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Mein erster Ausflug.
Alle Rechte vorbehalten.
_Die Verlagshandlung._
[Illustration]
=Verlag von Duncker & Humblot in Leipzig.=
Mein erster Ausflug.
Wanderungen in Griechenland
von
Maximilian =I.=
Ferdinand Maximilian
Erzherzog von Oesterreich.
Mit einem Portrait des Verfassers in Stahlstich,
nach einem Miniatur-Gemälde von _Raab_.
Leipzig,
_Duncker & Humblot_.
1868.
Inhalt.
Seite
Vorwort =VII=
Triest 1
Der erste Tag auf griechischer Erde 10
Eine Landreise durch Griechenland 23
Athen 77
Ein Besuch in der Moschee von Smyrna 147
Ein Besuch auf dem Sklavenmarkte von Smyrna 159
Der Bazar von Smyrna 164
Ein türkisches Bad 173
Ein Morgen beim Pascha von Smyrna 181
Ein Ausflug nach Burnabà 205
Beim Anblick von Corfu 216
Zwei Tage in den Bocche di Cattaro 221
Ragusa 234
Der vierte October auf offener See 251
Die gegenwärtigen Blätter, welche eigentlich den Reigen der unter dem Titel
»Aus meinem Leben« veröffentlichten Reisetagebücher des verewigten Kaisers
Maximilian hätten eröffnen sollen, erscheinen durch eine eigene Verkettung
der Umstände an deren Schluß und unter einem selbstständigen Titel. Jene
jüngst publicirten Bände nehmlich waren bereits früher als Manuscript
gedruckt und nur dem kaiserlich österreichischen Hofe, speciell den dem
Erzherzog Ferdinand Maximilian Nahestehenden zum Geschenk gemacht worden.
Das vorliegende Tagebuch über des Erzherzog-Kaisers erste Reise nach
Griechenland (der Prinz zählte damals 18 Jahre) war ursprünglich von dem
hohen Autor in seiner Bescheidenheit selbst nicht für bedeutend genug
erachtet worden, um dessen Veröffentlichung wünschenswerth erscheinen zu
lassen. Jetzt indessen, nach dem Scheiden des Kaisers Maximilian, glaubten
wir den zahlreichen Verehrern seines Charakters, wie seiner Muse,
keine freundlichere Gabe bieten zu können, als die Blätter seines
Erstlingswerkes, die den für alles Gute und Schöne warm erglühenden
kaiserlichen Jüngling trefflich kennzeichnen.
Die Reise nach Griechenland fällt noch in die Studienzeit des jungen
Prinzen; es war ein Ferien-Ausflug, der ihm, wie seinem jüngern Bruder,
dem Erzherzog Carl Ludwig, vom Kaiser wie den kaiserlichen Eltern gestattet
worden war. Die Reisegesellschaft bestand aus dem _Erzherzog Max_, dem
_Erzherzog Carl_, dem _Fürsten Jablonowsky_ (seitdem in der Blüthe seiner
Jahre gestorben), dem _Grafen Coudenhove_ (jetzigem Obersten in der Armee),
dem _Baron Koller_, dem _Archivarius Kaltenbeck_ (als Herausgeber gelehrter
Schriften bekannt -- seitdem gleichfalls verstorben), dem _Professor
Geiger_ (einem talentvollen und hochgeachteten Maler) und dem _Doctor
Fritsch_ (kaiserlichem Leibarzte, und von Seiner Majestät dem Kaiser Franz
Joseph, seinen Brüdern beigegeben). Den Dampfer Vulcan, der die Prinzen
beförderte, befehligte der jetzige Vice-Admiral und Commandant der Marine,
damaliger Capitain _Julius Vissiak_, während sich =Dr.= _Ilek_, jetzt
Marine-Stabsarzt und der unglücklichen Kaiserin Charlotte bis zu Ihrem
Abschiede von Miramar ärztlicher Rathgeber, als Schiffsmedicus auf der
Corvette befand. Die Reise sollte keinem wissenschaftlichen Zwecke dienen;
sie war im eigentlichen Sinne eine Lustreise. Erzherzog Max sowohl wie sein
eben erst in das Jünglingsalter eintretender Bruder gehörten damals noch
nicht dem »Dienste« an. Der Erstere trat bald darauf in die Marine ein,
und mußte während der italienischen Reise (im Jahr 1851) schon seine
Schiffswacht halten. -- Es existirt in Miramar ein hübsches Bild von
Professor Geiger, welches die Vorstellung beim Pascha von Smyrna*)
darstellt, und auf dem die beiden Erzherzoge in weißer Uniform erscheinen.
*) S. 181.
Die Leidenschaft des Prinzen Max für die See und die Tropen tritt in den
nachfolgenden Blättern schon bedeutend in den Vordergrund -- sie hat ihn
nie verlassen. Die Cajüte war sein liebster Aufenthaltsort; er hat sich
in Miramar aus seinem eigensten Gemach fast eine _Cajüte_ geschaffen;
die Wogen des Meeres, die an das Schloß anschlagen, vervollständigten die
Täuschung. Es ist ein großes viereckiges Zimmer, wohl kaum mehr als 9 Fuß
hoch, und eines der anmuthigsten und interessantesten Gemächer im
Schlosse. Außer dem leeren Fleckchen auf dem Schreibtische, dessen der
Erzherzog-Kaiser nicht entbehren konnte, war kaum ein freies Plätzchen zu
finden. Er war, wie dies schon aus dem nachfolgenden Tagebuche hervorgeht,
ein leidenschaftlicher Sammler: die Symbole und Producte aller Länder und
Meere füllten Tische, Schränke und Gestelle in diesem Gemache. Indessen
fehlten demselben auch die behaglichsten Möbel nicht. Nach Tische pflegte
der Erzherzog hier mit den Herren seiner Umgebung eine Cigarre zu rauchen,
während seine hohe Gemahlin, nur durch wenige Zimmer getrennt, in dem
Kreise Ihrer Damen weilte; oft ging er ab und zu, um die hohe Frau durch
heiteres und kurzweiliges Gespräch zu erfreuen.
Es möge uns gestattet sein, hier einige wenige biographische Skizzen über
den verewigten hohen Verfasser zu geben: Ferdinand Maximilian wurde am 6.
Juli 1832 geboren; er hat somit, da er am 19. Juni 1867 schied, sein 35stes
Lebensjahr nicht vollendet. Er ward von seiner Familie mit dem zweiten
Namen genannt, den er auch als Kaiser von Mexico ausschließlich führte.
