Spätherbstwinde rissen die letzten Blätter von den Schloßberglinden und
Dachziegel von den Häusern, wovon einer dem Spenglermeister Herrn
Hieronymus Griebe auf die Schulter fiel, so daß er ein paar Wochen lang
seinen Arm nicht heben konnte.
Die königlichen Weinberge lagen zerzaust und bereift. Wagen, mit
dickbauchigen Fässern beladen, schwankten durch die Gassen, standen vor
den Weinstuben; schwarze Schläuche liefen davon weg in die Keller, und
die geschmückten Pferde stampften und pusteten die Streu aus den
vorgehängten Futterkästen, von Spatzen frech umhüpft. Die ganze
Stadt roch scharf nach Most. Der seitdem berühmt gewordene
Achtzehnhundertneunundneunziger war heimgebracht worden. Angetrunkene
torkelten durch die Gassen; des Fischers violette Stülpnase war
schwärzlich angelaufen.
Alles war heiter und zufrieden; aber die Räuber, vollzählig versammelt,
saßen auf der Anklagebank.
Der Glasermeister Johann Jakob Streberle hatte wegen des Raubzuges in
die königlichen Weinberge Anzeige bei der Staatsanwaltschaft erstattet.
Fragte ihn jemand, weshalb er das getan habe, dann sträubte sich sein
inzwischen gewachsenes blondes Schnurrbärtchen, und speichelspritzend
lachte er: »Dene Früchtli ham mir's amal besorgt.«
Erschwerter Raub an königlichem Gut, lautete des Staatsanwalts
Klagestellung. Er hatte sich persönlich davon überzeugt, daß es sehr
erschwert, ja lebensgefährlich war, um den Diebabhalter herum in die
königlichen Weinberge zu gelangen.
Die Gerichtsstube war niedrig. Die Richter saßen breit hinter der
Barriere, daneben saß der Staatsanwalt, ihm gegenüber der Verteidiger,
Rechtsanwalt Karfunkelstein -- des Schreibers Chef --, alle in schwarzen
Talaren. Neben Herrn Karfunkelstein, auf der langen Bank, saßen die
Räuber, in ihren Sonntagsanzügen. Hinter ihnen, dicht gedrängt, die
Zuschauer; darunter die erregten Väter ihrer Söhne. Ganz im
Vordergrunde, die dürren Hände vor dem Bauch gefaltet, mit müden
Augenlidern, den Kopf leidend schulterwärts geneigt, saß die Witwe
Benommen und blickte trübe auf den bleichen Kapitän. Und neben ihr, die
Mundwinkel verbittert zurückgezogen, daß sich kleine Apfelbäckchen
bildeten, saß kerzengerade Herr Lehrer Mager.
Der Richter, ein großer Mann mit braunem Reiterschnurrbart und geröteter
starker Nase, blickte schon eine Weile unverwandt mit seinen guten Augen
streng von einem Räuber zum andern. »Oskar Benommen, du sollst ja der
Anführer von dem netten Geschichtchen gewesen sein. Erzähle uns jetzt,
wie war die Sache.«
Die Witwe Benommen schoß in die Höhe. »Der da, der kleine Vierkant, Herr
Richter, der ist der Verführer von meinem Sohn. So klein er ist, so
frech und verdorben ist er . . . der Teufel.«
Der Schnurrbart des großmächtigen Richters zuckte. Und während
Oldshatterhand, bleich geworden, auf der Bank herumrutschte, brüllte der
Richter: »Das Maul gehalten! Und du, infamer Halunke, stehe jetzt auf
und rede.«
Der bleiche Kapitän stülpte die Lippen nach außen. Das war alles. Es war
still.
»Den Kopf reißen wir dir nicht herunter«, lenkte der Richter ein.
Da spreizte der bleiche Kapitän die langen, knochigen Finger an den
senkrecht hängenden Armen und sagte, nicht im Baß, sondern mit seiner
natürlichen, sehr hohen Stimme und sehr schnell: »Ja also, wir war'n
halt droben in unserm Festungsgraben um unser Lagerfeuer herumgesessen
und da hat's zwölf Uhr geschlagen und da sind wir in den Weinberg und
ham unsere Trauben gegessen . . . und ham uns auch ein paar mitgenommen,
und später sind wir heimgegangen.«
»Unser Lagerfeuer! Unser Festungsgraben! Unser Weinberg! Unser! Unser!
Unser! . . . Nun, und wo sind denn die paar Trauben hingekommen? die ihr
noch mitgenommen habt.«
»Ja die . . . also die . . . die ham wir auch gegessen.«
Im Zuschauerraum war es ganz still.
»Michael Vierkant! Wo sind die Trauben hingekommen?«
Oldshatterhand ließ sich von der für ihn zu hohen Bank heruntergleiten
und ging ganz langsam bis knapp vor das Richterpult.
