Oldshatterhand schüttelte verlegen den Kopf. »Ich weiß nit, wo er is.«

»Ein guter Tropfen«, sagte der bleiche Kapitän, zwang sich, gleichgültig

zu trinken, und stülpte die nassen Lippen nach außen.

Der Wirt lächelte. »No, Herr Widerschein.« Er legte dem Schreiber die

Hand auf die Schulter.

»Mei Vater is daheim und arbeit, weil er so viel zu tun hat«, sagte der

Schreiber sehr schnell.

»So, so . . . No, lasse Sie sich's nur schmeck, mitnander . . . Gretl!

'n Herrn Widerschein sei Glas is leer«, sagte der Wirt und ging nach

hinten zu seinem Schanktisch.

Die verlegenen Räuber wagten nicht, einander anzusehen. »Beim

>Lochfischer< müssen wir Stammgäst werden«, sagte der bleiche Kapitän.

Alle stimmen freudig zu. Plötzlich verstummt, blickten sie zur Tür. Ein

eleganter Handlungsreisender aus Berlin war eingetreten; er schlug die

Hacken zusammen gegen die Wirtin, gegen den Fischer, gegen Herrn

Hieronymus Griebe, gegen den Räubertisch und fragte: »Hören Sie mal,

kann man hier Fische bekommen? Gibt es hier Fische? Frische Fische?«

Der rote Fischer wandte sich schwerfällig um, sah den Berliner an,

deutete auf einen Stuhl: »No, da setze Sie sich nur erst amal, Fisch

kriege Sie dann scho, soviel Sie brauche«, und wandte sich zurück zum

Tisch.

Der Schreiber deutete auf die Schuhe des Berliners. »Die hab ich ihm

erst heut früh gebracht. Sohle und Absätz aufrichten«, flüsterte er.

»Der Herr kommt jedes Jahr einmal nach Würzburg, und da läßt er sei

Schuh bei mein Vater mach.«

Der Berliner stand noch, auf gespreizten Beinen, die Hände in den

Hüften, und betrachtete das rote Herz der Mutter Gottes an der Decke,

sah sich erstaunt um, rief dem Wirt erfreut zu: »Enormjemütlich!« und

las laut den gerahmten Spruch an der Wand:

»Ob ich morgen leben werde,

Weiß ich freilich nicht,

Daß ich aber, wenn ich lebe,

Trinken werde, das ist ganz gewiß.«

Der Wirt lächelte. Die Wirtin setzte ihre Brille auf die Nasenspitze und

begann an einem roten Strumpf zu stricken.

Der Wirt stellte Wein auf den Tisch für den Berliner, der sich zwischen

den Fischer und die dicke Wirtin setzte und einen Karpfen bestellte.

»Isterfrisch?«

»He?«

»Ist der Fisch frisch?«

»No, wenn Sie 'n so frisch in Bauch nei kriege, wie er is, bekommt er

Ihne schlecht«, sagte der Wirt und hielt dem Berliner einen zappelnden

Karpfen unter die Nase.

»Was glaubt denn deer«, sagte der Schreiber laut.

»Bei euch in Berlin scheine die Fisch für gewöhnli zu stinke«, meinte

der Fischer.

»Kolossaler Irrtum! Berlin steht in hygienischer Hinsicht tadellos da.

Größter Seifenverbrauch usw.«

»No, was wolle Sie denn dann. Glaube Sie, wir wisse nit, was Säfe is?

Säfe könne Sie bei uns in jedn Kolonialwarelädele käff.«

Der Glasermeister Johann Jakob Streberle kam, ein noch sehr junger Mann,

der erst kürzlich von seinem verstorbenen Vater die Glaserei geerbt

hatte, und setzte sich an den Tisch dazu. Der Schnauz kläffte ihn wütend

an. »Was hat denn der Verrecker«, rief Johann Jakob Streberle und

lachte, wobei »zs-zs«-Laute ertönten und Speichel zwischen seinen

glänzenden Zahnreihen durchspritzte, denn er hielt sie beim Lachen

geschlossen. »Da, schau sie an, die Lausbube. Wie wir so klein warn, sin

wir schö derhem gebliebe. Nit amal 's Geld hätte mir g'habt. Besuffe sin

sie a no.«

Der Wirt trommelte nervös auf der Tischplatte.

