Für die Verehrer alter Bauten sind in diesem Thale zwei Aquaducte das

Merkwürdigste; sie stammen aus der Römerzeit und sind aus Ziegeln erbaut;

den größten Theil der Pfeiler hat jedoch die Zeit schon verschlungen. Was

bei diesen zwei Wasserleitungen für den die Natur beugenden Willen der

Erbauer am meisten Staunen erregt, ist, daß sie in demselben Thale in

entgegengesetzter Richtung laufen. Der Zweck dieser Bauten hat aufgehört,

und die Pfeiler stehen nur mehr als traurige Merkmale einstiger Kultur

da. Mit einigem Kostenaufwande ließen sich diese Aquaducte wohl wieder

herstellen, was dem armen, dahingestorbenen Lande wenigstens einiges

neue Leben bringen würde. -- Kaum hatten wir diese Ruinen angestaunt, so

überfiel uns ein ziemlich starker Regen; die Königin spannte einen Schirm

auf, die Pferde wurden in ein lebhaftes Tempo versetzt und nun gings

eilends einem kleinen in der Nähe befindlichen königlichen Maierhofe zu,

der sich an den Ufern eines frischen Baches befindet. Das Auge erblickt mit

Freude in seiner Umgebung einige saftige Kleefelder und Obstbäume. Im Hofe

des nach deutscher Weise eingerichteten Gebäudes verließen wir die Pferde;

mit Stolz zeigte uns die Königin einen herrlichen Kuhstall, der für die,

nach deutscher Sitte den Kaffee Trinkenden, die Sahne liefert; auch hat

man sich am Hofe wirklich nicht über die Milch zu beklagen, welche sonst

in südlichen Ländern den nordischen Bewohnern so sehr abgeht. Eine breite

üppige, von einem einzigen Weinstocke gebildete Laube vor den Zimmern

des Maiers schützte uns vor dem Regen. Die Königin, welche sich einen

vortrefflichen Appetit durch die häufige Reitbewegung zu erhalten weiß,

ließ von der deutschen Hausfrau Pfannkuchen backen, welche in einem kleinen

finstern Zimmer verzehrt wurden; indeß waren Wagen von Athen gekommen und

wir konnten trocken nach Hause fahren. Im Fluge wurde Toilette

gemacht, worauf man zum Diner ging, bei welchem Capitän W. von unserem

Geschäftsträger Grafen J. der Königin vorgestellt wurde. Da die lebhafte

Majestät fand, daß man am heutigen Tage noch zu wenig Bewegung gemacht

hatte, so wurde nach Tisch noch =à la guerre= gespielt. Die ganze

Herrengesellschaft befleißigte sich, ihr Spieltalent zu entwickeln, was

jedoch Manchem auf sehr komische Weise mißlang, wodurch es dem geübten

Billardspieler =Dr.= F. ein Leichtes wurde, obzusiegen. Mit diesem Triumphe

der Wiener Kunstfertigkeit endigte der heutige Tag.

