Capriolen die Reitkunst des Königs dem staunenden Volke zeigen, gehört zum
griechischen guten Ton. -- Den sämmtlichen Stallungen steht ein ehemaliger
bairischer Offizier vor, der sich auf die Reitkunst sehr gut zu verstehen
scheint. -- Von hier aus begaben wir uns zur neuerbauten Universität;
sie ist im altgriechischen Geschmacke; der große, noch nicht gänzlich
vollendete Saal wird durch einige sehr schöne Säulen aus weißem Marmor
geziert. Das ganze Institut ist erst im Werden; doch nimmt man ein
erfreuliches Streben nach Bildung wahr, und die Bibliothek, welche meist
aus Geschenken des Inlandes und der Fremde besteht, ist wirklich nicht ohne
Bedeutung. Von diesem Symbole neuen Lebens fuhren wir zur Krone alter Größe
und Pracht hinan, zu der auf stolzem Fels erbauten Akropolis, welche Alles
überragt, was wir bis jetzt von antiker Kunst gesehen haben. Vom Fuße der
Erhöhung bis zu dem Thore der Umfassungsmauern geht der Weg über kahle
Erdpartien und ist nach neugriechischer Sitte sehr schlecht; man muß
sich mit Mühe durch den Staub der Erde hinaufarbeiten, wo vor den alles
zerstörenden Zeiten der antike Grieche mit Begeisterung und heiligem
Schauer auf Marmorstufen zum selbstgeschaffenen Göttersitz emporschritt.
Schon aus der Ferne leuchteten dem Anbeter der hehren Minerva im blauen
Aether, gleich einer Sonnenburg, die stolzen Propyläen entgegen. Eifriger
beflügelte er seine aufwärts strebenden Schritte und bald befand er sich
in einem Säulenwalde, in welchem die Werke eines Phidias, als Perlen der
menschlichen Kunst, ihm Begeisterung für seine Götterbilder und
Bewunderung für sein mächtig schöpferisches Geschlecht zustrahlten. Mit
enthusiastischer Kunstliebe betrachtete er die milden ernsten Züge der
Göttin, die jener aus dem nahen Steinblocke des Pentelikons geschaffen, und
die sein poetischer Geist sich selbst zur Schützerin bestellt hat. Keine
ernsten, stillen Gebete in Furcht und Andacht vor dem höchsten Wesen
konnten diesen Lippen entquillen; ihre Stelle vertrat schallender Jubel
bei der Darbringung blumenbekränzter Opfer, die der Ausdruck des poetischen
Naturergusses waren, deren eigentlichen Sinn aber das Lob des eigenen
Selbst bildete. Die christliche Furcht vor dem lenkenden Schöpfer der
Welten, nahte sich ihnen nur in den ihnen unerklärlichen Naturerscheinungen
und im Tode! Die Akropolis war ein Diadem, mit welchem die stolze
Menschheit das eigene leuchtende Haupt schmückte. Doch dieser Krone fehlte
der reine erlösende Segen; die Spangen des eitlen Schmuckes brachen, und
der Alles versinnlichende Geist wich vor dem dornengekrönten Erlöser, in
dessen Sinne die Jünger ihr künstlerisches Streben zu Domen vereinten,
welche sie, statt mit Perlen antiker Zeit, mit dem schlichten Sinnbilde des
Kreuzes schmückten. Die Spangen brachen, die Perlen wurden von den Fluthen
der Zeit hinweggespült, und dennoch erkennt man in den Ueberbleibseln, daß
die Geister, die diese Werke schufen, groß und erhaben gewesen waren; in
diesen Ruinen lebt noch jetzt ein poetischer Reiz und eine unwiderstehliche
Macht, die auch der Eigenliebe eines Christen des 19. Jahrhunderts
schmeichelt. Die Seele wird unwillkürlich von Stolz ergriffen bei dem
Gedanken, diese Werke haben einst Menschen geschaffen, aus Fleisch und Blut
wie du; und da die Attribute des heidnischen Kultus in den weiten
stillen Räumen fehlen, so hat die Phantasie freies Spiel, und auch das
christlichste Gemüth kann sich an den Malen des alten Hellas erfreuen.
