
gebildete Dandys werden über dieses naturgemäße Verfahren erschrecken. Ich
erlaube mir nur die Bemerkung, daß es kein großer Unterschied ist, mit
rein gewaschenen, eigenen Fingern aus einer so großen Schüssel zu essen,
in welcher man, wenn man einigermaßen geschickt ist, mit seinem Nachbar
gar nicht in Berührung zu kommen braucht, oder in einer zartfühlenden
europäischen Gesellschaft die Speisen mit Bestecken zum Munde zu führen,
deren sich schon Hunderte von Menschen bedient haben. Es kommt alles nur
auf Einbildung und Gewohnheit an. Der Gouverneur erzählte uns, daß ihm
das Essen mit dem Bestecke in St. Petersburg sehr schwer gefallen sei; die
Türken lachen über die Sitten der ungläubigen Franken ebenso, wie wir über
die Ihrigen. Nach dem Patlitscha brachte man gute, gebratene Meerfische.
Hierauf krapfenartige Reiskugeln, bei welchen die Türken Mittel finden,
sie auf einmal mit der platten Hand in den Mund zu drücken. Nach diesen kam
Reis mit Paradiesäpfeln. Hierauf Hallioa, eine geléeartige, sehr süße
und gute Honigspeise, dann erschien Bombar, bestehend aus vortrefflichen
Würsten mit Reis gefüllt. Dies war vielleicht eine der schmackhaftesten
Speisen. Der Pascha nöthigte uns durch die freundlichsten Worte, von allem
zu genießen. Als Fürst J. einmal, ganz außer Athem, aussetzen wollte,
versicherte er ihn gleich, ein Militär müsse noch mehr als die andern Leute
zu sich nehmen. Nun tischte man Lokma, einen durchsichtigen, meerfarbigen
Strudel auf, welcher durch seine Süßigkeit fast widrig war. Hierauf kam
Lammfleisch, dann Kalbsragout, diesem folgte Tank-goksi, ein weißer Brei,
welchen man aus fein gestoßener Hühnerbrust und Mandeln macht. Ich
fand diese Speise furchtbar, einige der Gesellschaft lobten sie jedoch
außerordentlich. Dann erschien ein Gericht aus Truthahn. Bei einem der
angeführten Fleische winkte Halil einem Diener, welcher mit den Händen in
die Speise fuhr, um sie zur leichteren Behandlung der Essenden auseinander
zu reißen. Ein kurzes und praktisches Verfahren. Nun kamen Maccaroni
mit Käse, ganz nach europäischer Sitte. Hierauf vortreffliches
Pfirsich-Kompott, dann Kabak dolma, aus gefüllten Kürbissen zubereitet,
eine Speise, welche die europäischen Feinschmecker sehr gut aufgenommen
hätten, wenn sie nicht unmittelbar nach dem süßen Kompotte gekommen wäre.
Das Ende des reichen und gemischten Mahles, machte der Pilau, ein großer
Reishaufen, bestreut mit kleinen Rosinen. Nach geschlossener Speisenreihe
wurde Urchas, ein schwimmendes Kompott in eleganten gläsernen Schalen
servirt. Dieses ziemlich starke, aber nicht sehr angenehme Getränk vertritt
bei den Mohammedanern die Stelle des Weines. Während der Tafel gelang es
mir nur zweimal sehr frisches gutes Wasser zu bekommen. Nun war das Mahl,
dieses interessante Reiseereigniß, beendet. Wir setzten uns auf den an der
Fensterreihe befindlichen grünen Divan, und man brachte uns in herrlichen
Kannen und Becken von Vermeil Wasser und Seife, um eine sehr nothwendige
Händereinigung vorzunehmen, bei welcher der Pascha, der sich übrigens auch
das Gesicht einseifte, ein Gebet zu murmeln schien. Nachdem diese Toilette
vollendet war, führte uns Halil wieder in den grauen Salon, und abermals
brachte man die Tabackspfeifen.
