FUSSNOTEN:

[A] Die Manglaren oder Mangrovebäume sind ein Seegewächs, denn

sie stehen nur da am Land, wo die Fluth der See ihre Wurzeln bespühlen

kann. Ihr Boden ist Schlamm und kein lebendes Wesen hält sich zwischen

ihnen auf als Krabben und Mosquitos.

Am Cachavi.

Erstes Capitel.

In Concepcion.

An dem Santiago-Flusse in Ecuador, tief im Walde drinnen, von Palmen-

und Bananenhainen umgeben, liegt das kleine Binnenstädtchen Concepcion

so malerisch und freundlich, wie sich nur etwas denken läßt.

Dicht unter demselben mündet der, kurz vorher den Cachavi aufnehmende

Bogota in den breiteren und tieferen Santiago, und vermittelt, wenn auch

nur durch Canoes, die Verbindung mit der reichsten Provinz des Innern,

mit Imbaburru und deren Hauptstadt Ibarra, während der Santiago durch

die Tola-Mündung mit dem Meer in direkter Verbindung steht und nach

Norden hinauf sogar, durch die Taja-Lagune, einen breiten und bequemen

Wasserweg nach dem Pailon und der dort neu angelegten englischen Colonie

und deren Hafen bildet. Den meisten und lebendigsten Verkehr unterhielt

es aber doch mit dem fast nur von Negern bewohnten Cachavi und den

dortigen Golddistrikten, und wenn auch der Handel mit dem Innern nur

durch Lastträger betrieben werden konnte, da nicht einmal ein

Maulthierpfad durch den Wald führte, war der Umsatz doch nicht

unbedeutend und die Leute befanden sich wohl und in guten Umständen.

Der Santiago sowohl, wie der Bogota fließen aber auch durch ein reiches,

unendlich fruchtbares Land, und breite ausgedehnte Baumwollen- und

Zuckerrohrfelder mit weiten Cacao- und Bananenanpflanzungen (sogenannten

Platanaren) geben Zeugniß, welch' reichen Ertrags der Boden dort fähig

ist, und wie er die geringste Arbeit tausendfältig lohnt. Sie sind auch

ziemlich dicht besiedelt, wenn auch nicht von den Ureinwohnern des

Landes, die sich in den feuchten und heißen Niederungen dieser Gegend

nicht so wohl zu fühlen scheinen, als weiter oben in den kühleren Bergen

und an den rasch quellenden Gebirgswässern. Möglich aber auch, daß sie

von den Negern, mit denen sie überhaupt nicht gern Gemeinschaft halten,

zurückgedrängt wurden.

Als nämlich mit der Abschüttelung des spanischen Joches die Leibeigenen

der spanischen Provinzen freigegeben und für ewige Zeiten frei erklärt

wurden, da zerstreuten sie sich -- besonders in Ecuador und Neu-Granada

-- vorzugsweise über dies Terrain und wurden _=Herren=_ des dortigen

Bodens, dessen Sclaven sie bis jetzt gewesen waren. Ueberall am Santiago

und Bogota legten sie Estancien an, rodeten den Wald aus, und pflanzten

Bananen, Cacao, Kaffee und Zuckerrohr, und wenn sie jetzt auch nach

ihrer Bequemlichkeit arbeiteten, und nicht mehr vom Tagesanbruch bis in

die späte Nacht Hacke und Schaufel führen mußten, so dankte ihnen der

Boden doch mit verschwenderischer Hand für die geringe Mühe, die sie auf

seine Pflege verwandten, und wo sie nicht eben _=reich=_ wurden, hatten

sie doch vollauf zu leben.

Welche Bedürfnisse kannten sie denn auch, die sie nicht hier mit

Leichtigkeit beschaffen mochten. Ihre Wohnungen waren um weniges besser,

als die, in denen sie früher von ihren Herren einquartirt worden, ihre

Kleidung -- eine baumwollene Hose und ein eben solches Hemd mit einem

selbst geflochtenen Strohhut blieb dieselbe, und was sie an Nahrung

brauchten und wünschten, lieferte das Land.

So bildeten sie bald, in diesen Distrikten wenigstens, die große

Majorität des Staates und es gab Dörfer, wo sie sich sogar ihren

Alkalden aus eigener schwarzer Mitte wählten.

Nur die Stellen der Gobernadores und Friedensrichter besetzte die

Regierung mit den ~Hijos del pais~ -- das heißt nicht etwa den

eigentlichen »Söhnen des Landes,« den Indianern, sondern mit den

Abkömmlingen der spanischen Raçe, die auch solche Plätze viel besser zu

verwerthen und auszubeuten verstanden.

Ecuador war allerdings eine Republik, aber es wäre deshalb der obersten

Staatsbehörde doch nicht im Traum eingefallen, dem Volk in seinen

eigenen Richtern eine _=Majorität=_ zu gestatten.

Auch Concepcion war zu einem sehr großen Theil von Negern bewohnt.

Nichts destoweniger blieben aber in dieser größeren Stadt die _=Weißen=_

in der Majorität, wo sie schon durch ihre Farbe den Stand der

Honoratioren vertraten. Ueberhaupt hat der _=Neger=_ nur in sehr

seltenen Fällen -- so geschickt er oft in mechanischen Arbeiten sein mag

-- Talent zum _=Handel=_. Es fehlt ihm der Speculationsgeist, und die

verschiedenen Läden befanden sich deshalb sämmtlich in der Hand von

Weißen. Eben so waren -- wie sich das von selbst versteht -- der

Geistliche, der Alkalde und der Schullehrer Abkömmlinge der spanischen

Raçe, und selbst ein italienischer Schneider hatte sich dort etablirt;

und sich -- wie das gewöhnlich diese Art von Professionisten thun -- zu

einer der ersten politischen Größen und zu einer entschiedenen

Opposition der bestehenden Regierung aufgeschwungen.

Señor Rigoli, wie der kleine, sehr lebendige Mann hieß, hing nämlich mit

Leib und Seele an der Quitenischen Regierung, während der Alkalde und

Geistliche besonders -- Beide von dem gegenwärtigen Usurpator des

Südens, dem Mulattengeneral Franco eingesetzt -- für diesen nach allen

Kräften zu wirken suchten.

Rigolis Feinde behaupteten allerdings, nur der Geist des Widerspruchs

hätte den kleinen Italiener in diese politische Richtung geworfen, denn

ohne Widerspruch konnte er nicht existiren: aber er leugnete dies

vollkommen, und würde dadurch jedenfalls seine beste Kundschaft in den

Honoratioren der Stadt verloren haben, wenn sie eben nicht gezwungen

gewesen wären, bei ihm arbeiten zu lassen. Er hatte nämlich keinen

Concurrenten im Ort, als einen Neger, der Alles verdarb, was er unter

die Scheere bekam, aber dafür auch zu den leidenschaftlichsten Anhängern

Francos gehörte und alle Augenblicke neue Gerüchte über die gewonnenen

Siege des Mulattengenerals verbreitete.

