Fünftes Kapitel

Oldshatterhand, auf dem Wege nach Amerika, schritt auf der Landstraße

hin.

Im Tale lag Würzburg. Er sah zurück. Nicht um die verhaßte Stadt noch

einmal zu sehen, die im grauen Dunst lag, denn ein feiner, gerader Regen

ging nieder; er wandte sich nur so um, wie er sich auch einmal nach

links wandte, nach rechts, in den Himmel sah, auf einen Baumstamm, einem

Vogel nach, mit leerem Blick, ohne etwas dabei zu denken und zu wollen.

Manchmal blieb er auch stehen und sah lange in den Straßengraben, ging

weiter, leer im Herzen, empfindungslos, bis auf den Druck in der Mitte

unter dem Brustbein.

-- -- -- Da sah er einen Mann auf einem Kilometerstein sitzen -- und

blieb erbebend stehen: vorher war der Stein leer gewesen, und jetzt saß

ein Mensch darauf.

War er nebenan aus dem dunklen Tannenwald getreten? Aus dem Erdboden

gekommen? In der Luft heran oder -- -- -- aus der Zukunft zurück in die

Gegenwart zu Oldshatterhand geeilt?

Nie hatte er so einen Menschen gesehen.

Aber es war nichts Besonderes an dem Mann, welcher jetzt, schlank

werdend, aufstand und zu Oldshatterhand trat, der sich kühl berührt

fühlte, wie von einem Gespenst.

Der Fremde trug einen Gummimantel. Er war dreißig Jahre alt, hatte einen

dünnlippigen Mund im scharfen Gesicht und an den Schläfen unter den

braunen Haaren schon graue.

»Wollen wir ein Stück zusammen gehen?«

»Ja . . . Aber wohin gehen Sie denn? In welcher Richtung?«

»Jetzt gehe ich eine Weile mit Ihnen -- dann gehe ich wieder vorwärts

. . . Sie wollen in die nächste große Stadt wandern, Arbeit suchen und

Geld verdienen«, schloß der Fremde mehr sagend als fragend. Und

Oldshatterhand schwebte plötzlich in einer roten Schamwolke. Er hatte

geglaubt, daß er jedem Menschen mitteilen könne, was er vorhabe, und nun

konnte er es gleich dem Ersten nicht sagen.

Wirr vor Verlegenheit, rief er: »Ich heiße Michael Vierkant!« Und sein

zerlesenes Indianerbuch fiel ihm auf die Landstraße.

Lächelnd hob der Fremde das Heftchen auf und fragte, ob er es ein wenig

ansehen dürfe, las den ersten Satz auf der Decke: »Tom machte sich auf

in den wilden Westen und war fest entschlossen, so vielen Weißen wie

möglich das Lebenslicht auszublasen«, und gab es Oldshatterhand zurück.

»Hi! hihiha!« lachte Oldshatterhand wieder das kurze, irrsinnige Lachen

wie damals auf dem Heimwege von der Schule. »Das ist vielleicht alles

dumm und nicht wahr, was da drin steht.«

Da sagte der Fremde nachdenklich: »Ja, Sehnsucht ist -- weil Qual ist

. . . Vor vielen Jahren ging ich wie du, diese selbe Straße, bis zu dem

Berg, der meiner Jugend den Blick verstellte, und mich hinter ihm ein

ersehntes, wunderbares Land erträumen ließ. Da sah ich hinunter in ein

blaues Tal, aus dem der Lärm der Arbeit klang -- und stieg hinunter.«

Oldshatterhand blickte zum Fremden in die Höhe und der Fremde zärtlich

und gerührt auf Oldshatterhand hinunter.

Daß er nun plötzlich nicht mehr nach dem wilden Westen wollte, erfüllte

Oldshatterhand mit fassungslosem Staunen, dem ein Ausruhen folgte.