Jetzt lernten wir eine neue, den türkischen Großen höchst eigene Sitte
kennen; man vernahm nämlich in dem wohlgefüllten Bauche des Paschas ein
dumpfes Rollen und Tönen wie vor einem herannahenden Gewitter. Plötzlich
dröhnte das ganze Zimmer von einem Schall, welcher dem holdseligen Munde
des kaiserlichen Schwagers entfahren war. Da diese bauchrednerischen
Betonungen bei uns keineswegs üblich sind, so mußten wir in den großen
Mundstücken der Tschibuks Hülfe suchen, um nicht in ein Gelächter
auszubrechen. Von der türkischen Seite aus wurde dieser Beweis eines zu
copiösen Diners sehr gleichgültig aufgenommen und die Osmanli schienen gar
nicht verlegen. Im Gegentheil, kaum war Smyrnas Pascha zu Ende, so hörten
wir auf der andern Seite des Zimmers ebenfalls einen lauten Seufzer über
die Thorheit, so viel gegessen zu haben. Es war die Gemüthsäußerung der
türkischen Excellenz, welche am zweiten Tische während des Mahles präsidirt
hatte. Nun konnte unser convulsivisches Lachen kaum mehr verborgen bleiben;
erst später erfuhren wir, daß diese etwas lebhaften Magenäußerungen im
Oriente nicht im geringsten unartig seien, sondern so behandelt würden,
wie bei uns allenfalls das Niesen. Unsere Gedanken wurden von diesem sehr
komischen Thema durch einen ägyptischen Mohrentanz abgelenkt, welchen der
Pascha auf demselben Platze, wo der Kamelkampf verunglückt war, aufführen
ließ. Die Neger spielten selbst eine monotone Musik mit Trommeln und
Cinelli. Der Tanz war eigenthümlich, graziös und kriegerisch. Die Neger
schlugen mit Stöcken gegen einander und machten mitunter Sätze wie wilde
Tiger. Ein National-Tanz ist immer von großem Interesse, da sich in
demselben meist der Charakter des Volkes ausspricht. Die Tarantella
ist voll wilder Gluth, der Bolero edel und feurig, die Mazurka voll
leichtfertiger Anmuth, und in diesem Tanze sieht man die wilde,
kriegerische Horde, welche um die Leiche der Feinde oder um den erlegten
Löwen tanzt.
Als wir einige Zeit dies Schauspiel betrachtet hatten, fragte uns der
Pascha, ob wir nicht die Kaserne und die Truppen sehen wollten, welches
Anerbieten wir sehr gerne annahmen. Zum Abschied traten wir zu dem
Schreine, unter dem Namenszug des Sultans, der nun mit Champagner, Feigen,
Trauben und köstlichen Sultaninen überfüllt war. Ich ergriff ein Glas
mit dem sprudelnden Frankenwein und bat den Pascha, ob wir nach unserer
europäischen Sitte auf sein Wohl trinken dürfen; er erwiederte unseren
Toast, indem er ebenfalls einen auf das Wohl unseres Monarchen ausbrachte.