Tags darauf besuchten mein Bruder und ich noch einmal in Begleitung des

Grafen C., des Archivarius K. und der beiden uns zugetheilten Adjutanten

den herrlichen Theseustempel, dessen im Innern befindliche Kunstschätze

wir noch nicht zur Genüge betrachtet hatten; am heutigen Morgen konnten wir

alles mit Muße beschauen, ohne von den, mit Ausnahme des Professor G.,

für Kunst minder schwärmenden Reisegenossen gestört zu werden; dabei

unterstützte uns die angenehm belehrende Erklärung des griechischen

Archäologen. Der merkwürdigste im Tempelraume befindliche Gegenstand

ist das Basrelief einer Heldenfigur aus der Zeit des Xerxes; es stellt

Aristion, einen Verwandten des Theseus vor. Diesem seltenen Denkmale

wenigstens schenkte man etwas Fürsorge, und barg es in einem gläsernen

Kasten vor dem Einflusse der Luft. Man sieht aus dem Profil dieses

Heldenbildes, in wie früher Zeit man in Griechenland schon ein Gefühl für

Kunst hatte; ist die, späteren Zeiten vorbehaltene, schöpferische Kraft

in diesem Werke auch noch gebunden, so läßt sich doch ersehen, daß einem

Volke, welches schon in der Kindheit solches zu leisten vermochte, eine

herrliche Zukunft bevorstehen mußte. Die Züge und Gliedmaßen der Figur sind

noch steif und ungehobelt, und man konnte aus denselben schließen, wie

der Funke der Kunst von den alten ernsten, steinernen Aegyptern auf das

jugendfrische, lebhafte Volk der Griechen übergegangen war, und erst hier

unter den Einflüssen einer glücklichen und kräftigen Natur sich zu dem

hehren allbewunderten Flor entfaltet hat. Wenn wir dieses älteste Denkmal

griechischer Sculptur verlassen, so finden wir schon nebenan Grabsteine

aufgehäuft, welche durch die sinnreiche Idee, die ihnen innewohnt, und

durch die Ausführung an Hellas Blüthezeit erinnern.

Denn nach den granitenen, schon wegen des schwer zu bearbeitenden

Materials, kalten und steifen Bildern der ägyptischen Schule, hat das

jüngere Streben dem weichen weißen Marmor des Pentelikon einen neuen

Geist eingehaucht. Der Künstler hat schon Scenen aus dem Leben mit seinem

mythischen Glauben verbunden und den mystischen Schleier gelüftet, so daß

der Beschauer den Ausdruck des Gedankens, der ihn geleitet, findet. Die

auf den Grabsteinen befindliche Figur des Sterbenden ist immer in sitzender

Stellung und hüllt sich in einen Schleier, um das Scheiden von der Welt

darzustellen; um ihn herum stehen Verwandte und Freunde, welche durch ihre

Gebete die schmerzliche Trennung hindern wollen. Ist es eine Mutter, die in

dem Kreise der Ihrigen stirbt, so hat der Künstler ein Kind zu ihren Knieen

hingestellt, das einen Vogel im Händchen hält, wodurch er die hinfliehende

Seele der geliebten Mutter versinnlicht. Dieser Grabsteine sind sehr

viele aufbewahrt, und die mannigfaltigen Figuren auf denselben sind nicht

typisch, es ist Fleisch und Blut vom reichsten Faltenwurfe umwallt. Unter

den übrigen Gegenständen sind noch ein Sarkophag und eine treffliche Statue

bemerkenswerth. Die letztere stellt einen Jüngling vor, den man als Apollo

bezeichnet; ob mit Recht, weiß ich nicht, wiewohl der Gliederbau desselben

eines Gottes würdig wäre. Eine ziemlich colossale Statue mit ägyptischer

Bekleidung trägt die Spuren späterer Kunst in der Art ihrer Bearbeitung.

Der Archäolog sagte uns, sie stellte Antinous, den Liebling des Hadrian

vor. Sie ward auf dem Felde von Marathon gefunden; ich glaubte gern, daß

dieses Werk der römischen Periode angehört, da man den leichten Gliederbau

griechischer Kunst darin vermißt. In der Kolonnade des Hadrian, wohin wir

uns nun begaben, sind in deren vorderem abgeschlossenen Raume ebenfalls

Alterthümer aufbewahrt, unter denen wir noch mehrere Grabsteine nach Art

der eben beschriebenen fanden.

