Viertes Kapitel

Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der

Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um

Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig

saftiggrüne Stellen sichtbar blieben.

Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit

aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit

einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen,

außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit

gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis

zur Brust reichte.

Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig

machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen

Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur

anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage

lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten

schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam.

Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden

Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: »Ja. Bald. Wart doch.«

Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen

offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht,

parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den

ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.

Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: »Jetzt müssen wir fort, die

Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das

Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch

hier«, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch

einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach.

So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und

teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche

die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher

war ein Zirkus in Würzburg gewesen.

Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige

Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der

Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.

Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez

angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und

giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf

dem Trapez und mahlte mit den Zähnen.

Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und

die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen

Schloßbergrasen.

Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen

gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den

Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend,

sich hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand.

»Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft«, sagte der bleiche Kapitän

zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester

anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: »Der kann

direkt zum Zirkus gehen.« Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten

Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen

Zöpfen.

Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche

Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen

konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei

hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ,

um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem

einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und

stöhnend seine Fußfesseln hielt -- da schien die künftige

Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das

Bein gebrochen.

In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum.

Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.

Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der

Rasen roch.

Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten,

tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der

Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte.

Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher

etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über

den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das

wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen

anklammernd, in der Bahn herum.

Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.

Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein

Indianer auf dem Gaul.

Die Räuberbande · 第 14 / 26 题