Mir war sehr unwohl und nur aus Rücksicht für die übrige Gesellschaft zwang

ich mich mitzureiten; mit Sehnsucht erwartete ich die warmen Strahlen der

Sonne. Die kahlen Bergspitzen entzündeten sich in reinster Gluth; gegen

Korinth wurde das Purpurband der Dämmerung immer klarer und wärmer, bis

es sich endlich in dem Augenblick, als die Sonne erschien, in ein goldenes

Strahlenmeer verwandelte; die See schickte im Augenblicke, als der Tag

erschien, goldene Schäume an das Ufer, die Weinberge glänzten im lichtesten

Grün und die Pinie schwang sich leichter in der neu belebten Luft. Doch

mein Unwohlsein nahm immer zu, und eine Stunde nach Sonnenaufgang mußte ich

mich im freien Felde am Strande lagern. Der liebe =Dr.= F. hüllte mich in

Mäntel und Marinaros ein, und stellte mich so weit her, daß die Caravane

nach einer Stunde ihren Weg fortsetzen konnte. Er führte längs dem immer

schöner werdenden Golfe hin, zwar eben, aber durch mannigfaltiges Gestrüpp

behindert; wir stießen heut öfter auf Häuser, die aber meist verlassen

waren, auch biblische Brunnen sahen wir häufig nahe dem Meere. An dem

Kani, wo wir frühstücken sollten, standen eine Menge Maulthiere mit Trauben

beladen; meine Begleiter stürzten sogleich auf dieselben los, ich aber

ging, des Reitens müde zu Fuße voraus. Gegen Mittag erreichten wir Sizia,

einen kleinen Ort am Gestade, wo uns Demetry ein für diese Gegend recht

nettes, bunt angestrichenes Haus anwies; eine Terrasse hatte die Aussicht

auf das Meer; und das Zimmer schien ein Gemisch von orientalischem

Geschmack und europäischer Civilisation; es fanden sich darin Divans,

goldberahmte Spiegel, etruskische Vasen und Steh-Uhren; doch das Schönste

und anregendste war die liebenswürdige Cousine des jungen Hausherrn; sie

mochte wohl eine Ahnung von unserer Ankunft gehabt haben, denn ihr Feß

saß zu nett auf den braunen Haaren, und der Stoff des mit Pelz verbrämten

Kleides war zu prachtvoll für den alltäglichen Gebrauch. Sie schien es gern

zu sehen, daß man ihre schöne Erscheinung bewunderte. Wir begaben uns

in den Salon und konnten hier die Einrichtung eines wohlhabenderen

griechischen Hauses betrachten. Im Orient ist Alles auf glänzende Farben

und Pracht berechnet; so gab man uns goldgestickte Handtücher; doch fehlt

neben dem verschwenderischen Luxus die gewöhnlichste Bequemlichkeit,

während es bei uns eher umgekehrt ist. Fast in allen hellenischen Zimmern

hingen die Porträts des Königspaares und der Freiheitskämpfer in einfachen

hölzernen Rahmen, wie auch Scenen aus dem Kampfe gegen die Türken; die

Bilder aber sind der Männer und ihrer Thaten nicht würdig, und zeugen von

geringer Kunstfertigkeit.

Nach kurzer Rast setzten wir unseren Weg gegen Korinth fort, der wieder

durch eine reich mit Weingärten bebaute Ebene am Meere hinführt; gegen

Abend lag das stolze Akrokorinth mit der Stadt Korinth an der äußersten

Spitze des Golfs vor uns. Je näher das Meer ans Ufer tritt, desto

dunkelblauer wird seine Farbe und desto ruhiger seine Oberfläche. Die

Bauart der Häuser, wie der Schlag und die Tracht der Menschen änderte sich

in dieser breiten Ebene; Gesichtsfarbe und Züge nehmen etwas Zigeunerhaftes

an, und die Bekleidung ist leicht und von genialster Unordnung; man zieht

Stunden dahin, ohne daß man sich der Stadt merklich nähert. Beim Untergang

der Sonne erglühte Akrokorinth und einige der höchsten Spitzen in

unaussprechlicher Schönheit; andere Berge waren orangenfarb und

violett, und nur die entferntesten Höhen hüllten sich in jenes mystische

Schwarzblau, das die Sehnsucht und Phantasie über sie hinaus trägt. Die

Farbe des Meeres war von einem Blau, wie ich es in der Natur noch niemals

gesehen habe; wir ritten still und bewundernd durch die frischgrüne

Farbenpracht der Ebene, zwischen der die gelbe Erde an vielen Stellen

hervorleuchtete. Unterhalb Korinth flammten die äußersten Spitzen des

Oelbaumes zum letzten Male in rosiger Gluth, worauf die Sonne hinter den

Bergen von Patras verschwand und der stille Duft der kurzen Dämmerung über

die Gegend zog.

