Inzwischen ward, weil sich der Freier

Ausdrücklich hatte vorbehalten,

In seinem eignen Schloß die Feier

Der Hochzeit glänzend zu gestalten,

Vom Sultan öffentlich erklärt,

Daß gültig nun zu Recht bestehe

Prinzessin Bedrulbudurs Ehe

Mit dem Gemahl, der ihrer wert,

Und dem sein Vaterherz gewogen;

Auch wurde der Vertrag vollzogen

Mit hergebrachter Förmlichkeit.

Dann leerten einen Freudenbecher

Die Mutter und der Fürst zuzweit.

Er selber gab ihr das Geleit

In der Prinzessin Wohngemächer.

Dort kam in ihrem reichen Schmuck

Und ihrer Schönheit holdem Prangen

Die Braut entgegen ihr gegangen

Mit einem warmen Händedruck

Und einem Kuß auf ihre Wangen.

Sie nahm, bereit zur Überführung

In ihres Ehegatten Schloß,

Vom Vater Abschied. Beiden floß

Ein Tränenstrom herab vor Rührung.

Und als der Sonne letztes Blinken

Gewichen war dem Dämmerschein,

Da formte sich der Zug. Zur Linken

Schritt ihr die Mutter, hinterdrein

Die Sklavinnen und Zofen all,

Voran ein Trupp von Musikanten

Mit schmetterndem Posaunenschall,

Zuletzt unzählige Trabanten,

Lakaien, Pfeifer, Paukenschläger

Und Knappen, die als Fackelträger

Dem Zuge Licht zu spenden hatten.

So schwebte die Gebieterin

Auf dem damastnen Teppich hin

Zum kerzenhellen Schloß des Gatten,

Und all das heitre Volksgewimmel

Entsandte wie aus einem Mund

Gebet und Segenswunsch zum Himmel

Für ihren jungen Ehebund.

11.

[Illustration: V]

Von seiner Dienerschaft umgeben

Stand Aladdin am Eingangstor

Und führte mit beglücktem Beben

Die Braut zum Kuppelsaal empor.

Sie war beim ersten Anblick schon

Entzückt von ihm, da beim Vergleiche

Sie fand, daß nimmer ihm der Sohn

Des Großveziers das Wasser reiche.

Und Aladdin? Ach, wer beschriebe,

Was er im Innersten empfand,

Wie nun das Traumbild seiner Liebe

Holdselig leibhaft vor ihm stand!

Er rief: "Du Herrlichste von allen,

Vor der das Taggestirn erbleicht,

Gesteh' mir, ob ich nicht vielleicht

Verurteilt bin, dir zu mißfallen!"

"Mein Prinz--denn dieser Name scheint",

Versetzte sie, "dir zu gebühren--

Mir hat mein Vater dich zu küren

Befohlen und mich dir vereint.

Des Vaters Willen sich zu fügen

Ist einer guten Tochter Pflicht;

Doch ich vollzog sie mit Vergnügen;

Denn wisse, du mißfällst mir nicht."

Mit dieser feinen Antwort scheuchte

Sie seiner Sorge letzten Rest;

Und nun begann ein Zauberfest,

Das ihr viel Staunenswerter deuchte,

Als was daheim sie je geschaut.

Die Tafel überschwemmten Rosen,

Von Diamanten rings betaut;

Von einer gleichfalls grenzenlosen

Verschwendung zeugten die Pokale,

Die Schüsseln, Teller, Gabeln, Messer;

Sogar die Speisen waren besser

Als je beim kaiserlichen Mahle.

Zu Flötenspiel und Lautenklang

Ertönte, reizend anzuhören,

Ein doppelstimmiger Gesang

Von allerliebsten Mädchenchören.

Nach Schluß des Mahls erschien ein Schwarm

Von Tänzern und von Tänzerinnen,

Um einen Reigen zu beginnen.

Der Schloßherr selbst bot seinen Arm

Der Herrin, und voll Anmut schwangen

Nach einem alten Brauch des Lands

Die Neuvermählten sich im Tanz.

Die Mitternacht war längst vergangen,

Da sich im Schloß zu Ende neigte

Die Lustbarkeit.

