geweckt: »man sieht Athen«! War's doch wie in den Kreuzzügen beim Anblick
von Jerusalem; alles stürzte auf die Brücke des Schiffes, um das Hauptziel
unserer Reise schon von Weitem zu begrüßen. Neugierde und Freude malte
sich auf jedem Gesichte, und weithin schweifte der prüfende Blick. Die
azurblauen Wogen des schäumenden Meeres spielten an eine breite, gelbe
Küste, die sich bald eben, bald etwas erhoben mit dem Lande verbindet.
Pflanzenleer und doch großartig lief die Fläche weithin fort, bis sie
endlich von einem Halbkreise himmelhoher Berge begrenzt wurde. Am Ende
dieser Ebene sahen wir, von hohen Felsen umgeben, Athen als einen
weißen Punkt; hinter diesem den Hymetus, die Akropolis und die andern
geschichtlich denkwürdigen Höhen, und weiter noch den Penthelikon
hervorragen; der Anblick war keineswegs so freundlich feenhaft, wie der
von Patras, sondern, kahl, ernst und erhaben. Es war ein Bild der
Vergangenheit, auf dem die Erinnerung großer Begebenheiten ruht. Unser
Schiff hatte sich dem kahlen Ufer genähert, auf dem man uns einen Haufen
Steine als das Grab des Themistokles zeigte. Plötzlich wendeten wir, und
liefen in einen kaum einige hundert Schritt breiten Kanal ein, der sich
zwischen den niedrigen felsigen Ufern durchwindet und keinen Ausweg zeigt,
bis sich ein breites Wasserbecken aufthut, und man in dem friedlichen
Pyräus einläuft. Ein Halbkreis von neugebauten Häusern umgiebt den Hafen,
in dem eine bedeutende Anzahl Schiffe ankerte. Am Quai und auf dem Wasser
ist reges Leben, ein Anblick, der freudig ergreift, wenn man bedenkt, daß
noch vor wenigen Jahren nur einzelne Häuser an diesen Ufern standen, der
Hafen leer von Schiffen war. Jetzt ist nur noch die Umgebung kahl und
todt. -- Wir fanden zwei französische Lloyddampfer und ein französisches
Geschwader vor, das von einer Fregatte mit einem Admiral angeführt wurde.
Wieder umkreiste uns, wie in Patras, gleich nachdem wir geankert hatten,
eine große Anzahl von Barken, mit einem einzigen lateinischen Segel von
einem Schiffer mit großer Geschicklichkeit gelenkt, der dasselbe bald
rechts, band links herumlegte, und pfeilschnell dahin schoß. Diese
niedlichen Schiffchen sind ein Schmuck des Hafens. Ein Boot wurde, um die
Erlaubniß landen zu dürfen, ausgesendet; dann begrüßte uns Graf J.,
der östreichische Geschäftsträger. Gleich nach ihm erschien General G.,
Hofmarschall des Königs, begleitet vom Hauptmann M., einem geborenen
Triestiner, der uns während unseres Aufenthalts in Athen zugetheilt wurde;
diese beiden Herren luden uns ein, im königlichen Schlosse eine Wohnung
zu beziehen, ein Anerbieten, das mit Dank angenommen wurde. Wir verließen
daher, nachdem wir unseren Anzug ein wenig geordnet hatten, auf mehrere
Tage den geliebten Vulkan. Am Quai erwartete uns ein vierspänniger Wagen
der Königin; es war die erste Equipage, die wir seit langer Zeit gesehen
hatten. Blaue moderne Livree, große mecklenburgische Pferde und eine
elegante Calesche paßten wohl zusammen, machten aber einen sonderbaren
Gegensatz zu der wüsten Umgebung.
