Wir traten etwas befangen in den echt orientalischen Raum; er befindet sich

unmittelbar vor dem Badelokal und dient zur Entkleidung. Das Gemach endet

in einer schön gewölbten Kuppel; an den Wänden laufen steinerne Ruhebänke

herum, welche bestimmt sind den Muselmännern bei den Vorbereitungen zum

Bade zu dienen. Ueber denselben sind hölzerne Stangen angebracht, die,

wenn man einzelne Abtheilungen zu haben wünscht, mit Wollzeugen überhängt

werden. Dem Eingange gegenüber befindet sich ein Empor mit Divans, welches

höher gestellten Personen dient. Dasselbe war heute zu unserem Gebrauch mit

den herrlichsten orientalischen Stoffen geschmückt. Goldgestickte Polster,

Cachemirs, leichte Baumwollzeuge wechselten in den buntesten Farben, und

ihre Gruppirung zeigte den lebhaften, graziösen, türkischen Geschmack.

Weiche, elastische Teppiche aus Persien waren zur Wahrung des entkleideten

Fußes über die marmornen Steinplatten ausgebreitet. An den Stufen des

Empors erhebt sich ein Becken, aus dessen oberer Abtheilung ein in elf

Strahlen getheilter Springbrunnen das klarste, kühlendste Wasser unter

lieblichem Geräusch in den Marmor wirft. An dem Rande des Beckens dufteten

die schönsten Blumensträuße mit südlicher, balsamischer Kraft. Der

Gouverneur Halil Pascha hatte sie gleich den übrigen luxuriösen

Einrichtungen geschickt. Es war ein echtes Bild türkischer Sinnenblendung,

ein liebliches Durcheinander, welches doch einen inneren reizenden Einklang

hatte. Das Gemach war mit Dienern Halils, welche die kostbarsten Pfeifen

und Nargilés bereit hielten, und mit gewöhnlichen Badedienern gefüllt. Man

mußte an die Beschreibungen aus Tausend und eine Nacht denken, welche man

in unseren Gegenden für übertrieben hält, während sie mehr Wirklichkeit als

Traum sind. Man gab uns fortwährend Winke, auf die Divans zu steigen und

uns zum Bade zu entkleiden. Ich genirte mich gewaltig, meine Toilette

=coram publico= zu machen und mußte mich auch erst etwas an diese lebhaften

Eindrücke gewöhnen. Daher fing ich damit an, mich nur auf dem Divan

niederzulassen und den vortrefflichen Taback des Paschas aus den reichen

Pfeifen zu schmauchen. Diese Rauchapparate kosten, wie man uns sagte,

zwischen 1000 und 3000 Gulden. Die Mundstücke sind aus eiergroßem

Bernstein, mit funkelnden Diamanten besetzt. Während dieser Zeit

versammelte sich unsre ganze Reisegesellschaft, welche noch auf dem Bazar

mit Einkäufen beschäftigt gewesen war. Zum Bade entschlossen sich nur Baron

K., mein Bruder und ich. Die übrige Gesellschaft war befangen und

fürchtete sich vor der Hitze, welche bei einer solchen orientalischen

Körper-Reinigung herrschen soll. Alles was nicht Theil nahm, begab sich nun

auf die vor dem Badehause befindliche Terrasse, schmauchend und Scherbet

trinkend. Mein Princip ist es, auf Reisen Alles mitzumachen, was das Land

eigenthümliches bietet, da man ja um zu sehen und um zu lernen reist. Auf

dem Divan kam mir die Toilette lächerlich vor, daher begab ich mich mit

meinem Kammerdiener und dem mir zugetheilten Bade-Famulus in das erste

Vorbereitungsgemach. Beängstigt trat ich ein und wurde von einem Schwall

von feuchter Hitze fast erstickt. Zu meiner Beruhigung fand ich Baron

K. schon in seinem Badekostüme postirt. Ich entkleidete mich, und die

dienenden Muselmänner schlangen mir um die Lenden eine weiche Baumwollbinde