Am Tag darauf,

Als schon des Sonnenballes Lauf

Sich nah dem Mittagsgipfel zeigte,

Schritt Aladdin mit einem Heere

Von Dienern auf dem kurzen Pfad

Hinüber zum Palast und bat

Den Schwiegervater um die Ehre,

Sein Schloß in Augenschein zu nehmen.

Gewiß, der Sultan mochte gern

Zu dieser Einkehr sich bequemen

Und ging, begleitet von den Herrn

Des Hofs, mit ihm dorthin zu Fuße.

Das Schloß, obwohl er's nun schon oft

Von seinem Fenster aus mit Muße

Betrachtet, schien ihm unverhofft

Noch prächtiger, als er es nah

Und näher jetzt vor Augen sah.

Im Innern erst vermochte kaum

Er sein Entzücken zu bemeistern,

Und gar der große Kuppelraum

Schien grenzenlos ihn zu begeistern.

Er sprach zum Großvezier: "Ein Wunder

Wie dies hab' ich noch nie gewahrt.

Hiergegen ist, bei meinem Bart,

Mein eigener Palast nur Plunder."

Doch als er wieder heimgekehrt,

Um manchen großen Eindruck reicher.

Da schlängelte der alte Schleicher

Von Großvezier sich unbegehrt

An ihn heran mit dem Vermerk:

"Wer könnte diesen Bau betrachten,

Erhabner, ohne für ein Werk

Der Zauberkunst ihn zu erachten?"

Der Sultan drauf mit strengem Blick:

"Das hochzeitliche Mißgeschick,

Das deinem Sohn so schlecht bekam,

Kannst du noch immer nicht verschmerzen,

Bist Aladdin deswegen gram

Und suchst ihn grundlos anzuschwärzen."

So scheiterte die Lästrung kläglich.

Der Fürst begab, sobald er wach,

Vielmehr von jetzt ab sich tagtäglich

Gleich in sein Lieblingswohngemach,

Wo freien Ausblick er genoß

Auf seines Schwiegersohnes Schloß,

Und ward nicht müd, vom Fenster aus,

Ganz in Bewunderung vergraben,

An Form und Schmuck des stolzen Baus

Das Auge stundenlang zu laben.

Wer aber dächte, daß nunmehr

Sich Aladdin daheim verschlossen

Und ferngehalten vom Verkehr,

Der hätte gänzlich fehlgeschossen.

Im Gegenteil, er ward beständig

Lustwandelnd in der Stadt gesehn,

Ging zum Gebet in die Moscheen,

Tat manchen Einkauf eigenhändig,

War bei den hohen Edelleuten

Oft zu Besuch, und jedesmal,

Wenn er mit einer großen Zahl

Betreßter Diener ausritt, streuten

Sie Gold umher aus vollen Händen.

An seines Schlosses Pforten kam

Kein Bettelmann, der nicht mit Spenden

Vollauf beladen Abschied nahm.

Auch wenn er, um der Jagd zu pflegen,

Ins Feld hinausstob ungehemmt,

Ward jedes Dorf auf seinen Wegen

Von einem Goldstrom überschwemmt.

Kein Wunder war's, wenn dergestalt

Ihm der Berühmtheit Rosenwolke

Das Haupt umspann, und wenn er bald

Vergöttert ward vom ganzen Volke.

Er aber wurde drum nicht eitel,

Nein, zeigte dem bedrohten Staat

Sich von der Zehe bis zum Scheitel

Als echten Helden durch die Tat:

Des Reichs gesamte Grenze stand

In eines Aufruhrs hellem Brand.

Der Feldherrn keiner konnt' ihn dämpfen,

Bis Aladdin, dem Ruf der Not

Gehorchend, mannhaft sich erbot,

Auf eigne Faust ihn zu bekämpfen.

Vom Herrscher an des Heeres Spitze

Berufen zog er in das Feld,

Nicht achtend Mühsal, Frost und Hitze!

Bald war von ihm der Feind umstellt

Und wurde wie beim Hasenjagen

Trotz aller seiner Übermacht

In einer einz'gen großen Schlacht

Zerstreut und in die Flucht geschlagen.

