Der Schreiber atmete wieder. »Jetzt halt du die Karte.«

Der bleiche Kapitän hielt die Karte nicht spitzig, sondern umrahmte sie

mit seiner Hand und stülpte die Lippen nach außen. »Schieß.«

Der Schreiber erschrak, spannte alle Muskeln an, zielte kurz und

durchlöcherte die Karte. Verächtlich ließ der bleiche Kapitän sie

fallen. »Ich laß mir das Glas runterschieß, vom Kopf . . . Das wär mir

auch noch was«, sagte der Hauptmann und stellte das Glas, worin das Auge

lag, sich auf den Scheitel. Das Blut verließ sichtbar sein Gesicht.

-- -- -- Das Glas zersprang; das Auge kollerte unters Bett. Der

Schreiber kroch ihm nach und holte es hervor.

». . . Ich halt das Aug mit zwei Fingern«, rief er in heller

Begeisterung.

»Das kannst du ruhig riskier.«

». . . Haaargott . . . Getroffen!« Das Auge war durchs Fenster

hinausgeflogen.

»Das is doch ganz klar.« Der bleiche Kapitän zuckte die Schultern.

Jetzt erst bemerkte der Schreiber, daß sein Fingernagel fort war, und

das Blut ihm einen schmalen Reif ums Handgelenk gezogen hatte.

»Zeig amal . . . Der wird scho wieder nachwachse . . . vielleicht. A

schöns Armreifle.«

»Ein guter Schuß war's doch«, sagte der Schreiber und hielt, das Gesicht

schmerzverzerrt, die Hand hoch. »Aber das Aug ist futsch.«

Da kam der Vernichtungstrieb über die Räuber. Sie schossen durch den

Fußboden, zerschossen den gemalten Engel an der Decke, die

Tapetenblumen, durchlöcherten den heiligen Joseph. Der Schreiber zielte

auf den Wasserkrug; das Wasser platschte auf den Boden und rann unter

der Tür hinaus. Sie schossen blindlings, wohin immer sie trafen; das

Fenster zerschellte; das Federbett hatte unzählige kleine Brandlöcher.

Das Eichhörnchen raste im engen Käfig herum, hockte manchmal

mäuschenstill, die klugen Augen ängstlich auf die Räuber gerichtet, und

raste weiter. Die Kammer stand voll Pulverdampf. Die Räuber glühten. Sie

zerrten die Bettstücke heraus und schmissen sie in die Wasserlache am

Boden, lehnten die Matratze ans Fenster, rissen den Tisch um, das

Bettgestell auseinander und schlichen die Treppe hinunter, aus dem

Hause.

Gegen acht Uhr abends standen sie vor dem »Spitäle«.

Falkenauge kam von zuhause, und als er sie erblickte, steckte er die

Hände in die Rocktaschen und schlenderte vorüber.

Sie lachten ihm nach. Falkenauge wandte sich um, lächelte geringschätzig

und verlegen und ging weiter. Von dem Tage an verkehrte er nicht mehr

mit den Räubern.

»Herrgott, das schönste Ziel ham wir ganz vergessen.«

»Welches denn?« fragte der bleiche Kapitän.

»Das Eichhörnchen.«

Sie schlugen den Weg nach Dürrbach ein, wohin sie seit einiger Zeit

jeden Tag nach Feierabend im Gewaltmarsch von einer Stunde eilten, und

mehr federweißen Most tranken, als sie vertragen konnten, weil sie von

den zwei Wirtstöchtern bedient und von den erzürnten, eifersüchtigen

Bauernburschen belauert wurden. Das endigte oft mit einer Prügelei,

wodurch die zwei Räuber sich veranlaßt fühlten, in der nächsten Nacht

wieder im Dorfwirtshaus zu sitzen.