Wir kehrten auch noch einmal zum Tempel der Winde zurück, der in meinen

Augen durch die Erklärungen des Archäologen sehr an Interesse gewann. Zu

diesem Gebäude führt, wie ich schon oben bemerkte, ein Aquadukt, dessen

nunmehr vertrocknete Wässer vor Zeiten eine Broncestatue des Neptun so

gleichmäßig bewegten, daß er den Mittelpunkt eines Uhrwerks bildete, das

nach dem Lauf der Stunden Figuren zum Vorschein brachte, deren Alter und

Größe mit der Stundenzahl wuchs. Im ersten Zeitabschnitte zeigte sich ein

kleines Mädchen mit einem Füllhorn, in dem sich Knospen befanden; in

dem zweiten eine Jungfrau mit aufblühenden Knospen; zuletzt erschien die

Gestalt eines Weibes mit ganz erschlossenen Blüthen. -- Auch befindet sich

an diesem Tempel eine Sonnenuhr, in deren Mittagspunkt ein Strich anzeigt,

daß der Lauf der Erde sich seit zwei Tausend Jahren nicht im mindesten

geändert hat; denn noch heute werfen die Strahlen der Sonne genau um Mittag

den Schatten der Eisenstange auf dieses dem Stein eingefügte Merkmal. In

den Windrichtungen des Octogons befinden sich große Basreliefs, welche die

verschiedenartigen Winde mit ihren Eigenschaften darstellen; die kalten

oder schädlichen haben ältere, bärtige Gesichter, um die Rauheit

des Elements darzustellen. Die lauen Frühlingswinde erscheinen in

Jünglingsgestalt; daß dieselben barfuß sind, soll in versinnlichender Weise

der Griechen ausdrücken, wie leicht dieselben über die Blumenteppiche

der neu erwachten Natur fortschreiten. Manche dieser Figuren tragen

musikalische Instrumente in der Hand, als Zeichen ihrer Lieblichkeit;

manche bringen Blumen und Früchte, als Merkmale, daß sie dieselben

hervorrufen. Der den Atheniensern verhaßteste Wind hält mit der Hand eine

große Muschel vor den Mund, wodurch sein tönender Lärm ausgedrückt wird.

Von dem Tempel der Winde begaben wir uns in ein ehemals von den Türken zu

einem Dampfbade verwendetes Gemach; in welchem jetzt die Gypsabdrücke aller

nicht mehr in Griechenland vorhandenen Kunstschätze gezeigt werden. Hier

befinden sich auch die Abdrücke der von Lord Elgin gestohlenen Basreliefs

des Parthenon. Old England hatte die Gnade, den armen Griechen dieselben

zu schicken, um sie dadurch aufmerksam zu machen auf das, was sie verloren

haben. -- Von hier fuhren wir zu dem sogenannten Marktthore, welches

eigentlich, einige schon verkürzte herumstehende Säulen mit inbegriffen,

einen Rest des Tempels der Minerva bildet; der jetzige Name ist diesem

Porticus fälschlich beigelegt. Wir besuchten auch noch die in der Nähe

dieser Ruinen befindliche katholische Kirche. Sie ist klein und im höchsten

Grade unansehnlich, so daß wir in diesem Punkte von den Anglicanern

übertroffen werden, welche sich ein recht nettes gothisches Kirchlein

erbauten, während zum katholischen Gotteshause eine Moschee umgewandelt

wurde. -- Um ein Uhr fuhren wir mit der Königin in einem =char à banc= dem

Gebirge zu. Bald aber trafen wir die königlichen Pferde, welche des uns

bevorstehenden schlechten Weges halber bestiegen werden mußten. Das

Wetter begünstigte uns am heutigen Nachmittage außerordentlich, so daß die

interessanten Gebirgs-Parthieen noch malerischer hervortraten.

Die Kultur mangelte fast gänzlich; doch glänzte um so schöner das frische

Grün der Pinien zwischen den Steinmassen und über der gelben südlichen

Erde. Bald mußten unsere Pferde über die schlüpfrigen Felsen zu steigen

anfangen. Als wir auf der ersten Höhe anlangten, empfingen uns die »zito's«

der uns entgegengeeilten Bewohnerschaft des Dorfes Cassia, welches wir in

dem sich nun erweiternden Thale, zwischen einer der felsigen Gegend mit

Mühe abgewonnenen Vegetation, berührten. Es war ein hübscher, pittoresker

Platz, dessen, zwischen den grauen Massen vertheiltes Grün dem Auge wohl

that. Die Freude der Bevölkerung, die Königin zu sehen, war so groß und

laut, daß das Pferd der Letzteren einigemal scheu zurückwich. Das Kostüme

der Dorfbewohner war dem von Eleusis ganz ähnlich; je tiefer man in das

Land eindringt, je höher man die Felsenburg erklimmt, desto orientalischer,

desto urwüchsiger werden das Land und seine Bewohner; es sind kernige, an

alle Entbehrungen gewöhnte Menschen, fest in ihrem abgeschlossenen Glauben,

kräftig an Körper und Seele, und dadurch frei und stolz in ihrer Haltung,

in jeder Bewegung natürlich graziös. Spukte nicht die Verschmitztheit

der alten Griechen und die Schlauheit des Slaven in diesem ungezwungenen

Gebirgsvolke, so würde ich es mit den felsenfesten Tyrolern vergleichen.

Diese dunkle Wolke wirft auf den Hirten der bergigen Halbinsel einen trüben

Schatten. Doch gerade, daß diese Berge in ihren Ausläufern am Gestade des

Meeres Hafen bilden, mag diesem Volke die List des Krämers gegeben haben.

