Da stand Falkenauge auf. »Herr Lehrer, ich muß einmal hinaus.«

Er kam nicht wieder. Auf ganz sichere Prügel _warten_, das ließen seine

Nerven nicht zu.

Falkenauge war nicht feige. Vergangenen Winter war er augenblicklich von

der Kaimauer hinunter in den mit Treibeis gehenden Main gesprungen, um

einen Säugling zu retten, den das Kindermädchen mitsamt dem Wickelkissen

ins Wasser hatte fallen lassen. Ausdauernd war er dem mit den

Eisschollen flußabwärts schaukelnden Wickelkissen nachgeschwommen, hatte

es erfaßt und es glücklich an Land gebracht. Sein Auge war ihm bei einer

Schlacht mit fünf Gymnasiasten ausgeschlagen worden, die er allein

herausgefordert hatte. Jedoch das von Herrn Mager ersonnene Raffinement

-- die sicheren Prügel hinauszuschieben, war für Falkenauges Mut zu

viel.

Herr Mager schickte Seidel hinaus, seinen besten Schüler, der aber nach

einer Weile allein zurückkam und staunend sagte: »Herr Lehrer, er ist

nicht mehr da.«

Herr Mager zog die Mundwinkel in die Bäckchen zurück. »Michael Vierkant!

Raus!«

Oldshatterhand legte sich über den Stuhl. Seidel preßte ihm den Kopf

nach unten, und Oldshatterhand schnalzte unter dem pfeifenden Rohrstock

des Herrn Mager.

Für die andern Räuber existierte unterdessen nur die eine bange Frage:

wer kommt nach Oldshatterhand daran?

Einer nach dem anderen wurde übergelegt. Und bei jedem sagte Herr Mager

atemlos: »So! Heute diese sechs, das nächste Mal wieder sechs, bis die

vierundzwanzig voll sind. Tut mir leid, daß ich nicht zwölf auf einmal

geben darf.«

Die Augen der Mitschüler standen weit offen und glänzten. Das kleine

Gesicht des Herrn Mager war jetzt schon weinrot.

Seidel konnte den sich wütend wehrenden Schreiber nicht allein bändigen.

»Wer meldet sich?« rief Herr Mager.

Vier sprangen zum Stuhl. Der Duckmäuser war zusammengezuckt, jedoch

sitzen geblieben.

Speichel lief dem Schreiber zum Munde heraus. Wie in höchstem Entzücken

brüllte er in allen Tonlagen: »Ah! Ah! Ah! Ah!« und schleuderte die

Beine derart umher, daß Herr Mager sich mit dem Rohrstock auf den

Handrücken traf. Voller Wut schrie er: »Michael Vierkant! Raus! Halte

ihn!«

Oldshatterhand rührte sich nicht.

Herr Mager stürzte sich auf ihn und stieß ihn bis zum Stuhl. »Halte

ihn!«

Er rührte sich nicht. Plötzlich sagte er leise: »Herr Lehrer . . . ich

halte ihn nicht.« Und selbst seine Lippen waren weiß geworden.

Verblüfft stierte Herr Mager Oldshatterhand an und hieb ihm plötzlich

mit dem Rohrstock quer über das Gesicht, immerzu. Nicht die Hand hob

Oldshatterhand zur Abwehr. Nebel vor den Augen, brach er zusammen, stand

gleich wieder auf und ging ganz langsam zurück zur Bank. Auf seinem

Gesicht schwollen die blutunterlaufenen Striemen.

»Hans Lux! Raus!«

Die tiefe Falte war da. Sein Hals schoß wagerecht vor. Die vier Helfer

standen bereit. Der König der Luft faßte den Stuhl bei der Lehne, rückte

ihn umständlich zurecht, visierte, legte sich darüber, rutschte eine

Weile hin und her, bis er in die richtige Lage gekommen war, und nahm

die Prügel entgegen.

Die nach ihm ausgestreckten Arme der vier Helfer waren herabgesunken.

Man schleicht von hinten an einen Kameraden heran, stellt ihm die

gespreizten Finger auf den Kopf, daß sich die Nägel schmerzhaft in die

Kopfhaut eindrücken, ruft: »Pä, Krähenfuß!« und streckte die Zunge lang

heraus, wenn er zusammenzuckt. Ein ähnliches Gefühl hatte Oldshatterhand

auf dem Heimweg von der Schule. Wie wenn eine dunkle, gespreizte Hand

sein Herz umkrallte. »Pä, Krähenfuß«, flüsterte er, schauerte zusammen

und hatte einen säuerlichen Geschmack auf der Zunge, als ob er Blut

speie. »Jetzt müssen wir fort. In den wilden Westen. Anzünden! Die ganze

Stadt! Hoo! Fort, fort!« Und plötzlich lachte er ein irrsinniges Lachen.

»Hi! hihiha!«

Die Räuber hatten ihm nicht geantwortet. Der Duckmäuser ging ein paar

Schritte seitwärts nebenher und sah staunend ununterbrochen auf

Oldshatterhand.

Sie waren bis zur alten Brücke gekommen. Oldshatterhand ging ein Stück

hinter den anderen und sann darüber nach, weshalb seine Freunde ihm

nicht geantwortet hatten. Vielleicht, weil gerade ein Liebespaar

vorbeigegangen war? Umschlungen -- dachte er. Hatte das Gefühl, als

tropfe in seinem Innern immerzu Blut, unaufhaltsam, und bekam Angst.

Dicker Nebel hatte die Stadt genommen, so daß kein Brückenheiliger, kein

Licht zu sehen war. Plötzlich bekam Oldshatterhand einen knallenden

Schlag ins Gesicht, daß er Feuerflächen aufblitzen sah, und hörte eine

Stimme rufen: »Rechts gehen!« Er sah, nur einen Augenblick, eine Uniform

und eine goldene Unteroffizierslitze; und sofort wieder nur noch Nebel.

Falkenauge saß auf einem Eckstein vor dem »Spitäle«, die Ellbogen auf

die Knie, den Kopf in die Hände gestützt, und blickte in wehmütigem Neid

trübe auf die ankommenden Räuber, welche die erste Portion Prügel hinter

sich hatten.

Falkenauge wagte nicht, nach Hause, nicht ins Geschäft zu gehen; einige

Nächte schlief er in einem Kehrichtwagen, der unbenutzt unterm

Brückenbogen stand, bis der säbelbeinige Wachtmeister ihn fand und Herrn

Mager zuführte.

Die Räuberbande · 第 13 / 26 题