Dann führte seine tapfren Krieger

Er heimwärts im Triumph, das Haupt

Von einem Ruhmeskranz umlaubt,

Und hieß nun Aladdin der Sieger.--

In stetem Fluß allmählich reihte

Sich Tag an Tag und Jahr an Jahr;

Er aber ward es kaum gewahr

An seiner schönen Gattin Seite,

Geliebt und liebend, hochgeachtet

Und doch von schlicht bescheidnem Sinn.

Die Bosheit, die von Urbeginn

Das Gute zu vernichten trachtet,

Sollt' aber nach der Gnadenfrist

Auch ihn mit hartem Streiche treffen.

[Illustration: Der Zauberer befragt die "schwarze Kunst" über Aladdin]

Der Zaubrer, der mit schnöder List

Ihn einst sich ausgesucht als Neffen,

Dann heimgewandert und seit Jahren

In Afrika nun wieder saß,

Wollt' eines Tages, rein zum Spaß,

Genaueres davon erfahren,

Wie Aladdin zugrund gegangen.

Denn daß der Bursch aus jener Gruft

Nie mehr, nachdem er drin gefangen,

Zurückgekehrt zu Licht und Luft,

War nicht im mindesten ihm fraglich;

Die Frage, die er noch gespart,

Galt einzig seiner Todesart.

Er setzte sich darum behaglich

An einen Tisch, worauf mit Sand

Gefüllt ein Viereck sich befand

In Schachtelform, nahm einen Stift

Und zog damit nach Zaubrerweise

Im Sande Linien und Kreise

Nebst Lettern einer fremden Schrift.

Berechnend, murmelnd unverständlich,

Nach Grundsatz, Regel und Gebot

Geheimer Schwarzkunst, bracht' er endlich

Heraus, daß Aladdin nicht tot,

Nein, daß er aus der Gruft entsprungen,

Zu Glanz und Ruhm sich aufgeschwungen

Und obendrein als der Gemahl

Der Sultanstochter herrlich lebe.

Ha, war das tückische Gewebe

Zerfetzt? Er wurde leichenfahl,

Krebsrot und wieder kreideblaß

Und dann vor Mißgunst gelb und gelber.

"Wie?" rief er aus in Wut und Haß,

"Der Schatz, den mühsam für mich selber

Ich ausgespürt mit saurem Schweiß,

In zähem, jahrelangem Fleiß,

Der Lampe hohe Wunderkraft

Ward mir zu meines Forschens Lohne

Von einem niedren Schneidersohne,

Von einem Tagedieb entrafft!

Er, den vermodert ich gewähnt,

Er darf zu schwelgen sich erfrechen

Im Reichtum, den er mir entlehnt!

Doch nur Geduld, ich will mich rächen!"

Er warf somit am selben Tag

Aufs Pferd sich ohne viel Besinnen

Und galoppierte stracks von hinnen

Zum Reich, das fern im Osten lag.

12.

[Illustration: N]

Nachdem er auf der langen Reise

Sich und sein Pferd halb tot gehetzt,

Sich nur an kurzem Schlaf geletzt,

Sich nur genährt mit knapper Speise,

Mit kargem Trank erfrischt, gelangte

Der Zaubrer in des Sultans Reich,

Und bald vor seinen Augen prangte

Die Hauptstadt, wo sein Schurkenstreich

Ihm damals kläglich war mißlungen.

In einem kleinen Gasthaus stieg

Er ab, um seinen Rachekrieg

Zu fördern durch Erkundigungen.

Das Wichtigste ward ihm natürlich

Enthüllt, bevor ein Tag verfloß;

Denn alle Welt sprach unwillkürlich

Von Aladdin und seinem Schloß.

Er ließ zu dem berühmten Bau

Von seinem Wirt sich hingeleiten,

Und als er ihn von allen Seiten

Beschnüffelt hatte ganz genau,

Da wußt' er, daß dem Aladdin

Zu einem Werk von solcher Größe

Nur jene Lampe Kraft verliehn.

Er gab sich selber Rippenstöße

Vor Ärger, weil dies Meisterstück

Ihn völlig erst ermessen lehrte,

Was ihm entgangen war, und kehrte

Zu seinem Gasthaus dann zurück.