Er war ein so schwaches und wenig hübsches Kind, so unbeweglich und
theilnahmlos, daß nur das Auge der Mutter in seinem lebhaften Blicke das
Erwachen des Geistes wahrnahm. Zwei Züge aus seiner frühesten Kindheit
seien hier mitgetheilt, obgleich diese Zeilen nur die äußersten Umrisse
seines Erdenlebens geben sollen: Als Max eben sprechen gelernt hatte,
zeigte man den erzherzoglichen Kindern einen der Zwerge, die ihre
Kindergestalt beibehalten haben, in deren Gesicht sich aber das vorgerückte
Alter ausspricht. Der kleine, etwa zweijährige Knabe lief zu seiner Aja
in das andere Zimmer und sagte: »Draußen ist ein altes Kind!« Das war der
erste Geistesblitz. Sein Herz sprach auf eine noch schönere Weise. Zu der
Zeit, als die jungen Erzherzoge unter männliche Aufsicht gestellt werden
sollten, war das Herz des kleinen Max von Schmerz erfüllt, sich von
Fräulein v. Sturmfeder, der erzherzoglichen Kinder Aja, trennen zu sollen.
Fräulein v. Sturmfeder liebte den zwei Jahre älteren, viel hübscheren und
aufgeweckteren Bruder Franz viel mehr, als den mageren, blassen, stillen
Knaben. Als sie nun gehen wollte, stürzte sich Max ihr um den Hals, und
weinend rief er aus: »Ich liebe Dich so -- so sehr -- wie Du den Franzi
liebst.«
Der Erzherzog wuchs heran; er gewann sich durch sein frisches, warmes
Wesen, durch seinen lebendigen, empfänglichen Geist die Liebe und Achtung
aller Derer, die mit ihm und neben ihm lebten. Es war eine durchaus gerade,
wahre Natur. Er wollte nie mehr sein, als er war; weniger Fürst als Mensch,
hielt er doch sehr viel von seiner hohen Stellung, erkannte aber die
Pflichten an, die sie ihm brachte. Zahlreiche Stellen aus seinen Schriften
beweisen dies. Männer, die ihm nahegestanden, wissen nicht genug
seine Leutseligkeit, seinen hohen Sinn zu rühmen. Aber auch über seine
Festigkeit, seine Kenntnisse und die Umsicht, mit der er sich den ihm
zugetheilten Aufgaben unterzog, herrscht nur eine Stimme.
Bald nach der Rückkehr aus Griechenland trat Ferdinand Maximilian in
die Marine ein. Er gehörte ihr an, bis er sein Schloß Miramar auf immer
verlassen sollte und seine Wirksamkeit als Obercommandant derselben hat den
Grund zu dem ruhmreichen Siege von Lissa gelegt. -- Zu Ende eines Manövers,
welches die Flotte vor Seiner Majestät dem Kaiser Franz Joseph ausführte,
ernannte ihn sein erhabener Bruder zum General-Gouverneur der Lombardei
und Venetien. -- In diese Zeit (1856) fällt seine Verlobung mit der von ihm
innig verehrten Prinzessin Charlotte von Belgien. Im Jahre 1857 siedelte
er mit seiner jungen Frau nach Mailand über, wo sie im rosengeschmückten
Garten von Monza ein glückseliges Leben führten. Welterschütternde
Ereignisse riefen ihn nach zwei Jahren von diesem Posten ab. Was er
gelitten in dieser Zeit, geht aus einem Ausspruch hervor, den er gethan.
Er hatte in seiner Bibliothek eine Tafel aufgestellt mit der Inschrift:
»=Memento Verona!=« Er sagte: »Dieses =Memento= lese ich, wenn ich mich
trübe gestimmt fühle; denn unglücklicher, als ich damals war, kann ich
nicht werden!«
Was später geschehen ist, gehört der Geschichte an. Unsäglich mag er,
ferne von Allen, die ihm theuer waren, gelitten haben. Seine Gemahlin,
die heldenmüthige Gefährtin seiner erschütternden Leiden während der Zeit
seiner Regierung, wähnte er gestorben. Man darf hoffen, daß sein Geist in
der Todesstunde von einer Art Verzückung gehoben war; denn als man ihm die
Augen verbinden wollte, sagte er: »Nein, nein, dann könnte ich meine Mutter
nicht mehr sehen.« -- Die Augen gen Himmel gerichtet, erwartete er den
tödtlichen Schuß.
Auf ihn lassen sich treffend seine eigenen Worte anwenden:
Er war, um zu sein;
Er starb, um zu leben!
Triest.
_Triest_ den 2. September 1850.
Den schönsten Anblick von Triest genießt man unstreitig am Fuße des
Obelisken von Optschina; man fährt stundenweit durch die steinigen Wüsten
des Karstes, auf dem ein schwerer Fluch zu lasten scheint; die Felsenstücke
bilden graue Gestalten und man wähnt Ruinen von Häusern und ganzen Dörfern
zu sehen; dürres Gesträuch streckt die Arme aus und nirgends erfreut Leben
das menschliche Auge; das Grau des Unentschiedenen und Geheimnißvollen ist
über den Karst gebreitet, bis sich endlich nach langer Fahrt das ermüdete
Auge beim Anblick des Obelisken neu belebt, der wie ein Zeichen der
Hoffnung dasteht. Man ist noch im Jammerthale, aber drüben ist's herrlich,
südlich und lebendig; man treibt mit Ungeduld den Postillon, und rasch
fliegt man die letzte kleine Anhöhe bis zum Obelisk heran, und nun liegt
das Bild der Unendlichkeit zu den Füßen des entzückten Reisenden, das der
Contrast mit dem todten Steinmeere zum Naturleben noch entzückender macht.
Zu den Füßen des Wanderers liegt dort das Meer und wie Schwäne ziehen die
schimmernden Segel durch die Fluthen, die im Halbkreise von fruchtbaren
terrassenförmigen Ufern, mit schönen Villen besät, umfaßt werden, und
endlich die Handelsstadt mit der Rhede wie eine Karte ausgebreitet; eine
zweite schwimmende Stadt bilden die Schiffe mit ihrem regen Leben und
Treiben. Die Aussicht von Optschina ist wohl eine der schönsten der Welt.