Uebrigens war diese politische Meinungsverschiedenheit bis jetzt sehr

harmlos verlaufen, denn Theil an den großen Kämpfen ihres Vaterlandes

konnten die Bewohner von Concepcion nicht nehmen, dafür lagen sie von

dem Hauptplatz der Action zu weit entfernt, und völlig abgeschieden und

aus dem Weg in ihrem reizenden Thal. Aber es würzte doch die

Unterhaltung, und wenn Rigoli Abends in der Posada _=eine=_ Flasche

Tschitscha getrunken und eine zweite vor sich hatte, hielt er so lange

politische Reden, bis er seine Gegner -- wenn auch nicht überzeugte,

doch wenigstens zu Paaren trieb, und zuletzt gewöhnlich das Schlachtfeld

allein behauptete.

So lebhaft aber derartige Debatten fast jeden Abend geführt wurden --

und in der letzten Zeit lebhafter als je, da sich ein Franco'scher

Offizier hier aufhielt, was aber nicht vermochte, den kleinen muthigen

Mann der Nadel einzuschüchtern -- so still lag Concepcion während der

heißen Stunden des Tages, wenn die Häuser keinen Schatten mehr warfen

und die breiten Bananenwipfel ihre sonst vom leichtesten Luftzug

bewegten Fächerblätter still und regungslos hielten. Dann ließ sich auch

kein lebendes Wesen mehr auf der Straße blicken und in den luftigen, auf

Pfählen gebauten Häusern, schaukelten die Bewohner derselben in ihren

Hängematten, oder lagen ausgestreckt auf dem Boden unter ihren

Mosquitonetzen.

Nicht weit von der Plaza, freundlich genug gelegen und von bunt

blühenden und duftigen Akazien halb versteckt, wie von einer einzelnen

Cocospalme überragt, stand ein kleines, niederes und düsteres Gebäude,

aus festen, eisenharten Stämmen aufgeführt, und die Fenstereinschnitte

-- und welches andere Haus hatte hier überhaupt Fenster, wo alle Wände

offen lagen -- mit dicken eisernen Gittern verwahrt.

Es war die »~colabozo~«, das Gefängniß Concepcions, und in der That

gewöhnlich leer und offenstehend, aus dem Grund vielleicht, damit ein

Jeder hinein gehen, und sich den unheimlichen dumpfigen Raum betrachten

könne. Heute aber schien sie verschlossen und fest verriegelt, und

draußen an der schweren Thür auch noch mit einem riesigen Vorlegeschloß

gesichert, denn der »Schließer« konnte doch nicht immer davor sitzen,

eines einzigen lumpigen Gefangenen wegen.

In dem Gefängniß aber, die Stirn gegen das Gitter gepreßt, lehnte ein

junger, bis zum Gürtel nackter Neger, und hielt mit dem einen, durch die

Stäbe hinausgestreckten Arm die Hand eines bildhübschen Negermädchens,

das vor seiner Zelle stand und in der Linken ein bunt gewürfeltes Tuch

mit Gaben hielt, die sie dem Gefangenen wahrscheinlich mitgebracht.

»Armer José,« klagte dabei das Mädchen, indem ihr die großen hellen

Thränen in die Augen traten -- »daß es dahin mit Dir kommen mußte. Oh

was hast Du nur verbrochen, daß sie Dich in den schrecklichen Kerker

werfen konnten!«

»Verbrochen, ~mi corazon~ -- Nichts,« seufzte der junge Bursch.

»Nichts auf der Welt weiter, als daß ich Dich, nach jahrelanger

Abwesenheit, wieder einmal sehen wollte. -- Nur deshalb nahm ich an der

Tola-Mündung das Canoe, und weil ich Einzelner nicht so stark rudern

konnte, als die vier starken Cajapas-Indianer, holten sie mich hier ein

und ich muß jetzt büßen.«

»Aber die Sclaverei ist ja doch bei uns aufgehoben,« rief das Mädchen

heftig, -- »Mutter und Vater waren schon _=freie=_ Menschen, und die

Gesetze verbieten den Weißen, Sclaven zu halten.«

»Die Gesetze,« zischte der junge Bursch trotzig zwischen den Zähnen

durch, -- »wer hat die Gesetze gegeben, als nur die Weißen, und sie

machen damit, was sie wollen. Was bin ich anderes als der Sclave jenes

Guajaquilenen? Er hatte mir Geld geborgt, und ich muß es jetzt

abverdienen.«

»Oh Jos~é~,« sagte da das Mädchen mit leisem, wie schüchternem Vorwurf

im Ton, aber einem gar so lieben und herzlichen Blick -- »weshalb

_=hast=_ Du von ihm geborgt? -- konntest Du denn das böse, häßliche

Trinken nicht lassen, womit Du uns Beide jetzt unglücklich gemacht?«

Der junge Bursche senkte beschämt den Kopf.

»Du hast Recht, ~querida~«, sagte er leise -- »ich war schlecht und

leichtsinnig, aber schon seit langen Monden trinke ich nicht mehr, und

arbeite fleißig -- doch was hilft es mir. Wir ziehen ununterbrochen von

Ort zu Ort, und die Arbeitstage, die er mir dem Gesetz nach gestatten

muß, nützen mir Nichts, denn für wen soll ich arbeiten auf der Reise?«

»Und wie viel bist Du ihm schuldig?« frug das Mädchen ängstlich.