Den Namen des Kaisers lispelte er nach türkischer Sitte nur mit leisen
Worten. Nun trank er noch auf unsere Gesundheit, und wir auf die des
Sultans. Ich sah bei dieser Gelegenheit, daß die Türken, trotz des Korans,
dem perlenden Champagner keineswegs abhold sind; sie entschuldigen diese
stille Leidenschaft durch die Behauptung, dieser Wein sei nach Mohammeds
Tode erfunden worden. Wir verabschiedeten uns nun bei unserem herzlichen,
freundlichen Wirthe, den wir in der kurzen Zeit ganz lieb gewonnen hatten,
und wurden mit denselben Ceremonien entlassen, mit denen man uns empfangen
hatte. Wir begaben uns in die Kaserne; ein sehr geräumiges zweistöckiges
Gebäude, aus einem Mittel und zwei Seitentrakten bestehend; gegen die
vierte Seite zu ist es offen und ein Gitter schließt den großen Hof,
unmittelbar am Rande des Meeres, ab, wodurch auch die Luft in den schönen
fensterreichen Räumen immer gesund und frisch ist. Der in dem Gebäude
kommandirende General, welcher seiner Charge nach über zwei Regimenter
gesetzt ist, hatte in diesem Augenblicke nur ein Regiment in der Kaserne,
das andere war auf dem Marsche. Jedes Regiment hat zwei Oberste, vier
Oberstlieutenants, zwölf Majors und vier und zwanzig Lieutenants. Die
Mannschaft ist in vier Bataillone eingetheilt, das Bataillon in zwei
Compagnien.
Der General, welcher den Titel Militär-Gouverneur führt, empfing uns unter
dem Thore des dunkelroth angestrichenen Gebäudes. Wir besuchten die Räume
des ersten Stockes; die Gänge sind außerordentlich hoch, breit, luftig und
von lobenswerther Reinlichkeit, die Zimmer geräumig und nett; vierzig
bis sechzig Menschen haben in demselben Platz. Der Mann hat einen magern
Strohsack, ein kleines Kissen und eine Wolldecke, alles von dunkler Farbe;
das ganze Bett hat in seinem Tornister Platz. Die Leute liegen am Boden
ziemlich dicht neben einander. Die Kleidung des Soldaten besteht aus einem
rothen niedern Feß, einem blauen Tuchspenser und weißen Leinwandhosen; die
Füße sind nur außerhalb der Caserne mit schwarzen Schuhen bekleidet; in
der Kaserne gehen die Leute bloßfüßig herum, was viel zur Reinlichkeit
beitragen mag. Das Riemzeug ist von weißem Leder, die Patrontasche ziemlich
umfangreich. Die Gewehre sind groß und braun geschäftet, die Tornister
schmal und hoch, mit braunem Leder überzogen. Ich konnte dem General nicht
genug meine Bewunderung ausdrücken und versicherte ihn, daß man selbst
in Europa sich die Reinlichkeit des Militärgebäudes zum Beispiel nehmen
könnte, was dem Kommandanten sehr zu schmeicheln schien. Man führte uns nun
in eine Art großen Erkers, welcher in der Mitte des mittleren Traktes im
ersten Stock ein Gastzimmer enthält, von wo aus wir gebeten wurden, einigen
Bewegungen des Regimentes zuzusehen; wir versicherten die Herren, daß wir,
statt auf den schwellenden Kissen des Divans zu ruhen, uns lieber in den
Hof begeben wollten, um die Truppen in der Nähe bewundern zu können. Diese
Aufmerksamkeit freute die zuvorkommenden Türken außerordentlich, was ich
später durch einen Brief aus Constantinopel erfuhr. Von ihrem Sultan sind
sie keiner so nahen Betrachtung gewürdigt. Für Seine osmanische Majestät
ist nämlich ein prachtvolles Zimmer im zweiten Stock eingerichtet; in jeder
Kaserne ist ein solches für ihn bestimmt, von wo er dann die gläubigen
Kinder Mohammeds wie aus den Wolken betrachtet, das heißt nur sein Körper
zeigt sich bei diesem kriegerischen Schauspiele, denn der abgestumpfte
Geist des jugendlichen Fürsten erfreut sich nicht an dergleichen Dingen;
er ergeht sich lieber im Genusse des umhüllenden Tabacksrauches und denkt
lieber an das Heer seiner 700 Frauen, als an seine bewaffnete Armee;
wenn auch der Dragoman mit gewandtem Sinne mir sagte: »=Cette chambre est
réservée pour le Grand-Sultan, puisque les soldats sont ses enfants et
le père doit toujours loger parmi ses enfants=«, was recht hübsch klingen
würde, wenn es nicht eine leere Redensart wäre. Das Regiment war im großen
Hofe aufgestellt, alle Offiziere waren zu Fuß; ich glaube, daß nur dem
General ein Pferd zusteht. Die vier Bataillone standen in einer Front, und
es begann ein kurzes Exerciren im Feuer. Zuerst schoß jedes Bataillon der
Reihe nach, wobei das erste Glied nach alter Art niederkniete, wodurch alle
drei Glieder feuern konnten. Hierauf kam eine Décharge der ganzen Front,
ein Lauffeuer und dann die Formirung eines ganzen Quarrés. Im Feuer
exercirten sie vortrefflich, die Déchargen waren wie ein Schlag und das
Laden fabelhaft rasch; mit den übrigen Bewegungen ging es minder gut;
dieselben werden noch nach dem Beispiele eines Flügelmannes gemacht.