Falkenauge ergab sich mit Leidenschaft dem Angelsport; er angelte Tag

und Nacht. Der König der Luft lag im Juliusspital, wegen seines

gebrochenen Beines. Die Rote Wolke las klassische Dramen und liebte ein

junges, schönes Lehrerstöchterchen. Einige gründeten einen Rauchklub,

mit hektographierten Statuten, und hielten jeden Sonnabend großes

Wettrauchen ab, in der Kneipe der Witwe Benommen. Der Schreiber legte

Wert auf elegante Kleidung und pflegte sein Schnurrbärtchen. Er war der

einzige, der schon eines hatte. Als Herr Rein den Schreiber das erstemal

rasierte, mit Respekt und voller Hochachtung, denn des Schreibers Vater

war ein Mann mit starkem Bartwuchs, und es war zu hoffen, daß auch der

Sohn eine gute Kundschaft werden würde, sagte er: »Herr Widerschein,

blicken Sie in den Spiegel, da sehen Sie sich widerscheinen.« Vor

vierzig Jahren hatte Herr Rein dasselbe zu des Schreibers Vater gesagt,

als der noch ein Jüngling gewesen war. Und er hatte den Witz nicht

vergessen.

Der vereinsamte Oldshatterhand grub nach Blei in den alten Schießgräben

der Festung, schmolz es im »Zimmer« zusammen, um, ehe er fortginge,

Bleikugeln daraus zu gießen, für den wilden Westen. Jeden Abend saß er

im »Zimmer« und las Indianergeschichten. Eine Landkarte von Amerika hing

jetzt darinnen, auf der die Gegenden, Seen, Prärien und Urwälder, die er

als Westmann aufsuchen wollte, mit Blaustift unterstrichen waren.

Selten hörte er die nahenden Schritte eines Räubers im unterirdischen

Gange. An vielen Abenden zeichnete er stundenlang das »Heilige Tier« ab.

Mit der Zeit bekam er überhaupt keinen Besuch mehr im »Zimmer«.

Durch die allmählich schärfer hervorgetretenen Charakterzüge und

Interessen der einzelnen Mitglieder hatte die Räuberbande sich

aufgelöst.

Ein Ereignis vereinigte am Sonntag nach Pfingsten einen Teil der Bande

zum letzten Male zu einem gemeinsamen Unternehmen.

Die Pflastersteine im Mainviertel waren mit Schilf zugedeckt und die

Häuschen bis zum ersten Stock hinauf mit Buchenlaub beschlagen. Die

Bürger waren festlich gekleidet. Die Sonne schien. Alle Glocken

läuteten. Weißgekleidete kleine Mädchen, die an rosa, grünen, blauen

Nackenbändern Blumenkörbchen trugen, geputzte Frauen, Männer in langen

Gehröcken und mit sehr hohen Zylindern strömten in der Richtung zur

Kirche, um sich dem Zug der Walleute anzureihen.

Beim Weinwirt und Bäckermeister Schlauch war die erste Station. Die

Bäckereiauslage war in einen Altar mit Betpult, Kruzifix und brennenden

Kerzen umgewandelt und mit Laub geschmückt worden, mit Blumen in

himmelblauen Glasvasen aus der guten Stube.

Vor vielen Häuschen, an denen die Walleute vorbeiziehen sollten, waren

solche Altäre hergerichtet.

Oldshatterhand, der Schreiber, die Rote Wolke und die, welche den

Rauchklub gegründet hatten, standen vor dem »Spitäle« beisammen, in

ihren Sonntagsanzügen.

»Das werdet ihr gleich spannen, daß er mitwallt. Ich selber hab Winnetou

mit einer Kerze in die Kirche gehen sehen«, sagte der bleiche Kapitän.

Auf der Festung puffte ein weißes Wölkchen in die blaue Luft -- ein

Kanonenschuß donnerte rollend zur geschmückten Stadt hinunter: der Zug

der Walleute näherte sich, von der Burkarter Kirche kommend.