»Ich weiß es nicht,« seufzte der junge Bursch -- »er schreibt sich Alles

auf, was er mir giebt, und soviel hat mir der Alkalde gesagt, daß ich

für 40 Dollars ein ganzes Jahr für ihn arbeiten muß --«

»Und ist es soviel?«

»Ich glaube es nicht -- was hat er mir denn gegeben? Die dürftigste

Kleidung, ein paar Stangen Taback und schon seit langen Monden kein

~aguardiente~ mehr. -- Ich trinke nicht -- nie mehr -- ich habe es Dir

versprochen, Eva.«

»Dann laß mich dafür sorgen, daß Du frei wirst, José,« sagte das

junge Mädchen, und frohe Zuversicht leuchtete aus ihren Augen. »Ich habe

das letzte Jahr viel, recht viel gearbeitet. Ich habe den Leuten

Lebensmittel in die Minen gefahren, und selber ein wenig Gold gegraben,

auch bei unserem Alkalden in Cachavi geschafft, Tag und Nacht, wie seine

Frau krank war und sich nicht selber helfen konnte. Das Geld liegt in

Cachavi -- ich hole es. -- Was brauchen _=wir=_ es auch, wir sind beide

kräftig und gesund, und können uns schon auch ohne das eine Heimath

gründen.«

»Aber wie willst Du nach Cachavi hinauf kommen, Herz?« frug der junge

Bursch, -- »der Fluß ist reißend, und allein wärst Du nie im Stande, ein

Canoe über die Stromschnellen zu bringen.«

»Mein Bruder ist hier,« sagte das Mädchen -- »er lernt ein Handwerk bei

einem Weißen. -- Der ist gut -- der wird ihm erlauben, daß er mir helfen

darf, und wenn wir heute Abend fortfahren, können wir morgen schon oben

sein.«

»Dein Bruder ist schwächlich --«

»Aber _=ich=_ bin stark,« rief das junge Mädchen lächelnd -- »hab' kein

Sorge, José, ich bringe Dir Hülfe, und wenn Du mir nur versprichst,

nie mehr zu trinken, so können wir bald ein neues und schönes Leben

beginnen.«

»Oh wie von Herzen gern verspreche ich Dir das, aber -- der Weiße giebt

mich nicht wieder los, und hat mir schon gesagt, daß er mich, wenn er

wieder nach Concepcion zurückgekehrt, an den Padre verkaufen will, und

der bekommt immer Recht. -- Hält er nicht schon seit sieben Jahren drei

Sclaven in seinem Haus, und sind sie je im Stande gewesen, sich frei zu

kaufen?«

»Dann gehe ich zu dem Meister Rigoli,« sagte das Mädchen entschlossen --

»er ist gut -- er wird mir helfen und der Präsident selber nicht leiden,

daß sie hier die Gesetze unter die Füße treten, die er zum Besten

unseres Stammes gegeben hat. Er will ja keine _=Sclaven=_ im Lande

leiden -- alle Menschen sollen frei und gleich sein.«

»Ach Du mein liebes Herz,« seufzte da José, »was weiß der Präsident

von uns armen Schwarzen in Concepcion, und ist es nicht gerade einer

seiner Offiziere, dem ich angehöre? Glaubst Du denn, daß er _=mir=_

gegen _=den=_ beistehen würde?«

»Laß Du mich nur machen,« lächelte aber das junge Mädchen

zuversichtlich, »Señor Rigoli bringt Alles in Ordnung, und ich und mein

Bruder fahren indessen, so rasch uns die Ruder treiben können, den Strom

hinauf, um das Geld zu holen. Stromabwärts geht's ja nachher wie der

Wind, und in einem halben Tag bin ich vom Cachavi hier unten.«

»Du treues Herz, -- und Alles das meinethalben.«

»Und hier habe ich Dir indessen auch etwas mitgebracht,« fuhr das junge

Mädchen fort, indem sie das Tuch zu ihm emporhob. Aber sie fand bald,

daß sie es, dickgefüllt wie es war, nicht durch die Stäbe brachte, und

begann deshalb rasch es auszupacken.

»Hier,« sagte sie, indem sie ihm die einzelnen Sachen hinein reichte --

»sind in ihren Blättern gekochte Bananen -- hier etwas geröstetes

Schweinefleisch -- ich konnte Dir nicht soviel bringen, sie fordern

einen so hohen Preis dafür -- hier hast Du Erdnüsse und rothen Pfeffer,

und die Chokolade habe ich selbst für Dich gerieben und da« -- fügte sie

leise hinzu -- »ist auch etwas Geld. -- Es ist nicht viel,« lächelte sie

wehmüthig, »aber ich habe ja auch immer gespart und gespart, damit wir

dereinst ein kleines Häuschen bauen und uns ein Stück Vieh und ein paar

Hühner anschaffen könnten. -- Aber schau nicht so traurig d'rein, José

-- wenn wir _=beide zusammen=_ arbeiten, gehts ja auch nachher so viel

rascher und irgendwo am Bogota oder Santiago wird sich ja wohl noch ein

Plätzchen für uns finden, wo wir uns eine Stelle urbar machen können.«

»Du wackeres, wackeres Kind, wie soll ich Dir das je danken?« sagte José

gerührt.

»Und _=hast=_ Du es mir nicht schon gedankt?« erwiderte wehmüthig das

junge Mädchen -- »lebte denn ein Mensch auf der weiten Welt, der die

arme Waise nach der Eltern Tode lieb hatte, und für sie und ihren Bruder

sorgte, wie Du?«

»Und was _=hab'=_ ich gethan?«

»Viel -- sehr viel,« sagte das Mädchen rasch -- »Du hast mir die

_=Hoffnung=_ für dieses Leben erhalten, denn als wir die Mutter begraben

hatten, war es mir, als ob ich mich auch in das stille Grab legen müßte,

und nie, nie im Leben wieder froh werden könnte. -- Und Alles, Alles

wäre auch nachher gut gegangen, wenn nur das böse Trinken -- aber ich

will Dir jetzt keine Vorwürfe machen, José,« unterbrach sie sich rasch

-- »Du hast mir ja versprochen, daß es nie, nie mehr geschehen soll, und

jetzt gilt es nur, Dich aus Deiner Sclaverei zu befreien.«

»Du willst schon fort?«

»Ich muß -- die Zeit vergeht, vorher aber habe ich noch mit meinem

Bruder und seinem Lehrmeister zu sprechen, und nachher muß ich suchen,

daß ich ein Canoe geborgt bekomme. Aber das krieg' ich schon,« setzte

sie lächelnd hinzu, »denn alle Menschen sind jetzt gut mit mir, weil

sie sehen, daß ich brav und fleißig bin. Also mit Gott, José -- aber ich

komme noch einmal zu Dir zurück, und bringe Dir dann auch ein paar

Cocosnüsse zum Trinken mit. Die Señora Bastiano hat deren viele in ihrem

Garten, und erlaubt mir schon ein paar zu pflücken.«

»Mein liebes, liebes Herz.«

»Hab' guten Muth,« lachte da das Mädchen, die den Geliebten nicht wollte

merken lassen, wie weh ihr selber um's Herz war, »bald bring' ich Hülfe

und dann brauchen wir uns nicht mehr zu trennen -- Lebe wohl José« --

und mit beiden Armen sich kraftvoll an dem Gitter emporhebend, brachte

sie ihren Mund über die unterste Eisenstange, drückte einen Kuß auf

seine Lippen, und lief dann flüchtigen Schrittes durch die Straßen

hinab.

Zweites Capitel.

Ein Besuch beim Alkalden.

In einer der Hauptstraßen der kleinen Stadt, und in einem, ebenfalls auf

Pfählen gebauten Eckhaus, lebte und schneiderte Meister Rigoli mit drei

Lehrjungen, die er sich, wie er meinte, nur angenommen hatte, um seinen

täglichen Aerger nicht zu vermissen, denn alle Arbeit mußte er doch

selber thun -- und that sie auch wirklich, weil ihm Niemand -- weder in

der Politik noch in der Schneiderei -- etwas recht machen konnte.

