[B] Die Balsa ist ein vollkommen korkähnliches, außerordentlich
leichtes weißes Holz -- nicht wie der Kork nur die Rinde des Baumes. Der
Balsabaum wächst oft zu zwei- und dritthalb Schuh Stärke und eignet
sich, seiner fabelhaften Leichtigkeit wegen, ganz vorzüglich zum
Wassertransport. Er hat nicht viel mehr Gewicht, als das Mark unseres
Ahorns, ist aber fester.
[C] Trocha ein Pfad, nicht mit geebnetem Weg, sondern nur eine
Bahn durch den Wald -- durch angekerbte Stämme bezeichnet.
Fünftes Capitel.
Die Indianerin.
Was jetzt thun? In ihrer Verzweiflung lief Eva zurück zur Señora
Bastiano, aber die alte Dame war schon, mit ihrer unteren Toilette
wieder in Ordnung, auf einer ihrer Staatsvisiten begriffen, die hier
natürlich den Weißen -- als geborenen Honoratioren, zuerst galten. Sie
besuchte gerade einen Ecuadorianer, den sie aber just bei einer etwas
wunderlichen Beschäftigung traf. Er stand nämlich unten in seinem Hof
und hatte einen alten Topf auf dem Feuer stehen, in dem er bemüht
schien, eine Hand voll rostiger Nägel, ein zerbrochenes Harpuneneisen
und ein paar ausgediente Vorhängeschlösser abzukochen.
»Ave Maria!« sagte die Señora, indem sie vor Erstaunen die Hände
zusammen schlug, »das alte Eisen wollen Sie doch nicht weich kochen,
Señor?«
»Ah Señora Bastiano -- auch einmal in San Lorenzo?« lachte der Mann. --
»Sie kommen gerade recht zum Mittagsessen -- haben Sie aber keine
Furcht, meine Frau wird Ihnen schon etwas Besseres zubereiten. -- Ich
koche hier eben nur schwarze Dinte.«
»Aus alten Vorlegeschlössern?«
»Aus altem Eisen und grünen Cocosnußschalen -- man muß sich zu helfen
wissen, Señora, wenn man so weit von einer Stadt abwohnt. Aber wollen
Sie nicht hinaufgehen? Manuelita wird sich unendlich freuen, Sie zu
begrüßen. Ich komme auch gleich nach.«
Die Señora folgte würdevoll der Einladung, und als Eva den Platz
erreichte, war es unmöglich, jetzt ein Anliegen bei ihr vorzubringen.
Sie wäre in diesem Augenblick mit Entrüstung über eine solche
Unschicklichkeit abgewiesen worden.
Dicht daneben wohnte eine alte Indianerin mit ihrer Tochter. Wie Eva mit
niedergeschlagenen und thränenden Augen auf der Straße stand, rief die
Alte gutmüthig von oben herunter:
»Was hast Du, Kind? -- weshalb weinst Du? komm herauf.«
Draußen in der Bai lag ein Schiff, dasselbe, das die neuen Einwanderer
hierher gebracht. Ein paar betrunkene Matrosen kamen lachend und
schreiend die Straße herab, und aus Furcht, von ihnen gesehen zu werden,
folgte das arme Mädchen der Einladung.
Dort mußte sie jetzt erzählen, was sie hierher geführt, und weshalb sie
so traurig sei, und die Alte schüttelte dabei den Kopf und sagte:
»Die Fremden sind schlimm, aber die eigenen Landeskinder sind noch viel
schlimmer, wo sie einen von uns, sei es nun ein schwarzer oder ein
brauner Mensch, unterdrücken können. Daß ihre Haut von der Sonne
_=gebleicht=_ ist, während die unsere davon gebrannt wurde -- ist's
_=unsere=_ Schuld? aber verachten thun sie uns doch, wo wir ihnen in den
Weg treten, und prahlen thun sie auch, daß Gott der Herr _=uns=_ nur
erschaffen habe, um für _=sie=_ zu arbeiten.«
»Aber wie kann ich den armen Menschen jetzt befreien?« bat Eva, die nur
dem _=einen=_ Gedanken folgen mochte.
»Ja mein Herz,« sagte die Alte kopfschüttelnd, »was willst _=Du=_ da
machen? Wäre es hier im Orte, so könnten Dir die Fremden vielleicht
dabei helfen, die bringen Manches fertig, was Unsereiner für unmöglich
gehalten hätte. Aber während Du hier herumläufst und Deine Zeit
verlierst, marschirt der Weiße ruhig seine Bahn fort, und kommt er dann
nachher, wo die Trocha ausläuft, oben an den Bogota, so ist er mit einem
der dort immer vorbeifahrenden Canoes fort, und wer soll Dir sagen, ob
er stromauf oder stromab gegangen.«
»Und mündet der Pfad an keinem Haus aus?«
»Segne Dich Gott, Kind, nein. Blanker, wilder Wald ist's, durch den er
läuft, voll von wilden Schweinen und Schlangen und Tigern, so daß sich
keiner von unseren besten Männern _=allein=_ hinein getraut. Es gehen
immer nur wenigstens zwei mitsammen hinein, damit sie Hülfe haben, wenn
Einem ein Unglück zustößt.«
Eva hatte mit ängstlich klopfendem Herzen der Beschreibung gelauscht,
aber vor ihrer Seele stand nur das Bild des Geliebten, der, selbst
während sie hier zauderte, weiter und weiter in eben jenen furchtbaren
Wald hineingetrieben wurde, während sie ja die Mittel in Händen hielt,
ihn der Freiheit, dem Leben wiederzugeben.
»Und kann ich den Weg finden?« sagte sie endlich, und ihr Auge glühte
dabei von einem wilden, fast unheimlichen Feuer -- »ich fürchte mich
nicht vor dem Walde, ich bin ja darin aufgewachsen.«
»Die Trocha, Schatz?« sagte die Alte -- »und wer wird mit Dir gehen?«
»Ich habe Niemand,« seufzte das arme Mädchen, »aber Gott ist mit mir.«
Die Alte schüttelte den Kopf.
»Das ist Wahnsinn,« brummte sie. »Wenn Du auch der Trocha folgen
könntest, und wirklich von keinem Tiger unterwegs gefressen würdest, was
wolltest Du machen, wenn Dich der Weiße nachher wieder unverrichteter
Sache fortschickte -- was er jedenfalls thut. Wenn er Deinen José
hätte losgeben wollen, so würde er ihn nicht von Concepcion mit
fortgenommen haben. Wart's ab, Kind, Du bist noch jung, und es fällt Dir
schwer etwas aufzugeben, an das Du Dein Herz gesetzt hast -- mit den
Jahren lernst Du's« -- setzte sie seufzend hinzu, »und -- wirst es auch
zuletzt gewöhnt. Lieber Himmel, was wird uns hier auf der Welt _=nicht=_
genommen, das wir lieb und theuer hatten, und die Geistlichen, wenn sie
einmal zu uns kommen -- sagen dann, man müsse dem lieben Gott für
_=Alles=_ danken -- auch für Leid und Trübsal.«
»Wenn ich nur den Platz wüßte, wo die Trocha beginnt,« sagte Eva, die
keine Sylbe der letzten Rede verstanden, oder auch nur auf den Sinn
geachtet hatte.
