Als wir uns vom Palast in die Hauptstraße begaben, hatte die Königin schon

den Triumphbogen von Myrtenreisern durchfahren und befand sich im Dome,

wo ein feierliches Gebet den Mittelpunkt des Festes ausmachte. Die Gasse

entlang bildeten griechische Linientruppen Spalier; ihr Aussehen war

unmilitärisch; man sah ihnen an, wie die Tracht europäischer Soldaten

das freie Wesen dieser Leute beengte. Die feste Halsbinde, der plump

geschmückte Csako, gaben dem ernsten Sohne der südlichen Berge einen

düster-kränklichen Anstrich. Ein Körper, der an die flatternde Jacke und

die faltenreiche Fustanella gewöhnt ist, mag sich unter griechischer

Sonne gar peinlich in dem bis oben zugeknöpften Tuchrocke und den langen

=inexpressibles= fühlen; und so schlüpfen Hellas Jünglinge aus dem

malerischen Costüme des Vaterlandes, um sich in eine Gliederpuppe zu

verwandeln, und hierdurch große Aehnlichkeit mit unseren Nationalgarden zu

bekommen; doch die europäische Civilisation erfordert es so, und da muß

der Schönheits-Enthusiast des 19. Jahrhunderts schweigen. Das Bataillon in

Landestracht sieht dagegen sehr schön und kriegerisch aus, und trägt sich

in gleicher Farbenpracht wie die Truppen, die wir schon Gelegenheit hatten

in Patras zu bewundern. -- Zwischen den bewaffneten Reihen wogte das Volk

im bunten Gewimmel; bald sah man europäische Trachten, bald zeigten sich

die buntesten Gewänder des Landes; die Balcone und Fenster waren mit dem

schönsten Schmucke Neu-Athens geziert; es zeigten sich hier die Frauen

und Mädchen in reichster Farbenpracht. An den funkelnden Augen und schönen

regelmäßigen Zügen konnte man gar leicht die Vermischung des südslavischen

und altgriechischen Blutes erkennen. Unter den reizenden Trachten des

weiblichen Geschlechtes waren für uns die der Hydriotinnen neu. Statt

des rothen Feß tragen die reizenden Inselbewohnerinnen einen leichten

gazeartigen Schleier in zarten künstlichen Falten um Haupt, Nacken und

Brust. Die Kleider sind, wie die ihrer Schwestern vom festen Lande, aus

grellgefärbtem Seidenstoffe. -- Trotz der Bedeutung des Tages war das Volk

ruhig; kein enthusiastischer Jubel, ja selbst keine neugierige Schaulust,

waren bemerkbar; es sah eher aus, als befänden sich die Leute aus bloßer

Gewohnheit da.

Nachdem wir den bunten Schimmer der Häuser, welchen die glühende

Sonne erhöhte, betrachtet hatten, begaben wir uns in den für eine

Liliput-Hauptstadt allenfalls passenden Dom. Schon an der Pforte empfing

uns ein Qualm drückender Hitze und unsere Ohren vernahmen den monotonen

Gesang der griechischen Geistlichkeit. In der Mitte der Letzteren thronte

der Archimandrit, eine würdige Gestalt vergangener Zeiten mit wallendem

schneeweißen Barte. An der rechten Seite der Kirche, vor einem Thronsessel,

stand gleich einem Marmorbilde, die Königin-Regentin in reichem,

pelzverbrämten Gewande; war auch etwas malerische Phantasie in dieses

Kostüme hineingerathen, so hatte es doch in seinen Grundzügen den

orientalischen Schnitt. Da wir gerade gegenüber, hinter den Säulenbogen

einen etwas erhöhten Platz eingenommen hatten, so konnten wir die erhabene

Frau mit Muße betrachten. Ihre Gestalt schwamm in einem Goldmeere reicher

Stickerei. Auf dem Haupte glänzten im braunen Haare funkelnde Diamanten;

so war auch Brust und Nacken mit diesem Gesteine bedeckt; doch der Ausdruck

des Gesichtes und die ganze Haltung war kalt, und unbeweglich; es drückte

sich fast Widerwillen in den sonst so anmuthsvollen, freundlichen Zügen

aus. Die arme Dame mag gar wohl gedacht haben, wie ihr aufblühender Thron

vor Jahren an diesem schreckensvollen dritten September gebrandmarkt worden

ist. Gewiß schwebte ihr das Bild der schreienden Horden und wankenden

Rathgeber vor den Augen; und nun sollte sie für die Erhaltung derjenigen

Institutionen beten, welche ihr geliebtes Hellas dereinst in das Verderben

stürzen mußten! Auch preßten sich ihre Lippen krampfhaft zusammen, statt

sich zum Gebete zu öffnen.