Eine vortreffliche Straße mit sehr geringem Fall führt im Zickzack den
Berg hinab. Zwischen Weingärten und Landhäusern sieht man immer mit neuer
Begeisterung das schöne Meer vor sich und genießt den ersten Vorgeschmack
des Südens; man ahnt Italien. Die Stadt selbst ist neu und trägt den
Stempel einer Handelsstadt; die Gebäude sind groß, massiv und reinlich,
aber ohne schöne Architektur, die Straßen von langweiliger Regelmäßigkeit,
und einander zu ähnlich um interessant zu sein. Auch in geschichtlicher
Hinsicht bieten sie wenig Bemerkenswerthes. Nur in der Nähe der
hochgelegenen Domkirche findet man einige römische und altchristliche
Alterthümer; doch sind sie ohne große Bedeutung. Natürlich sucht jeder
Ankömmling in Triest an den Quais zu wohnen, daher auch wir das Hôtel
National, mit der Aussicht auf das Meer bezogen, das eins der besten
Gasthäuser ist, die ich kenne. Da wir Triest schon früher besucht hatten,
brauchten wir uns mit den sogenannten kalten Merkwürdigkeiten nicht zu
plagen, und konnten das Leben der Stadt vorzugsweise ins Auge fassen, das
uns während eines kurzen Aufenthaltes manches Interessante bot. Nach einem
vortrefflichen Mittagsessen mit frischen Seefischen, erfuhren wir in dem
reichhaltigen chinesischen Gewölbe, daß das Schiff »Wellington«, welches
chinesische und indianische Matrosen an Bord hat, den Hafen erst morgen
verlassen würde, um nach London zurückzukehren; wir ließen uns daher durch
ein Boot an Bord des Wellington bringen und stiegen, nachdem wir uns so gut
als möglich mit den Matrosen in englischer Sprache verständigt hatten, über
eine schmale kleine Strickleiter auf das Verdeck; hier glaubten wir einen
Bestandtheil der »=Vieuxlac=«-Bilder auszumachen, so ganz sahen wir uns in
die chinesische Welt versetzt. Ungestalte Männer von mittlerer Größe mit
fahler gelber Haut, starken Backenknochen, runder Nase, schiefen Augen und
einem mehrere Fuß langen schwarzen Zopf, der von der Mitte des sonst kahl
geschorenen Kopfes herab hing, umgaben uns. Ihre Kleidung bestand aus einem
sackähnlichen Spencer und weiten Hosen von demselben farblosen Stoffe;
einige trugen parasolartige Hütchen aus Rohr; Nacken und Füße waren
unbedeckt; dies die Matrosen des Schiffes. Sie sahen plump aber gutmüthig
aus; das Gesicht wäre schlaff und dumm gewesen, wenn nicht kluge, dunkle
Augen daraus hervorgeblitzt hätten. Die Leute waren freundlich, fast
schelmisch und nicht im mindesten verlegen. In einiger Entfernung,
abgesondert und scheuer standen magere schmächtige Männchen mit dunkler,
öhlig glänzender Gesichtsfarbe und edleren Zügen, aus denen aber Mißtrauen
sprach, schwarzem Haar und funkelnden Augen; bis auf die turbanartige
Kopfbedeckung waren sie wie die Chinesen gekleidet. Ihr Ausdruck war
schwärmerisch düster, ihre Art zurückhaltend und ernst; es war die
indianische Bemannung, die durch drei bis vier Europäer vervollständigt
wurde, unter denen sich der englische Kapitän befand, dessen Grobheit und
Unverbindlichkeit einen eigenen Gegensatz zu der freundlichen Aufnahme der
Chinesen bildete. Anfangs schien er uns gar nicht bemerken zu wollen; erst
später brummte er auf unsere Anrede eine Erwiederung. Wir bestiegen die
interessantesten Theile des Schiffes und konnten die Chinesen und Indianer
in den verschiedensten Lagen sehen. Einige saßen mit untergeschlagenen
Beinen, Andere lagen der Länge nach ausgestreckt, noch Andere waren wie
ein unförmlicher Knäuel um das Küchenfeuer zusammengekauert und entzündeten
ihre kurzen Pfeifen an der Gluth. Man muß anerkennen, wie naturgetreu die
Chinesen zeichnen, denn jede Stellung, jeder Zug war uns schon von den
Tapeten her bekannt, die europäische Boudoirs zieren; manchmal glaubten wir
die trägen Pagoden mit ihrem taktmäßig wackelnden Kopfe, oder die fahlen
Speckmännchen mit verrenkten Gliedern und langem, majestätischen Zopfe zu
sehen; auf diesen, in Europa verpönten Appendix halten die Verehrer des
Confuzius besonders viel; er ist so lang, daß sie ihn während der Arbeit um
Hals und Körper schlingen. Das Alter dieser Leute scheint zwischen Dreißig
und Vierzig gewesen zu sein, die Muskulatur war bei allen gleich stark
plump und zum Rundlichen neigend. Einer unter ihnen, der sich besonders
liebenswürdig zeigte, und uns immerwährend gutmüthig und verschmitzt
anlächelte, sprach gebrochen englisch. Wir fragten ihn, ob er nichts von
seinen Landesprodukten zu verkaufen habe, worauf er einen Pack kleiner
Stäbchen brachte, die, wie er mit Geberden zu verstehen gab, beim Gebete
angezündet werden. Als wir es zu Hause versuchten, brannten die schmalen
Stäbchen wirklich eine geraume Zeit und dufteten sehr angenehm. Von den
Indianern interessirten uns hauptsächlich zwei Gestalten: ein alter
Mann mit schönem, weißem Barte, vorstehender Nase, dicken Lippen und
schwärmerisch leidenden, halbgeschlossenen Augen. Um das kleine Haupt war
ein weißer Turban geschlungen, der zur dunkeln Hautfarbe gut stand; sein
Anblick erinnerte an den eines schwer belasteten schläfrigen Kameles. Der
zweite war ein junger, kleiner, fast schwarzer Mann von geschmeidigem Bau;
sein glänzendes, gelocktes Haar hatte die reine schwarzblaue Färbung; seine
Züge waren edel und schön, die Gesichtshaut glänzend, und aus den dunkeln
Augen sprühte ein düsteres, melancholisches Feuer; sein Blick war abstoßend
und anziehend zugleich, wie man es auch bei Zigeunern, Ungarn und Juden
findet. Beim Abschied theilten wir unter die Asiaten einige blanke
Silberstücke aus, was einen sehr guten Eindruck zu machen schien; denn als
wir von der Schiffswand abstießen, steckten die freundlichen Chinesen die
Köpfe zu den Luken heraus und winkten auf das herzlichste, was ich ebenso
erwiederte. Tags darauf hatte ich den Genuß, bei einem schönen, sonnigen
Tage zum erstenmale im Meere zu schwimmen; wer sich im stehenden Wasser
gleich einem Pudel abgearbeitet hat, um sich auf der Oberfläche zu
erhalten, und großer Schwimmproben nur wie einer mühsamen Uebung gedenkt,
der fühlt sich auf der Salzfluth wie ein Schwan von den blauen Wellen
getragen und erfrischt; dazu schien die Sonne so freundlich auf den