Das junge Indianermädchen hatte daneben gestanden, und mit mitleidigen
Blicken die Fremde betrachtet.
»Ich weiß den Platz im Wald, wo die Trocha beginnt« sagte sie plötzlich
-- »ich war dort -- ich bringe Dich über den Nadadero hinüber, bis zu
der Stelle, wo die niedergebrochenen Stämme über den Sumpf führen.«
»Und was soll ihr das helfen, Muchacha,« rief die Alte, »thörichtes
Kinderzeug, das Ihr alle beide seid und glaubt, Ihr müßtet Euren Willen
haben zu jeder Zeit. Soll das tollkühne Mädchen etwa allein in die
Wildniß hineinlaufen, und elend darin zu Grunde gehn? Wer hat sie dann
auf dem Gewissen? -- Du und ich.«
»Oh fürchtet nicht für mich,« rief Eva rasch, »ich bin stärker als ihr
glaubt.«
»Was hilft Dir Deine Stärke, Kind, wenn Du Dich verirrst und in die
Sümpfe, oder gar zurück zu der Bai in die Manglaren hinein geräthst --
Perdido! es ist ein entsetzliches Wort, und ich möchte Dir nicht
wünschen, daß Du seine Schrecken erfährst. Sei vernünftig und füge
Dich.«
Eva stand zaudernd -- aber wieder tauchte des armen José Bild vor
ihr auf.
»Ich gehe,« hauchte sie -- »führe mich, gutes Mädchen -- thu' mir die
Liebe, und zeige mir den Weg. Du bist ja die Einzige, die mir helfen
will.«
»So komm,« sagte das junge Indianermädchen entschlossen. »Sie hat Recht,
Mutter; ich würde gerade so an ihrer Stelle handeln.«
»So lauft meinetwegen,« rief die Alte mürrisch. »Wer nicht hören will,
muß fühlen, ~caramba~ und ich will mit Euch beiden tollen Mädchen
Nichts weiter zu thun haben. So viel aber prophezeihe ich Dir, Negrilla
-- Dein Geld nehmen Sie Dir ab, und Deinen José führen sie trotzdem
mit fort. Ich kenne die beiden braunen Schufte, die der Ecuadorianer bei
sich hat. -- Der Eine von ihnen war es, der meines Vaters Haus bei
Esmeraldas in Brand steckte, und daß der Andere nicht in Cachavi vor
fünf Jahren gehangen wurde, verdankt er nur seiner schnellen Flucht. Es
ist böses, böses Volk, dem Du allein nachlaufen willst und -- gebe Gott,
daß Dir nichts Schlimmeres geschieht.«
»Gott wird mich schützen und die heilige Jungfrau,« sagte Eva fest --
»und Ihr, habt Dank für den guten Rath, aber wenn ich José erst
erreicht habe, fürchte ich Nichts. -- Er wird mich schon schützen, denn
sein Arm ist stark wie Eisen.«
Die Alte seufzte tief auf, aber sie sah wohl, daß sie dem fremden
Mädchen den einmal gefaßten Entschluß nicht ausreden könne.
»Halt,« sagte sie aber plötzlich -- »dort in der Calebasse ist etwas
gebackener Reis -- den nimm mit -- und da, die Bananen binde in Dein
Tuch -- Du mußt etwas auf dem Weg zum Leben haben, denn im Walde findest
Du Nichts als Negritonüsse, und weiter oben drinnen, wilde bittere
Castanien.«
»Tausend, tausend Dank.«
»Und noch eins -- dort in der Ecke steht eine alte Lanze, die mir einmal
ein Strolch von Neu-Granadienser für Branntwein in Pfand gegeben hat. Er
soll heute noch wiederkommen, und das alte Ding lehnt schon drei volle
Jahr in meinem Hause hier, und ärgert mich jedesmal, wenn ich es
ansehe. Nimm es mit.«
»Die Lanze?« lächelte Eva.
»Ja wohl, die Lanze,« sagte die Frau mürrisch. -- »Du magst sie als
Stock gebrauchen, zum Gehen -- sie ist nicht zu lang dazu, oder als
Wehr, wenn Dir etwas zustoßen sollte -- wer weiß es denn, und zu schwer
ist sie auch nicht zum Tragen. -- Und noch eins, merke Dir den Weg gut
durch den Sumpf, wenn Du allein zurückkehren solltest, daß Du den
nachher nicht verfehlst, und dann -- dann sprich wieder hier vor.«
»Wie soll ich Euch für Alles danken,« sagte das junge Mädchen
schüchtern.
»Für was, für das alte Eisen?« brummte die Frau. -- »Am allerliebsten
ließ ich Dich gar nicht gehen -- ja ich weiß schon,« setzte sie hinzu,
als Eva eine bittende Bewegung machte, »all' mein Reden hilft mir doch
Nichts -- also lauf -- und daß ~Du~ mir bald wieder zurückkommst,
Cherita -- bis zum Sumpf magst Du mitgehen, aber weiter keinen Schritt.«
»Weiter kann ich ihr ja auch Nichts helfen, Mutter,« sagte das junge
Mädchen -- »so komm, Fremde -- Du hast einen weiten Weg;« und rasch
stieg sie die Leiter hinab, während Eva noch einmal der Alten, statt
weiteren Dankes, die Hand schüttelte, und der Vorangegangenen dann
freudig folgte.
Es war ein wunderliches Paar, die beiden Mädchen. Die junge Negerin,
voll aufgeblüht, mit dem Typus der aethiopischen Ra~ç~e, aber alles
Unschöne daran gemildert, und mit dem vollen Ebenmaß ihrer Glieder,
schlank und hoch gewachsen, während die Indianerin, vielleicht kaum
sechzehn Jahre zählend, von lichtbrauner Farbe, wohl schlank, aber
kleiner und schmächtiger war als Eva. Ihre Züge trugen den vollen
Ausdruck der kaukasischen Ra~ç~e. Herrliches langes, schwarzes Haar
floß ihr um die Schultern, und die dunklen, seelenvollen Augen wurden
von den herrlichsten Wimpern beschattet. Auch ihre Hände und Füße waren
zierlich und klein geformt, aber ihr ganzer Körper schien fast zu zart
für dieses wilde Leben, und als Eva rasch und rüstig neben ihr
hinschritt, faßte sie bittend ihre Hand und sagte:
»Du darfst nicht so rasch gehen, Fremde -- mir thut es sonst hier in der
Seite weh.«
»Bist Du krank, Herz?« frug Eva freundlich.