Der bleiche Kapitän warf einen flehenden Blick auf ihn, den
Oldshatterhand aber nicht bemerkte. Er sah, die Hand dargereicht, zum
Richter in die Höhe, sagte fein und leise: »Zuletzt waren keine Trauben
mehr da«, und schrak furchtbar zusammen, als der Richter brüllte:
»Kleiner Schuft! weißt du nicht, daß die Trauben unserem Prinzregenten
gehören! Und daß der Prinzregent in Würzburg geboren ist! Und ihr Gauner
stehlt ihm seine Trauben! . . . So ein winziger Frosch, stiehlst dem
König seine Trauben.«
Der Richter hatte Oldshatterhand am wehesten Punkt getroffen. Die Lippen
zitterten ihm. Erregt stieß er hervor: »Ich wachse noch!«
Es gelang dem Richter, ernst zu bleiben. »Setze dich. Und merke dir das,
wenn du den Prinzregenten kennen würdest, dann würdest du seinen
Weinberg in Ruhe lassen.«
»Ich kenn unseren Prinzregenten. Weil ich ihm einmal einen Blumenstrauß
gegeben hab. Damals, wie die neue Brücke eingeweiht worden ist. Ich hab
ja sogar meinen Hut dabei verloren, so ein Gedräng war.«
»Und meinst deshalb, du kannst ihm seine Trauben stehlen? . . . Jetzt
hört mich einmal an. Wenn ihr nicht gesteht, wo ihr die Trauben
versteckt habt, sperre ich euch ein, bis ihr alt und grau seid . . .
Hans Lux! Wo sind die Trauben hingekommen.«
Die tiefe Falte war da. Der Hals schoß wagerecht vor; der König der Luft
mahlte mit den Zähnen und schnalzte nervös mit den Daumen, wobei seine
Fäuste fest an die Schenkel angepreßt blieben.
»Was habt ihr dann gemacht? Ihr seid aus dem Weinberg zurückgestiegen,
und . . .?«
»Und ham sie gegessen«, flüchtete der König der Luft eilig über die
Traubenaffäre weg und fuhr fort: »Also, aber also und, dann wollte ich
das hundertsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der
Mord im Walde< vorlesen. Aber also . . . also und . . . also aber,
Oldshatterhand wollte, daß wir das Räuberlied singen.«
»Was ist das? Oldshatterhand?«
»No, Michl, also Michl Vierkant.«
»Und was für ein Räuberlied wolltet ihr denn singen?«
»Also no! also natürlich, >Stehlen, morden, huren, balgen, heißt für uns
nur die Zeit zerstreun, morgen hängen wir am Galgen< -- -- --«
»Aha. Darum laßt uns heute lustig sein. Wie?«
»Ja. Von Friedrich von Schiller.«
»Nun, und dann?«
»Hn?«
»Was habt ihr dann gemacht?«
»Dann haben wir registriert.«
»Wie?«
»Also registriert! Halt! Also nein. Schon vorher ham wir registriert.«
»Was habt ihr registriert?«
». . . Also halt so. Also und alles.«
»Zum Teufel, also was denn!«
»Also halt einen Stallhasen.«
»Einen Stallhasen? Ein Kaninchen?«
». . . Gekauft! lebendig.«
»Und was war weiter?«
»Hell war's!«
»Malefizhalunk! Was hast du dann weiter gemacht?«
»Sonst nichts. Heim zu meiner Großmutter bin ich gange.«
»Und hast du wenigstens eine Tracht Prügel bekommen?«
Die tiefe Falte verschwand. Der Kopf richtete sich auf. Der König der
Luft hatte gelächelt. »Nein, also und, sie hat mich ja nit g'hört. Also
weil sie taub is.«
»Was?«
»Taub.«
»Georg Bang!«
Der König der Luft setzte sich und flüsterte erregt der Roten Wolke zu:
»Also das glaubt er nit, daß sie taub is.« Der Roten Wolke Mund stand
empört offen.
»Georg Bang!«
Falkenauge schnellte in die Höhe, wie er es von der Schule her gewöhnt
war. Sein neues Glasauge glänzte in reinstem Weiß und Kobaltblau,
während sein natürliches graubraun war.
»Nein. Hans Widerschein, komm einmal du erst her.«
Der Schreiber, der schon bei vielen Gerichtsverhandlungen für Herrn
Karfunkelstein tätig gewesen war, schritt frei zum Richterpult.
»Herr Mager, bei Ihnen waren ja alle diese Knaben in der Volksschule.
Vielleicht können Sie uns eine Handhabe geben, wie etwas aus ihnen
herauszubringen ist.«
Herr Mager stand wie ein Spazierstock. »Vorerst muß ich bemerken, Herr
Amtsrichter, daß ich diese Buben auch jetzt noch abends in der
Fortbildungsschule habe, und sie auch als Rekruten wiederbekomme. Und
dann: es war mir nie möglich, mit ihnen fertig zu werden, ohne sie
empfindlich zu strafen. Mit der ganzen Härte, die mir zustand! Drittens
habe ich manchem von diesen schon in der Volksschule prophezeit, daß er
einmal im Zuchthaus enden werde. Viertens, diese zwölf Schüler steckten
immer zusammen. Ein Beweis dafür ist, daß sich von diesen Zwölfen
niemals einer gemeldet hat, niemals! wenn ich rief: Wer meldet sich?«
»Wie meinen Sie das, Herr Mager?«
»Herr Amtsrichter, wenn ein Knabe eine exemplarische Züchtigung verdient
hat, rufe ich: Wer meldet sich? Es melden sich dann immer welche
freiwillig, die ihren Mitschüler während der Züchtigung auf dem Stuhle
festhalten.«
»Nun . . . ich danke, Herr Mager«, sagte der Richter und erholte sich
langsam von seinem Staunen.
