Wir waren erschöpft von dem langen, sieben Stunden währenden Ritte; aber

nur der Körper war etwas müde, der Geist thätig, und so brachte uns der

herrliche, südlich laue Mondschein zum Entschluß, noch einmal unsere etwas

angestrengten Glieder in Bewegung zu setzen. Es lag eine enthusiastische

Unersättlichkeit der Kunstliebhaber darin, die sie hinderte, sich die

Müdigkeit zuzugestehen. =L'appétit vient en mangeant= -- und daher war

auch die kleine Anzahl der Philhellenen und Antiquitäten-Verehrer wirklich

selig, noch diesen Genuß zum Schlusse des thatenreichen Tages zu haben. Zur

erhabenen Freude an den griechischen Kunstwerken kam auch etwas Bosheit;

wir ergötzten uns nämlich weidlich an den verzweifelten Mienen der

prosaischen Comforthelden. -- Das vortreffliche Diner ward rasch

eingenommen, und wir stürzten uns hierauf, von der Basilissa angeführt, in

die königlichen Kutschen. Schon während der Fahrt hatten wir Gelegenheit

das klare, mild hingegossene Mondlicht zu bewundern und die Vortheile einer

solchen Beleuchtung zu würdigen. Alles wirklich Erhabene tritt hell hervor,

während der niedere Erdenwust im Dunkeln liegt. Die einzelnen Farben

verschwinden, dem Ganzen einen sanften Ton eingebend, und die Formen der

Gegenstände unterscheiden sich nur durch ihre Schatten. Am hochliegenden

Thore der Akropolis wären wir fast, in Bewunderung versunken, ein Opfer

unserer Kunstliebe geworden. Die Pferde, welche unseren Enthusiasmus nicht

zu theilen schienen, wollten den heiligen Weg (=via sacra=) nicht weiter

fortschreiten, und unser Wagen rutschte bedachtsam gegen die, dem steilen

Wege nahen Abhänge. Die Neugriechen, welche diese Straße aus gänzlichem

Mangel an Wagen nie befahren, sorgen nicht einmal für die Beruhigung der

Reisenden; kein Geländer gab uns die süße Illusion einer Rettung. Die

Königin ergriff daher unter verzweiflungsvollem Angstrufe das einzige uns

Übrigbleibende Mittel, und stürzte sich aus dem Wagen. Das Hoffräulein,

welches durch die für eine Griechin ungewohnte Emotion in eine Ohnmacht

verfiel, wurde dem helfenden Lakai, einem dicken Baiern, in die Arme

geworfen. Carl und ich retteten uns ebenfalls durch das von der Königin

angegebene Mittel. Der Wagen, von unserer Wucht befreit, konnte durch die

Pferde erhalten werden, und zu Fuß traten wir nun in das Thor des erhabenen

Göttersitzes ein.

Vom Vorhofe aus hatten wir den ersten zauberhaften Anblick auf das in einen

Silberspiegel verwandelte Meer. Mein Auge ruht immer mit gehobenem Gefühle

auf der weiten See; wie erst, wenn sie vom Vollmonde aus griechischem

Himmel beleuchtet ist?

Von jeher sehnte ich mich nach und träumte ich von dem Süden; nun fand ich

meine Träume verwirklicht und weit übertroffen. Mit welch' stolzem Gefühle

schritt ich über die hellglänzenden Stufen der Propyläen, deren Säulen

gleich Riesen aus der Götterzeit um uns standen! Schwarz und eckig entwuchs

der dunklen Erde der zierlose Frankenthurm; klein und doch lieblich

erhaben, schwebte zwischen Meer und dunkelblauem Himmel der zarte

Victoria-Tempel, gleich einer Phantasie aus südlichen Träumen. Herrlich

thürmte sich das stolze Parthenon, als sei es durch ein Götterwort

erstanden. Leicht stützten die Caryatiden den Tempel der Nymphe Erecthea.

Alles so schön, so groß, so phantasiereich und alles -- doch nur Ruinen!