Nachdem wir schon glaubten, Korinth sehr nahe zu sein, floh es vor uns

wie ein zauberhaftes Trugbild; wir ritten und ritten und konnten es

nicht erreichen; die Luft nach dem Sonnenuntergang auf der Ebene war

beängstigend, und es bemächtigte sich unser wirklich ein unheimliches

Gefühl. Als gerade der Uebergang zur Nacht eingetreten war, nahten wir uns

endlich unserem Ziele. Schauerlich, ja entsetzlich erschienen die Ruinen

und tiefen Schlünde unterirdischer Gewölbe auf dem fahlen, wüsten, gelben

Boden; wir ritten in einem Meer von Steinen; aus den schwarzen Tiefen

schien ein giftiger Hauch hervorzuquellen; einzelne Gestalten krochen wie

böse Schatten von Trümmer zu Trümmer; es war ein Bild der Zerstörung und

des Fluches -- wir glaubten durch eine Stadt des Todes zu gehen; endlich

kamen wir in einen etwas gesitteteren Stadttheil, wo wieder Leben zu

herrschen schien. Wir hielten auf einem kleinen Plätzchen vor einem

hellerleuchteten, recht gut aussehenden Hause, das uns wie ein Stern aus

trüber Nacht entgegen leuchtete. Es gehörte der Familie N., bei welcher

uns unser Wirth ohne unser Wissen angekündigt hatte. Wir wußten uns anfangs

nicht recht in unsere Lage zu finden, bis wir zu unserem Entzücken deutsche

Laute hörten. Im selben Augenblick kam durch die dunkle Nacht eine große

Gestalt auf uns zu und lud uns in deutscher Sprache ein abzusitzen und

bei der Familie N. die Nacht zuzubringen. Wir folgten dieser Stimme in

der Wüste, die uns in diesem Augenblicke wirklich wie die eines Propheten

erschien, und traten unter die Thür des Hauses; hier waren Männer und

Frauen in Nationaltracht, offenbar von unserer Ankunft benachrichtigt,

versammelt. Der Deutsche war ein seit mehreren Jahren hier wohnender Arzt,

Namens H. Er führte uns in einen reinlichen, hübsch eingerichteten Saal im

ersten Stock, und stellte uns hier der Tochter des Hauses vor. Eulalia, so

hieß die Holde, erschien in einem prachtvollen Kostüme, das ihre

blendende Schönheit noch hob -- und Helena selbst möchte, wenn sie hätte

wiedererscheinen können, die Schönheit der griechischen Frauen nicht

würdiger vertreten haben. Sie war eine Glanz-Erscheinung in der ersten

Jugendblüthe, ihre schlanke, hohe Gestalt im vollsten Ebenmaße zeigte

das herrliche Bild südlicher Vollendung. Die Züge waren die einer antiken

Kamee; auf der elfenbeinartigen Haut des Gesichts zeichneten sich mit

stolzer Schärfe die dunklen Brauen über den großen, langgeschnittenen

Augen, ab. Ihr prachtvolles Haar trug sie in Wellen um die blendenden

Schläfe, und auf dem Haupte saß der dunkle Feß mit der langen Quaste, die

um ihre Schultern spielte. Leider sprach sie nur griechisch und =Dr.= H.