Der Richter frug weiter, einmal den, unverhofft einen anderen, brüllte
und war jovial. Es half ihm alles nichts. Die Räuber hatten dem bleichen
Kapitän vor der Verhandlung einen langen Eid schwören müssen, das
»Zimmer« nicht zu verraten, von dessen Existenz kein anderer Knabe, kein
Mensch in Würzburg wußte.
Oldshatterhand hatte vor Jahren einmal in »Der tote Mann im Keller oder
Verfolgt über alle Länder und Meere« von verborgenen Falltüren gelesen,
daraufhin die Festungsmauern abgeklopft und war furchtbar erschrocken,
als eine Stelle hohl geklungen hatte. Er und der bleiche Kapitän hatten
so lange gebohrt, gekratzt, gelockert, bis ihnen der Verschlußstein des
unterirdischen Ganges zu Füßen gefallen war.
»Andreas Steinbrecher, komme du einmal her zu mir und denke an deine
Mutter. Sie ist eine ehrenwerte Frau.«
Jede Verantwortung ablehnend, blickte Frau Steinbrecher kalt auf
Winnetou, ihren Sohn.
»Bekenne aufrichtig, wo sind die Trauben hingekommen?«
»Ich nehme keine Trauben mehr«, sagte Winnetou. Und es klang wie ein
Schwur.
Resigniert sagte der Richter zu seinen Beisitzern: »Ich denke, wir
können dem Herrn Staatsanwalt das Schlußwort geben . . . Theobald
Kletterer!« Er sah noch einmal in seine Aktenmappe und fragte mild und
freundlich:
»Du bist eine Doppelwaise?«
»Ja!«
»Du wirst mich doch nicht belügen.«
»Nein!«
»Nun, so erzähle du mir, erzähle, wie war die Sache?«
Der Mund der Roten Wolke stand offen, rund und schwarz wie ein
Mauseloch, worin die Zahnstummeln standen, dunkelbraun wie
Schokoladepyramidchen. Er stellte eine Fußspitze rückwärts, reckte sich
auf und hob die Hand. »Das Lagerfeuer flackerte. Der Mooond beleuchtete
die alte Stadt.«
»Wo sind die Trauben hingekommen?«
»Der Hunger war groß zu jener Zeit. Und keine Beere blieb übrig.«
Der Richter klappte sein Lineal aufs Pult und machte eine abschließende
Handbewegung zum Staatsanwalt hin. »Setzt euch. Auch du, Hans
Widerschein.«
»Jawohl, Herr Amtsrichter«, sagte der enttäuschte Schreiber, der stehen
geblieben war, weil er auch gerne etwas gesprochen hätte. Zögernd ging
er zurück auf seinen Platz.
Der Staatsanwalt beantragte nach ein paar formell einleitenden Worten,
die Räuber freizusprechen und sie der Schule zur Bestrafung zu
überweisen.
Die Witwe Benommen hatte, als der Staatsanwalt angefangen hatte zu
sprechen, ihren faltigen Totenkopf aufgestellt, als er fertig war, ihn
wieder sanft schulterwärts geneigt und sah jetzt trübe auf den bleichen
Kapitän, wie wenn er zu zehn Jahren Zuchthaus verurteilt worden wäre.
Da erhob sich der Verteidiger, Rechtsanwalt Karfunkelstein, ein kleiner
Mann. Bei dem Anfangswort jeden Satzes heftig mit dem Zeigefinger vor
sich auf den Boden stechend, als ob dort alles abzulesen wäre, und ohne
jemals den Blick von dieser Stelle zu erheben, hub er an zu reden, eine
lange Rede: »Hoher Gerichtshof! Gehen Sie mit mir die ganze Strafsache
durch. Von Anfang bis zu Ende. Darum bitte ich Sie. Dann kann es
nimmermehr geschehen, ja es darf und es wird nicht eintreten, daß Sie zu
einer harten Verurteilung der Angeklagten kommen.«
Der Richter sah verblüfft auf Herrn Karfunkelstein, welcher fortfuhr:
»Sehen Sie die Angeklagten an. Jung sind sie. Sehr jung. Knaben sind
sie. Kinder sind sie. Ganz von vorne wollen wir anfangen. Jeden
Angeklagten für sich ansehen. Nehmen wir den ersten.«
Der Richter warf hilflos grimmige Blicke im Gerichtszimmer umher, sah
zur Decke, schnupfte wütend und klopfte mit dem senkrecht gestellten
Bleistift den Radetzkymarsch auf das Pult.
»Sehen wir uns unparteiisch das Alter des Hans Lux an.«
Und während der König der Luft den Oberkörper senkrecht hielt, den
langen Hals wagrecht, mit den Zähnen mahlte und mit dunkelglühenden
Augen auf seinen Verteidiger starrte, rief dieser, mit sich
überschlagender Stimme: »Bände! spricht das schon allein. Bände! . . .