Unwillkürlich fiel mir in diesem Raum voll Trümmern, vom Monde

schwärmerisch beleuchtet, der Gedanke ein: hier sei der Kirchhof der

Geschichte. Fünf Völkerperioden wälzten sich über diesen Platz, und nur die

erste füllt uns noch mit staunender Bewunderung. Die tiefe Poesie,

welche in den Werken der Griechen liegt, konnte ihnen kein anderes Volk

einhauchen. Der Römer ist groß, aber erdrückend schwer; der Franke eckig,

stark und plump, und von des Türken gräulicher, fanatischer Verwüstung

zeugen nur kahle Schädel. Mit talentvollem Enthusiasmus führte uns die

Königin auf die glücklichst gewählten Standpunkte, von wo wir die einzelnen

Werke in ihrer ganzen Pracht sehen konnten. Sie betrachtet als Königin

der Hellenen einen Theil des Ruhmes, der den alten Werken anhängt, als ihr

Erbtheil. Stundenlang hätt' ich an diesen verschiedenen Punkten, meinen

Gedanken selbst überlassen, weilen mögen -- aber die Gesellschaft war zu

groß, zu viel Unbedeutendes mischte sich hinein. Ich hatte das Gefühl, hier

könnte ich dichten, Gedichte der Sehnsucht und Begeisterung. -- Wir traten

auf eine der Endspitzen des reich beladenen Felsens, von wo wir die neue

Stadt sehen konnten. Sie war in ruhiger Stille ausgebreitet, und nur

die beleuchteten Fenster zeigten, daß Leben in ihr walte. Wie wenn ein

unmündiges Kind am Fuß des Thrones seines berühmten Ahnen sitzt, lag sie

da; und die an unserer Seite stehende Basilissa, ist der Genius, der das

Band zwischen Einst und Jetzt knüpft. -- Wir schieden mit vollem Herzen;

meine Seele hatten Töne anderer Zeiten durchrauscht. Die Königin, um die

Ausdauer der Gesellschaft zu prüfen, schritt nun, zu meiner großen Freude,

von hier aus zum Areopag, auf den Fels, von welchem der heilige Paulus zu

den Atheniensern vom unbekannten Gotte sprach. Auch hier war es himmlisch.

Die Königin hüpfte auf den Felsblöcken so munter herum, als hätte sie den

ganzen Tag geruht, zum großen Aerger der Comforthelden, welche lieber in

weichen Dunen vom rosigen Champagner geträumt hätten. Als wir den Areopag

verließen, sahen wir plötzlich, gegen die Meerseite zu, ein herrliches

Meteor fallen, so mächtig, als stürzte der Mond herunter. Es verwandelte

seine Farben in Grün und Roth, und zeichnete seinen Weg durch einen langen

Funkenstreif. Man stieg in die ominöse königliche Kutsche und fuhr zu den

Säulen des Jupiter. Sie sind groß, wie alles Römische; nur fehlt ihnen der

liebliche poetische Hauch der griechischen Götterwerke; Pracht ohne Grazie.

Durch das Thor Hadrians kehrten wir in den königlichen Palast zurück. Mein

Wunsch war, augenblicklich auf den »Kirchhof der Geschichte« zurückkehren

zu können, obwohl ich den ganzen Tag in Bewegung gewesen war. So lange ich

lebe, werde ich dieses Abends, und der Basilissa gedenken.

Ein Besuch in der Moschee von Smyrna.

Der erste Morgen in Kleinasien, der erste Morgen im osmanischen Reiche,

lachte uns freundlich entgegen; da lag der Orient mit seinen Reichthümern,

mit seiner Vegetation, mit seinen tausend Sinnenblendungen vor uns.

Asiens Blüthe hatte sich vor uns entfaltet, die Welt lang gehegter Träume

erschlossen. Am reinen Meeresspiegel, auf leichter Erhöhung, ruhte

die Stadt mit ihren tausend und abermals tausend Häusern im

buntesten Farbengewirre vor uns. Schlanke Minarete, die Wegweiser des

Mohammedanismus, erhoben sich in ihrer eigenthümlich graziösen Bauart neben

den Kuppeln der Moscheen. Reiche Cypressen-Wälder beschirmen auf der Anhöhe

mit stillem, majestätischem Ernste die Gräber der Türken. Auf dem höchsten

Punkte liegt wie auf einer Terrasse die Ruine eines festen Schlosses,

welches man aus diesem, an geschichtlichen Erinnerungen so reichen Boden,

Alexander dem Großen zuschreibt. Im Hintergrunde erhebt sich das Gebirge

mit seinen tausendfältigen Formen, umschließt wie ein Halbmond den klaren

Golf und bildet an dem Ufer desselben die grünsten Abhänge und Thäler,

aus welchen einzelne Ortschaften hervorblinken. Das schönste dieser Thäler

führt von alten Zeiten her, dem tapferen Helden Richard Löwenherz zu Ehren,

den Namen Cordeleon; auf dem andern, dem linken Ufer zeigt sich auf einer

kleinen Landzunge ein von den Türken erbautes Fort, und über alle diese

Pracht erhebt sich der blaue ungetrübte Azur. Jedes Minaret, jede Cypresse,

jede schön gewölbte Kuppel, jedes farbenreiche Haus war für uns eine neue

Erscheinung, und spannte unsere Neubegier; selig priesen wir uns daher, als

die Barke an der Schiffswand herunter gelassen wurde, und wir mit mächtigem

Ruderschlage über die Wellen hinhüpfend uns den Zauberbildern näherten.

