Am nächsten Morgen aber kam

Der Großvezier in höchster Schnelle

Zum Sultan, der halb ungeduldig,

Halb mürrisch ihm entgegensah,

Und rief: "Mein Sohn ist wieder da!

Er ist, o glaub' mir, weder schuldig,

Noch weiß er selbst, was ihm geschah.

Gebiete drum, daß man die Feier

Heut rüsten soll zum zweitenmal,

Und gib dadurch zurück dem Freier,

Was ihm ein Unstern gestern stahl."

Hierzu, wenngleich das Fest verpfuscht

Ihm vorkam, war der Fürst erbötig;

Denn für sein Ansehn schien ihm nötig,

Daß alles möglichst ward vertuscht.

Die Hauptstadt wurde von Trompeten

Und Pauken abermals durchlärmt,

Das Hochzeitsessen aufgewärmt

Und alle Gäste neu gebeten.

Als Aladdin, dem keine Spur

Von sämtlichen Begebenheiten

Entgangen war, davon erfuhr,

Beschloß er, herzhaft fortzuschreiten

Auf seinem Pfade bis zum Sieg.

Den Geist beschwor er drum von neuem,

Und als dem Boden er entstieg,

Sprach er zu ihm: "Du hast mit treuem

Gehorsam, was ich dir befohlen,

Genau vollbracht. Dieselbe Not

zwingt mich indessen, mein Gebot

Von gestern dir zu wiederholen.

Den Sohn des Großveziers entführe

Heut abermals in gleicher Art,

Und hinter fest verschlossner Türe

Halt' ihn bis morgen früh verwahrt!"

Der Geist entfernte sich, die Tat

Alsbald wie tags zuvor verrichtend;

Nur diesmal in noch stärkrem Grad

Als gestern wirkte sie vernichtend.

Im feierlichsten Augenblick

Verschwand urplötzlich aus dem Saale

Durch ein unfaßliches Geschick

Der Bräutigam zum zweiten Male.

Vom ganzen Hof und hohen Adel

Ward er gesucht wie eine Nadel.

In alle Winkel ward geguckt,

Gestöbert ward in allen Ecken;

Er war so wenig zu entdecken,

Als ob der Boden ihn geschluckt.

Hiermit begann ein Trauerspiel:

Prinzessin Bedrulbudur raufte

Die schönen Haare sich und fiel

Bewußtlos hin; der Sultan schnaufte

Vor Ingrimm wie ein wildes Tier;

Der unglückselige Großvezier

Wand sich in Krämpfen wie ein Wurm,

Die Augen rollend rings im Kreise;

Die Gäste flohen gruppenweise,

Wie eine Herde vor dem Sturm,

Und seufzend sprach der Oberkoch

In tiefem, hoffnungslosem Härmen

Zum Küchenjungen: "Einmal noch

Kann ich den Hochzeitsschmaus nicht wärmen."

8.

[Illustration: D]

Der Großvezier fand keinen Schlummer

In dieser Nacht. Am andern Tag

Bei Sonnenaufgang, als vor Kummer

Halb krank er noch im Bette lag,

Trat aschenfahl und übernächtig

Sein Sohn herein. Der Vater schrie,

Vor Jähzorn seiner nicht mehr mächtig:

"Hinweg mit dir, und laß dich nie

Mehr sehn!" Da fiel er auf die Knie:

"Mein Vater, schein' ich so verdächtig,

Daß du Gehör mir weigern willst?

Wenn dir bekannt, was unverschuldet

Ich heut und gestern nacht erduldet,

So wett' ich, daß dein Groll zerschmilzt.

Ich wurde beidemal gepackt

Von unsichtbaren Fäusten, stärker

Als Menschenhand, und eingesackt

In einen engen, finstren Kerker,

Zu schmal, um nieder mich zu legen,

Ja, selbst um aufrecht mich zu regen;

Die Tür von außen fest verrammelt

Und alles Rütteln ohne Zweck!

