Sich herzten, sich im Überschwang
Umschlungen hielten endlos lang
Und heiße Freudentränen weinten
In ihres Wiedersehens Rausch.
Zuletzt indessen unterbrach
Der Zärtlichkeiten holden Tausch
Bedeutsam Aladdin und sprach:
"Vergib mir, mein geliebtes Weib,
Ich muß, eh wir einander klagen,
Was wir erlebt in diesen Tagen,
Vor allem dich nach dem Verbleib
Der unscheinbaren Lampe fragen,
Die, während ich zur Jagd gezogen,
Im Saale stand auf einem Spind."
"Ach," seufzte sie, "sei nur gelind!
Ich selber wurde ja betrogen.
Längst ahnt mir, daß uns ihretwegen
Ereilte dieser Schicksalsschlag."
Drauf Aladdin: "Da sie zu hegen
Ich töricht unterlassen, lag
Die Schuld an mir. Doch jetzt erwägen
Wir besser, was den Schaden heilt.
Drum sag' mir, wo sie hingeraten."
Sobald sie dies ihm mitgeteilt,
Rief er: "Ich rieche nun den Braten!
Den Händler kenn' ich! Dieser Schuft,
Schon einmal wollt' er mich vernichten."
Sie fuhr dann fort, ihm zu berichten,
Wie nachts unmerklich durch die Luft
Entführt, sie morgens beim Erwachen
Sich hier in diesem fremden Land
Befunden, Afrika genannt,
Und wie der Kerl mit frechem Lachen
Sich ihr als Schloßherrn vorgestellt.
Drauf Aladdin mit Zornesfunken
Im Auge: "Solchen Erzhalunken
Hat nie zuvor gesehn die Welt.
Sprich, hast du nicht vielleicht erfahren,
Wo er die Lampe hält versteckt?"
Sie gab zur Antwort: "Wohl gewahren
Konnt' ich, daß unterm Kleid verdeckt
Er sie beständig bei sich trägt.
Denn seit ich hier bin, kommt er täglich
Zu längerem Besuch und legt
Es darauf ab, mich unerträglich
Mit ekler Huldigung zu quälen.
Ja, mehr noch, er verlangte dreist,
Ich solle zum Gemahl ihn wählen,
Weil du nicht mehr am Leben seist.
Mein Vater habe dir im Zorn
Den Kopf herunterschlagen lassen.
Dies Lied begann er stets von vorn,
Obwohl ich glühend ihn zu hassen
Beteuerte. Der eitle Wahn
Erfüllt ihn, daß ich auf die Dauer
Nicht widerstehe, wenn die Trauer
Um dich allmählich abgetan.
So hab' ich stets vor seiner List
Und seiner Schlechtigkeit gezittert
Bis heute, wo du bei mir bist."
"Ihm soll", rief Aladdin erbittert,
"Was andres blühen, als er meint.
Sei nur getrost! Von diesem bösen,
Ruchlosen, ränkevollen Feind
Werd' ich uns hoffentlich erlösen.
Was auch geschieht, mit Zuversicht
Vertraue mir bis zur Entscheidung,
Und siehst du später in Verkleidung
Mich wiederkehren, staune nicht."
Sobald er seines Schlosses Mauern
Verlassen, ging er querfeldein
Und traf in einem Palmenhain
Nach kurzer Wandrung einen Bauern.
Er fragte diesen nach dem Wege
Zur nächsten Stadt, und ob sein Kleid
Mit ihm zu wechseln er bereit.
Der Bauer war durchaus nicht träge,
Für dieses Fremden reiche Tracht
Sein schäbig Zeug daranzusetzen,
Und Aladdin, nachdem er sacht
Geschlüpft war in die alten Fetzen,
Schritt auf den ihm beschriebnen Pfaden
Der Stadt entgegen, kam hinein
Und fragt' in einem Krämerladen,
Ob ein gewisses Pülverlein
Zu haben sei. Der Krämer nickte,
Betonte nur, weil das geflickte
Gewand des Käufers ein Beweis
Der Armut schien, den hohen Preis.
Doch als der Fremde nicht verlegen
Ein Goldstück aus dem Beutel zog,
Bracht' er das Pulver ihm und wog
Ein Lot ihm ab.