Wir sprangen mit heißen Erwartungen in den Wagen, und wurden auf weichen
Federpolstern auf der berühmten Straße von Pyräus nach Athen geführt, ein
dreiviertel Stunde langer, außerordentlich breiter, guter Weg, auf dem uns
nur der fürchterliche Staub belästigte. Die Stadt war, seit der Einfahrt
in den Piräus unseren Blicken entschwunden, und erst am Ausgange eines
Olivenwaldes, durch den wir fuhren, erschien sie wieder. Dieser Hain ist
wegen seiner Ausdehnung und der Menge seiner Früchte berühmt im Lande;
doch war er dieses Jahr in schlechtem Zustande, da die Bäume durch den
vorjährigen strengen Winter gelitten hatten, und man erst in einigen
Jahren ihre vollständige Heilung hofft. Von Strecke zu Strecke stand ein
Wirthshaus an der Straße, vor dem sich die interessantesten Gruppen von
Einwohnern zeigten; auch hier begegneten wir einzelnen Zügen aus Eseln und
Maulthieren, und sogar einigen schlechten Wagen. Nahe dem Pyräus sind noch
Ueberbleibsel der altgriechischen Befestigungen von Athen. Weingärten und
Olivenanpflanzungen wechseln ab; der Hain lichtet sich und der Eindruck
wird freundlicher und großartiger zugleich. Wir durchstrichen eine Ebene,
auf der ein berühmter Kampf gegen die Türken gekämpft wurde, und welche ein
Monument schmückt. Endlich zeigt sich die, durch die Geschichte geweihte
Stadt, in der die Phantasie begierig nach den Erinnerungen einstiger
Größe sucht. Vor allem Andern wird der Blick durch einen mächtigen Felsen
gefesselt, der wie auf marmornem Sockel eine Krone sonder Gleichen trägt:
die Akropolis mit ihren säulenreichen Tempeln und ihren hundert Mahnungen
an ihre große Vergangenheit; sie leuchtet mit erhabenem Stolze von ihrem
Felsen herab; und wie man von den Gesichtszügen auf die Seele des Menschen
schließen kann, so spricht dieses Denkmal die Größe der Zeit aus, in der
es entstand. In der Ebene zeigte sich zu unserer Rechten im schönsten
künstlerischen Ebenmaße der Theseustempel, dessen gelblicher Marmor wie
mattes Gold erscheint. Vor uns lag die Stadt, deren Umfang nicht
sehr bedeutend ist; sie wird durch eine lange, ungepflasterte Straße
durchschnitten, die der höher gelegene königliche Palast schließt, die aber
anfangs nur niedrige und unansehnliche Häuser begrenzen; erst in der Nähe
des Palastes nimmt sie ein städtisches, besseres Aussehen an; doch
schmückt sie gleich anfangs eine hohe prächtige Palme; auch ist die
Metropolitankirche, im byzantinischen Style, durch ihr typisches Aussehen
ehrwürdig, und erinnert an die altchristliche Zeit; sie erhebt sich kaum
vier Klafter über den Erdboden und ist von geringem Umfange, was sonderbar
mit dem königlichen Palaste kontrastirt. Vielleicht ist es, wie im
hebräischen Reiche, auch erst dem Nachfolger des ersten Königs vergönnt,
dem Herrn einen würdigen Tempel zu bauen, während der jetzige Regent, wie
David, nur für seine eigene Unterkunft zu sorgen hat.