-- Wir traten in das Thor der Umfassungsmauer ein; nachdem wir dasselbe
durchschritten hatten, kamen wir zu einem Wachthäuschen, welches leider
theilweise aus Ueberbleibseln von Kunstschätzen erbaut ist; rechts und
links lagen zusammengefallene Steine, gebrochene Säulen; dann gelangten
wir durch eine pfortenartige Maueröffnung in das Bereich der herrlichen
Propyläen. Noch heute erkennt man die mächtigen Stufen, die bis zu den
Fluthen des Meeres gereicht haben sollen. Rechts und links erheben sich
gigantische Säulen, welche mehrere Eingangshallen zu dem eigentlichen
Sanctuarium bilden. Einst waren in den marmornen Boden derart Furchen
gezogen, daß man zwischen den Stufen hindurch fahren konnte. Die
Säulenreihen werden von dem Innersten der Akropolis durch große
Quadermauern getrennt; in der Mitte befindet sich ein dreifacher Eingang.
Rechts von den Propyläen ragt auf einem Felsenvorsprunge der zierliche
Tempel der Victoria hervor, welchem wir nun zuerst unsere Aufmerksamkeit
schenkten; seine Dimensionen sind sehr gemessen und stehen im vollsten
Einklange; vier Wände mit dorischen Säulen verziert, bilden das Gebäude, an
dessen einer Seite eine schöne Pforte in das Innere desselben führt. Um das
Gesimse laufen fein gearbeitete Basreliefs in sehr kleinem Maßstabe.
Der Tempel hat durch seine freie Lage den reinen, blauen Aether als
Hintergrund, und durch seinen Miniaturbau, der in der letzten Zeit
hergestellt worden ist, etwas außerordentlich Anziehendes. Im Inneren
fanden wir ein ausnehmend schönes Basrelief der Siegesgöttin an die Wand
gelehnt. Die Athenienser, um den Sieg zu fesseln, bauten nicht nur der
Göttin dieses Denkmal, sondern nannten es auch den Tempel der »flügellosen
Victoria«, in der Meinung, daß die Siegbringende ihnen dann nicht
entfliehen könne. -- Hierauf begaben wir uns auf die linke Seite der
Propyläen, wo sich auf dem linken Felsenvorsprung ein großes Gemach
befindet, in welchem im Mittelalter die Herzoge von Athen hausten. Jetzt
wird dieses Gemach und der unmittelbar davor befindliche Raum der Propyläen
als Sammelort für die aus der Erde gegrabenen Alterthümer gebraucht. Hier
sieht man steinerne Füße, Hände, Arme, Köpfe aufgeschichtet; nur einiges
davon ist von größerer Bedeutung; doch wie gerne hätten wir, wenn auch nur
den kleinsten Theil der werthlosesten Statue als Andenken mitgenommen! Dies
ist aber, wie natürlich, auf das strengste verboten, da Griechenland so
schon durch die Kunstliebhaber des gebildeten Europa seiner schönsten
Sculpturen und Vasen beraubt worden ist. Einige Mitglieder unserer
Gesellschaft erlaubten sich daher nur einzelne kleine Marmorstücke von
Säulen oder Mauern im Stillen als Andenken an den historischen Platz
einzustecken. Wie schade, daß der griechischen Regierung und den
Erhaltungsgesellschaften das Geld, und dem Volke die Kunstliebe mangelt,
alle diese Schätze entweder systematisch in eigenen hierzu erbauten Localen
zu ordnen oder die übrigen in verschiedenen Richtungen zerstreuten Theile
mit verständigem Sinn und nach alter Ordnung zu sammeln und zu fügen, und
so wenigstens theilweise den Schatten alter Prachtdenkmale herzustellen.