»Nein,« lächelte das junge Mädchen wehmüthig. -- »Die Mutter behauptet
es freilich, aber nur, weil sie sich so übermäßig sorgt. Siehst Du, so
geht es ganz gut, und wir kommen doch rasch von der Stelle.«
So schritten die beiden Mädchen durch das Fischerdorf, das nur aus
einzelnen, über den Rasen zerstreuten Häusern bestand, und tauchten in
ein kleines Dickicht ein, durch welches ein sumpfiger Weg nach den
Platanaren führte. Aber was kümmerte sie der Schlamm -- beide
hochgeschürzt und mit nackten Füßen, schritten sie rasch hindurch, und
passirten jetzt die Bananenanpflanzung, in der sie eine Masse gefällter
und darin umhergeworfener Bäume überklettern mußten.
Dicht dahinter lag der Nadadero, ein kleiner, reizender Waldstrom mit
klarem Wasser, aber überall leicht zu durchwaten, und an dem anderen
Ufer desselben betraten sie den eigentlichen Wald, aber hier noch licht
und offen, aus Oelpalmen und der Palma real, Negritos und Laubwald
bestehend.
Hier zeigte ihr Cherita zuerst den Beginn der Trocha -- der sie von
jetzt zu folgen hatte, und die hier aus weiter Nichts bestand, als
einzelnen Marken an den Bäumen -- ein Stück Rinde abgeschlagen oder
einen Busch eingehauen, denn kein wirklicher Fußpfad führte hier
hindurch. Die Hauptschwierigkeit war aber, den Durchgang durch den
nächsten Sumpf zu finden, und die Indianerin hatte sich den gemerkt.
Der Platz lag auch nicht mehr weit. Kaum eine Viertelstunde mochten sie
so zurückgelegt haben, als sich das Terrain wieder senkte, und bald
führte sie ihre Begleiterin seitab von den Marken zu einer Stelle, wo
einer der mächtigen Waldriesen querüber in den Sumpf geschlagen war.
Hier blieb sie stehen.
»Dort ist Dein Pfad, Schwester,« sagte sie leise, »und mag Gott Dich
schützen, daß Du Deinen Zweck erreichst. Cherita wird für Dich beten.«
»Dank, Dank, Du herziges Kind,« sagte das junge Negermädchen gerührt,
umschlang sie mit ihren Armen und drückte einen Kuß auf ihre Lippen.
»Und werd' ich es je erfahren?«
»Ich sende Dir Botschaft -- verlass' Dich darauf.«
»Sei glücklich!« flüsterte die Indianerin noch einmal, während ein Paar
große, helle Thränen ihre Augen füllten. Dann wandte sie sich ab und
kehrte nach dem Dorf zurück, während Eva, den Lanzenschaft als Stütze
brauchend, auf den alten Baum hinübersprang, und mit flüchtigen
Schritten darauf hin eilte, ihrem Ziel entgegen.
Sechstes Capitel.
Im Walde.
Es war ein ganz eigenes, fast erdrückendes Gefühl, das Eva's Herz
erfaßte, als sie zuerst _=allein=_ in den düstern Urwald eintauchte, der
in keinem Lande der Welt mächtiger und bewältigender auftritt, als in
_=diesen=_ Sümpfen. Aber sie schaute weder rechts, noch links --
José war der einzige Gedanke, den sie kannte, und nur ihr Auge flog
forschend über die nächsten Büsche, um die angehauenen Zweige und
dadurch die einzig richtige Bahn nicht zu verfehlen.
Hier im Anfang war das freilich noch nicht möglich, denn der Zufall
hatte da, wo der abgebrochene Wipfel des einen Baumes endete, einen
anderen ihm entgegengeworfen, so daß diese beiden den schlimmsten und
tiefsten Theil des Sumpfes vollkommen überdeckten. Wo sie den Baum
verlassen mußte, sank sie nur noch auf mehrere Schritte weit bis über
die Knie in flüssigen Schlamm, und zähes, dicht verwachsenes Wurzelwerk,
das durch seine zahllosen und festen Fasern vielleicht eine Brücke über
einen unsichtbaren Abgrund bildete, denn der eingestoßene Lanzenschaft
fand _=keinen=_ Grund. Aber dicht vor ihr lag fester Boden, und dort
zeigte auch bald ein von einem Popabaum abgehauener Spahn mit der, an
dem Stamm hinuntergelaufenen dicken und süßen, aber schon gelb
gewordenen Milch deutlich und leicht erkennbar die Stellen, wo sich die
Trocha in den Wald hineinzog.
Dicht über ihr ertönte plötzlich ein gellender Schrei, und Eva schrak
empor, aber es war nur ein Affenschwarm, den ihr Erscheinen geängstigt
hatte, denn die scheuen Thiere flüchteten jetzt über die dicht in
einander gewachsenen Wipfel hin, um eine ruhigere Stelle zu suchen, als
diese, und doch lag auch hier Todesschweigen auf der Waldung. Doch das
Mädchen wendete dem plappernden, davon flüchtenden Trupp keinen Blick
zu; nur ängstlich forschte sie nach den spärlichen Zeichen, die das
Messer der Weißen hie und da an einem Busch zurückgelassen, und mit den
nackten Füßen flog sie dabei leicht hin über niedergebrochene Aeste und
weiter hin, als sie die Hügel erreichte, über rauhes Gestein.
Aber je weiter sie kam, desto deutlicher wurde auch die Trocha, die man
Anfangs, wie noch unsicher der Richtung, kaum bezeichnet hatte. Durch
das ärgste Dickicht fand sie an manchen Stellen eine ordentliche und
breite Bahn freigehauen, und brauchte jetzt wenigstens nicht mehr zu
fürchten, ihren Weg zu verlieren.
Wie still und geheimnißvoll lag aber der Wald! Wie das rauschte und
brauste! Doch Eva war in dem Walde ja daheim, und fürchtete nicht seine
Oede und Einsamkeit.
~Huhp, Huhp!~ klang von da drüben her der wie hülferufende Ton einer
ängstlichen Stimme.
»Rufe nur!« lachte das Mädchen trotzig vor sich hin, »_=mich=_ lockst Du
nicht von meinem Wege ab, falscher Verirrter!«[D] und fester packte sie
ihren Lanzenschaft und glitt die steilen, schlüpfrigen Lehmabhänge
nieder, watete durch niedere Bergwasser und klomm an feuchten Hängen
hinauf, immer und aufmerksam der angezeigten Spur folgend.