Wo mochte wohl die Lampe stecken?

Wenn ihren Aufbewahrungsplatz

Er fähig wäre zu entdecken,

Dann könnt' er den ersehnten Schatz

Von ihm erlisten, Raub um Raub,

Und von der angemaßten Zinne

Zurück ihn schmettern in den Staub.

Er nahm behend wie eine Spinne,

Die rastlos webt an ihrem Netze,

Das Zauberviereck wieder vor,

Und durch die magischen Gesetze,

Die mit Gekritzel er beschwor

Und knifflicher Berechnungsart,

Ward bald unfehlbar ihm verraten:

Die Lampe war im Schloß verwahrt.

Der Zufall, der verruchten Taten

Oft beisteht, war auch ihm gewogen.

Willkommen traf die Nachricht ihn,

Daß vor drei Tagen Aladdin

Auf eine große Jagd gezogen

Und fern sei bis zum Wochenschluß.

Er trat in eines Klempners Laden

Und sagte: "Freund, es soll dein Schaden

Nicht sein, wenn du mir dienst. Ich muß

zwölf Lampen haben, nagelneu,

Von blankem Kupfer." "Meiner Treu,"

Erwiderte mit breitem Lachen

Der Klempner--denn er war erfreut,

Solch glänzendes Geschäft zu machen--

"Gleich zwölf? So viele hab' ich heut

zwar nicht auf Lager; doch bis morgen

Werd' ich die fehlenden besorgen."

Mit einem Korb am Arme kam

Der Zaubrer wieder tags darauf,

Verpackte drin den ganzen Kram,

Gab für den abgeschlossnen Kauf

Weit höhern Preis als nach Verpflichtung,

Bewegte dann sich in der Richtung

Des Schlosses langsam durch die Stadt

Und zwang das Volk, dem Ruf zu lauschen:

"Hört, hört! Wer alte Lampen hat,

Kann hier sie gegen neue tauschen."

Die Leute dachten allgemein:

"Der Mensch da hat wohl einen Sparren."

Die Kinder hielten ihn zum Narren

Und liefen gröhlend hinterdrein.

Ihn aber konnt' es nicht beirren;

Er ließ im Korb die Lampen klirren

Und wiederholte hundertmal

Aus Leibeskräften sein Gekrähe

Bis in des Schlosses nächste Nähe.

In ihrem großen Kuppelsaal

Saß Bedrulbudur. Das Gehöhne

Der Kinder und die schrillen Töne

Des Rufers drangen auch zu ihr,

Und einer Sklavin aufzutragen

Gebot ihr drum die Wißbegier,

Sie mög' hinuntergehn und fragen,

Was dieser wüste Lärm bedeute.

Die Sklavin ging und lachte hell,

Da sie zurückkam: "Der Gesell,

Der dort umringt wird von der Meute,

Ist ohne Zweifel gänzlich toll.

Sein Tragkorb ist von einem Haufen

Der schönsten neuen Lampen voll;

Er aber will sie nicht verkaufen,

Nein, will sie tauschen gegen alte."

Auch der Prinzessin Lachen schallte

Nun laut und klang im Echo nach,

Bis eine andre Sklavin sprach:

"Vergib mir, Herrin; doch ich finde,

Da sich's um alte Lampen dreht

Und gleich hier neben auf dem Spinde

Zufällig eine solche steht,

So könnte man, wenn's dir beliebt,

Erproben, ob der Kerl tatsächlich

Für diese da, die schon gebrechlich,

Uns eine nagelneue gibt."

Dem stimmte die Prinzessin zu.--

Klang dir im Innern keine Warnung,

O Bedrulbudur? Ahntest du

Nicht schmählichen Betrugs Umgarnung?

Die Wunderlampe war's, die dort

Unscheinbar stand seit ein paar Tagen,

Weil Aladdin, der immerfort

Sie sonst mit sich herumgetragen,

Aus Furcht, sie könn' in Wald und Feld

Verloren gehn, nicht auf die Jagd

Sie mitgenommen. Wer nun fragt,

Warum aufs Spind er sie gestellt,

Anstatt sie sorgsam einzuschließen,

Den darf die Antwort nicht verdrießen,

Daß hin und wieder ein Versehn

Wohl jedem unterläuft im Leben,

Und daß die Allerklügsten eben

Die dümmsten Fehler oft begehn.

