Da brüllten die Räuber wie besessen: »Halt! Halt! Ein Feldwebel!«

Der Feldwebel, zornrot, stürzte mit erhobener Reitpeitsche dem

scheuenden Pferde nach; der Hauptmann flog in großem Bogen herunter in

den Sand, stürmte, vom Feldwebel verfolgt, heraus aus der Reitbahn, und

mit Zuschauern und Mädchen den Schloßberg und die Felsengasse hinunter.

Des bleichen Kapitäns Ruhm und Hauptmannschaft war wieder gesichert.

Keuchend rief er: »Wenn das mein Bruder in Amerika miterlebt hätte.«

Der König der Luft saß allein, stöhnend unter der Linde.

Oldshatterhand stieg den Schloßberg wieder hinauf und setzte sich auf

den Sockel des Bildwerks: Christus hing am Kreuz in kaum noch

erkennbaren Körperformen, so oft war er im Laufe der Jahrhunderte mit

Ölfarbe angestrichen und mit Blutstropfen geschmückt worden. Auf dem

Bildwerk stand:

An diesem Ort is Alois Würz

Mit sein Heuwage umg'stürzt.

War glei tot, mitsamt die Roß.

War ein frummer Mann,

Drum is er auf der Stell

In sein Heuwage in Himmel nei g'fahrn,

Was mer vo seine Roß nit sag kann.

Über der Stadt hing Rauch und Dunst. Es war schon fast dunkel. Eine

Kirchenglocke läutete. Oldshatterhand war bedrückt; er spannte alle

Muskeln an und hielt den Atem zurück, bis die Luft »pfa!« aus seinem

Munde fuhr. Es wurde ihm aber nicht leichter davon.

Aus dem Dunkel zwischen den Linden schimmerte Wäsche hervor, die zum

Trocknen aufgehängt war, blähte sich auf zu großen, weißen

Menschenbäuchen. Oldshatterhand spähte angestrengt hin und fürchtete

sich, blieb aber sitzen auf dem Sockel und horchte auf den unerklärbaren

Ton, der jetzt aus der Luft über der Stadt kam. Ein schauriges Stöhnen,

wie wenn das Leiden aller Tiere und Menschen in ihm klänge.

Hinter einer Bodenerhebung erschien der Kopf des Duckmäusers, der zu

Oldshatterhand hinblickte und vorsichtig, unhörbar auf ihn zukroch.

Langsam näherte sich der Duckmäuser, hatte erst Minuten später die nur

zehn Schritt weite Entfernung hinter sich gebracht, und setzte sich

unbemerkt auf den Sockel neben Oldshatterhand.

Es war jetzt ganz dunkel geworden.

Eine Weile saß der Duckmäuser reglos und hielt den Atem an, um sich

nicht zu verraten. Plötzlich sagte er: »Wa . . . weil . . .«

»Oh . . . O Gott!« schrie Oldshatterhand auf und fiel vom Sockel

herunter, zwang sich aber sofort zur Gleichgültigkeit, als er den

Duckmäuser erkannte, und drängte seine Verwunderung darüber zurück, daß

dieser es gewagt hatte, sich neben ihn zu setzen; der verachtete

Duckmäuser, mit dem die Räuber seit Jahren kein Wort gesprochen hatten.

»Mi . . . mich hat was ge . . . gestochen, dr . . . drum bin ich

erschrocken«, stotterte Oldshatterhand geringschätzig.

»Wa . . . weil ich auch zs . . . zs . . . zu den Indi . . . Indianern

will, hab ich das A . . . das Anschleichen geübt an den Fa . . . Fa

. . . Feind«, beendete der Duckmäuser seinen Satz.

