Des bleichen Kapitäns Bruder, Benommen der Wirt, ein untersetzter Mann,
mit fast ganz geschlossenen, eitrigen, roten Augenlidern und
Goldblättchen in den Ohren, stand, Bauch und Unterlippe verächtlich
vorgeschoben, neben seiner Mutter hinter dem Schanktisch und verfolgte
jede Bewegung der auffallend schönen Kellnerin, eines jungen Mädchens
mit gesundbleichem Gesicht und braunen Augen, während die Witwe
Benommen, klein und zäh, unzählbare Falten und Fältchen im ledergelben
Gesicht, die dürren Hände vor dem Leib gefaltet hielt und verbissen die
Leidenschaft ihres Sohnes für seine Kellnerin beobachtete. Noch hatte
sie das Regiment nicht aus den Händen gegeben. Der Sohn hatte die
altbewährte Wirtschaft einstweilen nur in Pacht bekommen. Daß er sie in
eigene Führung bekam, hing davon ab, ob er die Kellnerin aufgab, deren
Kündigung die Alte schon durchgesetzt hatte.
Mit schmiegsamen Bewegungen, den Leib etwas vorgeschoben, bediente die
schöne Kellnerin einen Gast, der seinen Arm um ihre Taille legte. Sie
entwand sich ihm weich, lachte lautlos und schlug ihre milden Augen
gegen den Wirt auf, der aus der Schenke zum Gast trat und mit dem Finger
zur Türe wies: »In meiner Wirtschaft wird nicht mit der Kellnerin
poussiert! Merk dir das!«
Der bleiche Kapitän saß zurückgelehnt und beobachtete diesen Vorgang mit
übertrieben gleichgültiger Miene.
Mit schriller Stimme schrie die Witwe Benommen der Kellnerin zu: »Gehen
Sie doch gleich in die Fischergaß, wo Sie hingehören.«
Aus dem weißen Gesicht der Kellnerin verschwand das Lachen. Sie gab dem
Gast auf dessen Mark heraus und nahm die zwei Pfennige Trinkgeld
entgegen, wobei ein unwillkürliches Danklächeln wieder ihr Gesicht
verschönte.
Im Mainviertel, gegenüber einer sehr hohen alten Gartenmauer, klebten
drei niedere Häuschen aneinander, über deren Haustüren metergroße,
schwarze Nummern gemalt waren: Nr. 7, 11 und 13. Es waren ganz kleine,
altersschiefe, graue Häuschen mit bemoosten Dächern. Trat man aber ein
-- da war alles rosa. Und starkes Parfüm und Frauenlachen schlug einem
entgegen. Das war die Fischergasse. Und die neueste Errungenschaft der
Stadt Würzburg, was den Fortschritt anlangt. Ganz plötzlich waren die
ahnungslosen Bürger mit dieser hygienischen Neueinrichtung beschenkt
worden, worauf ein hitziger Kampf der Pfarrerschaft von den Kanzeln
herunter entbrannt war und die Bewohner der vorderen Fischergasse sich
empört gegen die Schande gewehrt und von den Stadtvätern einen anderen
Namen für ihre Gasse verlangt hatten. Nach jahrelangem Kampf und starker
Frequentierung verschwanden die hygienischen Anstältchen ebenso
plötzlich wieder, wie sie gekommen waren. Und danach standen die
Häuschen leer, denn es fand sich kein Mensch, der sie hätte bewohnen
mögen. Nach jedem Vierteljahr wurde der Kaufpreis heruntergesetzt, bis
zuletzt alle drei Häuschen zusammen für sechshundert Mark angeboten
wurden. Aber nicht einmal geschenkt wollte sie jemand haben.
Doch das kam erst später. Zurzeit waren sie noch von rosa Ampeln
beleuchtet, und der Inhaber der drei Häuschen saß bei den für die Buren
begeisterten Sandschöpfern und Fischern in der Kneipe der Witwe
Benommen.