Die Sklavin nahm die Lampe, trug

Zum Zaubrer hurtig sie hinunter,

Hielt ihm sie hin und sagte munter:

"Wenn diese da dir alt genug,

Gib eine neue mir zum Tausche."

Zugreifend voll Begier verschlang

Er mit den Augen seinen Fang

In schlecht verhehltem Freudenrausche;

Dann ließ er unters Kleid ihn wandern.

Den Korb jedoch mit den zwölf andern

Wies er der Sklavin vor zur Wahl.

Sie wählte lachend, und die Rotte

Begoß ihn mit vermehrtem Spotte.

Doch er, geschmeidig wie ein Aal,

Entkam durch eine Seitengasse,

Ließ dort, sobald ihn dieser Schlich

Geborgen hatte vor der Masse,

Den angefüllten Korb im Stich

Und lief davon, sein Gasthaus meidend.

Was lag ihm noch an seinem Pferd?

Was lag an andrem Geldeswert?

Jetzt war nur eins für ihn entscheidend!

Nachdem er eine halbe Meile

Vorm Stadttor endlich Halt gemacht,

Beschloß er, noch für eine Weile

Sich zu gedulden, bis die Nacht

Ihm Schutz vor Überrumplung böte.

Erst als im Westen sich verlor

Der letzte Schein der Abendröte,

Zog er die Lampe sacht hervor

Und rieb sie.

"Was ist dein Begehr?"

So rief im nächsten Augenblicke

Der Geist, an Länge, Breite, Dicke

Fünfmal so massig wie ein Bär;

"Die Lampe macht es mir zur Pflicht,

Daß ich gehorsam dich bediene."

Der Zaubrer sprach mit Siegermiene:

"Du sollst das Schloß, das jener Wicht

Von dir sich hat erbauen lassen,

Mit seinen sämtlichen Insassen

Und mir zugleich alsbald von da

Forttragen durch des Äthers Wellen

Und an dem Punkt in Afrika,

Wo ich daheim bin, niederstellen."

Gehorsam seinem neuen Meister

Vollzog der Geist noch in der Nacht

Mit Hilfe seiner Nebengeister

Den Auftrag.

Zeitig aufgewacht

Begab der Sultan sich wie täglich

Zum Fenster, um in froher Schau

Zu mustern den erhabnen Bau.

Sein Staunen aber war unsäglich,

Als er den leeren Platz erblickte,

Vom Schloß dagegen keine Spur.

Er rieb die Augen sich, er zwickte

Sich in den Arm; dies konnte nur

Entweder Trug sein oder Traum!

Doch welche Vorsicht er auch übte,

Die Sonne schien, kein Wölkchen trübte

Den Himmel bis zum fernsten Saum.

Unzweifelhaft, er träumte nicht!

Mit steifem, starrem Angesicht

Stand er und stand wie angewurzelt

Und murmelte: "Das Schloß ist fort,

Soviel steht fest. Wär's eingepurzelt,

So lägen doch die Trümmer dort.

Der Kuckuck weiß, was hier geschehn!"

Zum Schluß, wie stets in schweren Fällen,

Ließ er dem Großvezier bestellen,

Er wünsche schleunigst ihn zu sehn.

Der Großvezier kam angerannt;

Der Sultan faßte seine Hand,

Zog ihn zum Fenster hin und fragte

Voll Spannung: "Wirst du was gewahr

Vom Schloß, das gestern hier noch ragte?

Mich foppt, so scheint's, mein Augenpaar."

Der Großvezier war höchst betroffen;

Jedoch er sammelte sich bald.

"Herr," sprach er, "liegt nunmehr nicht offen,

Was mir schon längst für sicher galt,

Wenngleich du mir nicht beigepflichtet?

Dies Schloß, ich wiederhol' es frei,

So schnell verschwunden wie errichtet,

Es war ein Werk der Zauberei."

