Der bleiche Kapitän wandte den Kopf nach ihm hin: ». . . Gekauft?«

». . . Eigentlich geschenkt bekommen, vom Schmied Gottlieb.«

Der Schreiber notierte die Rattenfalle und den dreipfündigen Hecht, den

die Rote Wolke mitsamt dem Blechkasten aus dem neuen Sandschiff des

roten Fischers geholt hatte, und schloß das Büchlein wieder in den

Schrank.

Der große Fisch schnalzte heftig im Kasten.

Der bleiche Kapitän schlug mit einem Holzklöpfel den Hahn ins Bierfaß.

Das donnerte im unterirdischen Gang, wie wenn Felsen gesprengt würden.

Er schenkte die zwölf Gläser voll, zündete zwölf Kerzen an, stellte sie

auf die Regale und verlöschte die Petroleumlampe.

Die Räuber saßen um den Tisch herum, tranken und rauchten.

»O Felli«, sagte Winnetou. Das hieß: Ich bitte ums Wort.

»Sprich«, erwiderte der bleiche Kapitän.

»Würzburg steht in Flammen . . . brennt nieder und ist dem Erdboden

gleichgemacht. Alle Einwohner sind umgekommen. Alle! Auf uns, die einzig

Überlebenden, fällt natürlich der Verdacht. Darum sage ich: wir müssen

ungeheure Vorräte aufstapeln im Zimmer, um uns vier Wochen lang hier

verbergen zu können. Bis die Regierung glaubt, wir seien mitverbrannt.

Nicht der geringste Verdacht fällt auf uns, denn es weiß ja niemand, daß

wir noch leben . . . Dann schicken wir unsere Kundschafter aus und

erfahren alles, was in der zerstörten Stadt vorgeht . . . Und wenn wir

uns dann, als Bauernweiber verkleidet, aus dem Staub gemacht haben, sind

wir verschollen auf ewig.«

Die Räuber saßen vor Begeisterung erstarrt. Winnetou schwieg und lehnte

sich zurück. Die Kerzenflammen standen unbeweglich. Die bleichen

Gesichter hingen wie kleine, dunstige Monde im Zigarrendampf.

»Wir müssen nur immer fest zusammenhalten!« rief Oldshatterhand erregt.

»Oh, im wilden Westen . . . Ihr werdet's schon sehen . . . Wenn einer

von uns in Würzburg bleiben will . . ., um vielleicht eine Frau zu

heiraten, dann soll er's lieber gleich sagen.«

Der bleiche Kapitän drückte Oldshatterhand mit einem Blick in die Ecke:

»Wie du glauben kannst, daß einer von uns so ein dreckiger Feigling ist,

das versteh ich ganz einfach nit.«

Plötzlich sprang wie aus dem Hinterhalt der König der Luft in die Mitte

und rief: »Ich, der König der Luft, lese jetzt vor: das

hundertundsiebenundneunzigste Kapitel aus >Die bleiche Gräfin oder Der

Mord im Walde<. Da sind wir's letztemal stehen geblieben.« Der König der

Luft war Lehrling in einer Drahtgitterfabrik, sehr ehrgeizig und ein

scharfer Rivale des bleichen Kapitäns; er sprang von immer höheren

Mauern herunter, um seinen Ruhm zu steigern und eines Tages die

Hauptmannschaft an sich zu reißen. Er war dünnlippig, braunhäutig und

hatte ein Indianerprofil.

»Wollen wir nicht lieber das Räuberlied singen?« fragte Oldshatterhand.

Da knöpfte der König der Luft energisch den untersten Knopf seines

Röckchens zu, reckte das gelbe Heftchen zur Decke und rief: »Die bleiche

Gräfin!«

»Räuberlied!« brüllten die anderen.

»Also, also Räuber --, also Räuber -- Räuberlied!« rief schnell und sich

überstürzend der König der Luft und stand im Ausfall, die Faust geballt.

Der Rockknopf sprang ab, sein Hals schoß wagerecht vor, und das Gesicht

stand senkrecht. Er mahlte mit den Zähnen und preßte die Lippen schief

zusammen. Seine tiefe Stirnfalte entstand. So hub er an zu singen, und

die Räuber hörten zu.