Sehen wir seine Großmutter an. Taub ist die arme alte Frau. Ziehen wir
nun eine Parallele zwischen dem Hans Lux und dem Oskar Benommen, und
erwägen, daß des ersteren Großmutter taub, Witwe hingegen des letzteren
Mutter ist . . .«
Der Verteidiger sprach weiter, über jeden Angeklagten für sich, wog sie
gegeneinander ab, sprach über Hunger, Not und Elend, berührte, wie er
eindringlich bemerkte, den Richtern zuliebe die Nachwirkungen der
Kinderkrankheiten auf die Angeklagten nur flüchtig, um bei der
Vererbungstheorie eingehend zu verweilen, fuhr fort mit dem
außerordentlichen Einfluß der Blutarmut auf die Angeklagten, und langte
nach einer Stunde bei der Hauptstütze seiner Verteidigung an, der
Schundliteratur.
Während Richter und Staatsanwalt in ratloser Verzweiflung ihre
Taschenuhren zogen und ängstliche Naturen unter den Zuschauern
befürchteten, die Richter würden ihren Zorn über den seiner
verantwortungsvollen Mission bewußten Verteidiger an den Jungen
auslassen und sie zu einer fürchterlichen Strafe verurteilen, war Herr
Karfunkelstein endlich bei der ungeheueren Gefahr des Justizirrtums an
sich angekommen. Und erst nachdem er mit einer dringenden Mahnung zu
väterlicher Güte und Einsicht geschlossen und die Richter gebeten hatte,
durch ein möglichst mildes Urteil mächtige Felsblöcke aus dem weiteren
Lebensweg der Angeklagten zu wälzen, konnten die Richter ins
Beratungszimmer gehen, nach fünf Sekunden zurückkehren und die Räuber
freisprechen, um sie Herrn Mager zur Bestrafung anzuempfehlen. Worauf
tiefe Seufzer der Erleichterung durch das Gerichtszimmer schwirrten,
während Herr Karfunkelstein strahlend die Hände seiner Klienten
schüttelte, die mit Freude und Stolz acht Tage abgesessen hätten, nun
aber in stummer Verzweiflung saßen, denn am nächsten Tage war
Schulstunde.
* * * * *
Oldshatterhand hatte von seinem Vater nach der Verhandlung Prügel
bekommen und saß gegen neun Uhr abends in der Wirtschaft »Zur schönen
Mainaussicht« auf dem schwarzen, versessenen Lederkanapee. Hin und
wieder blickte er auf die blonde Wirtstochter, die etwas verächtlich
lächelnd auf ihn zurücksah.
»Trag dem Vater ein Hörnchen hin, zu sein Kaffee«, sagte sie zu ihrem
Bruder, der Kriechenden Schlange.
»Der soll sich's selber hol«, erwiderte die Kriechende Schlange und
lachte zu Oldshatterhand hinüber.
Der bleiche Kapitän, die Rote Wolke und der Schreiber gingen auf der
Kaimauer entlang, schwenkten, ohne sich erst zu verständigen, plötzlich
nach links ab und kletterten an der sieben Meter hohen Mauer hinauf, die
den Garten der »Schönen Mainaussicht« umschloß, traten in die Wirtsstube
und setzten sich wortlos zu Oldshatterhand aufs Kanapee.
Aus dem Nebensaal erklangen die Töne der Ziehharmonika. »Auf zur
Quadrille!« rief eine nasale Männerstimme, und zu gleicher Zeit
verschwand die zimmerbreite, auf Rollen laufende Schiebetüre in der
Wand. Man sah durch eine lange Gasse Tanzpärchen durch, an deren Anfang
ein großer Mann im Gehrock stand, dessen hakennasiges Gesicht einem
gelben Papagei glich. Mit eleganten Verbeugungen nahm er von den Herren
die zehn Pfennige Tanzgeld entgegen, während die Wirtstochter, ein
blutarmes, bleiches Mädchen mit eingefallener Brust, im Saal herumging
und eine Stearinkerze zerschnitt, zur Glättung des Bodens.
Der Mann mit dem Papageiengesicht, er war Buchbinder und Tanzlehrer,
schwindsüchtig und hieß Gipfelmann, hob die Hand. Die Ziehharmonika
wurde auseinandergezogen und unter rhythmischem Händeklatschen des Herrn
Gipfelmann stellten die Tanzenden die letzten Figuren der Quadrille, von
drei im großen Saale glücklich verteilten Gasflammen spärlich
beleuchtet. Junge Sandschöpfer, Handwerker, Soldaten und die Mädchen
verbeugten sich ernst und tief und legten beim Rundtanz die Wangen
aneinander.