»-- -- -- -- Duuuu? zs . . . zu den Indianern?« Oldshatterhand war

furchtbar verwundert und empört. Und als er sah, wie der Duckmäuser den

Kopf vorstreckte, blutrot wurde und drückte, um reden zu können, dachte

Oldshatterhand voller Scham: ich darf nicht stottern, ich darf nicht

stottern, jetzt darf ich nicht stottern, und setzte leicht

auszusprechende Worte vor: »O also nein, da mußt du aushalten können, da

. . . daß man dir vergiftete Hölzchen in den Ba . . . Bauch steckt, und

die werden angezündet. O ja also nein, ich halt das aus. Fü . . .

fünfzig brennende Hölzchen im Bauch. Und wenn ich ge . . . geblendet

wer, da . . . das macht mir gar nichts aus.«

»Züüü . . . Züüü . . . Züüü . . . Zündhölzchen meinst du?«

»O ja, und ich fresse Giftschlangen wie Ku . . . Kuchen.«

»We . . . wenn man den Fa . . . Feind so beschleichen ka . . . kann,

. . . da . . . daaaas ist die Hauptsache; dann br . . . dann br . . .

brauche ich ihm nur noch ein Messer ins Herz zs . . . zs . . . zu

stoßen.«

»Pä! Ist das ritterlich?«

»Ich bin Mi . . . Mi . . . Mi . . . Ministrant. Und fürs A . . .

Abendläuten kr . . . krieg ich mooonatlich f . . . fünfundsiebzig Pf

. . . Pfennig.«

Oldshatterhand wurde wütend. Er hatte sich, ebenso wie die Kriechende

Schlange und die Rote Wolke, auch ums Läuten beworben, der

fünfundsiebzig Pfennige wegen. Man hatte ihn aber nicht brauchen können,

weil er zu klein war. »Ha! Ich wer doch dene Pf . . . Pfaffe nit läuten.

Ist das vielleicht männlich? Aber wenn du zu den Indianern willst, mußt

du mi . . . mindestens eine halbe Stunde lang unter Wasser schwimmen

können, aber mit o . . . offenen Augen, wenn oben ein Ka . . . Kanoe mit

Indianern vorbeifährt.«

»F . . . ffff . . . . . . . . fünfundsiebzig Pfennig mooonatlich krieg

ich.«

Da trat der Spenglermeister, Herr Hieronymus Griebe, aus dem Dunkel, und

seine Hand, die eben das Kreuz schlagen wollte vor dem frommen Bildwerk,

blieb erschrocken abwehrend ausgestreckt, als er die zwei Gestalten auf

dem Sockel sitzen sah.

Der Duckmäuser schnellte in die Höhe.

Wortlos nahm Herr Hieronymus Griebe seinen ihn fast um einen Kopf

überragenden Sohn bei der Hand und führte ihn weg von Oldshatterhand,

der sitzen blieb und den beiden verächtlich nachsah, bis das Dunkel sie

genommen hatte.

* * * * *

Die schöne Schwester Winnetous hatte ein Kind bekommen. Die ganze Stadt

wußte, daß der Kaplan der Vater war.

Einige Wochen darauf bekam der Kaplan die beste Pfarre in der Umgebung

Würzburgs, und das Mädchen wurde seine Haushälterin. Vor dieser Tatsache

verstummte das Gerede.

Aber die Mutter war vor Schrecken und Scham erkrankt; eine

Lungenentzündung war dazugekommen. Sie lag im Sterben.

Wortlos und streng deutete sie auf den Sessel neben ihrem Bett. Winnetou

setzte sich und sah steif geradeaus.

Schritte näherten sich. Der großmächtige Geistliche im Ornat, der

Kirchendiener und die Ministranten traten ins Zimmer. Winnetou stand

auf.

Der Duckmäuser reichte das Weihrauchfaß und sah sich wichtig nach

Winnetou um.

Die Kranke bekam die heiligen Sterbesakramente. Der Geistliche und die

Ministranten knieten nieder am Bett und beteten. Da kniete auch Winnetou

nieder.

