Der Kohlenführer hob den Kopf. »Du sagst, es is nit wahr?«

»Also schau. Es is kein Wort davon wahr. Wenn i dir sag! . . . Mir

trinke a Maß Bier mitnander«, schloß beruhigend der Sandschöpfer. »Lone!

a Maß Bier für mich und mein Bruder.«

Vom Sachsen wurde das Burenlied angestimmt, und die erleichterten Brüder

sangen kräftig mit:

»Ihrem todeskühnen Ringen kann man nicht das Lob entziehen,

Denn sie fechten toll und kühn -- -- --«

Die Alte war schlafen gegangen.

»Setze Sie sich und esse Sie was«, sagte der Wirt zu seiner Kellnerin

und lächelte.

Der Trainsoldat schnallte seinen Säbel um und ging fort.

»Jetzt!« rief der bleiche Kapitän.

Die Räuber legten eilig das Geld auf den Tisch und stürmten zur

Wirtsstube hinaus. Der Schreiber, müde und bleich, als Letzter.

Vor dem »Spitäle« stand der Soldat, summte: »Als die Römer frech

geworden«, und stieß dazu mit seinem langen Säbel den Takt aufs

Pflaster.

Es war schon fast hell. Die Sandsteinheiligen der Brücke standen dunkel

gegen den Himmel.

Der bleiche Kapitän wünschte, daß seine Leute zurückblieben, ging allein

auf den Soldaten zu und sagte: »Sie sind doch der . . . von der

Kegelbahn! He? . . . Zu fünft über einen einzelnen herfallen, das könnt

ihr . . . He?«

Der Soldat legte die Hand an den Griff seines Säbels.

»Laß nur dei Brotmesserle stecke. Das rat ich dir im Guten.« Und

plötzlich zuckte die Hand des bleichen Kapitäns nach dem Griff; er riß

den Säbel aus der Scheide und raste, von der ganzen Bande gefolgt, mit

hocherhobenem Säbel davon, die Felsengasse hinauf, auf den dunklen

Schloßberg. So schnell war das gegangen, daß die Bande, ehe der Soldat

das Geschehene begriffen hatte, schon weg war.

Ohne seinen Säbel mußte er heim in die Kaserne.

Noch in derselben Nacht gingen die Räuber durch den unterirdischen Gang

ins »Zimmer« und brachten den Säbel zu ihren anderen Waffen, wo er

seitdem verblieben ist.

»Dieser Streich hätte von meinem Bruder in Amerika sein können«, sagte

der bleiche Kapitän.

Sie stiegen den Schloßberg hinunter und blieben bei der letzten Linde

stehen, wo ihre Wege sich trennten.

Neben dem geistesabwesend vor sich hinstarrenden Winnetou stand frierend

und grünbleich Oldshatterhand. »Was hat das alles, was wir heut gemacht

ham, eigentlich für einen Wert«, sagte er, und rief, plötzlich zornig,

weil er den Widerstand der Räuber fühlte: »Für uns hat das gar keinen

Wert! sag ich . . . Für uns nit!«

»No und der Säbel?«

»Ich geh jetzt heim«, sagte der Schreiber. »Es is einfacher, wenn ich

gleich heim geh.«

Der Trupp setzte sich zögernd in Bewegung und verschwand in der

Schloßgasse.

Winnetou war am Lindenstamm lehnen geblieben. Langsam stieg er den

Schloßberg wieder hinauf, ging unter Grauenschauern durch den

sammetschwarzen unterirdischen Gang ins »Zimmer« und zündete eine Kerze

an.

Die Kerze in der Hand, starrte er die Mauer an, sah den Kaplan und die

Schwester auf dem Kanapee, die Mutter, wie sie ihn schlug, und verzog

die Lippen zu einem schadenfrohen Lächeln bei der Vorstellung, wie

ungeheuer die Mutter erschrecken würde, wenn sie ihn erschossen ins Haus

gebracht bekäme. Er sah, wie die Mutter jammernd über seine Leiche fiel,

und sagte plötzlich haßerfüllt: »So, da hast du's jetzt. Geschieht dir

ganz recht. Ganz recht.« Schleichend näherte er sich der Glasvitrine und

blickte auf den alten Revolver, der durch die Brechungen des runden

Glases verdreifacht unter der Vitrine lag.

Als er die Vitrine abhob, lag nur ein Revolver, alt und rostig, vor ihm.

Mit zitternden Fingern prüfte er, ob der Revolver geladen war, setzte

die Mündung auf die Mitte seiner Brust, wo der Druck saß, und hatte,

kurz bevor er abdrückte, das bestimmte Empfinden, die Mutter sitze in

seiner Brust und verursache ihm diesen Druck, so daß er mitten durch die

Mutter schießen würde. »Hopp!« schrie er gellend und drückte ab. Es

knackte. Winnetou stürzte zu Boden und riß die verlöschende Kerze mit.

Der alte Revolver hatte versagt. Schweiß brach rapid aus. Unter

strömenden Tränen und ungeheurem Wohlgefühl am ganzen Körper wich die

Spannung; der Körper bäumte und wand sich; der Mund biß in den Boden.

Schwindlig vor Erschöpfung stand Winnetou im dunklen »Zimmer« und atmete

keuchend mit offenem Munde den Schrecken aus, tappte zur Felsenbank und

schlief augenblicklich ein.

Die Räuberbande · 第 11 / 26 题