mußte den Dolmetscher machen. Ihr Vater ist Minister des Innern in Athen,

und bald wird auch sie dorthin ziehen, um einen Doctor zu heirathen. In

ihrer Begleitung waren noch mehrere Hausgenossen und ein Bruder ihres

Vaters, der einige Monate nach unserer Anwesenheit, in einem Parteistreite,

von den Bauern umgebracht wurde. Nachdem wir wieder allein waren, setzten

wir uns, ziemlich ermüdet von unserem Ritte, um den Theetisch. Archivarius

K. war unwohl, und =Dr.= H., den wir zur Tafel gebeten hatten, lohnte uns

die Höflichkeit mit sehr interessanten Erzählungen über die Zustände von

Hellas. Diese Erzählungen fielen nicht zum Besten der Einheimischen aus;

übrigens übte er nur Wiedervergeltung; denn der Haß der Griechen gegen die

Fremden ist so groß, daß sie für dieses Gefühl ein eigenes Wort in ihre

Sprache eingebürgert haben; nur vor den Aerzten haben sie einen ängstlichen

Respekt, weil sie von ihnen Schutz vor den fürchterlichen Fiebern erwarten,

die gerade jetzt in Korinth sehr stark herrschten. Das Baden im Meere

und die Luft während der Dämmerung sind gefährlich; bei der Mäßigkeit der

Einwohner, und dem sonst guten Klima sind andere Uebel selten. Gefährlicher

als das Fieber sind die Räuber; nach den Angaben des =Dr.= H. treibt der

größte Theil der Bevölkerung dieses Handwerk, und es sollen sich ehemalige

Genossen dieser Zunft, bis in die Hofatmosphäre erhoben haben. Da alle

Männer aus dem Befreiungskriege, Palikaren (Helden) genannt, das Recht

haben Waffen zu tragen, so wird ihnen das Rauben außerordentlich leicht

gemacht. Oft wird mitten in der Stadt ein Haus gemüthlich belagert; so war

unser Nachtquartier in Vostizza einst von einer Bande, während einer

ganzen Nacht gefährdet. Reisende thun daher wohl, sich von einer Anzahl

von Gensd'armen begleiten zu lassen. Werden solche gefährliche Männer

eingefangen, so solle es geschehen, daß sie nach kurzer Haft zu Ehren und

Auszeichnung gelangen, da die Protection und Bestechlichkeit noch größer

ist, als in den gebildeten Ländern; so kommt es, daß die Höchsten des

Landes nicht immer von der ausgesuchtesten Gesellschaft umgeben sind. Auch

Parteiungen sollen in einem hohen und traurigen Grade das Land zerwühlen.

Der Hauptstreit entspinnt sich zwischen den Familien, die sich im

Freiheitskampfe ausgezeichnet haben, und die ein Surrogat für unsere

Aristokratie bilden. In jeder Stadt hat eine derselben die Oberhand,

während die andern sich bestreben, ihnen diese Macht zu entreißen. In

Korinth sind es unsere freundlichen Wirthe, die N., welche die Wahlen

leiten und eine Art Herrschaft ausüben. Diese Familie findet ihre Stütze in

der Gnade des Königs; der Vater der schönen Eulalia ist, wie schon gesagt,

Kriegsminister, ein Bruder desselben Palikare und Flügeladjutant des

Königs. Zieht dieser die Hand von ihnen ab, so sind sie, nach der

Behauptung des =Dr.= H., keine Stunde mehr sicher in ihren vier Mauern.