Die Häuser gleichen denen von Patras, nur sind sie etwas mehr mit
den Bedürfnissen der Kultur versehen; der untere Theil ist meist zu
Verkaufsläden verwendet; das Leben wird immer bewegter, je mehr man sich
dem großen Platze nähert, an dem der königliche Palast auf einer Anhöhe
steht; auf der linken Seite hat ein Triestiner ein schönes Gebäude im
griechischen Geschmacke gebaut; die rechte Seite ist leer und läßt einen
Blick auf den neuen Theil der Stadt offen, in dem sich einige recht nette
Häuser befinden. In der Ferne glänzt das Meer und auf demselben zeichnen
sich in klarer Luft die herrlichen Säulen des Jupiter-Tempels ab; auf dem
Platze selbst sind große, regelmäßige Pflanzungen von Cactus, Aloën und
Cypressen angelegt, in deren Mitte ein Weg, mit breiten Marmorstiegen zum
Palaste hinan führt; rechts und links sind Alleen mit Fahrwegen. Diese
Pflanzungen stehen im Einklange mit den architektonischen Linien des
Palastes, der in ziemlich schmucklosem, griechischen Style dasteht;
nur leuchtet an den Wänden, Fenstern, Balconen und Terrassen der weiße
griechische Marmor statt aller Zierrath hervor. Der ganze Bau ist ein
längliches, zweistöckiges Viereck; an der Front, gegen die Stadt, tragen
dorische Säulen einen Balcon über der Einfahrt; von dieser führt eine
herrliche freischwebende Marmorstiege in das obere Stockwerk. Auf der
Meeresseite wird eine Terrasse von Säulen gestützt, die zu ebener
Erde einen offenen Gang bilden, von dem aus breite Stufen zur Straße
hinabführen; jenseits derselben liegt der mit den herrlichsten südlichen
Gewächsen geschmückte Garten der Königin; auf der Rückseite, gegen die
Gebirge zu, schwebt wieder ein Balcon über der hinteren Einfahrt, von der
aus eine Wendeltreppe aus Marmor und Bronce hinaufsteigt. Da das
Aeußere des Palastes wenig verziert ist, so hat er von weitem leider ein
kasernenartiges Ansehen, welches der Reichthum des Materials erst in der
Nähe mildert; auf jeden Fall ist er aber viel zu groß für die kleine Stadt,
ja sogar für das kleine Land. Augenblicklich merkt man den leitenden
Geist des Königs Ludwig von Baiern, welcher die Bauten nicht dem Bedürfniß
anpaßte, sondern sie um ihrer selbst willen hinstellte. So müssen auch das
griechische Reich und seine Hauptstadt, sein Hof und seine Dynastie, erst
in diese Palasträume hineinwachsen. Die inneren Gemächer sind prachtvoll;
ein herrliches Thronzimmer für den König, ein gleiches für die Königin,
große in Fresco gemalte Speisesäle, wundervolle von Gold strotzende
Tanzsäle, Salons und große Fremdenzimmer eröffnen sich dem erstaunten
Auge. Das Ganze ist in vortrefflichem Geschmacke und bis zu Leuchter und
Tafelgeschirr im griechischen Style eingerichtet; ein schöner Gedanke,
der besonders den Zimmern der Königin ein zugleich freundliches
und künstlerisches Gepräge giebt; man sieht ihnen an, daß hier ein
liebenswürdiger Geist waltet; dieser ist es auch, der die Existenz
in diesem Lande mit seinem Zauber umgiebt. Wir sahen diese schönen
Räumlichkeiten erst im Laufe unseres Aufenthaltes, und wurden anfangs in
die uns angewiesenen Zimmer geführt, wo wir der Audienz bei der Königin
harrten; unsere Fenster gingen auf den Garten gegen das Meer zu; doch
gewährte mir ein Eckzimmer auch den Anblick der Stadt und der Akropolis.
Man kann sich nichts Schöneres und Interessanteres denken, als die Aussicht
von dieser Höhe auf die malerische Umgebung mit ihren Denkmalen. Die klare
Luft des Südens ließ alles deutlich und scharf erkennen, und über die
Spitzen der um den Palast stehenden hohen Palmen hinweg sah man ein Gemisch
südlichen Zaubers und edler Einfachheit; es ist, als ob die Natur hätte
zeigen wollen, wie edle Formen auch ohne üppige Fülle, nur von Werken der
Kunst gekrönt, das Gemüth ergreifen können; die hiesigen Gegenden sind
hohen und erhabenen Schönheiten zu vergleichen, während die lieblichen
Thäler unseres theuren Deutschlands mehr einen naiven freundlichen Eindruck
hervorbringen. Der Garten der Königin, in dem das Streben bemerklich ist,
die südliche Vegetation mit der nördlichen in schönen Gruppen zu verbinden,
giebt einen trefflichen Vordergrund zu der bedeutungsvollen Aussicht, und
einen malerischen Gegensatz zu den hellgelben kahlen Umrissen, die das Meer
würdig schließt.
