Man kann das Land wild und unkultivirt nennen, aber es liegt ein großer

Reiz in dieser ursprünglichen Natur, wenn auch große gelbe Erdflecke brach

liegen, so steht doch dicht daneben die feine, schlanke Pinie mit ihrer

Nadelkrone, die grüner ist als das frischeste Laub, die üppige Platane, die

ihre breiten Aeste den Schlingpflanzen und Reben zur Stütze darreicht, und

die liebliche Myrte mit dem poetischen Lorbeer verschlungen. Diese grünen

Anhaltspunkte für das Auge sind noch hundertmal schöner, wenn die kalte

Hand des nutzensuchenden Menschen nicht ihre geraden Ackerlinien dazwischen

gezogen hat. Ein großartiger Friede herrscht auf solcher Erde, die der

Pflug nicht durchwühlt hat; kein Schiff stört den Spiegel des tiefen blauen

Meeres, kein Kirchthurm, keine Ruine lenken den Blick von den stolzen,

südlich glühenden Gebirgsmassen ab; wer über die Monotonie dieser Länder

klagt, hat ihren Reiz nicht empfunden, und ich kann das Gemüth nur

beklagen, das sich hier nicht in Wonne aufschließt und die Luft des

alten Hellas mit Entzücken schlürft. Bald that die griechische Sonne ihre

Wirkung, und nach abermaligem dreistündigen Ritt sehnten wir uns nach

Erquickung; man näherte sich wieder einem Kani, welches von großen

Olivenbäumen umwaldet war; einzelne Weingärten befanden sich in der

Nähe, und wir drückten daher unseren Führern den Wunsch aus, uns an den

griechischen Trauben zu laben; bald war eine Fülle derselben und eine

herrliche Melone herbeigeschafft. Schon unterwegs hatten wir Gruppen zu

dreien und vieren, auf Eseln reitend getroffen, die Trauben zum Trocknen in

Schläuchen auf den Markt größerer Städte brachten. Diese Reiter haben

ein höchst pittoreskes Aussehen; die Art wie sie sich kleiden, der

eigenthümliche Sitz auf dem Esel, die edle Haltung gaben uns einen hohen

Begriff von der Schönheit des griechischen Volkes. Wir fanden mehrere

dieser Männer im Kani; die Meisten waren stark bewaffnet, was ihre

natürliche Würde erhöhte. Als sie =Dr.= F. schnupfen sahen, baten sie

ihn um eine Prise, für welche sie mit Grazie dankten. Sie ließen uns

ihre Kleider ohne Verlegenheit betrachten und behielten ihre stolze,

selbstbewußte Haltung bei. Im Innern des Kani war ein budenähnlicher Raum,

in welchem die für das genügsame Land nöthigen Gegenstände, Gläser,

Schalen und Töpfe, feil geboten wurden; da darunter auch Liqueure von wenig

einladendem Geruche waren, so hielten wir den Rest unserer Rast im Freien.

Im Weiterreiten zeigte es sich, daß mein Gaul mich ziemlich rasch von

der Stelle brachte, was nicht bei allen der Fall war. Archivarius K.