Wir verließen bald den dumpfen Raum, um die Königin nach Beendigung der

Hymnen an uns vorüberfahren zu sehen. Ich hatte mir bei dieser Gelegenheit,

wenn auch keinen prachtvollen, doch einen originellen Zug gedacht; statt

dessen fuhren zwei vierspännige baierisch zugestutzte Kutschen vor, in

welchen die Königin mit einem Theil ihres Hofstaates fast gänzlich den

Blicken entschwand; einige vereinzelte sehr reich gekleidete Adjutanten und

ein Trupp Lanciers umschwirrten den Wagen, und plötzlich war der ganze Zug

unseren neugierigen Blicken entschwunden. Die Königin entledigte sich ihrer

drückenden Kleiderpracht, worauf wir uns bei ihr zum Frühstück in einem

Garten-Pavillon versammelten. Derselbe besteht aus einem Holzgitter mit

leichtem Dache, und ist über einem herrlichen Mosaïk erbaut, welches man

auf demselben Platze ausgegraben hat, und das sich rühmt, das größte der

Bekannten zu sein; es ist außerordentlich gut erhalten und scheint nach

den Arabesken und der Form zu schließen, sich in einem antiken Badezimmer

befunden zu haben. Als wir uns zum vortrefflichen Gabelfrühstück setzten,

bemerkte die Königin, daß unsere Zahl dreizehn sei; augenblicklich ward ein

Katzentisch bereitet, und der arme uns zugetheilte Adjutant mußte mit einer

Ecke des Laubpavillons vorlieb nehmen. Zwei Gründe mögen dieses komische

Verfahren bei der so geistreichen Königin entschuldigen: erstens ist

das griechische Volk außerordentlich abergläubisch, und es scheint nicht

gerathen, offen diesen Sonderbarkeiten entgegen zu treten; zweitens trug

sich vor einigen Jahren ein eigener Zufall am griechischen Hofe zu:

man speiste zu dreizehn, in der kürzesten Zeit darauf starb einer der

Tafelrunde; einige Tage darnach war die Gesellschaft wieder vereinigt und

abermals in der ominösen Zahl. Ein junger Engländer, der beide Male zugegen

war, äußerte im Scherze, wer wohl diesmal das Opfer sein würde; abermals

verging eine nicht lange Zeit, und der junge Britte war eine Leiche.

Nach dem Frühstücke ließ die Königin eine kleine Pony-Equipage vorfahren,

in der sie meinen Bruder und mich eigenhändig führte, und uns Gelegenheit

gab, ihr Talent zum Kutschiren zu bewundern. Die übrige Gesellschaft

folgte ihr zu Fuße. Eine kleine Menagerie, bestehend aus Dammhirschen und

Gazellen, wurde uns gezeigt; hierauf geleitete uns die Königin durch ihren

Garten, welcher ihr ganzes Vergnügen und ihren ganzen Stolz ausmacht; auch

pflegte sie ihn scherzweise immer ihr kleines Reich zu nennen. Ehe sie

die Regentschaft des größeren Reiches übernahm, bildete dieses

selbstgeschaffene und gepflegte Athene-Eldorado ihr Hauptvergnügen; nun

wird leider der Garten unter den wichtigeren Geschäften etwas leiden

müssen. Die Anlagen desselben sind im englischen Geschmacke; zwischen

Palmen und Orangen wird mit Mühe das deutsche Bäumchen gehegt und gepflegt.