»No, was mi angeht«, antwortete der Fischer, »i hab's grad so gemacht

. . . Laßt sie doch sauf. Ihr Alter wird ne scho 'n Arsch aushaue,

wenn's nöti is. -- I glaub als, dir hockt er halt wieder, Streberle,

weil's mit der Brautschau Wasser war.«

»No, allemal!« rief der Schreiber.

»O Gott, Brautschau! Mädli, Mädli mit Geld krieg i, so viel i will«,

sagte der Glasermeister speichelspritzend.

Die Räuber verhielten sich ganz still. Ihre Wangen waren gerötet: der

Schreiber hatte einen Liter Most bezahlt. Oldshatterhand klimperte leise

auf der Gitarre. »Doch! Jetzt singen wir«, flüsterte er. »Hopp!«

»Gretl, _noch_ ein Maß«, sagte der Schreiber. Sein Gesicht glühte.

»Ooo, Herr Widerschein, Sie sind einer«, sang das blonde Mädchen.

»Diese Jungens! Diese Jungens! Trinken wie die alten Deutschen, immer

noch eins. Bringen Sie den Jungens einen Liter Wein auf meine Rechnung«,

sagte der Berliner.

»O Gott, Mädli, Mädli mit Geld, so viel i will!«

»Einfach weil's Wasser war mit der Brautschau«, sagte plötzlich der

Schreiber, stand schaukelnd auf und sang, die Melodie von »In einem

kühlen Grunde« unterlegend, immer nur den Namen des unbeliebten

Glasermeisters:

»Johann Ja--a--kob Streeeberle,

Johann Stre--e--berlee -- -- --«

die ganze Melodie durch. Der Schreiber war vollkommen betrunken. Der

Fischer verschluckte sich vor Lachen. Johann Jakob Streberle spritzte,

gezwungen lachend, Speichel zwischen seinen geschlossenen Zahnreihen

durch und blickte wütend zu den Räubern hin.

»No, jetz is aber genug«, sagte der Wirt und lächelte vergnügt.

Das Mädchen brachte den Räubern den Wein des Berliners. Oldshatterhand

beugte sich auf die Tischplatte, zischte verhalten: »Also hopp! . . .

Los!« Und fing mit verzweifeltem Mute allein an zu singen mit hoher

Mädchenstimme: »Nieder mit der Tyrannei!« Worauf die anderen sofort

einsetzten, daß der Berliner seine Gabel fallen ließ:

»Hoch leb die Anarchie!

Es lebe der Achtstundentag,

Die Ruh, die Republik!«

Johann Jakob Streberle schüttelte mißbilligend den Kopf. »Bezahle Sie

doch dene Lausbube nit a no Wein, sonst mache sie nur Dummheite . . .

Die ham sowieso scho genug auf'n Kerbholz . . . Ja, ja, wartet nur,

Bürschli«, schloß er geheimnisvoll.

»Was wolle denn Sie von uns«, rief der Schreiber.

»Was ich von euch will? . . . Oh, das werdet ihr schon no sehn.«

»Was der will . . . Sie können uns gar nix anhab.«

Da umklammerte der bleiche Kapitän den Arm des Schreibers. »Pst! Sei

still!« flüsterte er und duckte das Gesicht auf die Tischplatte. »Wißt

ihr, was auf dem Hobel steht?«

»Auf was für'n Hobel?«

»Aha! Hat's euch scho?« rief Johann Jakob Streberle, weil alle Räuber

das Gesicht horchend auf die Tischplatte duckten.

»No, auf dem Hobel, den wir letzthin auf'n Schloßberg g'funde ham. J. J.

St. steht darauf«, flüsterte der bleiche Kapitän. »Der Hobel gehört dem

Streberle; der Kerl hat uns sicher nachg'schnüffelt.«

Die Oberkörper der Räuber richteten sich auf. Alle blickten zum

Glasermeister hin.

»Gelt, ihr wißt scho, daß nit alles sauber is. I will aber gar nix

g'sagt hab.«

»Sie wisse nix . . . gar nix«, sagte der Schreiber.