Der Ausdruck des Geistigen, die Verkörperung höherer Ideen ist das Erste,

welches der Reisende im fremden Orte suchen muß; in diesem Sinne bildeten

daher das ernste Minaret und die Moschee unser erstes Ziel auf Asiens

Wunderboden. Geblendet, und vom Uebermaße des Entzückens verwirrt,

schritten wir durch die Straßen und Bazare zu einem, an deren Ausgange

gelegenen, erhöhten Platze, auf welchem in malerischen Formen die Moschee

Kiltgezagi steht. Vor den Aufgangsstufen zu der erhöhten Terrasse, die das

Fundament des unseren Augen so nahen Gebäudes bildet, steht ein von Bäumen

umgebener Brunnen, welcher dem Totaleindrucke Frische und Leben gewährt.

Ein schöner Gedanke ist es, daß man an den Stufen des Gotteshauses die im

Oriente so seltene Erfrischung von Wasser und Bäumen bietet. Auf dem mit

einem Steingitter umgebenen erhöhten Platze steht die aus einer großen

Kuppelwölbung bestehende Moschee. Rechts erhebt sich das schlanke Minaret,

in dessen Innerem eine kleine finstere Treppe zu der, unter dem in eine

Spitze auslaufenden Ende befindlichen Gallerie führt, von welcher herab der

Muezin fünfmal im Tage die Betstunde ausruft. Sowohl Minaret, als Moschee,

scheinen von einem graugelblichen Sandstein gebaut zu sein. Vor den drei

Eingangsthoren befindet sich eine schöne Stufenreihe, welche auf eine

Terrasse mündet, die den Mohammedanern vor dem Eintritt in die Moschee als

Raum zu dem Vorbereitungsgebete dient. Ueber dem Mittelthore erhebt sich

ein kleines Thürmchen mit einem niedlichen Balkon, von dem herab der Iman

seine Gebete ertönen läßt. -- Der Consul ersparte uns das Ausziehen unserer

Fußbekleidung beim Eintritte, wodurch wir jedoch nach mohammedanischen

Begriffen ein Sacrilegium begingen. Erwartungsvoll betraten wir den der

Erbauung gewidmeten Raum und wurden augenblicklich an die im Perrückenstyle

erbauten Kirchen erinnert. Säulenreihen scheiden den Raum in drei Theile,

über deren mittleren und größten sich die Kuppel erhebt. Mauern und Säulen

sind mit Gold und Farbenverzierungen geschmückt, die Grundfarbe aber ist

weiß; in mehreren Theilen des Gebäudes sind Koransprüche angebracht. In der

Mitte der dem Thore gegenüber stehenden Wand befindet sich der Platz, wo

der obenerwähnte Iman, der türkische Seelenhirt, die Hauptgebete spricht.

Auf der Wand hinter demselben sind die Goldverzierungen mit größerer

Verschwendung angebracht, und sowohl dieser Theil, als auch der Boden,

sind mit reichen Teppichen geschmückt. Der übrige marmorne Fußboden ist mit

feinen Rohrmatten bedeckt, eine Einrichtung, welche für die christlichen

Knie und Füße ebenfalls sehr vortheilhaft wäre. Auf jener Stelle, an

welcher in unseren Kirchen sich gewöhnlich der Altar befindet, hängen drei

Bilder; das mittlere stellt das Grab des Propheten dar, rechts sieht man

Medina und links Mecca mit seinen Minarets und Kuppeln. Diese Bilder

sind in einer eigenthümlichen, nicht ganz mißglückten Vogelperspective

ausgeführt. Das Material scheint eine Art Wasser- oder Deckfarbe zu sein.