Die Blicke aus den einzelnen Partien auf die Ueberreste altgriechischer

Kunst sind herrlich und könnten nicht malerischer gewählt sein. Es fehlt

nur an schattigen Plätzen und an grünen Rasenflecken, um den Garten

vollkommen zu nennen; der erste Fehler wird sich jedoch mit der Zeit geben,

da die ganze Schöpfung erst das Werk einiger Jahre ist; im älteren Theile

steht schon eine Baumgruppe, in deren kühlem Schatten das königliche

Ehepaar zu frühstücken pflegt; für den zweiten ist weniger zu hoffen, da

die Strahlen der Sonne zu glühend sind, um das üppige Wachsthum des Grases

zu erlauben. Für Athen ist jedoch der Hofgarten ein Wunder; er ist so zu

sagen der einzige Punkt, wo das frische Grün des Laubes, und der Wechsel

der Blumenpracht zu sehen ist. Für uns, die wir aus kühleren Ländern

stammen, waren die Gewächse des Südens von besonderer Merkwürdigkeit. Die

keimenden Palmen und saftigen Aloën waren in solcher Menge unserem

Auge neu. Die letztere Pflanze nimmt sich besonders vortheilhaft in den

schneeweißen Marmorvasen aus, welche sich auf den breiten Stufen gleichen

Gesteines befinden, die von der linken Palastseite, von Terrasse zu

Terrasse in den Garten hinunterführen. Die erste Terrasse ist als breiter

Raum zum Vorfahren vor den Kolonnaden-Gang bestimmt. Die zweite etwas

tiefer liegende, ist mit sehr schönen Blumenanlagen zwischen Orangenbäumen

besetzt, die aber im vorigen Winter von der strengen Kälte so sehr gelitten

hatten, daß man sie bis zum Boden schneiden mußte; doch das Wachsthum unter

südlicher Sonne ist so kräftig und rasch, daß sie nun schon die Höhe von

4 bis 5 Fuß erreicht haben. Die Erndte ist jedoch auf einige Jahre

hinausgeschoben. In dem ziemlich bedeutenden Umfange des Gartens wurden

einige sehr schöne Alterthümer ausgegraben, welche auf einem eigenen

Platze desselben aufbewahrt sind. Vor wenigen Jahren stieß man auf eine

reichhaltige antike Wasserleitung, die nun theilweise den Pflanzen das so

nothwendige Labsal bringt; auch glaubt man den Platz gefunden zu haben, auf

welchem Socrates gelehrt haben soll: die Kontraste der Jahrhunderte bringen

den Schulplatz des größten Philosophen in eine englische Parkanlage! -- Da

uns die glühende Mittagshitze gar bald aus dem Garten trieb, ward es uns

gegönnt, die Gemächer des Königs und der Königin genau zu betrachten.

