Bald hatten wir die wüste Ebene von Korinth auf schlechten, steinigen

Wegen durchschritten; an dem Flusse angekommen, befanden wir uns in einem

schmalen Thale, das wir bis Nauplia nicht mehr verließen. Die Höhen rechts

und links vom Wege sind pittoresk, aber kahl und schauerlich; nur selten

erfreuten uns Piniengruppen und Oleandergebüsche im Flußbette; wie

begreift man, daß hinter diesen Feldern von Felsstücken, diesen unzähligen

Erhöhungen und Schluchten, der Räuber das bequemste Spiel hat! Die kleinste

Schaar kann aus sicherem Hinterhalt die Reisenden überfallen und wenn's

Noth thut, spurlos verschwinden machen. Man kann sich keine Gegend

vorstellen, die mehr den Stempel des Schreckens und der wüsten Rauheit

an sich trägt. Der Karst allein wäre mit dem Anfang unseres Weges zu

vergleichen. Von Zeit zu Zeit fanden wir Piquets der Land-Miliz zu unserem

Schutze aufgestellt; wir zählten deren sieben; die guten Leute aber sahen

in der ärmlichen Landestracht, mit den langen Flinten bewaffnet, so wenig

einladend aus, daß wir das erste Piquet für einen Haufen Räuber hielten.

Leider machten wir die Bekanntschaft von erklärten Wegelagerern nicht,

obwohl mancher dieser Genossenschaft bei uns vorbeigeschlichen sein mag;

aber die Gensd'armen verdarben ihnen die Lust; jeder von uns hätte seine

heimliche Freude an einem kleinen unschuldigen, urwüchsigen Abenteuer

gehabt. Zur Entschädigung kreisten fünf mächtige Adler über unseren

Häuptern, und zwei von ihnen hatten die Gewogenheit, uns so nahe zu kommen,

daß man jede Feder unterscheiden konnte; dies waren die würdigen Bewohner

dieser Steinwüste. Wir hofften an einem derselben die Gewehre prüfen zu

können, die wir auf der ganzen Reise mitgeschleppt hatten; doch ehe wir

angelegt hatten, waren die Fürsten der Luft der Schußweite entschwunden.