Wohl hielt sie dabei den Blick am Boden selber, denn gerade von diesem
Theil des Landes waren ihr gar schreckliche Geschichten erzählt worden,
wie er von giftigen Schlangen wimmeln sollte. Aber sie fand bald, daß es
in ihren heimischen Wäldern grade so viel, oder besser, grade so wenig
gab, als hier, denn nur selten einmal sah sie eine kleine Schlange scheu
aus der Trocha hinaus in das Dickicht schlüpfen, und wandte den Kopf
nicht einmal, um nachzusehen.
Vorwärts lag ihre Bahn, aber wie schwül es hier in dem feuchten Walde
war, in den dichten Büschen, während die niederen Negritopalmen mit
ihren wunderlich stacheligen Fruchtkugeln den Raum zwischen Unterholz
und Palmenkronen vollständig ausfüllten, und dadurch den Wald so
dichteten, daß kein Sonnenstrahl auf das dunkelgelbe nasse Laub fallen,
und es je abtrocknen konnte.
Und wie das plötzlich raschelte und wühlte, und brach um sie her.
Erschrocken hielt sie still und horchte, aber es war nur ein Rudel von
wilden Schweinen, von Seynos, von denen sie nichts zu fürchten hatte,
wenn sie nicht eines der Jungen angriff, das dann vielleicht durch sein
Quietschen die Alten zu Hülfe gerufen. Grunzend, und dann und wann
einander bei Seite stoßend, durchwühlten sie quer über die Trocha
hinüber den Grund, und Eva blieb dicht vor ihnen stehen, um sie erst
vorüber zu lassen.
Da bekam ein alter Keiler Wind von ihr, und hob sichernd den Rüssel.
»Fort mit Dir, Bursche,« rief das Mädchen, und schwenkte die Lanze, und
mit einem lauten, halb erschreckten, halb ärgerlichen Grunzen floh die
schwarze Gestalt in den dicken Busch hinein, wohin ihm das alarmirte
Rudel jetzt flüchtig folgte. Ein wahrhaft mephitischer Geruch erfüllte
aber die Luft, durch die sie davon gestürmt.
Und weiter verfolgte das junge Negermädchen ihre Bahn. Ein kleiner,
reißender Waldstrom lag quer durch ihren Pfad, aber was kümmerte sie
der, sie schwamm hindurch und nahm sich, drüben am anderen Ufer
angelangt, kaum Zeit die tropfenden dünnen Kleider nothdürftig
auszuringen. Vorwärts mußte sie; überall vor sich im Wege sah sie die
deutlichen Spuren der vorangegangenen Männer, den Eindruck von den
Stiefeln jenes Guajaquilenen, die Fährten der nackten Füße seiner drei
Begleiter, und sie wußte, daß die schmalste davon ihrem José gehörte
-- vorwärts, denn einen großen Vorsprung hatten diese, und erreichten
sie den Bogota _=vor=_ ihr, dann war auch dieser schwere Gang vergebens,
und der Geliebte vielleicht auf immer für sie verloren.
Immer wellenförmiger wurde das Terrain, und gegen Abend umwölkte sich
auch der bis jetzt lichte Himmel, und der Regen viel in Strömen herab.
Wohl passirte sie jetzt wieder eine der mit Palmzweigen gedeckten
Hütten, in denen Wanderer schon übernachtet hatten, und darunter hätte
sie im Trocknen ausruhen können. Aber was that ihr das Wasser! Durchnäßt
war sie doch schon lange, in ihrem dünnen Zeug, und in dem heißen Klima
kühlte sie das eher, als daß es ihr hinderlich gewesen wäre. Weiter
strebte sie, weiter, und als der Abend endlich zu dämmern anfing,
beflügelte sie ihre Schritte nur noch mehr, als ob sie damit der
einbrechenden Nacht hätte entfliehen können.
Umsonst; furchtbar rasch schwand die kurze Dämmerung, und als sie
trotzdem ihren Weg noch fortsetzen wollte, sah sie doch bald die
Unmöglichkeit eines solchen Wagnisses ein.
Kaum eine Viertelstunde war vergangen, seit sie oben am Himmel durch
eine gelegentliche kleine Lücke in den Baumwipfeln die Wolken sich hatte
in der Abenddämmerung röthen sehen, und wenn auch der Himmel noch licht,
wie ein zartes, helles Gewebe, durch das Baumgewölbe schimmerte, lag
doch schon tiefe, undurchdringliche Nacht auf dem Urwald drunten.
Eva sah bald die Unmöglichkeit ein, ihren Weg in dieser Finsterniß zu
verfolgen. Sie war nicht mehr im Stande die Zeichen der Trocha zu
erkennen. Nur einen riesigen Baumstamm sah sie noch durch das Dunkel
schimmern, und eilte jetzt zu dessen Wurzel, um dort und im Schutz
seiner Zweige den dämmernden Morgen zu erwarten.
Und wie das jetzt um sie her lebte und sich regte in der Wildniß, denn
mit einbrechender Nacht erwachen ja die meisten Waldbewohner erst zu
ihrer geheimnißvollen Thätigkeit. Nicht weit von ihr suchte wieder ein
Affenschwarm seinen Ruheplatz für die Nacht, und wie das da oben in den
alten Wipfeln plapperte und kreischte und zankte und grunzte! Es war ein
entsetzlicher Lärm, ehe sie alle einen bequemen Sitz gefunden hatten,
und keiner den andern mehr belästigte. Endlich wurde es still, nur ein
oder das andere kleine Aeffchen gab noch manchmal einen Schrei von sich,
dann verstummte auch das.
Jetzt hämmerte plötzlich, dicht über ihr im Baume ein Specht, der
Carpintero, wie ihn die Ecuadorianer nennen. Was suchte der noch in der
Dunkelheit? Aber er schwieg rasch, denn nebenan im Gebüsch begann »die
verlorene Seele« ihr leises, klagendes Lied, nicht unähnlich dem
Ansetzen unserer eigenen heimischen Nachtigall, aber viel stärker, viel
seelenvoller, mit einem Ton, als ob er dem furchtbarsten Gram eines
bedrückten, kummervollen Herzens Laute gäbe.
Die »verlorene Seele« nennt der Indianer diesen Vogel, und Eva traten
die Thränen in die Augen, als sie den klagenden Tönen lauschte, die
genau so klangen, als ob sie aus ihrem eigenen Herzen kämen.