Auf gleichen Wegen
Kam Aladdin ins Schloß zurück
Und sprach zu seiner Gattin: "Höre!
Notwendig für mein Wagestück
Ist mir dein Beistand. Ich beschwöre
Dich drum, befolge meinen Rat!
Wirf dich in deinen schönsten Staat,
Schmück' mit Geschmeide dich und Spangen,
Um den Entführer, wenn er naht,
Mit wärmstem Gruße zu empfangen.
Damit kein Argwohn ihn beirrt,
Stell' dich, als ob du mich vergessen,
Wenn dir's auch noch so sauer wird,
Und lad' ihn ein zum Abendessen.
Sobald er dann mit dir in frecher
Behaglichkeit bei Tische sitzt,
Laß ihm kredenzen einen Becher,
Gefüllt mit Wein, in den verschmitzt
Vorher dies Pulver du gestreut,
Und bitt' ihn höflich, dir zu Ehren
In einem Zug ihn auszuleeren.
Von dieser Bitte hocherfreut
Wird er den Wein hinuntertrinken
Und leblos auf den Boden sinken,
Bevor er noch den Trunk bereut."
Wenn dieses Spiel auch recht verfänglich
Ihr vorkam, so versprach sie fest,
Sie werde tun, was unumgänglich.
Er barg sich für des Tages Rest
In einem abgelegnen Flügel
Des Schlosses. Als die fernen Hügel
Die Dämmerung mit ihrem grauen
Gewebe langsam überspann,
Rief Bedrulbudur ihre Frauen,
Mit deren Beistand sie begann,
Aufs wunderbarste sich zu schmücken.
Voll Sorgfalt ward ein herrlich Kleid
Ihr angelegt und zum Entzücken
Verziert mit flimmerndem Geschmeid.
Ihr Gürtel, ihre Spangen waren
Gleichwie der Reif in ihren Haaren
Mit Diamanten dicht besetzt;
Und um den Hals die Perlenkette--
Welch noch so große Fürstin hätte
Sich glücklich nicht mit ihr geschätzt?
Sie sah, nachdem der Putz vollendet,
Ihr Bild in einem Spiegel an
Und dachte sich: "Wo lebt ein Mann,
Der nicht von so viel Reiz geblendet
Vor mir die Waffen mußte strecken?"
Sie stieg hierauf zum Kuppelsaal
Empor, worin schon für das Mahl
Ein Tischlein stand mit zwei Gedecken.
Sie hatte noch nicht lang' geharrt,
Als pünktlich zur gewohnten Stunde
Der Zaubrer eintrat und erstarrt
Von so viel reichem Schmuck im Bunde
Mit so viel Schönheit stehen blieb.
Sie schritt holdselig ihm entgegen,
Als wäre sein Besuch ihr lieb,
Und tat, als ob nur seinetwegen
Sie so verlockend sich und prächtig
Gekleidet. Zögernd nahm er Platz,
Noch immer keines Wortes mächtig.
"Freund, sollte dich der Gegensatz
In meiner Stimmung Wunder nehmen,"
Begann sie lächelnd, "So vernimm,
Ich mag mich jetzt nicht länger grämen.
Denn daß durch meines Vaters Grimm
Mein Gatte seinen Tod gefunden,
Davon hast du mich überzeugt.
Gesetzt auch, daß ich tiefgebeugt
Mit unheilbaren Herzenswunden
Wehklagen wollt' um ihn beständig,
Er würde doch nicht mehr lebendig.
Ich gönn' ihm seine Grabesrast,
Und weil sich meine Fesseln lösten,
Bin ich entschlossen, mich zu trösten,
Und lade dich bei mir zu Gast."
[Illustration: Aladdin holt sich die Wunderlampe wieder]
Der Zaubrer bildete frohlockend
Sich ein, gewonnen sei das Spiel,
Sah sich im Geiste schon am Ziel
Des kühnsten Wunsches, dankte stockend
Und setzte sich mit ihr zu Tisch.
Wie dort zu ihm verführerisch
Nun ihre Blicke sich erhoben,
Da schien es ihm unzweifelhaft,
Sie habe sich in ihn vergafft
Und wolle sich mit ihm verloben.