Ihr kriegerisch blutiger Sinn, welcher sie dahin brachte, sich hinter ihren

Felsburgen schützend, den Feind mit lang genährter Rachelust aus dem Lande

zu jagen, hat sich nicht, wie beim Tyroler, nach errungenem Siege friedlich

gelegt; der Kampf war zu lang und blutig, und mit der Zuthat des listigen

Elementes ist er in Räuberei ausgeartet, von welcher man selbst bei solchen

größeren Ausflügen, wie wir ihn machten, nicht ganz sicher zu sein scheint;

denn wir sahen heute an mehreren Punkten des Weges Gensd'armen aufgestellt.

Zwar versicherte die Königin, es sei eine unnöthige Dienstbeflissenheit;

doch glaube ich wahrlich nicht, daß diese Maßregel ohne Grund genommen

wurde. Schon im Umfange des Ortes verengte sich der Weg durch steinige

Hindernisse; doch die Königin, an dergleichen durch ihre großen Reisen im

Innern des Landes gewöhnt, setzte leicht darüber hinweg, und es ging bald

zu noch steileren, mit Pinien und Felsenspitzen malerisch besäeten Höhen

hinauf, bald darauf abwärts über gänzlich ungeebnetes Gestein, über einen

Pfad, dem man in unseren Landen nicht einmal den ehrenwerthen Titel »eines

Fußsteiges« geben könnte; und hier wußten die Pferde steigend und rutschend

vorwärts zu kommen. Je mehr wir uns unserem Ziele, der alten Grenzfestung

Phila näherten, desto wilder und enger wurden der Weg, und desto

mannigfaltiger die Formen der Felsen. Ueberall ragten die Pinien freundlich

hervor. Mich erinnerten diese Punkte an unser Salzkammergut und unser

Tyrol. Noch mußten wir über unregelmäßige Steinplatten, zwischen einer

Felswand und einem steilen Abhange, reiten und Angesichts der Feste eine

Thalschlucht passiren; dann befanden wir uns beim herrlichsten Wetter

an dem pittoresk und hochgelegenen Ziele unseres Ausflugs. Zwischen zwei

Thalengen auf der Endspitze eines breiten, ziemlich üppig bewachsenen

Plateau's liegen die Ruinen dieser interessanten Feste; sie bestehen

aus einem nicht sehr ausgedehnten Vierecke von kolossalen schmucklosen

Quadermauern; an den Ecken befinden sich vier Thürme, deren einer rund ist,

was uns bezeugt, daß schon die griechischen Architekten die runden Mauern

zu errichten verstanden. Phila war ein Zufluchtsort der dreißig Tyrannen,

in welchem sie sich vor dem thätlichen Unwillen des atheniensischen Volkes

sicherten. Man sieht, daß die Idee eines felsenfesten =buon retiro's=

nicht erst im Mittelalter entstand. Die dreißig Herren konnten von diesem

Adlerneste aus, auch ohne Plößl'schen Tubus, die ihnen gefährliche Stadt

Athen mit dem den Hintergrund bildenden Azurspiegel des Meeres durch den

Einschnitt der Gebirgsmassen betrachten. Die Ketten der Tyrannen sind

gebrochen, die schützenden Mauern zerfallen, und nun spinnt der friedliche

Epheu, der gewöhnliche Todtenschleier, wie ein wundersam üppiges grünes

Netz über das alte Gemäuer; die gefürchtete Burg ward ein romantisches

Ziel für Spaziergänger. Die Aussicht auf Athen, auf die Akropolis und das

herrliche Meer war wahrhaft bezaubernd; zwischen der dunkleren Gebirgsmasse

schien es ein in Rahmen gefaßtes Miniaturbild zu sein.