Der rote Fischer, Herr Mager, Glasermeister Johann Jakob Streberle,

Schuster Widerschein, Benommen der Wirt, Herr Hieronymus Griebe, alle in

Gehröcken und mit Zylindern, brennende Kerzen in den Händen, schritten

im langsamen Wallfahrtsgang durch die Menschen zu beiden Seiten der

Straße und sangen aus dicken Gesangbüchern heraus; zusammen mit den

Kindern, die dünn, mit den Mönchen, die tief sangen, und mit den alten

Weibern, deren Stimmen sich überschlugen, begleitet von der heftig und

getragen blasenden Blechmusikkapelle.

Voran schritt ein alter Mann, der ein hohes Kreuz trug, an dem der

silberne Christus hing. Hinter ihm kam der kleine, dicke Bischof im

Ornat, vor dem Gesicht die Monstranz, vor der alle Menschen das Kreuz

schlugen und niederknieten, nachdem die meisten erst ihr Sacktuch auf

die Erde gebreitet hatten.

Der Vorbeter, ein hinkender Flickschneider, dessen linkes Bein zu kurz

war, schwenkte sich auf seinem normalen Beine herum zu den Walleuten und

rief langgezogen: »Lob und Dank sei ohne End!« Und während das Gemurmel

der Nachbetenden erklang, schwang er sich wieder herum und hinkte weiter

voran, sprang plötzlich mit einem Satz auf Oldshatterhand los,

»Sakramentslausbub!« schlug ihm das Strohhütchen vom Kopfe, hinkte

wieder in die Reihe und fuhr fort, vorzubeten: »Dem allerheiligsten

Sakrament.«

Oldshatterhand hatte den Hut nicht abgenommen vor dem Bischof unter dem

Himmel. Der Himmel wurde an vier Stangen vom Duckmäuser, von Winnetou

und noch zwei Jünglingen getragen.

Oldshatterhands Wange glühte von dem Schlag; die Räuber waren verblüfft.

Aber da war nichts zu machen.

»Da is er!« rief der bleiche Kapitän und deutete auf Winnetou, der den

Kopf senkte, als er bei den Räubern vorüberging.

Der Schreiber schüttelte den Kopf: »Herrgott, wer hätt das vom Winnetou

gedacht.«

Verstummt sahen die Räuber ihm nach.

Die Walleute zogen vorüber, und aus Glockenläuten, Blechmusik und

Böllerschüssen stachen die Altweiberstimmen heraus und hinauf in den

sonnigen Himmel: »O Maria hilf!«

Der Vorbeter war ein reicher Mann und besaß ein großes Haus mit vielen

Fensterscheiben, denn der fromme Schneider war hauptsächlich Pfarrdiener

und eifriger Kirchgänger und hatte sich für das Kleiderflicken Gesellen

angestellt; sein Geschäft blühte.

Am Abend schimpfte der rote Fischer in den »Drei Kronen«: »Ke enzigs

Pfund Fisch verkäff ich's ganze Jahr, wenn i nit mitwall!« Seine

Halsadern schwollen.

>Und welcher gute Bürger würde mir seine Schuhe zum Besohlen geben, wenn

ich nicht ein frommer, gottgefälliger Schuster wäre<, dachte sich Herr

Widerschein und reichte sein leeres Glas der Kellnerin. Er war ein

stiller, arbeitsamer Mann und hatte sechs Kinder zu ernähren.

Bevor es dunkelte, kehrten die Frauen, genau die Breite ihrer Häuser

einhaltend, das zertretene Schilf weg, gossen Kringel mit der Gießkanne

und kehrten sauber nach. Hier war gekehrt -- dort lag noch ein genaues

Quadrat Schilf. Aber um neun Uhr waren die Gassen blitzblank. So wollten

es die Würzburger Stadtväter.

Die Räuber, jeder mit einem faustgroßen Stein in der Tasche,

schlenderten gleichgültig am Wachtmeister vor dem »Spitäle« vorbei und

bogen in die Felsengasse ein, welche von der vielfenstrigen Vorderfront

des Hauses vom frommen Flickschneider abgeschlossen war.

Der bleiche Kapitän verteilte die Fenster sorgfältig an seine Leute,

beschwor sie, genau zu zielen, kommandierte leise und hob die Hand --

die Fensterscheiben klirrten.