»Stehlen, morden, huren, balgen,

Heißt bei uns nur die Zeit zerstreun.

Morgen hangen wir am Galgen,

Drum laßt uns heute lustig sein.

Stehlen, morden, huren, balgen. Ha!«

Falkenauge sang, das natürliche Auge weit aufgerissen, während das

gläserne tot und interesselos in die Ecke blickte. Der bleiche Kapitän

sang gewaltsam in tiefem Baß und sehr falsch. Und die Lippen der

Kriechenden Schlange waren beim Singen mit Speichelbläschen dicht

besetzt. Die Rote Wolke stellte die Fußspitze nach rückwärts und agierte

pathetisch. Jeder der Räuber sang eine Strophe. Zuletzt kam

Oldshatterhand, der sich sehr frei fühlte, denn beim Singen stotterte er

nicht. Um über seine Kleinheit wegzutäuschen, balancierte er auf den

Zehenspitzen. Er sang mit feiner Mädchenstimme.

Das Bierfaß war leer. Die Kriechende Schlange lag müde zusammengerollt

in der Ecke, und der Kopf des schlafenden Oldshatterhand lehnte gegen

die Schulter der Roten Wolke.

»O Felli«, sagte müde Winnetou.

»Sprich.«

»Es ist Zeit, Hauptmann.«

»Auf morgen denn«, sagte leise der bleiche Kapitän, und sein Kopf sank

auf die Brust.

Die Räuber erhoben sich mühsam, verlöschten die Kerzen, zündeten die

Pechfackel an und stellten gähnend ihre Rockkragen auf.

Das Wasser im Fischkasten gluckste.

Da schlug der betrunkene Schreiber auf den Tisch, daß der weiße Hase,

aus dem Schlafe geschreckt, vom Regal sprang und ängstlich im »Zimmer«

herumhüpfte. Mit einem Ruck riß er sich den Halskragen auf, den rosa

Schlips herunter und brüllte noch einmal seine Strophe:

»Das Wehgeheul geschlagener Väter,

Der bangen Mütter Klaggezeter,

Das Winseln der verlaßnen Braut

Ist Schmaus für meine Trommelhaut.«

Die Räuber hatten das »Zimmer« verlassen, den Verschlußstein wieder

sorgfältig eingefügt und standen auf dem Bergrücken beisammen.

Der erste Morgenschein lag über der Landschaft. Das Gras war taunaß. Auf

einem Busch saß eine Amsel und pfiff, und ein Eichhörnchen hing still an

einem Lindenstamm, mit einer Haselnuß im Maul, blickte auf die Knaben

und huschte in einer Spirale um den Stamm herum und hinauf ins

raschelnde Laub.

Die Stadt im Tale war in dicken Nebel eingepackt; nur die dreißig

Kirchtürme stachen durch den Nebel und schwarz in den morgenklaren

Himmel hinein. Im Osten hinter der Stadt stand eine zartrosa Wolkenwand.

»Da liegt ein Hobel«, sagte Falkenauge erschrocken, hob ihn auf, beäugte

ihn ganz nahe, roch daran und zeigte ihn still und vielsagend der

Räuberrunde.

»An der Stelle sind wir heut abend die Mauer hinuntergesprungen; da war

der Hobel noch nit dort gelegen.«

»Wie kommt er überhaupt daher.«

»Ein schöner Hobel ist es ja.«

»Was ham wir davon!« riefen ein paar gleichzeitig.

»Wenn uns jemand ausspioniert hat -- no, dann geht's uns krumm.«

Der Schreck war den frierenden Räubern in die Glieder gefahren. Die

übernächtigen Augen waren fragend und gespannt aufeinander gerichtet.

»Dann sind wir verloren!« rief die Rote Wolke pathetisch.

Der bleiche Kapitän schob den Hobel kaltblütig zwischen Rock und Weste.

»Was heißt denn das . . . verloooren!«

Die Rote Wolke stellte die Fußspitze rückwärts und hob die Hand. »Es

wird heißen: Im Herbst des Jahres achtzehnhundertneunundneunzig stattete

die gefürchtete Räuberbande von Würzburg den königlichen Weinbergen

ihren Besuch ab . . . In dunkler Nacht.«

»Blödsinn! Uns erwischen sie nit so schnell. Jetzt gehn wir einmal

heim«, riet der bleiche Kapitän. »Den Hobel nehm ich mit, für unsre

Vorratskammer.«

Auseinanderstrahlend schlichen die Räuber auf allen Wegen den Schloßberg

hinunter.