Neben dem Ziehharmonikaspieler, einem immer lächelnden Zwerg, breiter
als hoch, saß fröstelnd zusammengekauert die Frau des Tanzlehrers, die
sehr der Witwe Benommen glich. Sie löste immer wieder ihre in die Ärmel
geschobenen Hände und griff lächelnd zum Schnapsgläschen, wobei sie
jedesmal schrill rief: »Ja, des muß i hab! Mei Schnäpsle muß i hab. Nur
e Gläsle«, um dann ihre Hände sofort wieder fröstelnd in die Ärmel zu
schieben. Sie war auch schwindsüchtig und immer etwas angetrunken. »Tanz
doch e bißle«, sagte sie lustig zu ihrem hohlwangigen Sohn, der mit
offenem Munde mühsam atmend bei ihr saß, manchmal tief aus der Brust
heraus in sein zinnoberrotes Taschentuch hustete, auf dem man das Blut
nicht sah, und sich dann zurücklehnte, weiß wie Mehl, mit blauen Lippen.
Ein paar Tage später, an einem Mittwoch, starb er.
»Im Grunewald, im Grunewald ist Holzauktion, ist Holzauktion«, spielte
der Zwerg in schnellem Mazurkatakt.
Die brustkranke Wirtstochter trat auf den Sohn des Tanzlehrers zu und
lächelte. »Spiel e bißle langsamer«, sagte sie bittend zum Zwerg, der
sich verbindlich verneigte, »wir wolle a tanz«, und zog lachend den
Kranken vom Stuhl empor. Langsam, ganz vorsichtig, tanzten sie Walzer,
angestoßen und überholt von einem kräftigen, kurzbeinigen Fischer, der
mit seinem Mädchen mazurkastampfend im Saal herumraste und dem Zwerg
fortwährend zuschrie: »Spiel schneller! Spiel schneller!«
Die Mutter der Kriechenden Schlange, die mächtige, geschminkte Wirtin
mit zarter, heftpflasterrosa Haut und vom Korsett in die Höhe gehaltenem
überquellendem Busen, fragte freundlich lächelnd die vier Räuber:
»Tanzen Sie nicht, meine Herren?« und warf, ohne Antwort abzuwarten,
einen bösen Blick auf ihren kleinen Mann, der einen fettigen Fes auf dem
Kopfe hatte, über seine Kaffeetasse gebeugt saß, ein Hörnchen eintauchte
und es so lange weichen ließ, daß ihm dann der Kaffee zu den Mundwinkeln
heraus, am Schnurrbart herunter und zurück in die Tasse lief.
»Schämst dich nit, alte Sau!« rief die Wirtin ihrem Manne zu, und der
Kriechenden Schlange: »Nehm ihm die Tasse weg und trag sie in die Küch.«
Die Kriechende Schlange sah seine Mutter frech und unbekümmert an, blieb
am Schanktisch lehnen und sagte höhnisch: »Was geht's mich an. Laß 'n
rumpantsch.«
»Tanzen Sie doch auch, meine Herren«, animierte die Wirtin. Ihr Mund
wurde klein vor Freundlichkeit.
Der bleiche Kapitän stülpte verächtlich die Lippen nach außen. »Wir wern
da im Kreis rumhüpfe.«
Die Kriechende Schlange platzte mit dem Lachen heraus.
»Gehst weg! Bankert!« schrie die Mutter ihm zu.
»Da bleib ich«, sagte die Kriechende Schlange ruhig und lümmelte sich
auf den Schanktisch.
Die Wirtstochter, jetzt mit rosig überhauchten Wangen, kam
hereingelaufen zu ihrem Vater und stand, die Ellbogen auf den Tisch
gestützt und die Hände um das eirunde Gesicht gelegt. »Schau, er kommt
ja wieder. Der Frau Benommen ihr Caro war auch einmal vierzehn Tage
verschwunden. Sie hat's in die Zeitung setz laß, und da hat ihn ein
Bauer aus Versbach zurückgebracht. An einem Kälberstrick. Nur sei Hals
war e bißle vom Strick geränft.«
»I hab scho e Tinktürle kauft, daß wenn er vielleicht die Krätze hat,
oder sowas. Und schau . . . den neue Kamm.« Der Wirt zog einen großen
Hundekamm aus seiner Brusttasche, wobei er vorsichtig zu seiner Frau
hinsah.
»Steck 'n ein. Sie braucht 'n ja nit zu sehn.«
»Zsssssss«, ertönte es von draußen. Johann Jakob Streberle trat ein und
der zarte Sachse, der ein junges Mädchen, das sich verschämt am
Türpfosten wand, hereinzog. Sie trug noch kurze Röcke, eine blaue
Seidenschleife im offenen, rötlichen Haar, und ihr geschwungener Mund
war tiefrot. Ihr Vater war Viehhändler gewesen, hatte sein Vermögen
verloren, sich auf dem Schloßberg an eine alte Linde gehängt und sein
Kind als mittellose Waise zurückgelassen, worauf der Inhaber der
hygienischen Anstältchen sich ihrer angenommen hatte.
Die Räuber blickten verhalten auf Johann Jakob Streberle, dessen
lachender Mund sich schloß, als er die vier still und eng beieinander
auf dem Kanapee sitzen sah.