Besonders schlecht fiel das Defiliren aus, bei welchem ein langer schwarzer
Neger-Lieutenant die Richtung angab; die Musik tönte hierzu gar wild und
eigen. Einmal versuchten die guten Leute etwas aus Flotow's »Martha« zu
spielen, was aber ganz und gar mißlang. Das Commando der Türken in der
Landessprache ist wohltönend und laut, und wird rasch von den Truppen
ausgeführt.
Nirgends kann man den Gesichtscharakter einer fremden Nation besser
beurtheilen, als in ihren Heeres-Abtheilungen. Wo alles gleich gekleidet
ist, nach gleicher Größe gerichtet wird, da fällt einem auch die Gleichheit
der Züge auf und es wird möglich, aus diesen neben einander gereihten
Gestalten einen allgemeinen Typus zu entnehmen. Der türkische besteht
in einer ziemlich kurzen, etwas zurück gelegten Stirne; starken, schön
gewölbten Augenbrauen, scharfen, lang geschnittenen Augen, einer langen,
schmalen an der untern Spitze gerundeten Nase, einem großen, schlaffen
Munde mit starker Unterlippe, und einem langen, ovalen Kinn; die Haut ist
olivenartig. Nur der Schnurrbart wird bei den türkischen Truppen getragen;
der volle Bart wäre, wie wir oben gesagt haben, zu reactionär, und würde
zu viel an den Janitscharen-Absolutismus erinnern. Nach der Defilirung der
Truppen drückten wir dem Generale unsere Bewunderung und unseren Dank aus
und verließen hierauf die schöne Kaserne.
Es scheint, daß die Türken die Erfahrungen, die sie aus den Revolutionen
schöpften, gut zu benützen wußten, indem sich der Palast des Gouverneurs
in unmittelbarer Nähe der Behausung der Truppenmacht befindet. Ist auch die
türkische Monarchie im Innern morsch und schwach, so ist sie es doch nicht
durch die Revolution, und das Hinsterben eines alten Kolosses, der eine
große Vergangenheit hat, ist nicht so erbärmlich, als die furchtsame
Schwäche der europäisch christlichen Staaten, die die Revolution hassen,
sie gerne umbringen wollten, aber die Mittel hierzu mit kindischer Schwäche
scheuen und nur manchmal hinterrücks einen Ausfall wagen. Die religiöse
Idee ist es, die dies Reich noch zusammenhält. Ist Mohammed einmal
begraben, so leuchtet auch sein Halbmond nicht mehr über den schönsten und
reichsten Länder der Erde. Soll die Türkei untergehen, so untergrabe man
ihre Religion. Will man die europäischen Nationen stürzen, so säge man
fleißig am Kreuze.