behauptete, der seinige sei wild und schlüge aus; indessen hatte er

nur einen Zuckfuß; der arme Herr hatte nie geritten und mußte nun

sein Probestück durch zwölf Stunden auf schlechtem Sattel machen. Zwei

Gensd'armen eröffneten unsern drolligen Zug; sie waren ein Gemisch von

Baiern und Griechen, der Kopf gehörte dem Vaterlande an, Gewand oder

Uniform war griechisch; hinter ihnen ritt in unzerstörbarer Ruhe Graf C.,

rauchend und stumm die neuen Eindrücke in sich aufnehmend; dann folgten

Fürst J. und Baron K.; der erste spähte vergebens nach comfortablen Villas

mit schönen Bewohnerinnen; der letzte dressirte, als echter Reitersmann,

die Pferde des armen Demetry. =Dr.= F. machte den Weg mit gemächlicher

Ruhe, und ergötzte uns durch interessante Erzählungen, die er uns

liebenswürdig vorzutragen wußte; zuweilen erfrischte er sich durch eine

Prise; mein Bruder ritt gewöhnlich neben ihm und schützte sich durch einen

großen Regenschirm vor der Sonnenhitze. Nun kam G., zwischen die ledernen

Schanzen seines türkischen Sattels eingepfercht; beim Auf- und Absteigen

mußten ihm mitleidige Seelen Hülfe leisten, denn auch er war des Reitens

ungewohnt, schickte sich jedoch recht gut in die anhaltende Bewegung. Ich

schwärmte auf meinem feurigen kleinen Schimmel von dem Einen zum Andern,

mein chinesisches =parasol= als Siegesfahne in der Hand, und ergötzte mich

an dem lustigen Witze der Gesellschaft. Als wir wieder einmal längs dem

Meere und zuweilen auch darin ritten, wurden wir plötzlich von einem

vorübergehenden Gußregen überfallen und mußten in einer elenden Hirtenhütte

Obdach suchen; der Regen kühlte und reinigte die Luft, und der Abend an

unserem Ufer war desto herrlicher, während in Rumelien schwarze Wolken den

Parnaß umhüllten. Von einem Städtchen angefangen, das wir anfangs für unser

Nachtquartier hielten, wurde die Gegend wasserreich; wir hatten manchen

Bach zu durchwaten, in dessen Mitte der Oleander blühte. Bei einem dichten

Busche begann das Pferd des vor uns reitenden Gensd'armen sich zu bäumen,

das Pferd des Fürsten, neben dem ich gerade ritt, erschrak ebenfalls;

doch kamen wir glücklich vorüber; der Fürst aber forderte mich auf, zu

beobachten, wie es den Uebrigen bei diesem verhexten Strauche gehen würde;

da erblickte ich unsern armen Archivarius, der auf dem dünnen Halse seines

Braunen einen verzweifelten Gleichgewichtstanz auszuführen genöthigt war --

endlich lag er unrettbar im Grase. Ein mit Schilf bedeckter Esel war's, der

diesen Schrecken verbreitete; die Pferde hatten vor der beweglichen Masse

gescheut. Ich sprengte zu meinem lieben Archivarius, dem zum Glück nichts

geschehen war und der sogar auf das Schnellste wieder im Sattel saß und

über seinen Unfall lachte. Etwas vor Sonnenuntergang erblickten wir

unser Nachtquartier, das Städtchen Vostizza. Was die Ufer dieses Golfs so

überraschend schön macht, sind die in das Meer vorspringenden Erhöhungen,

welche die kommenden Buchten verbergen und die schon durchwanderten

Meeresküsten den Blicken entziehen. Vostizza liegt auf einer solchen

malerischen Erhöhung. Mein Bruder und ich ritten nun mit Fürst J. rasch

unserem Ziele entgegen; wir hatten ein breites Flußbett zu passiren, dann

ging es eine steile Anhöhe hinan, die wie eine Sandbank ausgewaschen ist;

es scheint, daß das Meer einst bis dahin, folglich bei dreißig Klaftern

höher als jetzt, gereicht hat. Zwischen dieser Wand und dem Meere dehnt

sich eine freundliche grüne Fläche aus, mit Weingärten übersät; einige

Häuser erstrecken sich bis an das Meer; mitten unter diesen ragt eine

mächtige Platane empor, die die Sage aus den Zeiten des Pythagoras

herabstammen läßt. Wir ritten in den oberen Theil der durchaus

unregelmäßigen Stadt ein. Der vorausgeeilte Koch des Demetry leitete uns in

das Haus, in dem wir die Nacht zubringen sollten. Es stellte ein Wirthshaus

vor. Zu ebener Erde befand sich ein großer Raum, der eine breite Oeffnung

auf die Straße statt eines Fensters hatte, und als Küche, Keller,

Vorrathskammer und Magazin diente; unsere im Entstehen begriffenen

Speisen waren von tausend und abermals tausend Fliegen bedeckt, was nicht

ermunternd wirkte. Außer den Fliegen hatten sich noch einige neugierige

Städter versammelt, deren Geplapper mit dem Gesumme der Insecten ein

verwirrendes Concert gab. Ueber eine zitternde Holztreppe stolperten wir

in das obere Stockwerk, das zwei sogenannte Zimmer enthielt, in welchen

man sich nicht über die neumodische Möbelfülle beklagen konnte; vier nackte

Wände waren nicht einmal weiß zu nennen, so hatte sie der Schmutz bedeckt.