Dieselben vereinigten Pracht mit Wohnlichkeit und manch sinnige Idee und

hübsche Fresko-Malerei fand ich zwischen den griechischen Zierrathen; doch

überall leuchtete der Münchner Königsbau durch, und wirklich findet im

hiesigen Klima diese Bauart ihre größere Berechtigung. In des Königs

Arbeitszimmer sieht man unter dem Plafond die berühmten Männer des alten

Griechenlands; in einer Ecke steht ein Gipsabguß des Apoll von Belvedere,

als Repräsentanten der antiken Kunst; in einem andern Saale des Palastes

sieht man dagegen die Brustbilder der Helden neugriechischer Geschichte. An

den Wänden befinden sich zwei große Oelgemälde vom Münchner Maler Heß, den

Einzug des Königs in Nauplia und Athen darstellend; die Bilder sind kräftig

gemalt und enthalten viele für das Land interessante Porträts. Noch ist in

diesem Raume, der den hervorragenden Werken der neueren Zeit gewidmet ist,

kein Repräsentant der vaterländischen Kunst zu sehen; auch wäre es schwer

in Neu-Griechenland einen solchen zu finden. -- Die große Stiege, die an

diesen Saal stößt, ist, wie schon erwähnt, von Bronce und weißem Marmor

aus dem Pentelikon; ein herrliches Werk! Die Steinstufen sind so fest

eingefügt, daß die Doppelstiege längs der Mauer frei und ohne stützende

Säulen dahin läuft. Die Königin erzählte uns, daß es langer Zeit und großer

Mühe bedurfte, bis man Marmorblöcke fand, welche so gänzlich ohne Sprünge

waren, daß man dieses Meisterstück wagen konnte. Diese breiten, wahrhaft

majestätischen Stufenreihen führen in eine Halle, die sich unmittelbar an

der großen Einfahrt in der Mitte des Palastes befindet. Die schönsten Räume

im Schlosse sind jedoch unstreitig die zwei großen Tanzsäle im =entresol=,

die durch alle Stockwerke die Höhe des Schlosses erreichen. Die Hauptfarbe

derselben ist roth, mit reichen goldenen Verzierungen bedeckt. Die Möbel

sind mit den Wänden und Plafonds übereinstimmend und so aufgestellt, daß

den Tanzenden genug Raum bleibt. Ein Maler war gerade beschäftigt, den

oberen Theil des einen der beiden Säle mit mythischen Figuren zu füllen.

Wenn die schweren Kronleuchter und reichen Wände in tausendfarbigem Lichte

schimmern, und die bunten schöngestickten orientalischen Trachten sich

bei der Tanzmelodie hin und her bewegen, so mag der Anblick wirklich etwas

feenhaftes haben; auch werden diese Feste von allen Fremden als

wahrhaft pracht- und geschmackvoll gerühmt. Ob diese Feierlichkeiten den

Gewohnheiten und Geldmitteln des Landes entsprechen, getraue ich mich nicht

zu beurtheilen. Von hoher Seite versicherte man mich übrigens, daß das

griechische Volk die Pracht und den Glanz seines Thrones liebe.

Die Königin, welche die Merkwürdigkeiten ihres Landes auf eine so graziöse

und geistreiche Art zeigte, lud uns auf heute Nachmittag zu einer Fahrt

nach dem berühmten Eleusis ein. Die ganze Gesellschaft wurde in zwei

großen, bequemen Wagen untergebracht, und so rollten wir vom Schlosse aus

durch einen abgelegenen Theil der Stadt, worauf wir bald die heilige Straße

erreichten, welche unter den alten Griechen von Athen aus zum Tempel des

unbekannten Gottes führte. Anfangs fährt man zwischen Olivenbäumen und

Weingewinden dahin, bald aber geräth man in eine romantische wüste Gegend;