»Wenn wir ihm sein Hobel wiedergebe, hält er vielleicht sei Maul«,

flüsterte der bleiche Kapitän.

Der Glasermeister schnellte in die Höhe. »Sooo . . . _ihr_ habt mein

Hobel! Mein Hobel habt ihr a no!« Er sprang an den Räubertisch.

»Wolle Sie was von uns!« Der Schreiber war in die Höhe gefahren. Der

Schnauz kläffte. Alle Räuber standen.

Da trat Winnetou ein.

Der bleiche Kapitän klärte Winnetou hastig auf.

»Sie ham uns also ausspioniert . . . Alle sind gemein . . . Wissen Sie,

was Sie sind? . . . Ein gemeiner Spion sind Sie«, sagte Winnetou laut

und setzte sich.

Der Glasermeister hob die Faust. Der Wirt sprang dazwischen. »Ruh jetzt!

. . . Macht euer Sach wo anders aus. Und Sie, Sie lasse die junge Leute

in Ruh.«

»Ihr Gauner!« Er versuchte den Wirt zur Seite zu drängen. Hoheitsvoll

sah der Wirt den Glasermeister an. »Setzen Sie sich auf Ihren Platz

. . . Dort ist Ihr Platz!« sprach er hochdeutsch.

»No ja, aber hat's denn scho so was gebe. Jetzt sagen Sie selber . . .

Wir Männer -- -- --«

Aber der Wirt ließ sich auf nichts ein.

Auch die Räuber setzten sich.

Herr Hieronymus Griebe trank schnell sein Glas aus, hielt es gegen das

Licht und reichte es seinem Sohn, der das leere Glas eine Weile

senkrecht zwischen die zur Decke gerichteten Lippen hielt und energisch

sog. Herr Griebe zupfte seinem Sohn den Anzug zurecht und verließ mit

ihm eilig die Weinstube.

»I wer mir mei Gäst vertreib lasse.«

»No, jetzt sage Sie selber.«

»Streberle, i will gar nix wiss.«

»Großartig! Ist das nicht der Junge vom Schuhmachermeister Widerschein«,

fragte der Berliner den Fischer.

»Das is 'n Widerschein seiner.«

»Ich lasse mir nämlich immer meine Schuhe von Herrn Widerschein

reparieren . . . Bedeutend billiger als in Berlin.«

»Ja, Berliiiiiiin!«

»Ist aber hier in Würzburg auch nicht mehr so billig wie früher . . .

Vier Mark für Sohlen und Absätze erhöhen.« Der Berliner nahm sein Glas

in die Hand.

»Was? . . . Erhööööhen?«

»Flecke auf die Absätze.«

»Ah so! No, i zahl beim Widerschein alleweil no zwä Mark und dreißig

Pfennig für Sohle und Absätz. Seit zwanzig Jahr.«

Der Schreiber horchte gespannt.

»Aber hörn Sie mal!« Der Berliner stellte das Glas zurück, ohne

getrunken zu haben. »Da muß ich doch morgen gleich einmal zum Meister

gehen . . . Gleiche Preise für alle! Das ist mein leitendes Prinzip

. . . Ich bin Reisender.«

»Mei Fisch kriegt a jeder ums selbe Geld . . . Wer bezahlt, kann Fisch

hab.«

»Hörn Sie mal, junger Mann, sagen Sie Ihrem Vater, ich käme morgen zu

ihm . . . Es ist ja nur eine prinzipielle Sache bei mir.«

Die Räuber blickten vom Berliner zum Schreiber, der nervös auf dem

Stuhle herumrutschte. »Es kann sei, daß mei Vater morgen gar nit daheim

is. Weil er Schuh nach Höchberg trägt.«

»Wissen Sie, in Berlin herrscht das Prinzip: Reelle Arbeit -- reelle

Preise. Daher der Aufschwung. Das ist auch meine Weltanschauung.«

»Ja no, das Solide is no alleweil das beste.«

»I geh jetzt a bißle ins Eckertsgärtle zum Kegeln«, sagte Johann Jakob

Streberle und erhob sich.