Diese Conterfei's der für die Mohammedaner heiligen Orte sind das Einzige,

was von türkischer Malerei besteht; denn anderes darf der wahre Gläubige

nach dem strengen Ausspruche des Korans nicht darstellen. Dies mag ein

Grund sein, daß man in Europa so lange über die Sitten und Gebräuche des

inneren türkischen Lebens im Dunkeln blieb, während der mohammedanische

Koloß durch den Umstand, daß er keine Abbilder von Menschen, also keine

religiösen, und keine Sittenbilder besitzen durfte, dazu beitrug, ihn

vor fremden Einflüssen zu bewahren. Diese Befehle und Verbote des weisen

Propheten und seiner Ausleger vereinigten sich, wie eine aus tausenden von

Steinen zusammengesetzte Scheidewand, um die Ungläubigen scharf von der

treuen Heerde des Propheten zu trennen. Nun beginnt die Aufklärung auch in

diese Gauen einzudringen; man findet die Idee des religiösen Gehorsams

eine lächerliche Unbequemlichkeit, über die man sich hinaussetzen muß; man

beginnt die kleineren Steine aus dem trefflich gefügten Verbande zu rücken,

und bedenkt nicht, daß die größeren gar bald nachstürzen müssen. Man fängt

unter dem Titel Mißbräuche auszurotten, an, alles dasjenige zu entfernen,

dessen offenbaren Nutzen man nicht augenblicklich einsieht, bis das durch

das erstere Gestützte, zur Erhaltung des Ganzen Nothwendige, entweder mit

vollem Bewußtsein gestürzt wird, oder zum Erstaunen der Neuerer ebenfalls

verschwindet. -- Rechts von diesem mit Bildern geschmückten Platze erhebt

sich eine schmale Stufenreihe und führt in ein von vier Säulen getragenes

Thürmchen. Der Eingang in dieses kleine, zierlich errichtete Schilderhaus

ist durch einen rothen Vorhang geschlossen. Ein, in eine Spitze

auslaufendes Dach ragt hoch an der Hauptwand empor und trägt diesem

Häuschen zum Schutze am äußersten Ende den Halbmond, dieses einst so

furchtbare Sinnbild der Mohammedaner, das gleich einer Sichel Stämme

und Völker ohne Schonung dahin mähte. In diesem reichgeschmückten,

hocherhobenen Häuschen ist es des Imans Aufgabe, für das Wohl des Sultans

zu beten; ein Gebrauch, der für einen monarchisch absoluten Staat, dessen

Oberhaupt zugleich der Vorsteher der Kirche ist, wie geschaffen erscheint;

denn unwillkürlich muß es dem Volke einen großen Eindruck machen, daß sein

Herrscher einen eigenen, von allen andern Menschenkindern abgeschlossenen

Raum hat, zu welchen man nur wie auf einer Jacobsleiter emporsteigen kann,

und zwar auch nur der Priester, damit dieser in höheren Regionen, wie aus

den Wolken herab, das Gebet für den Nachfolger Mohammeds ertönen lasse.

Diesem Häuschen gegenüber, auf der linken Seite der Wand, befindet sich

eine reiche, weiß und goldverzierte Kanzel, auf welcher den Mohammedanern

ihr Buch der Bücher, oder vielmehr das einzige ihnen bekannte Buch

vorgelesen wird. Alle diese Einzelheiten der Moscheen haben große

Aehnlichkeit mit denen unserer katholischen Kirchen. Dieses reich verzierte

kleine Gebäude erinnerte an unser Sacraments-Häuschen; die Kanzel ist ganz,

selbst der Form und den Zierrathen nach, denjenigen, welche wir in unseren

Gotteshäusern haben, ähnlich; ja selbst unseren Chor finden wir über dem

Eingangsthore wieder; nur erhebt sich statt der Orgel in der Mitte eine

große vergitterte Abtheilung, in welcher der Sultan dem Gottesdienste

beiwohnt. Als wir den Chor bestiegen, fanden wir wie natürlich den für den

Großherrn bestimmten Raum geschlossen; auch in dieser Einrichtung zeigt

sich ein Beweis richtiger Berechnung; das andächtige Volk ahnt die Nähe

des Herrschers, und doch ist die Person desselben den fragenden Blicken

entzogen, wodurch die Neugier und eine Art mysteriöser Verehrung in

der Menge genährt wird. Bemerkenswerth ist die große Anzahl von Lampen,

Straußeneiern und Hirschgeweihen, welche in der Moschee hängen, und ihr

hiedurch den echt orientalischen bunten Reiz gewähren; man fragt natürlich,

was Straußeneier und Hirschgeweihe in einem Gotteshause zu thun haben?