man muß ein enges schluchtartiges Thal durchfahren, um auf die andere Seite

der Gebirgskette zu kommen, in welcher sich der Meerbusen befindet, an

dessen Ende Eleusis liegt. Links und rechts von der Thalstraße liegen auf

gelber Erde unzählige Felsstücke, zwischen denen einzelne Pinien-Gruppen

gleich kleinen Oasen hervorragen, deren Nadeln von lebhafterem Grün sind,

als das Laub unserer Bäume. Außer mehreren langsam dahin kriechenden

Schildkröten sahen wir keine Spur des Lebens, bis wir mitten in dieser

interessanten Wildniß an das verfallene Nonnenkloster Daphne kamen. Noch

stehen einige Theile der festen fränkischen Ringmauer, der Kirche und der

erbärmlichen Hütten der Nonnen. Ursprünglich ward hier ein Schloß für die

Herzöge von Athen, aus der Familie Laroche gebaut, deren Nachkommen noch in

Baiern bestehen sollen. Die Mauern deuten augenblicklich auf die nordischen

Schöpfer derselben; später wurde das Schloß zum Kloster eingerichtet

und die Kirche im byzantinischen Style noch später gebaut. In der Kuppel

befindet sich ein großes Mosaïk, ein Christuskopf im typischen Styl. Da die

Kirche dem griechischen Kultus geweiht ist, so befindet sich hier natürlich

die stark vergoldete Wand zwischen der Gemeinde und dem Altare. Lange dicke

Kerzen auf hohen, freistehenden, bunten Leuchtern, warfen ein

düsteres Licht auf die großen, auf einzelnen Pulten aufgeschlagenen

Evangelium-Bücher, und auf das dunkle vom Rauche geschwärzte Gemäuer. Die

Stille und Leblosigkeit dieses Gotteshauses gab dem Ganzen einen mystischen

Anstrich. In einer Seitenkapelle sind noch einige Gräber, auf deren einem

das in Marmor gehauene Wappen der Laroche zu sehen ist. So findet man in

der Umgegend von Athen alle Geschichtsperioden durch die merkwürdigsten

Denkmale verewigt. In dem Klosterhofe sieht man noch einige Reste

gothischer Verzierungen. Die Mauern sind alle so massiv, daß es scheint,

als ob diese Herzöge sich nicht ganz sicher gefühlt hätten. -- Kaum waren

wir einige Zeit in dem verfallenen Gemäuer herumgeklettert, so regte

es sich plötzlich, und schwarze, unheimliche, hexenartige Gestalten

erschienen. In Fetzen nur zur Noth gehüllt, mit wirren grauen Haaren und

dürren Gliedern, gehörten sie ganz zu den leblosen Ueberbleibseln aus

vergangenen Zeiten; es fehlten nur Kessel und Besen, um das Bild zu

vollenden. Es waren dies die frommen Schwestern von Daphne, welche gerade

im Begriffe waren, türkischen Weizen und andere Hülsenfrüchte auf den Boden

auszustreuen und zu trocknen. Mit ihrer Heiligkeit soll es jedoch

nicht sehr weit her sein; wenigstens ist der Erzbischof von Athen, ihr

geistlicher Vorstand, dieser Ansicht. Auf jeden Fall war ihr Aeußeres nicht

nur abstoßend, sondern sogar unschicklich, und sie scheinen eher eine

Rotte roher Bettlerinnen, als in sich gekehrter Nonnen. Wir verließen

die malerischen Ruinen, nachdem die schwarzen Gespenster der Königin

mildspendende Hand Segen kreischend geküßt hatten. Bald waren wir am

Ausgang des Thales, und mit Wohlgefallen ruhte das Auge auf dem Meerbusen,

dem Dorfe Eleusis und den hohen schön geformten Gebirgen. Man beginnt die

Spuren der heiligen, in den Felsen gehauenen Straße zu sehen, da sich der

Weg ziemlich knapp zwischen dem Meere und den höheren Felsen hinzieht. Man

sieht aus diesen Spuren, wie auch auf der Akropolis und an mehreren anderen

Orten in Griechenland, daß die Alten nur Geleise in den Stein hieben, und

daß die Räder, welche gleiche Achsenbreite hatten, in denselben liefen,

so daß sich die Pferde auf dem nackten Felsen forthelfen mußten. Noch

interessanter jedoch wie diese Straßenreste sind die Süßwasser-Seen, welche

sich unmittelbar an der rechten Seite der Straße befinden, während die

linke von den Wogen des Meeres bespült wird. Diese kleinen Seen sind

ebenfalls noch aus uralter Zeit; ihre Tiefe beträgt höchstens fünf Schuh,

sie liegen einige Schuh höher, als das Meer, in welches sie unter der

Straße abfließen. Diese ist nur durch eine kleine sehr niedrige Mauer

von den Seen getrennt. Es scheint, daß der Zweck dieser Wasseranlagen

die Aufbewahrung von Fischen war. Der Zufluß kommt wahrscheinlich von

unterirdischen Quellen. --

Am Eingange von Eleusis ließ die Königin halten, und man stieg aus. Zuerst

besichtigten wir eine kleine, außerordentlich niedrige griechische Kapelle,

welche aus Trümmern von dem berühmten Tempel des unbekannten Gottes gebaut

wurde. Im Innern derselben befinden sich auch noch einzelne Theile von

alten Statuen und Inschriften, für einen Archäologen, der diese Zeichen

versteht, von großem Interesse. Als wir beschäftigt waren, diese Trümmer

schönerer Zeiten zu bewundern, strömte die Bevölkerung des Dorfes die

Anhöhe herab und umringte die geliebte »Basilissa«, welche sie mit den

freundlichsten Worten in der wohltönenden griechischen Sprache begrüßte.