Ein üppig Mahl ward aufgetragen,
Und eine Sklavin reichte Wein.
Selbst schenkte die Prinzessin ein,
Goß unbemerkbar ohne Zagen
Das Pulver in des Gastes Becher
Und sprach: "Willst du mir frohen Mut
Bereiten, dann als wackrer Zecher
Trink' auf mein Wohl dies Rebenblut!"
"Ja, du Geliebte, du Verehrte,
Dies auf dein Wohl und unsern Bund!"
So rief er hochbeglückt und leerte
Den Becher aus bis auf den Grund.
Nach einem letzten kurzen Schnaufen
Fiel er bewußtlos rücklings hin.
Geholt von einer Dienerin
Kam Aladdin herbeigelaufen.
Als Bedrulbudur ihn umschlang,
Sprach er: "Begib dich auf dein Zimmer;
Denn mancherlei bleibt mir noch immer
Zu tun, obwohl dir dies gelang."
Nachdem sie sich entfernt, verlor
Er keine Zeit. Er riß der Leiche
Das Kleid auf, zog die wunderreiche
Geraubte Lampe draus hervor,
Ließ das entseelte Jammerbild
Fortschaffen von zwei starken Knechten
Hinaus ins nächtige Gefild,
Damit die Geier sein gedächten,
Wenn sie's gelüstete nach Speise,
Berief dann in gewohnter Weise
Den Geist und sagte: "Bring' sofort
Mein Schloß an seine alte Stelle!"
Noch nicht vollendet war das Wort,
Als schon der Geist in Windesschnelle
Mit fast unmerklichem Vollzug
Das Bauwerk durch die Lüfte trug.
15.
[Illustration: D]
Der Sultan, der bis jetzt unendlich
Um seine Tochter sich gegrämt,
War vor Verwundrung wie gelähmt
Als morgens breit und gegenständlich,
Zurückgekehrt zum alten Platz
Das Schloß zu ihm herübergrüßte.
Der Anblick bot ihm für verbüßte
Betrübnis reichlichen Ersatz.
Er ließ ein Pferd sich satteln, trabte
Zum Schloß, verfügte sich geschwind
Zu seinem lang entbehrten Kind
Und ihre Zärtlichkeit erlabte
Sein Vaterherz. Dann wollt' er wissen,
Welch unglückselige Verkettung
Sie damals plötzlich ihm entrissen,
Und welchem Umstand ihre Rettung
Zu danken sei. Mit knappen Strichen
Erzählte sie vom fürchterlichen
Schwarzkünstler, der durch Zaubermacht
Sie mit dem Schloß entführt bei Nacht;
Wie von dem Schändlichen bedrückt
Sie schon geglaubt, ihm zu erliegen,
Bis ihrem Gatten es geglückt,
List gegen List ihm obzusiegen.
Ihr Vater war damit zufrieden,
Und als nunmehr auch Aladdin
Ins Zimmer kam, da zog er ihn
An seine Brust und sprach: "Hienieden
Ist man dem Irrtum ausgesetzt.
Vergib mir, wenn aus Übereilung,
Mein Sohn, ich blindlings dich verletzt.
Du brachtest meinen Schmerzen Heilung,
Indem du mir mein Kind befreit
Und sie behütet hast vor Schande;
Dies dank' ich dir für alle Zeit."--
Gefeiert ward im ganzen Lande
Die Wiederkehr des jungen Paars.
Ihr Glück verdüsterte kein Schatten.
Doch nicht die letzte Prüfung war's,
Die beide zu bestehen hatten.
Der Zaubrer nämlich, der ein Leben
Von großer Zähigkeit besaß,
War durch das Pulver, als dem Fraß
Der Geier man ihn übergeben,
In Wahrheit nur betäubt gewesen,
Von seinem Scheintod aufgewacht
Am nächsten Tag und bald genesen.
Er schwor, von Racheglut entfacht
Und vollgepfropft mit Gift und Geifer,
Er wolle vor Vergeltungseifer
Nicht rasten fürder und nicht rosten,
Und drum begann zum drittenmal
Er schleunigst über Berg und Tal
Die Reise nach dem fernen Osten.