prächtigen Hafen, daß es eine Lust war, sich in diesen Gewässern zu
bewegen. Nachdem wir das Bad gestärkt verlassen hatten, fischte man noch
einige Zeit im reichen Meere, und zog auch Austern heraus, die wir sogleich
verzehrten. Von dort begaben wir uns zu einer nicht so entzückenden, aber
sehr merkwürdigen Produktion. Ein Taucher sollte vor unsern Augen die
Tiefe des Meeres ergründen; es war ein schauerlicher Anblick, und hätt'
ich vorher geahnt, wie die Sache vor sich geht, nimmermehr hätt' ich es zu
sehen gewünscht. Wir stiegen aus das Schiff, auf dem sich der arme Taucher
befand, der einzige unter achtzigtausend Menschen, der den Muth hat, dieses
Geschäft zu betreiben; er saß schon, in ein Kautschuk-Gewand gekleidet auf
einer Bank. Man setzte ihm einen luftdichten Helm von schwerem Eisen auf
die Schultern, den man an den eisernen Saum des Kleides anschraubte; für
die Augen befinden sich zwei Glasscheiben in dieser Kopfbedeckung, hinten
die Oeffnung, in welche eine Kautschukröhre eingeschraubt wird, durch die
man ihm mittelst einer Pumpe Luft zuführt. Schon der Anzug ist schauerlich;
alles wird so zusammengepreßt und geschraubt, daß man an ein Ersticken
denken muß; nun wurde ein schwerer Anker in die tiefe See geworfen, an dem
der Taucher auf dem Grunde einen Strick befestigen sollte; es war freilich
prosaischer als wenn er »den goldenen Becher« aus den Fluthen geholt hätte,
aber das Wagstück war nicht minder groß. Schillers schöner Jüngling durfte
Mantel und Gürtel wegwerfen, diesem armen jungen Manne wurden noch schwere
Gewichte angehängt, um ihn unter dem Wasser zu erhalten; auch begeisterten
ihn nicht die glühenden Augen einer holden Prinzessin; er stieg an einer
Strickleiter hinab und verschwand in den Fluthen; nur die stets weiter und
weiter werdenden Wasserringe zeigten, wo er versunken war. Lange, lange
gab er kein Zeichen; es war für uns eine peinliche schreckliche Zeit; es
drängte sich uns der Gedanke auf, der arme Mann könne ein Opfer unserer
Neugierde geworden sein; hätte ich mich nicht vor denen geschämt die dieses
Schauspiel kannten, so hätte ich gefleht, daß man den Mann von seiner
gewagten Arbeit zurück rufen solle; als unsre Angst aufs höchste gestiegen
war, gab er endlich das Zeichen, daß seine Arbeit vollendet sei; nun wurden
die Maschinen in Bewegung gesetzt, und man zog den schwerbelasteten herauf,
und schraubte ihm schnell die drückende Bürde ab; er war aufs höchste
ermattet und erschöpft.
»Er athmete lang und athmete tief
»Und begrüßte das himmlische Licht,
»Und frohlockend es Einer dem Anderen rief:
»Er lebt, er ist da, es behielt ihn nicht.«
Er gestand, daß es ihm jedesmal Ueberwindung koste, sich den Fluthen
anzuvertrauen; besonders das erste Mal sei ihm das Brausen der
einströmenden Luft in den metallenen Helm furchtbar gewesen; einmal ward
ihm am Grunde des Meeres übel, doch konnte er seinen Zustand durch ein
Zeichen kund geben; er bleibt aber immer mancherlei Gefahren ausgesetzt
-- der Schlag kann ihn vor Hitze rühren; wird zu rasch gepumpt und zu viel
Luft eingelassen, so erstickt er, was auch geschieht, wenn das Wasser einen
Eingang in seine Kopfbedeckung findet. Die Dirigenten gestanden mir, daß
keiner von ihnen das Wagstück versuchen würde; ich glaubte es gerne, sagte
mir dasselbe und bewunderte den Muth des Tauchers um so mehr; er ist ein
kaiserlicher Matrose und heißt Nicolo Rendich; er hat edle, aber krankhaft
ernste Züge, und ist von feiner, fast schmächtiger Gestalt. --
Die Erscheinung einer Fata morgana auf dem Meere, die ich schon längst zu
sehen gewünscht hatte, wurde mir eines Morgens in Triest zu Theil, obwohl
sie in diesem Hafen nicht sehr häufig ist. Wir waren nach dem Frühstück
auf den Balcon getreten, von welchem man die Aussicht auf die weite See
genießt, als ich über dem Horizonte eine zweite Wasserfläche zu sehen
glaubte, an deren unterer Seite Segelschiffe umgestürzt dahinflogen, und
nie gesehene Küsten sich dem Auge zeigten; es war der zauberhafte Anblick
eines Doppelmeeres, in dessen Scheidung sich die verschiedenartigsten
Gegenstände darstellten; die schönste Sonne beschien das Schauspiel, das
lange genug dauerte, um dasselbe mit Muße betrachten zu können; zuletzt
zerrann das Bild wie ein schöner Traum in blauen Dunst. -- Wir hielten
uns nur anderthalb Tage in Triest auf und durchschnitten dann am schönsten
Morgen auf dem prächtigen Dampfer Vulkan die adriatischen Fluthen, um ins
schöne Hellas zu schwimmen.
Mein Gefühl, als der Hafen unsern Blicken entschwand, war das eines
Siegers; denn mein liebster Wunsch ward in diesem Augenblicke erfüllt.
Tausend Pläne und Hoffnungen durchkreuzten unsere Köpfe, so daß dieser
Abschied einer von den heitersten war, den ich je erlebte.
Der erste Tag auf griechischer Erde.
Den 8. September 1850.
Gegen fünf Uhr Morgens trat ich auf das Verdeck und ward fast überwältigt
von dem herrlichen Anblick, der sich mir darbot. In milden, rosenfarben
Umrissen ruhte der wundervolle, weit ausgedehnte Golf Patras in der
Dämmerung. Die Berge des Peloponnes und die hohen Felsenspitzen
von Rumelien glühten im Wiederscheine der kommenden Sonnenstrahlen;
zauberhaftes Halbdunkel lag auf den Ufern des blaugrünen ruhigen Meeres.
Der südliche Himmel wölbte sich ins Unbegrenzte; die Farben waren in
großen, massenhaften Tönen aufgetragen, vom tiefsten Blau der fernen
Gebirge bis zum glänzendsten Rosenroth der leuchtenden Felsen; Man rühmt
als das Schönste in der Natur einen Morgen in den Alpen; ich habe ihn
gesehen, und es ist fürwahr ein großes Schauspiel; doch bleibt die Pracht
und Gluth des Südens unerreicht, und die leichten Nebel in den tiefen
Thälern ersetzen nicht den Zauber des Meeres. Links von uns sahen wir
Missolunghi schimmern, wo die dankbaren Griechen Lord Byron ein Denkmal
gesetzt haben; er starb hier, zum Befreiungskampfe für ein Land gerüstet,
dessen Reize er in unsterblichen Gedichten besungen hat. Vor uns lag in
dunklen Umrissen Patras; ihm zur Linken der Eingang des Meerbusens von
Lepanto, den der Schimmer des jungen Tages in ein Silberband verwandelte.