Wenn auch die Erzählungen des =Doctros= nicht ganz von Uebertreibung frei

gewesen sein mögen, so waren sie doch immer interessant, zumal da es das

erstemal war, daß wir mit Offenheit über das Land und seine Gebräuche reden

hörten. Als er die Schrecken des herrschenden Fiebers beschrieb, verschwand

unser Archivar plötzlich, und nach vollendetem Abendessen, fanden wir ihn

in starker Aufregung; er klagte über heftige Schmerzen im Knie und sah

in der That fieberhaft aus; im Innern glaubte er wohl ein Opfer der

schrecklichen Epidemie zu sein; er war sehr aufgeregt, wollte aber dennoch

den Rath des Arztes nicht hören. Wir zwangen ihm kalte Umschläge auf, und

gingen erst zur Ruhe, als er sich etwas erholt hatte. Die Betten waren

breit und gemächlich, und die Einrichtung für dieses Land luxuriös; man

sah, daß wir =sub umbra alarum=, im Hause eines Mannes waren, welcher

in der Gnade des Monarchen stand. Wir schliefen nach der großen Ermüdung

vortrefflich; doch trotz der schwellenden Kissen und dem goldgestickten

Leinenzeug, fanden wir am Morgen die Spuren eines blutgierigen

Zwergenheeres auf unsern scheckigen Körpern; Pracht und Marter

nebeneinander! Schon in aller Frühe erschien der freundliche H. mit unsern

Pferden, um uns nach einem kräftigen Frühstück auf das stolze, berühmte

Akrokorinth zu führen. Es war fünf Uhr früh, und eine erfrischende

Morgenluft ließ uns einen schönen Tag erwarten. Das zunehmende Licht zeigte

uns erst recht die Trümmer der einst so blühenden Stadt, aus denen

uns, trotz des mildernden Tageslichts, dennoch der Fluch des Himmels

entgegengrinste. Wo waren die Paläste, wo die herrlichen Cypressenwälder,

wo die zahllosen Denkmale der alten Griechen? Wo wandelten die erhabenen

Gestalten der Priesterinnen? Alle Reize, die wir in den Klassikern

beschrieben finden, sind verschwunden; des Menschen Geist hat aufgehört

zu herrschen, und es sind nur noch die Elemente in ihrer Macht, die uns

Bewunderung einflößen. Das Meer, der Himmel und die Berge ziehen unsere

Blicke von der zweimal zerstörten Stadt ab, in der nur noch einzelne

Ueberreste der Nachwelt die einstige Größe zeigen. Zuerst geleitete uns der

Arzt zu den Trümmern des Neptuntempels; sie bestehen nur noch aus vier bis

fünf niedrigen Säulen, die im Zerfallen selbst mächtig sind. Zwei derselben

sind durch einen horizontalen Steinblock verbunden; einer davon droht ein

baldiger Untergang, da aus dem unteren Theile ein großes Stück ausgebrochen

ist, das man mit schlechten Steinchen und zerbröckeltem Mörtel ersetzt hat.

Stünde der Tempel in England oder Frankreich, so würden ihn die Archäologen

mit einem Glaskasten überdecken -- denn wo Mangel ist, achtet man den

Besitz, und wo, wie hier, die Fülle ist, beachtet man sie kaum. Man kauft

hier die niedlichste etruskische Vase um ein Spottgeld, und hebt sie dann

zu Hause im Museum als ein Juwel auf; auch ich versäumte die Gelegenheit

nicht, einige dieser schön geformten Gefäße an mich zu bringen.

Hinter den Ruinen des Neptuntempels fängt das Erdreich an sich zu heben;

wir konnten außerhalb der Stadt, bis zu den Ruinen von Akrokorinth reiten;

alles um uns herum war wüst, mit Ausnahme eines mächtigen Feigenbaumes,

der einen schönen türkischen Brunnen mit in Stein gehauenen Koransprüchen

beschattete; ein mageres Mohrenweib füllte an demselben seine irdenen

Krüge. =Dr.= H. erzählte uns, daß noch einige dieser Kinder des Aequators

aus den Zeiten Ibrahim Pascha's hier übrig geblieben sind, während der

größte Theil durch die Wuth der fanatischen Hellenen fiel. Ueberhaupt sind

in Korinth die gräßlichsten Greuelscenen vollbracht worden; die Muselmänner

schlachteten die Wehrlosen mit tyrannischer Hand, und sind später von den

siegenden Griechen mit heißem Rachegefühl gemordet worden.