Nach einem ganzen Wanderjahr
Voll Mühe, Drangsal und Gefahr
Kaum in der Hauptstadt angekommen,
War er nach einem neuen Kniff
Umschau zu halten im Begriff.
Er hörte dort von einer frommen,
Betagten Wundertäterin
Erzählen, die Fatime hieß
Und sich mit schlicht erhabnem Sinn
Der stillen Andacht überließ
In einer abgeschiednen Klause.
Durch Gassen, die man ihm beschrieb,
Schlich er zu ihrem kleinen Hause
Bei dunkler Nachtzeit wie ein Dieb,
Drang in ihr ärmlich Zimmer, weckte
Mit rohem Schütteln die Erschreckte,
Hielt einen Dolch ihr vor und sprach:
"Du sollst entseelt sogleich erblassen,
Kommst du nicht meiner Vorschrift nach!"
Sie mußt' ihm ihre Kleider lassen
Sowie den Schleier und die Haube,
Nebst dem geweihten Rosenkranz.
Obwohl dem Räuber sie sich ganz
Willfährig zeigte, ja, zum Raube
Hilfreich sogar die Hand ihm bot,
Stach er sie vorsichtshalber tot.
Sodann vor einem Spiegel schor
Den Bart sich weg der Halsabschneider,
Warf sich in seines Opfers Kleider,
Und als die Sonne stieg empor,
Trat er verschleiert auf die Gasse.
Der eine sprach zum andern: "Schau,
Dort geht einher die fromme Frau,"
Und eine große Menschenmasse
Umgab ihn rings voll Dankgefühl
Und folgte, Segenswünsche hegend,
Ihm nach bis in des Schlosses Gegend.--
Als die Prinzessin das Gewühl,
Vom Kuppelsaal herunterlugend,
Wahrnahm und obendrein erfuhr,
Daß all dies bunte Volk der Spur
Fatimens folge, deren Tugend
Und Heiligkeit ihr längst bekannt
Als der Verehrung Gegenstand
Und als das Vorbild frommer Sitten,
Da dachte sie, daß ihr gezieme,
Die Frau zu sich heraufzubitten.
Zu der vermeintlichen Fatime
Kam eine Botin, sie zu holen.
Der Zaubrer, nicht an seinem Sieg
Mehr zweifelnd, schmunzelte verstohlen,
Als er mit ihr den Saal erstieg,
Und fing, nachdem er ihn betreten,
Mit solcher Inbrunst an zu beten,
Daß die Prinzessin sich verneigte
Voll Ehrerbietung. Da der Schlimme
Sie ansprach mit verstellter Stimme,
Sowie nur hinter Schleiern zeigte
Sein glattgeschorenes Gesicht,
Erkannt' ihn Bedrulbudur nicht
Und sprach "Laß mich die Gunst begehren,
Fatime, daß du dauernd weilst
An unserm Herd und gute Lehren
Zu frommem Wandel mir erteilst."
Der abgefeimte Tückebold
Erklärte gern sich einverstanden;
Das war es ja, was er gewollt!
"Ein stilles Zimmer ist vorhanden
Im Schloß," fuhr die Prinzessin fort
In ihrer gläubigen Betonung,
"Und deiner Andacht wirst du dort
Obliegen können ohne Störung.
Erst aber mögest du mir ehrlich
Gestehn, wie dir das Schloß gefällt."
Der Zaubrer gab zur Antwort. "Schwerlich
Ist seinesgleichen auf der Welt;
Und dennoch, trotz der Raumverschwendung
Und dem Geschmack der Farbenwahl,
Bedrückt mich, daß in diesem Saal
Noch etwas mangelt zur Vollendung."
"Was ist es?" Scheinbar auf ihr Drängen
Erwiderte der Schuft: "Verzeih',
Von dieser Kuppel müßt' ein Ei
Des Vogels Roch herunterhängen."
Sie fragte, wo man das wohl fände.
Der Zaubrer drauf: "Gewaltig groß
Ist dieser Roch und nistet bloß
Auf Spitzen schroffer Bergeswände."
