»Still!« rief der bleiche Kapitän und sah zürnend im Kreise herum.
Falkenauges gläserner Ersatz funkelte im Mondlicht.
Oben lag die mondbeschienene Festung. Vom Fuße der Festung weg, bis zu
den ersten Häuschen der Stadt, fiel der königliche Weinberg steil ab,
aus dessen Trauben der berühmte Leistenwein gekeltert und in Bocksbeutel
abgezogen wird.
»Jeder hat sich unter seinen Weinstock zu setzen und so viel zu fressen,
wie er kann«, befahl der bleiche Kapitän. »Und dann erst steckt jeder so
viel Trauben ein, wie möglich, für unsere Vorratskammer.«
Die Räuber schwärmten aus und wählten jeder seinen Weinstock.
Der Mond stand jetzt voll am Himmel über der schlafenden Stadt. Die
Domuhr schlug eins.
Es raschelte im Weinberg. Kleine, dunkle Gestalten krochen herum.
Oldshatterhand hockte in Kniebeuge und horchte, atemlos vor Angst. Ohne
hinzusehen, griff er seitwärts in den Weinstock und steckte eine Beere
in den Mund. Da glaubte er, die anderen seien schon fort, rutschte
erschrocken den steilen Weinberg hinab und prallte gegen Winnetou. »Wenn
jetzt jemand kommt!«
Winnetou richtete sich hoch auf und sah zur alten Brücke hinunter, auf
der einzelne, verkürzte, zusammengedrückte Menschen traumhaft taumelten,
und sagte laut: »Wenn jetzt einer kommt, dann bleibe ich so stehen, daß
er mich sieht.«
»Duck dich doch«, flüsterte Oldshatterhand entsetzt.
»Daß ihr mir fei tüchtig Trauben einsteckt«, erklang die Stimme des
bleichen Kapitäns laut von seitwärts.
Oldshatterhand war zusammengefahren und riß empfindungslos, ohne noch an
etwas zu denken, hastig Trauben vom Stock und stopfte sie in die
Taschen.
Winnetou stieg den Weinberg hinauf und verschwand im Schatten der
Festungsmauer.
»Mit dem Messer mußt du abschneiden«, schimpfte der bleiche Kapitän
Oldshatterhand, »sonst werden sie ja ganz verdrückt.«
Mit zitternden Händen suchte Oldshatterhand nach seinem Messer.
Plötzlich stieß er einen gellenden Schrei aus -- über ihm stieg eine
klare hohe Stichflamme aus dem Weinberg in den Nachthimmel. Entsetzt
blickten die Räuber zur Flamme hin. Der bleiche Kapitän kroch auf sie
zu, und die Räuber hörten ihn sagen: »Herrgott, was ist denn das für
eine Dummheit! Sollen wir vielleicht alle miteinander erwischt werden.
Das sieht man doch von der Stadt drunten.«
Die Räuber waren hinzugelaufen. Die Flamme beleuchtete Winnetous
Gesicht. »Und wenn sie's sehen! Sie sollen's ja sehen!« schrie er und
trat in Raserei den brennenden Weinstock nieder.
Die Wildheit Winnetous hatte die Räuber stumm gemacht. Seine Lippen
zuckten. Die Tränen schaukelten an seinen Wimpern.
»Also, machen wir lieber, daß wir fortkommen . . . Wenn ihr alle genug
habt«, sagte der bleiche Kapitän. Die Domuhr schlug dunkel zwei. »Wie
ein Mensch so was tun kann, nur damit er erwischt wird, das versteh ich
wahrhaftig nit.«
Vollbepackt schlichen die Räuber aus dem Weinberg und gelangten, jetzt
auf einem ganz ungefährlichen Weg, den sie herwärts verachtet hatten,
zurück in den Festungsgraben. Voran der bleiche Kapitän mit einem
Waschkorb voll Trauben, den er schon am Tage vorher leer in den Weinberg
geschmuggelt hatte.
»Pst! Da war gerad jemand gestanden«, flüsterte Falkenauge.
»Wo? . . . Wo denn!«
»Jetzt is er weg.«
»Ach, der sieht die ganze Zeit mit sein eine Aug Sachen, die gar nit da
sind«, sagte der Schreiber.
