Die Bierkeller waren mit Maineis gefüllt worden; jetzt blühte der
Holunder und der Flieder im Festungsgraben, und die Hügel rund um
Würzburg herum waren weiß von der Obstbaumblüte, so daß nur wenig
saftiggrüne Stellen sichtbar blieben.
Die Räuber waren von Herrn Mager mit dem Hinweis auf die Rekrutenzeit
aus der Fortbildungsschule entlassen worden. Alle konnten jetzt mit
einiger Berechtigung bei Herrn Rein eintreten und sich rasieren lassen,
außer Oldshatterhand, der seit seinem zwölften Jahre keinen Finger breit
gewachsen war, wie ein Schulknabe aussah und seinen Kameraden nur bis
zur Brust reichte.
Das war ein großer Schmerz für ihn, der ihn reizbar und streitsüchtig
machte; unvermittelt konnte er, allen voran, die Räuber zu gefährlichen
Unternehmungen mitreißen, um dann plötzlich, von einer Minute zur
anderen, ohne erkennbaren Grund bedrückt zu werden, was immer viele Tage
lang anhielt, an denen er sich durch unwesentliche Kleinigkeiten
schmerzlich verletzt fühlte und maßlose Zornausbrüche bekam.
Und noch ein großes Leid drückte Oldshatterhand. Brachte er den wilden
Westen zur Sprache, dann sagten die Räuber: »Ja. Bald. Wart doch.«
Keiner glaubte mehr ganz daran. Aber noch gestand es keiner dem anderen
offen ein. Wie mit einer Kugel spielten sie mit ihrer Jugendsehnsucht,
parodierten sie schon leise, und waren bereit, beim ersten Anlaß den
ganzen wilden Westen unter Gelächter abrollen zu lassen.
Und da Oldshatterhand immer wieder drängte: »Jetzt müssen wir fort, die
Prärie steht hoch, vielleicht sind blutige Kämpfe ausgebrochen, das
Kriegsbeil ist ausgegraben, man braucht uns drüben, was sollen wir noch
hier«, bekam er von den verärgerten Räubern zu hören: er solle doch
einstweilen vorausgehen, wenn's ihm so pressiere, sie kämen schon nach.
So daß Oldshatterhand mit Sehnsucht im Herzen gequält stillschwieg und
teilnahmslos und verbittert den Zirkusvorstellungen beiwohnte, welche
die Räuberbande jetzt jeden Abend auf dem Schloßberg gab. Kurz vorher
war ein Zirkus in Würzburg gewesen.
Alle leisteten ihr Bestes; denn unter den Zuschauern saßen auch einige
Mädchen auf dem Rasen. Und das war der Anfang vom Verfall der
Räuberbande: sie liebten es neuerdings, Publikum um sich zu haben.
Und der Erfolg war groß. Hoch an einem Lindenast war ein Trapez
angebracht. Der König der Luft, in enganliegenden Unterhosen und
giftgrünem Trikotleibchen, ganz einem Zirkuskünstler ähnlich, saß auf
dem Trapez und mahlte mit den Zähnen.
Hinter den Linden, im Geäst, hing die untersinkende Sonnenscheibe, und
die Gestalten der Räuber warfen lange Schatten auf den abendgrünen
Schloßbergrasen.
Der bleiche Kapitän stand abseits, die Lippen verächtlich nach außen
gestülpt, und sah zu, wie der König der Luft in gewaltigem Bogen in den
Himmel sauste, das Trapez losließ und, einen wilden Schrei ausstoßend,
sich hoch in der Luft überschlug -- und auf den Beinen stand.
»Das ist nix. Davon kriegt man keine Kraft«, sagte der bleiche Kapitän
zum Schreiber, der als Clown ein hellrosa Kleid seiner Schwester
anhatte. Aber ein Mädchen mit zwei braunen Zöpfen sagte: »Der kann
direkt zum Zirkus gehen.« Worauf der Schreiber sofort die gefährlichsten
Sprünge machte und Purzelbäume schlug: vor dem Mädchen mit den braunen
Zöpfen.
Um seinen schwindenden Ruhm wieder zu festigen, stemmte der bleiche
Kapitän einen schweren Steinquader hoch, was ihm keiner nachmachen
konnte. Als jedoch der König der Luft aus gewaltiger Höhe frei
hinaussprang, das schwingende Trapez haschte, kühn wieder fahren ließ,
um den Lindenast wieder zu haschen, ihn aber verfehlte, und unter einem
einzigen Schrei aller Zuschauer herunterstürzte auf den Rasen und
stöhnend seine Fußfesseln hielt -- da schien die künftige
Hauptmannschaft ihm sicher zu sein, denn der König der Luft hatte das
Bein gebrochen.
In Grausen und Bewunderung standen alle um ihn herum.
Der Duckmäuser schlich vorüber; er wagte nicht aufzusehen.
Die Sonne war unter. Die Leuchtkäferchen glühten aus der Dämmerung. Der
Rasen roch.
Neben dem Vorstellungsplatz war die Soldatenreitbahn, von einem breiten,
tiefen Graben umgeben und einer Balkenbarriere. Im lockeren Sand der
Reitbahn stand ein dürres Soldatenpferd und wieherte.
Der bleiche Kapitän faßte einen verzweifelten Entschluß: ohne vorher
etwas davon zu sagen, sprang er mit einem fünf Meter langen Satz über
den Graben und die Barriere, in den Sand der Reitbahn, kletterte auf das
wütend ausschlagende Pferd und raste, sich mit Armen und Beinen
anklammernd, in der Bahn herum.
Die Bewunderung der Zuschauer hatte sich ihm zugekehrt.
Der bleiche Kapitän hing, unfreiwillig auf den Hals gebeugt, wie ein
Indianer auf dem Gaul.