Nachdem unser Gepäck aus dem Pyräus angelangt war, setzten wir uns
in Uniform und wurden nun zur Königin-Regentin geführt. Im kunstreich
verzierten Thronsaale stand der weibliche Hofstaat; hier blieben unsere
Reisegefährten; mein Bruder und ich wurden in den anstoßenden Salon
geführt, wo uns die Königin in einer eleganten geschmackvollen
Morgentoilette empfing. Sie ist von mittlerer Frauengröße, und weiß Würde
und Anmuth in seltenem Maße in ihrem Wesen zu vereinigen. Ihre Züge
drücken Geist und Charakterstärke aus; ihr Gespräch ist liebenswürdig und
geistreich und steigert sich zum Enthusiasmus, wenn die Rede von ihrem
theuren Hellas ist. Sie ist die wahre Mutter ihres Volkes; denn nur eine
Mutter kann mit so vielem Interesse von jeder Einzelnheit sprechen, die
sich auf ihre Kinder bezieht. Auch genießt die Königin die verdiente
Gegenliebe ihres Volkes, und wird überall, wo sie erscheint, mit
Begeisterung empfangen; von ihrer kräftigen und einsichtsvollen
Regentschaft hört man aller Orten mit Bewunderung sprechen. Ich hätte
nicht geglaubt, daß eine deutsche Prinzessin, gewöhnt an die angenehmen
Bequemlichkeiten ihres Vaterlandes, sich so ganz in die griechischen Sitten
schicken, und es sogar in der Sprache zu solcher Vollendung würde bringen
können. Nach einem Gespräch von einer viertel Stunde, führte uns die
Königin in den Thronsaal und stellte uns ihre Damen vor, worauf ich ihr
unsere Reisegefährten nannte. Die Oberhofmeisterin der Königin, Frau von
P., ist unter den Höhergestellten am Hofe die einzige Deutsche; sie macht
durch ihr freundliches Benehmen und ihren heiteren Geist ihrer Nation Ehre.
Außer ihr hat die »Basilissa« (so wird die Königin im Lande genannt) noch
zwei Griechinnen zu Hofdamen. Fräulein Photanie M. und Fräulein Penelope L.
Dieselben kleiden sich griechisch und bestätigen die so berühmte Schönheit
der Frauen ihres Landes. Sie sprechen ziemlich gut französisch, und
scheinen überhaupt nicht ungebildet zu sein. Nachdem man uns zu einem
Spazierritt, auf fünf Uhr, eingeladen hatte, wurden wir von der Königin
entlassen. Der übrige Hofstaat ist ziemlich unbedeutend, und ich will hier
nur noch des Hofmarschalls Generals G. erwähnen, welcher, wie es deren an
allen Höfen giebt, eine Art Factotum ist; er ist einer der Wenigen,
welchem der König sein ganzes Vertrauen schenkt; auch soll er bei der
verhängnißvollen Revolution sehr viel Charakterstärke bewiesen haben. Seine
Vergangenheit ist jedoch etwas dunkel, und es giebt böse Zungen, welche
derselben räuberische Gelüste zuschreiben. Sein Aeußeres entspräche dieser
letzten Behauptung; er hat eine finstere, etwas gemeine Physiognomie,
Hautfarbe und Haare sind außerordentlich dunkel; dagegen gewinnt seine
Erscheinung durch die herrliche griechische Tracht. -- Um fünf Uhr
versammelten wir uns in einem, gegen die Meerseite gelegenen, niedlichen
Cabinete; die Königin schritt die breiten Marmorstufen hinab und schwang
sich mit großer Leichtigkeit auf ein türkisches Pferd, welches ihrer
harrte. Wir folgten ihrem Beispiel, und nun ging es in lançadirendem
Galoppe bei der Hauptwache des Palastes vorbei, über den Schloßplatz,
durch einen Triumphbogen von Myrten, der zur morgigen Feier der Revolution
errichtet worden war, die lange Straße hinunter zum Theseustempel. Die
Königin wollte uns einen Ueberblick der Merkwürdigkeiten Athens geben.
In der Straße wurde sie mit Jubelruf empfangen, und Alles grüßte mit dem
Ausdrucke der größten Verehrung. Die Königin zu Pferde ist eine wahrhaft
anmuthige und schöne Erscheinung. Sie reitet ganz vortrefflich, hat einen
festen Sitz und führt das Pferd im schnellsten Galopp über Stellen, welche
mancher berühmte Reiter bei uns kaum im Schritt passiren würde. Die Pferde
des griechischen Hofes sind meist aus den asiatischen Gebirgen, haben einen
schuhartigen Beschlag und klettern wie Gemsen über schwindelnde Höhen.