Da drückte Falkenauge sein Glasauge heraus, hielt es dem Schreiber hin
und rief frohlockend: »Mach das einmal nach!«
Ärgerlich sah der Schreiber zur Seite.
Falkenauge setzte seinen Ersatz wieder ein und blickte im Kreise herum.
Die Räuber hoben einen Steinquader aus der Mauer des Festungsgrabens --
ein großes, schwarzes Loch wurde sichtbar. Der Anfang eines
unterirdischen Ganges.
Der bleiche Kapitän zündete eine Pechfackel an, die im Gange lag, und
ging voran. Fledermäuse klebten an der Decke, flatterten auf, prallten
gegen die Räuber, und huschten ins Freie.
Viele Seitengänge führten vom Hauptgang weg. Über jeden Seitengang hatte
der bleiche Kapitän ein Täfelchen unter Glas angebracht und mit
Druckschrift darauf geschrieben, wohin der Gang führte. Auf einem
Täfelchen war zu lesen:
Mördergang! Führt unter die ganze Stadt durch, in den Hinrichtungshof
des Justizgebäudes. Vorsicht!
Auf einem anderen Täfelchen stand:
Gang der lebendig eingemauerten Nonnen. Führt eine Stunde weit ins
Nonnenkloster Himmelspforten.
Auf dem dritten Täfelchen:
Gang des Mittelalters. Führt hinunter bis in die Mitte des Flusses, zur
Wasserfalle, die von Ratten wimmelt. In diesen Gang hat im vierzehnten
Jahrhundert der Bischof von Würzburg falsche Priester gestoßen, die in
die Wasserfalle gerieten, bis zum Nabel im Wasser standen und lebendigen
Leibes von den Ratten aufgefressen wurden. Es wird gebeten, diesen Gang
nur bei Lebensgefahr zu betreten.
Der Hauptmann.
Die Räuber tasteten sich den Hauptgang vor, bis zu einem weißen
Mullvorhang, den Oldshatterhand seiner Mutter vom Waschseil gestohlen
hatte. Das einzige, was er hatte beisteuern können. Der bleiche Kapitän
zog den Vorhang zur Seite und ließ seine Leute eintreten, in einen
quadratischen Raum, in dem, von den Räubern aus den Felsen
herausgehauen, Steinbänke waren.
Das war »das Zimmer«.
Die Rote Wolke zündete die Petroleumlampe an, welche von der niederen
Decke herunterhing, und schimpfte: »Die ist wieder nicht geputzt
worden.«
Die großen und reifgelben Trauben wurden sorgsam auf die Holzregale
gelegt, die an den Mauern angebracht waren, und auf denen schon
vielerlei Vorrat aufgestapelt lag: Zigarren in jeder Form und Qualität,
von den Räubern den verschiedenen Vätern gestohlen, lagen, mit
Zigaretten untermischt, in einer Handschuhschachtel beisammen. Daneben
lagen: ein großer, geräucherter Schwartenmagen, Äpfel, Birnen und Eier,
in Reihen geordnet, ein Stoß Stearinkerzen, zwölf Paar von den Räubern
eigenhändig genähte Sandalen aus dickem Rindleder, welches Falkenauge in
dem Ledergeschäft, wo er zum Kaufmann ausgebildet werden sollte,
mitgenommen hatte. Er trug sich mit dem Gedanken, von den ersten zwölf
Büffeln, die er im wilden Westen erlegen würde, die Häute an seinen Chef
zu senden, zum Ersatz.
Die Sandalen waren neu und wurden niemals getragen, aber täglich mit
Schweinefett eingerieben, auf daß sie nicht knarrten, wenn man in der
Prärie die Rothaut beschliche.
Ein leeres Bierfaß stand in der Ecke und ein volles darauf, vom bleichen
Kapitän aus dem Keller seines Bruders mitgenommen. Die Biergläser,
sorgfältig gespült, mit blitzenden Zinndeckeln, hingen darüber auf einem
Zapfenbrett. Der schwarze Erdboden war festgestampft und mit zertrennten
Kartoffelsäcken belegt. Besen und Schaufel und zwölf Vogelstutzen hingen
an der Mauer.