Entlastet schritt er neben dem Fremden her, in sonderbarem, tiefem

Vertrauen zu ihm. »Ich will auch arbeiten«, sagte er ganz still. »Ich

bin nicht so schwach, wie ich aussehe.«

»Nein . . . Sie sind nicht schwach«, sagte der Fremde, mit einem

unbegreiflichen Lächeln.

Wie lautlos vom Himmel gefallen, lag plötzlich die Sonne auf der

Landstraße, die jetzt aus Mattgold war, und die Apfelbaumreihen legten

ein bewegtes Schattenmuster darauf.

Zwei Hasen setzten vor den beiden über den tiefen Graben und flohen, die

Ohren zurückgelegt, hintereinander her, gestreckt die schnurgerade,

endlose Straße hinaus.

»Was arbeiten denn Sie jetzt?« fragte Oldshatterhand ruhig und vertraut,

denn er hatte die Empfindung, mit seinem älteren Ich zu reden.

»Ich . . . denke darüber nach, warum eine junge Blüte vom Baume fallen

muß, bevor sie zur Frucht wird, während neben ihr eine andere

ungehindert zur Frucht reifen darf . . . Darüber denke ich nach,

unaufhörlich. Das ist meine Arbeit. -- Jetzt muß ich wieder

vorwärtsgehen -- -- --«

Mit einem kurzen Pfiff durchschnitt ein Vogel die Luft, auf die beiden

zu, und stieg vor ihnen hinauf in den Himmel.

Da hatte der Fremde seine Arme um den Hals Oldshatterhands geschlagen

und ihn geküßt.

Dann eilte er unhörbar quer über Feld, wurde immer kleiner und kleiner,

und Oldshatterhand blickte ihm nach bis der Fremde unversehens

verschwunden war, als wäre er zu Luft geworden.

Nach einer Weile sah Oldshatterhand seitwärts inmitten von Kornfeldern

ein großes Gehöft liegen, und einen Herrn in Röhrenstiefeln auf sich

zukommen. Der hatte eine goldene Brille mit funkelnden Gläsern auf der

spitzen Nase und ein doppelläufiges Jagdgewehr am Riemen an der Schulter

hängen.

»Hast du Zeit? Wohin willst du denn?«

»Ich gehe nach Frankfurt am Main und suche Arbeit.«

»Wenn du Lust hast, kannst du sechs Mark verdienen und dein Essen. Du

mußt dafür in meinem Keller eine Woche lang Kartoffeln sortieren.«

»Ja!« sagte Oldshatterhand, und ging mit dem Mann.

* * * * *

Die Transmissionen im großen Arbeitssaal der Dresdener Fahrradfabrik

schnurrten und sangen, die breiten Treibriemen klatschten -- klipp klapp

klipp --, Hämmer klopften, Drehbänke und Bohrmaschinen rasselten und

surrten, die Feilen rauschten; und alles klang Oldshatterhand zusammen

in »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro«, denn er hatte, ehe er von

Frankfurt nach Dresden gefahren war, Carmen gehört, und seitdem, wo er

ging und stand, Stellen daraus gesummt und gesungen. Nie vorher war er

in der Oper gewesen.

Er versuchte, »Nun danket alle Gott« unterzulegen, oder »Wem Gott will

rechte Gunst erweisen, den schickt er in die weite Welt«, aber beugte er

sich auch nur einen Augenblick aufmerksamer über seine Arbeit, so

spielte der Fabriksaal wieder »Auf, in den Kampf! To . . . re . . . ro!«

Den ganzen Tag »Auf, in den Kampf!«

Ein klagend beginnender, durch Not und Qual durch -- und in die Höhe

jagender und, als reichte der Atem nicht mehr, in maßlosem, wildem

Schmerz jäh abbrechender Pfiff heulte durch den Fabriksaal.

Hämmer und Feilen polterten auf die Werkbänke. Schweißgeschwärzte Männer

richteten sich auf. Die Treibriemen sangen leiser, klatschten langsamer,

verklangen und hingen reglos. Es war still, wie in der Nacht, wenn man

plötzlich aus einem wilden, geräuschvollen Traum erwacht: die

Vesperpause war gekommen.