Die Hitze war so unerträglich geworden, daß ich meinen Durst an dem Wasser

eines romantisch gelegenen, halb verfallenen Mühlenkanals löschen mußte. So

schön die Oleander und Reben waren, die diese Fluth umfächelten, so wenig

rein und klar war diese selbst. Endlich öffnete sich das schmale Thal und

stieg sanft zum Gebirge aufwärts. Ich ward hier lebhaft an unser heimisches

Alpenland erinnert, namentlich an das Naßfeld bei Gastein; doch nur an die

Punkte, wo die Baumvegetation und die frischen Wiesen aufhören. Hier war

es, wo wir eine große Heerde uns unbekannter Ziegen trafen, die, wie die

»King Charles« Hunde, lange schwarze, glänzende Haare mit feuerfarbener

Zeichnung hatten. Es wäre der Mühe werth, diese schöne Race bei uns

einzuführen. -- Gegen Ende des Thales nahmen wir unser Gabelfrühstück

im Hause eines Gensd'armerie-Piquets neben einer Kapelle, ein. Diese

unglücklichen, von einem Feldwebel kommandirten Menschen werden nur alle

sechs Monate abgelöst; in dieser Gegend eine Ewigkeit! Der größte Theil der

Mannschaft hatte das Fieber, und auch der Kommandant, ein sehr hübscher,

freundlicher, junger Mann mußte schwer an dieser Krankheit leiden. Er

empfing uns mit großer Artigkeit, und wollte sich uns auf alle mögliche

Weise verständlich machen, was ihm aber doch nicht gelang; seine Freude war

jedoch groß, als Archivarius K. eine an die Wand geheftete Verordnung, mit

Hülfe des Altgriechischen, laut zu lesen und zu übersetzen versuchte. Sein

Zimmer, in dem wir frühstückten, war mit den verschiedenartigsten kleinen

Kupferstichen und Holzschnitten behangen, was immerhin beweist, daß der

Bewohner Bücher in der Hand gehabt haben muß. Die Kapelle neben dem Hause

bestand, wie alle griechischen kleinen Gotteshäuser, aus nackten,

höchstens vier bis fünf Schuh hohen Wänden, die durch eine lochartige Thüre

unterbrochen werden; an der Seite steht auf einem Steine ein hölzernes,

meistens mit Heiligen bemaltes Kästchen, das die Stelle einer Armenkasse

vertritt; es muß eine große religiöse Scheu dem sonst so räuberischen Volke

innewohnen, da nicht das kleinste Kettchen die Brettertruhe an den Stein

befestigt. -- Nach einer Rast von ungefähr einer Stunde setzten wir unseren

Weg fort; bald hatten wir eine stolz geformte Gebirgskette dicht vor uns.

Das Thal hatte sich nun zur Schlucht verengt, und wieder war rechts und

links vom Flusse alles mit Felsenstücken übersäet, die aber nicht aller

Vegetation entbehrten, wodurch die Landschaft zwar rauh, aber nicht mehr so

traurig erschien; die Schlucht wurde immer enger, die Quelle des Wassers,

das wir lange verfolgt hatten, schien in der Nähe einer Mühle dem Boden

zu entspringen; diese lag da wie eine Oase, ein kleiner Raum voll fetter,

bewässerter Erde, von Tausenden grüner Felsspitzen umgeben, von denen sich

das herrliche dichte Laub der Granaten, Feigen, Reben und das hohe Rohr

sonderbar abhob. Um die Mühle sprudelten eine Unzahl von Wässerchen;

Olivenbäume neigten freundlich ihr schattiges Haupt, und Hühner pickten

eifrig auf der freigebigen Erde. So schattig und südlich erschien alles

dem Ankommenden, daß es ihm ein Ersatz für die Steinöde ringsum war. Wir

stärkten uns mit trefflichem Wasser und verließen die freundliche Oase,

die mit Ruinen von im Freiheitskampfe zerstörter Häuser umgeben war. Dieser

Engpaß bildete den Schauplatz einer fürchterlichen Metzelei; Tausende von

Türken fielen hier durch das Racheschwert der Griechen. Unser Weg wendete

sich ein wenig, und wir gelangten auf eine schmale Straße, auf welcher

wir uns zwischen himmelhohen Gebirgen durchwanden. Die bei der Mühle

entspringende Fluth fließt in den Meerbusen von Lepanto, während wir

sogleich zu einer von den schönsten Sträuchern umgebenen Quelle kamen,

deren zum bedeutenden Bache angeschwelltes Wasser, das wir bei zwanzigmal

zu durchwaten hatten, sich in den Golf von Nauplia ergießt; die

Wasserscheide ist daher außerordentlich schmal; der Weg blieb noch eine

lange Strecke von den langsam absteigenden Gebirgen eingeengt; die Wildheit

der Gegend hatte jedoch schon bei den Quellen des Baches geendet, die

Felsen verschwanden, und das üppigste Gebüsch umgab das Wasser, das wir

scherzweise den Amphibien-Bach nannten, da er von Fröschen und an seinen

Ufern lagernden Schildkröten wimmelte; diese wurden besonders häufig, als

sich der Paß wieder zum Thale erweiterte und sich rechts und links vom

Flusse dürre, mit kleinem Buschwerk bewachsene Felder ausbreiteten. Als ich

Demetry fragte, warum das Volk diese Thiere nicht zur Speise verwendete,

gab er mir zur Antwort, daß man sie für heilig halte. Die Engländer aber

lassen sich durch diesen Glauben nicht abhalten, ihre Schiffe damit zu

beladen, und sie nach Alt-England zur Bereitung der leckeren =turtle soup=

zu bringen. Da sie einen Monat ohne Nahrung aushalten, so bekommen sie

unterwegs nichts zu fressen. Auch wir nahmen einige mit; die Kleinsten

waren größer, als das Innere der Hand, die Größten über einen Schuh im

Durchmesser; es war nicht ganz leicht, diese Thiere zu fangen, da sie trotz

ihres unbehülflichen Baues ziemlich schnell fortkommen.