Vom Brunnen aus ward der Weg immer steiler, und bald schwebten wir dem

mächtigen Felsen entlang auf schroffer Höhe; die Stadt verloren wir einige

Zeit aus den Augen, und von der südlichen Seite der Höhe erblickten wir die

außerordentlich starken Festungswerke, die dem steilen Eingange gegenüber

stehen. Mauern, Thürmchen und Batterien sind mit kühnem Geiste und

praktischem Sinne auf die einzelnen Felsenvorsprünge gepflanzt, ein der

venetianischen Macht würdiges Werk. Vor dem ersten schauerlichen Thore

stiegen wir von unseren Pferden ab, und mußten das Ende des mühseligen

Weges zu Fuß zurück legen. Wir pochten an das große dunkle Thor und ein

recht schön uniformirter griechischer Husar öffnete uns von Innen die

geheimnißvolle Pforte. Durch einen düsteren Bogen, vor welchem sich die

alte Fallbrücke befindet, gelangten wir an ein kleines Häuschen, das jetzt

der stolzen Besatzung der mächtigen Festung zur Wohnung dient; sie besteht

aus zehn bis zwölf kümmerlich aussehenden Männern, denen nach den Begriffen

des Landes der Titel Soldat zukommt. Vor der Kasernenhütte lagen sechs

bis sieben venetianische Kanonen ohne Lafetten, als hätten sie sich's,

des langen Wartens müde, bequem gemacht. Akrokorinth ist auf der ganz

unregelmäßig, sehr großen Oberfläche des Felsens erbaut und umgiebt deren

Saum mit einer Mauer, auf der sich von Strecke zu Strecke kleine Thürmchen

erheben. Abgebrochene Felsenstücke, große Haufen von Trümmersteinen, nackte

Wände kleiner Häuschen, einzelne Kanonen, Menschen- und Thierknochen liegen

hier im buntesten Gewirre durcheinander; von irgend einer Ordnung oder von

gangbaren Wegen ist keine Rede. In einer der vielen Felsenvertiefungen,

in der Nähe des Einganges, befinden sich die meisten Häuserruinen, und

in ihrer Mitte eine kleine Kapelle, um welche Feigenbäumchen sprossen.

In diesen Hütten suchten die Einwohner von Korinth eine Zufluchtstätte,

nachdem die Griechen die Festung das erstemal den Türken abgerungen hatten.

=Dr.= H. machte uns auf zwei, zwischen diesen Trümmern häufig wuchernde

Pflanzen aufmerksam: die eine ist die giftige Eselsgurke, deren Früchte

bei der geringsten Berührung die Samenkörner mit großer Gewalt

herausschleudern, was dem Unvorsichtigen, der das Auge darüber hält,

augenblicklich die Sehkraft kosten kann; ich schloß die meinen und stieß

mit dem Fuße an die Frucht, worauf ich die Samenkörner an den obern Theil

meines Hutes anprallen hörte. Die andere Pflanze umspann das Gestein mit

schönem dunkelgrünem Laube; ihre Blüthe war von zauberhafter Weiße und

mit einer zahllosen Menge feiner Staubfäden gefüllt; der sanfte liebliche

Geruch entsprach der zarten Blume; die Frucht war länglich und gleich einer

kleinen grünen Gurke, das Innere derselben war mit rothen Körnern gefüllt.

Doch weder Blume noch Frucht geben der Pflanze ihre Bedeutung, sondern die

kleinen dunkelgrünen Knöspchen, welche unter dem Namen -- der Leser hat es

wohl schon errathen -- der Kapern auf den europäischen Tafeln ihre Stelle

finden.

Wir hatten noch ein gutes Stück längs der Umfangsmauern zu ersteigen,

bis wir endlich auf der höchsten Spitze Hellas, wie auf einer Karte

ausgebreitet, vor uns liegen sahen. Gegen die tiefliegende Stadt gewendet,

sahen wir das dunkle, schmale Band des Isthmus, zwischen zwei von der

Sonne beleuchteten Spiegelflächen, die wie zwei, gegen einander gestellte

Hyperbeln anzusehen waren. Diese fruchtbare Landenge ist leider unbewohnt

und unkultivirt, und nur einzelne Pinienwälder unterbrechen die Fläche

des gelben Bodens, der als unbenutzter Schatz daliegt. Es war im Plan, die

Landenge mit Deutschen zu bevölkern; doch scheiterte derselbe durch

Mangel an Energie der Regierung, dem Fremdenhasse der Griechen gegenüber.

Deutscher Fleiß hätte ein ganz schönes Ländchen für die Kultur erobern

können, und die vierhundert dazu bestimmten Familien, würden den Nachbarn

gezeigt haben, wie reich und wie glücklich man auf einem solchen Boden

werden kann.