Eine schöne Sitte ist es, daß, wenn das griechische Königspaar in die

Nähe eines Dorfes kommt, die ganze Gemeinde jubelnd entgegenzieht, und ihr

»zito« in die Lüfte schallen läßt. Die Bevölkerung dieses Ortes, besonders

die Frauen, waren wieder ganz anders gekleidet, als in der Umgebung von

Athen; ich möchte sagen noch poetischer und geschmackvoller. Die Frauen

tragen lange dunkelgefärbte Röcke; über denselben haben sie bis zum

Knie herab einen weißen mit schwarzen Schnüren geschmackvoll gestickten

Oberrock; auch das Mieder ist reich und bunt gestickt, Kopf und Hals hüllt

ein weißer Schleier ein, aus welchem lange Flechten über den Nacken, oft

bis auf den Boden hängen. Der reiche Haarwuchs ist der Stolz dieser Frauen;

sie helfen sich auch künstlich durch das Eindrehen von brauner Wolle. Die

Mädchen tragen statt des Schleiers ihre Aussteuer auf dem Haupte, welche

in einer helmartigen Kappe besteht, mit Sturmband und Quästchen, deren

Bestandtheile durchlöcherte Silber- und Goldmünzen bilden; oft recht

interessante kleine Münzensammlungen. Man findet türkische, griechische,

österreichische und spanische Geldstücke im buntesten Gemisch. Diese

ganz originelle Kopfbedeckung kleidet aber die regelmäßigen, ernsten

orientalischen Züge vortrefflich. Eine große Anzahl der Frauen trägt

goldene Ringe mit den schönsten antiken Cameen, welche sie beim Ackern

zwischen den Schollen finden. Wir wanderten nun von der ganzen Gemeinde

gefolgt auf einen felsigen Hügel, der die Grundlage des Tempels bildete.

Man findet nur noch einzelne Mauertrümmer und Stücke von marmornen Säulen

des berühmten Heiligthums, in welchem die eleusischen Feste gefeiert

wurden, und es regt sich der Wunsch, daß Ceres wieder einmal in dieser

Gegend ihr geliebtes Kind suchen möge und wenn sie käme, könnte man leider

zum zweitenmale wieder singen:

Und auf ihrem Pfad begrüßte,

Irrend nach des Kindes Spur,

Ceres die verlass'ne Küste.

Ach, da grünte keine Flur!

Daß sie hier vertraulich weile,

Ist kein Obdach ihr gewährt.

Keines Tempels heitre Säule

Zeuget, daß man Götter ehrt.

So streicht die Hand der Zeit über die berühmtesten Gegenden dahin, und

oft ist mir schon in Griechenland das Gedicht Rückert's von dem Thale

eingefallen, in welchem eine Stadt, dann Wüste, Felder, See und endlich

wieder eine Stadt gestanden hat. Ein wehmüthiger Gedanke war es uns, der

Jugend der Neuzeit, über die gebrochenen Steine dahin zu hüpfen, die einst

das gebildetste Volk der Welt mit Mühe zusammentrug, um ein Götterwerk zu

schaffen, welches der Ewigkeit trotzen sollte, und in welchem die antike

Jugend die mystischen Reigen der Ceres ausführte.

Wir wurden nun in zwei Häuser von Landbewohnern geführt, in welchen die

prachtvollsten Mosaïk's dem Spiele der Kinder und dem Wühlen der Schweine

ausgesetzt waren; quer über einen derselben läuft sogar die Hausmauer.