Rigoli war aber trotzdem von Herzen ein seelensguter Mensch, der nie

Jemandem wissentlich ein Unrecht gethan hätte, aber auch eben so wenig

ein Unrecht an anderen Menschen leiden konnte. Ein so bescheidenes

Metier er dabei trieb, so fürchtete ihn selber der Alkalde, denn er

hatte -- was man so im gewöhnlichen Leben zu nennen pflegt -- Haare auf

den Zähnen, und war dabei viel gescheuter und belesener als der Alkalde

selber -- wozu allerdings nicht viel gehörte.

In dieser Tageszeit schienen aber auch _=seine=_ geistigen Kräfte

erschöpft zu sein, denn inmitten seiner Lehrlinge, die Nadel in der

Hand, ein neu zugeschnittenes Kleidungsstück vor sich auf den Knien, war

er eingenickt, und als Eva geräuschlosen Schrittes die zu seiner

Werkstätte aufführende Leiter hinanstieg und dabei ihr schüchternes

»~Ave Maria~« murmelte, um ihre Gegenwart bemerkbar zu machen, hörte

sie dasselbe von keiner Seele beantwortet -- denn die Jungen schliefen

ebenfalls.

Sie blieb einen Augenblick auf der Leiter stehen, und während sie sich

mit den nackten, vollen Armen auf die niedere Schwelle stützte, von wo

aus sie den ganzen inneren Raum mit den Augen überfliegen konnte, zuckte

ein leichtes Lächeln über ihre wirklich schönen Züge. Aber es war auch

nur ein Moment, denn rasch kam wieder das Gefühl ihrer eigenen,

unglücklichen Lage über sie, und daß sie keine Zeit versäumen dürfte,

wenn sie den Geliebten wirklich retten wollte.

Mit lauter Stimme wiederholte sie deshalb ihr meldendes »~Ave Maria~,«

das der kleine Rigoli aber, noch halb im Schlaf, mit einem sehr profanen

»Caracho, Señor, ~tres varas~ -- ~no es possible~ --« beantwortete.

Durch seine eigenen, laut herausgestoßenen Worte erwachte er indeß

vollkommen, und sich im ersten Augenblick erstaunt umsehend, -- er

begriff augenscheinlich nicht gleich was mit ihm vorgegangen --

überzeugten ihn die schlafenden Lehrlinge an seiner Seite doch rasch

genug von dem Thatbestand. Er machte sich selber und einen neben ihm

sitzenden dicken und entsetzlich schwitzenden Mulattenjungen auch rasch

dadurch munter, daß er diesem eine derbe Ohrfeige steckte, die ihn

blitzschnell auf die Füße brachte. Die Anderen erwachten dadurch

ebenfalls und griffen rasch und mechanisch nach ihrer fallengelassenen

Arbeit, während der Meister kopfschüttelnd sagte:

»Ob das faule Volk nicht jede Gelegenheit benutzt! Caramba, Señores, ich

werde Euch auf den Pelz kommen, wenn Ihr mir nicht besser aufpaßt! -- He

meine kleine Eva -- ~entra~, Schatz, ~entra~. -- Was bringst _=Du=_

mir? ist der Wollkopf, Señor Bastiano, wieder nicht mit seinem Rock

zufrieden?«

»Ach Señor,« sagte das junge Mädchen, indem sie der Aufforderung Folge

leistete und die letzten Stufen der Leiter emporstieg, neben der sie

sich dann am Boden niederkauerte -- »mit einer Bitte für mich selber

komm ich diesmal.«

»Mit einer Bitte, Schatz? -- nun laß hören.«

»Daß Ihr mir auf zwei Tage den Bruder borgen möget, um ein Canoe nach

Cachavi hinauf zu rudern.«

»Ihr Beiden? -- aber wozu? was wollt ihr denn oben?« frug Rigoli

kopfschüttelnd.

Eva schwieg einen Augenblick und sah still und ängstlich vor sich

nieder. Endlich faßte sie sich ein Herz und erst mit leiser, dann immer

festerer Stimme erzählte sie dem kleinen gutmüthigen Italiener ihre

einfache Leidensgeschichte. Das Schicksal des Geliebten, den jener

Francosche Offizier -- trotzdem daß die Gesetze die Sclaverei verböten,

als Sclave halte, und hier in das Gefängniß geworfen habe, weil er nur

auf wenige Tage nach Cachavi hinauf gewollt, wo er sie selber zu finden

geglaubt. Jetzt aber gedenke der Weiße den armen José wieder mit

fort von hier zu nehmen, Gott nur wisse wohin, daß sie ihn vielleicht

nie im Leben wieder zu sehen bekomme, und sie selber wolle jetzt nach

Cachavi hinauf, um von dort ihr mühsam gespartes und bei dem Alkalden

hinterlegtes Geld zu holen und den Geliebten frei zu kaufen.

Der kleine Rigoli hatte der Erzählung aufmerksam zugehört, und im Anfang

wohl seine Arbeit wieder dabei aufgenommen und weiter genäht, aber je

mehr er sich in die Sache hinein dachte, desto empörter wurde er, und

die neben ihm liegende Scheere aufgreifend rief er, als Eva geendet:

»Da haben wir die Geschichte, und dieser Lump von Alkalden wagt es, mir

von Freiheit und Gesetzlichkeit zu reden; Sclaverei, wie sie im Buche

steht -- Unterdrückung des Volkes, Mißbrauch der Amtsgewalt,

ungerechtfertigte Einkerkerung, Veräußerung der Menschenrechte -- aber

ich weiß weshalb. Eben dieser selbe Señor Cerro, der hier mit seinem

gelben, nichtswürdigen Gesicht herumläuft und sich einen Francoschen

Offizier nennt, hat diesem hergeregneten Alkalden die Stelle

verschafft, und jetzt hocken sie mitsammen unter einer Decke -- der

Padre nicht ausgenommen, und glauben, _=sie=_ können die Herren und

Meister hier im Lande spielen. Da wollen wir aber einen Riegel

vorschieben,« fuhr er fort, indem er von seinem Sitz aufsprang, und sich

den etwas heruntergerutschten Hosenbund wieder in die Höhe zog. »Dieser

kleine blutgierige Wütherich, dieser Franco, hat _=uns=_ hier oben

Nichts zu befehlen, sonst wäre er längst mit seinen Soldaten hierher

gekommen und gegen Quito marschirt, und dasselbe Recht, was _=der=_ hat,

Präsident zu sein, habe ich auch, wenn ich auch nicht schwarz bin und

Haare statt Wolle auf dem Kopfe habe. -- Und jetzt komm einmal, Eva --

jetzt wollen wir dieser obersten Gerichtsbarkeit einmal einen Besuch

abstatten, daß ihr die Augen übergehen sollen.«

Und damit hatte er seine Toilette beendet, stülpte sich seinen kleinen

Panamahut auf und schritt der Leiter zu.