Da während des Morgens das Meer ziemlich bewegt geworden war, schlug man
unserer Gesellschaft vor, den Rückweg zum Consulate auf den Pferden des
Pascha durch die Stadt zu machen. Wir nahmen das Anerbieten nicht an, da
es uns in Verlegenheit setzte, auf diesen herrlich geschmückten Pferden zum
Schauspiel für ganz Smyrna zu werden; wir hätten auch in voller Uniform
zu Fuße in der glühendsten Hitze auf dem schlechten Pflaster eine lange
Strecke gehen können. Ich aber liebe das bewegte Meer, und tanze gerne auf
den mächtigen Wogen, bestimmte mich daher die Fahrt wieder in der Barke
Halils zurück zu machen. Ein herrliches Vergnügen versprach ich mir von
diesem wonnevollen Schaukeln durch den zauberhaften Hafen von Smyrna.
Meinem Beispiele schlossen sich mein Bruder, Graf C., der General-Consul
und der Dragoman an. Den Uebrigen schien das Heben und Sinken der
schäumenden Wogen nicht zu behagen; sie zogen es vor, recht mühselig zu
Fuße zu schleichen. Wir stießen frisch vom Ufer ab, und ich freute mich
meines Einfalles; rasch schwebten wir über Berg und Thal im kühlenden
Meerwinde dahin, die lustigsten Hafenscenen beobachtend. Das rothe Dach
schützte uns vor den sengenden Strahlen und mit der größten Muße konnten
wir das herrliche Panorama der Stadt betrachten. Lange schon ruhten wir
wieder auf den Sopha's im Consulatsgebäude in angenehmer Erinnerung des
heitern und merkwürdigen Morgens, als unsere Freunde keuchend und halbtodt
von Hitze und Müdigkeit daher kamen. Wir bedauerten sie, daß sie nach einem
so copiösen Male, so lange über das halsbrecherische Pflaster hatten hinken
müssen. Ich lachte und dachte in meinem Innern, die hüpfenden Wellen sind
doch besser als der holprige Weg.
Ein Ausflug nach Burnabá.
Smyrna den 20. September 1850.
Es war einer der schönen hellen Tage des Südens, der Himmel rein, die Luft
warm und doch nicht drückend. Alles dies lud uns ein, das Anerbieten des
Consuls und Pascha's, einen Spazierritt nach Burnabá zu machen, anzunehmen.
Um drei Uhr Nachmittag, nach einem stärkenden Gabelfrühstück verließen wir
das Verdeck des Vulkan. Bald hatte uns die Barke an Asiens Strand gebracht,
von wo uns einige Schritte zum Hause unseres Consuls führten. Hier warteten
unserer die Pferde des Pascha; es waren herrliche Thiere, in der reichsten
Zäumung; die langen und breiten Schabracken strotzten von reichen
Goldstickereien, die Zäume waren aus goldig glänzender Bronce, und die
Steigbügel aus demselben Metall stellten ganze Waffentrophäen vor. Wir
setzten uns hoch zu Rosse und umgeben von einem bedeutenden Schwarm
türkischer Offiziere und einer Art irregulären Garde des Pascha, durchzogen
wir mit majestätischem Pferdegetrappel die Straßen von Smyrna. Wir kamen
durch die Armenier-Stadt, um der Anhöhe entlang in das freie Land
zu gelangen. Alles stürzte zu den Fenstern und vor die Thüren, die
herrlichsten orientalischen Physiognomien zeigten ihre neugierigen,
fein geschnittenen Augen hoffend, daß sie einen asiatischen Fürsten im
herrlichsten Anzuge einherziehen sehen würden, während sie nur, o Ironie!
ein paar armselige Europäer in quadrilirten Sommertrachten bedeckt mit
schwarzen Cylindern, auf den luxuriösen Pferden Halil Pascha's erblickten.
Bald waren wir auf einem gar schönen, und -- schenkt man den Historikern
Glauben -- interessanten Punkte, auf dem höheren Theile Smyrnas, angelangt.