Der Kirchendiener erhob sich zuerst, griff dem Geistlichen von hinten

unter die Arme und half ihm wieder auf die Beine.

Als Winnetou allein war mit der Mutter, setzte er sich in den Sessel,

wie vorher.

Automatisch wandte er nach einer Weile den Kopf zur Sterbenden hin, sah

das weiße Gesicht an, das von einer plissierten, gestärkten Krause

umrahmt war, und beugte sich plötzlich mit einem Ruck staunend vor: es

schien ihm, als sei die Mutter um viele Jahre jünger geworden. Die

Falten der Strenge waren vollkommen weg. Anstatt ihrer sah Winnetou

stilles, gläubiges Glück im Gesicht der Mutter, das schmal und sanft

geworden war. Eine nie empfundene Weichheit ergriff ihn und die

Sehnsucht, daß es immer so bleiben möge. Da sprang ihm die Angst in die

Brust -- die Mutter werde, wenn sie die Augen aufschlage, wieder streng

auf den Sessel deuten. Er ließ den Blick nicht von ihr, klagte ohne

Worte unglücklich in sich hinein, weil er diese sicher nie mehr

wiederkehrenden sanften Minuten der Mutter auch in Angst vor ihr

verbringe, und ließ sich plötzlich aufschluchzend über sie fallen, denn

die Sterbende hatte die Augen geöffnet und ihm in ungeheurer Güte

langsam übers Haar gestrichen.

Mit rauhen Tönen tief aus der Brust heraus weinte Winnetou, sein Körper

zuckte, ein kaum erträgliches Glück entstand in ihm; da begann er zum

Weinen leise zu singen, und hatte das bestimmte Gefühl, daß wenn er

aufhöre, leise zu singen, er nicht mehr weinen könne, und dann nicht

mehr glücklich sein würde.

Während Winnetou den durch die lebenslange Lieblosigkeit seiner Mutter

verursachten Druck aus sich herausweinte, fühlte er, wie die Sterbende

ihm half, durch ununterbrochenes sanftes Streicheln, das allmählich

schwächer wurde, bis die Hand kraftlos aufs Bett fiel. Der Bauch der

Sterbenden bäumte sich hoch auf und schleuderte Winnetou ans Fußende des

Bettes.

Tränenüberströmt blickte Winnetou auf die Mutter, ging hinaus und

meldete der Köchin unter schluckendem Lachen und Weinen, daß die Mutter

tot sei.

Entsetzt starrte die Köchin Winnetou an, weil er glücklich lächelte, und

rannte ins Sterbezimmer.

Winnetou trat aus dem Hause und ging schnell und ohne Ziel stadtwärts.

Neben ihm humpelte mühsam eine kleine, dicke Alte mit Krückstöcken auf

die Haltestelle der Trambahn zu, wandte sich um nach dem schnell sich

nähernden Wagen, den Krückstock verzweifelt schüttelnd, und schrie

immerzu:

»Ich komm nimmer hin! Heilige Maria! ich komm nimmer zurecht.«

Winnetou sah die Alte an -- zur Elektrischen zurück, und stellte sich

zwischen die Schienen.

Der Führer läutete.

Winnetou tat als hörte er nicht, und ging, um den Führer zum

Langsamfahren zu zwingen, ganz gemächlich im Geleise, auf die

Haltestelle zu. Die Alte humpelte, sich beeilend, weiter.

Der wütende Führer läutete ununterbrochen. Die entsetzten Fahrgäste

stießen Warnrufe aus. In voller Fahrt kam der Wagen angerast. Winnetou

wandte den Kopf, erbleichte und ging langsam im Geleise weiter. Im

letzten Augenblicke zog der Führer die Bremsen, daß die Schienen

rauchten, und Winnetou sprang seitwärts.

Zitternd vor Schreck und Empörung, stieg der Führer aus dem Wagen, um

nachzusehen, ob Winnetou verletzt war.