und behingen mich mit einem weißen Mantel aus gleichem Stoffe. An die

Füße erhielt ich erhöhte Sandalen, die vor dem auf dem Marmor befindlichen

Wasser schützen sollen. Ich wurde hierauf auf einem mit Kissen belegten

Stein-Divan installirt, und man reichte mir eine Pfeife. Nun hatte ich

Gelegenheit das Gemach zu betrachten. Es war von Stein und hatte die

Form eines länglichen nicht sehr großen Rechteckes. Längs der Wände waren

ebenfalls Ruhebänke angebracht. Den Boden bedeckte eine halbe Zoll hohe

Fluth von Wasser, welche, da die Hitze von unten kommt, der Luft einen so

hohen Grad von Feuchtigkeit giebt. Kaum war ich in Transpiration, so begann

die Arbeit der Badediener. In diesem Vorbereitungszimmer kneten sie

den Körper, um ihn in stärkeren Schweiß zu bringen. Es schien hiebei

magnetischer Einfluß vorhanden zu sein; auch spricht die äußere Erscheinung

dieser Männer sehr für diese Behauptung. Es sind meist junge Leute mit

unendlich tiefen, schwarzen Augen, welche im ersten Augenblicke einen

nichtssagenden Eindruck machen; das innere Auge ist aber schwärmerisch,

melancholisch, und diesen ihren tiefen Blick heften sie unverwandt

und starr auf das Opfer, welches sie unter ihren Händen haben. Ihre

Gesichtsfarbe ist fein, aber gelblich fahl; es fehlt ihnen jene jugendliche

Frische, die ihnen das Leben in der nassen Hitze nimmt. Ihre Gesichtsform

ist wie bei allen Muselmännern, lang und eckig. Um den fein geschnittenen,

meist geschlossenen Mund, spielt oftmals ein wehmüthig spöttisches Lächeln,

das wohl hauptsächlich uns Europäern gegolten haben mag, die wir uns in

diese türkischen Gebräuche gewiß recht unbeholfen geschickt haben. Ihre

Gestalt ist schlank und schmächtig, die Hände sind durch das Kneten

auffallend ausgebildet; die Haare tragen sie, nach mohammedanischer Sitte

gegen vorn zu, kurz geschoren. Ihre Bekleidung ist außerordentlich einfach:

gleich den Badenden tragen sie um die Lenden blaugraue mit rothen Streifen

versehene Wolltücher, auf den Schultern hängt der weiße Mantel und auf dem

Kopfe haben sie weiße anliegende Käppchen. Als die Transpiration, während

welcher wir immer liegend rauchten und mit Kaffee bewirthet wurden, durch

das Kneten und die ungeheuere Hitze den gehörigen Höhepunkt erreicht hatte,

legte man uns wieder die Sandalen an die Füße und wir wurden nun, von

der türkischen Bedienung gestützt, in das dritte, das Hauptlokal geführt.

Unsere europäische Bedienung ließen wir, da sie uns jetzt nichts mehr

nützte, in dem früheren Gemache zurück. Die armen Leute, welche ihre

Kleidung nicht so leicht einrichten konnten, waren fast vor Hitze

vergangen. Die Temperatur in diesem dritten Gemache aber glaubten wir kaum

aushalten zu können; doch einmal schon so weit gekommen, wollten wir das

Ganze aus Neugierde überstehen. Wir klapperten mit den Sandalen auf dem

feuchten Boden muthig vorwärts. Dieser Saal ist wieder von einer großen,

kühn gewölbten Kuppel gekrönt. In der Mitte befindet sich eine runde

Erhöhung des Fußbodens; sie beträgt nur ungefähr 2 Schuh und dient als

Ruheplatz. An vier Punkten der runden Wand sind kleine Bade-Cabinette

errichtet; die Wände derselben bilden gegen den Mittelpunkt des

Hauptgemaches zu schiefe Winkel, welche mit kleinen Eingangsbögen endigen:

sie dienen nur zur Absonderung; denn gleich spanischen Wänden beträgt ihre

Höhe höchstens 1½ Klafter. Der obere Theil ist gegen die Kuppel offen.