So kauert' ich, noch kaum gesammelt

Vom ersten fürchterlichen Schreck,

Erneuter Hexerei gewärtig,

Gefaßt auf meinen Untergang

Und mit dem Erdendasein fertig,

Wer weiß, wieviele Stunden lang,

Bis endlich beidemal die Tür

Von selber aufsprang. Aber gäbe

Man tausend Bräute mir dafür,

Ich möchte nicht, solang' ich lebe,

Dies noch ein drittes Mal erleiden.

So sehr mir die Prinzessin teuer,

Ich will sie lieber dauernd meiden,

Als dem geheimen Ungeheuer

Zum Spielball dienen unbeschränkt.

Ich glaube, Bedrulbudur denkt

Hierin nicht anders, und sie kann,

Auch wenn sie liebenswert mich findet,

Nicht recht vertrauen einem Mann,

Der unfreiwillig stets verschwindet.

Drum wünsch' ich, ob du gleich dem bösen

Verhängnis nicht mit Unrecht grollst,

Daß du den Sultan bitten sollst,

Er möge die Verlobung lösen."

Der Großvezier erkannte klar,

Wenn auch im Innersten bekümmert:

Sein Lieblingsplan von manchem Jahr

Lag rettungslos vor ihm zertrümmert,

Sodaß, wie nun die Sache stand,

Statt auf ein Wunder noch zu harren,

Er selber den verfahrnen Karren

Am besten stecken ließ im Sand.

Er trug dem Sultan untertänig

Drum seines Sohnes Bitte vor

Und fand ein sehr geneigtes Ohr.

Der Herrscher freute sich nicht wenig,

Als unverhofft er sie vernahm,

Daß dem Entschluß, den er im stillen

Gefaßt um seiner Tochter willen,

Ihr Bräutigam entgegenkam.

Mit Windeseile flog die Kunde

Von der Entlobung durch die Stadt,

War tagelang in aller Munde;

Doch schließlich schwatzte man sich satt.

Es wußte ja vom wahren Grunde

Nur Aladdin allein Bescheid,

Und da nunmehr sein Weizen blühte,

Nahm mit beruhigtem Gemüte

Zum nächsten Schachzug er sich Zeit.

Erst als ein Monat noch entwichen

Und so, wie vorbestimmt, verstrichen

Die ganze Frist von dreien, sandte

Von neuem er die Mutter fort

Zum Sultan, der sie gleich erkannte

Und sich an sein gegebnes Wort

Erinnerte. Mit freiem Mute

Bat sie den Fürsten auf den Knien,

Gewähren mög' er Aladdin,

Was zu versprechen er geruhte,

Da die bedungne Frist vorbei.

Dem Sultan war die Mahnung peinlich.

Er hatte ja für unwahrscheinlich

Gehalten, daß die Schwärmerei

Des jungen Manns nach so viel Wochen

Noch immer nicht erloschen sei;

Denn was er unbedacht versprochen,

War niemals ernst gemeint gewesen.

Konnt' er zum Gatten seines Kinds

Wohl einen Schwiegersohn erlesen,

Der nicht geboren war als Prinz?

Und doch vor offener Verneinung

Sich scheuend, zog im Widerstreit

Er seinen Großvezier beiseit

Und fragte leis nach dessen Meinung.

"Herr," sagte jener gleichfalls leis,

"Wenn du dein Wort nicht willst verletzen,

Genügt es, einen solchen Preis

Für die Prinzessin festzusetzen,

Daß, wenn des Werbers Überfluß

An Geld und Gut auch ohnegleichen,

Trotz allem er die Segel streichen

Und voll Beschämung abziehn muß."

Der Ratschlag schien dem Sultan schlau;

Deshalb sich zu der Mutter eilig

Umwendend sprach er: "Gute Frau,

Ich gab mein Wort und halt' es heilig.