»Dreihundertsiebenundsechzig Fenster mitsamt die Rahmen, die ganze
Glaserarbeit vom neue Krankenhaus is mir zug'schlage worn, weil i's
Fenster um zwä Mark billiger mach als alle andern«, rief er, steckte die
Hände in die Hosentaschen und streckte den Bauch vor. »Das muß mer halt
versteh.«
Wütendes Schimpfen näherte sich; der rote Fischer erschien unter der
Tür, in das Fell eines Bernhardinerhundes gehüllt, dessen präparierten
Kopf mit grünen Glasaugen und aufgerissenem Maul er sich übers Haupt
gestülpt hatte.
Die mächtige Wirtin, die eben ein Zuckerplätzchen in den Mund steckte,
sah hämisch lächelnd auf ihren kleinen Mann, der interessiert zum
Fischer trat, das Fell streichelte und plötzlich unter der Bräune seines
Gesichtes erbleichte, denn er hatte seinen eigenen Hund an der Zeichnung
erkannt. Die Wirtin hatte den Hund schlachten lassen, um zu der
gewünschten Bettvorlage zu kommen. Der Fischer lachte breit.
»Hast mein Hund umgebracht?« stotterte der Wirt, »mein Sultan.«
Die Wirtin sah den Fischer an. Die beiden hatten ein offen
eingestandenes Verhältnis miteinander; auch der rasch alt gewordene Wirt
wußte es, konnte aber nichts dagegen ausrichten.
Plötzlich riß der kleine Mann das Hundefell an sich und rannte
aufheulend hinaus. Der Fischer sah ihm verblüfft nach, wandte sich um
und rief erstaunt: »Was denn?« Die Wirtin klappte befriedigt ein Messer
auf den Schanktisch.
Johann Jakob Streberle sah in den Tanzsaal, wo die erhitzten Paare
umherwandelten und sich mit Taschentüchern Wind machten. Er trat ein
paar Schritte auf die Wirtstochter zu, die lächelnd an ihm vorbei im
Saal herumging und wieder eine Stearinkerze zerschnitt. Der Boden
glänzte schon.
Das schöne, kleine Waisenmädchen saß neben dem Sachsen und nippte von
einem grünen Likör, worauf jedesmal ihre Zungenspitze erschien und die
Lippen entlang leckte. Fragend sah sie zu ihrem Beschützer auf, der
seinen aschblonden Bart wagerecht nach vorne zog und dabei lächelnd auf
das Mädchen hinunterblickte.
An einem Tisch saß allein ein Gymnasiast mit vielen Pickeln im Gesicht,
aus dem die starke Nase fast wagerecht vorschoß, und sah verlangend in
den Tanzsaal hinein. Immer, wenn er wieder seine goldene Uhr hervorzog,
wurden die Räuber still und blickten lüstern auf die Uhr.
Die zweite Schwester der Kriechenden Schlange, ein vierzehnjähriges
Mädchen, schon mit dem Ansatz zu einem weichen Busen, Sommersprossen auf
der zarten Haut, ging quer durch die Wirtsstube und zur Tür hinaus.
Die Kriechende Schlange trat zu den Räubern und flüsterte: »Geht mit
naus . . . Wir machen was mit meiner Schwester.«
»Ich geh nit mit«, sagte Oldshatterhand sofort. Der bleiche Kapitän und
die Rote Wolke sahen verständnislos drein.
»Also, ich geh mit«, sagte der Schreiber, zwängte sich zwischen Tisch
und Kanapee durch und ging mit der Kriechenden Schlange hinaus in den
Garten.
»Was machen denn die mit seiner Schwester?« fragte der bleiche Kapitän
Oldshatterhand.
»Die . . . die machen was.«
»Was denn! . . . Das ist ganz einfach eine Geheimniskrämerei!«
»Ich weiß ja selber nit . . . aber machen tun sie was.«
»Der freie Mensch steh Red und Antwort.«
»Das wird wieder ein schöner Blödsinn sei«, schloß der bleiche Kapitän
das Gespräch ab.
Das Mädchen stand im nächtlichen Wirtschaftsgarten klein unterm
Kastanienbaum, der bis in den Sternenhimmel reichte.
Als die zwei Knaben auf sie zutraten, kicherte sie und senkte den Kopf.
»Erst ich«, sagte die Kriechende Schlange zum Schreiber. »Paß du auf
derweil, ob niemand kommt.«
Das Mädchen lief voraus in den dunklen Holzschuppen, in dem Hacken,
Schaufeln und anderes Handwerkszeug herumstand.
Der Schreiber ging zwischen Kastanienbaum und Schuppen spähend auf und
ab.
Als nach einer Weile die Kriechende Schlange allein zurückkam, flüsterte
er: »Geh du jetzt nei zu ihr . . . Geh doch nei!« Er schob ihn vom Stamm
weg. »Ich paß ja auf derweil . . . Oh, du hast Angst«, flüsterte er und
deutete, den Oberkörper abgebeugt, höhnisch auf den Schreiber, der
langsam auf den Schuppen zuging und in ihm verschwand.
Die Kriechende Schlange schlich zum Schuppen, spähte horchend hinein.
Und preßte sich die Schenkel vor lautlosem Lachen.
Speichel lief dem Schreiber von den Mundwinkeln hinunter, als er aus dem
Schuppen trat; sein Haar war verwühlt.
»Der kann ja nix«, sagte das Mädchen und lief davon.