Auch die Nase wollte sich nicht in die griechische Zimmeratmosphäre finden;

dies war keine sehr tröstliche Aussicht nach einem zwölfstündigen Ritt;

ich meinte indessen, mit Stroh und unseren Marinaros könnten wir uns wohl

behelfen; der Fürst aber behauptete, diese Unterkunft sei dem Contracte

nicht gemäß, den wir mit Demetry abgeschlossen hätten; auch sei es unter

unserer Würde, unser Hauptquartier in solchen Räumlichkeiten aufzuschlagen.

Ich stellte vor, es sei am einfachsten bei der herrlichen Nacht im Freien

zu campiren; der Fürst jedoch bestand auf einer ernsten Unterredung mit

Demetry, und ich setzte mich unterdessen auf die Brüstung des untern

Fensterraumes und betrachtete mir das Treiben der Hellenen. Es zogen einige

Züge von beladenen Eseln, Pferden und Maulthieren langsamen Schrittes

vorbei. Da es, außer in Athen, in Griechenland gar keine Wagen giebt, so

begegnet man dergleichen auf allen Straßen, die auch mitten in den Orten

erbärmlich sind. Unsere Erscheinung lockte sehr bald mehrere Honoratioren

der Stadt herbei. Seit der englischen Blokade sind Fremde ein seltenes

Schauspiel für griechische Augen; ich muß aber gestehen, daß die Einwohner

artiger als in unseren fein civilisirten Ländern sind; nickt man ihnen

freundlich zu, so danken sie gleich mit dem Gruß des Landes, indem sie

die Hand auf Herz und Stirn legen. Nach einiger Zeit kam Demetry mit den

Zurückgebliebenen an, und nun machte man seine Forderungen an ein besseres

Nachtquartier geltend; statt aller gefürchteten Einwendungen sprach er mit

einigen gut gekleideten Städtern, und bat uns ihm zu folgen. Er führte

uns in den höher gelegenen Theil der Stadt und introducirte uns mit großer

Pfiffigkeit in das schön gelegene Haus eines königlichen Beamten, der

nicht wenig erstaunt gewesen sein muß, sich plötzlich von einer so großen

Gesellschaft überfallen zu sehen. Dennoch gewährte er uns die orientalische

Gastfreundschaft im vollsten Maße. In zwei großen, einigermaßen möblirten

Zimmern des zweiten Stockwerkes, die uns eingeräumt wurden, nisteten wir

uns auch bald ein. Der Hausherr war selbst zugegen, um auf das schnellste

für alles Nöthige zu sorgen, und drückte sich in gebrochenem Französisch

auf das freundlichste aus. Aus dem größeren Zimmer führte ein hinfälliger,

fast lebensgefährlicher Balcon mit der herrlichsten Aussicht auf die

jenseitige Bucht; es war eine südliche Nacht in ihrer vollen Milde und

Pracht, die Sterne funkelten wie Diamanten und das Schiff des Mondes

schwamm ruhig im blauen Aether; die Stadt mit ihren schönen Gärten lag

in stiller Abendruhe, das Meer schimmerte im Wiederschein des Mondes; die

Natur feierte einen jener geheimnißvollen Augenblicke der Erholung, in

welchem kein Blatt es wagt zu rauschen. Ueber mich kam ein innerliches

Sichgehenlassen nach der überstandenen Tageshitze, und erquickend wehte von

der See her ein Lüftchen über das schlafende Land; -- unterdessen war das

Abend- und Mittagsmal in einer Person aufgetragen worden, und wir sprachen

ihm, trotz der Fliegenschaaren tapfer zu. Der Hausherr holte aus seinem

Keller den besten Wein, den er besaß, und sah mit Erwartung zu, als wir

die Gläser ansetzten, um ihn zu kosten; aber nur die Gegenwart unseres

liebenswürdigen Wirthes hielt uns zurück unser Entsetzen ganz auszudrücken;