Auch wir thaten diese Frage, und lernten hiebei ein Stück mohammedanischen

Aberglaubens kennen; die Rechtgläubigen hängen diese Gegenstände in ihre

Moscheen auf um das schadenbringende Lob der Ungläubigen unschädlich zu

machen; tritt nämlich ein Christ in die Moschee und lobt die Schönheit

des Baues oder die Pracht der Ausstattung, so muß sein herumschweifender

bewundernder Blick unwillkürlich auf die Jettatura fallen, und das Unglück,

welches seinem Lobe folgen müßte, ist verhütet. Dieser Glaube, so bizarr

er ist, schadet nicht dem Effekte, den die Gegenstände auf den Beschauer

machen. Der Total-Eindruck, den eine Moschee mit ihrer hohen Kuppel, mit

ihren Säulenreihen und Seitengallerien macht, ist erhebend, still

und großartig; nichts Abstoßendes trifft das Auge des Christen, kein

überladener Prunk, keine allzugroße Entblößung versetzen den Beschauer in

eine unangenehme Stimmung. Nur ein Kleinod vermißt das Auge des Christen:

es ist der Altar. Dieser trostbringende Platz für eine bedrängte Seele,

fehlt dem mohammedanischen Gotteshause, und dieser Mangel ist es, der für

uns den Gottesdienst kalt und gefühllos macht; es fehlt die Einigung, das

alles umfassende, jedes Gebet einschließende Opfer. Hiedurch entsteht eine

Leere im Gotteshaus; es drängt sich einem der Gedanke auf, daß man sein

Gebet eben so gut zu Hause feiern könnte; daß man hiezu keiner Synagoge,

keiner Moschee und keines Bethauses bedarf. Der Jude ist's, der dies am

wärmsten fühlt; sein Tempel ist zerstört, sein Opferplatz vernichtet, die

Perle seiner Religion geraubt, und nachdem er nur glaubte in Sion opfern zu

können, so fühlt er jetzt in seiner Synagoge nur eine haltlose Sehnsucht,

ein klagendes Verlangen nach dem einstigen Glücke der Väter. Uns Jüngern

des Messias war es vorbehalten, im prachtvollsten Tempel, wie in der

kleinsten Kapelle etwas Höheres zu finden, als es je im Weltwunder

Salomons vollbracht wurde. Mit Wehmuth suchen wir daher im Gotteshause

der Andersgläubigen den verehrten Platz, zu welchem sich die Blicke der

betenden Schaar während der heiligen Handlung wenden. Obwohl es Freitag,

also der türkische Festtag war, erlebten wir in den Mauern der Moschee

dennoch keinen Gottesdienst. Die Stunde war zu früh und noch kein Betender

im Inneren angelangt. Eine Art Iman führte uns in den Räumen herum; er

trug einen Turban, einen gestreiften Seidenkaftan mit einer Binde und einen

Oberrock. Zu dieser Kleidung ein indolentes Gesicht mit gelber Hautfarbe

und schüttern Bart, gaben ein ganz charakteristisches Bild. Als wir die

Moschee verließen, um das Minaret zu besteigen, hatten wir auf der zum

Vorbereitungsgebete bestimmten Terrasse den erhebenden Anblick eines

im Gebete versunkenen Türken. Derselbe kniete auf einem nach türkischer

Gewohnheit selbst mitgebrachten Teppiche; sein Anzug bestand in einem

violettrothen faltenreichen Kaftan und einem schneeweißen Turban; die

Schuhe hatte er ausgezogen und neben sich gestellt; in den Händen bewegte

er den im Oriente so beliebten Kugelkranz, vom braunen Gesichte wallte

über die Brust ein schneeweißer Bart, seine Augen waren in tiefster Andacht

niedergeschlagen, seine Züge ernst und gesammelt; es war ein ergreifendes

Bild. Nur zuweilen blickte er schmerzlich, ängstlich herum, und durch unser

vielleicht zu lautes Gespräch gestört, fielen seine dunklen schwärmerischen

Augen einen Augenblick auf uns. Als er die Neugier und geringe Achtung der

Ungläubigen bemerkte, verfiel er in ein herzzerreißendes Weinen und sang

leise und schmerzlich wimmernd seine Gebete vor sich hin. Es war nicht der

Ausdruck des kalten gehässigen Vorwurfs gegen die neugierigen Christen,

es war ein wehmüthiges Bedauern, ein stilles Jammern über den unbewußten

Frevel, den wir wahrscheinlich in seinen Augen begangen. Mit Rührung,

Mitleid und Achtung vor diesem frommen Beter verließen wir den Platz und