Wir wurden nun jeder in ein solches Cabinet geführt. Im Inneren desselben

befand sich eine hölzerne Pritsche und zwei Hähne für warmes und kaltes

Wasser, welche in ein Marmorbecken mündeten. Die steinerne Wand war

mit tausenden von Schwaben tapeziert, welche aber bei der menschlichen

Annäherung, Gott sei Dank, flohen. Mein Badediener nahm mir den Mantel ab,

nachdem er sich auch des seinigen entledigt hatte; ich mußte mich auf die

Pritsche ausstrecken, worauf er meine Glieder mit einer blauen weichen

Bürste tüchtig rieb. Nachdem er das einige Zeit so fortgetrieben hatte,

nahm er ein großes Bündel aus Aloefasern, erzeugte in demselben, mittelst

warmen Wassers und Seife, eine große Menge weißen Schaumes, deutete mir

mit Zeichen an, die Augen zu schließen und übergoß mich nun wiederholt vom

Wirbel bis zur Zehe, indem er immer den Schaum mit heißem Wasser wegspülte.

Während dieser Operationen, reichte er mir mit indolenten Gebärden ganz

vortreffliche Scherbet-Limonade, welche in diesem furchtbaren Dunst sehr

erfrischend wirkte. Bei diesem Reinigungsvorgang kamen die Dragomanen öfter

zu den kleinen Cabinetten, um nach unserem Befinden zu fragen. Mehrmals

wiederholten sie, ob wir das Bad gänzlich nach türkischer Sitte nehmen

wollten? Ich versicherte sie fortwährend, daß es unser Wunsch sei, und ließ

daher alles lautlos über mich ergehen. Als der Badediener mich für gehörig

gereinigt hielt, schlang er mir ein weißes Linnentuch turbanartig um die

feuchten Haare, machte mir durch Zeichen begreiflich, aufzustehen, warf mir

den Mantel um die Schulter, reichte mir die Sandalen und führte mich nun

in das allererste Gemach, wo die erhöhten Divans zeltartig mit weißen

Baumwollstoffen umgeben waren, um uns den Blicken der Neugierigen zu

entziehen. Carl und ich streckten uns auf die schwellenden Kissen, ließen

uns mit goldgestickten Tüchern behängen und sollten uns nun nach der

ungewöhnlichen Transpiration etwas abkühlen. Man reichte uns Pfeifen,

Kaffee, Scherbet und vortreffliches Wasser. Die Badediener knieten an

unserer Seite, uns knetend und bedienend. Das Ganze war stattlich und gab

uns ein recht lebhaftes Bild von orientalischer Ueppigkeit. Unsere

übrigen Reisegesellschafter besuchten uns zuweilen und lachten über unser

türkisches Aussehen. -- Da die Transpiration nicht aufhören wollte und wir

dem Besuch des Pascha auf unserem Schiffe entgegen sahen, so zogen wir uns

an und verließen triefend das Badehaus. Ich könnte nicht sagen, daß das Bad

eine angenehme Wirkung auf mich gemacht hätte; man schwitzt so fürchterlich

und kommt in eine beängstigende Unruhe und Mattigkeit; für faule

Mohammedaner, die nach einer solchen Operation Stunden und Stunden im

=dolce far niente= zubringen, ihren Taback schmauchend und den Kaffee in

langen Zügen schlürfend, mag es recht gut sein.

Ein Morgen beim Pascha von Smyrna.