Es ist dies der von Platanen umschattete heilige Ort, an welchem der
erste Musensohn, der erste, von dem wir wissen, daß er der Sprache die
bezaubernden Rosenfesseln des Rhythmus angelegt hat, an welchem Homer das
Licht der Welt erblickt hat. Ist es auch nicht der wahre Punkt, an welchem
der von den Göttern begeisterte Sänger geboren ist, so ist doch wenigstens
die geschichtliche Fabel trefflich ersonnen; denn gar reizend wölbt sich
die Platane mit ihrem edlen schlanken Wuchse, ihren feinen glatten
Aesten, und der breiten, leichten, vielfach gezackten Blätterkrone an dem
diesseitigen Ufer eines Gewässers, während jenseits der stille, ernste
toderfüllte Cypressenhain zum Himmel ragt; zudem erheben sich als Symbole
der späteren Geschichte zwischen den spitzen dunklen Bäumen gleich weißen
Geistergestalten die merkwürdigen Türken-Gräber, während über den Fluß
die für Smyrna so wichtige eigenthümlich gebaute und mit lebhaften Farben
bemalte Caravanenbrücke führt, über welche tausend und tausende von Kamelen
die reichen Naturgaben auf den Stapelplatz der orientalischen Gewässer
bringen. Wir überschritten dieses alte Bauwerk und begaben uns in den
Todtenhain der Muselmänner. Ein eigenthümlicher Ernst, eine ergreifende
Würde herrscht in diesen Räumen; in guter Ordnung und gehöriger Entfernung
stehen die hohen Cypressen, diese lebenden und doch die Todesruhe
verkündenden Minarets des Pflanzenreiches. Zwischen denselben sind die
zahllosen Gräber, welche aus aufrecht stehenden Steinplatten bestehen,
die meist auf und abwärts in einen Winkel auslaufen. Die Gräber der Männer
bezeichnen auf dem obern Theil angebrachte Turbane; die der Frauen sind
ungeschmückt wie überhaupt der Frau im Oriente keine Rolle eingeräumt ist.
Vor mancher der Steinplatten erstreckt sich eine niedere Steineinfassung,
wie sie bei uns im Gebirge öfter von Holz gemacht wird. Die neueren Gräber
sind mit grellen Farben bemalt und statt dem Turban sieht man schon den
türkischen Feß darauf. Auf den Steinplatten stehn der Name des Todten und
Sprüche aus dem Koran. Zwei Dinge gefallen mir bei den Türken: daß sie
nie die Gräber ihrer Vorfahren mit eigener Hand aufreißen und vertilgen,
sondern dies Geschäft der Zeit überlassen, und daß sie keine steinerne,
beklemmende Platte den Gebeinen der Verstorbenen aufdrücken, sondern
sie dem Schooße der Mutter Erde anheimstellen. Ich ziehe einen solchen
Türkenfriedhof den unserigen weit vor; man findet hier viel mehr
Gediegenheit, Einfachheit und Naturreiz als in unseren Kirchhöfen, wo man
oft eher geneigt ist zu glauben, man sehe ein theatralisch heidnisches
Freudenmonument, als eine christliche Grabstätte, oder endlich gar, wie
bei den Italienern, wo man auf einem großen mit Arkaden umgebenen Platz
die Reichern aufschichtet, während man dem Armen nur auf freiem Felde
einen Raum gönnt und sein Grab von dem eines Hundes nur durch eine kleine
nummerirte Holzmarke unterscheidet; will man Namen und Auskunft über
einen Todten finden, so muß man in einem Bibliothekkasten, einen
Katalog nachschlagen lassen. Dies sind die Ergebnisse unserer großen
materialistischen Zeit, in welcher sich die Menschheit selbst als eine
von einem ungekannten Fluidum durchströmte Fleischmasse betrachtet und
hiedurch, wie natürlich, die Achtung vor den todten Gebeinen verliert.
Unsere Vorfahren kannten noch den schönen Sinn, der sich in den
Türkenfriedhöfen zeigt, und man findet denselben noch in manchen Theilen
des hohen Gebirges.