Die Breite des Isthmus, an sich unbedeutend, schrumpft von hier oben

gesehen, noch mehr zusammen. Jenseits des Meeres erhoben sich, unmittelbar

am Ufer, himmelhoch die Gebirge von Rumelien und Livadien; die Felsen sind

von Bäumen entblößt, der Sonne widerstandslos ausgesetzt, erhalten aber

dadurch jene zaubervolle, rosige Gluth, die je nach der Entfernung vom

Violett ins Schwarzblau überzugehen scheint. Die Berge können, wie die

Menschen, gemein oder würdevoll erscheinen; die Höhen von Hellas erheben

sich in edlen Formen, wie seine antiken Heldengestalten; ein Helikon, ein

Libetrius, eine Cythero, ragen wie die Manen einer schönen Zeit hervor.

In der Richtung von Salamis und Athen hinderten uns Dünste die Gegenstände

genau zu unterscheiden; an den gegenüber liegenden Ufern des Meeres sahen

wir an unserer Seite des Isthmus, Lutraki, eine kleine Ansiedlung mit einem

Dépot des östreichischen Lloyd und einem für die Passagiere des Dampfers

bestimmten Wirthshause; jenseits der Landenge liegt Kalamachi, wo die

Reisenden wieder von einem Dampfer aufgenommen werden, um nach Athen zu

gelangen. Zu unseren Füßen lag Korinth, von dieser Höhe betrachtet, weniger

schreckhaft, und trefflicher zu übersehen, wie auf jeder Karte; man sieht

von hier mehrere Thürme, mit denen die Türken die Stadt umgeben haben. Der

Boden senkt sich von der Stadt sanft zum Meere herab, das ungefähr in einer

kleinen halben Stunde zu erreichen sein mag. Vom Felsen von Akrokorinth bis

gegen Sigia, erstreckt sich eine ziemlich bedeutende Ebene, auf der, gegen

das Meer zu, große, frische Weingärten liegen, während sich, dem Gebirge

von Morea zu, ein Olivenwald wohl eine Stunde weit zieht, dessen Früchte

den verschiedenen Eigenthümern jährlich eine Gesammtsumme von 50,000

Thlr. einbringen sollen. Die Bäume dieses Haines sind auf eine ziemliche

Entfernung von einander, gesetzt und gleichen an Höhe und Form großen

Weiden; ihre Farbe ist ernst, und je nach der Sorgsamkeit der Pflege,

farbloser oder dunkler; in Dalmatien, so bei Ragusa, wo man den Oelbaum mit

besonderer Umsicht behandelt, hat das Blatt einen dunklen, grünblauen

Ton. -- Die Ebene vor uns verläuft südwärts in einen schauerlich felsigen

Engpaß, durch dessen Mitte die Straße nach Nauplia einem Flusse entlang

führt. Der Blick, der uns in das Innere von Morea geöffnet war, fiel

auf hohes Gebirg, das aber in ungünstiger Beleuchtung farblos und wild

erschien, obwohl seine Umrisse höchst interessant sind. Der Gesammteindruck

des Rundbildes war erhaben, wild und einsam; nur selten gewahrte man die

Spuren der Menschenhand; besonders sah Morea wie eine stille Urgegend aus,

die der Mensch noch nicht geknechtet hat. Da unsere Zeit sehr beschränkt

und der Weg nach Nauplia lang war, so mußten wir diesen reichen Punkt

bald verlassen, nahmen aber unseren Rückweg zum Eingangsthor auf der

entgegengesetzten östlichen Seite, von der man Morea und den andern Theil

der Festung bequem übersehen kann; er führte uns an einem, in den Felsen

gehauenen Brunnen mit trefflichem Wasser vorbei, an dem Korinth überhaupt

reich ist; auch eine kleine Kaserne, in der einst Baiern hausten, stieß

uns auf; sonst war Alles nackt und felsig. Einige Soldaten schlichen in

schrecklicher Uniformirung herum. Der Grieche in Nationaltracht und der

Grieche in fränkischer Uniform sind himmelweit verschieden; so stolz,

schlank und graziös er in Fustanella und Feß erscheint, so ärmlich, mager

und erbärmlich sieht er in der Uniform aus. Durch dasselbe Thor, durch das

wir eingetreten waren, verließen wir die Festung, welche die Griechen den

Türken nur durch List zu entreißen vermochten. Schade, daß dieses große

Werk der Venetianer nun gänzlich zu Grunde geht. Die Mauern zerfallen, und

aus den meisten Kanonen mit dem stolzen Markuslöwen ließ die Regierung Geld

prägen. Akrokorinth gegenüber ragt zwischen dem Gebirge von Morea noch eine

Felsenspitze mit einem festen Schlosse hervor, das der Familie N. gehört.