Die Räuber flüchteten durch die dunklen Gassen.

Der Oberkörper des Schneiders schoß, wie der Teufel im Hans

Kasperl-Theater, aus dem Fenster.

Da unten war alles still.

Diese eingeschlagenen Fensterscheiben waren für die Räuber der Abschluß

ihrer ersten Jugend.

In der folgenden Woche sprachen alle Einwohner des Mainviertels von ein

und derselben Sache: Herrn Glasermeister Johann Jakob Streberle war ein

Unglück passiert. Alle dreihundertsiebenundsechzig Fenster für das neue

Krankenhaus hatte er um einen Zentimeter zu schmal gemacht; die Fenster

waren unbrauchbar; er mußte eine hohe Konventionalstrafe bezahlen und

machte Bankerott.

Ein paar Wochen lief er traurig in Würzburg herum, lachte nicht mehr;

als Gehilfe Arbeit zu nehmen, ließ sein Meisterstolz nicht zu, und eines

Tages war er verschwunden.

* * * * *

Der bleiche Kapitän, der Schreiber und Oldshatterhand standen am Fluß

beisammen. Falkenauge kam geschritten, energisch.

Quer über seinen Rücken hatte er etwas hängen in einem braunen

Segeltuchfutteral. Es sah aus wie ein Gewehr.

»Wo warst du?«

»Auf der Jagd!« rief Falkenauge, schwang sein Fischnetz und schritt

weiter.

»Also, wenn ich dir sag, man kann's jeden Tag fünf-, sechsmal tun, so

oft's überhaupt geht. Es schadet einem gar nichts; man bleibt genau so

stark und gesund wie man war«, sagte der Schreiber zum bleichen Kapitän

und schloß: »Ich hätt ja selber nit geglaubt, daß es sowas gibt auf der

Welt. Das is ja ganz kolossal.«

Der Schreiber hatte rotumränderte Augen und eingefallene, graue Wangen.

»Wie is denn das? . . . Wie tut man's denn?« fragte Oldshatterhand.

»Für dich is das nichts«, sagte der Schreiber und lächelte dem bleichen

Kapitän zu. »Da bist du vielleicht noch zu klein dazu. Morgen kann ich

dir's ja amal zeig.«

Die drei gingen weiter, am Flußufer hin, hinunter zur Sandinsel, und

saßen dann beisammen an einem kleinen See, der von überhängenden

Weidenbüschen umsäumt war.

Es war ein warmer Abend; Bachstelzen hüpften lautlos und graziös am

Seeufer hin und Raben flatterten immer wieder auf und flogen »aa aa«

schreiend über das Weidenland.

Die rosa Abendwolken wurden von der Dämmerung genommen und am tiefblauen

Himmel traten die Sterne hervor.

»Jetzt sagt halt amal, wann gehn wir denn eigentlich fort?« fragte

Oldshatterhand leise und wand sich einen Weidenzweig schmerzhaft ums

Handgelenk.

»Auf, nach Amerika!« rief lachend der Schreiber. »Hohaho!

Oldshatterhand!«

Der bleiche Kapitän grinste.

»Nun sagen wir nächste Woche«, sprach der Schreiber ernst.

»Jawohl. Nächste Woche. Jawohl.«

»Also! Also ja!« rief Oldshatterhand freudig. »Oder gehen wir doch

lieber jetzt gleich fort! Immerzu da nunter, den Sandweg, bis nach

Frankfurt. Dann kommen wir an den Rhein und nach Hamburg . . . da sind

Schiffe.« Er drehte den Weidenzweig an seinem Handgelenk fester zu.