Den Oberkörper abgebeugt, deutete die Kriechende Schlange auf den
Schreiber: »Oooooo!«
»Was willst denn!« rief der Schreiber erzürnt.
»Weil ich's g'sehn hab . . . Weißt was, wenn ihr amal alle im >Zimmer<
seid, bring ich mei Schwester mit.«
»Bring halt die andere auch mit.«
». . . Die eine langt . . . Die langt für uns alle.«
Als die Knaben die Schritte eines Gastes hörten, gingen sie in die
Wirtsstube zurück, wo der Schreiber sich wieder aufs Kanapee setzte.
Oldshatterhand, dessen Mund gerade über die Tischplatte reichte, zog
einen langen Dolch, den zu tragen verboten war, aus der Hintertasche und
schnitt die Spitze einer großen Zigarre ab. »Leih mir zwölf Pfennig«,
bat er den bleichen Kapitän. »Ich hab nix mehr und möcht noch a Glas
Bier trink.«
»Du bist mir noch vierzehn Pfennig vons letztemal schuldig. Ich hab
selber nix.«
Leise ging der Gymnasiast zur Tür hinaus und kam, vom säbelbeinigen
Wachtmeister begleitet, gleich wieder zurück. »Dieser ist's.«
»Komm mal da her zu mir.«
Der bleich gewordene Oldshatterhand -- er hatte beim Eintritt des
Wachtmeisters sein Dolchmesser schnell zwischen Kanapeesitz und Lehne
gesteckt -- ließ geringschätzig die Lippen hängen und fragte angstbleich
und frech: »Was wollen Sie denn von mir?«
»Gehst raus! Malefizlausbub!«
Der Wachtmeister befühlte Oldshatterhands Taschen von außen. »Wo hast's
denn?«
»Ich weiß ja gar nit, was Sie wollen.«
»Einen ganz langen Dolch hat er«, rief der Gymnasiast.
»Jetzt leerst glei dei Tasche aus.«
»Da, greifen Sie nur selber nei.«
Von Zuschauern umringt -- alle Tanzschüler waren ins Wirtszimmer
gekommen -- zog der Wachtmeister, während der bleiche Kapitän, vom
Schreiber gedeckt, den Dolch immer tiefer ins Kanapee stieß, unter
größter Stille aus der Hosentasche Oldshatterhands eine lange, geknickte
Hahnenfeder, drei Zigarrenstummel, ein aufspringendes Blechkästchen, in
dem Angelwürmer sich ringelten, einen Himbeerapfel, eine Handvoll alte
Briefmarken, ein Flötchen und eine Meerschaumspitze, mit einem
Segelschiff darauf, in welcher der Wachtmeister, als er durchsah, eine
farbige Alpenlandschaft mit weidenden Kühen erblickte. Ein zartrosa
Würmchen schlängelte sich aus dem schwarzen Loch der Meerschaumspitze
heraus und um den Zeigefinger des Wachtmeisters herum, der die Spitze
erschrocken von sich schleuderte, so daß sie zerbrach.
»Habt ihr's Messer g'sehe?«
»Ach, er hat ja kein Messer«, sagte die Wirtin begütigend.
»Und wenn er scho ens hat«, rief der Fischer. »Jau, so a Gaudi.«
Aber Johann Jakob Streberle deutete auf Oldshatterhand: »I hab's g'sehe!
Also muß a da sei.«
Ratlos griff der Wachtmeister Oldshatterhand auch noch in die
Westentasche und zog siebzehn Pfennige heraus. »Das hab ich zammg'spart,
weil ich meiner Mutter eine Küchenlampe kauf will, zu ihrn Geburtstag!«
rief Oldshatterhand und blickte in furchtbarster Verlegenheit den
bleichen Kapitän an.
»Was verlangst denn dann von mir Geld, wenn du selber hast!«
»Du glaubst's nit . . . Kannst ja selber mei Mutter frag, ob sie die
Küchenlampe nit braucht.«
Nachdem der Wachtmeister noch unter Tisch und Kanapee gekrochen war,
ging er, der zerbrochenen Meerschaumspitze wegen, schnell weg.
». . . Es ist wirklich so, wie ich g'sagt hab.«
»Das häst gleich sag müss . . . Heimlichs Geld! . . . Ich tät mich
schäm.«
»Aber du mach dich dünn jetzt«, zischte Oldshatterhand wütend.
Der Gymnasiast hatte sein schwarzes Schildmützchen schon gepackt und
schlich zur Tür hinaus.
Die Räuber machten sich sofort an die Verfolgung.
Jedoch der Gymnasiast hatte einen Vorsprung, Angst und lange Beine.
Am Wachtmeister vorbei jagten die Räuber der fliehenden, dunklen Gestalt
nach, über die alte Brücke, durch krumme Gassen, aber stets im selben
Abstand. Der Gymnasiast schien zu fliegen. In der Büttnersgasse prallte
er wider seine Haustür, daß er in die Knie sank, sprang die Treppe
hinauf und streckte den Räubern aus dem erleuchteten Fenster des ersten
Stockes schon die Zunge lang heraus, als sie unten vor dem Hause erst
ankamen.