Der Sultan, der dem Lästerwort

Nicht mehr zu widerstehn vermochte,

Ward kirschrot im Gesicht; er kochte

Vor Zorn und fluchte: "Pest und Mord!

Ein Gauner, listig und verlogen,

Hat an der Nase mich gezogen!

Wo ist der Schurk', der das gewagt?

Noch heute soll sein Blut verschäumen!"

Drauf jener: "Herr, laß uns nur säumen,

Bis er zurückkehrt von der Jagd."

"Nichts da! Das wäre zu viel Schonung,"

Entgegnete der Sultan wild;

"Vom Henker werd' ihm die Belohnung,

Mit der man Hochverrat vergilt.

Geh', schick' ihm dreißig Reiter nach!

Die sollen unterwegs ihn greifen,

Verhaften und mit Schimpf und Schmach

Gefesselt vor mein Antlitz schleifen!"

13.

[Illustration: A]

Auf seinem Rückweg nach der Stadt

Begriffen, ahnungslos und heiter,

Traf Aladdin die dreißig Reiter.

Ihr Hauptmann grüßte höflich glatt,

Und er, von Heimweh schon beschwingt

Und in der Meinung, jene wären

Vorausgesandt zu seinen Ehren,

Sah sich mit einem Schlag umringt.

"Mir ziemt, mein Prinz, dich aufzuklären,"

Begann der Hauptmann; "doch ein Sprecher,

Der Unheil meldet, spricht nicht gern.

Uns ward vom Sultan, unsrem Herrn,

Befohlen, dich als Staatsverbrecher

In Haft zu nehmen und gefangen

Zu führen vor sein Angesicht."

"Sag' nur, was hab' ich denn begangen?"

Rief Aladdin mit heißen Wangen.

Drauf jener: "Prinz, das weiß ich nicht."

"Wohlan, da habt ihr mich. Vollzieht,

Was eures Amts! Ich folg' euch willig,

Ist's auch gewiß nicht recht und billig,

Was unverschuldet mir geschieht."

Er warb vom Pferd geholt, an Armen

Und Hals mit Ketten fest umschnürt

Und so zum Schrecken und Erbarmen

Des Volkes in die Stadt geführt.

Der Liebling aller war in Not!

Man wußte nicht, aus welchem Grunde,

Sah nur ihn von Gefahr bedroht

Und wollte drum, zu raschem Bunde

Vereinigt, ihm die Freiheit schaffen.

Ein Teil ergriff metallne Waffen,

Ein andrer Steine, Knüttel, Stangen,

Den Reitern sperrend Weg und Raum;

Mit ihrem Häftling konnten kaum

Sie bis in den Palast gelangen.

Der Sultan, der bereits ihr Nah'n

Erwartet hatte vom Altan,

Befahl dem Henker, alsogleich

Dem Schändlichen, der sein Vertrauen

Getäuscht, mit einem scharfen Streich

Das Frevlerhaupt herabzuhauen.

Es ward ihm keine Frist verliehn,

Sich durch Verteidigung zu retten;

Der Henker hieß, nachdem die Ketten

Ihm abgestreift, ihn niederknien,

Band ihm sodann die Augen zu,

Erhob das Richtschwert, wie befohlen,

Um auf des Herrschers Wink im Nu

zum Streich gewaltig auszuholen.

[Illustration: Aladdins schlimmste Stunde]

Da--was ist das? Was dröhnt und gellt?

Was schwillt und wirbelt, brandend, brausend?

Vom Volke haben viele Tausend

Im Aufruhr den Palast umstellt.

Man reißt und rüttelt an den Mauern,

Man bricht aus ihnen Stein um Stein,

Und lange kann es nicht mehr dauern,

Da stürzen sie zertrümmert ein,

Und alle Tore klaffen splitternd.

"O Herr, bedenk'!" so wendet zitternd

Zum Sultan sich der Großvezier,

"Schau hin, wie meuterische Horden,

Vollständig zügellos geworden,

Gleich einem grimmen Riesentier

Sich gegen deine Mauern türmen!

Der Mensch hat auch dein Volk behext,

Und wenn du diesen Spruch vollstreckst,

Dann wird es den Palast erstürmen."

Der Sultan fuhr erschreckt zusammen.