Dein Sohn soll keinen Hindernissen

Begegnen; aber um zu wissen,

Was er zur Morgengabe beut,

Und ob er wirklich zur Erringung

Der hohen Braut kein Opfer scheut,

Mach' ich ihm eines zur Bedingung:

Ich fordre, daß er vierzig Becken

Von schwerstem Gold mir schicken soll,

Die sämtlich bis zum Rande voll

Von herrlichen Juwelen stecken,

Den damals mir geschenkten gleich,

Die jeden Stein im ganzen Reich

Weitaus an Schönheit übertrafen,

Hertragen sollen diese Fracht

Auf Häupten vierzig schwarze Sklaven

In reicher, auserlesner Tracht,

Geführt von vierzig jungen weißen,

Die noch verschwenderischer gleißen.

Dies die Bedingung. Wird genau

Von ihm bestanden diese Probe,

Dann--höre, daß ich's laut gelobe--

Wird meine Tochter seine Frau."

Die Mutter schritt bedenklich heim,

Jedoch gelabt vom Hoffnungsschimmer,

Des Herrschers Fordrung werd' auf immer

In ihrem Sohne jeden Keim

Des närrischen Begehrs ersticken.

Doch als von diesem Trost beseelt

Sie klipp und klar ihm aufgezählt,

Was er dem Sultan solle schicken,

Und sicher dachte, daß erschrocken

Er sich bequeme zum Verzicht,

Rief er mit strahlendem Gesicht

Und überschäumendem Frohlocken:

"Nichts weiter? Ei, der Sultan irrt

Im Glauben, daß durch die Bedingung

Er mich ins Bockshorn jagen wird.

Wähnt er, mir fehle zur Bezwingung

Solch eines Probestücks die Macht?

Ich könnt' ihm noch ganz andre Launen

Befriedigen. Er soll erstaunen,

Und du nicht minder. Gib nur acht!"

Er ging in seine Kammer, rieb

Die Lampe, bis der Geist erschienen,

Der unterwürfig ihm zu dienen

Wie stets bereit war. Er beschrieb

Des Herrschers Anspruch ihm ausführlich

Und fragte dann, ob er dies all

Ihm schaffen könne Knall und Fall.

Der Geist erwiderte: "Natürlich."

"Wohlan," sprach Aladdin, "so eile,

Damit ich flugs den ganzen Tand

Ihm senden kann."

Der Geist entschwand

Und kam nach nicht viel größrer Weile,

Als während man die Augenlider

Zuschließt und öffnet, wie geheißen

Mit vierzig schwarzen Sklaven wieder,

Sowie mit vierzig jungen weißen,

Sodaß der umfangreiche Zug

Sich auf die Straße mußt' erstrecken,

Weil Haus und Hof nicht weit genug.

Ein jeder von den schwarzen trug

Auf seinem Haupt ein goldnes Becken,

Und jedes Becken wies in Fülle

Demanten, Perlen und Berylle,

Smaragd, Saphir, Topas, Rubin

Von höchstem Reiz des Farbenspieles

Und überlegen noch um vieles

Den Früchten, die sich Aladdin

Im Zaubergarten einst gepflückt.

Nachdem das Werk soweit geglückt,

Rief er die Mutter, die mit starren,

Weit aufgerissnen Augen gaffte.

"Schau," sprach er, "muß der Sultan harren?

Gesteh', daß ich zur Stelle schaffte,

Was er vorhin sich ausbedang!

Jetzt aber zögere nicht lang

Und bringe meine Morgengabe

Geradeswegs in den Palast,

Damit an meiner großen Hast

Er merkt, wie sehr ich Sehnsucht habe,

Mein Herz nach so viel Sturmgebraus

Zu steuern in der Ehe Hafen."

Die Mutter schritt somit voraus

Dem wundersamen Zug der Sklaven.

Das gab ein Aufsehn! Jedem Haus

Entströmten gierige Beschauer,

So daß in Kürze jung und alt

Zu einer dichten Menschenmauer

Auf allen Straßen stand geballt.