Der Pascha hatte uns auf eine so freundliche und zuvorkommende Weise seinen

Besuch abgestattet, daß wir uns durch unseren Consul erkundigen ließen,

wann wir unseren Gegenbesuch machen könnten. Er hatte uns auf heute Morgen

zu sich gebeten, mit der Ankündigung, uns ein alt-türkisches Essen geben zu

wollen. Man kann sich unsere Freude denken, auch diesen originellen Moment

einer Reise im Orient durchkosten zu können. Wir legten bei unserem Consul

um 11 Uhr Mittags die volle Parade an, was sich ziemlich komisch zu dem

orientalischen Kostüme und dem bunten Gewimmel auf den Straßen ausnahm, und

begaben uns auf den schlechten, ziemlich vernachläßigten Quai; hier wartete

unser das aus dem schönsten geschnittenen Holze verfertigte lange, aber

ziemlich schmale Boot des Pascha, bemannt mit zwölf türkischen Matrosen,

welche in ihren weißen Hemden und rothem Feß ein plumpes und sehr

nüchternes Aussehen hatten. Das Einsteigen in das schmale Schiff unter das

scharlachrothe Dach war mit Säbeln und Sporen ziemlich beschwerlich; auch

fand nur ein Theil der Gesellschaft darin Platz. Für die Andern war eine

zweite minder pompöse Barke bereit. Wir stießen ab und im Fluge ging es

über die schäumenden Wogen der Türkenstadt zu, an deren Anfang Paläste und

Kasernen sich befinden. Die Ruderer bewegen ihre schön geschnitzten langen

Ruder mit außerordentlicher Kraft und mit so viel Takt, als seien sie nach

dem Metronom einstudirt. Ich ließ mir erzählen, daß diese Leute ganze Tage

in einem fort unter der glühendsten Hitze rudern, ohne abzusetzen, so daß

sie zuletzt in eine Art fieberhafter Extase gerathen, und, fast ihrer Sinne

beraubt, in gleichmäßigen dumpfen Lauten stöhnen.

Ich saß in der Barke auf einem rothseidenen eleganten Kissen, des kleinen

Raumes wegen mit gekreuzten Füßen, was in der europäischen Kleidung einen

nicht sehr malerischen Anblick gegeben haben muß. Wir näherten uns dem

Landungsplatze vor dem Palaste. Die Garden waren aufgestellt und echt

türkische Musik, in verwirrten wilden Tönen, ließ sich bei unserem Anblicke

vom Ufer hören. Als wir das Land betraten, wurden uns mit prachtvollen

blauen, gold- und silbergestickten schweren Schabraken und mit herrlich

ciselirten Zäumen versehene arabische Pferde des Pascha vorgeführt. Wir

zogen jedoch vor, die kurze Strecke zu Fuß zu machen. Die Garden umringten

uns, es erscholl eine von allen möglichen Instrumenten ausgeführte

wirbelnde Musik, und so zogen wir mit orientalischem Pompe unter Zuströmen

der Menge in die inneren Palast-Räume Halil Paschas ein.

Längs des ganzen Weges, bis zur Stiege des Gouverneurs, war eine große

Anzahl bewaffneter Diener in alttürkischem Kostüme aufgestellt. Sie waren

mit den schönsten Waffen, meist in gediegenem Silber, beladen. Die uns

begleitenden Garden trugen leider nicht mehr das alte Kostüme, und sahen in

ihrem neuen ganz erbärmlich aus. So plump, so farblos, nichtssagend,

hängt ihnen der schmutzige Rock am Leibe, während das alte Kostüme etwas

ehrwürdiges, geschichtlich interressantes und den lebhaften Farben des

Morgenlandes entsprechendes hat. Das Sprichwort »Kleider machen Leute«,

zeigt sich hier als wahr, nur im umgekehrten Falle wie in Europa; denn

das Volk hält sich in Smyrna, wie man sagt, noch viel mehr wie in

Constantinopel, an die alten Vorschriften, wodurch es einen imposanten,

ernsten Eindruck macht, da dieses Kleid den Gesichtszügen, dem Bart und der

Gestalt der Mohammedaner wohl ansteht, während sich Autoritäten und Militär

sehr kleinlich in ihren modernen Anzügen ausnehmen; wenn man sie ansieht,

muß man unwillkürlich an den Verfall des türkischen Reichs denken; denn mit

solchen Figuren, welche sich unter dem Volke matt verwischen, verliert

die himmlische Pforte ihre Stützen, und die Christen des türkischen Reichs

werden bald aufhören, vor einem solchen europäisch behosten Pascha oder

Bey, der ihnen sonst eine Geißel Gottes war, zu zittern; und so verliert

sich die große Idee eines osmannischen Reiches, gleich der deutschen

Rheinfluth, im Sande: Kleider machen Leute. --

Der Palast Halil's ist nach türkischer Art von Holz, da die Moslim nach

ihrem Koran ihre Häuser nur als vorübergehende zeltartige Ruhestätten

ansehen; denn sie haben mit den Christen nur Waffenstillstand, nicht Friede

geschlossen, da es ihre eigentliche Bestimmung ist, mit Feuer und Schwert

den Koran über den Erdball zu verbreiten. An den untersten Stufen der

hölzernen Treppe empfing uns mit einer bedeutenden Anzahl Diener ein

Großer des Reiches, nach dem Pascha der erste Würdenträger in der Stadt.