Oldshatterhand konnte ungesehen in die Küche schlüpfen, wo er auf einem

alten Kanapee seine Schlafstätte hatte. Gespannt beobachtete er seine um

zwei Jahre ältere Schwester, ein skrofulöses Nähmädchen, die auch in der

Küche schlief. Unruhig träumend warf sie sich im Bett hin und her; ihre

bläulichen Lippen bewegten sich, und die schmale Hand hing bis zum Boden

hinunter.

Oldshatterhand legte eine etwas verdrückte Traube für die Schwester auf

den Stuhl, schlich zum Küchenschrank, trank Milch aus dem irdenen Topf

und goß Wasser nach, genau so viel, wie er Milch getrunken hatte. Die

Augen auf die Schlafende gerichtet, entkleidete er sich ganz leise und

ließ sich mit größter Vorsicht langsam aufs knarrende Kanapee nieder.

Der König der Luft traf seinen Vater, einen alten Handlungsreisenden mit

faserigem, grauem Bart, dabei an, wie er seine Sachen ordnete. Der Alte

sah sich um nach seinem Sohn und fuhr still fort, seine Warenproben ins

Köfferchen zu packen. Er war ein verhärmter Mann.

Der Schreiber hatte, bevor er daheim fortgegangen war, die

Wohnungsglocke festgebunden, um nicht gehört zu werden. Wohlgemut

tänzelte er durch seine Gasse, fuchtelte mit dem Stöckchen in der Luft

umher und sang leise: »Das Wehgeheul geschlagner Väter, hohaho! Der

bangen Mütter Klaggezeter«, öffnete die Wohnungstür -- da läutete die

Glocke durchs Haus. Herr Widerschein, ein Schuster, hatte sie

losgebunden und wartete auf seinen Sohn, mit dem Knieriemen in der Hand.

Wortlos nahm er den Schreiber in Empfang und legte ihn über.

Das dünne Stöckchen lag daneben, und der Schreiber ruderte mit Armen und

Beinen.

Winnetou ging, ohne sich in acht zu nehmen, zu Hause durch den

hallenden, dunklen Gang. Vor dem roten ewigen Lichtchen unter der in der

Mauer eingelassenen Mutter Gottes blieb er stehen, den Arm an die Mauer

gelegt, den Kopf auf die Hand. So stand er lange und dachte an gar

nichts. Plötzlich empfand er den Zwang, das ewige Licht zu verlöschen,

so daß tiefstes Dunkel um ihn her wurde. Langsam trat er in sein Zimmer.

Der bleiche Kapitän hatte die Treppe verschmäht und war am Blitzableiter

hinaufgekrabbelt und durchs Fenster in seine Kammer gestiegen.

Die Sonne war aufgegangen und traf die Krone des Kastanienbaums im

Wirtschaftsgarten.

Nackt stand der bleiche Kapitän am Fenster, band erst das rote Tüchlein

vor und übte noch eine Weile ernst und sachlich mit den zwei Bügeleisen.

* * * * *

Am Sonntagnachmittag schritt der rote Fischer in seiner schulheftblauen

Wolljacke, Kopf und Unterlippe grimmig vorgeschoben, energisch auf die

»Altrenommierte Weinstube zu den drei Kronen« los. Gleich darauf klang

sein Schimpfen bis auf die Straße heraus.

Geputzte Weiblein mit großen Gesangbüchern und Rosenkränzen, einzeln,

paarweise und in Reihen, gingen in der Richtung nach der Burkarter

Kirche. Die Sonne schien. Glocken läuteten.

Oldshatterhand saß in der Schloßgasse vor dem einstöckigen Häuschen des

Schusters Widerschein auf einem Handwagen, ließ die Beine baumeln und

blickte hinauf zu den ganz mit Geranienstöcken verstellten kleinen

Fenstern. Manchmal pfiff er vorsichtig, kaum hörbar, den Bandenpfiff:

»Nieder mit der Tyrannei«, und machte leise: »Pst«, worauf die rot- und

weißgefleckte Katze, die zwischen den Blumenstöcken in der Sonne hockte,

den Kopf drehte und die Augen auf Oldshatterhand heftete.