Er merkte wohl, daß durch den Tod

Prinz Aladdins das Reich in Flammen

Auflodern würde. Drum gebot

Er dem verblüfften Henker knapp

Vorm Streich, das Leben ihm zu lassen;

Der nahm die Binde von ihm ab,

Und den erregten Menschenmassen

Ward mit Trompetenstoß verkündigt,

Der Sultan habe kurz und gut,

Wie sehr auch Aladdin gesündigt,

Ihn zu begnadigen geruht.

Dies Wort, voll Beifallslärm umtönt,

Goß Öl in die erzürnten Wogen;

Die sämtlichen Empörer zogen

Nach Haus beschwichtigt und versöhnt.

Doch Aladdin, als er befreit

Sich sah, hob zum Altan die Hände:

"Herr," bat er flehentlich, "vollende

Die Gnade, die du mir geweiht,

Und sage mir, durch welch Verbrechen

Verdient' ich solch ein Strafgericht?"

"Ei, willst du dich noch gar erfrechen,

Zu tun, als wüßtest du das nicht?

Komm'," rief der Sultan, "komm' hierher!

Dein Stolzes Schloß, wo mag es liegen?

Zeig' mir's! Nicht finden kann ich's mehr."

Als Aladdin emporgestiegen,

Ließ er ihn durch das Fenster blicken

Und fragte barsch: "Was siehst du da?"

Der Ärmste glaubte zu ersticken,

Als er die leere Stelle sah.

Versteinert, reglos blieb er stehn,

War nicht imstande, sich zu sammeln,

Geschweige denn ein Wort zu stammeln.

"Nun sprich! Kannst du dein Schloß erspähn?"

So forschte jener streng und hart.

"Bekenne, wo es hingekommen,

Und was aus meiner Tochter ward!"

"Mein Fürst," sprach Aladdin beklommen,

"Obgleich ich selbst nicht ahnen kann,

Was mittlerweil sich hier begeben,

So schwör' ich dir bei meinem Leben,

Ich habe keinen Teil daran!"

Der Sultan schrie: "Du Strolch, mitnichten

Entschuldigst du dein Bubenstück!

Gern will ich auf das Schloß verzichten;

Jedoch mein Kind gib mir zurück!

Sonst lass' ich meinem Wort zum Trotz

Dir deinen Kopf herunterschlagen,

Als wäre der ein Tannenklotz."

"Herr, eine Frist von vierzig Tagen

Gewähre mir!" bat Aladdin.

"Ich werde, sollt' es mir mißlingen,

Verlornes wiederzuerringen,

Mich meiner Strafe nicht entziehn."

Der Sultan sagte: "Wohl, so sei's;

Ich will dir diese Frist vergönnen.

Du würdest doch um keinen Preis

Dem Rächerarm entrinnen können."

Bekümmert, mit gesenktem Haupt

Schlich Aladdin wie ausgestoßen

Von dannen, und dieselben Großen,

An deren Freundschaft er geglaubt,

Die gestern noch ihm auf dem Fuß

Gefolgt, um sich vor ihm zu bücken,

Vermieden heute seinen Gruß

Und kehrten lieblos ihm den Rücken.

Was konnt' er tun? Wohin sich wenden?

Er lief, im Kopfe wirr und kraus,

Umher, die Stadt von Haus zu Haus,

Von Tür zu Tür nach allen Enden

Durchwandernd, ohne zu verstehn,

In welcher Absicht, fragte jeden

Mit abgeriss'nen irren Reden,

Ob irgendwer sein Schloß gesehn.

Gar manche wurden übermannt

Von Mitleid; andre wieder lachten

Ihn aus, vermutlich, weil sie dachten,

Er sei nicht richtig bei Verstand.

Nachdem er so mit müdem Blick

Drei Tage lang herumgeschlendert,

Wollt' in der Stadt, wo sein Geschick

Sich so bejammernswert geändert,

Er nicht mehr weilen, sondern trollte

Sich ohne Plan hinaus aufs Feld.

Unendlich lag vor ihm die Welt;

Nur wußt' er nicht, wohin er sollte.

"Weh mir! Ich ward so bettelarm,

Daß ich mein traurig Los verfluche!"