Sie dankte für den Rat und führte
Die falsche Heilige, noch immer
Nichtsahnend, selber auf ihr Zimmer.
[Illustration: Aladdin tötet den verkleideten Zauberer]
Zum Saal zurückgekehrt, verspürte
Nun die Prinzessin, an der Angel
Des Zaubrers haftend, jenen Mangel,
Den nie zuvor sie wahrgenommen.--
Als Aladdin von einem Ritt
Heimkommend ihr entgegenschritt,
War sie so wunderlich beklommen,
Daß er sie fragte nach dem Grund.
Sie mußt' ihm ihr Gelüst enthüllen,
Und er, sobald ihr Wunsch ihm kund,
Gab ihr sein Wort, ihn zu erfüllen.
Er ging alsbald in sein Gemach
Und rieb sie Lampe, die verschlossen
Jetzt stand in einem sichren Fach.
Nachdem der Geist emporgeschossen,
Sprach er: "Dich wiederum zu sputen,
Befehl' ich dir. Es fehlt uns noch
Im Saal ein Ei des Vogels Roch.
Verschaff mir's binnen drei Minuten!"
Kaum war das Wort entflohn, da fing
Der Geist so furchtbar an zu dröhnen,
Zu schrei'n, zu wimmern und zu stöhnen,
Daß Hören ihm und Sehn verging
Und zitternd er zu Boden sank.
"Elender," brüllte mit Gepolter
Der Riese, "spannst du mich zum Dank
Für meinen Frondienst auf die Folter?
Befiehlt, ich soll auf meinen Schwingen
Als Deckenschmuck für seinen Saal
Dir meinen eignen Vater bringen?
Sei froh, wenn nicht mein Donnerstrahl
Dich und dein Schloß in Asche wandelt.
Ich weiß zu deinem Glück, du hast
Nicht aus dir selber so gehandelt.
Dein Todfeind weilt bei dir zu Gast.
Er ward nicht von dir umgebracht,
Nein, kam ins Land, um sich zu rächen,
Ergatterte durch ein Verbrechen
Der heiligen Fatime Tracht,
Und deine Frau, von ihm umgarnt,
Trieb zu dem schändlichen Befehle
Dich arglos an. Drum sei gewarnt;
Er will dir meuchlings an die Kehle."
Sprach's und verschwand. Sofort verfügte
Sich Aladdin zurück zum Saal,
Wo seine Gattin sich vergnügte
Mit einem Ballspiel, und befahl,
Man mög' ihm gleich Fatime holen.
"Sei mir gegrüßt!" rief Aladdin,
Als der vermummte Feind erschien;
"Denn warm hat man dich mir empfohlen.
Gib, fromme Frau, mir deinen Segen."
Der Zaubrer kam ihm sacht entgegen,
Und er bemerkte, wie der Strolch
Ein Messer unter seinem Kleide
Heimlich herauszog aus der Scheide.
Schnell griff er seinen eignen Dolch
Und bohrte dessen scharfes Erz
Dem Schurken mitten in das Herz.
Von seinem Blute ward im Saal
Der Boden ringsumher gerötet.
"Weh, was begingst du, mein Gemahl?
Du hast die Heilige getötet!"
Schrie Bedrulbudur sich verfärbend.
Er aber sprach voll Seelenruh':
"Nein, liebe Gattin, komm herzu!
Hätt' ich gesäumt, so läge sterbend
Ich selber hier; denn dieser Tote
Bekam den Lohn, der ihm gebührt:
Erkenn' ihn, der dich einst entführt
Und jetzt mit Meuchelmord mir drohte."
So hatte glücklich unser Held
Sich des Verfolgers nun entledigt,
Der ihm beharrlich nachgestellt,
Und ward vom Schicksal reich entschädigt
Für allen ausgestandnen Harm.
In der geliebten Tochter Arm
Entschlief im hohen Greisenalter
Der Sultan, und sein Schwiegersohn
Mit seiner Frau stieg als Verwalter
Des weiten Reiches auf den Thron.
Sie herrschten als beglückte Leute,
Umringt von Kind und Kindeskind,
Und wenn sie nicht gestorben sind,
So leben sie gewiß noch heute.
[Illustration]