»Meerschiffe -- -- --«

Der bleiche Kapitän blätterte im Katalog einer Schirmfabrik. »Weißt du

was . . . es gibt überhaupt keine Indianer mehr.«

»Nein, nicht eine einzige Rothaut gibt's mehr.«

»He? Millionen gibt's! He! was wären denn sonst die, von denen in unsern

Büchern steht? He?«

»No ja, ein paar gibt's ja noch«, gab der bleiche Kapitän zu. »Aber ich

hab neulich in der Zeitung gelese, daß die andern alle schon ausgerottet

sind.«

»Oldshatterhand, Oldshatterhand, ein wenig klein bist du für Amerika.«

»Aber ich hab Mut! . . . Und darauf kommt's ganz allein an.«

»Nun, dann hopp! Auf, in den wilden Westen!«

Da schnellte Oldshatterhand in die Höhe. »Ihr geht also nit mit! Ihr

Feigling . . . habt die ganze Jahr her nur geloge?«

»Ich will dir einmal was sagen, jetzt hab ich drei Jahr Lehrzeit

ausgehalten, gestern hab ich mein erste Lohn kriegt, fünfzehn Mark, und

das krieg ich jetzt jede Woche . . . Wär ich da nicht ein Rindvieh, wenn

ich jetzt fortlaufen tät?«

»No allemal«, sagte der Schreiber. »Ich krieg jetzt auch vierzig Mark im

Monat. Dreißig muß ich meiner Mutter geb; aber zehn Mark darf ich

behalt. Das is doch jetzt alles ganz anders«, schloß er nachdenklich.

»Von mein nächste Wochenlohn kauf ich mir den Nadelschirm.« Der bleiche

Kapitän zeigte den Schirm im Katalog. »Acht Mark kost er. Hast scho amal

sowas g'hört? . . . Acht Mark für'n Schirm!« Er lachte krachend und

konnte sich lange nicht beruhigen. »Er is aber auch so dünn wie ein

Federhalter, und der Stoff is fast von Seide.«

Es war jetzt tiefe Nacht geworden.

Oldshatterhand wandte sich um und ging, ohne Adieu zu sagen, langsam

fort. Und nach einer Weile rollten ihm die Tränen an den Wangen

hinunter.

Ein Floß glitt lautlos an ihm vorbei, den Main abwärts. Vorne saß der

Flößer und spielte leise die Ziehharmonika. Irgendwo in der Ferne sang

ein Mädchen.

* * * * *

»Schloßfallenfeuer!!« rief Meister Tritt Oldshatterhand zu, der bis ins

Herz hinein erbebte.

Schleudere einen Bindfaden in die Höhe und klettere daran hinauf in den

Himmel -- hätte das Herr Tritt gerufen, Oldshatterhand wäre mit weniger

Bangen an die Arbeit gegangen.

Noch niemals war eine Schloßfalle von Herrn Tritt geschmiedet worden

ohne Angst und Beben des Lehrjungen, der dazu helfen mußte, und ohne die

starren Blicke der grünlichen Augen des Meisters, denen kurze, heftige

Schläge ins Gesicht folgten. Jedoch nicht die Ohrfeigen waren das Arge,

sondern der Zeitraum zwischen Blick und Schlag, von dem man nicht wußte,

wann er kam, und dem auszuweichen unmöglich war, denn der grüne Blick

hielt fest.

Die elektrischen Türschlösser des Herrn Tritt waren berühmt in Würzburg.

Und das kam von den Schloßfallen, die Herr Tritt stets selbst aus dem

allerbesten Stahl im klarsten Feuer herausschmiedete, eigenhändig mit

nur neuen Feilen zuarbeitete, schmirgelte, wog, schliff, um sie in das

neue elektrische Türschloß des Herrn Metzgermeister Rücken oder des

Herrn Trompeter Wohlleben einzupassen.

Wegen seiner elektrischen Türschlösser hatte Herr Tritt schon einige

Male bankerott gemacht, weil er an einem ein Vierteljahr arbeitete, und

der Preis ein solcher war, daß er es in einer Woche hätte anfertigen

müssen. Jedoch, als hätte der liebe Gott selbst seine Freude an den

mimosenhaften Schloßfallen, fiel der Tod der jeweiligen Ehefrau des

Herrn Tritt immer mit einem Bankerott zusammen, so daß Herr Tritt seine

Kunstwerke weiterhin schaffen konnte, indem er immer wieder eine Frau

mit Vermögen erkor, was ihm nicht schwer fiel, denn er war ein schöner

Mann und zweiter Dampfspritzenführer bei der freiwilligen Feuerwehr.