»'n Streberle dürfen wir heut nimmer aus die Auge lass. Wir müsse doch

rauskrieg, was er vor hat«, sagte der bleiche Kapitän, als der

Glasermeister gegangen war.

»Solide -- reell . . . das hatte Deutschlands Aufschwung zur Folge, seit

dem Kriege siebzig/einundsiebzig.«

»Wie heut erinner i mi no. Damals, wir Bayern vor Paris . . . Wir sind

in einem Dorf gelege -- --«

»Hör'n Sie mal!« unterbrach der Berliner: »Die Preußen -- -- -- -- --«

* * * * *

Auf der Straße sahen die Räuber in einer Schmiede Feuer auf der Esse

lodern. Der geschwärzte Schmiedegesell, der unverhofft eine dringende

Reparatur hatte ausführen müssen, trat eben aus der Werkstatt und sah in

den Himmel hinauf nach dem Wetter. Der betrunkene Schreiber lallte: »Mir

ist jetzt alles gleich«, trat auf den Schmied zu, starrte ihm in die

Augen und rief streng: »Wissen Sie nicht, daß es verboten ist, am

heiligen Sonntag zu arbeiten!«

»Gehst weg! Knirps! Sonst fängst eine«, rief erbost der Schmied.

»Hau mal her!«

Der Schmied hieb ihm eine kräftige Ohrfeige herunter.

»Hau no mal her!!«

Er hieb ihm wieder eine herunter.

»Hau no mal her, wennst Kurasch hast!!!«

Der Schmied gab dem Schreiber noch eine fürchterliche Maulschelle und

ging in seine Werkstatt zurück.

Die Räuber gingen die Straße vor bis zum »Spitäle«. Alle waren etwas

angetrunken, bis auf Winnetou, der einige Schritte seitwärts

nachdenklich nebenher ging.

Die Räuber sahen auf das beleuchtete Ziffernblatt, zogen ihre

Taschenuhren und verglichen die Zeit. Es war gegen zehn Uhr.

»Ich hab's euch ja g'sagt, es war ein Mann dagestanden. Ich hab'n genau

g'sehn.« Falkenauge drehte sich aufgeregt im Kreis der Räuber herum und

deutete zur Festung.

»Hast halt auch amal was g'sehn«, sagte der ernüchterte Schreiber.

»Ja, also los! Wir müssen jetzt ins Eckertsgärtle!« rief der bleiche

Kapitän. »Ich werde dem Streberle sagen: wenn Sie's Maul halte, kriege

Sie Ihren Hobel wieder. Denn das wär ja . . . wenn der uns anzeiget

. . . ich weiß ja gar nit, was da wär.«

Mit jedem Schritt, den die Räuber den Brückenberg hinaufgingen, wuchsen

die Sandsteinheiligen der Brücke und die Kirchtürme höher in den

Sternenhimmel, bis zuletzt die ganze Stadt vor ihnen lag.

»Wollen wir nicht lieber ins >Zimmer<«, fragte Oldshatterhand. »Wir

zünden die zwölf Kerzen an, das ist doch schöner.«

»Hohaho!« rief der Schreiber. »Oldshatterhand hat Angst, in die

Wirtschaft zu gehen.«

»Angst? Was hat denn eine Wirtschaft mit den Indianern zu tun?«

»Haben denn Kerzen was mit den Indianern zu tun?«

»Kerzen? -- Kerzen haben was mit Indianern zu tun.«

»Also der spinnt!« Der König der Luft, der beim Fortgehen in der Küche

den Knochen einer Kalbshaxe mitgenommen hatte, kletterte am heiligen

Kilian hinauf und gab ihm den Knochen in die Faust, in der früher einmal

ein Kreuz gesteckt war. Wochenlang hielt, das Gesicht ekstatisch

himmelwärts gerichtet, der heilige Kilian die Kalbshaxe in der Faust,

und neben ihm streckte der heilige Totnan, den Versucher abwehrend,

erhaben die Hände gegen den Knochen aus.