Es war völlig Nacht geworden, und mächtige Leuchtkäfer schwirrten durch
die Finsterniß und zuckten, wie kleine Miniaturblitze, in gelben und
grünen Lichtern von Busch zu Busch. Und jetzt, da bellte eine Schlange,
nicht zehn Schritt von ihr entfernt, die wahrscheinlich die Nähe eines
Menschen gewittert hatte. Unwillkürlich griff das junge Mädchen nach der
am Baum lehnenden Waffe, um das ekle Geschöpf von sich abzuhalten; war
es doch auch ein unheimlicher Gast, ihm in der Finsterniß zu begegnen.
Deutlich konnte sie das Ungethüm durch das Laub schlüpfen hören, wie es
sich über die feuchten Blätter hinwegwand, aber es kam nicht näher, es
scheute die Nähe der Menschen, und nahm die Richtung seitab von dem
Baum.
Und das alte faule Holz umher fing an zu leuchten, und nahm
phantastische, abenteuerliche Formen an. Von allen Seiten schimmerte es
durch den Wald; dort hing ein altes, halbverfaultes Blatt von einer
Negritopalme nieder und zeigte in seinem Phosphorschein die
skelettgleichen Rippen der Blätter, hier glich ein heruntergebrochener,
von feuchtem Moder überzogener Ast in seinen Windungen der Form einer
glühenden Schlange.
Jetzt ein leiser, leichter Schritt durch den Wald; eine Tigerkatze
vielleicht, die auf Beute ausging, und scheu die fremde, aber auch
gefürchtete Witterung umschlich, die sie bekommen, und nun -- Eva fuhr
entsetzt von ihrem Lager empor, ein lautes Prasseln und Brechen durch
die Zweige, und gleich darauf ein schmetternder Schlag, der den Boden
selbst erbeben machte, aber _=ihr=_ drohte keine Gefahr. Nur einer der
alten Waldriesen, der vielleicht Jahrtausenden getrotzt, war
niedergebrochen, in seinem Fall das ganze, ihm im Wege stehende
Unterholz mit sich zu Boden reißend. Die Affen wurden wieder laut und
schnatterten und klagten, und die Eule antwortete mit ihrem monotonen,
hohlen Ruf dem dumpfen Fall des niedergebrochenen Baumes.
Das junge Mädchen sank wieder auf ihr Lager zwischen den alten Wurzeln
zurück, und wenn es sie auch jetzt in dem dünnen, nassen Zeug, trotz der
warmen Nacht, anfing zu frösteln, drückte sie sich doch in Moos und
Blätter hinein, und war bald sanft und süß eingeschlafen.
* * * * *
Kaum eine Legua von ihr in der Trocha, an einer der schon früher
errichteten und mit Palmenblättern gedeckten Ranchos hielt an dem
nämlichen Abend Señor Cerro, um dort zu übernachten, und warf sich, als
er die Stelle erreichte, todesmüde unter einen Baum, daß seine Leute
indessen den Schlafplatz wieder herstellen konnten.
Ein ziemlich starker Baumast war nämlich in der Zeit, in der er nicht
gebraucht worden, auf den Rancho gestürzt, und hatte ein Paar von den
Stangen zerbrochen und einige Blätter geschädigt. Außerdem mußte auch
das alte Laub, was zur Lagerstatt gedient hatte, hinaus- und
fortgeschafft werden, ehe sich der Weiße hineinwagte, denn wer wußte, ob
es nicht Schlangen, Centipeden, und welches andere Ungeziefer noch
beherbergte.
Señor Cerro war gerade nicht bei guter Laune. Er hatte unterwegs einen
Affen zu ihrem Abendbrod schießen wollen, dem flüchtenden Trupp aber
nicht so rasch nachkommen können, und wie er ihnen im Dickicht den Weg
abzuschneiden suchte, war er mit dem Gewehr gestürzt, daß an diesem der
Schaft abbrach.
Einer der Mulatten versuchte zwar, ihn mit Bast wieder
zusammenzuschnüren, aber es ging nicht, er bekam keinen Halt, und
mißmuthig ließ der Ecuadorianer endlich die doch jetzt nutzlose Waffe zu
dem übrigen Gepäck in einen der Körbe legen.
Seine drei Diener gingen indessen rüstig daran, das Lager wieder in
Ordnung zu bringen, und der Eine von ihnen nahm die Axt und fällte ein
paar junge, gut bewipfelte Palmen, während der Andere mit seiner
Macheta die einzelnen langen Blätter abhieb.
José, der arme Bursche und Leibeigene seines strengen, mürrischen Herrn,
faßte dann das Mittelblatt an der Spitze, riß es von einander und trat
zwischen die Hälften, bis er das Hauptblatt dadurch in zwei völlig
gleiche Theile schied, die dann sowohl dazu dienten, das Dach des
Ranchos wieder auszubessern, als auch zu Schlafmatten verwandt werden
konnten. Diese wurden zum Rancho geschleppt und sorgfältig ausgebreitet,
und in kaum einer halben Stunde war die Wohnung für diese Nacht wieder
völlig regendicht und mit einer neuen Matratze versehen auf's Neue
hergestellt.
Der älteste Mulatte hatte indessen noch eine andere stärkere Palme
umgehauen, deren Wipfel er von einander hieb, um zu dem Herz oder Kern
zu gelangen, denn diese Stelle enthielt ein schneeweißes, vortreffliches
Mark, das ausgezeichnet schmeckte und recht gut als Gemüse dienen
konnte.
José packte indessen aus dem Provisionskorb den er unterwegs zu tragen
hatte, die für den Herrn mitgenommenen Lebensmittel, scharf geröstetes
Schweinefleisch und in Fett hart gebratene Bananenscheiben, sowie einige
getrocknete Fische aus, und stellte den eisernen Topf zum Feuer, um die
Chokolade darin zu kochen.
Es war aber plötzlich vollständig dunkel geworden, und der Ecuadorianer
hatte sich auf die am besten ausgepolsterte Seite des Rancho geworfen
und suchte die Beendigung der Mahlzeit durch Flüche und Verwünschungen
zu beeilen. Um die Langeweile indeß zu tödten, fing er die einzelnen
großen Leuchtkäfer, die von dem Feuerschein herbeigelockt, herüber und
hinüber durch den Rancho schwirrten, drückte ihnen die Flügeldecken
auseinander, daß der darunter leuchtende hellgelbe Punkt deutlich zum
Vorschein kam, und mit den beiden grün schimmernden Kugeln, welche die
schönen Thiere am Kopf trugen, wie Edelsteine erglänzten. Dann band er
sie neben einander an eine der Querstangen des Rancho, so daß sie
ordentlich Licht darin verbreiteten, und ließ die armen Thiere dort in
all ihrer Pracht sich abzappeln und quälen, bis mit ihrem Tod auch der
Feuerschein erlosch.