Er bekleidete eine Art Polizeistelle, und schien ein gutmüthiger

mohammedanischer »Spitzel« zu sein, der in Wien für diese Race, glaub' ich,

zu unbedeutend gewesen wäre. Halil dürfte seine politischen Eigenschaften

wohl erkennen, da er den ganzen Morgen außerordentlich freundlich mit ihm

war. Der arme Mann fürchtet sich vermuthlich vor einem mißliebigen Berichte

an das Constantinopolitanische Ministerium, welches so nicht gut gelaunt

gegen den Pascha sein soll, weil er der türkischen Reaktion angehört. Da

wir die Bezeichnung »Zopf« hier nicht anwenden können, so wollen wir ihn

einen mohammedanischen Langbart nennen; dieser ist nämlich das Symbol

des alten Regimentes. Wir nannten diesen orientalischen Spitzel kurzweg

türkische Excellenz, weil ihn Gouverneur und Dragoman immer »=son

excellence=« titulirten. Er schlug wiederholt, als Zeichen der größten

Hochachtung, auf Bauch, Mund und Stirne. Wollte er damit ausdrücken, daß

der Magen sein entwickeltester Theil und das Gehirn ihm und dem Munde

nachsteht -- ich weiß das nicht; aber gewiß ist es, daß uns der Pascha am

obern Rande der Stiege mit demselben Zeichen bewillkommnete. Das Aeußere

des Paschas trägt den Ausdruck der Gutmüthigkeit; er ist nicht sehr groß

aber außerordentlich fett, und um seinen Mund spielt ein freundliches

Lächeln. Sein Kopf ist breit und stark, sein Auge mild und nicht ohne

Geist. Aus dem Feß, welches ihm alle Augenblicke herunter zu rutschen

drohte, wobei er eine sehr komische Handbewegung machte, guckten ihm einige

braune Locken heraus. Um sein Kinn trägt der arme Mann, als Beamter der

Neuzeit, nur einen mäßigen und kurzen Bart. Bei uns muß man sich gerade im

Gegensatze, wenn man Minister oder wenigstens Ministerial-Rath werden will,

als =fra diavolo= arrangiren. Dort bannt man die schwarze Reaktion mit

ihren Derwischartigen (jesuitischen) Umtrieben durch das Verkürzen des

Kinnwaldes, und bei uns thut sich das freie Ich, das liberale Bewußtsein

der Neuzeit, in der möglichsten Gesichtsverlängerung durch den Bart kund.

Ueberall unterwirft sich der Mensch den selbst aufgedrungenen Formen.