Wenn sie keinen Fuß fassen können, rutschen sie auf den Hinterfüßen über
Felsplatten, ohne zu stürzen. Auch macht die Königin ihre weitesten Reisen
zu Pferde, da von einem Fortkommen zu Wagen bis jetzt noch keine Rede
ist. -- Der Theseustempel ist eines der besterhaltenen Monumente in
Griechenland, und vielleicht eines der schönsten des Alterthums. Er ist
ziemlich groß, alle seine Säulen und der größte Theil der inneren Mauern
und des Daches sind erhalten. Der Marmor, aus dem er gebaut ist, war
ehemals weiß, hat jedoch durch Zeit und Wetter einen schönen gelben Glanz
erhalten, der diesen großen Massen vortrefflich läßt. Der Styl ist einfach
und durchaus rein. Außerordentlich wird dieses Kunstwerk durch den freien
Raum gehoben, auf dem es sich befindet; leider sieht man in den Säulen und
den Wänden Spuren von den nichts verschonenden türkischen Kugeln. In den
Metopen sind nur wenige Basreliefs, und diese nicht gut erhalten; man
glaubt, daß sie die Thaten des Theseus vorstellen. Der innere Tempelraum
ist ganz mit Mauern umgeben, während im Alterthum nur drei Seiten eingefaßt
waren; die vierte Mauer ward errichtet, als dieser herrliche Tempel dem
christlichen Gottesdienst gewidmet wurde. Zur Zeit sind alle kirchlichen
Geräthe wieder heraus geräumt worden und man hat das Innere mit
ausgegrabenen Kunstschätzen ausgefüllt, die aber, des nicht sehr großen
Raumes wegen, ohne viel Sorgfalt aufeinander gehäuft sind; doch sieht
man immer hier lieber die Götter der alten Mythe, als das Bild unseres
Erlösers, welches keineswegs in diese Mauern paßt. Der Haupteingang von
der Stadtseite ist jetzt geschlossen. An der Seitenwand, die der Akropolis
zugewendet liegt, öffnet sich ebenfalls eine Thüre, an welcher ein
griechischer Archäolog die Königin und uns empfing.
Wir konnten nur im Fluge die inneren Kunstschätze an uns vorüber ziehen
lassen, die ich erst später, nach sorgfältigerer Betrachtung, erwähnen
werde. Von hier aus folgten wir der Königin durch die engen Seitenstraßen
von Athen, zwischen die verschiedenartigsten Hindernisse durch, im
gestreckten Galopp zu dem Tempel der Winde, einem Octogon aus Quadern, in
welchem unter dem Dache die Winde in einem Basrelief dargestellt sind; eine
einzige Thüre führt in das Innere desselben, Fenster sind nicht vorhanden.
Der Boden, auf welchem dieses Gebäude steht, ist um eine Klafter vertieft,
was uns beweist, wie viel vom alten Athen verschüttet ist. Die Ruinen eines
Aquaducts führen zu diesem interessanten Tempel, von welchem ich ebenfalls
später Gelegenheit haben werde, näher zu sprechen. Von da kamen wir zur
sogenannten Laterne des Diogenes, eigentlich dem Monumente des Lysokrates.
Es ist ein nicht sehr breites, ungefähr zwei Klaftern hohes Thürmchen,
dessen mit schönen aber sehr kleinen Basreliefs versehenes Dach auf vier
bis fünf niedlichen Säulen ruht, ehmals aber frei gestanden haben mag. Die
Spitze des Daches formt ein bouquetartiger Knopf, aus Delphinen gebildet.
In dem neu vermauerten, inneren Säulenraum scheint früher eine Büste oder
Statuette gestanden zu haben. Das Ganze ist eine sehr zierliche und
feine Arbeit. Von dort ging es zum Areopag und Pnyx; es sind dies massive
Felsenparthien, in welchen man noch Stufen bezeichnende Linien eingehauen
findet. In diesem Felsen zeigt man den in den Stein gearbeiteten
gefängnißartigen Raum, in welchem das Grab des Sokrates gewesen sein soll,
welche Angabe jedoch nicht die geringste Wahrscheinlichkeit für sich hat.