Es herrschte musterhafte Ordnung im »Zimmer«.
Auf einem großen Büchergestell standen, Rücken an Rücken, alle Räuber-,
Indianer- und Seegeschichten, die es überhaupt gibt: Der Bayrische
Hiesl oder Der Herr der böhmischen Wälder, Gesamtausgabe in
zweihundertunddreizehn gelben Heftchen à zehn Pfennige, mit einem
Pechdraht verschnürt. Räuberhauptmann Rinaldini, in ebenfalls
zweihundertunddreizehn Heftchen à zehn Pfennige. Um sieben Millionen
oder Der Schurke von Zanzibar. Das Gespensterschiff von Hauff. Und alle
Indianergeschichten, die der Herr Buchbinder Männlein, der Meister des
bleichen Kapitäns, in seinem Laden führte, standen wohlgeordnet im
gepreßt vollen Bücherregal.
Auf einem kleinen Eckbrett lag für sich allein ein dünnes
Reclambändchen: »Die Räuber. Drama in fünf Aufzügen von Friedrich von
Schiller.« Das Hausbuch der Bande.
Ein alter, großer Revolver lag unter einer Glasvitrine, die früher das
Kruzifix im Schlafzimmer der Witwe Benommen vor Staub geschützt hatte.
Ein mit Totenköpfen verziertes Plakat hing an der Wand. »Heimlicher
Versammlungsort der Räuberbande von Würzburg« stand darauf.
Die Räuber saßen und lagen auf den Bänken.
»Rechnungsführer, bitte die neuen Einkünfte zu registrieren«, sagte der
bleiche Kapitän und stülpte die Lippen nach außen.
Der Schreiber schloß ein Schränkchen auf und nahm Tinte und Feder und
ein Büchlein heraus.
Oldshatterhand kicherte. Er freute sich immer, wenn der Rechnungsführer
an seine Schande erinnert wurde, ein Schreiber zu sein. Was dieser
jedoch mit grimmigem, etwas leidvollem Humor ertrug. »Was bin ich? Ein
Schreiber bin ich, ein Schrieb«, sagte er, »ein Federfuchser, hohaho!«
Und dabei errötete er stets tief.
»Wieviel soll ich registrieren, Hauptmann?« fragte er und sah auf die
Trauben.
»Nun . . . sagen wir viereinhalb Zentner.«
»Viereinhalb Zentner Weintrauben aus den königlichen Weinbergen.
Jahrgang achtzehnhundertneunundneunzig«, notierte der Schreiber. Und
deutete auf eine farbige Eidechse aus der Nymphenburger
Porzellanmanufaktur. »Und diese Eidechse? . . . Gekauft?«
»Mitgenommen«, gab der bleiche Kapitän an. »Schreib auf: ein Kunstwerk,
in Form einer Eidechse.«
»Und das da, Hauptmann?«
». . . Wer hat da gelacht!« brüllte erzürnt der bleiche Kapitän. ». . .
Wenn noch einmal einer lacht, so wird er ausgeschlossen . . . Da wird
ganz einfach ballotiert, mit schwarzen und weißen Kugeln. Und dann ist
er draußen. Dann kann er sehen, wo er hinkommt. Glaubt ihr vielleicht,
wir sind zum Spaß da! . . . Schreib auf: Ein weißer Stallhase, lebend,
gekauft beim Jud Meyerheim, um fünfunddreißig Pfennige.«
Der Stallhase saß auf dem Bücherregal und schnupperte mit der Oberlippe.
Gelacht hatte die Kriechende Schlange. »Der macht uns ja alles voll«,
sagte er, fuhr aber schnell fort: »Morgen ist ein Schnelläufer auf dem
Sanderrasen. Er läuft im Trikot.«
»Da wird hingegangen«, erwiderte der Hauptmann, »wenn ihr wollt«, setzte
er, noch erbost, hinzu. »Morgen mache ich einen Käfig für >Das heilige
Tier<. So heißt von heute an der Stallhase.«
Oldshatterhand schritt zum Tisch, der in der Mitte stand, stellte eine
Rattenfalle darauf und ging, ohne gesprochen zu haben, zurück an seinen
Platz.