es war ein süßlich saures Getränk, das aber durch den Geschmack des

Bockschlauches, in dem es aufbewahrt wird, untrinkbar geworden; überhaupt

konnte ich mich, so sehr ich für Hellas schwärme, mit seinen Weinen nicht

befreunden. Ein heiteres Gespräch verschönte unser Mal; doch endlich

forderte der Körper seine Rechte und wir begaben uns zur Ruhe. Es waren

nur ein Bett und zwei Divans vorhanden; ein Theil der Gesellschaft richtete

sich auf dem Fußboden ein. Gegen fünf Uhr war schon Reveille; es wurde

rasch ein Frühstück eingenommen, nach welchem man uns in einen Keller

führte, wo zwei sehr schöne antike Statuen lagen. Die Kunstpflege in

Vostizza scheint nicht sehr vorgerückt, da man diese schönen Marmorgebilde

zwischen Unrath in der größten Dunkelheit liegen läßt. Das eine war eine

weibliche Figur, wahrscheinlich eine Ceres mit vortrefflichem Faltenwurf;

doch fehlte leider das Haupt; das andere eine schlanke Jünglingsgestalt,

deren Glieder ein schönes Ebenmaß zeigten; ein schöner Männerkopf mit edlen

festen Zügen lag neben den beiden Statuen; der Marmor war durchsichtig wie

der, den man, wie man uns sagte, in Penthelikon brach; daß diese Kunstwerke

dem Auge der Bewunderer entzogen, in so unwürdiger Umgebung liegen,

beweist, daß bei den Neugriechen, wenn sie auch Muth, Verstand und List von

ihren Vorgängern geerbt haben, doch der schaffende Genius nicht mehr weilt;

die Blume jeder Kunst ist erstorben, und selbst von den Wurzeln derselben

finden wir keine Spur mehr, so daß man auf ein neues Wachsthum nicht ferner

hoffen darf.