-- Hierauf besahen wir das sogenannte Marktthor, einen Porticus von vier
Säulen. Fälschlich hat es seinen Namen von einem großen Stein bekommen,
welcher bei demselben aufgestellt ist, und auf den die unter Hadrian
gesetzlichen Marktpreise eingehauen sind; dies war aber eine Gewohnheit
alter Zeiten, der man bei sehr vielen antiken Thoren begegnet. -- Noch
berührten wir die Kolonnade und das Thor des Hadrian, die Ueberreste des
Tempels des Jupiter, das Grabmal des Philopopus und die Stelle, auf welcher
die Gärten des Plato standen. Die Kolonnade des Hadrian besteht aus sechs,
vor einer aus Quadersteinen erbauten Mauer stehenden, römischen Säulen,
auf welchen Vorsprünge ruhen, die mit der Mauer in Verbindung stehen. Eine
siebente Säule steht frei; es scheint, daß die sechs anderen ehemals mit
Statuen geziert waren. An der Quadermauer sieht man noch Ueberreste einer
christlich-typischen Freskomalerei, da auch hier eine Kirche angeklext
war. Vor den Säulen ist eine Mauer gezogen, und in diesem von der Straße
abgeschlossenen Raume befinden sich ebenfalls ausgegrabene Alterthümer. Das
Thor des Hadrian, in der Nähe des Jupitertempels, ist ein großer breiter
Bogen, dem man den römischen Ursprung ansieht, und der einem zweiten von
vier Säulen getragenen Thore als Fundament dient. Dieses an sich schöne
Kunstwerk wird durch die Pracht und Größe der Säulen des Jupitertempels
verdunkelt; ihre Höhe mag 20 Klafter betragen, ihr Umfang entspricht der
Höhe und trotz dieser Dimensionen haben sie ein schönes und vollkommenes
Ebenmaß; es mögen bei 15 sein; 12 derselben sind in einer nähern Gruppe
beisammen, während drei in ziemlicher Entfernung abseits stehen. Die
größere Gruppe ist noch durch einzelne große Steine verbunden, sonst ist
vom Dache nichts mehr übrig. Auf einem der Säulencapitäle sieht man noch
die Reste einer Steinhütte, welche einem fanatisch asketischen Derwische 20
Jahre als Wohnung gedient hat, während welcher Zeit er niemals auf die Erde
herabkam, sondern es vorzog, in diesen höhern Regionen einem Storche gleich
zu nisten, und sein frugales Mal an einem Seile aufzuziehen. Zu seinen
Füßen wurde unterdessen Geschichte gemacht, und nicht wenig mußte sich der
alte Herr wundern, als einstens statt seiner Glaubensgenossen siegreiche
Rajas erschienen, und er der einzige Diener des Halbmondes in Athen
verblieb, die einzige Stimme des Propheten in der Wüste. -- Die Ausdehnung
des Jupitertempels muß außerordentlich gewesen sein; auch kann man noch die
festen Fundamente desselben in weiter Entfernung von den Säulen sehen.
In der Nähe derselben, im Felsen, befindet sich eine Quelle, in
welcher sich Calliope, die schöne Muse, gebadet hat; daher führt dieses
wildromantische Wasser ihren Namen. Die antike Lieblichkeit des Ortes ist
entschwunden und es sind nur mehr die nackten, pittoresk geformten Felsen,
zwischen welchen das Wasser rieselt, vorhanden. Das Monument des Philopopus
liegt auf einem hohen Hügel, ziemlich entfernt von der Stadt, gegen das
Meer zu; es ist eine schirmartige, etwas gegen außen zu gekrümmte Mauer aus
Quadersteinen, an deren unterer Seite sich ein sehr beschädigtes Basrelief
befindet, den Triumphzug eines römischen Imperators darstellend; über
demselben sind Säulen angebracht, zwischen welchen sich arg verstümmelte
sitzende Figuren befinden. Die Erhöhung, auf welcher dieser Bau steht,
heißt der Musäusberg und ist nach dem griechischen Dichter dieses Namens
benannt. Von dem Garten des Plato, auf der entgegengesetzten Seite, sieht
man nur mehr den etwas erhobenen Platz, der von einer kleinen Kapelle
gekrönt ist. Zwischen Weingärten und der Promenade Athens, einer breiten
Allee, mit sehr schmächtigen Bäumen, kamen wir nach Sonnenuntergang zum
Palaste zurück, worauf man sich gleich nach einer für die Damen
fabelhaft schnellen Toilette versammelte, um das Essen einzunehmen. Das
Gesammtministerium und die Hofchargen waren zur Tafel gezogen. Die Königin
war so gnädig, mir die hellenischen Staatenlenker selbst vorzustellen.