Sonst blieb alles unverändert.

Die Familie Widerschein saß beim Kaffee. »Di di di di quiridi«,

trillerte der Kanarienvogel.

»Pst«, machte Oldshatterhand.

Die Hand des Schreibers erschien, senkrecht gestellt, zwischen den

Blumenstöcken, drehte sich verneinend einige Male im Handgelenk und

winkte dann heftig weg, die Gasse hinunter. Der Schreiber hatte keinen

Ausgang heute.

Auf den Zehenspitzen verließ Oldshatterhand die Schloßgasse, begab sich

zur Bande, die vor dem Friseurlädchen des Herrn Adam Rein versammelt

war, und erstattete Bericht.

Der bleiche Kapitän besprach sich eben mit seinen Leuten, ob er es wagen

solle, sich rasieren zu lassen. Wenn er gegen die Sonne stand, flimmerte

ein zarter Flaum goldig auf seiner Oberlippe.

Entschlossen trat er ein.

»Haarschneiden -- Herr Benommen?«

»Nein . . . Heute nur rasieren.«

»Wie die Zeit vergeht! Ihren Vater rasierte ich dreißig Jahre lang, und

noch Ihren Großvater. Und jetzt sind Sie auch schon so weit. Ja, man

wird alt«, sagte Herr Rein und ließ lächelnd das Messer über die sanfte

Haut des Hauptmanns gleiten.

Strahlend kam der bleiche Kapitän zurück und fragte seine Leute

unwirsch, ob er gut rasiert sei und ob ihn denn der Rein nicht

geschnitten habe.

Der Vater Oldshatterhands schritt vorüber, im peinlich sauber

gebürsteten Sonntagsanzug und mit glänzend gewichsten Stiefeln. Die

Räuber grüßten verlegen. Herr Vierkant legte seinen Zeigefinger an den

Hutrand und lächelte. Sonntags war Herr Vierkant immer in bester Laune.

Ein feines Stäubchen von seinem Ärmel schnellend, schritt er weiter.

Die Bande eilte hinaus zum Sanderrasen.

Ein schneidender Pfiff ertönte: »Nieder mit der Tyrannei«, und heftiges

Keuchen. Sein dünnes Stöckchen über dem Haupte schwingend, kam der

Schreiber nachgerast.

Beim Pferdemetzger Rücken blieben sie stehen. Auf das Ladenschild war

der dampfsprühende Kopf eines Rennpferdes gemalt.

Der Duckmäuser stand vor dem Laden, biß in sein Stück Pferdewurst und

betrachtete dabei die Würste im Schaufenster.

Der König der Luft wieherte wie ein Pferd und schlug aus. Der Duckmäuser

hörte auf zu kauen.

»Herrgott, wie man Pferdemetzger werden kann«, sagte der Schreiber.

»Begreift ihr das? Sein ganzes Leben lang von allen Menschen so

verachtet sein. Ich sag euch, das ist fast so, wie mit den Juden, die

kleine Christenkinder schlachten und das Blut in die Mazze verbacken.«

»Der Jud Meierheim soll's getan haben.«

»Schwindel! Das weiß ich ganz genau, daß das überhaupt niemals ein Jud

getan hat . . . du Rindvieh!«

»I . . . i hahaha!« wieherte der König der Luft.

Der Duckmäuser legte seine Wurst auf den Mauervorsprung.

»Ein Pfeeerdemetzger . . . was soll man jetzt dazu sagen«, rief der

Schreiber und erschrak, denn er hatte Herrn Metzgermeister Rücken

bemerkt, dessen mächtiger Oberkörper in den kleinen Fensterausschnitt

über dem Laden gepreßt war. Auf die kolossalen Unterarme gestützt,

blinzelte Herr Rücken über die Bande weg in den Himmel und ließ das

Grauen der Räuber auf sich wirken.

»Ohaho! Pferdewurst? Ich fresse so viel ihr wollt. Jawohl!« sagte

überzeugend der Schreiber.

Zögernd griff der Duckmäuser wieder nach seiner Wurst.