Als wir in unsere Herberge zurückkehrten, fanden wir unsere Pferde schon

vor derselben. Wir dankten unserem freundlichen Wirthe und setzten unseren

Weg fort. Man durchstreifte einige Straßen, denen von Patras in malerischem

Wirrwarr ähnlich; um halb sieben Uhr verließen wir die Stadt; die Sonne war

prächtig über den Bergen von Korinth aufgegangen und kündigte einen sehr

heißen Tag an. Am Ende des Ortes sahen wir die erste Palme, die sich

majestätisch, fünf Klafter hoch über einen wüsten Kirchhof erhob. Das

Sinnbild des Friedens war den Leichen entwachsen, um mit seinem schlanken

Schafte den Lebenden zu zeigen wo ihre Zukunft sei. Der untere Theil der

ehemaligen Blätter bildet die schuppige Rinde des Stammes, der jedes Jahr

eine neue Krone ansetzt, die nur an der höchsten Spitze einen grünen,

korbähnlichen Busch hat. Von der Stadt an führt der Weg langsam abwärts in

eine breite mit Weingärten bedeckte Fläche, die bis an die höhern Gebirge

eben fortläuft. Mehrere trockene Flußbetten mit reichen Oleanderbüschen,

durchkreuzten sie, und mündeten in das Meer; die Weingärten waren voll

Leben, und wir begegneten häufig Zügen von Arm und Reich in den buntesten

Gewändern auf Maulthieren und Eseln reitend, entweder aus den Laubhütten

mit gesegneter Rebenernte kommend oder in dieselben ziehend; diese

Winzerhütten bieten ein orientalisches Bild; einige Weiber mit verworrenen

schwarzen Haaren kochen das frugale Mal in denselben; vor ihnen steht der

Herr in ganzer männlicher Schönheit, malerischem Kleid und reichen Waffen,

die Kinder kriechen in den großen Melonenhaufen umher, die zwischen

den Reben zu voller Süßigkeit und Feinheit heranwachsen, und deren

Vortrefflichkeit ich hier erst kennen lernte. Daneben stehen die Gruppen

der Lastthiere mit Bocksschläuchen und Körben bepackt, um den gepreßten

Most und die vollen Trauben aufzunehmen; die Rebe wird nicht, wie bei uns,

an Stöcken gezogen, sie bildet entweder schattige, von leichten Stangen

gestützte Dächer, oder sie wirft ihre grünen Ketten von Baum zu Baum; auch

schleicht sie auf der Erde hin, und webt ein frisches grünes Netz über die

Ebene. Diese freundliche Fläche ist nur so lang wie die Stadt; sobald diese

zu Ende ist, rücken die Berge wieder bis an das Ufer des Meeres, so daß

sich der Weg zuweilen auf schwindelnden Felsen fortzieht. Wir staunten, wie

geschickt die Pferde, katzengleich, ohne zu straucheln, über die steilsten

Spitzen hinüber klettern; manchmal lief der Weg wirklich gefährlich an der

Wand dahin, deren Fuß die Wellen bespülten, aus denen Felsenspitzen nicht

sehr einladend mit ihren phantastischen Köpfen herausragten; mitunter sieht

man statt der Felsen Sandkegel, die auf die bizarrste Weise ausgewaschen

dastehen. Mich unterhielt es, das schalkhafte Getreibe der Wellen zu

beobachten, wie sie solche Höhen bald schmeichelnd, bald stürmisch

erklimmen, und ihren Grenzen einen fortwährenden Krieg erklären; die Steine

sind oft wie geschliffen; der Weg ging so steil hinunter, daß wir absitzen

mußten und die Pferde uns nachliefen; dies ging jedoch bald vorüber,

auch ward die glühend heiße Luft durch einen Regen gekühlt. An den hohen

Felswänden wuchsen meist Pinus, Lorbeer und die immergrüne Eiche, die

sich nur strauchartig erhebt, und kleine glänzende mit Stacheln geränderte

Blätter hat; die Frucht übertrifft an Größe bei Weitem unsere Eicheln. In

unsern Wiener Gärten ist dieser Baum nicht eingeführt; doch hatte ich die

Freude, mehrere Zweige, die ich mitbrachte, zu Hause Wurzel schlagen zu

sehen. Die Aeste, die sich malerisch über unsern Weg beugten, waren von

Schlingpflanzen umstrickt, von denen ich so viel Samen in meine Reisetasche

sammelte, als ich konnte, um wo möglich davon für meinen Garten Nutzen

zu ziehen. Nachdem wir noch einige Baien umritten hatten, zogen sich die

Felsen weiter vom Meere zurück, und wir befanden uns auf einer zwischen

zwei Buchten gelegenen Fläche, die mit Wein und Oliven bedeckt war; auch

kamen wir vor dem stärksten und schönsten Feigenbaume vorbei, den ich noch

gesehen habe; er stand in der Mitte eines Weingartens, seine Aeste

waren mit Körben beladen voll der schönsten Früchte; unsere griechischen

Begleiter stürzten auf den Baum los und versahen uns mit den

vortrefflichsten Feigen und Trauben, die uns erhitzten und ermüdeten

Wanderern eine wahre Labung gewährten; nur wurde leider das Maß nicht

ganz eingehalten. Es giebt aber auch auf der Welt nichts süßeres und

verführerisches als das griechische Obst, und besonders die honigreiche

Feige.