So rief er aus in bittrem Harm.

"Wenn ich den Erdkreis auch durchsuche,

Beharrlich pilgernd Jahr um Jahr,

Wo find' ich die Geliebte wieder?

Weit besser, daß die Augenlider

Der Tod mir schließt auf immerdar!"

Er näherte sich einem Fluß

Und wollt', um seine Qual zu kürzen,

Sich mit verzweifeltem Entschluß

Kopfüber in die Fluten stürzen.

Es war um Sonnenuntergang;

Der Feuerball mit letztem Blinken

Schien ihm den Abschiedsgruß zu winken.

Ein Ruck, ein Anlauf--und er sprang.

Das Ufer war an dieser Stelle

Besonders steil, und seinen Rand

Umschloß ein kahles Felsenband

In rauh zerklüftetem Gefalle,

Sodaß der lebensmüde Springer

An einem Felsstück hängen blieb

Und jener Ring, den er am Finger

Noch immer trug, daran sich rieb.

Das war sein Glück; denn alsobald

Wie aus dem Wasserdunst verdichtet,

Stand mächtig vor ihm aufgerichtet

Desselben Geistes Schreckgestalt,

Der einst ihm in der Gruft erschienen,

Und rief: "Ich bin des Ringes Knecht.

Mir zu gebieten ist dein Recht;

Sag' an, womit kann ich dir dienen?"

[Illustration: Der Geist führt Aladdin nach Afrika]

Drauf Aladdin: "O Geist, errette

Zum zweiten Male mich vom Tod

Und bring', bevor der Morgen loht,

Mein Schloß zurück zur alten Stätte!"

Der Geist versetzte: "Dies Gebot

Verträgt sich nicht mit meinem Walten.

Ich diene nur dem Ring. Du mußt

Dich an den Geist der Lampe halten."

"Nun wohl; jedoch wenn dir bewußt,

Wo sich zurzeit mein Schloß befindet,"

Sprach Aladdin, "befehl' ich dir

Kraft dieses Ringes, der dich bindet:

Befördre mich sogleich von hier

Gradaus an seinen neuen Platz!"

Kaum ausgesprochen war der Satz,

Da trug beflügelt ihn der Riese

Nach Afrika, zu jenem Ort,

Wo nun inmitten einer Wiese

Das Bauwerk stand, und setzte dort

Ihn sänftlich nieder auf das Gras.

Zwar blieb es Aladdin verborgen,

Daß er im Innern Afrikas

Gelandet war; doch er genas

Von allen Martern, allen Sorgen,

Als er den wohlbekannten Bau

Trotz dunkler Nacht im Sternenschimmer

Gewahrte, ja sogar die Zimmer

Dicht vor sich sah, die seiner Frau

Zur Wohnung dienten; und sie schlief

Wahrscheinlich dort schon fest und tief.

Um Lärm und Aufsehn zu vermeiden,

Hielt er gewaltsam sich zurück,

Wie schwer's auch war, so nah dem Glück

Bis morgen früh sich zu bescheiden.

Er streckte, von der langen Pein

Ermattet, unter einer Palme

Sich aus zum Schlummer, und die Halme

Des Grases wiegten mild ihn ein.

14.

[Illustration: E]

Erweckt von süßen Vogelliedern

Hob er sich mit gestählten Gliedern

Vom Lager zeitig, und gelenkt

Von Sehnsucht fiel zu seiner Freude

Sein erster Blick auf das Gebäude,

Das ihm erschien wie neu geschenkt.

Auch die Prinzessin, die vor Kummer

Und tausend Ängsten Nacht für Nacht

In all der Zeit nur wenig Schlummer

Gefunden hatte, war erwacht.

Wer aber schildert ihre Wonne,

Da vor dem Fenster sich im Strahl

Der eben aufgegangnen Sonne

Leibhaftig vorfand ihr Gemahl!

Erst wechselten sie hundertfach

Kußhände, Grüße, Flüsterworte;

Dann schlich durch eine kleine Pforte

Verstohlen er in ihr Gemach.

Aladdin und die Wunderlampe Tausend und einer Nacht nacherzaehlt · 第 3 / 4 段