Das Thal zog sich noch einige Stunden gleichförmig dahin, bis wir endlich

um vier Uhr, ziemlich ermattet, den Ausgang erreichend, eine herrliche

Aussicht genossen. Es war ein schöner duftiger Nachmittag; die Sonne

glänzte im blauen Aether und warf deutliche Schatten auf die schöne Ebene

von Napoli di Romania, das in hellen Farben glänzte. Die das schmale Thal

bildenden Bergketten liefen zur linken Seite in malerischen Bogen, bis an

den klaren Spiegel des Golfs, und endeten in dem schön geformten Palamides,

dessen Fuß an der Meerstadt Nauplia wurzelt. Jede Zacke dieser gekrönten

Höhe zeichnete sich auf dem blauen Hintergrunde ab. Rund um denselben

schimmerte es von Häusern und mächtigen Bäumen, die im lieblichen

Farbenspiel verschwammen; gerade vor uns breitete sich die gesegnete Ebene

bis an den Rand des Meeres aus, und erinnerte mich an die lombardischen

Gefilde; Bäume, Weingärten und Felder wechselten hier im buntesten Gewirre;

zur Rechten schloß der stolze Argos, dessen festes Schloß ebenfalls auf

einem Felsen ruht, die Bergreihe; der Ort Argos lehnt sich an dessen

Fuß. Jenseits des schönen Golfes zeigen sich in dunklen Umrissen die

Gebirgsketten, deren letzte Ausläufer das Kap St. Angelo und das Kap

Matapan bilden; zu unsern Füßen, kaum ein paar hundert Schritte entfernt,

lag am Fuße des Berges Mycene, die ehemalige Residenz Agamemnons; -- jetzt

ist sie ein kleiner verfallener Ort auf einem wüsten Abhange. Ein Felsen

birgt die Höhle, in welcher der Atriden Sohn begraben sein soll. Leider

durften wir das alles nicht näher betrachten, da die Entfernung bis Nauplia

zu groß war.