Oldshatterhand kehrte die alte Asche von der Esse, blies die Stäubchen

aus den Ecken, holte die frischen Kohlen einzeln aus dem Kasten, wählte

sorgfältig harzfreies Tannenholz aus und schürte ein klares Feuer an.

Erschrocken griff er in die Flammen und holte einen Strohhalm heraus,

der das Feuer schmutzig hätte machen können, rückte den Handhammer für

den Meister zurecht, die Feuerzangen, den Vorschlaghammer für sich,

fummelte mit seinem Ärmel den Ambos, bis er glänzte, und wartete.

Unversehens aber blickte er auf die andere Seite des Lebens hinüber,

lange; sein Mund stand offen. Da riß er sich zusammen, flog in die

Werkstatt -- und stellte sich dem Meister: »Ich will fort von Ihnen!

. . . Ich halt's nimmer aus.«

Zuerst kam der erstarrte Blick. Dann der kurze, knallende Schlag ins

Gesicht. Dann stieß Herr Tritt seinen Lehrjungen hinaus auf das

Pflaster. Die andern Lehrjungen standen atemlos, und der Gehilfe bog

sich vor Lachen, daß sein Kopf auf die Werkbank schlug und ihm die

Brille von der Nase fiel.

Der Meister arbeitete weiter; er war eben dabei, an einer der blitzenden

Drehbänke eine kleine Eisenschraube für das elektrische Türschloß zu

drehen, wobei der älteste Lehrjunge helfen mußte, indem er mit dem Fuße

die Drehbank trat, unter verhaltenem Atem, denn er mußte sein ganzes

Gefühl, seine ganze Seele ins Treten legen, als spiele er Piano.

Der Meister nahm den Handstichel weg vom Bolzen und starrte in die Augen

des Lehrjungen, der, vom Blick des Meisters festgehalten, mit zitterndem

Fuße weitertrat, bis der Schlag kam. Der Meister wandte sich wieder

seiner Arbeit zu. Der Eisenspan schlängelte sich am Stichel in die Höhe.

Und nachdem das Eisenschräubchen fertig war, wich die Spannung vom

schweißnassen Lehrjungen, als habe er vor einem Prüfungskollegium ein

Klavierstück glücklich zu Ende gespielt, während der Meister, als habe

er es komponiert, ausgefüllt und aufrecht zum Feuer schritt, um die

Schloßfalle zu schmieden.

Oldshatterhand eilte sofort hinauf auf den Schloßberg und durch den

unterirdischen Gang ins »Zimmer«. Hastig, als habe er keine Zeit zu

verlieren, nahm er den alten Revolver unter der Glasvitrine zu sich,

zündete knieend ein Heftchenbündel an: »Die bleiche Gräfin oder Der Mord

im Walde« und damit die ganze Bibliothek.

Er sah noch, wie die Flammen an den Büchern emporleckten und hinauf zur

Decke schlugen. Der Qualm trieb ihn ins Freie.

Lautlos pufften blaue Rauchwolken aus dem Gang.

Da hörte er ein aufrührerisches Krachen -- eine mächtige Rauch- und

Staubwolke schoß aus dem Gang heraus und zum Himmel hinauf.

Der unterirdische Gang war eingestürzt und das »Zimmer« verschüttet auf

immer. Atemlos stand Oldshatterhand im Festungsgraben.

Von dieser Stunde an war er aus Würzburg verschwunden.

In der Stadt ging das Gerücht, in dem eine Stunde weit vom »Zimmer«

entfernten Nonnenkloster »Himmelspforten« sei in der Zelle der Oberin

hinter dem Schrank Rauch aufgestiegen.

Die Räuberbande · 第 16 / 26 题