Was irgend Beine hatte, lief,

Was irgend Lungen hatte, rief

Mit Stimmen, gellend wie Posaunen,

Man möge kommen, sehn und staunen.

Einmütig wurde die Verkündung

Des Urteils allerorten laut,

Daß in der Stadt seit ihrer Gründung

Man solchen Aufwand nie geschaut,

Nie Sklaven edler von Gestalt,

Von Wuchs und Haltung angetroffen,

So bunt geschmückt, so mannigfalt

Bekleidet mit den feinsten Stoffen.

In schöner Ordnung--denn zur Seite

Den schwarzen Beckenträgern war

Jeweils ein weißer als Geleite--

Hinwandelten sie Paar für Paar.

Dazu der Edelsteine Glänzen,

Der vierzigfache Spiegelschein

Des lautren Goldes--allgemein

War die Begeistrung ohne Grenzen.

9.

[Illustration: D]

Die Nachricht war gleich einem Blitze

Gedrungen an der Pförtner Ohr,

Eh' des Palastes offnem Tor

Sich näherte des Zuges Spitze.

Sie sahn den schmucken Vordermann

Der achtzig Sklaven mit Verbeugung

Für einen fremden König an

Und wollten drum zur Ehrbezeugung

Ihm küssen seines Kleides Saum.

Doch der erwiderte: "Gebt Raum

Und bückt euch lieber vor dem Rechten.

Ich bin nur einer von den Knechten

In unsres großen Herren Sold."

So stieg der Zug hinan die Treppen;

Die Schwarzen hatten arg zu schleppen

An ihrer schweren Last von Gold,

Und von den weißen angeleitet

Betraten sie den lichten Saal

Des Diwans. Längst schon vorbereitet

Und überaus gespannt befahl

Der Sultan, daß man ihnen Platz

Gewähre. Kunstgerechterweise

Vor ihm gereiht in halbem Kreise

Beeilten sie sich, ihren Schatz

Am Fuß des Thrones aufzustellen,

Worauf nach wohlversehnem Amt

Sowohl die Dunklen als die Hellen

Sich niederwarfen insgesamt.

[Illustration: Die gestörte Hochzeitsfeier]

Die Mutter nahte nun dem Thron

Und sprach mit vielen Huldigungen:

"Hier sendet Aladdin, mein Sohn,

Erhabner, was du dir bedungen.

Er hofft, es werde dir gefallen

Und der Prinzessin ebenfalls."

Der Sultan, kaum ein Wort zu lallen

Imstande, mit gerecktem Hals

Und überzeugt, ihn wolle necken

Ein Trug der Sinne, blickte bald

Verwundert auf die vierzig Becken

Mit ihrem funkelnden Gehalt

Von größrem Wert als ganze Länder,

Bald auf die fürstlichen Gewänder

Der achtzig wohlgestalten Sklaven

Und sagte laut zum Großvezier:

"Fürwahr, der Himmel soll mich strafen

Wenn ein Geschenk wie dieses hier

Je Sultanstöchtern ward geboten!"

"So ist es," stimmte jener bei,

zumal er einsah, daß der Knoten

Nicht anders mehr zu lösen sei.

Wie hätte noch der Fürst sein Wort

Zurückziehn können als Empfänger

Von solchem beispiellosen Hort?

Er fragte jetzt sogar nicht länger

Nach des Bewerbers Rang und Stand

Und allen andern Eigenschaften;

Für jeden Vorzug konnt' als Pfand

Sein ungeheurer Reichtum haften.

"Geh'," sprach er drum in mildem Ton

Zur Mutter, "meld' ihm, daß mit warmen

Gefühlen ich und offnen Armen

Ihn grüßen will als Schwiegersohn."