Der Rock, den er trug, war von dunkelblauem Tuche mit außerordentlich

reicher Goldstickerei. Die =inexpressibles= von weißem Tuche mit

Goldstreifen. Um den Hals trug er das Zeichen, welches ihm als Schwager

des Sultans gebührt. Es besteht aus einer Diamanten-Schnur und zwei kleinen

eben solchen Quasten, wie auch den in Brillanten gefaßten Namenszug des

Sultans. Seine Brust schmückte der auf gleiche Art gefaßte russische

Andreasorden, den er erhielt, als er in dem Jahre 1827 als Friedensbote

nach Petersburg geschickt wurde, nachdem er sich in diesem Kriege

sehr ausgezeichnet hatte und der Einzige war, vor dem sich die Russen

fürchteten. Um die Lenden hatte er einen herrlichen Säbel in =peau de

chagrin= und Diamanten gegürtet. In dem ersten geräumigen Stiegenhause war

eine noch größere Anzahl von Dienern versammelt; überhaupt macht die Menge

der Diener und Sklaven den Stolz der Türken aus. Halil führte uns mit

dem Zeichen der größten Aufmerksamkeit in einen an das Stiegengemach

anstoßenden Salon, dessen lange Fensterreihen eine prachtvolle Aussicht

auf das wogende Meer darboten, und von diesem immer schönen Elemente

die wohlthuendste Brise einließen. Wände und Plafond des Gemaches waren

hellgrau angestrichen; in den Ecken liefen Goldstreifen mit orientalischen

Verzierungen. Auf zwei Seiten waren Fenster an Fenster, nur durch leichte

Balken getrennt. Auch ein Theil der Stadt und der ganze Hafen waren durch

dieselben sichtbar. An den Fensterbrüstungen standen Divans, Sofa

und Lehnstühle. Zwischen den zwei in gerundeten Ecken befindlichen

Eingangsthüren ist die Wand außerordentlich reich mit Gold verziert; in der

Mitte derselben befindet sich der Namenszug des Sultans mit goldenen Zügen

auf blauem Grunde; unter diesem sind in dem Holzgetäfel kleine Schubladen

angebracht, in welchen man die werthvollsten Kleinodien, Andenken und

Schriften aufbewahrt. Es scheint dies das Familien-Sanctuarium zu sein,

und es hat auch durch einen großen, schrankartigen Tisch, welcher sich vor

demselben befindet, Aehnlichkeit mit einer Kapelle. Auf dem Boden liegen

feingearbeitete Matten. Die oben angeführten Möbel beziehen die Türken

aus Triest und Wien. In diesem Gemache waren sie aus braunen, hübsch

geschnitzten Nußbaumholz mit schwarzem Roßhaarstoff überzogen. Der Pascha

wies meinem Bruder und mir Lehnstühle an der Fensterwand, gegen die Stadt

zu, an, so daß wir in das Innere des Gemaches und auf das Meer sehen

konnten. Halil setzte sich an unsere Seite, die übrigen Herren, die im

ersten Boote gefahren waren, vertheilten sich auf den Divans. Es entspann

sich nun zwischen uns und dem Gouverneur ein Gespräch mit Hülfe des

Dragoman, welcher in französischer Sprache verdolmetschte.