Das arme Negermädchen war eine bestürzte Zuhörerin des Ganzen gewesen,

denn wenn sie auch die einzelnen Ausdrücke und deren Sinn nicht

verstand, begriff sie doch so viel, daß der kleine Schneidermeister

ihrer obersten Gerichtsbehörde zu Leibe wollte, und daß sie dabei Zeuge

sein sollte. Wenn _=der=_ Mann aber, der die Macht hatte, ihren

Geliebten in's Gefängniß zu werfen, böse gemacht wurde, welches

furchtbare Unglück konnte er über sie Alle verfügen, und mit zitternder

Stimme bat sie:

»Oh Señor, macht den Herrn Alkalden nicht böse, oder er sperrt uns Alle

mit einander ein, und dann hat José Niemanden in der Welt mehr, der

ihm helfen kann.«

»_=Mich=_ einsperren?« lachte aber jetzt Meister Rigoli bei dem Gedanken

laut auf -- »_=mich=_, den einzigen Schneider, den sie in der ganzen

Stadt haben? -- Das Mädchen ist himmlisch! -- Nein, mein Schatz, da hab'

keine Furcht. So viel Verstand hat unser Alkalde denn doch noch -- wenn

ich auch nicht für _=mehr=_ einstehen möchte, und daß er _=Dir=_ Nichts

thut, das laß meine Sorge sein. Und jetzt komm, arbeiten kann ich doch

nichts mehr mit den Gedanken um das allgemeine Wohl im Kopf, und nun

wollen wir einmal sehen -- und wo ich _=Euch=_ Schlingel wieder

schlafend finde, wenn ich zurück komme, statuire ich ein Exempel an Euch

-- ob wir die oberste Gerichtsbehörde nicht überzeugen können, daß wir

in einer Republik leben, und freie Bürger sind -- komm.«

Und ohne ihr weiter Zeit zu einem Einwand zu lassen, kletterte er voran

die Leiter hinunter und schritt dann, von dem zitternden Mädchen dicht

gefolgt, die Straße hinauf, der Wohnung des Alkalden zu.

Es war allerdings jetzt _=keine=_ Besuchszeit in den Tropen, und der

würdige Friedensrichter denn auch noch mitten in seiner Siesta, welche

er in der, nach dortiger Landessitte kurz geschlungenen Hängematte halb

sitzend, halb liegend verträumte. Rigoli schien aber nicht gesonnen,

sich bei Kleinigkeiten und leeren Ceremonialformen aufzuhalten. Den

Neger, der ihm unten den Aufgang verweigern wollte, schob er einfach bei

Seite und hatte denn auch die Genugthuung, ihr gesetzliches Oberhaupt

bald völlig erwacht, wenn auch nicht eben sehr erfreut, in der

Hängematte sitzen zu sehen, um zu hören was er verlange.

»Ich habe Sie gestört, Señor Alkalde,« sagte der kleine Mann, der den

Sturm allein versucht hatte, denn Eva wäre unter keiner Bedingung zu

bewegen gewesen, ihm dahinauf zu folgen.

»Das haben sie allerdings, Señor Rigoli,« versicherte der Alkalde mit

einem nichts weniger als freundlichen Gesicht, »und die Sache muß in der

That sehr wichtig sein, daß Sie einem Manne, der ununterbrochen von

schweren Geschäften geplagt ist, die einzige kleine Ruhe seiner Siesta

kürzen.«

»Bitte um Verzeihung, Señor,« sagte Rigoli ohne weitere Umstände, »aber

die Sache ist allerdings wichtig, denn es handelt sich hier darum, ob

wir noch ein Gesetz im Lande haben, oder nicht.«

»Lieber Meister Rigoli,« sagte der Alkalde, durch die Anrede in seiner

Laune eben nicht gebessert -- »ich bin schon so ziemlich daran gewöhnt,

daß Sie sich fortwährend um Sachen bekümmern, die Sie eigentlich gar

Nichts angehen. Was ist nun wieder?«

»Die Sache, Señor,« sagte der kleine Italiener gereizt, »geht _=jeden=_

Bürger an, denn wenn ich unter einer despotischen Regierung hätte leben

wollen, so wäre ich lieber in meiner eigenen Heimath geblieben.«

»Sie hätten wirklich besser daran gethan.«

»Meinen Sie?« rief Rigoli ärgerlich, »aber wir wollen uns nicht wieder

zanken,« setzte er ruhiger hinzu. -- »Die Sache selber ist auch zu

ernst, denn sie betrifft unserer Aller Freiheit -- die Menschenrechte

eines ganzen Volkes, die hier -- vielleicht ohne Ihr Wissen -- verletzt

werden.«

»Da wäre ich doch begierig -- aber bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen,

Señor.«

»Mit Vergnügen,« sagte Señor Rigoli, der sich um Alles nicht hätte etwas

vergeben mögen. -- »Und nun zur Sache: Sie wissen doch, daß hier ein

Neger im Gefängniß sitzt.«

»Ich habe ihn selber einsperren lassen. Er war seinem Herrn entlaufen,«

sagte der Alkalde ruhig.

»So besteht also in Ecuador, trotz den dagegen erlassenen Gesetzen, noch

immer die Sclaverei?« rief Rigoli rasch.

»Bitte um Verzeihung,« erwiderte der Alkalde -- »er ist nicht der

Sclave, sondern nur der Diener seines Herrn, bis er diesem die schuldige

Summe abgearbeitet hat.«

»Wenn ich also irgend Jemandem ein paar Thaler schuldig bin -- oder

umgekehrt, Señor Alkalde,« sagte der kleine Schneider, »wenn _=mir=_

Jemand einen ähnlichen Betrag schuldete, so wäre ich eben so berechtigt,

den besagten Herrn in _=Dienst=_ zu nehmen und ihn -- wenn er nicht

gehorchte, einsperren zu lassen, wie?«

Der Alkalde bekam einen etwas rothen Kopf, denn die Frage war zu

deutlich gestellt gewesen, als daß er sie nicht hätte auf die 52 Dollars

beziehen sollen, die er selber dem vor ihm Sitzenden noch schuldete.