Nachdem sich die Pferde etwas von der Anstrengung erholt hatten, brachen

wir auf. Anfangs ritten wir wieder auf dem halsbrecherischen Felsenwege,

der sich an den Gebirgen längs des schmalen Thales hinzieht; wir verließen

jedoch bald die auf dem Herwege eingeschlagene Richtung, um, wenn möglich,

noch bedeutendere equestrische Gefahren zu bestehen. Es ging über den

Bergrücken, von dem wir auf einer für Gemsen allenfalls guten Promenade uns

abermals gegen ein schmales Thal abwärts senkten. Vor uns öffnete sich die

steinige Schlucht, um uns ragten Felsen aus dem niedern Gestrüppe, und

wir selbst schwebten auf den halb rutschenden, halb vorwärts schreitenden

Pferden von Stein zu Stein längs des steilen Abhanges; ein Fehltritt des

eifrigen Thieres und das betreffende Opfer ist ein Kind des Todes; dies

sind die Unterhaltungs-Ritte der schaulustigen Europäer im alten Hellas,

dem einstigen Sanctuarium der Civilisation und des Fortschrittes. Die

Schlucht ward immer enger, und umsonst suchte mein Auge die Mauern des

Klosters, welches das Ziel der nunmehrigen Todesgefahren sein sollte. Statt

dessen entdeckte ich, daß derjenige Theil der Karavane, der sich hinter

der Königin, meinem Bruder und mir befand, der Gefahr, in welcher wir

schwebten, innegeworden zu sein schien; denn nordische und südliche Reiter,

von deren Wagnissen man oft sprechen hört, hatten den Sattel verlassen,

und führten gemüthlich ihre Pferde am Zügel. Sie zogen es vor, ihre Füße

zu strapaziren, anstatt in der Luft über den Abhängen zu schweben. Für's

theure Leben war diese Maßregel freilich besser; doch da wir sahen, daß

die kühne Basilissa die Gefahr nicht scheute, blieben mein Bruder und

ich sattelfest. Die merkwürdigste Stelle war uns noch vorbehalten. Da

ich »Pfad« nicht sagen kann, so werde ich mich des Ausdruckes Richtung

bedienen: wir kamen von der steilen Anhöhe, und unsere »Richtung« sollte

nun dem Innern der Schlucht zugehen; der Punkt zum Umwenden bestand aber

nur aus einem Felsenvorsprung, auf welchem ein Pferd gerade Platz zum

Stehen hatte. Das Pferd der Königin gelangte auf diesen schwindelnden Raum;