Den Fragen Halils merkte man an, daß er nicht ohne Bildung sei, und seine

echt türkischen Schmeicheleien waren gut gewählt, blumenreich und fast

witzig. Bald nach uns kam die Gesellschaft, welche im zweiten Boote Platz

gefunden hatte, an; die Herren wurden vom österreichischen General-Consul

dem Pascha vorgestellt, welcher ihnen mit den freundlichsten Worten sagte,

er hoffe, Alle würden ihre Pflicht thun, nur der Doctor möchte niemals

Gelegenheit dazu haben. Ich konnte mich über die Verwunderung meiner

Freunde kaum des Lachens enthalten. Die eckigen, schlichten, häßlichen

Fracks nahmen sich mitten im orientalischen Luxus so äußerst komisch aus,

und ein dicker, liebenswürdiger Haus-, Hof- und Staats-Archivarius Seiner

apostolischen Majestät, dem man die Lachlust im Gesichte ansehen konnte,

einem Gouverneur und Pascha einer asiatischen Provinz der himmlischen

Pforte gegenüber, gab ein gar mächtiges Genrebild. Nachdem auch diese

Herren sich niedergelassen hatten, strömte auf ein gegebenes Zeichen ein

Haufe von Dienern herein, welche außerordentlich schöne, sieben bis acht

Schuh lange Tschibuks lanzenartig im Arme trugen. Sie vertheilten dieselben

unter uns, faßten unsere Stellung scharf ins Auge und wußten die duftenden

Pfeifenköpfe so geschickt auf den Boden zu stellen, daß das Mundstück

gerade in die Richtung unserer Lippen kam. Dieser Handgriff gehört zum =bon

ton= der türkischen Dienerschaft. Nun knieten sie nieder, legten unter jede

Pfeife eine Metalltasse und fachten das vortreffliche Lieblingskraut der

Osmanli mittels Kohlen zur dampfenden Gluth an. Alles dieses geschieht mit

außerordentlicher Fertigkeit; nur Schade, daß diese Diener ebenfalls die

neuere Kleidung tragen. Wir erkannten die Pfeifen aus dem Bade her; nur

erstaunten wir jetzt über die Menge, welche den außerordentlichen Luxus

verräth, den man in diesem Punkte in der Türkei treibt. Der Sultan ließ

schon einst ein Verbot gegen die große Verschwendung in Pfeifen ergehen,

da sich mehrere seiner Paschas im vollsten Sinne des Wortes durch diesen

Artikel ruinirt haben. Für unsern guten Halil ist dies nicht zu fürchten,

indem er sehr reich ist; seine Einkünfte schon als Gouverneur von Smyrna

betragen bei 80,000 Gulden. Während des Gespräches rief er plötzlich

unseren lieben =Dr.= F. zu sich, und ließ ihm durch den Dragoman bedeuten,

er möge ihm den Puls greifen, indem es ihm eine Ehre sei, daß er an ihm

dasselbe vollziehe, was er täglich an uns ausübe. Der Arzt that wie ihm

befohlen wurde, und versicherte Seiner Hoheit, daß der Puls außerordentlich

stark und gesund sei, worüber unser freundlicher Wirth in ein sehr

lebhaftes Gelächter ausbrach. Er befrug auch noch den Medicus, ob denn kein

Mittel gegen die Cholera gefunden sei. Als man ihm verneinend antwortete,

schien er nicht sehr zufrieden; denn die Furcht vor dieser Krankheit ist im

Orient ungeheuer groß. -- Wieder erschienen die Diener und brachten Kaffee.

Im Oriente wird dieses so oft gebrauchte Getränk in kleinen Schälchen

aufgetischt, welche sich in eierbecherförmigen Gestellen befinden.