»Señor,« sagte er, aber doch etwas verlegen, »Sie vergessen, daß ein

solches Gesetz nur für Neger und frühere Sclaven Kraft haben kann; es

ist wenigstens noch nie auf einen Caballero angewandt worden, oder

könnte auf ihn angewendet werden.«

»Und das nennen Sie eine Republik.«

»Bah, sein Sie vernünftig -- einen Unterschied muß es nun einmal in der

Welt geben, und wo man keine Schwarze hat, bildet, wie Sie mir selber

erzählt haben, ein Theil der _=Weißen=_ das Proletariat.«

»Aber ich habe gehört, daß jener Señor, der sich einen Francoschen

Offizier nennt, und eher aussieht wie ein durchgegangener Schulmeister,

die Absicht haben soll, seinen _=Diener=_, wenn Sie denn so wollen, zu

verkaufen?«

»Er kann ihn nicht _=verkaufen=_,« bemerkte der Alkalde kopfschüttelnd,

»das würde direkt gegen die Gesetze verstoßen, aber er mag ihn an einen

Anderen, der ihm die ausgelegten Gelder zurückerstattet, _=abtreten=_.«

»Danke Ihnen -- und ist das etwas Anderes als _=verkaufen=_?«

»Lieber Freund,« sagte der Alkalde, dem das Gespräch unangenehm wurde,

»ländlich, sittlich -- Sie sind mit unseren Gebräuchen noch zu wenig

bekannt, um die inneren Triebfedern zu erkennen, durch welche die

Staatsmaschine in Gang gehalten wird.«

»Und nennen Sie eine _=Umgehung=_ der Gesetze eine innere Triebfeder?«

»Es war ein Irrthum, dessen sich die Gesetzgeber schuldig machten,«

bemerkte der Ecuadorianer trocken, »die Sclaverei völlig abzuschaffen,

und wir thun nur unsere Schuldigkeit, wenn wir den einmal begangenen und

unwiderruflichen Fehler soviel als möglich gut zu machen suchen.«

»Caracho!« rief der kleine Italiener, »das heißt ehrlich gesprochen, und

eigentlich hätte ich einen anderen Namen dafür. -- Aber damit kommen wir

nicht zur Sache. Unter welchen Bedingungen wird der gefangene Neger

wieder freigegeben?«

»Sobald er seine eingegangene Schuld bezahlt,« lautete die Antwort.

»Derartige Leute benutzen aber höchst selten die ihnen durch unser

Gesetz verstatteten drei freien Tage in jeder Woche, um für sich selber

zu arbeiten, und ihre eingegangenen Verpflichtungen abzutragen.«

»Und wie kann er arbeiten?« rief Rigoli rasch, »wenn sein Herr die ganze

Zeit mit ihm im Lande umherzieht, und ihm die Feiertage nicht einmal

anrechnet, um seine Heimath zu besuchen?« -- Der Alkalde zuckte die

Achseln.

»Das ist allerdings ein Punkt,« sagte er, »den das Gesetz _=nicht=_

vorgesehen hat, denn ich sehe keine Möglichkeit um einen ~caballero~

zu zwingen, ruhig an einer Stelle zu bleiben, damit der ihm verschuldete

Diener Geld in der Nachbarschaft verdienen kann.«

»Und wie viel beträgt des Burschen Schuld jetzt?«

»Soviel ich weiß einige vierzig Thaler,« erwiderte der Richter --

»jedenfalls über ein Jahrlohn -- und wenn es nur _=ein=_ und vierzig

sind, hat er ein Recht ihn zur Arbeit anzuhalten.«

»Und wenn das Geld in einigen Tagen bezahlt wird?«

»Ich weiß doch nicht recht,« sagte der würdige Richter etwas verlegen,

»ob der Señor damit gezwungen werden kann, seine Rechte auf die

_=Jahresarbeit=_ des Burschen aufzugeben, denn er hat keine weiteren

Zinsen von dem ausgelegten Capital.«

»So? -- _=das=_ wollen wir denn aber einmal sehen,« rief der kleine

Italiener, in vollem Ingrimm von seinem Stuhl emporspringend. -- »Wenn

das die neuen Gesetze sind, die der verdammte Mulattengeneral in unserem

Lande geben will!«

»Señor Rigoli,« unterbrach ihn der Alkalde erschreckt, »wissen Sie, daß

Sie von unserer höchsten Obrigkeit sprechen, und ich eigentlich

gezwungen wäre --«

»Zum Henker mit unserer ganzen Obrigkeit,« beharrte aber der

unverbesserliche kleine Schneider, der nicht den geringsten Respekt,

weder vor dem Präsidenten noch vor dem Alkalden zeigte. -- »Wenn es denn

so mit uns steht, dann will ich doch sehen, ob nicht das _=Volk=_

einmal gelegentlich die Sache in die Hand nehmen kann, und wo _=Sie=_

dann bleiben, Señor, und der Padre mit Einschluß Ihres Franco'schen

Generals, darauf bin ich nachher selber neugierig.«

»Señor Rigoli, Sie werden mich noch zwingen, ernstere Maßregeln mit

Ihnen zu ergreifen.«

»Ach Papperlapapp,« sagte der Italiener verächtlich, »drohen gilt nicht,

aber das versichere ich Sie, Señor, wird das Geld herbeigebracht, und

der Schwarze _=nicht=_ freigelassen, dann zettele ich Ihnen hier eine

Negerrevolution an, die sich gewaschen hat, und dann wollen wir doch

einmal sehen, ob wir die Francosche Wirthschaft nicht auch bei der

Gelegenheit auseinanderjagen können.«

»Señor Rigoli!« rief der Alkalde und fuhr aus seiner Hängematte in die

Höhe, aber der kleine Italiener nahm keine Notiz mehr von ihm, stülpte

seinen Hut auf und verließ ohne Weiteres das Haus.

Drittes Capitel.

Die Canoefahrt.

In ängstlicher Furcht hatte indessen das arme Negermädchen unten auf den

Erfolg der Unterredung gewartet, und die lauten, ärgerlichen Stimmen

oben konnten sie wahrlich nicht dabei beruhigen. -- Jetzt endlich kam

der weiße Mann zurück -- aber er sah erhitzt und ärgerlich aus. Sie

wagte nicht einmal ihn zu fragen, welche Hoffnung sie fassen dürfe. Der

kleine Italiener ließ sie aber nicht lange in Ungewißheit.

»Nimm Deinen Bruder, Schatz,« sagte er, »und mache daß Du nach Cachavi

zurückkommst und Dein Geld holst -- ich würde es Dir selber borgen, aber

die Lumpen hier zahlen so schlecht, daß man kaum landesübliche Münze

genug für Bananen und Chocolade im Haus behält. Hast Du ein Canoe?«

»Noch nicht, Señor,« sagte das Mädchen schüchtern; »aber die Señora

Bastiano borgt mir gewiß das ihrige.«

»Gut dann; Du könntest meines kriegen, aber am Bug ist ein Stück

herausgebrochen, und muß erst wieder gemacht werden -- das soll aber

jetzt gleich geschehen, denn ich weiß nicht, wie bald ich es selber

brauchen werde. Wann willst Du fort?«

»Gleich, Señor -- der Weg ist weit,« sagte das junge Mädchen, »sobald

ich nur das Canoe habe.«

»Noch eins -- wie viel Geld hast Du denn eigentlich, Schatz?«

»Es werden wohl 46 Dollars sein,« erwiderte zitternd das arme Kind --

»glauben Sie, daß es genug ist, um den armen José zu befreien?«

»Genug? sicher!« rief der kleine Italiener, sich vergnügt die Hände

reibend -- »und sag' dem Alkalden in Cachavi nur, zu welchem Zweck Du es

willst, und daß sie hier Deinen Liebsten als Sclaven halten, dem Gesetz

zum Trotz. -- Und wenn Du zurückkehrst, so komme gleich zu mir, und ich

bringe die Sache in Ordnung, darauf kannst Du Dich verlassen.