da ward die hohe Frau plötzlich der Gefahr inne, Roß und Reiterin wollten

nicht vorwärts, doch ein Schritt zurück, führte unfehlbar den Sturz in die

Schlucht herbei. Die Lage war peinlich; bald nahte jedoch die hülfreiche

Hand des deutschen Stallmeisters, welcher das Pferd der Königin am Zügel

vorwärts führte, worauf wir ebenfalls diesen furchtbaren Punkt, Gott

sei Dank! glücklich passirten. Wir konnten nun das Ende der Schlucht, in

welcher ein Wasser rauschte, wahrnehmen; doch wo war das Kloster? Die Welt

schien mit Brettern verschlagen; wo sollten wir hier zwischen Felsen und

Pinien, in dieser Urnatur ein Werk menschlicher Hände entdecken? Da sahen

wir plötzlich nach der Wendung des Pfades, daß die Richtung, die wir

einschlugen, am Ende der Schlucht in noch sehr bedeutender Höhe durch eine

kleine Mauer zwischen den abhangenden Felsenmassen abgeschlossen war; doch

wo sollten wir das Kloster finden? Die Schlucht ging zu Ende, die kleine

Mauer war nur als eine Wegsperre zu betrachten; das Räthsel wurde immer

spannender, wir standen vor dem Holzthor dieser Mauer, die Angeln knarrten

und wir fanden uns plötzlich als Staffage im romantisch lieblichsten Bilde

stiller Einsamkeit. Wir waren wie mit einem Zauberschlag in den Klosterhof

versetzt. Von Außen drohte die Wildniß, von Innen spann sich ein großer

Weinstock wie ein zarter Schutz über den stillen Frieden des Gebetes; nur

das reine, blaue Auge des Himmels hatte Einlaß in diese Zuflucht frommer

Seelen. Der heutige Ritt mag das Bild des Lebens von so manchem Mönche

gewesen sein: er verläßt den häuslichen Herd, wo er noch zwischen den

Blumen des Gartens die frohen Kinderjahre zubrachte; er tritt hinaus in

die Welt, die sich ihm als eine breite Thalebene, in weiter Ferne mit

malerischen Bergen begrenzt, darstellt; muthig schreitet er vorwärts, der

Weg ist ja so flach, die Häuser der Freunde und Beschützer so nahe! Doch es

zieht ihn zu den Bergen; er will die in der Ferne schimmernden blauen Höhen

erklimmen, er naht ihrem Saume; das Werk ist leicht, so spricht er zu sich,

denn mein Auge kann ja den Weg übersehen, es reicht vom Ausgangspunkte bis

zum Ziele; doch die arme Seele vergißt des Fußes, der sie hintragen soll,

sie vergißt, daß ein Fuß auch straucheln kann, daß, wo Höhen sind, auch

Abgründe gähnen; er folgt den Sinnen und traut der Festigkeit seines

Trittes. Das Thal wird enger, die Fläche steigt empor, der Erde entwachsen

spitze Felsen, doch ist die Gefahr noch klein, er schreitet muthig

vorwärts; die Sonne steigt am Firmamente, und wirft ihre glühenden

Strahlen; der Pfad wird immer rauher; der Wanderer beginnt die Abgründe

zu erblicken. Anfangs steigert dies seine Schaulust; er sieht ein Dorf vor

sich, die Bewohner kommen ihm mit Freudengeschrei entgegen, sein Stolz

hebt sich; doch ist er noch nicht befriedigt, er muß über die letzten

Ansiedlungen wohlwollender Menschen hinaus; ihn treibt es stürmisch

vorwärts; nach Ruhm geht sein Begehren: die Felsenburg muß er erklimmen,

sein Blick muß über Regionen schweifen, wo nur der Adler haust; er achtet

nicht der Gefahren, denn schon glaubt er den ersehnten Punkt von weitem zu

erblicken; die Schluchten werden enger, schwindelnder die Höhen, er strebt

empor -- er hat das Ziel erreicht und findet eine Ruine gefallener Größe.

Da ergreift ihn zuerst die Mattigkeit, da schwindelt ihm vor dem grausen

Abgrund; in trüber Verzweiflung irrt er in der Wildniß fort, seine Wünsche

sind vereitelt, seine Hoffnungen sind gebrochen; immer drohender wird die

Gefahr, todtbringender jeder Schritt, immer steigt sein Weg, er kommt dem

Abgrund immer näher; da tritt er auf eine Felsenspitze, ihn umgibt rauhe

Wildniß, die frische Vegetation hat ihn verlassen, er steht allein im

grauen Steinmeere! Jetzt sinkt sein Muth, jetzt ist er vernichtet,

seine Noth aufs Höchste gestiegen. Da erblickt er eine Mauer mit einem

verschlossenen Thore; mit Reue im Herzen stürzt er entkräftet an der

Schwelle hin, er pocht an die Thüre, er weiß nicht, was sie ihm öffnen

soll, -- da knarren die Angeln und der müde Wanderer befindet sich im

stillen Klosterhofe; die Rebe breitet ihre Arme zum kühlen Schatten aus,

das Kirchlein ladet ihn zum reuigen Gebete ein, ernste Freunde reichen ihm

die Hand und nehmen ihn in ihre friedliche Mitte auf. --

Dieses Kloster, dessen Andenken mich noch heute bewegt, ist, wie ich

schon früher bemerkt, mit einer Mauer umgeben, und hängt gleich einem

Schwalbenneste auf einem Felsenvorsprunge an dem steinigen Gebirge. Der

kleine, innere Raum derselben ist so gut eingetheilt, daß er dem besten

englischen Reise-Necessaire Ehre machen würde. Kleine steinerne Häuschen,

welche das treueste Bild der menschlichen Abtödtung sind, finden an dem

Felsen und der Mauer angelehnt Platz. In dem winzigen Hofe befindet sich

noch eine etwas erhöhte Terrasse, welche unter dem reichen Rebendache eine

malerische Bewegung in das ganze Bild bringt. Ueber diese Terrasse begiebt

man sich zu dem den Hintergrund bildenden Kirchlein. Wir traten mit

der Königin in dasselbe ein. Es trägt den Typus der byzantinischen

Gotteshäuser; ein mystisches Dunkel herrscht im Innern, welches daher

rühren mag, daß das Ende des Kirchleins in dem Felsen eingehöhlt ist. --

Als wir hierauf im reizenden Hofe, in welchem man nichts von den nahen

Abgründen ahnt, kurze Zeit ruhten, bildete die Karavane die pittoreskeste

Skizze für einen nach Originalität haschenden Genremaler.

