Erstes Kapitel

Plötzlich rollten die Fuhrwerke unhörbar auf dem holprigen Pflaster, die

Bürger gestikulierten, ihre Lippen bewegten sich -- man hörte keinen

Laut; Luft und Häuser zitterten, denn die dreißig Kirchturmglocken von

Würzburg läuteten dröhnend zusammen zum Samstagabendgottesdienst. Und

aus allen heraus tönte gewaltig und weittragend die große Glocke des

Domes, behauptete sich bis zuletzt und verklang.

Die Unterhaltungen der Bürger und die Tritte einer Abteilung verstaubter

Infanteristen, die über die alte Brücke marschierten, wurden wieder

hörbar.

Über der Stadt lag Abendsonnenschein.

Ein roter Wolkenballen hing über der grauen Festung auf dem Gipfel, und

im steil abfallenden königlichen Weinberg blitzten die Kopftücher der

Winzerinnen -- die Weinernte hatte begonnen.

Es roch nach Wasser, Teer und Weihrauch.

Ein paar Knaben, die lachend und schreiend »Nachlauferles« spielten, um

die zwölf mächtigen Brückenheiligen aus Sandstein herum, vom heiligen

Kilian zu Totnan, und von da zu Pipinus, standen erschrocken still und

versteckten sich hinter Sankt Colonatus, denn Herr Mager, der

Volksschullehrer und Tyrann vieler Generationen Knaben, schritt über die

Brücke.

Bei jedem Schritt schob er die rechte Schulter vor und stieß mit

Vehemenz seinen Spazierstock aus Weichselholz, an dem ein Riemchen hing,

aufs Pflaster. Erzürnt sah er sich um, seine kleinen Apfelbäckchen

spannten sich. Er hatte einen der Knaben erkannt. Die schlichen betreten

davon. Ihr morgiger Sonntag war verhängt von der Schulstunde des

Montags.

Der Lehrer war gefürchtet.

Seine Technik im Strafen war aufs feinste ausgebildet. Keiner traf so

sicher wie er mit dem Rohrstock die Fingerspitzen, immer genau dieselbe

Stelle, daß die Fingerspitzen schwollen und blau anliefen. Unverhofft

mit dem Rohrstock auf den Handrücken zu schlagen, liebte er. Und zöbelte

er einen Jungen, so faßte er die feinsten Härchen an der Schläfe.

Benötigte er einen neuen Rohrstock, dann mußte der Junge, welcher Prügel

zu bekommen hatte, selbst eine Anzahl Stöcke zur Auswahl beim Kaufmann

holen. Herr Mager untersuchte lange und sorgfältig, beroch die Stöcke,

hieb sie durch die Luft und horchte auf das Pfeifen, wählte den dünnsten

und zähesten, präparierte ihn erst, indem er das Ende spaltete, und der

gewollte Erfolg war, daß der Stock beim Schlagen Blutblasen in die

Fingerspitzen zwickte.

Die Furcht der Knaben umgab Herrn Mager wie eine Wolke, sein Leben lang.

Und es kam vor, daß vierzigjährige Männer, frühere Schüler von ihm,

erschrocken zur Seite wichen, wenn sie ihn des Weges kommen sahen.

Am letzten Tage, wenn er seine Schüler aus der Volksschule entlassen

mußte, gab er ihnen die Angst mit auf den Lebensweg: »Wir sind noch

nicht fertig miteinander«, sprach er und lächelte. »In der

Fortbildungsschule habe ich euch wieder, und wer von euch zu den

>Neunern< einrückt, den bekomme ich noch einmal als Rekrut. Denn auch da

unterrichte ich.« Und dann erst war die Klasse entlassen.

Herr Mager blieb auf der Brücke stehen und sah auf die beleuchtete Uhr

vom »Spitäle«, einer kleinen Kirche im Mainviertel, deren Vorderfront

gegen den Brückenberg steht.

Nach zwei Jahre langen Verhandlungen und vielem Streit war von den

Würzburger Stadtvätern der Jahresetat von zwanzig Mark für die

Nachtbeleuchtung der Uhr bewilligt worden.

Heute zum ersten Male leuchtete das Ziffernblatt. Sogar schon am Tage,

denn die Sonne war noch nicht unter.

Herr Mager freute sich. Er hatte für Beleuchtung gestimmt. Er war für

den Fortschritt.

Ein Fischer mit violett angelaufener Stülpnase und rotem

Schnurrbart, der erst bei den Mundwinkeln begann und zwei buschigen

Eichhornschwänzchen glich, stand vor dem »Spitäle« und ein alter

Polizeiwachtmeister mit kurzen Säbelbeinen.

»A richtje Uhr muß beleucht sei! Das sag i!« rief der Fischer und

schnitt mit einer Handbewegung jede Erwiderung ab. »Was nützt uns denn a

ubeleuchte Uhr! Bei der Nacht sin alle Menschen schwarz . . . Jau, so a

Gaudi, zwä Jahre brauche sie dazu.« Er steckte die Hände in seine

gestrickte, blaue Wolljacke, wandte sich weg und sah, die Unterlippe

grimmig vorgeschoben, den Brückenberg hinauf.