Verstanden?«

»Oh wie soll ich Euch je dafür danken, Señor?«

»Danken? für was?« brummte der kleine Mann vor sich hin -- »wenn ich Dir

das Geld geben könnte, hättest Du Ursache dafür -- so nicht -- mach'

nur, daß Du fort kommst.«

Eva ließ sich das nicht zweimal sagen, und flog die Straße hinab der

Wohnung der »Señora Bastiano«, einer würdigen Negerdame, zu. Allerdings

machte diese noch einige Schwierigkeiten, denn sie wollte morgen oder

übermorgen selber nach dem Pailon hinüber fahren, um dort einige alte

Freunde zu besuchen, da ihr aber das junge Mädchen fest versprach, bis

spätestens übermorgen wieder zurück zu sein, ließ sie sich endlich

erbitten, und kaum zwei Stunden später, nachdem Eva noch von José

Abschied genommen, und seine Seele mit freudiger Hoffnung erfüllt

hatte, saßen die beiden Geschwister, Eva und ihr Bruder Tonio, im Canoe,

ruderten den Santiago hinab, bis zu der nächsten Landspitze und bogen

dann in den Bogota ein, um hier ihre beschwerliche und ermüdende Fahrt

gegen die Strömung zu beginnen.

Aber Eva kannte keine Ermüdung; der freundliche Italiener hatte die

beiden Geschwister auch noch außerdem mit Mundvorrath versehen, daß sie

nirgends anzulaufen brauchten. Frisches Wasser quoll ebenfalls um sie

her, denn bis hierher reichte die Fluth des Meeres nicht, und rüstig und

unverdrossen ruderten sie bis zu der Mündung des Cachavi, wo dann die

Strömung des wohl kleineren, aber viel reißenderen Flusses so mächtig

wurde, daß sie zu ihren Stangen greifen mußten. Aber unermüdlich

arbeiteten sie vorwärts, die ganze Nacht hindurch und noch stand am

nächsten Tage die Sonne hoch am Himmel, als sie das kleine

Negerstädtchen, wo früher ihre Eltern gewohnt, erreichten.

Eva hatte hier keine Schwierigkeit, das ersparte Geld von dem Alkalden

zu bekommen, denn diese Leute speculiren nicht mit den ihnen

anvertrauten Capitalien. Das Geld hing wohlverwahrt in einem Beutel von

weißem Baumwollenzeug an einer etwas versteckten Stelle unter dem Dach

und war rasch herbeigeholt; aber der Alkalde, ein alter greiser Neger,

der früher selber Sclave gewesen, und durch das Emancipationsgesetz

befreit worden, hatte mehr von der Welt gesehen, als das junge Mädchen,

und schien dem unerfahrenen Kinde nur ungern den mühsam genug verdienten

und aufgespeicherten Schatz anzuvertrauen.

Er kannte die Leute, die sich ~caballeros~ nennen, durch und durch,

und wäre am liebsten selber mit nach Concepcion hinab gefahren, um bei

dem dortigen Alkalden die Sache in Ordnung zu bringen -- aber es ging

nicht. Seine Frau war wieder krank und eine Tochter lag am Fieber

darnieder, und dann erwarteten sie jetzt auch mit jedem Tage die

indianischen Träger von Ibarra, die ihnen eine Menge neuer Waaren

bringen sollten, bei deren Verkauf er jedenfalls zugegen sein mußte.

Kurz es ging eben nicht an, und er mußte das junge Mädchen ihrem

Schicksal überlassen.

Diese wäre am liebsten auch gleich an dem nämlichen Abend wieder

aufgebrochen, um auch nicht eine Stunde so werthvoller Zeit zu

versäumen, aber ihr überdieß schwächlicher Bruder war durch die

ungewohnte Anstrengung so erschöpft, daß er einer Nacht Schlaf

nothwendig bedurfte. Der Alkalde selber litt ebenfalls nicht, daß sich

das junge Mädchen so übermäßig anstrenge, sie mußte deshalb bei ihm

übernachten, aber mit Tagesgrauen war sie wieder auf, röstete für sich

und Tonio ein paar Bananen zu Frühstück und Mittagessen, und ging dann

selber zu dem Canoe hinab, um dieses, das die Nacht über stets hoch an

Land hinaufgezogen werden mußte, da der Fluß oft so plötzlich steigt,

flott zu bekommen.

Ihr Bruder packte indessen oben die Bananen ein, und der alte Alkalde

war selber mit zum Fluß gekommen, um nachzusehen, daß sie ihr Geld gut

verwahre, und ihr Glück auf die Reise zu wünschen.

Dem jungen Mädchen war bei der Arbeit -- das Canoe allein über das

Geröll in's Wasser zu schieben -- warm geworden, und sie hatte ihr

leichtes Oberkleid ab und in's Canoe geworfen, der kurze dünne

Kattunrock reichte ihr dabei kaum bis über's Knie. Aber ihr Gesicht

strahlte vor Freude, denn heute noch -- heute, konnte sie den Geliebten

befreien, durfte ihn selber aus seinem dumpfen Kerker in die liebe

Gottesnatur hinausführen, und das Herz hätte ihr fast zerspringen mögen

vor Lust und Seligkeit.

Mit viel geringerem Eifer kam ihr Bruder, von dem Alkalden begleitet,

zum Ufer herunter. Ihm wäre es weit lieber gewesen, wenn er hier oben,

in seiner Vaterstadt, ein paar Rasttage hätte machen dürfen, und von

der übermäßigen Anstrengung gestern thaten ihm außerdem noch die Arme

weh.

Eva sah, wie er nur zum Ufer herabkam, seine betrübte Miene und lachte

ihn fröhlich an.