Die Alte hatte den Wagen erreicht und stieg ein.

Führer und Fahrgäste schimpften Winnetou nach, der, den Mund verzogen,

als sei ihm schweres Unrecht geschehen, zurücksah.

Ein weißhaariger Alter, der im Stocke des Eckhauses mit der Tabakspfeife

am Fenster saß, stand mühsam auf und schüttelte wütend die Faust

hinunter zu Winnetou, der in die Seitengasse einbog.

Der Schreiber und der bleiche Kapitän kamen ihm entgegen. »Geh mit, wir

schießen«, sagte der Hauptmann, zog seinen Rockflügel zur Seite und

zeigte Winnetou einen neuen Zimmerstutzen. »Wir gehn zu Falkenauge und

schießen in seiner Kammer . . . Geh mit.«

». . . Ich geh nimmer mit . . . Ich geh wo anders hin«, sagte Winnetou

und ging auch gleich weg, in der Richtung zur Kirche.

Verdutzt blickten sie ihm nach.

Das Hochamt hatte schon begonnen. Winnetou schlug das Kreuz und setzte

sich. Und als er die lateinischen Worte des Priesters und das ferne

Klingeln der Ministranten im mächtigen Kirchenschiff hörte, stellten

sich die Glücksschauer des Aufgelöstseins, die er im Sterbezimmer der

Mutter empfunden hatte, wieder ein.

Müdigkeit befiel ihn; er schlief ein.

Der brausende Orgelklang weckte ihn auf. Da fühlte Winnetou

unvermittelt, daß Frömmigkeit und Gottesglaube sich mit seinen

Räuberidealen nicht deckten.

Still trat er aus dem Portal und blieb an der Grundmauer der Kirche

lehnen, als er den Schreiber und den Hauptmann, die ihm nachspioniert

hatten, langsam die Straße hinunter sich entfernen sah.

Winnetou blickte den kleiner und kleiner werdenden Räubern nach, bis sie

zu Punkten wurden und endlich nicht mehr zu sehen waren, und trat wieder

in die Kirche ein.

Die zwei Räuber klopften an die Zimmertür von Falkenauges Mutter, und

als niemand antwortete, stiegen sie hinauf in die dürftig möblierte

Dachkammer Falkenauges, der noch im Geschäft war.

Auf dem Nachtkästchen neben dem Bett stand ein Glas voll klaren Wassers,

worin ein Glasauge lag. An der Wand hing eine Tabakspfeife unter dem

heiligen Joseph. In einem engen Käfig sprang ein Eichhörnchen aufs

Stäbchen und herunter, ruhelos und unaufhörlich. Falkenauge hatte es auf

den Schloßberglinden gefangen.

Dem Fenster gegenüber war eine blinde Hausmauer, auf der ein Spatz saß.

Der bleiche Kapitän zielte lange und drückte endlich ab. Der Spatz blieb

sitzen und pickte sich wie vorher ins aufgepluderte Gefieder.

Und als sie beratschlagten, ob der Spatz getroffen sei, stieg er in die

blaue Luft.

»Die Kugel macht einen Bogen, weil die Entfernung zu groß ist . . . Wie

wär denn das sonst möglich«, sagte der bleiche Kapitän und sah sich nach

einem näheren Ziel um. »Halt einmal die Karte«, sagte er und nahm das

Herzaß von Falkenauges Kartenspiel.

»Und wenn du mir den Finger wegschießt?«

»Ich wer doch no das Kärtle treffe.«

Der Schreiber stellte sich seitwärts vom Fenster, streckte den Arm aus,

hielt die Karte an der äußersten Spitze. »Ziel lieber ein bißchen mehr

rechts . . . Es is mir lieber, du triffst nix, als daß du mei Hand

triffst.«

Der bleiche Kapitän zielte lange und genau in die Mitte der Karte und

durchlöcherte sie.

Die Räuberbande · 第 15 / 26 题