Der Sanderrasenplatz war von alten Bäumen umstanden. Wenn nicht Soldaten

darauf exerzierten, legten die Bürgersfrauen die Wäsche zum Bleichen

auf. Diesen Sonntag produzierte sich ein Schnelläufer auf dem Rasen.

Um den Platz herum zog sich ein schwarzer Saum erwartungsvoller Menschen

-- ein weißes Kleid hier und da, der Farbfleck einer Bluse.

In der Mitte auf einem Stuhle stand ein Mann in rotem Trikot, einen Fuß

rückwärts gestellt. Mit großer Geste rief er: »Drei Mark demjenigen aus

dem hochverehrlichen Publikum, der eine Stunde mit mir läuft, ohne daß

ich ihn überhole.« Er hatte kurze Beine mit gewaltig hervortretenden

Schenkelmuskeln und einen aufwärts gebürsteten, schwarzen Schnurrbart.

Eine kleine, dürre Frau, mit verhärmtem Gesicht, stand neben dem Stuhl.

Sie war des Schnelläufers Mutter und hielt einen zerknüllten Zinnteller

in der Hand.

Der bleiche Kapitän sah seine Leute an.

»Hohaho! Das machst du, Hauptmann.«

Dem bleichen Kapitän bebten die Lippen, und ein verlorenes Lächeln

zuckte über sein Gesicht.

Da trat er in den Raum.

Und schoß gleich hundert Meter vor, während der Schnelläufer hinter ihm

hertrabte mit zur Brust hochgenommenen Armen, daß sich die Ellbogen vor-

und zurückbewegten, gleichmäßig, wie die Kolben einer Dampfmaschine.

Nach einer Weile war der Hauptmann, mit mächtigen Sprüngen

vornüberstürzend, schon fast eine Runde voraus, angetrieben durch die

begeisterten Draufrufe seiner Bande.

»Der Malefizhundsknoche verdient sich wahrhafti die drei Mark!« rief der

rote Fischer.

Eine Welle der Erregung lief am Menschensaum entlang.

Die Mutter des Schnelläufers hielt unterdessen den Zuschauern ihren

Zinnteller gleichgültig hin und ging gleichgültig weiter, mit stumpfen

Augen, wenn man nicht gab.

Der Hauptmann keuchte, etwas langsamer geworden, an seinen Leuten

vorüber, winkte ihren Draufrufen ab, sah sich nach seinem Rivalen um.

Und war weg.

Der Abstand verringerte sich merklich, der Hauptmann wurde immer

langsamer; der Schnelläufer, stets im gleichen Tempo, holte auf und

überholte, unter knallendem Gelächter des Publikums und besessenem

Draufgebrüll der Bande, den bleichen Kapitän, der nach einer weiteren

Runde vollkommen erschöpft aufgab.

Geräuschlos verließen die Räuber den Kampfplatz.

Der Mann im roten Trikot lief weiter in der Sonne am schwarzen

Menschensaum entlang.

Dem bleichen Kapitän rollten die Schweißtropfen am Gesicht hinunter.

Ohne Atem stieß er hervor: »Der Schnelläufer hat beschummelt! Einen

kleineren Kreis hat er gemacht! Wie wär denn sonst das möglich.«

»Da gehn wir ganz einfach zurück und machen Krach.«

»Ach, laß ihn. Ich pfeif ja auf seine drei Mark.«

»Aber eine halbe Stunde hast du's doch ausgehalten«, sagte der

Schreiber, mit der Uhr in der Hand.

»No wart nur, bis er wieder einmal läuft.«

»Ich schlag vor, daß wir jetzt zum Bäcker Schlauch gehen. Da gibt's

warmen Käsekuchen. Es ist genau vier Uhr, seht. Da kommt er grad aus dem

Backofen raus.«

»Ich hab kein Geld«, sagte Oldshatterhand.

»Aber ich!« rief der Schreiber. »Siebzig Pfennig. Weil ich heut früh für

mein Vater Schuh fortgetrage hab, und da hab ich siebzig Pfennig mehr

für die Reparatur verlangt.«

»Wenn das dein Vater erfährt . . . mei Lieber.«

»Er erfährt's aber nit. O Gott, das mach ich schon seit Jahr und Tag so.