In einem Hause, am Beginne der Ebene, die nun vor uns lag, fanden wir zu

unserer angenehmen Ueberraschung den östreichischen Konsul, welcher nach

seiner Aussage, seit achtundzwanzig Stunden mit einigen Wagen auf uns

gewartet hatte und zu befürchten anfing, daß wir, wie unsere achtzehn

Vorgänger, von Räubern angepackt worden seien. Der Mann war italienischer

Race; er trug einen blauen Paradefrack, und auf den Haaren ruhte eine

Kappe, wie sie die Marine-Offiziere tragen, doch mit einem ungeheuren

Lederschirm versehen; seine außerordentliche Beweglichkeit verrieth

seine Nationalität, und wurde durch eine merkwürdige Zungenfertigkeit

unterstützt; wir erfuhren später, daß er, außer dem Amte eines Konsuls,

auch noch das eines Apothekers verwaltete; ich werde ihm für seine

Aufmerksamkeit, uns Wagen entgegen zu bringen, ewig dankbar sein; denn wenn

wir auch über Stock und Stein ganz jämmerlich und halsbrecherisch tanzen

mußten, so war es doch eine Wohlthat, nach dem ermüdenden Ritt auf

schlechten Satteln, von Sonnengluth gebraten, fahren zu können. Wir

waren bei vortrefflicher Laune und schickten uns lachend in die kleinen

Unannehmlichkeiten unserer Lage. Mein Bruder, Fürst J., Baron K. und ich

nahmen eines dieser gebrechlichen, wankenden und schwankenden Wägelchen mit

Sturm ein. Wir preßten uns möglichst in den engen Raum zusammen, und fort

ging's in sausendem Galopp; die alten Gäule streckten und reckten ihre

Glieder, und unser Hypolitos erhielt sie mit einer langen Gerte und

furchtbarem Geschrei in Bewegung. Denkt man sich unter unserem Pferdelenker

einen schlanken, athletisch gebauten Helenen mit dem antiken Götterfunken

auf der hohen leuchtenden Stirne, so ist man ganz auf dem Holzwege; er

erhob sich kaum einige Schuh über die Erde, ersetzte jedoch, was ihm

an Größe fehlte, durch ein ungeheures Feß, das er anders, als seine

griechischen Brüder, wie eine phrygische Mütze steif aufgestülpt trug;

eine schwarze Kravatte schnürte ihm den Hals zu, aus der, gleichfalls

der Landestracht ganz fremde Hemdkragen, wie Scheuleder hervorragten;

im Uebrigen war er mit der Fustanella, dem Spencer und den Gamaschen

bekleidet. Baron K. suchte ihm auf italienisch, welches die

Verbindungssprache im Oriente ist, begreiflich zu machen, daß er nicht so

unsinnig über alle Hindernisse dahin jagen solle; er aber hieb immer mehr

in seine Renner ein und erschreckte sie durch mißtönendes Geheul; bald

entdeckten wir, daß er weder seine Thiere, noch die Richtung, die wir bei

dieser =steeple chase= einhalten sollten, sehen konnte, da sein großer

Lederschirm weit über seinen Augenpunkt hinaus ragte; plötzlich erhob er

sich, streckte das Kinn mit dem rothen Bart weit vor, faßte seinen Schirm

mit beiden Händen und blickte mit Erstaunen auf die rasenden Gäule herab;

dann wendete er sich zu uns und fragte uns -- in deutscher Sprache, ob es

uns gefalle, etwas langsamer zu fahren. Baron K. versicherte ihm, daß

dies unser heißester Wunsch sei. Wir erfuhren nun, daß er von baierischen

Soldaten etwas deutsch gelernt hatte; seit der Emanzipation vom deutschen

Joche! und dem neu angefachten Fremdenhasse schien er seine Studien

ziemlich vernachläßigt zu haben. Kurz vor der Stadt, bei dem Anfange einer

schönen Allee, hielten wir, um die Ruine der altgriechischen Festung Tyrene

zu besehen. Ihr Ursprung verliert sich in die Zeit der Mythen, und die

Mauern scheinen Cyklopen-Arbeit; man glaubt sich eher in einem Haufen von

vulkanischen Auswürfen, als in einem von Menschenhänden zusammengestellten

Baue, und die Vollbringer desselben machen dem Geburtsorte des Herkules

alle Ehre; aber der Tag begann schon zu sinken und wir konnten uns auch

hier nicht so lange aufhalten, als das Interesse des Ortes es erfordert

hätte. Die obenerwähnte Allee giebt dem Eingange von Nauplia ein

civilisirtes Ansehen; wir hielten am Thore, um die Stadt zu Fuß zu

durchwandern; leider aber dunkelte es schon -- dennoch schien uns

Räumlichkeit und Bauart der Festung, Patras zu übertreffen, und eher das

Gepräge eines italienischen Städtchens zu tragen, was bei Patras nur in

der äußeren Lage der Fall ist; dieses ist aber viel herrlicher und von der

Natur begünstigter gelegen, als Nauplia. Da die Nacht uns nicht erlaubte in

Einzelnheiten einzugehen, so ließen wir uns zum Hafen führen, wo uns eine

Barke des uns vorausgeeilten werthen »Vulkan« aufnahm und an Bord brachte.