Wir legten den steilen Theil des Rückweges zu Fuße zurück; erst in der Nähe

des türkischen Brunnens bestiegen wir unsere Pferde wieder. Vor dem Hause

N. fanden wir den Archivarius und Professor G., die großer Ermüdung wegen

in der Stadt zurückgeblieben waren; sie hatten sich die Merkwürdigkeiten

derselben besehen, und hatten so viel davon zu erzählen, daß mein Bruder,

=Dr.= F. und ich beschlossen, sie in aller Eile noch zu besichtigen.

=Dr.= H. führte uns eine Stiege hinauf in einen halbkreisförmigen

Felsenausschnitt von ein bis zwei Klaftern Tiefe, unter dessen Vorsprung

die berüchtigte Grotte der Aphrodite liegt. In der Mitte derselben befindet

sich eine schmale, niemals ergründete Oeffnung, aus der eine Quelle des

frischesten Wassers hervorsprudelt und in einer Aushöhlung des Felsens

etliche Schuh über den Grund herabrieselt. In dieser Quelle badeten

die zweideutigen Priesterinnen der Venus, deren Tempel gerade über dem

Felsenabhange stand; jeder berühmte Grieche, besonders Feldherr, mußte ein

Mädchen als Priesterin in diesen Tempel stiften. In dem Innern der Höhle

verbreitet das frische Wasser eine wohlige Kühle, mit der das sanfte

Plätschern lieblich harmonirt; den Boden bedeckt der feinste Sand, und aus

allen Felsspalten sproßt frisches Grün; von der Höhe, wo einst der Tempel

stand, senkt sich zu beiden Seiten der Boden allmählig in Hufeisenform

herab, so daß man vom Lande aus im Innern der Höhle nicht gesehen wird und

nur die herrliche Aussicht auf das Meer genießt. In der Türkenzeit baute

ein Pascha dorthin, wo der Tempel einst stand, einen Palast und ließ eine

Steintreppe in den untern Raum führen, den er als Bad benutzte. Nun

sind Tempel und Palast verschwunden, vor Gottes Zorn über diese sündige

Wirthschaft, und die Gärten, Tempel und Theater sammt den 300,000

Einwohnern des alten Korinth sind zu Staub und Schutt geworden. Das jetzige

Korinth ist nicht größer als ein deutsches Dorf.

Als wir zurückkamen, stand die schöne Eulalia unter dem Thorbogen, und

bezauberte Alle mit ihren Blicken; wir verabschiedeten uns bei ihr, dankten

für die gütige Aufnahme, schwangen uns auf die Pferde und ritten gen

Nauplia; nur Professor G. saß nicht auf und glaubte zu Fuße leichter

fortzukommen; doch außerhalb der Stadt arbeitete er sich mit Mühe und unter

fremder Hülfe auf den Sattel; wir brachten ihn auf, behauptend, er habe

die Lust am Gehen nur vorgeschützt, um nicht vor den Augen der Braut von

Korinth die Sattelhöhe stürmen zu müssen. Es war wirklich gut, daß wir aus

Eulaliens Bereich kamen; denn die Gestalt dieser Zauberin hatte berückend

auf uns Alle gewirkt. Diesmal begleitete uns eine größere Anzahl

Gensd'armen, weil die Felsschluchten, die wir zu durchziehen hatten, den

Räubern willkommene Schlupfwinkel bieten. In Nauplia erfuhren wir später,

daß die Nacht vor unserer Durchreise, eine Gesellschaft von achtzehn

Personen in einem dieser Engpässe geplündert worden war. Das Rauben ist

in Griechenland eine hergebrachte Sache. Es scheint, daß die Moralität

der Griechen nicht durch die Ideen von König, Vaterland und Nächstenliebe

gehoben wird; der eigne Vortheil ist ihr Leitstern; sogar die Heirathen

werden nicht aus Liebe, sondern durchgängig aus Convenienz geschlossen,

und der Gedanke, an Andern ein Unrecht zu begehen, verschwindet vor dem

Vergnügen, den eigenen Säckel zu füllen.

Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland · 第 3 / 15 段