Die Kundschaft frägt mein Vater nit, weil sie's jetzt schon gewöhnt ist,

daß bei mein Vater die Reparaturen so teuer sind.«

Der Bäckermeister und Weinwirt Schlauch war ein frommer Mann, fett und

bleich.

Die Räuber blieben auf der Straße vor der Bäckereiauslage stehen. Der

Schreiber kaufte für sich und die andern sieben Stück Käsekuchen, welche

Herr Schlauch durch das Verkaufsfensterchen den Räubern hinausreichte.

Oldshatterhand ließ sich auf sein Stück noch Zucker nachstreuen.

Da spuckte der Schreiber einen Bissen wieder aus, sah die Räuber an und

sagte: »Der Kuchen schmeckt nach Petroleum . . . Herr Schlauch, der

Kuchen schmeckt ja nach Petroleum.«

Alle reichten unter Protest die halbgegessenen Stücke durchs Fenster

Herrn Schlauch wieder hinein, der sich ängstlich nach seinen

weintrinkenden Gästen umsah und entsetzt den Kuchen beroch. »Petroleum?

. . . Ja, was wär denn das.«

»Versuchen Sie ihn nur selber.«

»Wo schmeckt denn der Käsekuchen nach Petroleum«, sagte Herr Schlauch

erstaunt, weiter mit der Zunge prüfend.

»Tatsächlich, er schmeckt danach, das merkt man doch gleich!« sagte der

bleiche Kapitän überzeugend und verzog das Gesicht. »Wahrscheinlich ist

die Petroleumkanne daneben gestanden.«

»Wa wa wa wa wa!« schrie der Bäcker aufgeregt. »Das gibt's nit!« Und

schob die angebissenen Stücke auf dem Tische herum.

»Also wenn ich Ihnen sag, er schmeckt nach Petroleum . . . Sie müssen

uns neuen Kuchen geben. Wir ham doch bezahlt . . . Schneiden Sie halt

einmal den andern Platz an.«

Zitternd reichte der Bäcker noch einmal sieben Stücke zum Fensterchen

hinaus.

Oldshatterhand ließ sich wieder Zucker nachstreuen. Die Räuber bissen in

den Kuchen . . . »Wahrhaftig! der schmeckt auch nach Petroleum«, sagte

der Schreiber nach einer Weile.

Der Bäcker wurde dunkelrot.

»Ich schmeck nix«, sagte der König der Luft mit vollem Munde und

schluckte hastig.

»Du bist halt ein Rindvieh«, flüsterte der Schreiber . . . »Also, Herr

Schlauch, das gibt's doch nit, daß Käsekuchen nach Petroleum schmecken

darf . . . da müssen Sie uns doch recht geben.«

Sie reichten auch diese halbgegessenen Stücke zum Fenster hinein. Der

Bäcker beroch sie, legte sie hier- und dorthin, türmte sie aufeinander

und sagte endlich zu seiner Frau: »Da, versuch du einmal den Kuchen.«

»Jag die Lausbube weg . . . Der Kuchen schmeckt doch nit nach

Petroleum.«

Der Bäcker knallte das Verkaufsfensterchen zu.

»Machen Sie auf!« Der Schreiber schlug an die Scheibe . . . »Da gehn wir

ganz einfach in den Laden.«

»Ich nit. Mein Vater sitzt drin«, sagte Oldshatterhand bedauernd und

verschwand.

Die Räuber schoben sich drängend durch die Tür, in den Laden hinein.

»Wir wollen ja auch nicht so sein, aber wenn man doch bezahlt«, begann

der Schreiber. »Jesus, wenn sowas bekannt wird!«

Die Wirtin hatte den Atem verloren, blickte, unnatürlich reglos, das

dichte Räubergrüppchen an, während ihr Mann sich zum Regal umwandte, die

Ränder der unangeschnittenen, großen Kuchen ratlos beroch und dabei

heimlich seine still genießenden Gäste beobachtete.

»Heiliger Gott, wenn das die Leut erfahre täten«, sagte der Schreiber

sehr laut in die Richtung, wo die Gäste saßen.