Das Gefühl, das uns bei dem Betreten unseres Schiffes beschlich, war, als

ob wir nach langer Trennung, in das heimathliche Haus zurückgekehrt wären;

wir freuten uns Abends, nach merkwürdig durchlebten Tagen, auf das Verdeck

zu treten, und dann in stiller Nacht, in den kleinen traulichen Kabinen

unsere Gedanken zu sammeln, und die frisch und mannigfaltig eingeprägten

Bilder vor unserem Geiste vorbeiziehen zu lassen. Nirgends läßt sich's

besser nachdenken, als in solch einem kleinen Bretterraum, zwischen Himmel

und Wasser, und jedem Philosophen möcht' ich rathen, seinen Wohnort in dem

Winkel eines Schiffes aufzuschlagen. Im sogenannten Räderkasten, in welchem

wir gewöhnlich unsern Imbiß einnahmen, fanden wir das herrlichste Obst,

welches die Frau des Apotheker-Consuls dem Kapitän übergeben hatte; ein

wahres Wunder der Natur war darunter, eine zwei Schuh lange Traube, die

uns natürlich an das Prachtexemplar von Kanaan erinnerte, welches die

mannaphagen Hebräer von Kanaan in ein eben so gottseliges Entzücken

gebracht haben mag, wie uns. Wir hingen dieses Wunder der Naturkraft

unangetastet an die niedere Decke des Raumes, so daß die unteren Beeren

bis auf den Tisch reichten. Als ich am späten Abend auf das Verdeck trat,

schien der Mond in südlicher Pracht auf den Golf und dessen romantische

Ufer; seine Strahlen tanzten sanft auf den leicht bewegten Wellen, hinter

denen aus dem mystischen Dunkel einer südlichen Nacht die Dächer und

Spitzen der Stadt hervorragten, über der sich, gleich einem riesigen

Wächter, der graue Palamides erhob. In der Mitte des Silberspiegels lag,

von den Wellen sanft bespült, das vom geisterhaften Mondlicht erleuchtete

Festungswerk If, dessen Bauart und Name den türkischen Ursprung verräth.

Jetzt ist dieser, auf kleinen Riffen sich erhebende Thurm, ein Gefängniß.

Es war ein Bild wie aus einem Walter Scott'schen Roman, und jeden

Augenblick erwartete man den taktmäßigen Ruderschlag eines Retterbootes;

doch heute Nacht mußten die armen Gefangenen vergebens seufzen, und ich

glaube auch, daß sich unter diesen hier kaum einer befand, der würdig

gewesen wäre, der Held eines Romans zu sein. -- Bald ward es auf dem

Verdecke immer stiller; der Schlaf breitete seine Fittige über die lustigen

Reisenden; zuweilen nur hörte man halb im Traum, das beruhigende: »Alles

wohl« des wachsamen Nachtpostens. Erst am hellen Tage erwachte die

Gesellschaft zu neuen Unternehmungen gestärkt; der Vormittag war der

Besichtigung von Nauplia bestimmt. Die Stadt bestand schon, wenn auch

ohne Bedeutung, unter den alten Griechen; ihre großartigen Festungswerke

verdankt sie dem überall schaffenden Geiste der venetianischen Republik,

und auch über ihren Thoren prangt der Markuslöwe mit seinen sich weit

ausbreitenden Schwingen. Den türkischen Händen wurde sie durch die Griechen

entrungen. Hier war es, wo sie ihren neuen Herrscher zum erstenmale

begrüßten, welcher lange Zeit in einem schlichten Hause auf einem kleinen

Platze dieser Stadt residirte, und erst in den folgenden Jahren, Athen zu

seiner Hauptstadt erkor. -- Zuerst wurde das Arsenal besichtigt; es steht

auf dem von den Venetianern schon dazu bestimmten Platze. Da die Griechen

alle Kriegsbedürfnisse aus dem Auslande kommen lassen, so genügen die

an den Umfangsmauern aufgestellten Hütten, um die beschädigten Waffen

auszubessern, und allenfalls einige Kleinigkeiten neu anfertigen zu lassen.