So waren jetzt nach hartem Ringen

Die Schwierigkeiten weggeräumt;

Sie selber durft' ihm Kunde bringen,

Daß alles, was er sich erträumt,

Was für unmöglich ihr gegolten,

Was als Verrücktheit sie gescholten,

Und was ihm ihre Zweifelsucht

Verargt als frevelhaft verstiegen,

Ihm jetzt als eine reife Frucht

Bereit war in den Schoß zu fliegen.

Er aber, wenn auch überschwenglich

Beglückt, ließ keine Zeit entfliehn,

Um das zu tun, was unumgänglich

Ihm zu des Werkes Krönung schien.

Er hieß den Geist von neuem kommen

Und sprach, als dieser schnell genaht:

"Bereite mir sofort ein Bad

Und bring', nachdem ich es genommen,

Mir ein Gewand, so reich und prachtvoll,

Wie sonst es nur ein König trägt."

Er fühlte drauf alsbald sich machtvoll

Erfaßt und durch die Luft bewegt.

Ein schöner Raum, an allen Wänden

Mit buntem Marmor ausgelegt,

Empfing ihn; dort bedient, gepflegt

Von zarten, unsichtbaren Händen,

Nahm er das Bad in einer lauen,

Von Wohlgeruch erfüllten Flut.

Sodann, erquickt und ausgeruht,

Konnt' er in einem Spiegel schauen,

Daß er zu seinem Vorteil ganz

Verwandelt, schöner war und schmucker.

Statt des bisherigen Gewands,

Das immer noch den armen Schlucker

Verraten hatte, fand er Kleider,

So prächtig, so mit Gold bestickt,

Daß jeder Prinz und Fürst als Neider

Nach ihnen hätte hingeblickt.

Sobald er fertig angezogen,

Erschien der Geist auf seinen Wink,

Und er gebot ihm: "Zeig' dich flink!

Ich habe mittlerweil erwogen,

Was mir noch fehlt. Ein edles Roß

Verlang' ich, das an Schönheit alle

Verdunkelt in des Sultans Stalle;

Zu diesem ferner einen Troß

Von Sklaven, jenen gleich zu achten

An Kleiderprunk und Stattlichkeit,

Die mein Geschenk dem Sultan brachten;

Acht Sklavinnen dann zum Geleit

Für meine Mutter, deren jede

Ihr ein so köstliches Gewand

Soll bringen, daß im ganzen Land

Bald von nichts andrem mehr die Rede.

Auch einen Beutel mit zehntausend

Goldstücken brauch' ich noch. Nur schnell

Ans Werk!"

Der Geist entschwebte sausend,

Und alles war im Nu zur Stell'.

Den Sklavinnen gab Aladdin

Befehl, zur Mutter hinzueilen

Und ihr ein Staatskleid anzuziehn.

Das bare Gold ließ er verteilen

An feine Sklaven, mit der Weisung,

Sie sollten's auf der ganzen Länge

Des Wegs mit voller Hand zur Speisung

Der Armut werfen in die Menge.

Er stieg zu Pferd und zog inmitten

Des Trosses durch die Straßen hin.

Selbst Kennern kam nicht in den Sinn,

Daß er noch nie zuvor geritten,

Weil mit dem feinsten Ebenmaß

Und Anstand er im Sattel saß.

[Illustration: Aladdin reitet zum Schloß des Sultans]

Vielköpfig, massig, nicht zu zählen,

Lief wiederum das Volk herbei;

Betäubend schwang aus allen Kehlen

Sich Beifallruf und Jubelschrei,

Besonders wenn, vom Sklaventroß

Geschnellt, als ungewohnter Segen

So rechts wie links ein Hagelregen

Von goldnen Münzen sich ergoß.

Wer war der Ritter hoch zu Roß?

Bei Namen konnt' ihn niemand nennen,

Nicht einmal einer unter zehn,

Die noch vor kurzem ihn gesehn,

Den alten Aladdin erkennen.