Aber selbst dieses Licht genügte ihm nicht, seine endlich fertige
Mahlzeit dabei zu verzehren, denn während er aß und die beiden Mulatten
ihre eigenen Vorräthe heraussuchten, mußte José eine kleine Fackel von
zusammengeknetetem Gummi elasticum halten, die ein zwar dunkelrothes
aber doch vollkommen helles Licht verbreitete, und -- als der Herr
endlich abgespeist, wieder ausgelöscht und in ein Blatt gewickelt wurde,
um bis zum nächsten Abend aufgespart zu werden.
Die Diener mochten ihre Mahlzeit beim Schein des Feuers verzehren, oder
im Dunklen, wie sie wollten.
Seine Decken waren indessen für den Herrn ebenfalls ausgebreitet worden,
und eine zum Daraufliegen, die andere zum Hineinhüllen benutzend, war er
bald sanft und fest eingeschlafen.
Am nächsten Morgen dämmerte kaum der Tag, als José schon wieder emsig
beschäftigt war, das Feuer frisch anzufachen, das ein gegen Morgen
gefallener Regenguß völlig ausgelöscht hatte. Er trug zu dem Zweck die
trockenen Hülsen einer reifen Cocosnuß bei sich, die wie Zunder fangen
und die Gluth bis zur letzten Faser hartnäckig halten. Es war übrigens
kein leichtes Stück Arbeit, in diesem nassen Walde, wo Alles bis in das
Mark hinein von Feuchtigkeit durchdrungen ist, ein helles Feuer
anzufachen, und er gebrauchte eine lange Zeit dazu. Indessen der Herr
schlief ja noch, und endlich hatte er es so weit, um den Chokoladentopf
wieder an die Gluth setzen zu können. Die Sonne war aber schon lange
über den Horizont herauf, als er damit zu Stande kam, und da sich die
beiden Mulatten ebenfalls nicht sonderlich beeilten, ihre Morgenruhe zu
unterbrechen, war es fast acht Uhr geworden, ehe sie wieder an den
Aufbruch denken konnten.
Aber ihr Ziel lag nicht mehr weit. Kaum eine halbe Stunde bequemen
Marsches brachte sie an das Ufer des breiten Bogota, und sie fanden hier
schon, nachdem sie zuerst ein häßliches Bambusdickicht passirt waren,
einen ziemlich großen und freien Platz ausgehauen, der selbst vom Fluß
aus deutlich sichtbar war, und die Stelle künden sollte, an welcher die
Trocha ausmündete.
Aeußerst vorsichtig schritten aber die Diener über jene Stelle, welche
durch den Bambus ausgehauen war, denn den zwar kleinen, aber furchtbar
harten und scharfen Dornen, welche an dessen Auszweigungen sitzen, und
mit denen der Boden hier bestreut war, boten selbst ihre harten, aber
nackten Sohlen nicht hinlänglich Widerstand. Den Lagerplatz dagegen
hatten die früher hier Gewesenen vollständig abgeräumt, und es war dort
sogar ein großer Rancho gebaut, um unmittelbar am Ufer übernachten zu
können.
Schon von Weitem konnten die Wanderer die breite und offene Lichtung im
Walde und damit das erste Ziel ihres beschwerlichen Marsches erkennen,
denn dort auf dem Strome lag der _=Sonnenstrahl=_, der nie in diese
dichten Wälder drang, und es war ein ganz eigenthümlich wohlthuendes
Gefühl, mit dem sie den offenen, freien Platz betraten.
Der Guajaquilene schien sich aber am wenigsten diesem Genuß hinzugeben,
denn so bequem er bis jetzt seinen Weg verfolgt hatte, so rasch sprang
er nun an das Ufer und schien dort ein Canoe zu suchen, das, wie man ihm
am Pailon gesagt, dort angebunden liegen sollte. Aber nirgends war ein
dem ähnliches Fahrzeug zu erblicken, und gerade dort, wo die Trocha am
Ufer des Bogota ausmündete, lag weder an dieser, noch an der anderen
Seite ein besiedelter und dann auch bewohnter Platz. Wald, dichter,
undurchdringlicher Wald deckte beide Ufer, und noch viel dichter in der
unmittelbaren Nähe des Wassers, als weiter zurück, denn hier war er noch
mit Bambus und Schling- und Schmarozerpflanzen verwachsen.
»Caracho,« murmelte Señor Cerro leise zwischen den Zähnen durch, indem
er den Fuß unwillig auf den Boden stampfte, »ob man sich auch noch auf
einen Menschen in der Welt verlassen kann.«
»Kein Boot da, Señor?« frug der eine Mulatte, »nun wartet nur ein klein
Weilchen, den Bogota fahren immer Canoes hinunter und hinauf.«
»Aber ich will weder hinunter noch hinauf.«
»Weiß schon, Señor,« grinste der Mulatte, »aber wenn wir erst Hand auf
Bug haben, fährt es uns hin, wohin wir wollen, auch gerad' über den
Strom.«
»Und glaubt Ihr gewiß, daß Ihr den Weg nach Alto Tambo finden könnt?«
»Sicher wie was,« nickte der Gelbe, »Señor hat doch das kleine gelbe
Messingding?«
»Den Compaß? Ja!«
»Schön -- der zeigt genau die Richtung an, und wenn wir fortgehen, wie
die Trocha läuft, immer gerade aus, so treffen wir auf ~Camino real~,
können ihn gar nicht verfehlen; läuft gerade quer durch von Cachavi nach
Malbucho hin.«
»So wollen Sie nicht zurück nach Concepcion, oder hinauf nach Cachavi,
Señor?« frug José erschreckt.
»Du, mein Bursche,« sagte der Mulatte tückisch, »gehst hin, wohin man
Dich schickt, und wenn Dein Herr weder Lust nach Concepcion noch Cachavi
hat, so schleppst Du Deinen Bambuskorb eben durch den Wald. Was kann's
Dich kümmern.«
»Und ist der Wald nicht zu dicht?« fragte noch einmal der Ecuadorianer,
ohne von des Negerburschen Frage die geringste Notiz zu nehmen.
»~Si, un poco!~« lachte der Andere, »aber wir kommen schon durch. Nero
geht mit der Macheta vorweg und Señor hinterher, und sagen nur immer
nach dem Compaß, rechts oder links, oder gerad aus -- dauert zwei Tage,
sind wir im Weg.«
»Und Lebensmittel?«
»Bah, Menge von Palmen und wildem Honig und Kastanien. Kommen schon
durch -- besser wie durch Cachavi.«
»Ich weiß nicht -- ich wäre doch lieber erst nach Cachavi gefahren, um
dort frische Lebensmittel einzunehmen.«
»Da geht Nero aber nicht mit,« sagte der erste Mulatte trocken.