Auf die Kirche zu kam mühsam atmend ein großmächtiger Pfarrer, dessen

ausgeprägte Rückenverlängerung sich stark hin und her bewegte, denn er

hatte Plattfüße. Ein kleines Mädchen sprang zu ihm hin: »Gelobt sei

Jesus Christus«, knickste und gab ihm die Hand.

»In Ewigkeit. Amen.« Der Pfarrer schlug das Kreuz und hielt Herrn Mager

seine Horndose hin. Herr Mager nahm eine Prise, tat, als schnupfe er,

und ließ den Tabak in seine Tasche fallen.

»Gestern nacht ham mir die Sakramentslumpe an dreipfündige Hecht aus

mein neue Sandschiff g'stohle, mitsamt'n Blechkaste«, rief der rote

Fischer. »Wenn i so 'n Malefizhamml erwisch, dem dreh i . . . rrracks!

die Gurgl um.« Er hielt dem Wachtmeister die Faust unter die Nase. Die

Adern an seinem Halse schwollen.

Das silberne Klingeln der Ministranten tönte aus der Kirche. Herr Mager

beugte das Knie und hob erbleichend die Arme, taumelte gegen die

Kirchenmauer: ein durchgegangenes Pferd war auf ihn zu galoppiert, stieg

vor ihm in die Höhe und raste den Brückenberg hinauf.

Der Wachtmeister riß die Waffe heraus und rannte, den Säbel hocherhoben,

dem Pferde in großem Abstand über die Brücke nach.

Eine graue Dogge mit heraushängender Zunge überholte ihn und sprang

freudig bellend am Pferde empor, das hinter einem hochbeladenen Heuwagen

stehen geblieben war und Heu herauszupfte. Dogge und Pferd gehörten

einem Besitzer.

Bürger umringten den erhitzten Polizeiwachtmeister. Der Heuwagenkutscher

trat auch hinzu, tätschelte dem durchgegangenen Pferde den Hals. Es hob

den Schwanz -- die Bürger traten zurück. Und wieder zusammen.

Die Dogge umraste den Heuwagen und die Bürger, die das heufressende

Pferd umstanden und ihre Pfeifen stopften. Man unterhielt sich weiter.

Drei Brückenheilige entfernt stand ein Knabe, das Gesicht zum Himmel

gerichtet, ließ eine Leberwurst in den Mund gleiten und zog die leere

Haut langsam wieder heraus in die Höhe.

Ein kleiner Student, die grüne Mütze im Nacken, schritt mit winzigen

Schrittchen sehr schnell an ihm vorbei und blickte streng aufwärts zur

Festung, deren viele Fenster glühten, vom letzten Sonnenschein

getroffen, als müßten unvermittelt die Flammen heraus in den abendlichen

Himmel schlagen.

Erschrocken, als habe er unverhofft Sägemehl anstatt Wurstfülle in den

Mund bekommen, standen die Kinnbacken des Knaben still. Voller Grauen

starrte er auf seine zweite Leberwurst, trat hinter den heiligen Kilian

und steckte den Finger in den Mund. Befriedigt blickte er auf den

Mageninhalt.

Die über seinem Zeigefinger hängende zweite Leberwurst wie eine

gefährliche Giftschlange vor sich hertragend, ging er langsam weiter,

den Knaben entgegen, die vor Herrn Mager geflüchtet waren.

»Winnetou, da kommt der Duckmäuser mit einer Leberwurst«, sagte einer

der Knaben, und sein Mund blieb offen, rund und schwarz wie ein

Mauseloch.

»Wo denn, Rote Wolke? Wo denn?«

»Dort, beim heiligen Kilian.«

»Laßt ihn, der bildet sich sonst noch ein, wir verkehrten mit ihm.«

»Wenn er doch eine Wurst hat.«

»Wer gibt mir was für die Wurst?« fragte der Duckmäuser zaghaft.

Nachdenklich blickten die Knaben auf die Leberwurst über dem

Zeigefinger. Winnetou bot nach langem Besinnen einen Pfennig, zog aber

die Hand, mißtrauisch geworden, sofort wieder zurück, als er die Wurst

wirklich so billig bekommen sollte. »Gelt, es ist etwas nit richtig mit

der Wurst?«

»Sie ist ganz frisch, vom Metzger Fritz. Die andere hab ich schon

gegessen.«

»Sag erst: Auf Ehr und Seligkeit; sonst glaub ich's nit.«

»Auf Ehr und Seligkeit, die Wurst ist frisch.«

»Winnetou, jetzt kannst sie kaufen«, riet man ihm.

Winnetou kaufte die Leberwurst, richtete das Gesicht zum Himmel und

wollte sie in den Mund gleiten lassen.

»Halt! Fasttag!« schrie der Duckmäuser und lachte. »Fasttag ist heute.

Sonst hätte ich meine Wurst selber gegessen.«

Bestürzt streckte Winnetou die Wurst zurück.

Aber der Duckmäuser nahm sie nicht.

»Eine Wurst hast du doch schon gegessen? Dann hast du eine Todsünde

begangen«, sagte Winnetou langsam, in tiefem Entsetzen.

Winnetous Familie war streng katholisch. In seinem uralten Vaterhause

brannten die ewigen Lichtchen Tag und Nacht vor den Betpulten.