Er, jüngst noch dürftig, unansehnlich,

Sah nun sich selber nicht mehr ähnlich;

Denn zu der Lampe Wunderkräften

Gehörte die geheime Macht,

Dem Glückspilz, den sie hoch gebracht,

Auch äußern Adel anzuheften.

So lag am Tage sonnenklar,

Daß all der Pracht, womit er prunkte,

Durch sein Verdienst er würdig war.

Er wurde rasch zum Mittelpunkte

Für jedes Auge; jauchzend hob

Zum Himmel ihn des Volkes Lob

Und gönnte gern ihm dieser Erde

Vollkommenstes und reichstes Heil.

Bis zum Palasttor mittlerweil

Gelangt, stieg artig er vom Pferde.

Die Pförtner bildeten zwei Reihen

Von Tor zu Tür, um dem Empfang

Vermehrte Würde zu verleihen;

Durch diese schritt er sacht entlang,

Trat in den Saal und vor den Thron.

Der Sultan, seiner harrend schon,

War überrascht und höchst erbaut

Sowohl von seiner Prachtentfaltung

Wie seinem Wuchs und seiner Haltung,

Schritt ihm entgegen, zog ihn traut,

Ihm wehrend, auf die Knie zu sinken,

An seine Vaterbrust und ließ,

Indem er ihn willkommen hieß,

Ihn sitzen dicht zu seiner Linken.

"Erlauchter Fürst," sprach Aladdin,

"Ich danke dir, daß mein Erkühnen,

Statt es durch harten Spruch zu sühnen,

So nachsichtsvoll du mir verziehn.

Ich wüßte nichts, was mich entschuldigt,

Als daß mein Herz, von holdem Zwang

Besiegt, in willenlosem Drang

Der reizenden Prinzessin huldigt,

Und daß die Liebe, die gewaltsam

In meinem Innern flammt und loht,

Nicht enden wird, bis unaufhaltsam

Mein Leben selbst erlischt im Tod."

"Mein Freund," versetze halb im Scherz

Der Sultan, "um durch dieses Feuer

Heillos versengt zu sehn dein Herz,

Halt' ich fortan dich viel zu teuer.

Ist dies das Mittel, dich zu töten,

So weiß ich, was dich heilen soll."

Er gab ein Zeichen. Flugs erscholl

Musik von Zimbeln und von Flöten.

Er führte drauf ihn liebevoll

Zum wunderbaren Nebensaal,

Worin bereits auf goldnen Tellern

War aufgetischt ein leckres Mahl,

Das aus den kaiserlichen Kellern

Versorgt war mit dem besten Wein.

Der Sultan aß mit ihm allein;

Der Großvezier und all die Herrn

Von Rang und von Geblüt umkreisten

Den vollbesetzen Tisch von fern

Und mußten zusehn, wie sie speisten.

10.

[Illustration: N]

Nach Tische ward an Aladdin

Vom Sultan väterlich die Frage

Gerichtet, ob es ihm behage,

Sogleich die Hochzeit zu vollziehn.

Er gab zur Antwort: "Herr, du weißt,

Wie sehr ich nach dem Glück verlange,

Das die Prinzessin mir verheißt.

Jedoch damit ich ihrem Range

Gemäß an unserm Hochzeitstag

Sogleich in tadellosen Räumen

Ein neues Heim ihr bieten mag,

Laß noch für kurze Zeit mich säumen.

Ein Schloß, versehn mit jeder Zier,

Will ich errichten. Weise mir

Drum einen angemessnen Bauplatz."

Der Sultan drauf: "Mein Sohn, du hast

Die Auswahl. Hier vor dem Palast

Liegt, wie du siehst, ein leerer Schauplatz,

Wo für dein Schloß genügend Raum.

Nur laß es möglichst rasch erbauen;

Denn, glaube mir, ich kann es kaum

Erwarten, euch vermählt zu schauen."