Der Himbeerapfel schwirrte durch die Luft und schien dem Gymnasiasten
direkt in den Mund geflogen zu sein; denn noch einen Augenblick war der
Apfel auf dem Gesicht zu sehen und die in maßlosem Schrecken
aufgerissenen Augen. Der Kopf verschwand, die Räuber hörten einen
dumpfen Fall und das Klirren von zerbrechendem Glas. Dann war es still.
Ein paar Stunden später kletterten die Räuber, da das Haustor schon
versperrt, aber im Wirtschaftszimmer der »Schönen Mainaussicht« noch
Licht war, an der Mauer hinauf, schlichen durch den dunklen Garten und
sahen, als sie durchs Fenster spähten, den Fischer mit der Wirtin
zusammen auf dem Kanapee. Oldshatterhand schrak entsetzt zurück und
flüsterte voller Grauen: »Fort! Fort! Ich geh fort.«
Plötzlich schlüpfte die Kriechende Schlange unterm Kanapee vor und
deutete boshaft auf die beiden.
Seine Mutter und ihr Liebhaber fuhren wüst schimpfend in die Höhe. Die
Kriechende Schlange stürzte in die Küche, die Räuber durch den Garten
davon.
Am Morgen zogen ein paar Sandschöpfer den kleinen Wirt tot aus dem Main.
Das nasse Hundefell hielten die Hände des Toten fest umklammert.
* * * * *
Aus dem Schulsaale nebenan klang schon das singende, monotone Lesen der
ganzen Klasse, aber über den siebzig regungslos sitzenden Schülern des
Herrn Mager hing noch drückende Stille.
Herr Mager saß hinter dem Katheder und schälte sich einen Borsdorfer
Apfel, teilte ihn in Schnitzchen, kernte sie sorgfältig aus und aß sie
zusammen mit einer mürben Kaisersemmel langsam auf, was er vor Beginn
jeder Schulstunde tat.
Der bleiche Kapitän, Falkenauge, Oldshatterhand und der Duckmäuser saßen
in der ersten Bank; in der letzten Bank saßen der König der Luft, die
Rote Wolke und der Schreiber. Die andern Mitglieder der Räuberbande
waren unter den übrigen Schülern verstreut.
Winnetou lag fiebernd zu Hause im Bett.
Vom hellen Gaslicht beleuchtet, glänzten die von der Seife
aufgeriebenen, roten Gesichter der Lehrjungen, und die noch nassen Haare
standen spitz und steif in die Höhe, so daß die Köpfe einer in Reihen
geordneten Igelschar glichen.
Herr Mager hielt streng auf Reinlichkeit.
Eine tiefe Männerstimme erklang nebenan, dann eine Knabenstimme, und es
schien, als würden die Worte im Keller gesprochen.
Herr Mager rieb sein Taschenmesser trocken, hielt die Klinge gegen das
Licht, rieb noch eine Weile, und erhob sich plötzlich, strich wie in
Gedanken mit der Hand im Kreis über seinen rundgestutzten, rötlichen
Vollbart zur polierten Glatze und zurück zum Bart, wo die Hand haften
blieb, und lächelte. Herr Mager lächelte die Schüler der ersten Bank an.
Herr Mager hatte eine sonderbare Art, die Hände zu reiben. Er rieb
jetzt, wie immer, wenn er vergnügt war, mit dem Zeigefinger das
erhabene, blaue Aderngeflecht seines gichtigen Handrückens, sah auf die
Uhr und schritt zur Schultafel. »Der berühmte Maler Albrecht Dürer hatte
einen Widersacher, welcher behauptete, der größere Künstler zu sein«,
sagte Herr Mager, legte die Hand in die Hüfte und sah, immer noch
lächelnd, die Räuberbank an. »Die zwei Maler einigten sich dahin, daß
jeder eine Zeichnung machen solle, und wessen Arbeit die bessere sei,
der solle in Zukunft als der Größte gelten . . . Der eine zeichnete Tag
und Nacht, ein halbes Jahr lang, und brachte seine auf das sorgfältigste
ausgeführte Arbeit vor das Preisgericht. Als Albrecht Dürer eintrat,
ohne eine Zeichenrolle zu haben, fragten die Preisrichter ärgerlich, wo
denn seine Arbeit sei. Da schlug Albrecht Dürer seinen weiten Mantel
zurück, zeichnete mit einem feingespitzten Bleistift in einem Zug einen
großen Kreis auf einen Karton und machte einen Punkt in die Mitte. Alles
aus freier Hand. Als die Preisrichter aber nachmaßen, stimmte der Kreis
wie mit dem Zirkel gezogen . . . Von da an galt Albrecht Dürer als der
größte Künstler«, schloß Herr Mager, versuchte, mit der Kreide einen
Kreis auf die Schultafel zu ziehen und stieß energisch einen Punkt
hinein. »Wie ich noch so jung war wie ihr, da konnte ich das noch viel
besser«, sagte er, weil der Kreis etwas bucklig ausgefallen war. »Das
sollt ihr bis zur nächsten Schulstunde üben . . . Katekeßmoß!!!«
Siebzig Katechismusse klappten auf die Bankpulte.