Man hebt eine Erdscholle, sieht zwischen dem Schutt der Jahrhunderte die
Formen eines herrlichen Torso erscheinen, Athen und Europa jubeln über den
großen Fund und der Torso erhält seinen traurigen Ehrenplatz zwischen
den andern Bruchstücken; man erzählt Wunder von dem neuaufgefundenen
Meisterwerke, schreibt es einem Phidias zu, lobt es in den Kunstblättern,
zeigt das wehmüthige Conterfei in Kupfer gestochen den Blicken der
neugierigen Außenwelt, während in unmittelbarer Nähe der vom Rumpfe
abgebrochene Kopf, die schon längst vorgefundenen Hände und Füße hier den
Blicken der staunenden Reisenden als sinnlose Bruchstücke gezeigt
werden. Könnte nicht ein fleißiger Künstler diese vor Jahrhunderten
zusammengehörenden Glieder wieder zu einem vollendeten Götterbilde
vereinen, das ein oder das andere fehlende kleine Glied mit seinem, durch
das Vorbild begeisterten Meißel ergänzen? oder sollte nicht ein geschickter
Architect, der sich in die Linien alter Kunstwerke hineingelebt hat, die
einzelnen großen, herumliegenden Säulenstücke durch das scharfmessende
Künstlerauge zusammenfügen können? doch es fehlen leider die Mittel zu
einem solchen großartigen Unternehmen, und bis jetzt sind nur einzelne
kleine Versuche gemacht worden, deren Gelingen jedoch gerade den Beweis
giebt, wie lohnend dieses großartige, wenn auch schwierige Werk wäre. Man
wundert sich, wie der faltenreiche Körper einer von ihrer alten glänzenden
Stellung verdrängten Göttin auf der Akropolis ruht, während ihr lieblicher
Kopf in der Ebene ausgegraben wurde und nun vielleicht im Theseustempel
gezeigt wird; und doch ist dies auf ganz natürlichem, wenn auch
barbarischem Wege geschehen; der grause Türke fand dieses Standbild der
mythischen Dame auf der von ihm blutig erstürmten Burg, ihn erfüllte keine
Begeisterung bei der Betrachtung des steinernen Kunstbildes, das Schwert
seines Propheten hatte er nur zur Zerstörung gezogen; bald hatte die
eiserne Faust des Barbaren ihren Zweck vollendet; der Kopf, dem Phidias
mit Begeisterung Leben einhauchte, und dem er durch seinen Meisel den Ruhm
einer Gottheit ertheilte, wich von dem blendenden Nacken, und nun war es
ein gar artiges Spiel, dieses vom Rumpf getrennte Haupt unter Siegesjubel
über die Felsen des gewonnenen Platzes in die Ebene rollen zu lassen. Doch
nicht allein durch Mahommed's Söhne fielen diese Opfer des Barbarismus,
sondern auch die Knechte christlicher Staaten wußten sich zu solchen
Lustbarkeiten zu schicken. Nun geziemte es den Kunstfreunden des 19.
Jahrhunderts im Schweiße ihres Angesichts ihren respectiven Musen ein Opfer
zu bringen, die Gebeine ihrer Götter zu sammeln, und sie auf den Platz des
alten Ruhmes wieder siegend aufzustellen; doch dies geschieht nicht, und
soll nicht geschehen; so lehrt es die Geschichte von Jahrtausenden.
Jede Periode hat auf dieser Erde ihre bestimmten Glanzpunkte, die in den
Kunstdenkmalen die Bewunderung der Mitmenschen auf sich ziehen; die Aufgabe
der Zeit ist es dann, diese Werke zu zerstören und der Nachwelt die Ruinen
zu überlassen, damit sie ahne -- lerne -- und selbst schaffe. --
Durch die Pforten der Propyläen traten wir auf einen mit Steinen übersäten
Raum, den eigentlich der alten Götterwelt geweihten Platz der Burg. Hier
findet man noch in einem breiten großen Marmorblocke die Merkmale des
Punktes, auf welchem die berühmte Minerva gestanden hatte; hier zeichnet
sich in herrlichen Formen der Tempel der Erekthea; hier steht das
großartigste Meisterstück griechischer Architectur, das säulenreiche
gigantische Parthenon, in welchem einst der aus Gold und Elfenbein
gebildete Zeus des Phidias thronte. Gleich links, wenn man aus den
Propyläen tritt, ruhen, an eine große Quadermauer angelehnt, eine
Anzahl aus den Metopen des Parthenon entnommener Basreliefs von seltener
Schönheit; sie stellen einen Triumph- oder Heereszug dar, in dem man die
wundervollsten Gestalten entdeckt; sie sind aus der Blüthe alter Kunstzeit.
Doch den Hauptschatz dieser Basreliefs hat, wie bekannt, Lord Elgin, der
Vertreter seiner kaufmännischen Nation nach London in das brittische Museum
geschafft. Aus Dankbarkeit für den gelungenen Raub hat er dem armen Athen
einen erbärmlichen Glockenthurm gebaut. So weit die mächtigen Klauen
des Leoparden reichen, so weit schlagen sie Wunden, um das Herzblut zu
gewinnen; und daß die Klauen des Leoparden weit reichen, zeigen die Schätze
in seinem heimischen Lager.