Der bleiche Kapitän blies den Schaum vom Bier, trank und sog den Schaum
von der Oberlippe wie ein schnurrbärtiger Alter. »Gott, daran kann ja
gar kein Zweifel sein, daß die Buren den Krieg gewinnen.«
»Wo das Recht ist, ist der Sieg«, sagte die Rote Wolke und hob die Hand.
Der Schreiber sagte ernst: »Ex!« trank sein Glas leer und reichte es
gleichgültig der Kellnerin, die ein Lächeln über das sachliche Gebaren
der Räuber nicht unterdrücken konnte.
Der Gast, dem verboten worden war, sein Gefallen an der Kellnerin zu
äußern, stand beim Wirt und legte ihm die Hand auf die Schulter.
»In meiner Wirtschaft gibt's das einfach nit«, sagte unwirsch der Wirt
und schnitt ein Stück Schwartenmagen ab.
»Ja, in _deiner_ Wirtschaft«, sagte die Witwe Benommen hämisch. »Was
willst du denn, wenn sich das schlampige Menschle doch von jed'n
rumschmier läßt.«
»Also Mutter! Jetzt bist still! Ich brauch dei Wirtschaft nit. Aber kurz
und klein schlag ich dir alles, wennst jetzt nit Ruh gibst.«
Wütend blickte die Alte auf die Kellnerin und rührte sich nicht.
»Geh doch nauf und leg dich schlafen. Die Nachtruh tut dir besser. Ich
kann mich ja nit rühr in der Schenk.«
Die Witwe Benommen zog sich, die Tür zuknallend, in die dunkle Küche
zurück, von wo aus sie durch das Fensterchen die weiteren Vorgänge in
ihrer Wirtschaft beobachtete.
Ein Trainsoldat trat ein. Der Schreiber riß die Augen auf. »Das ist er!«
Alle Räuber wandten sich nach dem Soldaten um, welcher der Kellnerin die
Hand reichte. »Der war's«, flüsterte der Schreiber und deutete auf sein
blutiges Vorhemd.
Der Inhaber der fortschrittlichen Neueinrichtung, ein schlanker,
überelegant gekleideter Sachse, sagte zum Wirt: »Stellen Sie mal ein
kleines Fäßchen Bier für meine Freunde auf den Tisch. Ja.« Er hielt sich
zu den vorurteilslosen Fischern und Sandschöpfern und kam ihnen, auch
aus wirklicher Begeisterung für ihre rauhen bayerischen Sitten,
entgegen, indem er zu Lackschuhen und tadellos elegantem Anzug keinen
Hemdkragen trug.
Der Wirt brachte das Bierfaß und zapfte es an. Der zarte Sachse bürstete
unausgesetzt mit einem goldenen Bürstchen intensiv an seinem gepflegten,
weichen, langen, aschblonden, sehr schmalen Ziegenbart entlang, der das
Stärkhemd in zwei Teile schnitt. Heftig bürstend, zog er den Bart
wagrecht vor, wobei sein Mund sich in Eiform öffnete und die blitzenden
Brillanthemdknöpfe sichtbar wurden, schlug mit der kleinen Faust auf den
Tisch und rief: »Das wäre ja noch schöner. Nur immer feste ran. Gsuffa!
Ja.« Strahlend stand er auf, mit ihm alle anderen, reckte den Maßkrug
zur Decke, trank. Und bürstete sofort wieder intensiv am aschblonden,
schmalen Bart entlang.
Die Freundschaft der Räuber hatte er bis jetzt vergebens gesucht. Er war
ihnen zu zart, zu elegant, und seiner Begeisterung für bayerische Sitten
trauten sie nicht. Selbst das viele Freibier konnte keine Wirkung auf
sie ausüben.
Die abgearbeiteten Sandschöpfer und Fischer jedoch konnten ihre
Sympathie dem Freibier spendenden Sachsen nicht versagen, da er auch
sonst sich liebenswürdig zu ihnen benahm. Aber oft sah der eine oder der
andere verlegen zu den verächtlich blickenden Räubern hin, deren
Wohlwollen die Gäste dieser Kneipe sich auch nicht zu verscherzen
wünschten.