Plötzlich stieg in der Richtung von Korinth die Sonne empor, und die Natur
jauchzte in neuem Leben. Kaum aber sahen wir die goldenen Strahlen auf den
Wogen tanzen, als die Schnelle unseres Dampfers schon die hohen Gebirge
von Patras zwischen uns und die Sonne legte; dann sahen wir sie noch
einmal aufgehen, und diesmal blieb sie uns treu und erfreute uns mit ihrer
südlichen Kraft. Nun sahen wir auch die Stadt vom Grün üppiger Weingärten
umgeben. Von einer venetianischen Festungsruine gekrönt, zieht sich ihre
lange, aber nicht sehr breite Häusermasse längs der Schiffsrhede hin.
Da wir seit Pola nicht gelandet waren, zeigte sich uns der Süden ohne
Uebergang. Die Berge waren meist entwaldet und felsig, desto lachender die
Ufer; bald umgaukelten unser Schiff leichte Fischerbarken mit neugierigen
Hellenen in weißen Fustanellas und malerischem Fessi, die nach den neuen
Ankömmlingen spähten. Wie Schwäne durchzogen sie mit ihren dreieckigen
kleinen Segeln die hellgrünen, durchsichtigen Fluthen. Als wir ungefähr
zweihundert Schritte vor der Stadt Anker geworfen hatten, näherten sich
mehrere Bote mit der Bitte, unser Schiff besehen zu dürfen, was aber nicht
gestattet wurde, weil wir erstens keine =pratica= hatten, und diese Besuche
für die beweglichen Gegenstände etwas gefährlich sind. Nachdem der Anker,
der Erste von uns, auf griechischer Erde Fuß gefaßt hatte, konnten wir die
Stadt und ihr Treiben von weitem betrachten; es war ein ausgesucht schöner
Tag, wie man sich ihn zum ersten Blicke in ein heißersehntes Land nur
wünschen kann; auch bemächtigte sich meiner die nur dem Reisenden bekannte
Wonne, wenn er das Ziel seiner Wünsche erreicht hat. Der äußere Anblick
der Stadt hat einen süditalienischen Anstrich; die Häuser sind in
unregelmäßigem, malerischen Gemenge gebaut, und überall blickt die
freundliche Rebe zwischen den Mauern durch. Patras ist an den Rücken
einer Anhöhe gelegt, die sich unmittelbar an das hohe Gebirge lehnt; die
untersten Häuser reichen bis an das Meer. Im Alterthum war es von
geringer Bedeutung; es enthält auch mit Ausnahme einiger Sarkophage keine
Erinnerungen an dasselbe; unter den Venetianern ward es durch das ziemlich
bedeutende Fort wichtig; in der Geschichte Neugriechenlands aber wird es
unvergessen bleiben; denn das der Stadt nahe Kloster Megasderion war die
Wiege des aufstrebenden Hellas. Hier wurde von dem Erzbischof der Stadt
der Kampf gegen die Ungläubigen für heilig erklärt, und das Panier mit dem
weißen Kreuze aufgesteckt. Auch durch die Zahl der Einwohner und durch den
Seehandel, dessen Hauptgegenstand getrocknete Trauben sind, ist Patras eine
der bedeutendsten Städte Griechenlands. Von Tag zu Tag vergrößert sich
sein Umfang. -- Da es Sonntag war, so trafen wir die ganze Bevölkerung
in malerischem Putz und regem Leben; Hunderte von Griechen mit den weiten
Fustanellen sah man den Quai entlang dem Ton der Glocken, die zur Messe
riefen, folgen; auch die Zahl der um uns kreisenden Barken nahm von Minute
zu Minute zu. Anmuthig und stolz lagen die schönen Söhne von Hellas darin;
die Soldaten in blauem, mit Silber gesticktem Spencer, engem rothen Gürtel,
faltenreicher Fustanelle, gestickten blauen Gamaschen und rothen Schuhen.
Die Züge der Griechen sind edel, ihr Haupt ruht frei auf dem stolzen
Nacken, und ihr schöner Bau wird durch die Tracht hervorgehoben.
Nachdem ein Boot von unserm Schiffe zu dem Consul gesendet worden war,
entfaltete sich plötzlich über einem Gebäude am Meere das geliebte
österreichische Banner; bald brachte uns auch ein griechisches Boot die
=pratica=, und gleich darauf kehrte das Unsere mit dem Consul zurück. Es
war ein magerer, schmächtiger Italiener, dessen hoher grauer Hut, gleich
ihm selbst, gar manche Jahre zählen mochte; spießige graue Haare hingen vom
Kopfe herab, die spitze, scharfe Nase reichte fast bis ans Kinn; von
der Zahl seiner Zähne mag die Vergangenheit erzählen; um den langen,
vorgebeugten Hals schlang sich eine weiße, schnupftuchähnliche Cravatte,
und den dürren Leib umhüllte ein dunkelgrüner Diplomatenfrack, dessen lange
Schöße die Wichtigkeit seines Postens versinnlichten; bei alledem erfuhren
wir, daß er gegen die Oesterreicher sehr freundlich ist, und ihnen allerlei
Festlichkeiten zu geben pflegt. Wir luden ihn zum Frühstück ein, während
dessen er erzählte, daß er Officier in der österreichischen Armee war,
unter Haynau und Radetzky gedient habe, später am Kampfe unter Ibrahim
Pascha betheiligt gewesen, dann nach Nubien gereist, und zuletzt als Consul
nach Patras gekommen sei, wo er nun schon seit 18 Jahren weilt. Wenn er ins
lebhafte Gespräch kam, konnte man ihn für einen italienischen Improvisator
halten. In der letzten Zeit hatte er Gelegenheit seine diplomatische
Geschicklichkeit zu zeigen; eine Menge italienischer und ungarischer
Flüchtlinge hatten sich nach Patras gezogen, ihn anfangs mit geringer
Achtung behandelt, aber später mit Bittschriften an seine Regierung
bestürmt, -- um in die Heimath zurückkehren zu dürfen. -- Zwei unserer
Herren begleiteten ihn bald nach dem Frühstück in seine Barke; wie
beneideten wir sie, die so bald das gelobte Land betreten durften, während
wir, bei diesem herrlichen Tage, bis Nachmittag warten mußten; die Herren
versprachen uns bald abzuholen und uns von den herrlichen, in griechischer
Sonne gekochten Trauben und Feigen mitzubringen. Professor G. brachte
die Zeit auf dem Räderkasten zu, mit der Zeichnung des Golfpanorama's
beschäftigt, das denn auch, wie alles, was er zeichnet, vortrefflich
glückte. Wir andern sprachen über zukünftige Reisepläne, ergötzten uns an
dem immerwechselnden Schauspiele der Natur, an den kommenden und gehenden
Barken und ergänzten unsere Tagebücher; ein Schifflein voll Musikanten
umschwirrte mit lieblichen Gesängen unser Schiff; dennoch dünkte uns die
Zeit lange, ehe wir das Boot des Consuls erblickten; den beiden Herren
merkte man es an ihren muntern Gesichtern und ihrer lebhaften Beschreibung