Die Räumlichkeiten sind keineswegs sehenswerth, und nur als rührende

Bestrebung eines so lang unterdrückten Volkes kann dieses Arsenal

denjenigen interessiren, der Antheil an dem Aufkeimen des Hellenenreiches

nimmt. Da die Kommandanten die Güte hatten, uns überall herumzuführen und

Alles zu erklären, so machte Fürst J. als ausgezeichneter Militär einige

Bemerkungen, die ihnen sehr schmeichelhaft waren. Von hier gingen wir durch

Straßen, die schon anfangen das Gepräge des Orients zu tragen, nach dem

Landthore der Festung, und waren nach einer kleinen Strecke am Fuße des

berühmten Palamides. Mächtig und stolz steigt der Fels aus dem Schoße der

Erde; nur von einer Seite steht er mit der Gebirgskette in Verbindung;

seine Farbe spielt vom Gelb in das Rothe, hin und wieder umwuchert ihn

der fleischige, gelbblühende Kaktus, dessen Frucht von den Einwohnern sehr

gerühmt wird. Gegen die Meerseite führt die, mit einem Parapet versehene

und mit Batterien bespickte Marmorstiege zur Festungskrone hinauf; leider

trübte sich das Wetter immer mehr, und zuletzt fiel gar ein feiner Regen.

Wir ließen uns aber doch nicht abhalten, die 692 Stufen, die in das Innere

des Adlernestes führen, unter der Leitung des Kommandanten zu erklimmen.

Eine Wache griechischer Jäger empfing uns an der Pforte. Von den oberen

Batterien übersieht man die Stadt in Vogelperspective. Dieselbe verbindet

sich mit dem Fuß des Felsens und breitet sich auf einer Landzunge aus, die

der Golf umspült. Die Häuserhaufen scheinen uns von diesem Standpunkt,

für das so arm bevölkerte Land, ziemlich bedeutend; vor unseren Augen

entwickelte sich ein enges Netz von Straßen und Plätzen, in denen die

Bevölkerung emsig hin und her zog -- Kirchen, Häuser, Baumplätze,

alles erschien kleiner, als es ist, scharf begrenzt von den mächtigen

Venetianer-Mauern, und der Stadtplan konnte nicht deutlicher aufgenommen

werden, als er uns von der Höhe des Palamides erschien. Von der Stadt aus

führt eine Erdenge zwischen Meer und Felsen zur Ebene, von der aus sich

eine zweite Stadt mit freundlichen Häusern an den Berg zu lehnen scheint.