»Lone! bring uns auch drei Liesl Bier!« rief der Schreiber plötzlich der
Kellnerin zu.
»Kannst sie denn bezahl?« fragte erstaunt der bleiche Kapitän.
»Das Geld für die Schuh vom Wachtmeister hab ich jetzt sowieso scho
angerissen.«
»Mein Lieber, was machst denn da jetzt?«
»Ich geh halt heim . . . und halt's aus. Da kann man jetzt nix mehr mach
. . . Wenn nur wenigstens den Berliner der Teufel holet.«
Die Alte stand schon wieder reglos in der Schenke neben ihrem Sohn.
Die Blicke der Räuber waren auf den Trainsoldaten geheftet, und als er
die Hand der schönen Kellnerin streichelte, stülpte der bleiche Kapitän
drohend die Lippen nach außen, während sein Bruder, mit einem stummen
Wutblick auf das Mädchen, eine Biermarke auf den Schanktisch schmiß, und
die Witwe Benommen hämisch das Gesicht verzog.
Der zarte Sachse stand auf und brachte das Spielwerk in Gang. Es
rasselte im Schränkchen, knackte ein paarmal und begann, aus
Altersschwäche manche Worte unterschlagend, zu spielen:
Ein Knabe hatte ein Mädchen lieb.
Sie flohen heimlich von Hause fort,
Es wußt's weder Vater noch Mutter.
Es war still geworden in der Stube. Alle horchten, als säßen sie in
einem Symphoniekonzert. Die Kellnerin stand wider die Mauer gelehnt und
blickte in unbegreiflicher Rührung zum Spielwerk hin, das nach heiserem
Rasseln fortfuhr:
Sie sind gewandert hin und her,
Sie haben gehabt weder Glück noch Stern,
Sie sind verdorben, gestorben.
»In der Küche is no e bißle Brate von Mittag. Magst du's nit? Und trink
e Gläsle Wein dazu. Das tut dir doch gut«, sagte der Wirt zu seiner
Mutter.
Der zarte Sachse deutete auf das Spielwerk und sagte: »Das war von
Heinrich Heine, ja. Diese Töne greifen mir ans Herze . . . Meine Mutter
hat's auch immer gesungen, als ich noch 'n kleener Junge war.«
»Der kann leicht sei Maul vollnehm«, sagte der Schreiber und beugte sich
zu den Räubern. »Wenn man eine Million verdient im Jahr.«
»So viel wird's aber vielleicht nit sein. Überhaupt, wie ist denn das
eigentlich, dahinten in der Fischergaß?«
»So genau weiß man das nit . . . Das ist halt die Fischergaß.«
Am Fenster saß allein ein Kohlenführer und weinte. Manchmal wischte er
sich mit dem Handrücken übers Gesicht, das ganz von Ruß und Tränen
verschmiert war.
Da trat sein Bruder, ein Sandschöpfer mit nur fingerbreiter Stirne und
böse blickenden Augen, in die Wirtsstube und hob die Hände: »Daa bist
du? Dei Frau heult sich daheim die Augen aus.«
Der Kohlenführer schluchzte auf und rief heulend immerzu: »Mei eigener
Bruder! Mei eigener Bruder!«
»Es is nit wahr«, sagte der Eingetretene. »Also, wenn i dir sag. I bin
doch dei Bruder.«
»Ein trauriger Lump bist! Mei Frau hat's mir ja selber ei'g'stande.
Gestern die ganze Nacht warst du bei ihr!« brüllte der Kohlenführer
plötzlich laut.
Der Sandschöpfer blickte, die Augen fast ganz geschlossen, erschrocken
auf seinen Bruder: »Also, wenn i dir sag! Frag sie selber. I wer doch
nit mit mein eigene Bruder seiner Frau . . . Sie is doch mei Schwägerin.
Also . . . also sowas tät i doch nit. Das glaubst du doch nit von mir
. . . Mit der eigene Schwägerin.«