»Caramba,« rief der Ecuadorianer, »glaubst Du, es würde Einer der
schwarzen Schufte dort wagen dürfen, Hand an Dich zu legen, so lange Du
in _=meinen=_ Diensten stehst? Den wollte ich sehen.«
»~Quien sabe~,« brummte der Mulatte achselzuckend -- »besser ist
besser, und wir sparen dabei noch außerdem eine lange Strecke Weg.«
»Wenn nur mein Gewehr nicht zerbrochen wäre.«
»Machen wir wieder,« lachte der Mulatte -- »gar nicht weit von hier am
Fluß -- glaube ein Stückchen weiter oben, wohnt ein Schmied, der legt
ein Blech darum. Der hat auch großen Platanar, nehmen wir Lebensmittel
und gehen dann gerad' durch, durch den Wald.«
»Wenn nur erst ein Canoe käme.«
»Hallo, was ist das?« rief der Mulatte rasch, und drehte den Kopf der
Richtung zu, von der sie eben hergekommen -- »dort geht ein Mensch.«
»Ein Mensch?« rief der Ecuadorianer emporfahrend, denn allerdings war es
etwas Außerordentliches, in _=dieser=_ Wildniß noch ein lebendes Wesen
zu finden -- »Caramba -- ein Mädchen?« fuhr er aber noch überraschter
fort, als im nächsten Augenblick Eva aus den Büschen trat. Aber diese
achtete weder auf ihn noch einen der beiden Mulatten; nur José hatte ihr
fernsehender Blick gesucht, nur auf diesen sprang sie zu, und seine Hand
ergreifend rief sie freudig aus:
»Gott sei Dank, José! Gott sei Dank, so war mein langer einsamer Weg
doch nicht umsonst, und ich bin noch zur rechten Zeit gekommen.«
»Meine Eva!« rief der junge Bursch bewegt -- »aber wie um Gottes Willen
kommst Du in diese Wildniß -- Von Concepcion in einem Canoe?«
»Hat das Mädchen ein Canoe bei sich?« frug der Ecuadorianer rasch und
erfreut.
»Nein, Señor,« sagte die junge Negerin, langsam dabei den Kopf
schüttelnd -- »derselben Trocha bin ich gefolgt wie Sie --«
»Allein?« rief Nero erstaunt.
»Wie ich hier stehe.«
»Mein armes, armes Mädchen,« sagte José gerührt, »aber hier sind wir am
Bogota-Fluß, und das nächste Canoe kann und wird Dich wieder zwischen
die Ansiedlungen bringen. Wenn Dich nun eine Schlange gebissen, oder ein
wildes Thier gefaßt hätte.«
»Die Thiere des Waldes sind barmherziger als die Menschen,« sagte das
Mädchen leise.
»Und wo willst Du hin, Muchacha?« frug sie der Ecuadorianer, indem sein
Blick die tadellosen Formen des Mädchens überflog -- »Du kannst bei uns
bleiben, wenn Du Lust hast -- es soll Dein Schade nicht sein.«
»Ich wollte zu Euch, Señor?«
»Zu mir? Caramba!« lachte der Ecuadorianer vergnügt auf, »das trifft
sich ja herrlich, denn in dem vermaledeiten Wald ist das Leben
langweilig und öde genug.«
»Zu Euch -- José's -- Eures Dieners wegen,« fuhr aber die junge Negerin
fort, ohne den Doppelsinn der Worte zu verstehen oder zu beachten.
»_=José's=_ wegen? In der That, und was hast _=Du=_ mit _=dem=_ zu thun,
wenn man fragen darf?«
Eva antwortete nicht gleich. Sie knüpfte von ihrem Gürtel das kleine
Säckchen mit Silber los, das sie sorgfältig da vorne verwahrt hatte, und
es dann in der Hand dem weißen Mann entgegenhaltend, sagte sie bittend:
»Nehmt das, Señor, ich bin einen weiten, mühsamen Weg gekommen, um es
Euch zu bringen, und ich habe lange, sehr lange hart arbeiten müssen,
bis ich so viel zusammenbringen konnte, aber es ist mit Freuden
geschehen, wenn ich mir damit José's Freiheit erkaufen kann. Nehmt, es
ist mehr, wie sein jährlicher Lohn beträgt; es sind sechsundvierzig
Dollars, und laßt uns dann mitsammen in die Heimath ziehen.«
»Eva, mein braves, wackeres Mädchen!« rief José.
Der Ecuadorianer aber, während des armen Kindes Blicke in Angst und
Hoffnung an ihm hingen, nahm lächelnd das Geld und wog es in der Hand.
»Also das ist Dein Schatz,« sagte er höhnisch, »und nur seinet-, nicht
_=meinet=_wegen bist Du hier in den Wald gekommen?«
Des Mädchens Blick hing zitternd an den kalten, spöttischen Zügen des
Weißen.
»Und gebt Ihr ihn jetzt frei?«
»Frei?« lachte dieser, »wenn das Alles wäre, was er mir schuldete! Aber
glaubst Du denn, Du albernes Ding, daß ich ihn die zwei Jahre nur
_=dafür=_ genährt und gekleidet und mit ~agua ardiente~ versorgt habe?
Hundertundzwanzig Dollars ist er mir schuldig, und wenn die entrichtet
werden --«
»Hundertundzwanzig, Señor,« rief da José erschreckt, »und wofür _=die=_
Summe? Für die baumwollene Hose und Jacke, und den alten Hut?«
»Halte Dein Maul, Bursche, bis Du gefragt wirst,« unterbrach ihn finster
der Weiße, »in meinem Buch ist Alles eingetragen, und wenn Du einmal
Deine Schulden abverdient hast, kannst Du meinethalben Deiner Wege
gehen, ich will froh sein, wenn ich mich nicht mehr mit Dir zu plagen
brauche.«
»Aber Señor,« -- bat das Mädchen.
»Das Geld hier werd' ich ihm aber zu Gute schreiben,« lächelte der
Ecuadorianer tückisch. »Sind es wirklich sechsundvierzig Dollars, denn
jetzt habe ich keine Lust sie nachzuzählen, so bleibt er dann nur noch
mit 74 in meiner Schuld, und wenn er fleißig ist, und Du ihm dabei
hilfst, so kann er immer in Jahr und Tag frei kommen,« und er schob den
Beutel dabei in seine Brusttasche.