Am Fuße dieser neuen, mit Gärten umgebenen Ansiedlung, steht ein großer

Felsblock, in dessen eine Seite das kolossale Bild eines verwundeten Löwen

gehauen ist. Es wurde von König Ludwig zur Erinnerung an die in Hellas

gefallenen Baiern errichtet. -- In der Ferne sahen wir durch einen leichten

Nebelschleier Argos und die felsigen Riesenmauern, aus denen wir Tags zuvor

durch einen schmalen Thorweg herausgetreten waren. An der Rückseite des

Palamides erheben sich noch höhere Gebirge, die vom Inneren der Festung

nur durch einen großen, in Stein gesprengten Graben getrennt sind. Nach

der neueren Taktik müßte zur Sicherung des Platzes ein Außenwerk auf dieser

dominirenden Höhe angebracht werden; doch hier kämpft man noch Mann gegen

Mann den muthigen Kampf des Alterthums, und schickt sich nicht die

von ferne zerstörenden Geschosse zu; auch ward der Palamides von den

Venetianern nur wegen der Sicherung des Hafens befestigt. Das Innere

des Platzes ist mit Wohnhäusern und Kasernen angefüllt, die auf dem

unregelmäßigsten Boden stehen; fast so bemerkenswerth, wie die mächtigen

venetianischen Ruinen, ist die maßlose Unordnung, die hier herrscht; die

Soldaten sehen wie die Hühnerdiebe aus, und selbst der Kommandant hatte

etwas Rohes und Ungebildetes. -- Nachdem wir das ganze Terrain mit seinen

Bastionen, Erhöhungen und Vertiefungen abgegangen hatten, stiegen wir die

vom Regen schlüpfrig gewordenen 692 Stufen wieder herab und durchwanderten

dann die Straßen der Stadt. Die Häuser sind fast alle hoch und schmal, und

in jedem Stockwerk mit einem Balcon versehen; zu ebener Erde sind offene

Buden, die an den engen, finsteren Straßen hinlaufen. Die ziemlich

zahlreichen Kirchen sind im alt-byzantinischen Style erbaut; auch ein

katholisches Gotteshaus von ziemlich unkirchlicher Außenseite ward uns

gezeigt. Der Konsul sagte uns, daß die Katholiken in dieser Stadt auf

jede Weise verfolgt werden. Die Altkirchler verbreiten die lächerlichsten

Mährchen über sie; so erzählen sie, daß die Geistlichen jeden Sterbenden

beim Administriren erdrosseln. Die Bevölkerung stört den Gottesdienst, wo

sie nur kann. Auf einem der kleinen Plätze sahen wir einen ziemlich plump

gearbeiteten Marmorsarkophag, der die Reste Ypsilantis enthält, und diesem

Helden von seinem Bruder gesetzt worden ist. Das Haus und der Platz, wo

König Otto gewohnt hat, sind unbedeutend, hingegen interessirte uns ein

anderer, auf dem noch Häuser aus der Türkenzeit stehen, die nur noch durch

ein Wunder zusammenhalten; denn die Stützen und Gitter der balconartig

hervorragenden ersten Stockwerke -- einer Bauart angehörend, die wir später

in Smyrna verherrlicht sahen -- waren zum Einstürzen morsch und faul;

dennoch ist der Anblick dieser bizarren Formen und lebhaften Farben

malerisch. Schon dies Alles erfüllte meine Phantasie; wie aber ward sie

angeregt, als ich aus einer der wenigen Oeffnungen eine schöne, in schwarze

europäische Kleidung gehüllte Dame herausblicken sah! Ein schlanker Mann

im französischen Frack stand hinter ihr; woher diese traumhafte Erscheinung

kam, blieb uns unerklärt; höchstens könnte ein Engländer-Paar die Idee

fassen, sich unter diesen Trümmern begraben zu lassen. Auf einem

der Festungswälle, unmittelbar am Meere, steht eine herrliche

dreihundertjährige Dattelpalme, deren imposante Höhe sich aber leider nicht

ganz geltend machen kann, da ein großer Theil des schlanken Stammes, in

der Erde verschüttet ist; auf unseren Wunsch, einige der in der Krone

wachsenden Früchte zu erlangen, stieg ein langer Grieche, in weiten blauen

Pluderhosen, mit großer Fertigkeit den schlanken Stamm hinan, und warf die

grünen Früchte, zum Jubel der untenstehenden Bevölkerung hinab. So schön

das Klima ist, so werden die Datteln doch nicht ganz reif und fallen

nutzlos zur Erde. Unmittelbar neben der Palme ist in der Festungsmauer ein

schöner türkischer Brunnen mit fein gearbeiteten Koransprüchen angebracht,

die der religiöse Sinn der Mohammedaner überall einfügt; auch muß man ihr

Talent, schöne Punkte für die Brunnen zu finden, bewundern, wie es hier

am Fuße der Palme mit der Aussicht auf den schönen Golf in so hohem Maße

geschehen ist.

Wir kehrten zum Quai zurück, ruderten an Bord des Vulkans und sagten Napoli

di Romania »Ade«, um dem Pyräus zuzusteuern.

Athen.

Den 14. September 1850 angekommen.

Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland · 第 4 / 15 段