Das Gebirge endigt unmittelbar und ziemlich gefährlich für den Reiter an

einem Flusse, über den eine schöne alte Brücke führt; da jedoch derselben

ein Bogen fehlte, mußten wir durch das Wasser reiten. Dann ging es eine

lange Zeit durch eine schöne Fläche mit üppigen Weingärten; ein feines

summendes Gezirpe begleitete uns auf dem ganzen Wege; manchmal wurde es so

laut und durchdringend, daß wir es für den Gesang eines Vogels hielten, den

wir, einer Wachtel ähnlich, häufig erblickten; als wir das Geschwirr aber

von einem einzelnen Olivenbaume herabschallen hörten, und keinen Vogel

darauf entdeckten, überzeugten wir uns, daß der Ton von einer Zikade

herrührte. Den übermäßigen Durst hatten wir durch Feigen und Trauben

gestillt; als sich nun aber auch der Hunger meldete, waren wir froh,

von Demetry zu hören, daß sich am Ufer der sich vor unsern Augen neu

aufrollenden Bai ein Häuschen befände, in dem wir unser Frühstück einnehmen

könnten. Es war im Fluthensande gebaut, wenige Schritte vom Meere,

dessen kühlender Wind uns zu Gute kam; denn die Hitze war außerordentlich

gestiegen. Das Dach dieses Kani war durchlöchert wie der Hut eines

Bettlers; die übrige Einrichtung ganz den früher beschriebenen Herbergen

ähnlich. Vor den beiden elenden Gemächern des obern Stockes war ein Balcon,

unter dem wir unser Frühstück einnahmen, das aus Kuchen, Eiern und kaltem

Fleische bestand. Was dem Male fehlte, ersetzte die gute Laune, obwohl sich

einige Stimmen erhoben, die auf mehr Reisebequemlichkeit gehofft hatten.

=Dr.= F. klagte als echter, behaglicher Wiener über Speise und

Trank; Professor G. und ich kämpften als echte Reise-Enthusiasten und

Hellas-Verehrer eifrig dagegen. Unterdessen zankten und schrien unsere

Führer, was uns Gelegenheit gab, den Klang der Landessprache kennen zu

lernen; mich begeisterte dieselbe so sehr, daß ich mich auf den wankenden

Balcon über uns schwang, und auf unsere Gesellschaft in einer Rede, die den

Klang der griechischen Sprache nachahmte, herabdonnerte, was die Heiterkeit

sehr vermehrte und sogar die Aufmerksamkeit der Griechen erregte. Die

neugriechische Sprache entbehrt im Munde des Volkes des Wohllautes,

der ihr, von Gebildeten gesprochen, eigen ist; sie erinnert an das

Altgriechische; auch suchen die gebildeten Kreise die klassischen Worte

immer mehr wieder einzuführen, und das slavische Element auszumärzen.

Nach kurzer Ruhe setzten wir uns wieder in Bewegung. Ich nahm mit Professor

G. die Spitze der Colonne ein, und im ruhigen, innigen Gespräche brachten

wir die angenehmsten Nachmittagsstunden zu. Hauptsächlich besprachen wir

die magische Wirkung der Farbentöne dieses Landes; er äußerte sich

als echter Künstler darüber und ich labte mich an seinem gesunden,

tiefdurchdachten Urtheile; während des Gesprächs ritten wir fast immer

durch den feinen Sand des Ufers, was den Reiz seiner Reden noch erhöhte.

Die blauen Tiefen und hellgrünen Verflachungen des ewig bewegten Wassers

fesselten uns unwiderstehlich und lieferten den Beweis, wie richtig er

urtheilte; wie ergötzte es uns, in den Wellenschlag hineinzureiten und dies

unerschöpfliche Schauspiel ganz nahe vor uns zu haben; welch ein Zauber

liegt in der Betrachtung der sich bäumenden Wellen und ihres innern Lebens.