Der König der Luft kletterte wieder herunter, bis auf das

Brückengeländer, und fing an, mit großer Vorsicht darauf zu laufen; die

Räuber folgten seinem Beispiel: mit den Armen balancierend, liefen sie,

eine lange, dunkle Reihe, langsam auf dem schmalen Steingeländer über

die ganze Brücke, warfen die Arme wildschreiend in die Höhe und sprangen

wieder auf das Pflaster.

Oldshatterhand war stehen geblieben und wandte sich um zur Festung.

Plötzlich schwang auch er sich auf das Geländer, schloß die Augen -- und

rannte los, im Galopp. Die Bürger standen entsetzt, atemlos; die Räuber

geduckt, sprungbereit, und wagten, vor Angst, Oldshatterhand würde in

die Tiefe fallen, keinen Warnlaut von sich zu geben, bis Oldshatterhand

bei ihnen angelangt war und herunter in Sicherheit sprang.

Die Räuber waren bleich, wie wenn Oldshatterhand vom Tode zurück zu

ihnen gekommen wäre; und in Oldshatterhands Innern drohte auch jetzt

noch, da die Gefahr schon überstanden war, das Unbekannte, das ihn schon

öfter gezwungen hatte, Lebensgefahr aufzusuchen.

Die Wirkung dieser Tat auf die Räuber war eine von Schauern begleitete

Ergriffenheit.

Klein und flammend schritt Oldshatterhand in ihrer Mitte.

Die Räuber waren von den anderen Knaben gefürchtet und verkehrten seit

Jahren nicht mit ihnen. Sie waren eine kompakte Masse, mit der Streit

anzufangen ein Knabe sich hüten mußte. Die Furcht spielte sogar ein

wenig, zu einer Art ärgerlichem Respekt geworden, zu den Erwachsenen

hinüber, die manchen gefährlichen Streich der Bande erfahren oder

mitangesehen hatten. Ihr Ansehen machte die Räuber frech und ließ sie

gefährlicher erscheinen, als sie waren. Das galt nur für die

Einheimischen. Deshalb hatten die Räuber auch aus reinem

Nichtbegreifenkönnen untätig zugesehen, wie der neuzugereiste Schmied

den Schreiber verprügelt hatte, als wäre dieser nur ein halbwüchsiger,

frecher Bursche, und nicht Mitglied einer gefürchteten Vereinigung.

Erst jetzt bemerkten die Räuber, daß Winnetou zurückgeblieben war, und

warteten beim Vierröhrenbrunnen auf ihn.

Winnetou stand reglos auf der Brücke hinter einem Heiligen und starrte

zum Fluß hinunter; im fließenden Wasser sah er die gute Stube, die

Mutter, wie sie ihn vor dem Kaplan prügelte, und empfand haßerfüllt den

Drang, sich hinunter in die gute Stube im Wasser und auf den Kaplan zu

stürzen. Er preßte die Fäuste an die Schläfen, sein Oberkörper beugte

sich übers Geländer, die Füße verloren den Boden. Schon schwebend,

drückte er sich mit den Knien im letzten Augenblick wieder zurück und

schaukelte mit einem gellenden Schrei gegen den Heiligen. Langsam ging

er den Räubern nach.

Der bleiche Kapitän erinnerte daran, daß man erst zum Stadttheater gehen

und die Rote Wolke abholen müsse, der als Statist mitwirkte in »Wilhelm

Tell«, und schloß ärgerlich: »Wenn man amal sei Leut braucht, dann muß

man sie erst in der ganzen Stadt zammtromml.«

Die Räuber standen vor dem Bühnenausgang, blickten auf die erregt

Gestikulierenden und auf die vor Erregung stillen jungen Leute, die aus

dem Hauptausgang strömten, und, stumm geworden, auf das elegante Paar,

das in die einzige Droschke stieg.

Im dunklen Bühnenausgang erschien die Rote Wolke und blieb

zurückweichend stehen. »Und frei erklär ich alle meine Knechte!« rief er

und breitete die Arme aus. ». . . Vorhang.« Sein Mund blieb offen, rund

und schwarz.

»Du, der Streberle hat uns ausspioniert und will uns verrat.« Alle

redeten auf ihn ein.