Nach dem Gelöbnis, daß er sicher

Den Bau nach Kräften fördern werde,

Nahm Aladdin mit feierlicher

Umarmung Abschied, stieg zu Pferde

Und trabte durch die gleichen Gassen

Mit dem Gefolg zurück nach Haus,

Umbrandet wieder von den Massen

Des Volks mit lautem Jubelbraus.

Daheim kaum angelangt, beschwor

Den Geist er abermals und sagte:

"Schon dein bisherig Wirken ragte

Durch Kraft und Schnelligkeit hervor.

Doch zu dem ungemeinen Werke,

Das jetzt mir unentbehrlich ist,

Bedarf ich deiner ganzen Stärke.

Du sollst in möglichst kurzer Frist

Grad gegenüber vom Palaste

Des Sultans mir ein stolzes Schloß

Errichten, das vom Erdgeschoß

Bis zu des Daches Flaggenmaste

Der Sultanstochter, meiner Frau,

Trotz ihrem sehr verwöhnten Auge

Zur künftigen Behausung tauge.

Welch ein Gestein du für den Bau

Verwenden willst, ob Marmorquadern,

Schneeweiß mit feinen schwarzen Adern,

Ob Jaspis, ob Achat, Lasur,

Das stell' ich ganz in dein Ermessen;

Doch sollst du--dies beding' ich nur--

Nicht einen großen Saal vergessen

Im obern Stockwerk, der bekrönt

Von einer Kuppel, an den Wänden

Durch Gold und Silber sei verschönt.

Auch soll, um hellstes Licht zu spenden,

Er vierundzwanzig Fenster zählen;

Die Rahmen seien alabastern,

Das Gitter sollst du mit Juwelen

Von unerreichtem Glanz bepflastern.

An einem wohlverwahrten Platz

Befinde ferner sich ein Schatz

Gemünzten Goldes aufgespeichert,

Der für mein Lebtag mich bereichert.

Auch will ich, daß man eine Flucht

Von Küchen trifft am rechten Orte,

Nebst Vorratskammern jeder Sorte,

Und Ställe voll von edler Zucht.

Ingleichen soll das Lustschloß innen

Bevölkert sein mit einem Heer

Von Dienern und von Dienerinnen.--

Das alles schaff' mir nach Begehr,

Und wenn du fertig bist, komm wieder."

Als er dem Geiste dies gebot,

Sank abendlich die Sonne nieder.

Am andern Tag ums Morgenrot

Erschien der Geist an seinem Bette:

"Vollendet ist, was du bestellt;

Schau," sprach er, "ob es dir gefällt."

Er trug darauf ihn an die Stätte.

Wie sehr war Aladdin verwundert!

Da stand, erbaut in einer Nacht,

Ein Schloß, wie noch kein halb Jahrhundert

Voll Menschenarbeit es vollbracht.

Er glaubte wahrlich nur zu träumen,

Als ihn der Geist in allen Räumen

Herumgeleitete. Da war

Sein Auftrag Punkt für Punkt vollzogen,

Bei weitem überholt sogar:

Gewölbe, Säulen, Pfeiler, Bogen

Von höchster Schönheit, ein Gewimmel

Von Dienstbeflissnen überall;

An Silberkrippen in dem Stall

Die schönsten Rappen, Füchse, Schimmel;

Mundvorrat jeder Art, nicht sparsam

In Küch' und Kammern schon verfacht;

Der Schatz in sicherem Gewahrsam,

Von einem Schließer treu bewacht,

Mit Gold gefüllte Riesensäcke,

Gehäuft, getürmt bis an die Decke.

Nachdem sich Aladdin das Ganze

Von Grund aus angesehn, zumal

Auch noch den großen Kuppelsaal,

Sprach er, geblendet von dem Glanze,

zum Geist: "Ich muß dir Beifall zollen;

Befriedigt wurde musterhaft

Von dir mein Wünschen und mein Wollen.