Die stärkern unterdrücken und überrollen die schwächern, und ihre herrliche

Kraft und Macht verläuft sich zuletzt sanft und lieblich auf dem glänzenden

reinen Sande in einem leichten, weißen, eilig vorwärtstrippelnden Schaum;

plötzlich zieht sich dann die mystische Fluth zurück und nur die keckesten

Ausläufer zerrinnen auf dem Sande. Kaum glaubt man sich im Trocknen, so

wälzt sich rasch eine noch mächtigere Welle, wie ein Schwarm zügelloser

Pferde, heran und leckt noch weiter wie die vorige mit ihren Zungen in

das Land hinein, um abermals in eitlem Schaum zu vergehen, wie das Streben

einer stürmenden Seele, das Drängen eines übermüthigen unbefriedigten

Gemüths, das gleich den Wellen im Sande verrinnt. Es lag ein wilder Reiz

darin, die ängstlichen Pferde in das tobende Element zu führen, und die

Wellen an ihren Hufen zerschellen zu lassen. Manchmal wurden die Thiere

durch die Kraft der Wogen zurückgedrängt, doch brachten sie unsere

Mahnungen bald wieder hinein, und wir genossen mit vollen Zügen das Leben

der Fluth. Einen Augenblick wand sich der Pfad aufwärts, und es rollten

sich neue Bilder vor uns auf; dies wiederholt sich, da in das Meer

hineingeschobene Höhen das ebene Ufer unterbrechen; es war ein

interessanter Anblick, wie die Gestalten unserer Reisegefährten sich erst

auf dem gelben Sande des Gesteins abgrenzten, dann langsam hinaufklimmend

auf der Höhe wie Silhouetten im Blau des Aethers erschienen und dann

zwischen zwei Felsen verschwanden; die phantastischen Gestalten bildeten

einen romantischen Gegensatz zu der majestätischen Ruhe der Natur. Auf

einer dieser Höhen trafen wir auf die Ruinen eines Hauses, oder einer

Veste, die durch die Wuth der Türken zerstört worden war.

Man findet im armen Hellas sehr häufig Spuren, die beweisen, wie furchtbar

die Hand der Moslim über den christlichen Ländern gelegen hat, und wie

schwer sie im Unterliegen noch Rache an den Kämpfern geübt haben; noch

lange wird das Land an seinen Wunden bluten, und es wird einer festen Hand

bedürfen, um es auf jenen Standpunkt zu bringen, auf dem es den blutig

erkämpften Sieg benutzen kann. Von diesem Felsen herab, der wie ein Sockel

im Wasser steht, gelangten wir wieder durch Buschwerk und Reben reitend

an das Gestade, das wir nicht mehr verließen, bis wir um fünf Uhr in den

kleinen Ort Sakoly kamen, der zur Nachtstation bestimmt war. Er ist auch im

Ufersande erbaut und hat eher ein türkisches als ein griechisches Ansehen;

die Rauchfänge blinkten uns wie Minarets entgegen; außer diesem kleinen

Schmucke ist in diesem Dorfe alles ärmlich und auf der untersten

Kulturstufe. Wieder wurde uns in der Mitte des Dorfes ein Kani angewiesen,

in welchem sich ein kleines Zimmer mit zwei hölzernen Ruhebetten befand;

bis das Mal bereitet war, gingen wir am Strande spazieren, und die Kühle

des Abends war im Vergleiche mit der vorangegangenen Hitze des Tages so

fühlbar, daß wir uns nicht lange an der immer stärker werdenden Brandung

ergötzen konnten; die Sonne war herrlich untergegangen und mit dem in

Griechenland so gefährlichen Temperaturwechsel trat auch die Dunkelheit

ein; noch vor der Malzeit schrieb ich an meinem Tagebuche. Das unbequeme

Lager und die Insekten waren schuld, daß wir erst spät einschliefen; wir

waren wie die Häringe zusammengepackt, was Anlaß zu manchem Streit und

manchem Scherz gab. Kaum hatte ich einige Stunden geruht, als Archivarius

K. mich weckte, weil er selbst nicht schlafen konnte und sich daher

langweilte; natürlich ließen wir nun auch den Andern keine Ruhe mehr; man

brachte das Frühstück und eine ziemliche Zeit vor Sonnenaufgang verließen

wir unser Nachtquartier.

Mein erster Ausflug: Wanderungen in Griechenland · 第 2 / 15 段