Einige unter diesen Herren hatten einen europäischen Anstrich, und waren
sogar im Stande, französisch oder italienisch zu sprechen, was für mich
von großer Erleichterung war, da ich es hasse, mich mittels eines Dragomans
verständlich zu machen; man ist bei dieser Art der Unterhaltung immer
verkauft, und kann nicht wissen, wie sie den Sinn in den Worten der andern
Sprache wiedergeben. Doch beim Minister des Innern, dem Vater der schönen
Eulalia von Korinth, mußte ich die Hülfe fremder Zungen in Anspruch nehmen.
Dieser Herr trägt das gewöhnliche Landeskostüme und ist dem Greisenalter
nahe; seine Faust schien mir eher für das Schwert und den Pflug, als für
die administrirende Feder geschaffen; doch bei dem ziemlich primitiven
Zustande des Landes mag diese Urnatur wohl geeignet sein, für sein
Inneres zu sorgen; nur wäre es gut, wenn noch zuweilen das verrostete
Palikarenschwert gezogen würde, um das Land von den Räuberbanden zu
säubern. Doch wo bliebe dann der letzte Zuflucht der Romantik? Ein
Griechenland ohne Räuber wäre eine Schweiz ohne Berge. Auch ist es ganz
angenehm, wenn man in die Heimath zurückgekehrt, beim traulichen Theetische
erzählen kann, man habe die schauerlichsten Gegenden durchwandernd, an den
Felsen das Blut der unglücklichen Schlachtopfer herunter rieseln sehen.
So lange es nicht persönliche Bekanntschaft mit diesen Helden der Romantik
gemacht hat, ist das Volk der Reisenden egoistisch genug, sich beim
Durchwandern der übelberüchtigten Gegenden eines heimlichen und
selbstgefälligen Schauers zu erfreuen. Darum lassen wir die Spinnen ihr
Netz über das rostige Schwert weben, und danken wir dem Gesammtministerium
für die Rettung und zukünftige Erhaltung der Räuberbanden! -- Vielleicht
gab ja selbst einer der würdigen Männer, die hier bei Tische saßen, den
Stoff zu einer Episode der Klephtenpoesie. -- Das Diner wurde schnell und
elegant servirt, die Zubereitung der Speisen war vortrefflich, und nach
dem langen Ritt unser Appetit ebenso. Auf den Wänden des Eßzimmers sind
Früchte, Wildpret und Fische in sinnreiche Arabesken verflochten. -- Nach
dem Essen entließ uns die liebenswürdige Hausfrau, und wir konnten einer
erquickenden Ruhe genießen.
Der andere Tag war ein Sonntag, und wir hatten Gelegenheit um acht Uhr in
der Kapelle des Königs die Messe zu hören. Gleich nach dem katholischen
Gottesdienst ward alles, was sich auf die Gebräuche unserer Kirche bezieht,
weggeräumt, und der Pastor der Königin mit seinem einfachen Ritus, zog ein.
Zuweilen, wenn öffentliche Feste es erheischen, wohnt das Königspaar auch
den griechischen Funktionen bei.
Um die Sitte eines Landes und insbesondere einer Stadt kennen zu
lernen, kann es wohl nichts Erwünschteres geben, als die Abhaltung eines
öffentlichen Festes; dies wurde uns heute zu Theil. Am 16. September,
nach griechischem Kalender am 3., feiert Jung-Hellas die an diesem Tage
begonnene Revolution.