So werden diese herrlichen Werke durch unwissende Menschen dem Verderben

preisgegeben, da man sie doch mit der kleinsten Mühe vor der Unkenntniß der

Bevölkerung schützen könnte. Leider stehen dem griechischen Monarchen, der

den besten Willen zur Erhaltung dieser Schätze hat, nicht die Mittel zu

Gebote, diesen Wunsch auszuführen. -- Als wir aus der zweiten Behausung

heraustraten, bildeten die schlanken, romantisch gekleideten Frauen und

Mädchen von Eleusis einen Halbkreis vor der Königin und stimmten nach einer

ziemlich monotonen Melodie einen rasch improvisirten Gesang an, zu

welchem sie, die Arme kreuzweis haltend, einen ernsten schwingenden Tanz

ausführten. Langsam neigten sie sich mit einem Schritte vorwärts, worauf

sie zwei kleine Schritte rückwärts machten; nach jeder Strophe traten sie

im Tacte mit den Sandalen auf den harten Boden. In diesem Tanze erkannte

man die Nachkommen der alten Helenen. Es waren die Reigen, wie man sie auf

den Vasen des alten Griechenlands gemalt sieht, ein interessanter schöner

Anblick! Die Königin sagte mir, daß sich der Gesang auf ihre Anwesenheit

bezöge. Im ersten Liede drückten sie ihre Freude aus, daß wir Fremde der

Königin die Nachricht der baldigen Ankunft des Königs brächten; im zweiten

wurde die »Basilissa« mit einem Orangenbaum verglichen, an dessen Fuß eine

frische Quelle sprudle. Das Volk soll eine eigene Gewandtheit in diesen

lieblichen Improvisationen haben! --

Wir besahen nun noch einen altgriechischen Hafendamm, welcher sich am Fuße

des Städtchens auf eine kleine Strecke in das Meer hineinzieht. Er zeichnet

sich durch seine außerordentlich großen Quadersteine aus. Hierauf lud uns

die Königin zu einem Imbiß ein, welchen Vorschlag wir dankbar annahmen. Es

war ein =gouté champêtre=. Man brachte in aller Eile einen schlechten Tisch

und einige Feldsessel; ein Koffer, der die erwünschte Ladung enthielt,

wurde eröffnet, und wir stärkten uns mit kaltem Fleische, Eiern und

Wein, angesichts des welthistorischen Eleusis. So ist das unglückliche

Menschengeschlecht! Geist, Herz und Magen sind leider ein nothwendiges

Triumvirat, welches in diesem armen Erdenleben nie getrennt werden kann.

-- Nach dem kurzen Mahle wollten die Männer von Eleusis ihren Frauen nicht

zurückstehen und vollführten ebenfalls einen Tanz, dem der Frauen ähnlich,

nur lebhafter und wilder. Der beste Tänzer des Ortes führte den Reigen an

und machte höchst possierliche, drehende Sprünge, mit denen eines Gemsbocks

vergleichbar, und an die bacchantischen Geberden antiker Darstellungen

erinnernd. Nachdem dies einige Zeit bewundert worden war, ließ die

Königin die Kinder des Dorfes um sich schaaren, stellte einige Fragen im

freundlichsten Tone an sie, und vertheilte hierauf unter dieselben die

vom Mahle übrig gebliebenen Eier. Es war ein hübsches Bild, die zarte Frau

mitten unter den frischen, stürmischen Kindern zu sehen; alle drängten sich

um sie, ein jedes wollte eine der Gaben haben; die Ungestümen wies sie mild

mit der Hand zurück, den Bescheidenen theilte sie ermunternd aus. Das war

ein Geschrei und ein Jubel! So weiß sie durch liebenswürdige Art mit

den einfachsten Mitteln das Herz ihres Volkes zu gewinnen. Die ganze

Bevölkerung, jung und alt, stürzte uns bis zum Wagen nach, und die Königin

verließ den interessanten Ort unter dem weithin schallenden Jubelruf: »zito

Basilissa«! -- Die besonders enthusiastische Jugend lief noch einige Zeit

jauchzend neben dem Wagen her. Man sieht deutlich, daß es die Königin ist,

welche durch ihre Persönlichkeit den neu errichteten Thron von Griechenland

im Herzen des Volkes stützt. --

Als wir durch die schönen Weingärten dahin fuhren, warfen die einzelnen

Landbewohner die schönsten Trauben ihres Besitzthums in den Wagen, welche

die Königin dankend annahm; und dieses Zeichen der Liebe wurde nicht, wie

bei uns, mit feilem Geld belohnt; das freundliche Nicken der Königin war

den Bauern der liebste Dank. Das Volk in Griechenland ist durch und durch

monarchisch, und kennt den Werth der fürstlichen Huld und Gnade, ohne daß

man ihm dieselbe durch thatsächliche Bezahlung zu beweisen braucht. Am

späten Abend bei funkelnden Sternen kehrten wir nach Athen zurück. --

Des andern Morgens nahmen wir das Frühstück in unseren Zimmern ein; hierauf

fuhren wir um 9 Uhr in die in der Nähe des Palastes gelegenen Stallungen

des Königs; sie sind geräumig und rein gehalten, und beherbergen eine

schöne Auswahl orientalischer Pferde; die ausgezeichnetesten derselben

wurden uns im Hofe vorgeführt. Der König und die Königin lieben es sehr,

muntere Thiere zu reiten.

Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland · 第 6 / 15 段