Wir traten mit Begeisterung vor das erhabene Parthenon; die Façade ist noch
ziemlich gut erhalten und giebt der Phantasie die Umrisse und Hauptpunkte
an, aus welcher sie sich auf leichte Weise das herrliche alte Bild ergänzen
kann. Eine breite Kolonnade im einfachsten grandiosesten Style umgiebt den
geschlossenen, ebenfalls mit Säulen verzierten Tempelraum. Der First des
Tempels ist leider schon sehr beschädigt, und man sieht nur aus zwei kopf-
und armlosen Figuren, daß einst in demselben eine Marmorgruppe gestanden
haben muß. Noch einige zerstückte Metopenspuren zeigen sich zwischen
dem Dache und den Säulen. So zierlich und klein die Dimensionen beim
Victoria-Tempel sind, so majestätisch und groß sind sie bei diesem
Werke alter Kunst; doch stehen beide in gleich reizendem, poetisch
architectonischem Einklange. Es liegt ein hinreißender Zauber in diesen
Marmor-Ruinen; die Werke sind mit gesundem Sinn durchdacht und mit
Begeisterung geschaffen worden; es bleibt uns ein Räthsel, wie die Männer
alter Zeiten die Kräfte und Mittel hatten, jene Steinmassen auf einander
zu thürmen; ja diese großen Künstler machten sogar architectonische
Berechnungen, an die unsere arme schwache Zeit gar nicht gewohnt ist
zu denken. So schützten sie ihre aus colossalen Steinen und ohne Mörtel
errichteten Wunderbauten vor dem im Süden häufigen Erdbeben, indem sie
allen Säulen eine etwas schiefe Neigung gegen das Innere des Tempels gaben,
so daß die breiten gegen einander gestützten Quersteine denselben einen
Halt darboten; so gaben sie den Grundlinien des Parthenon eine gegen die
Mitte etwas einwärts gebogene Richtung, wodurch eine optische Täuschung
entsteht, und sie diese herrlichen Bauten den Blicken größer erscheinen
lassen. Für die Gestalt eines Zeus konnte kein besseres Werk als Göttersitz
gewählt werden; denn es spricht aus demselben der Ernst und die Größe
eines Donnergottes, und zu gleicher Zeit das poetisch Anziehende eines
Nymphen-Anbeters. -- Wir traten in das Innere. Wo einst das Dach war,
quillt nun das hellste Licht aus blauem Aether auf den durch die Zeit in
ein Goldgelb verwandelten Pentelikon-Marmor. Das Dach, zu dem das Rauchwerk
der Opfernden emporwallte, liegt in Stücke geborsten auf dem Boden, über
den einst das Blut der Opferthiere in reichlichem Maße floß. Auch von dem
reichgeschmückten Bewohner dieser alten Marmorburg, vom Zeus des Phidias
hat man keine Spuren mehr. Den goldenen Haarwuchs und Mantel wird irgend
ein Eroberer zur Rundung und Auspolsterung seines Säckels gebraucht haben.
Man hat im Innern zwei alte ausgegrabene Marmorthrone aufgestellt. Hier
sitzen des Königs und der Königin Majestät bei archäologischen Festen, die
zuweilen in diesen Räumen gefeiert werden. Wir dachten uns in die Zeiten
des atheniensischen Volkes zurück, als es mit dem Fall des Kreon die Könige
abschaffte; Professor K. aber nahm in antiker Begeisterung Platz auf dem
Königssitze, und nun wurde ein von unserer Gesellschaft langgehegter Wunsch
zur Ausführung gebracht -- wir hatten nämlich vom Beginne der Reise an,
eine Flasche österreichischen Weines mit aller Sorgfalt aufgehoben; nun
ward sie an das Tageslicht gebracht, und ihr Inhalt wurde auf das Wohl des
Vaterlandes ausgeleert. Die südlichen Gebräuche vermählten sich mit
den nordischen. -- Archivarius K. saß gleich einem Barden aus alter
germanischer Zeit, mit dessen grauen Locken der Wind sein Spiel treibt, auf
dem marmornen Thronsessel. Wir bildeten um ihn einen Kreis, worauf er
einen der Stimmung des Augenblicks entsprechenden Trinkspruch mit weit
vernehmbarer Stimme ausbrachte, der unserem Vaterlande einen Gruß weihte.