»Gegessen hab ich sie, aber wenn du willst, kann ich dir zeigen, wo sie

jetzt ist. Beim heiligen Kilian liegt sie.«

Betroffen blickte Winnetou den Duckmäuser an, hing die Leberwurst

resolut über die große Zehe des heiligen Kilian. Und stürzte sich auf

seinen Gegner.

Der Bürgerkreis öffnete sich. Der Polizeiwachtmeister führte das Pferd

heraus und sprang energisch von ihm weg zum Knabenknäuel.

Die Dogge holte die Wurst vom heiligen Kilian herunter. Das Pferd sah

sich um, stieg mit dem Hinterteil in die Höhe und galoppierte, von der

Dogge umrast, in mutwilligen Sprüngen über die Brücke heim.

Die Knaben waren geflüchtet. Der Polizeiwachtmeister stand plötzlich in

einer schwarzen Rauchwolke und schimpfte hustend zum Dampfschlepper

hinunter, es sei verboten, bei der Brücke Rauch abzulassen.

Der Schlepper glitt mit gekapptem Schlot langsam durch den Brückenbogen.

Der Wachtmeister stieß seinen Säbel in die Scheide und sah sich barsch

um. Die Brücke war leer.

* * * * *

In der Werkstatt des Mechanikers Tritt drückten sich die Lehrjungen

ängstlich herum und sahen auf die Uhr. Der Geselle war schon lange

fortgegangen, die Werkstatt war peinlich sauber aufgeräumt, die drei

kleinen Drehbänke blinkten, auf dem Fußboden hätte man essen können.

Aber der Meister war noch immer nicht gekommen, um die Erlaubnis zum

Fortgehen zu geben.

»Oldshatterhand«, der jüngste der Lehrlinge, stand Wache, um die anderen

benachrichtigen zu können, wenn der Meister ankam. Interessiert holte er

aus der Tasche seines Mechanikerkittels eine kleine Feile und feilte an

seinen schwarzen Fingernägeln herum. Dann suchte er weiter in der

Tasche, zog einen Klumpen ölige Putzwolle heraus, aus der sich eine

Pflaume und ein rundes Handspiegelchen schälten. Die Pflaume steckte er

in den Mund; das Spiegelchen rieb er heftig am Schenkel sauber und

reflektierte damit die Sonne einer Köchin ins Gesicht, die im vierten

Stock aus dem Fenster sah.

Erschrocken stürzte er von der Schmiede in die Werkstatt. Der Meister,

ein Mann mit gepflegtem rotem Spitzbart und kalten, grünlichen Augen,

schritt durch den Hof, mit seiner dreizehnjährigen Tochter am Arm.

Der älteste Lehrling rieb heftiger an einem Stück Werkzeug, das er schon

seit einer Stunde rieb, immer wieder mit Öl einstrich und rieb, und sah

manchmal von unten herauf nach dem Meister, der jetzt an einer der

Drehbänke lehnte und in der Zeitung las. Es war sehr still, man hörte

nur das Reiben.

Der Meister sah langsam auf und starr auf den Reibenden, der den Kopf

senkte. Die anderen Lehrbuben standen atemlos in den Ecken.

Oldshatterhand verrückte die schon geradeliegenden funkelnden Zangen,

Hämmer und Pinzetten auf der Werkbank um Millimeter.

Der Meister schritt auf ihn zu und sah, den Mund schiefgezogen, auf ihn

hinunter.

Gebannt ließen Oldshatterhands Hände ab vom Werkzeug.

»Was soll denn das!«

»Ich le . . . leg das We . . . Werkzeug gr . . . gr . . . grad.«

»Ist das eine Arbeit? . . . Stotterndes Kamel!« Der Meister hatte seinen

Blick in Oldshatterhands vergrößerte Augen eingehackt. »Was bist du?«

Oldshatterhand wurde blutrot.

»Was bist du!«

»Ein st . . . stotterndes Ka . . . Ka . . . Kamel.«

»Was reibst du denn! Schafskopf!« schrie unvermittelt der Meister den

ältesten Lehrjungen an und biß auf seine Unterlippe. »Geht doch zum

Teufel! . . . Eselsbande!«

Das Mädchen schmiegte sich an ihren Vater an und lächelte höhnisch. Die

Jungen entfernten sich lautlos.

Oldshatterhand ging durch die Kaiserstraße. Vor einer Feinbäckerei blieb

er stehen, sah die Kuchen an und schloß manchmal die Augen, um besser

riechen zu können; denn von unten aus dem Keller, wo der Backofen war,

stieg durch das eiserne Gitter der warme, süße Kuchenduft.

Oldshatterhand hatte es schlecht getroffen im Leben. Sein Vater war ein

armer Mann. Und vom Schultyrannen Mager war Oldshatterhand zum Tyrannen

Tritt geraten.

Nach einem letzten lüsternen Blick auf die Kuchen machte er sich auf den

Heimweg.

Vor ihm ging langsam ein Fremder und betrachtete die alten Häuschen. Er

hatte einen Gummimantel an. Oldshatterhand blickte auf ihn, ging

unauffällig um ihn herum, und immer wenn der Fremde stehen blieb, blieb

auch Oldshatterhand stehen, sah auf das Häuschen, auf den Fremden

zurück. Seine Wünsche glitten aus der verhaßten Gegenwart in die

Zukunft. Seine Sehnsucht ließ ihn zum Fremden werden.