»Ja, es ist ohne Beispiel, wie sie's treiben!«

»Was ist ohne Beispiel?«

»Wie sie's treiben!«

»Jetzt halt doch's Maul!«

»Theater! Theater! . . . Diese Pracht!«

»Also Wolke, ich sag dir, der Hobel is noch das Einzige, was uns retten

kann.«

»Im Volk mitgemacht . . . Fünfundzwanzig Pfennig hab ich kriegt . . .

Aufruhr! Mut! Freiheit!«

»Ach, laßt ihn . . . Wir wern scho fertig mit dem Streberle. Wir müssen

nur zusammenhalten.«

»Wir halten zusammen!« rief die Rote Wolke begeistert.

Die Knaben waren sehr erregt und zu allem möglichen bereit, als sie in

dem vor der Stadt liegenden Wirtschaftsgarten, dem »Eckertsgärtle«,

anlangten, was gleich dadurch zum Ausdruck kam, daß der bleiche Kapitän

für alle zusammen eine »Liesl« Bier bestellte, einen hohen Krug, der

zwei Liter faßt, und aus dem nur mit Hilfe _einer_ Hand zu trinken die

Ehre verlangte.

Johann Jakob Streberle beobachtete die Räuber verärgert und lächelte

manchmal schadenfroh, während er mit einem Trainsoldaten sprach, zu dem

er sagte, er solle die Lausbuben auffordern, mitzukegeln, weil sonst

kein Spiel zustande käme.

Mit aller Energie die Erregung zurückdrängend, die bei Beginn des

Preiskegelns die Räuber erfaßt hatte, griffen sie gleichgültig immer

nach der schwersten und größten Kugel. Vor allem Oldshatterhand, der vor

jedem Schub dem bleichen Kapitän, der Roten Wolke, der Kriechenden

Schlange zuflüsterte: »Ich muß einen Preis holen. Einen muß ich holen.

Vielleicht den ersten!« Er hatte seine letzten zwanzig Pfennige

eingesetzt.

»Der andere kommt!« rief der Glasermeister der Kriechenden Schlange zu.

»Das brauche Sie doch bloß zu sagen.«

»Ich hab's ja g'sagt.«

Der König der Luft ließ sich beim Schieben in tiefe Kniebeuge nieder,

rief: »Weg da! Weg da! Weg da!« auch wenn ihm niemand im Wege stand,

mahlte mit den Zähnen, schockte die Kugel nervös in den Händen herum,

schleuderte sie hinaus -- und schoß in die Höhe auf die Zehenspitzen.

Die tiefe Stirnfalte war da. Mit schiefgezogenem Mund rief er jedesmal:

»Die Dreckbahn fällt nach links ab«, wenn er nichts getroffen hatte.

Der bleiche Kapitän holte die große Kugel mit _einer_ Hand aus dem

Kasten, hüstelte gegen den Glasermeister hin in tiefem Baß und jagte die

Kugel hinaus. Johann Jakob Streberle dagegen nahm sehr kleine Kugeln,

zielte genau und traf immer. Speichel spritzte zwischen seinen

glänzenden, geschlossenen Zahnreihen durch.

Die andern Mitspieler, der Trainsoldat, ein paar Infanteristen und der

Schmied Gottlieb, der Oldshatterhand die Rattenfalle geschenkt hatte,

waren von der innigen, begeisterten und am Ende auch noch zu den Preisen

führenden Hingabe der Räuber an das Spiel schon nervös geworden. Sie

schimpften, wenn Falkenauge immer wieder das Anschubbrett absuchte, ein

Sandkörnchen davon aufpickte und, wenn die Kugel abgelaufen war, auf den

Zehenspitzen stehend, die Arme ausgebreitet, die Finger gespreizt, in

höchster Spannung jede Drehung der Kugel mitzumachen schien, wobei sein

weitaufgerissenes Auge der Kugel nachstarrte, während sein Glasauge

interesselos und tot irgendeinen Mitspieler ansah.

