Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße
hin.
Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch
einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen
ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach
links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem
Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen.
Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging
weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte
unter dem Brustbein.
-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und
blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß
ein Mensch darauf.
War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden
gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die
Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt?
Nie hatte er so einen Menschen gesehen.
Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank
werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt
fühlte, wie von einem Gespenst.
Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen
dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den
braunen Haaren schon graue.
»Wollen wir ein Stück zusammen gehen?«
»Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?«
»Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts
. . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und
Geld verdienen«, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und
Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte
geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun
konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen.
Wirr vor Verlegenheit, rief er: »Ich heiße Michael Vierkant!« Und sein
zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße.
Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig
ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: »Tom machte sich auf
in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie
möglich das Lebenslicht auszublasen«, und gab es Oldshatterhand zurück.
»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen
wie damals auf dem Heimwege von der Schule. »Das ist vielleicht alles
dumm und nicht wahr, was da drin steht.«
Da sagte der Fremde nachdenklich: »Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist
. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem
Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein
ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein
blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.«
Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich
und gerührt auf Oldshatterhand hinunter.
Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte
Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte.
Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem
Vertrauen zu ihm. »Ich will auch arbeiten«, sagte er ganz still. »Ich
bin nicht so schwach, wie ich aussehe.«
»Nein . . . Sie sind nicht schwach«, sagte der Fremde, mit einem
unbegreiflichen Lächeln.
Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der
Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten
ein bewegtes Schattenmuster darauf.
Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die
Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade,
endlose Straße hinaus.
»Was arbeiten denn Sie jetzt?« fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut,
denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden.
»Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen
muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere
ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach,
unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder
vorwärtsgehen -- -- --«
Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden
zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel.
Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen
und ihn geküßt.
Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner,
und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens
verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden.
Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern
ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich
zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der
spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter
hängen.
»Hast du Zeit? Wohin willst du denn?«
»Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.«
»Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du
mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.«
»Ja!« sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.
* * * * *
Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik
schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp
klipp --, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und
surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen
in »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro«, denn er hatte, ehe er von
Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er
ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er
in der Oper gewesen.
Er versuchte, »Nun danket alle Gott« unterzulegen, oder »Wem Gott will
rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«, aber beugte er
sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so
spielte der Fabriksaal wieder »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!«
Den ganzen Tag »Auf, in den Kampf!«
Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Höhe
jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem
Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal.
Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer
richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer,
verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man
plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die
Vesperpause war gekommen.
Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem
schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten
unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote
säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob,
wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne
anzustoßen auf einmal unterzubringen.
Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt
zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer,
in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: »Jetzt esse
ich meine Bemmchen alleine.«
Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen
hinunter.
Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern
durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die
noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu
Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder »Auf, in den Kampf!« ins
Ohr.
Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen
Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der
langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen
schluchzend.
Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit
Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag.
Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und
Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er
umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus
Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht
-- _Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister
oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen
einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er
brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu
wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken
nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner
Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt,
aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein,
was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß.
Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen
geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine
Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand
in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi
stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage
lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der
Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und
der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr
verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler --
hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, _Etwas_ zu werden.
Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der
ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht
gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er
selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie
klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge
gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus
den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im
Geiste -- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg.
Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den
unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine
Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer
grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er _Etwas_
geworden war.
Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht
unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war.
Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar,
die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als
fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun
der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war.
Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand.
Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften
Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder,
Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende
Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik
entlassen.
»Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?« flüsterte er, ging
fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen.
Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter
Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit
wie ein Traum war die Straße.
Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er
Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine
Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die
linealgerade, endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und
lang, durchschnitten seine Straße.
Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war
eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen,
und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es
roch nach Abort.
In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.
Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete
ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein
orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. »Kommen Sie
doch näher, Herr Vierkant.«
Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender
Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhülsen. »Siebenhundert Stück muß ich
heute noch fertigkriegen«, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere
hantierend. »Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese
auch nicht.«
Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des
Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr
heruntergeglitten. Ihr großer Mund blieb geöffnet.
Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne
Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte
Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war
ärgerlich.