an, wie befriedigt sie von ihrem Ausfluge waren. Wir wurden leider noch
einige Zeit durch einen Unternehmer, den der Consul mitgebracht hatte und
mit dem wir einen Contract wegen unserer Landreise nach Korinth und Nauplia
abschließen mußten, auf dem Schiffe zurück gehalten. Um halb zwei Uhr
wurden wir endlich flott und alles was Hände und Füße hatte sprang in
die Boote des Vulkans. Jauchzend schaukelten wir zwischen malerischen
Kauffahrern dem Lande zu; Wonne durchzuckte mich, als ich zum ersten Male
den Fuß auf hellenische Erde setzte. Acht Tage waren es erst, daß ich von
Freude berauscht und lachend vom alten Freunde, dem Stephansthurm, Abschied
genommen hatte, und nun stand ich schon, durch den Dampf, die
Triebkraft der Neuzeit, befördert, auf dem im voraus geliebten Boden der
Vergangenheit; die Schnelligkeit des Ueberganges wirkte zauberisch. Da
standen wir plötzlich auf einem Platze von Patras, umringt von Bildern,
deren Beschreibungen nur schwache Schatten wieder geben können. Da saß
eine Gruppe reicher Griechen mit blendender Fustanelle oder faltigen
dunkelblauen Beinkleidern, am Eingange eines Kaffeehauses ihre langen
Pfeifen schmauchend; daneben standen andere und spielten mit ihren
rosenkranzartigen Kugelschnüren, welche die immerbewegte Hand des echten
Hellenen nie verlassen. Dort trieb der Sohn der Berge, in farblose Fetzen
gehüllt, einen Zug von Pferden und Eseln, die die süßen Trauben, seinen
einzigen Erwerb, in Körben und Säcken von den höhern Weinbergen herab
tragen; hier feilschte ein Trupp lustiger Bursche im Sonntagsstaat um
die auf der Erde aufgehäuften Früchte des Landes; dort wogte eine Gruppe
schreiender Kinder um einen greisen Popen mit wallendem Barte; weiterhin
durchkreuzte ein Trupp fröhlicher Soldaten mit gleichem Schritt und Tritt
die Menge. Diese Bilder wurden von den verschiedenartigsten Gebäuden
umrahmt; einige zeichneten sich durch netten Bau und reinere Farbe aus;
sie gehörten den reichen Kaufleuten, die hinter den grünen Jalousien in den
heißen Stunden der Siesta pflegten; andere waren von Holz in verfallenem
Zustande; unter den Häusern liefen, von hölzernen Säulen gestützte
Gallerien, wo sich Buden im farbenreichsten Durcheinander befanden, in
denen man die den Sitten des Landes angemessenen Gegenstände verkaufte.
Das Interessanteste waren alte Waffen, und typische auf Holz gemalte
Heiligenbilder, von denen ich mir eins kaufte. Die Gassen sind ziemlich
breit, laufen über Berg und Thal, und bieten dem civilisirten Fuß sehr
unbequeme Steinparthieen, auf welchen sprudelnde Quellen kleine Wasserfälle
bilden; hin und wieder stößt man auf einen Platz, in dessen Mitte sich
gewöhnlich einige Bäume mit einem echt orientalischen Brunnen befinden, an
welchem die Weiber mit ihren irdenen Krügen, alttestamentlich lagern;
zwei dieser Plätze tragen die Namen des Königspaares. Auf meinen Wunsch
schritten wir einem Garten zu, der auf einer Anhöhe lag; auf unebnem Wege,
an niedrigen Hütten vorbei, welche aus morschem Gebälk aber von Weinreben
umschlungen waren, schritten wir der Höhe zu. Als wir sie erreicht hatten,
wurden wir durch die zauberhafteste Aussicht auf den Golf überrascht. Zu
unsern Füßen lag die Stadt, dann die Schiffe auf einem Spiegel, umkränzt
von den grünen Bergketten des Parnaß.
Wir standen auf einer terrassenartigen Fläche, unter welcher sich tiefe,
vor grauen Zeiten erbaute Gewölbe in den Berg hineinziehen sollen, die den
Schakalen zur Wohnung dienen; eine Gruppe mächtiger Feigenbäume war von
Kürbissen umrankt; auf die Erde waren Weinbeeren gestreut, welche die Sonne
zu jenen süßen Rosinen austrocknete, die in den nordischen Gebäcken eine
so wichtige Rolle spielen; so muß in den verschiedensten Himmelsgegenden
wachsen und gedeihen was den Gaumen kitzelt, und man schlingt den Bissen
hinunter, ohne an dessen Geschichte und weite Reisen zu denken. Hier
behandelt man die Rosinen nicht mit so viel Achtung wie in unsern Küchen:
sie werden haufenweise, mit dem Staube der Erde vermengt, in weite
schmutzige Körbe geworfen, dann dem hier so häufigen Langohr auf den Rücken
gepackt, der, unter der schweren Last ächzend, sie nach der Rhede
bringt, wo sie mit den Füßen in Tonnen eng verstampft und nach dem Westen
eingeschifft werden. Der erwünschte Garten war mit einer Mauer umschlossen,
durch deren gewölbte Thüre wir eintraten; wir standen in einem Saal von
Weinreben, der durch die herrlichsten, schattigsten Gänge durchschnitten
war. Steinerne Säulen stützten die sich emporschlingenden Ranken, leichte
hölzerne Stangen bildeten das Gerippe zum dichtesten Rebendache, durch das
nur hin und wieder der tief blaue Himmel freundlich durchblinkte. Tausende
von Trauben hingen lockend von der leichten Wölbung herab, von einer Größe,
wie sie nur die Mythe beschreibt. Die Säulen des Blätterdoms stützten
sich auf niedrige Mauern, welche auf einer Seite in einem Gartenhäuschen
endigten. Der Boden des breiten schattigen Platzes vor diesem war mit
großen Marmortafeln gepflastert, und auf einer denselben umgebenden
Steinbank ruhten zwei Gärtner, in malerischer Stellung auf weiche Felle
hingestreckt; um die Idylle zu vollenden, stand ein tiefer klarer Brunnen
in der Mitte, in dem sich das Grün des Laubdaches und die Bläue des Himmels
wiederspiegelten; am Rande desselben kosten zwei weiße Tauben. Auf der
Erde lagen blaue Früchte, die wir für Pflaumen hielten; es waren aber
die herabgefallenen Beeren der fabelhaft großen Trauben, die wir mit Lust
verzehrten. Wir durchschritten nun die einzelnen Laubgänge, mit denen sich
üppige Orangenhaine kreuzten; leider waren die Früchte, mit denen diese
prachtvollen Bäume überladen waren, noch nicht reif. Pflanzen, die man bei
uns verkrüppelt im warmen Glashause findet, wuchern hier in malerischer
Abwechslung; auch die Art der Anpflanzung ist in einem genialen
Durcheinander gehalten; man glaubt im Paradiese zu wandeln; eine solche
Vegetation hatte ich noch nie gesehen, solche Früchte noch nie gekostet.