Die Räuber pürschten sich immer näher an die ersten Preise heran; die

Begeisterung wuchs, und die geröteten Gesichter zuckten in dem von

Hitze, Bierdunst und Zigarrenrauch erfüllten Raum umher. Die

Angelegenheit mit Johann Jakob Streberle hatten sie halb und halb

vergessen. Nur der besorgte bleiche Kapitän nicht, der auf den

Glasermeister zutrat und schon den Mund öffnete, um zu sagen, daß er den

Hobel auszuliefern gedenke.

Da tat Oldshatterhand einen Schub, der von Johann Jakob Streberle, den

Soldaten und vom Schmied Gottlieb für ungültig, dagegen von den Räubern

unter empörten Ausrufen einstimmig für gültig erklärt wurde.

Oldshatterhand, bange um seine eingesetzten zwanzig Pfennige, rief dem

Schmied erregt zu: »Sie lügen ganz einfach. Das wissen Sie ganz genau.

Sie Lügenbeutel!«

Und während Johann Jakob Streberle durch einen wohlgezielten Schub mit

einer nur faustgroßen Kugel sich den ersten Preis sicherte und damit das

Spiel beendete, griff Schmied Gottlieb, ein zwei Meter hoher Mann,

vollblütig und herzkrank, sehr gutmütig, immer betrunken und ein

ausgezeichneter, gesuchter Hufschmied, nach Oldshatterhand -- die

Räuberbande stürzte auf den Schmied, und die Soldaten auf die Räuber.

Der Wirt und sein Hausknecht kamen gesprungen und verschwanden im

Menschenknäuel.

Keuchen, erhobene Maßkrüge, Schreie -- Scherben. Der Schreiber wankte.

Falkenauge griff sich ins Gesicht -- und griff ins Loch; durch einen

Faustschlag, zum Glück nicht auf sein natürliches Auge, war sein

gläsernes Auge herausgesprungen und kollerte ein Stück die Kegelbahn

hinaus.

Ein Schutzmann kam. Der Glasermeister redete anklagend auf ihn ein. Die

Bande flüchtete. Oldshatterhand, mit schneebleichem Gesicht, rannte, vom

Schmied Gottlieb verfolgt, immerzu im Kreise um die Kastanienbäume des

Wirtschaftsgartens herum und konnte endlich durch die Tür huschen,

hinaus zu seinen wartenden Kameraden.

Winnetou war während der ganzen Prügelei teilnahmslos auf dem Stuhle

sitzen geblieben. Und als er die verblüfften Blicke der

Zurückgebliebenen auf sich gerichtet sah, erhob er sich langsam und ging

hinaus zu den Räubern.

Sie gingen ein Stück die Straße hinunter. Der Schutzmann trat aus dem

Garten und ging in der entgegengesetzten Richtung fort, worauf sich die

Räuber wieder vor der Gartentür einfanden.

Da stellte es sich heraus, daß das erst kürzlich um sieben Mark

gekaufte, kleine, grüne Plüschhütchen des bleichen Kapitäns auf dem

Kampfplatze geblieben war. Das allgemeine stumme Bedauern um das

Plüschhütchen verwandelte sich in stummes Staunen, als der Schreiber

sich erbot, hineinzugehen und das Hütchen zu holen.

»Bring auch mein Auge mit«, bat Falkenauge.

Still und gütig, mit unbeweglich hängenden Armen, ging der Schreiber

langsam durch den Garten, hinein in die Kegelbahn -- und wurde

schrecklich zugerichtet. Nur auf das Plüschhütchen erpicht, hatte er

danach gegriffen, ohne sich zu wehren die furchtbaren Prügel

entgegengenommen, und war ergeben und zerschlagen zurückgegangen,

traurig an der Bande vorbei und die Straße hinauf zur neuen Brücke,

während die andern noch in den Garten hineinschimpften und ihre

gewonnenen Preise verlangten.

Nach einer Weile kam der Schutzmann wieder in Sicht, und die Räuber

verschwanden.

Auf der Brücke saß der Schreiber auf dem Pflaster, mit dem Rücken gegen

das Geländer gelehnt und den Kopf auf die Brust gesenkt. Speichel lief

aus dem Munde heraus, Blut am Kopfe herunter und tropfte auf das

zerknüllte Vorhemd. Das kleine, grüne Plüschhütchen lag neben ihm; des

Schreibers Hand ruhte darauf.