Oldshatterhand hatte seinen Schraubstock beim Fenster neben einem

schlottrigen Mann mit tief eingefallenen Wangen und grünen Schatten

unter den Augen, der jetzt an der Werkbank saß, seine Butterbrote

säuberlich in Streifen schnitt und sie bedächtig in den Mund schob,

wobei er ihn weit aufriß, um die langen Butterbrotstreifen ohne

anzustoßen auf einmal unterzubringen.

Bei jedem Brotstreifen zwinkerte er Oldshatterhand zu und dann vergnügt

zu einem Honigglas vor sich auf dem Fenstersims, in dem sich ein langer,

in vielen Falten gelegter weißer Bandwurm befand, und sagte: »Jetzt esse

ich meine Bemmchen alleine.«

Verzweifelt wandte Oldshatterhand sich weg. Er brachte keinen Bissen

hinunter.

Da heulte wieder der in Wut und Qual jäh endende Pfiff den Arbeitern

durch die Gehirne. Wie Lebewesen begannen die Maschinen zu laufen; die

noch kauenden Arbeiter reckten sich gähnend und griffen langsam zu

Hämmern und Feilen. Oldshatterhand klang wieder »Auf, in den Kampf!« ins

Ohr.

Der Pfiff, der um sechs Uhr Feierabend verkündete und von einer anderen

Dampfpfeife abgegeben wurde, klang ganz anders, klang wie der

langgezogene Flötenton eines Singvogels und endete abgebrochen

schluchzend.

Die zwölfhundert Arbeiter quollen durch das Fabriktor ins Freie, mit

Mienen der Erleichterung und Freude, denn es war Sonnabend und Zahltag.

Oldshatterhand ging nachdenklich am Bretterzaun entlang. Daumen und

Zeigefinger spielten mit dem verdienten Geld in der Westentasche. Er

umkreiste wieder seine Sehnsucht, die ihn das ganze Jahr, seitdem er aus

Würzburg hinausgewandert war, nicht mehr verlassen hatte. Die Sehnsucht

-- _Etwas_ zu werden. Er wollte _Etwas_ werden. Nicht gerade Minister

oder Bürgermeister; aber doch etwas, das ihm die Achtung der Menschen

einbringen mußte. Doktor, sagte er sich, könne er kaum werden, denn er

brauche nur an seine Schuljahre zurückzudenken; an Herrn Mager, um zu

wissen, daß er dazu viel zu dumm sei. Immer wenn er dem Gedanken

nachhing, daß er etwas werden müsse, flackerten die Demütigungen seiner

Jugend ihm aus den Augen, dann war er oft stundenlang niedergedrückt,

aber manches Mal fühlte er sich auch angespornt. Es müsse etwas sein,

was eine demütigende, untergeordnete Stellung ausschloß.

Einige Tage vorher war er auf der Straße bei einem Geometer stehen

geblieben und hatte zugesehen, wie der Mann ohne viel Worte seine

Arbeiter mit Stangen und Bandmaß hantieren ließ. Da hatte Oldshatterhand

in einem Blitz der Erinnerung Benommen, den Amerikaner, am Mississippi

stehen sehen, mit ihm den Geometer verglichen, und hatte einige Tage

lang überlegt, ob er nicht Geometer werden könne. In einen Taumel der

Begeisterung hatte ihn der José im Frankfurter Opernhaus versetzt, und

der Gedanke, ein Künstler zu werden, hatte ihn seitdem nicht mehr

verlassen. Nicht gerade Schauspieler oder Sänger; irgendein Künstler --

hier müsse für ihn die Möglichkeit sein, _Etwas_ zu werden.

Wann immer Oldshatterhand einem gutgekleideten Menschen begegnete, der

ruhig seines Weges ging und dessen Gesicht von Demütigungen nicht

gezeichnet war, folgte er ihm, dachte sich glühend in ihn hinein, bis er

selbst zu dem vor ihm Gehenden wurde, worauf er seine Wunschphantasie

klettern ließ. In Frankfurt am Main, wo er auch eine Zeitlang Liftjunge

gewesen war, in einem Hotel in der Fahrgasse, hatte keiner der Gäste aus

den sehnsüchtigen Augen des Liftjungen herausgelesen, daß dieser im

Geiste -- als Fremder mit dem Fremden im Lift in die Höhe stieg.