»Bitte schön, wo ist die Domstraße?« fragte der Fremde einen Bürger und

ging in der angezeigten Richtung fort.

Auf den Zehenspitzen balancierend, bewegte Oldshatterhand den Oberkörper

hin und her, um den Fremden so lange wie möglich sehen zu können.

Ein Mann mit einem Fensterflügel auf der Schulter kam auf ihn zu.

»Sie . . . Sie!«

Der Mann blieb stehen.

»Kö . . . können Sie mir nicht sagen, wo die Domstraße ist? . . . Ich

bin fre . . . fre . . . fremd in Würzburg.«

Verblüfft sah der Mann Oldshatterhand an. »Du bist doch der Sohn vom

Schreiner Vierkant . . . Du Lausbub! Dir geb ich . . .« Er hob die Hand.

Oldshatterhand wich zurück und sah zwischen Lachen und Weinen dem Manne

nach.

Beim Julius-Echter-Denkmal holte er seine Mutter ein, eine kleine, dicke

Frau mit nachdenklichem Gesicht, worin die klugen, guten Augen über Last

und Sorgen und Auswegen nachsannen. Unvermittelt konnten die Furchen der

Sorge in ihrem Gesicht sich in Linien der Güte verwandeln.

Sie schleppte einen großen Henkelkorb, dessen Deckel klaffte, so daß die

Kleider, die der Korb barg, zu sehen waren. »Sechs Mark waren diesmal

drauf. Und siebenundzwanzig Pfennig Zinsen hat er mir abgenommen . . .

Fünf Mark muß ich dem Vater geben, für Vesper- und Ausgehgeld, bleiben

mir von seinem Lohn drei Mark für die ganze Woche. Und damit soll ich

Essen für vier Kinder und einen Mann auf den Tisch stellen . . . Die

Hausmiete ist auch schon fällig. Wenn ich nur einmal nimmer leben tät.«

Oldshatterhand schwieg eine Weile und fragte dann, was es heute abend

gäbe.

»Für'n Vater hab ich a Täuble«, sagte die Mutter und stellte ihren Korb

ab. »Er ißt's doch so gern . . . Ja no, er muß ja die ganze Woche hart

arbeiten . . . Und wir, wir trinken halt unsern Kaffee. Trägst mir e

bißle helf? . . . Siehst, das ist für dich.« Sie holte aus dem Korb ein

Stückchen Kuchen und legte Oldshatterhand die Hand auf die Schulter. Ihr

Gesicht wurde tiefrot, sie lachte, daß ihre Schultern schütterten, und

konnte sich gar nicht beruhigen, weil sie ihren Sohn mit Kuchen

überrascht hatte.

Mutter und Sohn faßten den Henkel: der Korb schwebte zwischen den beiden

nahe dem Boden die Domstraße hinunter und über die alte Brücke.

»Mutter, schau mal die Wolke an über der Festung. Sie sieht aus wie

Rom.«

Die Mutter lachte in sich hinein. »Was bist du für einer . . . Wie

Rooom!«

* * * * *

Es war elf Uhr nachts.

Der vierzehnjährige Buchbinderlehrling und Hauptmann der Räuberbande,

Sohn der vermögenden Gastwirtswitwe Benommen, stand nackt in seiner

Dachkammer am offenen Fenster und hielt in jeder Faust ein Bügeleisen.

An einem Strick, der um seine Lenden gebunden war, hing vorne ein

handgroßes, zinnoberrotes Tüchlein. Sein weißer Körper war vom Mondlicht

getroffen. Hinten in der Kammer war tiefschwarze Nacht.

Von der Bierkneipe unten im Hause, die der ältere Bruder des Hauptmanns

betrieb, klang der Gesang der Soldaten herauf:

»Ich wollte sie verführen,

Dazu hat sie kein Mut.«

Der Hauptmann, genannt der bleiche Kapitän, fing an zu üben: er reckte

den Brustkasten heraus, sog ihn voll mit Luft und zog die ausgebreiteten

Arme mit den Bügeleisen kraftvoll zum Körper, schnellte sie auseinander,

zog sie an, und so fort. Dabei blickte er, den Kopf zurückgezogen, daß

sich ein spärliches Doppelkinn bildete, die Unterlippe vorgeschoben,

hinunter auf das Spiel seiner Armmuskeln.

Unten wurde, von Mädchenlachen begleitet, die Wirtschaftstür zugeknallt,

und eine Wolke Bierdunst schlug in des Hauptmanns Kammer.

Ein Schakalruf ertönte in die Nachtstille. »U . . . u!« klang es düster,

»U . . . u!«

Der bleiche Kapitän horchte, fuhr in Hose und Rock und schlich, die

Schnürstiefel in der Hand, strümpfig die Treppe hinunter.

Vor dem Hause, unter der Gaslaterne, stand ein Junge, elegant auf sein

dünnes Spazierstöckchen gestützt, das sich fast zum Halbkreis bog: der

Schreiberlehrling des Rechtsanwalts Karfunkelstein.