Wir hörten seinen Worten mit Begeisterung und Rührung zu. Es war ein
poetischer, der Vaterlandsliebe geweihter Augenblick, der die schöne
großartige Umgebung noch erhebender machte. Wir hatten unseren Vorsatz
erfüllt, auf Attika's fester Burg von den heimischen Weinbergen einen Trunk
zu thun, in welchem wir in Liebe unseres theuren Vaterlandes gedachten.
Ehe wir den Saft gesunder Oesterreicher-Trauben an unsere Lippen setzten,
brachte ich, im Angesichte der Ueberreste alter Größen, auf der vor dem
Throne befindlichen Steinplatte, nach antiker Sitte und Gebrauch den
mythischen Göttern, deren kunstvollen Bildern einst in diesen Räumen
gehuldigt worden war, eine Libation. Nun that Jeder einen kräftigen
Schluck, worauf ich die Flasche, um sie vor künftiger Entweihung zu
bewahren, an dem Marmor zerschellte. Die griechischen Officiere, welche uns
begleiteten, sahen dieser Scene verwundert zu; doch als sie ihnen
erklärt wurde, bückten sie sich und lasen von der zerbrochenen Flasche
Ueberbleibsel als Andenken auf. Es scheint, daß unser Patriotismus den
ihrigen ebenfalls aufgefrischt hatte. -- Mein Bruder konnte leider dieser
Feierlichkeit nicht beiwohnen, weil ihn ein leichtes Unwohlsein zu Hause
hielt.
Vom Parthenon aus gingen wir durch ein Meer von Trümmern zum Tempel der
Erekthea. Auf einem massiven, um den nicht sehr großen Raum herumlaufenden
Mauerwerke von Marmorquadern erheben sich schlanke Karyatiden, welche den
mit Steinmetzarbeit geschmückten Oberbau auf ihren Häuptern tragen. Der
reiche Faltenwurf des aufgeschürzten Gewandes, das volle wallende Haar
und die ernsten Züge dieser Figuren machen einen künstlerischen,
architectonisch vortrefflichen Eindruck. Die Formen und die reichen
Verzierungen des niedlichen malerischen Tempelchens erinnern unwillkürlich
an die schön geschnitzten Schränke der Cinquecento-Zeit. An diesem
reizenden kleinen Werke hat Neugriechenland sich angestrengt und einige
fehlende Karyatiden durch neue gelungene Bildhauerkunst ersetzt. Auch bei
diesem Tempel, wie bei allen, mit Ausnahme des dem Theseus geweihten, fehlt
das Dach, wodurch sich die Ruinen mit noch schärferen Conturen auf dem
Himmel abzeichnen. Die hintere Seite ist an eine Quadermauer angelehnt,
wodurch die Aehnlichkeit mit einem Wandschrank noch mehr erhöht wird. Auf
der andern Seite der Mauer befindet sich ein ziemlich großer Raum, der
von zwei Seiten mit schönen korinthischen Säulen umgeben ist. Welcher
griechischen Säulengattung der Vorzug zu geben ist, kann ich nicht
entscheiden; doch entzückten mich die des Parthenon, in ihrer massiven und
doch schlanken Form am meisten. Kein Schnörkelwerk, keine unnütze Zierrath
verdirbt den großartigen Eindruck; es ist auch hier wie bei allem
Großen und Schönen, das keines Schmuckes bedarf, um zu imponiren und zur
Bewunderung hinzureißen.
Wir wendeten unsere Schritte in den Tempelbau, welchen die Alten den
beiden Hauptbeschützern Athens, Neptun und Minerva, geweiht haben; doch
das ernste, majestätische Götterweib, das aus Jovis dräuendem Haupte
entsprungen war, erhielt die Oberhand über den wilden Wassermann, indem das
kluge Volk von Athen Minerva's Geschenk, den Oelbaum, dem Neptun's, der
das Roß aus den Wellen entspringen ließ, vorzog. Das Schönste an diesen
Tempelüberresten ist die reich verzierte Eingangspforte, in deren Nähe man
uns eine im Felsen befindliche Vertiefung zeigte, aus welcher Neptun mit
seinem Dreizack eine Quelle gestoßen haben soll.