Oldshatterhand war langsam weitergegangen. Er sah zurück in den

unerreichbar weit entfernten, verwilderten Garten, in dem seine

Jugendträume und seine Sehnsucht weiterlebten, umschlossen von einer

grauen, türlosen Mauer, die sich ihm nur öffnen konnte, wenn er _Etwas_

geworden war.

Da blieb er betroffen stehen, vor einem Jüngling, dessen Gesicht

unbeweglich, wachsbleich und unter den trüben Augen schwarzviolett war.

Das Hemd stand vorne offen und bot den grausig abgemagerten Körper dar,

die schweißfeuchten Schulterknochen und Rippen. Ganz vorsichtig, als

fürchte er auseinanderzufallen, ging der Jüngling langsam am Bretterzaun

der Glasfabrik hin, in der er beschäftigt war.

Ein paar Arbeiter sahen sich um nach dem bestürzten Oldshatterhand.

Der lief schnell weg. Und stand: starrte beklommen auf die grauenhaften

Gestalten, die teilnahmslos und stier am Zaun entlangschlichen. Kinder,

Alte, Mädchen, steif, aus Wachs, blutleer, in Lumpen: eine anklagende

Reihe, auf ein paar Stunden von den glühenden Kesseln der Glasfabrik

entlassen.

»Ja, was denn! Ja, was denn! Darf denn das sein?« flüsterte er, ging

fassungslos weiter, begann plötzlich zu rennen.

Da tat sich eine weiße Wunderstraße auf, asphaltiert, von größter

Sauberkeit. Lauter gleichhohe Häuser, weiß, mit flachen Dächern. Breit

wie ein Traum war die Straße.

Immer wenn Hufschlag ertönte, wandte Oldshatterhand sich um, weil er

Reiter vermutete, aber immer hing an den ausgreifenden Pferden auch eine

Equipage daran, die lautlos auf dem glasglatten Asphalt rollte, die

linealgerade, endlose Straße hinaus. Querstraßen, wunderschön, breit und

lang, durchschnitten seine Straße.

Er bog in eine Seitengasse ein, und noch einmal in eine zweite. Die war

eng, feucht; Obst- und Gemüseabfälle, Zeitungsfetzen und Lumpen lagen,

und halbnackte, schmutzige Kinder hockten auf dem Pflaster umher, und es

roch nach Abort.

In dieser Gasse wohnte Oldshatterhand.

Er stieg hinauf, bis unters Dach. Die Tochter seiner Hausfrau öffnete

ihm und lief schnell ins Wohnzimmer zurück. Sie hatte ein

orientalisch-weiches, gelbes Gesicht und fast nichts an. »Kommen Sie

doch näher, Herr Vierkant.«

Links neben ihr, auf der gewesenen Nähmaschine, lag ein Haufen duftender

Tabak, rechts -- ein Berg Zigarettenhülsen. »Siebenhundert Stück muß ich

heute noch fertigkriegen«, sagte sie, flink mit Stopfholz und Schere

hantierend. »Hier, diese ist nicht ganz gelungen . . . diese und diese

auch nicht.«

Er nahm die Zigaretten entgegen und versah sich dabei in des

Mädchens sehr volle Schultern und Brüste, denn das Hemd war ihr

heruntergeglitten. Ihr großer Mund blieb geöffnet.

Der Bräutigam des Mädchens, ein elegant gekleideter Maurer ohne

Hemdkragen, mit roten Bartstoppeln, trat ein, sah auf seine halbnackte

Braut, auf Oldshatterhand und stand, mit dem Blick fensterwärts. Er war

ärgerlich.

Die Räuberbande · 第 17 / 26 题