»Aber jetzt -- _=jetzt=_ soll er _=nicht=_ mit mir gehen?« bat das
Mädchen in Todesangst: »Oh, treibt nicht Euren Scherz mit uns, Señor,
wir sind arm und unglücklich genug in der Welt, und haben Nichts, Nichts
weiter als einander. Seid barmherzig!«
»Laß mich zufrieden mit Deinen Quängeleien,« unterbrach sie der
Ecuadorianer ungeduldig. »Du hast es jetzt gehört -- genug damit. Wir
haben noch einen weiten Weg vor uns, und da kann ich den Diener, wenn
ich ihn gerade am Nöthigsten brauche, nicht fortschicken. -- Alle
Wetter, Burschen, kommt da nicht ein Canoe?«
»Von unten herauf, Señor,« grinste Nero, »eben biegt es um die
Landspitze -- gerade zur rechten Zeit, um uns hier fortzubringen. Wohin
_=wir=_ gehen, folgt uns das alberne Ding doch nicht.«
»Señor,« sagte José, der mit fest zusammengebissenen Zähnen dem
Urteilsspruch des Weißen gelauscht hatte -- »wenn Ihr mich nicht wollt
frei lassen -- wenn ich noch fort muß in den Wald mit Euch, und die
Gesetze Euch darin beschützen, dann gebt dem armen Kinde auch das Geld
wieder -- dann will ich selber abverdienen, was ich Euch schulde.«
»_=Du=_ sprichst, wenn Du gefragt wirst, mein Junge,« lachte der
Ecuadorianer, »denn ich weiß selber gut genug, was ich zu thun habe.
Und jetzt pack' Deinen Korb auf, trag' ihn zum Ufer hinab, und ruf' das
Canoe heran, daß wir weiter kommen.«
»Nicht einen Schritt, bis Ihr Eva das Geld zurückgegeben habt,« rief
José, und sein Auge leuchtete von einem unheimlichen Feuer. -- »Ich
weiß, daß Ihr unter Euren Gesetzen mit uns Negern noch schalten wollt,
wie es Euch gefällt, aber beim ewigen Gott --«
»Rebellion?« zischte der Weiße zwischen den zusammengebissenen Zähnen
durch -- »aber dafür giebt's ein Mittel, Nero, wenn sich der Hund
widersetzt, klopfe ihn einmal mit Deiner Macheta auf den Schädel.«
»Den wollen wir schon kriegen,« lachte der riesige Mulatte, indem er die
Macheta ergriff -- »fort mit Dir, Caracho!« rief er dabei, indem er den
Neger mit der Faust in den Nacken griff, und ihn vorwärts stoßen wollte
-- »hinunter die Bank da, oder ich _=mache=_ Dir Beine.«
José hatte sich, der rohen Uebermacht gegenüber, bis jetzt so schwach
und willenlos gezeigt, daß die beiden Mulatten ihn schon auf dem ganzen
Weg zur Zielscheibe ihres Spottes gemacht. Was er aber auch ertragen und
geduldet, so lange er sich allein und hülfslos wußte, und vielleicht
selber dabei fühlte, wie große Schuld er an seiner eigenen Knechtschaft
trage, jetzt in Eva's Gegenwart kochte sein Blut auf, und jäh
emporfahrend stieß er den Mulatten vor die Brust, daß dieser
zurücktaumelte, in einer Wurzel hängen blieb und mit schwerem Schlag,
der Länge nach, zu Boden stürzte.
»Caracho,« rief der andere Mulatte, und sprang dem Neger nach der Kehle,
und dieser konnte sich seines Gegners kaum erwehren, als Nero mit einem
wahren Wuthgeheul vom Boden emporschnellte.
»Negerbestie,« schrie er dabei, und mit der schweren und scharfen
Macheta ausholend, sprang er von hinten auf José zu.
»Mörder!« kreischte da Eva, die in zitternder Todesangst Zeuge des
beginnenden und so ungleichen Kampfes gewesen. Sie wußte dabei kaum, was
sie that, aber die Lanze, die sie noch immer hielt, mit beiden Händen
fassend, rannte sie die Spitze derselben dem Mulatten, gerade als er den
Stich gegen José führen wollte, in die Achselhöhle hinein, daß er mit
einem gellenden Aufschrei zusammen brach.
Mit einem gotteslästerlichen Fluch riß in diesem Augenblick der
Ecuadorianer einen Revolver aus seiner Tasche und drückte ihn drei vier
Mal auf das Mädchen ab; aber Du lieber Gott, er trug die Waffe schon
wochenlang in der Tasche, und in diesem ewigen Regen, und
ununterbrochenen feuchten Dünsten, die dem Boden entsteigen, versagt ja
schon nach zwölf Stunden jedes frisch geladene Gewehr, und machtlos
schlug der Hahn auf die Hütchen nieder.
Aber jetzt war auch José's Blut in Wallung gerathen, und die Macheta
aufgreifend, die der Hand des zusammenbrechenden Mulatten entfallen war,
warf er sich in blinder Wuth auf seinen bisherigen Herrn, der es
indessen nicht für gerathen fand, den Angriff abzuwarten. Auch der
Mulatte hatte mit Entsetzen seinen Kameraden stürzen sehen, und Beide --
er wie der Weiße, stoben vor den gegen sie gehobenen Waffen des zur
Verzweiflung getriebenen Negerpaars in die nächsten Büsche hinein, und
aus Sicht.
José wäre nun am liebsten dem Weißen gefolgt, und dessen Leben war dann
verloren, aber Eva ergriff seinen Arm, und in der Angst, daß noch irgend
ein unglücklicher Zufall ihre Flucht hemmen könne, rief sie bittend:
»Komm José -- o komm -- da naht das Canoe -- es führt uns der Heimath
entgegen --«
»Er wird uns verfolgen und anklagen.«
»Lass' ihn -- dann flüchten wir in den Wald hinein, und die Wildniß sei
unsre Heimath, wohin sie nicht wagen dürfen, uns zu folgen -- Komm José
-- es ist Blut genug geflossen,« setzte sie schaudernd hinzu, »oh
vermehre nicht die Schrecken dieser Stunde -- aber ich konnte nicht
anders.«
»Du rettest mein Leben!« rief José.
»Fort von hier -- ich sterbe selber, wenn ich das Blut noch länger sehen
muß, das _=ich=_ vergoß« -- und schaudernd vor dem Entsetzlichen, sprang
sie die steile Uferbank hinab.
Es war ein einzelner Neger, der hier in seinem Canoe vorüberruderte, und
von Concepcion kommend, wollte er nach Hause -- nach Cachavi
zurückkehren. Er lenkte den Bug seines Fahrzeugs rasch dem Lande zu, als
er das Mädchen am Ufer stehen und winken sah, und wenige Minuten später
hatte er Eva wie José in seinem Fahrzeug aufgenommen, das jetzt, von
sechs kräftigen Armen getrieben, die Fluth unter dem Bug aufschäumen
machte, und jede neue Gefahr hinter sich ließ.