Der Reiz dieses üppigen Gartens ward durch den Blick auf das Meer noch
erhöht; der Konsul war über unser Entzücken hoch erfreut und stimmte
in dasselbe ein. Wie selten mag er in den achtzehn Jahren mitfühlenden
Reisenden die Wunder dieser Gegend gezeigt haben! War er doch wieder einmal
unter seines Gleichen, unter civilisirten Menschen. Endlich kehrten wir
durch belebte Straßen zurück und machten der Gemalin des Konsuls einen
Besuch im österreichischen Konsulats-Gebäude; sie ist eine recht artige
zierliche Venetianerin in mittleren Jahren, und spricht gut und gern
französisch. Man brachte uns in ihren etwas vernachläßigten Salon Gürtel
aus Silber und Gold gestickt, in denen das Volk die Waffen trägt, da ich
einen solchen zu kaufen wünschte. Nachdem uns die Frau vom Hause zum Abend
eingeladen hatte, nahmen wir den Konsul in einer Barke des Vulkans zum
Speisen mit auf das Schiff. Wir waren in unserem großen Räderkasten wie
die Häringe eingepreßt, was die ohnehin starke Hitze noch vermehrte. Nach
Tische führte uns der gute alte Herr zu einer Musik, die auf dem Vorraume
des oben erwähnten Gartens von der Bande eines irregulären griechischen
Infanteriebataillons ausgeführt werden sollte, und der die Bevölkerung
der ganzen Stadt in reichem Kostüme beizuwohnen pflegte; wir unterschieden
schon vom Schiff aus die weißen Fustanellen und hörten die Töne zu uns
herüber rauschen. Die Siesta war vorüber; schöne Frauen mit reichem
Haarwuchs und malerischer Kleidung zeigten sich im Vorübergehen auf
den Balkonen -- auch in den Straßen begegneten wir den reizendsten
Patraserinnen, die am Arme imposanter und edelgestalteter Männer leider
schon den Rückweg einschlugen; wir schritten rasch vorwärts und fanden doch
noch einen ziemlich bedeutenden Kreis um das Musik-Corps versammelt, das
eben nicht spielte und sehr armselig ausgestattet war. Der Anblick
des Volkes, unter dem kein Klassenunterschied wahrzunehmen ist, war
interessant. Alle sind Brüder eines Stammes, welche früher unter demselben
Joche geschmachtet und es vereint abgeschüttelt haben. Die Theilung von
Leid und Freud begründet die Gleichheit. Ueberall wo ein Volk von einem
andern unterjocht wird, findet sich diese Gleichheit der Zusammengehörigen,
wenigstens in der Gesinnung gegen die Unterdrücker. Alles strebt einem
Ziele der Befreiung zu und vergißt sein eignes Ich. Die einzige etwas
höhere Stellung nehmen jene Familien im Lande ein, deren Väter mit
besonderer Auszeichnung im Freiheitskriege gekämpft haben. Nach unserer
Ankunft spielte die Musik noch ein Stück, worauf alles seiner Wege ging.
Die Sonne war hinter den äußersten Spitzen von Rumelien verschwunden, und
die Abenddämmerung dauerte kaum eine Viertelstunde; wir erreichten also
gerade vor der tiefen Nacht das Haus des Konsuls. Seine Gemalin empfing
uns im Kreise ihrer Kinder; man unterhielt sich, so gut man konnte; etwas
später kam der Klavierlehrer des Hauses mit seiner reizenden jungen Gattin
in der Nationaltracht. Die Konsulin hatte sie wahrscheinlich eingeladen, um
uns einen Begriff von den schönen Töchtern Griechenlands zu geben. Leider
sprach dieses liebliche Wesen, das an meiner Seite Platz nahm, nur seine
Muttersprache; der Gemal spielte mit gutem Vortrage einige bei uns schon
veraltete Melodien; später löste ihn die eilfjährige Tochter des Hauses in
ziemlicher Selbstzufriedenheit mit einem eingewerkelten Stückchen ab. Die
Produktionen der =enfants prématurés= sind mir von jeher zuwider gewesen,
zumal wenn man der Mutter wegen eine entzückte Miene annehmen muß. Nach und
nach füllte sich das Zimmer mit den Honoratioren der Seestadt; unter ihnen
war der französische Konsul, den man seinem Aeußern nach eher für einen
Lastträger hätte halten können; man trank Thee, das Vereinigungsmittel
aller Geselligkeit im neunzehnten Jahrhundert; außerdem wurde ein
gräßliches nationales Getränk aus zerquetschten Kürbiskernen herumgegeben;
der Hausherr bot den Herren lange Pfeifen an, und zum Schluß führten
die Damen und die Kinder, nach langem Bitten, einen griechischen
National-Reigen auf, der einen einförmigen düstern Charakter hatte. Wir
dankten den Hauswirthen herzlich und fuhren bei herrlicher Sternennacht auf
unseren Vulkan zurück.
Eine Landreise durch Griechenland.
Der Kontrakt mit dem Manne, welcher unseren Zug durch Hellas führen sollte,
war abgeschlossen worden; unser Schiff sollte uns in Nauplia wieder finden,
und wir traten die Landreise dorthin am herrlichsten Morgen an; unsere
Dienerschaft ließen wir bis auf einen Bedienten an Bord zurück; auch das
Gepäck schränkten wir auf das Nothwendigste ein. Wir hatten uns für die
Strapatzen des Weges in die bizarrsten Anzüge geworfen, und als wir uns
versammelten, um in die Kähne zu steigen, hätte man glauben sollen, eine
Komödianten-Gesellschaft sei im Begriff, eine Wanderung anzutreten; einige
hatten hohe Stiefel an, andere hielten die Blousen durch Gürtel zusammen,
und waren gegen Raubanfälle mit Schlägern, Dolchen und Flinten, gegen die
Sonnenhitze aber mit Regenschirmen bewaffnet. Der Verfasser zog vor, nur
ein chinesisches =parasol= von außerordentlich leichtem Stoffe mitzunehmen,
das ihm trotz des Gespöttes der Uebrigen sehr gut zu Statten kam; für
Zeiten des Unwetters hatte man sich schon in Triest mit den eigenthümlichen
istrianischen Marinaros von braunem Leder und Kapuzen versehen. Die Pferde
erwarteten uns vor der Wohnung des Konsuls, der uns im Frühnegligé an den
Stufen seines Hauses empfing. Nur einige der Thiere und ihre Zäumungen
waren erträglich anzusehen; die armen Gäule befanden sich im Zustande
furchtbarster Magerkeit, und ihr Geschirr war aus Ketten, Stricken und
Lederflecken zusammengeflickt.