Europas fade Dandy-Kleidung, Frankreichs elegante Amazonentracht,

Neugriechenlands reiche Gewande fanden sich verkörpert in einem

altorientalischen, der Entsagung geweihten Klosterhofe. Man hatte sich auf

die Steine niedergelassen; es rappelte und trappelte im niedern dunklen

Klostergemäuer, und eine hagere vergessene Mönchsgestalt trat mit

freundlicher Miene zwischen die bunte, jugendliche Welt. Der weiße Bart des

altersschwachen Mannes wallte über einen dunklen kurzen Kaftan, unter dem

blaue Pumphosen zum Knie reichten. Bein und Fuß waren in weiße Strümpfe und

schwarze Schuhe gekleidet. Auf dem gebückten Haupte saß eine Art persischer

Mütze; von den Schultern bis zur Hand waren die Arme weiß bekleidet. Wie in

den Klöstern des Occidentes brachte uns auch dieser Mönch freundliche Gaben

der Natur, in Honig, Brot und Trauben bestehend. Wir erkundigten uns, wo

die übrigen frommen Brüder wären. Man benachrichtigte uns, daß sie mit

der Feldarbeit beschäftiget seien. Im Ganzen wohnen deren sechs in dieser

Einsamkeit; ihre Einrichtung besteht so zu sagen aus nichts; sind die

Wohnungen im Gegensatze zu Oesterreichs herrlichen Abteien stallähnlich, so

ist auch der Geist im Vergleiche mit dem unserer reichen Benedictiner von

höchster Einfalt; doch paßt diese Einfalt zu dem rauhen wilden Lande, und

der alte fromme Sinn, der hier herrscht, macht keinen geringern Eindruck,

als die hohe Wissenschaft in den Klöstern unseres Vaterlandes.

Bald setzten wir uns wieder zu Pferde, und verließen die uns so interessant

gewordene Schlucht, an deren Ende eine Höhle sein soll, in welcher, wie

uns die Königin sagte, der österreichische Gesandte, Freiherr von Prokesch

einen großen Schatz an alten Vasen gefunden hat. Auf einem nicht minder

malerischen Wege kamen wir wieder zu dem Dorfe Cassia zurück. Hier wurde

von Neuem auf einem herrlichen mit Pinien bewachsenen Plätzchen gelagert.

Feldsessel und ein kleiner Tisch wurden aufgestellt, und ein stärkendes

Mahl eingenommen. Der Platz war lieblich, und die Ruhe that wohl. Ich

machte die Bemerkung, daß Griechenlands uncultivirtes Volk gleich den

europäischen Brüdern eine große Neigung hat, dem Essen hoher Personen

zuzusehen. Ich dachte mir schon oft, daß die Leute sich einbilden müssen,

daß Königinnen auf andere Art essen, wie die übrigen Menschenkinder; doch

hier war das Interesse gegenseitig, denn auch für uns Reisende waren die

griechischen Zuseher interessant zu betrachten. Nachdem wir von unserem

Lager aufgebrochen, sprach die Königin im lieblichsten Griechisch zu den

Kindern der Gemeinde. -- Wir setzten nun unseren Weg zu Pferde fort; als

wir in die Ebene gelangten, brach die Nacht herein und ein neues Schauspiel

bot sich unseren Blicken; mit mildem, ernstem Antlitze erschien der Mond im

Chor der Sterne. Wie Alles im Süden heller, feuriger, begeisterter ist, so

blinken auch die Gestirne mit einem eigenthümlichen, bezaubernden Glanze

herab. Im Norden scheint der Mond im Blau des Himmels seine Stütze zu

finden, während er in Attika's Gefilden frei im Aether schwebt und das

entzückte Auge noch in eine weitere unbekannte Entfernung zu blicken

glaubt. So hell leuchtete das Gestirn durch die Nacht, daß die muthige

Königin im raschen Galoppe, trotz der schlechten Straße zur Hauptstadt

reiten konnte. Die Wagen, welche uns entgegen gekommen waren, wurden zu

meinem großen Vergnügen nicht benutzt, und frisch dahin sausend, kamen

wir durch die herrliche südliche Nacht zum königlichen Schlosse. Mit

Bewunderung gesteh' ich es, daß die kühne Basilissa es versteht, ihren

Gästen das Land und seine schönen Punkte zu zeigen und schätzen zu lehren.

Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland · 第 8 / 15 段