Nun sei nur noch herbeigeschafft

Ein langer Teppich aus Damast,

Von feenhaftem Farbenschimmer;

Du sollst, befehl' ich, vom Palast

Des Sultans ihn bis an die Zimmer

Der Herrin dieses Schlosses breiten.

Ihn soll auf ihrer Wanderung

Ins neue Heim ihr Fuß beschreiten."

Der Geist entfernte sich im Schwung,

Und eh' sich's Aladdin versah,

Lag der damastne Teppich da.

Der Geist kam wieder ohne Rast

Und trug nach Haus ihn unverdrossen,

Grad als die Pforten am Palast

Des Sultans wurden aufgeschlossen.

Die Pförtner wunderten sich sehr,

Als drüben, dicht vor ihren Nasen,

Wo gestern noch die Stätte leer

Und nur bewachsen war mit Rasen,

Ein Wunderbauwerk hoch und hehr

Sie ragen sahen in die Lüfte.

Die Nachricht schwirrte mit Gesumm

Beflügelt im Palast herum;

Der Hofstaat machte höchst verblüffte

Gesichter, und der Großvezier

Lief, als er eine Weile stier

Den rätselhaften Spuk beglotzt,

zum Sultan hin und sprach entrüstet:

"Wer sich mit einem Kunststück brüstet,

Das jeglicher Erfahrung trotzt,

Der steht im Bund mit Zauberei!"

Der Sultan gab zur Antwort: "Ei,

Man muß nicht gleich das Schlimmste denken.

Was ist denn weiter auch dabei?

Ein Mann, der so vermag zu schenken,

Den drum mein fürstliches Vertrau'n

Erkor zu meiner Tochter Gatten,

Der kann sich wohl den Spaß gestatten,

Ein Schloß in einer Nacht zu bau'n.

Er gibt als reichster Mann der Welt

Uns nur ein augenfällig Zeichen,

Daß man mit sehr viel barem Geld

So ziemlich alles kann erreichen.

Der Bau dort stammt aus goldnen Quellen,

Und wenn du trachtest, ihn als Frucht

Von Zauberkünsten hinzustellen,

So spricht aus dir die Eifersucht."--

Zur Stunde, da sich so die beiden

Besprachen, war in ihrem Haus

Die Mutter Aladdins drauf aus,

Mit jenem Staat sich zu bekleiden,

Den ihr die Sklavinnen gespendet,

Und ließ, nachdem durch deren Walten

Ihr Putz in Bälde war vollendet,

Von ihnen sich die Schleppe halten

Auf ihrem Wege zum Palast.

Auch Aladdin, im Vaterhause

zum allerletztenmal zu Gast,

Brach auf nach kurzer Ruhepause.

Die vielbewährte Wunderlampe

Nahm er dabei wohlweislich mit,

Bestieg sein flinkes Pferd und ritt

Gradaus zu seines Schlosses Rampe.

[Illustration: Der Sultan erblickt das Schloß Aladdins]

Der feierliche Freudenklang

Von Trommeln, Pfeifen und Trompeten

Erscholl der Mutter zum Empfang.

Von des Palastes Zinnen wehten

Im Winde fröhlich bunte Fahnen;

Aus Schalen strömte Balsamduft;

Der Hofstaat stand auf den Altanen

Und schwenkte Tücher durch die Luft.

Die Stadt ward neuerdings geschmückt

Mit Laubwerk, Teppichen und Lichtern;

Viel deutlicher war den Gesichtern

Des Frohsinns Stempel aufgedrückt

Als beim gestörten Hochzeitsfeste

Von damals. Die verdutzte Schar

Des Volks erblickte zwei Paläste,

Wo tags zuvor nur einer war;

Zumal bestaunten sie den neuen,

Und laut bekannte jedermann,

Er müsse den Vergleich nicht scheuen,

Ja, steh' dem alten weit voran.

Aladdin und die Wunderlampe Tausend und einer Nacht nacherzaehlt · 第 2 / 4 段