»Und unser Preis ham wir auch nit«, sagte der bleiche Kapitän.

Der Schreiber fuhr aus seinen Gedanken auf. »Nur fünfzig Pfennig übern

Preis . . . Deshalb braucht doch des Klatschmaul nit zu mein Vater

laufe. Ich kann's ihm ja zurückgeb, wenn er's will.«

»Hättst dei Maul nit so gewetzt«, rief der König der Luft Oldshatterhand

zu, »dann hätten wir jetzt unser Preis.«

»Wenn doch der Schub gültig war, du Damian!«

»Darauf kommt's ganz allein an«, sagte der Schreiber mit dunkler Stimme,

stand mühsam auf und spuckte blutigen Speichel hinunter in den Main.

»Der Schub war gültig.«

»Und das ist die Hauptsache!« rief der bleiche Kapitän. »Das wär noch

schöner, wenn wir uns von diesen Kommißbrotfressern was g'fall ließeten.

Wenn doch der Schub gültig war.«

Der Schreiber deutete auf sein blutiges Vorhemd und sagte unheilvoll:

»Der Trainsoldat war's.«

Nachdem der bleiche Kapitän vergebens versucht hatte, seinen Leuten das

Passieren des Kasernenhofes zu ermöglichen, indem er den Wachtposten

kalt und gemessen fragte: »Heute hat doch Leutnant von Platen

Kasernendienst?« und der zufällig nicht dumme Soldat die schon in den

Kasernenhof eingedrungenen Räuber wieder zurückgetrieben hatte,

erreichten sie, nun zu einem großen Umweg gezwungen, mit dem

Glockenschlage zwei, die Kneipe der Witwe Benommen.

»Horch, wer zieht so still und leise

Den Tugelafluß hinauf, den Tugelafluß hinauf.

Ach, es sind die armen Briten,

Die so manchen Stoß erlitten.

Bald vermindert sich ihr Lauf, bald vermindert sich ihr Lauf.

Plötzlich bleibt die Truppe stehen,

Denn der Feind ist anmarschiert, ja der Feind, er ist schon da.

Seht sie kämpfen, seht sie streiten,

Durch des Feindes Mitte reiten

Jetzt die Buren mit Hurra, jetzt die Buren mit Hurra!«

klang das Burenlied, von Sandschöpfern und Fischern gesungen, aus der

Kneipe.

»Leih mir zwölf Pfennig«, bat Oldshatterhand den bleichen Kapitän.

»Ich hab ja selber nimmer genug.« Er lieh ihm aber sogar vierzehn

Pfennige und sagte: »Die zwei gibst Trinkgeld.«

In der Mitte der niedrigen Stube, die tiefer als die Straße lag, denn

fünf Stufen führten hinunter, stand ein langer Tisch, um den herum die

Gäste saßen. Unter kreuzweise übereinander genagelten großen Fahnen in

den Farben der Buren standen auf zwei Postamenten die Gipsbüsten des

Präsidenten Tom Krüger und des Generals Botha; die ganze Stube war mit

Fähnchen in den Burenfarben geschmückt, und jeder Gast hatte ein

Exemplar des Burenliedes vor sich liegen, das Benommen, der Wirt, hatte

drucken lassen, mit der Aufschrift: Schlachtenlied. Gesungen im

Burenlager der Restauration Benommen. Auf diese Weise hielt er die

Begeisterung der Mainviertler für die Buren wach und machte während des

ganzen Krieges ein gutes Geschäft.

Die Räuber, von den Gästen dieser Wirtschaft wie immer mit Respekt

empfangen, setzten sich um den runden Tisch herum, neben der Schenke.

In stummer Hochachtung blickten die Gäste auf das blutige Vorhemd des

Schreibers, der beide Ellbogen auf den Tisch stützte und, seine Freude

über das verdiente Aufsehen zurückdrängend, düster vor sich hin sah.

Falkenauge saß neben ihm. Die leere Augenhöhle war vom Faustschlag blau

unterlaufen. Das abgenutzte alte Spielwerkschränkchen über ihm an der

Wand spielte, viele Töne auslassend:

Die Räuberbande · 第 9 / 26 题