Die zwei Knaben schlichen dicht an den altersschiefen Häuschen eine enge

Gasse aufwärts, die bis an den Fuß des dunklen Schloßberges führte. Auf

dem steilen Bergrasen standen mächtige, alte Linden, durch die sich ein

Sandweg hinauf zur Festung zog. Achtzehnhundertsechsundsechzig war die

Festung von den Preußen genommen und geschleift worden. Seitdem lag eine

Kompagnie Trainsoldaten im Schloß, und am äußersten Rand des Berges, bei

einem Auslughäuschen, stand eine alte Kanone, die abgefeuert wurde, um

Bürger und Feuerwehr zu alarmieren, wenn unten in der Stadt Würzburg ein

Brand ausbrach.

Die Knaben standen im schwarzen Schatten, den die Linden warfen. Es war

vollkommen still. Der Schreiber sah sich ängstlich um. »Horch . . .

hörst du nichts?«

»Da herauf kommt kein Mensch um diese Zeit«, sagte der bleiche Kapitän,

sah sich auch um und zog die Schuhe an.

»Es ist eigentlich gar nicht unheimlich . . . Wenn man nur keine Angst

hat.«

»Das ist schon wahr . . . Schau, in der Elefantengaß gibt's Gummiabsätz.

Das Paar nur zehn Pfennig. Da hab ich mir fünfzehn Paar kauft.«

Sitzlings streckte der bleiche Kapitän das Bein zum Schreiber in die

Höhe. »Die andern vierzehn Paar hat mei Mutter glei' wieder

zurückgetragen und hat g'sagt, die brauchet ich nit . . . Ich trau mich

gar nimmer an dem G'schäft vorbei. Als ob man in seinem Leben nit

fünfzehn Paar Gummiabsätzli aufbrauchen könnt. Es ist wirklich ganz

unglaublich.«

»Das hätt ich mir nit g'fall laß.«

»Gott, was willst denn mach.« Er stülpte die dicken Negerlippen mürrisch

nach außen. »No, lang dauert's ja nimmer. Die wenn wüßt, was wir vorham

. . . Heiliger Gott!«

»Mei Vater hat heut zu mir g'sagt, wenn ich noch einmal mit

Oldshatterhand und mit dir und den andern verkehre, könnte ich was

erleben . . . Grün und blau wollt er mir ihn schlagen. Er weiß aber ganz

genau, daß ich mir das nit g'fall laß.«

»Ja no.«

»Das eine weiß ich«, sprach der Schreiber hochdeutsch, »so saudumm würde

ich nicht sein, wenn ich Vater wäre.«

»Gott, die ham ja keine Ahnung. Aber Augen werden die noch machen.« Der

bleiche Kapitän erhob sich und trat prüfend von einem Fuße auf den

andern. »Es ist wahrhaftig so, wie wenn man überhaupt keine Schuh

anhätt. Ich versteh absolut nit, warum mei Mutter mir die andern

vierzehn Paar wieder zurückgetragen hat.«

»So sind sie halt. Da kannst wirklich nix mach. Gehn wir jetzt.«

»Ja, aber leis.«

Sie stiegen den Schloßberg hinauf, bis vor das eisenbeschlagene,

wuchtige Bohlentor, durch das man in die Festung gelangt. Um diese Zeit

war das Tor geschlossen.

Gebückt schlichen sie auf dem Bergrücken nach links, bis an den Rand

vor, von wo aus man tief unten die Stadt liegen sieht, hoben wie auf

Kommando die Arme, schüttelten die Fäuste, riefen: »Weh dir!« zur Stadt

hinunter und sprangen in den Festungsgraben.

Von allen Seiten kamen jetzt kleine, dunkle Gestalten den Schloßberg

heraufgeschlichen, bis an den Rand vor, riefen: »Weh dir!« und sprangen,

den bequemen Weg verachtend, die hohe Mauer hinunter in den

Festungsgraben.

Die Räuberbande, eine Schar vierzehnjähriger Lehrjungen, war versammelt.

Es war eine wunderbar klare Mondnacht im Herbst.

Oben stand dunkel das Schloß. Tief unten lagen die alte Brücke, die

Häuser und krummen Gassen von Würzburg. Die dreißig Kirchtürme bebten im

Mondlicht. Der Main, der die Stadt in zwei Teile trennt, glänzte. Jeder

Stern stand klar und scharf am grünlichen Himmel. Die ganze alte Stadt

war aus purem Silber.

Die Räuber saßen im Kreis im Festungsgraben und rauchten ernst die

Friedenspfeife: ein langes Stück Schilf, derart viel im Graben wuchs.

Knapp vorbei am Räuberkreis, der noch im Mondlicht saß, fiel der

tiefschwarze Schlagschatten, den die Schloßmauer warf.

Ein Vogel erwachte und flatterte im Brombeerbusch. Die Räuber saßen

reglos und starrten auf das Lagerfeuer, das in ihrer Mitte flackerte.

Oben auf dem Feuer brannte und rauchte ein gerahmter Straminhaussegen,

auf dem »Bet' und arbeit', so hilft Gott allzeit« gestickt war. Die

Worte rollten sich zusammen, und Gott und Arbeit gingen in Flammen auf.

Winnetou hatte den Haussegen daheim gestohlen.

Er verschluckte den ätzenden Speichel, den auszuspucken als Schande

galt, und sprach: »In Südamerika sind die Indianer klein, falsch und

furchtsam.«

»Südamerika!« sagte verächtlich der bleiche Kapitän.