Der griechische Archäolog, ein sehr liebenswürdiger Gelehrter, führte
uns in ein Haus, in welchem sich eine bedeutende Sammlung ausgegrabener
Geschirre und anderer Gegenstände befindet. Griechenlands irdene Vasen
zeichnen sich durch ihre graziösen und doch so einfachen Formen, und durch
ihre schön gewählten schwarz und rothen Farben aus. Schwung und Poesie
finden sich bei den Ueberresten dieser Zeit in allen Gestalten wieder. --
Bemerkenswerth ist noch das an dem untern Theile der gegen die Meerseite
zugekehrten Seite des mächtigen Felsens gelegene Theater des Herodes,
welches nun langsam aus dem Schutte der Erde dem Tageslichte wiedergegeben
wird, so daß man schon die alte Circusform, wie sie so herrlich in Verona
zu sehen ist, wahrnehmen kann; dasselbe wurde von einem Krösus errichtet,
der noch in den glücklichen Zeiten lebte, in denen man manchmal des
Geldes zu viel hatte. Ihm war es wie folgt gegangen: er hatte einen Schatz
gefunden, was damals auch schon zu den Annehmlichkeiten des Lebens gehörte;
er wußte keinen Gebrauch von den Massen Goldes zu machen; er wendete sich
in seinem Drangsal an Kaiser Hadrian, welcher ihm den Gedanken einflößte,
den ihm so lästigen Schatz zu verbauen.
Wir verließen die Akropolis mit dem erhebenden Gedanken, Großes --
Unvergängliches gesehen zu haben. Wir fühlten uns der Zeit näher, in
welcher ein Perikles gewaltet, und ahnten den Schöpfungsgeist unerreichter
Künstler. Mit Bewunderung verließen wir eine Stelle, auf welcher die
größten Geister Griechenlands sich bewegt hatten, und unsere Seele nahm den
Schatten des Bildes der Akropolis auf, wie sie war, als noch Einheit und
Leben in diesen Räumen herrschte, als noch der Weihrauch der reichen Opfer
zu dem ungetrübten Aether stieg, und der Jubel der freudetrunkenen Schaaren
in das ewig grüne üppige Thal niederrauschte.
Von der Poesie ging es zur Prosa über, und ich hatte nun die nicht sehr
angenehme Aufgabe, das diplomatische Corps zu empfangen. Dergleichen Dinge
waren kalte Douche auf den poetischen Enthusiasmus, in welchem das Herz
über alte Größe schwelgte.
Um halb fünf Uhr setzte ich mich mit der Königin zu Pferde, um wieder einen
kleinen Ausflug in die merkwürdige Umgebung Athens zu machen. Das Wetter
hatte sich bedeutend getrübt; die Gegend, durch welche uns die leichten
orientalischen Pferde trugen, bot in der düstern Beleuchtung ein Bild
der Melancholie. Nacktes, tiefgefärbtes Hügelwerk machte den Eindruck des
Erstorbenen, da ihm der Wiederschein der glühenden Sonne fehlte. Die Oliven
mit ihrem düstern Grau brachten kein Leben in die schwermüthige Landschaft,
welche sich bald in ein weites Thal öffnete.
Am Eingange desselben stand in der Nähe der grauen Bäume ein kleines
Kapellchen; vor demselben lagen im wüsten Durcheinander Steinblöcke. Hier
war es wo Byron dichtete, wo sein Mädchen von Athen entstand. Die weite
Aussicht, welche sich von diesem Punkte dem Blicke eröffnet, zeigt
gleich einem Spiegel, die Seele des großen Dichters: Wehmuth und glühende
Sehnsucht, die von einem brennenden Sonnenstrahle zur ahnungsvollen tiefen
Gluth entzündet werden. Doch heute war es der griechischen Sonne nicht
gegönnt, diese Hügel und die weite Ebene mit dem Farbenschmelz des Südens
zu bemalen; solche Tage sind es nicht, die der glühenden allzufeurigen
Dichtung günstig sind; an Tagen wie heut kann das liebeskranke Herz
des Dichters nur in melancholischen Tönen singen. Es war ein Bild des
schmachtenden, nicht des siegestrunkenen Byron. Nur ein einziger Punkt der
Hoffnung schimmerte in weiter Entfernung in diesem trüben Bilde: ein weißes
Kirchlein, umgeben von einigen Häusern und üppigen Bäumen, war dem Auge
ein Trost; mit inniger Freude erfuhr ich, daß eine Colonie deutscher
ausgedienter Soldaten dort wohne.