Der bleiche Kapitän drängte sich vor. »Genau betrachtet, müssen Sie uns

unser Geld zurückgeben, natürlich.«

Und während Wirtin und Wirt erlöst und eilig nach der Kasse griffen,

verglich der Kapitän: »Wenn mei Mutter in ihrer Wirtschaft stinkenden

Schwartenmagen verkauft, muß sie'n a zurücknehm. So was ist doch ganz

klar. Ich versteh Sie wirklich nit.«

»Also und, also da hinten hockt er«, flüsterte plötzlich der König der

Luft, der Herrn Lehrer Mager entdeckt hatte. »Also und, ich geh.«

Winnetou war mit Oldshatterhand gegangen.

Vor einigen Wochen hatte Oldshatterhand einen Zwetschgenkern in die Erde

gelegt, auf daß ein Bäumchen daraus werde. Er und Winnetou mußten lange

suchen, bis sie die Stelle wiederfanden. Endlich sah Oldshatterhand ein

streichholzgroßes, zartes Stengelchen, an dem drei herzförmige Blättchen

waren, und rief: »Das ist mein junger Zwetschgenbaum!«

Sie knieten nieder. Um sie herum lagen zerbrochene Töpfe, zerknüllte,

nicht mehr brauchbare Blecheimer, Flaschen, Gipsbrocken, stinkende

Gemüseabfälle. Es war der Schuttablagerungsplatz vor der Stadt.

Oldshatterhands Lieblingsaufenthalt. Ein mit grünem Schlamm überzogenes

Altwasser, in dem es Feuersalamander gab, war auch da, von

Haselnußsträuchern umstanden.

Oldshatterhand drückte das Stengelchen mit dem Zeigefinger vorsichtig

zur Seite und ließ es zurückschnellen. »Es hat schon ziemlich viel

Kraft.«

Sie setzten sich, die Beine auseinandergespreizt und die Fußsohlen

gegeneinander gestemmt, so daß das Stengelchen in der Mitte war.

»Wie lange braucht's, bis was dranhängt«, sagte Winnetou bedauernd und

drückte das Stengelchen auch zur Seite.

Oldshatterhand sah es schon als Baum: »Alles, was er trägt, gehört mir

und dir. Er wächst schnell, hier ist der Boden gut.«

»Es braucht auch viel Sonne und Regen.«

Oldshatterhand sah zum bewölkten Himmel empor und wieder auf das

Stengelchen; er empfand einen Druck über dem Herzen, weil er so klein

bei dem kleinen Pflänzchen saß und die Zeit ihm unüberwindbar schien;

seine Sehnsucht machte einen Sprung, und er sagte: »Wenn ich dann einmal

zurückkehre, als . . . wenn ich dann einmal als ein Fremder zurückkehre

. . . in einem Gummimantel, dann ist es schon ein großer Baum geworden,

der gestützt werden muß.«

»Wir könnten's eigentlich jetzt schon stützen, meinst nit?« fragte

Winnetou und nahm ein Streichholz aus der Schachtel. Sie steckten das

Streichholz zum Stengelchen in die Erde und banden es daran fest. Aber

der Druck wich nicht aus Oldshatterhands Brust. Auch Winnetou sah

nachdenklich drein. Beide dachten jetzt nicht an das Pflänzchen, sondern

in die Zukunft. Das Pflänzchen blieb klein zurück.

Winnetou riß sich zuerst los und sah wieder auf das Pflänzchen. »Wollen

wir? . . . Was meinst du? . . . Das düngt«, sagte er und war auf einmal

fröhlich. Oldshatterhand sah Winnetou erst entsetzt an.

»Wirklich, das düngt«, beschwichtigte Winnetou.

»Du glaubst, man kann das tun? . . . Schaden kann's ihm eigentlich nit«,

sagte Oldshatterhand gedankenvoll, und ein Lächeln entstand in seinem

Gesicht.

Sie standen auf. Die zwei Strahlen kreuzten sich; sie traten zurück, und

die Strahlen trafen das erzitternde Pflänzchen.

Dann gingen sie zur Salamanderpfütze. Darauf schwamm ein breites,

verfaulendes Brett. Andere Holzstücke benützten sie zum Abstoßen und

fuhren mit dem Brett auf dem Wasser herum, bis die Nacht hereinbrach,

worauf sie erhitzt nach Hause eilten.

Die Räuberbande · 第 6 / 26 题