»Und arbeiten sogar für die Weißen. Ich habe nachgesehen.«

»Das neue große Sandschiff vom roten Fischer ist nur mit einem Tau

festgemacht, unterm Brückenbogen. Im Frühjahr, wenn das Hochwasser

kommt, müßten wir halt mit seinem Schiff hier abfahren. Nur ein paar

Tage den Main hinunter, in den Rhein, dann ein Stück den Rhein hinunter

und dann zu Fuß nach Hamburg. Da können wir ganz gut in vierzehn Tagen

sein!« rief die Rote Wolke, ein Waisenjunge, der bei seiner alten Tante

die Gärtnerei erlernte. Er vertrug sich schlecht mit der Tante; denn er

deklamierte, nachdem er einmal bei einer Vereinstheatervorstellung

mitgewirkt hatte, den ganzen Tag, während er Kartoffeln hackte oder

Leichenkränze band. »Am ewigen Meer . . . da können wir in vierzehn

Tagen sein.« Sein Mund stand offen, rund und schwarz wie ein Mauseloch.

»Und dann?« fragte der Schreiber und zog lächelnd die Augenbrauen in die

Höhe.

»Dann! Was heißt das -- dann?« rief der bleiche Kapitän. »Dann machen

wir eben ein Segelschiff los und segeln ganz ruhig über den großen

Teich.«

»Segelschiff los? Und die Matrosen, die darauf schlafen, und die Wachen?

He? Vielleicht steht sogar der Kapitän selbst die ganze Nacht am Steuer

und blickt hinaus aufs Meer, damit sein Schiff nicht gekapert wird.

Diese Sachen hab ich schon oft genug gelesen.«

Winnetou hielt seine Hand in die Flammen und blickte, die Zähne

zusammengebissen, über die Räuber weg. Langsam zog er die geschwärzte

Hand zurück.

»Das werden wir schon sehen. Wir sind zwölf Männer«, rief verächtlich

der Hauptmann. »Oder weißt du nicht, Schreiber, was ein Enterhaken ist?

Das -- mein Lieber, das geht im Handumdrehen.«

Winnetou hielt die schmerzende Hand senkrecht. »Die Hauptsache ist, daß

sich in einer einzigen Nacht in allen Urwäldern und Prärien des wilden

Westens bei absolut allen Indianerstämmen die Schreckensbotschaft

verbreitet, aber wie ein Lauffeuer, daß wir angekommen sind . . . Auf

unsere ersten Taten kommt's an. Die müssen gewaltig sein und furchtbar.«

»Die Weiber werden natürlich verschont«, schloß der bleiche Kapitän und

stülpte die Negerlippen nach außen.

»Immer werden die Weiber verschont. Unsere Kontoristin darf auch immer

eine halbe Stunde früher fortgehn«, sagte der Schreiber. »Gestern hab

ich zum erstenmal Diktat schreiben dürfen. Das macht gewöhnlich nur

unser Bureauvorsteher.«

»Gott, Diktaaat . . . Beim Lumpenhändler Ei gibt's kolossale alte

Revolver. Die können wir drüben gut brauchen.«

»Meinst, daß man davon ein paar aushängen kann?«

»Ich glaub, das wird schwer gehn. Aber wen man damit trifft, der is

total tot.«

Winnetou nahm ein glühendes Holzstückchen in die Hand, preßte sie zur

Faust -- und zählte leise für sich bis neun, schleuderte das

schwarzgewordene Holz ins Feuer zurück und erzählte gequält: »Ins

Zuchthaus käme ich noch, hat der Kaplan vorige Woche zu meiner Mutter

gesagt . . . Weil ich in der Religionsstund ein bißchen von der

Schultinte für mein Füllfederhalter mitgenommen hab. Jetzt sperren sie

mich daheim jeden Tag drei Stunden in die Holzlage . . . Ich! . . .

Ich!« Er sprang auf, drückte die Fäuste an die Wangen, Zorn und Scham

wechselten auf seinem Gesicht. »Ich halt's nimmer aus!«

»Ins Zuchthaus? . . . Das wär doch ganz fein, wenn wir ins Zuchthaus

kämen«, sagte der Schreiber erstaunt.

Verwirrt sah Winnetou den Schreiber an, ließ sich langsam nieder und

blieb reglos hocken.

»Nun ja . . . warum denn nicht.« Der Schreiber sah fragend im Kreise

herum.

Niemand antwortete. Die Räuber sahen ins flackernde Feuer.

Oldshatterhand sah auf die fernen Berge, die im Mondlicht schwammen.

Eine Sternschnuppe fiel in den Weltenraum. Oldshatterhand wanderte einem

Gedanken nach, über alle Länder, drückte den Oberkörper einige Male

angestrengt vor und zurück und begann stark stotternd: »Die Erde ka

. . . ka . . . kann ja gar keine Ku . . . Kugel sein, denn wenn man

immer weiter geht, müßte man herunterfallen, oder mit dem Ko . . . Kopf

nach unten stehen und in die Lu . . . Lu . . . Luft hinunterstürzen

. . . Da habt ihr's, unten ist doch keine Lu . . . Luft, nur oben.« Und

er deutete hinauf, wo Stern an Stern am tiefblauen Himmel stand. »Der

Lehrer Ma . . . Mager versteht nichts. Oder wenigstens nicht viel. Die

Erde ist keine Ku . . . Kugel. Sie ist flach. Nur viele Bu . . . Buckel

hat sie.«

»Natürlich, und wenn man noch so weit geht, nach Rußland, nach China,

immer ist der Himmel oben«, sagte der Schreiber und zuckte mit den

Schultern.