Der Unternehmer, den wir den Lesern unter dem Namen Demetry vorstellen,
war aufs eifrigste bemüht, die Thiere unter die Reiter zu vertheilen und
denselben ihre außerordentlichen Eigenschaften anzupreisen, wobei ihn der
Konsul, dessen equestrische Begriffe etwas schwach zu sein schienen, auf
das angelegentlichste unterstützte. Die Packpferde wurden so sehr mit
Speisen und Vorräthen beladen, daß sie unter denselben fast unseren
Blicken entschwanden. Um dreiviertel auf Sieben verließ der lange Zug, der
Sicherheit wegen von Gensd'armen eskortirt, die Stadt Patras. Zuerst
ging es zwischen den fruchtbarsten Weinbergen, die sich hinter der Stadt
hinziehen, über kleine Anhöhen fort; überall beschäftigte man sich auf
das fröhlichste mit der reichen Weinlese. Längs dem Wege waren Laubhütten
errichtet, um die Früchte zu schützen, ich wunderte mich, auf den Anhöhen,
zwischen Reben, Orangen und Granaten Schilfgruppen von ungewöhnlicher Höhe
zu finden. Die Aussicht auf den blauen Golf und die Berge von Rumelien war
reizend; eine zauberhafte Ruhe lag auf der Landschaft und alles glänzte
im frischen Duft des Morgens; der von Steinen, Wassern und Büschen
durchkreuzte Weg senkte sich nach einiger Zeit und führte durch die
ausgetrockneten Betten breiter Gießbäche, in welchen zu unserem Erstaunen
die Vegetation am üppigsten war. Der Oleander wuchs in großen dunkelgrünen
Gruppen, aus denen die schönen rosenfarbenen Blüthen hervorragten; auch die
stille, liebliche Myrte mit ihrem tief grauen Laube bildete Gebüsche von
solcher Fülle und Ueppigkeit in diesem sandigen Grunde, daß, wer sie nur in
Töpfen gesehen hat, sie kaum wieder erkennt; unsere Richtung lief parallel
mit dem Ufer des Meeres; zum letztenmale zeigten sich die Umgebungen von
Patras im Morgensonnenlichte. Am Golf von Lepanto, durch die Seeschlacht
berühmt, sahen wir die Stadt desselben Namens liegen. Sie ist zwischen
hohen Bergen und dem Meere eingeengt; vor derselben liegt das Fort Rion
auf einer Landzunge, und auf unserer Seite tritt die Befestigung Antirion
ebenfalls in die Fluthen heraus; beide Werke haben griechische Besatzungen.
Der wichtige Sieg Don Juan d'Austria's wird hier recht anschaulich; man
erkennt, wie der türkischen Flotte kein Ausweg mehr blieb, als sie diese
schmale Meereslinie überschritten hatte; noch einmal spielte Lepanto eine
wichtige Rolle im Freiheitskampfe; jetzt ist es von gar keiner Bedeutung
mehr.
Ein schönes Bild nach dem andern entfaltete sich vor unseren Augen; denn
wo die Fluthen des Meeres schäumen, und die Vegetation dem Reisenden immer
Unbekanntes bietet, fehlt es nie an neuem Reize; und je mehr wir uns dem
Meere näherten, je mehr nahm er zu. Nach einem dreistündigen Ritt war trotz
Enthusiasmus und Scherz, die uns begleiteten, der Körper ermüdet, der Magen
leer, das Auffassungsvermögen geschwächt; wir waren daher sehr zufrieden,
als Demetry uns einen hellen Punkt auf grünem Grunde, am Saume einer
lieblichen Bucht als den Kani bezeichnete, in dem wir unser Gabelfrühstück
verzehren sollten. Als wir vor der Hütte ankamen, wurden die Pferde den
Knechten übergeben und wir lagerten uns im Schatten des Gebäudes. Die
Marinaro's vertraten die Stelle von Kissen und ein Tischtuch wurde auf den
Erdboden ausgebreitet; Flaschen und Gebäcke holte man aus den Säcken und
nach alter Sitte nahmen wir liegend ein stärkendes Mahl ein, und ruhten
dann noch eine Stunde am frischen Meeresufer aus. Einige der Herren
schickten sich zur Siesta an; mein Bruder, =Dr.= F. und ich beschlossen
einen kleinen Streifzug in die herrlichen Umgebung zu machen. Unmittelbar
am Hause war die Pflanzenwelt durch teichartig ausgebreitete Quellen
erfrischt, wodurch sich knapp am Meere ein dichter fast undurchdringlicher
Hain gebildet hatte. Wo nicht die reich beblätterten Aeste den Weg
versperrten, erschwerten die schönsten Schlingpflanzen den Durchgang;
mit Mühe durchbrachen wir diese neckischen Ketten. Unser Hauptzweck war
Schildkröten zu fangen, deren wir zwei unterwegs aufgelesen hatten; doch
gelang es uns nicht. Eine mächtige dürre Platane fiel uns auf, an der sich
statt der Blätter ein Wald von wildem Wein herauf gewunden hatte; wie ein
grüner Wasserfall fielen die zierlichen Ranken herunter; die geübteste
Gartenkunst hätte diese Kränze nicht so schön knüpfen können. Gerne
hätte ich diese Fülle frischen Lebens, das die todten Glieder umspann,
gezeichnet, wenn ich Zeit dazu gehabt hätte. Wir kosteten von den Früchten
der wilden Reben und fanden, daß sie an Süßigkeit unsern Gartentrauben
gleichkommen. Als wir an den Strand zurückkamen, fanden wir Professor
G. beschäftigt, die Bucht mit ihrer Umgebung mit gewohnter Genialität zu
zeichnen. Archivarius K. saß im Schatten eines Olivenbaumes und schrieb ein
Gedicht. Die Uebrigen verschliefen die schöne Zeit zum Theil, einige aber
hatten sich in den Wellensand des Meeres gesetzt; wir gesellten uns zu
ihnen. Die Tiefen des Meeres wirken mit einem mystischen Reize auf mich,
mächtig und unwiderstehlich zieht mich die unergründete Fluth an, und Alles
was ihr angehört erfreut mich. So auch die kleinen Muscheln, die ich im
Sande wühlend fand; man hätte nicht eifriger Goldstücke suchen können, wie
ich jetzt diese lieblichen Kleinigkeiten. Doch bald wurde das Zeichen
zum Aufbruch gegeben und man schwang sich, oder man kroch, je nach der
Korpulenz, auf die Sättel. Immer neue Gegenden kamen und schwanden, es
folgte Bucht auf Bucht; bald gingen wir auf dem feinen Sande des Meeres,
bald durch Buschwerk und malerische Hohlwege, bald über leicht gewellte
Höhen.