»Vom bleichen . . . von Oskar Benommen.«
Die Mutter legte das Buch neben die Mutter Gottes auf die gehäkelte
Decke, welche über die polierte Kommode gebreitet war. »Morgen gehe ich
mit dem Buch zu Frau Benommen . . . Vorwärts!«
Winnetou sah seine Mutter entsetzt an.
»Wird's bald!«
Langsam ging er zur Kommode, nahm aus der Schublade ein Lineal aus
Eichenholz und reichte es der Mutter. Scham verdunkelte Winnetou den
Blick; das Blut war ihm hinter die Augen getreten, als er die Hand
vorstreckte.
»Jetzt komm!« rief die Mutter nach der Züchtigung und führte ihn am Arm
hinaus, hinauf in sein Zimmer. Ihr Gesicht war weiß, die Augen schwarz
geworden. Plötzlich schlug sie Winnetou ins Gesicht und verließ wortlos
das Zimmer. Die Tür verschloß sie.
Der Kaplan spielte mit den weißen Fingern von Winnetous Schwester, die
zart errötend ihm die Hand überließ.
Als die Mutter eintrat, nippte er vom Likör.
Winnetou saß auf dem Bett, seine Scham hatte sich zu Entsetzen
gesteigert. Zugleich empfand er so heftigen Abscheu gegen die Mutter,
daß er abwehrend die Hände ausstreckte. Die nicht abgewischten Tränen
trockneten. Die Gesichtshaut spannte.
Winnetou schlief ein und träumte sofort, daß der Kaplan in fliegender
Soutane hinter ihm her durch den Klostergarten stürze, die langen Hände
nach ihm ausgestreckt. Die Mutter stand erhöht und deutete: »Dort
. . . dort.«
Mit einem entsetzensvollen Schrei erwachte er. Die Mutter war
eingetreten. Sie stellte den Teller mit Wurstbrot auf den Tisch und
verließ, ohne gesprochen zu haben, das Zimmer wieder.
Winnetou hörte, wie sie zuschloß, und richtete sich automatisch auf. Er
hatte die Empfindungsfähigkeit vollkommen eingebüßt, die erst allmählich
sich wieder einstellte, in Form von Schwindelgefühl und Verlorenheit.
Ohne etwas zu sehen, waren seine Augen auf den alten Stahlstich
gerichtet, der Christus am Kreuz vorstellte. Der Christus hatte
altersgelbe Flecken und Streifen; er war beim letzten Umzug oben auf dem
Wagen gelegen und eingeregnet worden.
Flüchtig dachte Winnetou daran, daß die beim »Lochfischer« versammelten
Räuber auf ihn warteten, und blieb reglos hocken.
Es war Nacht geworden. Winnetou stand auf vom Bett, trat ans Fenster und
sah, daß der Kaplan Arm in Arm mit der Schwester im Garten spazieren
ging.
Er wartete, bis das Paar zwischen den Büschen verschwunden war, stieg
aufs Fenstersims und kletterte am Weinstock hinunter, der die ganze
Südwand des Hauses bedeckte.
Die Räuber hatten sich beim »Lochfischer« um einen langen Tisch
herumgesetzt.
Die Stube war drei Tische und einen Kachelofen groß und so niedrig, daß
der rote Fischer, der eben eintrat, mit seinem Haupthaar das
pfeildurchstoßene rote Stuckherz der Mutter Gottes an der Decke
streifte.
Er setzte sich an den Tisch zum Wirt und zur Wirtin, die auf dem Schoße
ihren alten Schnauz und über ihm die gefalteten Hände liegen hatte.
Am dritten Tische saß Herr Spenglermeister Hieronymus Griebe und aß
bedächtig eine Portion gebackene kleine Fische, deren Köpfchen er immer
seinem Sohne, dem Duckmäuser, auf den Teller legte.
Die Räuber sahen mit unverhohlener Verachtung auf den gleichaltrigen
Duckmäuser, einen großen, kräftigen, immer hungrigen Burschen, blond,
mit Pickeln im Gesicht, der täglich in die Kirche lief, fleißig ins
Geschäft, mit anderen Jungen nicht verkehren durfte und stark stotterte.
Er wagte nicht, die Räuber anzusehen, die er fürchtete und haßte, weil
sie ihm den Namen »Duckmäuser« gegeben hatten.
Herr Hieronymus Griebe gab seinem Sohne jetzt gleich drei Fischköpfchen
auf einmal, die sofort in des Duckmäusers Mund verschwanden.
Die von allen Mitgliedern der Räuberbande aus gehöriger Entfernung
verehrte blonde Kellnerin mit den sanften Augen stellte freundlich die
frischgefüllten Weingläser auf den Tisch und sagte singend: »Nooo, seid
ihr auch wieder einmal da.«
Die Räuber lächelten befangen.
»Heiland der Welt! Das Fischsterbe! Der ganze Mee schwimmt voll
verreckte Fisch. Heiliger Kilian! I wenn wüßt, wer mir's Wasser so
versaut.«
Der Wirt zwinkerte mit dem einen Auge dem Fischer zu und zuckte
verächtlich mit dem Kopf einmal zur Seite: »No, wo wird's herkumme, d'r
Michl läßt halt 'n ganze Drääk vo seiner Färberei ins Wasser läff.« Er
drückte mit den Händen seinen schweren Körper in die Höhe und trat zu
den Räubern. »Was wird's sei, d'r Drääk vo d'r Färberei is.«
»No, da soll aber doch weeß d'r Teufl was alles neischlag! Läßt der
Hammel sei Farbsoß wied'r ins Wasser läff? Wied'r?«
»Jau«, winkte der Wirt ab, »die alte G'schicht . . . Grüß Gott, meine
Herrn.« Die Hände auf die Stuhllehne gestützt, sah er lächelnd auf die
Räuber hinunter. Verächtlich zuckte er noch einmal mit dem Kopf
seitwärts zum Fischer hin: »Die alte G'schicht! . . . No, Herr Vierkant,
wo is denn der Vater. Der hat sich a scho lang nimmer bei mir seh lass.«