»Da!« rief Oldshatterhand und stand schnell auf. Die Räuber blickten

empor zu ihm. »Denkt euch halt eine Ke . . . eine Ke . . . eine Ke

. . . Kegelkugel -- wenn darauf ein ga . . . ganz kleiner Mensch, nur so

groß wie der Däumling, nach einer Richtung immer, immer weiterläuft, muß

er doch zu . . . muß er doch zu . . . zuletzt herunterfallen. Aaalso

kann die Erde auch keine Ku . . . Kugel sein. Das ist doch ganz klar. Ma

. . . ma . . . meint ihr nit?«

»Das weiß man halt nit recht.«

Wieder lösten sich Sternschnuppen an mehreren Himmelsstellen und

schwebten langsam und lautlos zu den im Mondlicht bebenden Bergen

nieder. Vom funkelnden Nachthimmel gehalten, hing der Erdball, und als

einzige Bewohner schien der Räuberkreis auf seiner stillsten und letzten

Höhe zu sitzen.

Ungeduldig hob Winnetou den feinen Knabenkopf, in dem die großen Augen

schwarz wie heißer Asphalt glänzten. »Ach, Unsinn ist alles, was der

Mager da von einer Kugel faselt . . . Wenn wir aber Würzburg

einäschern«, fuhr er heftig fort, »ehe wir von hier abfahren, und du

meinst, dann müßten wir das Herz der Stadt anzünden, so wäre das der

Vierröhrenbrunnen, denn der ist in der Mitte. Aber der brennt doch nit.«

»Und das Petroooleum? Ha! Wenn nur drüben auch alles so glatt ginge. Da

werden einfach hundert Fässer Petroleum ins Brunnenbassin gefüllt -- ich

sitze nebenan im Hirschen, tue, wie wenn ich Kaffee tränke, und brenne

die Zündschnur an. Es ist eine dunkle Nacht, und ehe du dich versiehst,

schlägt eine kirchturmhohe Flamme in den Himmel hinauf . . . Die erfaßt

gleich das Rathaus und den Platz, und, o Gott, bis die da droben ihre

Kanönle abfeuern, brennt die ganze Stadt . . . derweil wir schon längst

in unserm Schiff den Main hinunterfahren. Ha!« schloß der bleiche

Kapitän und spreizte die knochigen Finger, seine hellen Perlmutteraugen

glänzten, »da müßte halt mein Bruder in Amerika dabei sein. Dann ginge

sicher alles glatt.«

»Das erste, was wir drüben tun, ist, daß wir deinen Bruder aufsuchen.«

»No, allemal.«

Der bleiche Kapitän hatte einen Bruder, der vor ein paar Jahren als

Ingenieur nach Amerika gegangen war. Der einzige Mensch, dem sich der

bleiche Kapitän nicht ganz ebenbürtig fühlte, und auf den er bei jeder

Gelegenheit hinwies, als auf ein nicht erreichbares Ziel.

Ehe der Amerikaner abgereist war, hatte er am Bahnhof zum bleichen

Kapitän gesagt: »Ich komme wieder, dann reiße ich die alte Brücke ab und

baue dafür eine hundert Meter hohe Hängebrücke hin, aus

Eisenkonstruktion. Da werden die Würzburgerli Maul und Augen aufreißen.«

Alle Räuber hatten die gleiche Vorstellung von dem Amerikaner -- sie

sahen ihn, weit, weit von hier, kühn und wortkarg gewaltige Taten

vollbringen; sie sahen ihn am reißenden Mississippi stehen, nur mit

einer Zeichenrolle in der Hand: er blickt auf die Zeichnung und streckt

den Finger aus -- da stürzen seine siebentausend Leute sich auf

Eisenschienen und Träger, und alsbald steht ein gigantischer

Brückenbogen im Mississippi.

Wortkarg besteigt der Amerikaner den Mustang und reitet durch die

Wildnis zurück zu seinem Blockhaus.

»Die Schule geht in Flammen auf«, sagte der Schreiber und hob die Arme.

»Und Lehrer Mager verbrennt zu nichts. Hi!«

»Nein, Schreiber, über den wird endlich einmal Gericht gehalten. Der

wird ganz einfach gefesselt und in den Festungsgraben geschleppt. Da

wird er ausgezogen und an einen Baumstamm gebunden . . . An den wilden

Birnbaum dort. Dann wird er gemartert, sieben Stunden lang. Überhaupt

die ganze Brandnacht durch. Aber . . . wir lassen ihn am Leben. Wir

hetzen ihn lieber nackt durch die brennende Stadt.«

»Letzthin bin ich mit Sa . . . Seidel zum Lehrer gegangen, um die korri

. . . um die korri . . . korrigierten Schulhefte abzuholen. Seidel hat

einen A . . . A . . . Apfel kriegt, ich eine Ohrfeige, waaa . . . weil

so viel Fehler in mein Aufsatz waren. Und die Hefte hab ich auch nit

helf tr . . . tr . . . trag dürf.«

»Warum gehst du auch mit dem Seidel zum Mager. Der ist doch sein

Liebling. G'schieht dir ganz recht.«

»Ich wollt halt auch einmal die He . . . die He . . . Hefte trag . . .