Gewöhnlich sind diese Gefäße aus Porzellan; hier waren sie aus

rosenfarbenem Email mit Diamanten. Der Kaffee wird sehr warm, mit Satz und

ohne Zucker getrunken und ist nicht so schlecht wie man glaubt. Als

die Pfeifen zur Hälfte geraucht waren, wurden sie von den Dienern

hinausgetragen, und frisch gefüllt zum neuen Gebrauche wieder

hereingebracht. Plötzlich hörte man Schellen klingen und drei stattliche,

bunt geschmückte Kameele erschienen, umgeben von malerisch gekleideten

Treibern, auf dem Platze vor dem Palast. Es sollte uns ein Schauspiel ganz

neuer Art geboten werden: ein Kameelkampf, von dem ich in Europa nicht

einmal reden hörte. Gegen das Spätjahr zu, besonders im Monat Dezember,

kommen die männlichen Thiere in eine eifersüchtige Wuth, so daß sie

sich gegenseitig jagen, beißen und schlagen, gleich den Hähnen bei den

Wettkämpfen in England. Leider mißglückte der heutige Versuch, indem es

noch zu früh im Jahre war. Nur das stärkste dieser Thiere ging einmal,

gereizt durch die Treiber, auf ein schwächeres los, biß es ein paarmal,

wobei ihm der Schaum aus dem Maul lief; der Gegner jedoch stöhnte nur

einigemale jämmerlich und wich dann feige zurück. War auch dieser Spaß dem

Pascha mißglückt, so hatte uns doch der Anblick dieser mächtigen Thiere

sehr interessirt; plötzlich verschwand der Gastgeber, aus welchem Grunde

ist uns bis jetzt noch nicht bekannt. Einige Zeit nachdem er außer Athem

zurückgekehrt war, lud er uns zur Tafel ein. Er ging vor uns, wie es

überhaupt im Orient Sitte zu sein scheint, mit würdevollem Anstand in

das Stiegengemach, wo ihn die immer fortgesetzten Bücklinge seiner treuen

Diener empfingen. Von hier aus führte er uns durch eine kleine mit einem

schweren Vorhange versehene Thüre in das Speise-Kabinet. Dies bot ein

liebliches Bild des phantastisch graziösen Morgenlandes. Die Wände und der

Plafond waren zeltartig mit weißen moirirten Tapeten bedeckt, welche mit

rothen Streifen und zierlichen Bouquets geschmückt waren. Auf der einen

Seite befand sich wieder eine hohe, lange Fensterreihe, unter welcher sich

ein breiter, grüner, schwellender Divan hinzog. Holzgitter schützen vor den

neugierigen Blicken des Volkes. Auf dem Boden lagen Rohrmatten und außerdem

noch reiche Teppiche, in der Mitte des Zimmers befanden sich zwei große

geränderte Vermeil-Platten auf Dreifüßen, welche mit reichen Stoffen

behängt waren. Diese bildeten die Eßtische, an denen nach türkischem Brauch

immer nur sechs bis sieben Personen Platz nahmen. Die Gesellschaft theilte

sich demnach in zwei Theile. Wir ließen uns auf kleine weiche Sitze nieder,

mit der gespanntesten Erwartung auf das kommende Mahl. Halil Pascha, Fürst

J., Baron K., der General-Consul, mein Bruder und ich saßen an einer dieser

Platten. Jeder der Gäste hatte einen schwarzen und weißen mit Corallen

besetzten Löffel vor sich, ein goldgesticktes Handtuch aus Battist, welches

mit einem Schnupftuche viel Aehnlichkeit hatte, ein feines Weißbrot, dessen

eine Hälfte in längliche Rechtecke geschnitten war, und mehrere in Vermeil

und Silber elegant gearbeitete Untertäßchen, auf welchen sich köstliche

Sultana-Trauben, Sardellen, Caviar, Gurkensalat mit saurer Milch, Wasser-

und süße Melonen befanden. Die letzteren waren durch die südliche Sonne so

gereift, daß sie auf der Zunge wie Zucker zerflossen. Diese verschiedenen

=hors d'oeuvres= ißt man nach Belieben während des Speisens, was keine

schlechte Einrichtung ist, da man beim orientalischen Mahle süße und

saure Speisen durcheinander bekommt. Man schlang uns um Brust und Schooß

goldgestickte Linnentücher, was uns ein sehr spaßhaftes Aussehen gab;

diese Maßregel ist jedoch höchst nothwendig, da man nur die ganz flüssigen

Speisen mit dem Löffel ißt, während man alles andere mit den Händen

zerreißt. Kaum hatten wir uns niedergesetzt, so füllte sich das ganze

Gemach mit Dienern, die sich weidlich an unserer Verwunderung und unserem

ungeschickten Benehmen ergötzten. Man legte nun in die Mitte der Tafel ein

kleines, rundes, ledernes Kissen, auf welches man die Speisen, deren Zahl

über 20 war, der Reihe nach in großen, weißen und blauen chinesischen

Porzellan-Schüsseln setzte. Da es einige europäische Gourmands interessiren

könnte, so lasse ich den Speisezettel folgen. Den Eingang machte eine

Nudelsuppe, welche jedem französischen Koch Ehre gebracht hätte; hierauf

folgte ein Schöpsenbraten mit Reis gefüllt, welcher sich durch sein zartes

und vortreffliches Fleisch auszeichnete. Die Suppe hatte man mit dem Löffel

gegessen, in diese Speise jedoch fuhr der Pascha mit seiner weichen dicken

Hand, und gab uns zu verstehen, wir möchten seinem kühnen Beispiele folgen.

Alles stürzte nun gleich wilden Thieren auf diesen Braten los, und bald

waren die triefenden Fasern abgelöst und mit etwas Ungeschick in den

harrenden Mund gebracht; aus besonderer Bevorzugung und Artigkeit riß

der Gouverneur einen saftigen Knochen ab, den er mir mit liebenswürdigem

Lächeln gleich einer Blume überreichte. Wir waren einigermaßen verlegen,

indem wir nicht wußten, wohin die überbleibenden Knochen legen; der Pascha

half uns jedoch bald aus dieser Ungewißheit, indem er uns andeutete, nur

alles auf die goldene Platte tropfen und fallen zu lassen; diese =beaux

restes= des orientalischen Magenluxus bleiben die ganze Tafel hindurch den

nicht sehr erbauten Augen der Gäste Preis gegeben. Darauf kam eine flache,

sehr breite Mehlspeise von Butterteig, welche die Türken Börek nennen.

Halil benutzte eine glückliche Gelegenheit, während wir nicht auf die

Speise achteten, lüftete die Mitte derselben, worauf zu unserer großen

Verwunderung ein Stieglitz scheu herausflog. Unser heiterer Wirth lachte

über diesen Beweis türkischen Witzes, mit einem maßlosen Gebrülle; es

scheint, daß diese naiven Ueberraschungen in Smyrna noch der höchste Grad

von gutem Geschmacke sind, denn der Pascha bat mich, ich möchte dieses

Intermezzo in meinem nächsten Briefe an meine Verwandten erwähnen.

Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland · 第 11 / 15 段