betraten die kleine finstere Steintreppe, welche uns in das schmale kleine

Minaret führte. Wir stiegen nicht bis auf die ganze Höhe, sondern verließen

auf einem Ausgangspunkte das Minaret und seine mysteriöse Stiege, um uns

auf die Seitendächer der Moschee zu begeben. Herrlich zeigte sich uns von

hier aus Smyrna, die stolze Fürstin des Orients; reich entwickelte sich der

von Menschenhänden geschaffene Schmuck, reicher der, den Mutter Natur ihr

gönnte. Weithin streckten sich des silberblauen Kleides schöne Flächen, und

majestätisch ruhte das gekrönte Haupt mit den Zacken und farbigen Gestirnen

seines Schmuckes auf grünem Pfühle. Mitten im Häusermeere zeichnete sich

der zu unseren Füßen gelegene kleine Platz, welcher den Bazar-Gassen

als Ausgangspunkt zum Gotteshause dient, als besonders belebt und

charakteristisch. Gedrängt füllten ihn Menschen in den verschiedensten

Trachten, in den mannigfaltigsten Haut- und Kleiderfarben, um die

ungläubigen Gäste zu erblicken, denen zu Ehren der Pascha eine Truppenzahl

vor die Moschee gestellt hatte. Als wir das Gewirre zu unseren Füßen

mit Interesse betrachteten, hörten wir plötzlich ein eigenthümliches

Glockengeläute; neugierig warteten wir deß was da kommen würde. Plötzlich

theilte sich die Menge und wir sahen braune Massen im pathetischen

gleichförmigen Schritt und Tritt sich einherbewegen. Es war ein Zug

eigenthümlicher Art, ein Zug aus tausend und einer Nacht, ein Bild,

oder vielmehr eine Reihe von Bildern, wie sie Horace Vernet malt; eine

Erscheinung, die man sich mit der glühendsten Phantasie nicht vorstellen,

die man mit der beredtesten Feder nicht beschreiben kann; denn nur im

tiefsten Orient, in den Gefilden Asiens, in den reichen lebensvollen

Bazaren von Smyrna, Damaskus und Bagdad, nur da, wo Mohammeds Schwert

regiert, wo die Palme grünt und der Halbmond durch die Wüste schimmert,

sieht man, was wir sahen: einen mit Waaren und Früchten reich beladenen Zug

von -- Kamelen. -- Sie erschienen vor uns, die Herolde, die Repräsentanten

des ältesten Welttheils. Dies Thier, welches des Arabers dürftige Familie

gleich einem Schiffe durch die Sandwellen trägt, welches ihm Milch zum

einfachen Mahle giebt, welches ihm als schützende Mauer gegen den Samum

dient und in der äußersten Bedrängniß als Opfer fällt, um den Gebieter

den verborgenen Keller zu erschließen. Sollte da der Ankömmling nicht

verwundert fragen, warum dieses Thier, eines der nützlichsten welches Gott

schuf, so häßlich, ja fast geisterhaft schauerlich ist? Die Antwort, daß

das wahrhaft Nützliche, das streng Genügsame, gar oft auf dieser Erde in

einem widrigen, rauhen Kleide erscheint, muß genügen. Alles ist an diesem

Thiere eigenthümlich; schwankend und doch nicht ohne Würde tritt der

weiche Polsterfuß auf den heißen Boden; lang dehnt sich am magern Halse der

schlangenartige Kopf, hoch wölbt sich gleich einem kahlen formlosen Berge

der schwerbeladene Rücken. Bald passiv, bald wuthentbrannt ist das kluge

Auge, ledern ist die dicke Haut, braun und doch eigentlich farblos der

ganze mißgeformte Körper. Bald verschwanden die Söhne der Wüste in den

Straßen des Bazars. -- Wir kehrten auf das Minaret zurück, nachdem wir,

während wir die Dächer beschritten, auch das Innere der Kuppel auf einer

Gallerie besehen hatten, die rings um das Innere läuft und einen so

niederen Rand hat, daß Jeder, der an Schwindel leidet, es aufgeben sollte,

den Moscheenraum in der Vogelperspektive zu betrachten. Als wir das Minaret

verlassen hatten, war unser Türke aus dem Vorhofe verschwunden und

schien bereits in die Moschee eingetreten zu sein. Wir verließen die

terrassenartige Erhöhung und verloren uns im bunten Leben des Bazars.

Ein Besuch auf dem Sclavenmarkte von Smyrna.

Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland · 第 9 / 15 段