Dann weiß ich aber noch einen, de . . . de . . . der gemartert werden

muß. Meee . . . Meee . . . Mechaniker Tr . . . Tr . . . Tr . . . Tritt!«

schrie Oldshatterhand wütend.

»Und die anständigen Leute, es gibt ja sowieso nur ein paar in

Würzburg«, sagte sinnend der bleiche Kapitän, »die werden vorher durch

Briefe aufgefordert, ihre Kostbarkeiten zusammenzuraffen und mit Weib

und Kind aus der Stadt zu fliehen . . . Alles was recht ist.«

»Zum Beispiel dem Rat Häberlein schreiben wir vorher einen Brief. Der

hat mich gestern abend sein Garten gießen lassen.«

»Am Silbersee müssen wir unser Blockhaus bauen. Der liegt inmitten von

Prärien und Urwäldern«, sagte die Rote Wolke und deutete weit hinaus.

»Einmal kann ich ja meiner Schwester z . . . zwei Pa . . . Pa . . .

Papageienflügel schicken? Für ihren H . . . Hut«, sagte Oldshatterhand.

»Grü . . . grüne vielleicht.«

»Wenn sie nicht umgekommen ist in der Brandnacht.«

»Die, die . . . muß einen Brief bekommen!« rief Oldshatterhand

erschrocken und gab die Friedenspfeife weiter.

»Wer von uns seine Familie schonen will, kann ja einen Brief schreiben,

ich tu's nit«, sagte der bleiche Kapitän, tat die drei vorgeschriebenen

Züge aus der Friedenspfeife und sagte monoton in tiefem Baß:

»Falkenauge«, reichte das qualmende Schilfrohr seinem Nachbarn, stand

auf und übte mit einem Sandowmuskelspanner.

Falkenauge blickte mit dem einen Auge aufs glimmende Schilfrohr, während

das andere gespenstisch und interesselos nach rechts blickte. Es war ein

Glasauge.

Eine Kirchturmuhr begann zu schlagen, eine entfernte geiferte dünn und

schnell dazwischen, andere mit tiefen Tönen setzten ein; der

Zusammenklang währte eine Weile. Da hub die Domuhr voll und dunkel an zu

schlagen: töm . . . töm . . . töm . . . zwölf Schläge in die tiefe

Nachtstille.

»Nach den Sta . . . tatata . . . tuten mü . . . ssen wir jetzt den

heutigen Ra . . . Raubzug beginnen. Oldshatterhand haaa . . . t ge

. . . sp . . . sprochen.«

Der Schreiber unterdrückte das Lachen. Winnetou gab ihm einen

Rippenstoß. Oldshatterhand errötete und heftete seine wutfunkelnden

Augen auf den Schreiber.

Da erschien auf dem Bergrücken plötzlich eine große, dunkle Gestalt, die

sich lautlos reckte und schnell wieder zusammenduckte, als ein Räuber

den Kopf hob.

»Mit Gott denn!« rief der bleiche Kapitän.

Die Räuber sprangen auf und tanzten, schwerfällig von einem Fuße auf den

anderen hüpfend, im Kreis um das Lagerfeuer herum und sangen gedämpft

und monoton dazu:

»Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,

Nang kang killewi, nang kang killewi,

Tsching tschang, tsching tschang, bumbetewitschki,

Nang kang killewi wau.«

Der bleiche Kapitän reckte die Hand in den Nachthimmel -- die Räuber

standen in ihrer momentanen Stellung still. Die Hand des bleichen

Kapitäns sank, und die Räuber stürzten, den bequemen Weg, der aus dem

Graben führte, verachtend, zur Mauer, krabbelten hinauf, schlichen vor

bis zum Bergrand und riefen: »Weh dir!« zur Stadt hinunter.

Die Gestalt war hinter einem Baumstamm verschwunden.

Die Knaben standen jetzt auf einem Felsenvorsprung, der,

gebüschbewachsen und zerklüftet, dreißig Meter senkrecht in die Tiefe

fiel, bis in den Hof einer Malzfabrik, in deren haushohen Schlot die

Räuber oben hineinsehen konnten.

Ein Diebabhalter, fächerartig auseinanderstehende, altersmorsche Latten,

die aus dem Felsenabhang hinaus in die Luft ragten, versperrte den Weg

in die königlichen Weinberge.

Der bleiche Kapitän rutschte auf dem Bauche ein Stück den Felsenabhang

hinunter, erfaßte die Latten, schwang ein paarmal wie ein

Kirchenglockenschwengel über der Tiefe hin und her -- und stand in den

königlichen Weinbergen.

Die anderen folgten und waren nach einer Weile alle glücklich drüben,

außer Oldshatterhand, der zitternd am Felsenabhang klebte, denn seine

freie Hand reichte nicht bis zum Diebabhalter. Er wagte nicht, sich zu

rühren.

Der bleiche Kapitän beugte sich, auf dem Bauche liegend und von den

anderen gehalten, über den Felsenabhang hinaus, streckte Oldshatterhand

die Hand hinüber und riß ihn frei durch die Luft zu sich.

Der Diebabhalter brach und stürzte in die Tiefe.

Die Räuberbande · 第 4 / 26 题