»Da, setz' Dich vorn hinein in's Canoe und mach' es Dir bequem, Tonio --

ich brauche Dich heute nicht zum Rudern, denn der Fluß trägt uns allein

schon rasch zu Thal.«

»Und hier ist Dein Geld, Mädel,« sagte der Alkalde, indem er der jungen

Dirne den Beutel reichte, »verwahre es gut und laß es nicht in's Wasser

fallen.«

»Ich bin ja doch kein Kind mehr, Señor,« sagte die Jungfrau, indem sich

ein leises Erröthen über ihre dunklen Züge stahl, »seht -- hier schlag'

ich es fest in das Tuch, und wenn ich auch schwimmen müßte, so kann's

nicht verloren gehen.«

Damit nahm sie sich ein seidenes, buntes, aber schon lange verblichenes

Tuch, das ihr José einmal in früherer Zeit geschenkt, vom Hals,

faltete das Geld hinein, verband die beiden Enden dicht mit im Canoe

liegenden Bast und schlug es sich dann um die schlanke Hüfte. -- »So --

und _=noch=_ einen Knoten, und nun dürft Ihr sicher sein, daß ich es

nach Concepcion bringe.«

»Dann mit Gott, mein Kind,« sagte der alte Neger. »Du bist ein

rechtschaffenes und braves Mädchen, und verdienst dereinst glücklich zu

werden. Hast Du Deinen José aber befreit, dann bleibe nicht in

Concepcion zwischen den vielen Weißen -- sie hassen uns, wenn sie sich's

auch nicht immer merken lassen. -- Kommt herauf zu uns nach Cachavi --

zu verdienen giebts hier immer, und daß Du an mir einen treuen Freund

hast, weißt Du ja.«

»Dank Euch, Señor -- Dank Euch recht vom Herzen -- ich werde die

freundlichen Worte nie vergessen, die Ihr zu der armen Waise

gesprochen,« sagte die Jungfrau, -- »und Gott nur weiß, wie bald wir

Eure Hülfe in Anspruch nehmen müssen. Geht aber Alles gut, und bleibt

José und ich gesund, dann hoff' ich, gründen wir uns auch unseren

eigenen Heerd, ohne irgend Jemandem zur Last zu fallen. Wir sind Beide

jung und kräftig und der Herr da oben wird ja weiter helfen. -- Alles in

Ordnung, Tonio?«

»Alles, Eva,« sagte der junge Bursch, der sich behaglich vorn in dem

Canoe ausstreckte -- »stoß ab, daß wir vielleicht in der Hitze ein

Bischen in den Schatten fahren können.«

Das Mädchen trat, ohne ein Wort weiter zu sagen, aus dem Canoe hinaus in

die klare Fluth, um das schwanke Fahrzeug von den letzten Steinen, auf

denen es noch auflag, los zu heben, als ein scharfer, gellender Schrei

vom oberen Theil des Stromes niederschallte, und rasch in dem Dorfe

selber an mehreren Stellen beantwortet wurde.

»Halt, Mädel! Halt!« rief der alte Alkalde rasch und erschreckt -- »die

Wasser kommen. Hab' ich es mir doch fast gedacht, denn es donnerte

tüchtig gegen Morgen, und oben in den Gebirgen ist ein starker Regen

gefallen.«

»Desto rascher kommen wir hinab,« lachte aber das tollkühne Ding, indem

sie ihr Canoe mit starker Hand in den Strom hineinstieß, und selber

nachsprang.

»Caramba, Eva,« rief ihr Bruder erschreckt, indem er sich mit beiden

Armen an dem Rand des Canoe emporrichtete. -- »Du willst doch nicht etwa

fahren, wenn die Wasser kommen?«

»Und warum nicht?«

»Das ist Thorheit, Mädel!« schrie der Alkalde, indem er selber in die

Fluth hineinsprang, um das Canoe noch zu erfassen und zurückzuziehen.

»Zu spät!« lachte aber Eva, indem sie ihr Ruder schon gegen die Steine

gesetzt hatte, und das schlanke Boot mit scharfem Druck in den Strom

hinaustrieb. -- »Wir können ja auch Beide schwimmen, und schlägt das

Canoe gar um, bringen wir's schon wieder in die Höh'. Adios, Señor,

adios! Habt keine Sorge um uns. Ich weiß ein Ruder zu führen. Hei, da

kommt die Woge! Jetzt, Tonio, liege still und rühre und rege Dich nicht.

-- Adios, Señor, auf Wiedersehen in Cachavi!«

Vom Strande nieder stürzten eine Masse schwarzer Gestalten nach dem

Flußufer, um ihre dort angebundenen Fahrzeuge in Sicherheit zu bringen,

denn rasend schnell steigt oft das Wasser in diesem kleinen, den

mächtigen Bergen entquellenden Strome. Unten im Thal ist vielleicht das

schönste, sonnigste Wetter, und das Wasser des Cachavi selber, so klar

wie Krystall, murmelt still dahin in der eingeengten Bahn. Aber weiter

oben hat der Sturm seinen Tanz gehalten, und die Wolken haben ihre

Sturzfluth über die Hänge entladen, an deren steilen Abdachungen nieder

Bach an Bach in die Hauptader hinabspringt. Den Lehm aber wuschen sie

mit, und nicht allmählig wächst der Fluß dann an, nein, so gewaltsam und

mit einem Guß, wie ihm die Massen zugetheilt wurden, so wälzt er sie in

einer hohen, lehmfarbenen Woge die Bahn entlang, und hinter dieser

braust und kocht schäumend die Sturmfluth, nicht selten Felsblöcke aus

ihrem Bett drängend und mit sich fort führend.

Sie kann auch nicht heimlich nahen. Schon von weitem hört man ihr

dumpfes Brausen, und wie sie die Bäume schüttelt und Busch und

Strauchwerk tief hineintaucht in ihre kochenden Wogen; wahrhaft

unheimlich sieht es aus, wenn die hohe gelbe Welle sich überstürzend in

den klaren Strom hineinpeitscht, und wenn sie, darüber hinrollend, die

zurückgelassene Fluth in flüssigen Lehm verwandelt.

Der Fluß steigt in einem solchen Falle oft drei bis vier Fuß in wenigen

Minuten und führt mit Pfeilesschnelle auf seiner Oberfläche dahin, was

er sich losgespült. Indianer und Schwarze aber, die an seinem Ufer

wohnen, flüchten, wenn sie sich gerade in ihren Canoes befinden, in

wilder ängstlicher Eile an Land und ziehen ihre Fahrzeuge hinter sich

her, bis sie dieselben in sicherer Entfernung von den rasenden Wassern

wissen.

Nun wußte der alte Alkalde allerdings, daß ein Mensch, wenn er sein

Ruder gut gebrauchen konnte, wohl im Stande wäre, die Mitte der Strömung

zu halten, und aufkochende Wirbel zeigten immer schon voraus, wo ein vom

Wasser kaum bedeckter Felsen ihm hätte Gefahr bringen können. Aber das

schwache Mädchen -- war _=sie=_ im Stande, das Canoe zu steuern, und

wenn ihr die Kraft gebrach -- sie kannte die Gefahr gar nicht, von einer

solchen Fluth erfaßt zu werden, gegen die keine Menschenkraft im Stande

gewesen wäre anzuschwimmen. Wenn ihr Kopf gegen einen Felsen traf --

Aber zu spät kamen alle Warnungen und Zurufe; das tolle Mädchen

_=wollte=_ nicht hören, und hochaufgerichtet, das Ruder im Wasser

haltend, das Antlitz aber der heranstürmenden gelben Woge zugewandt, um

ihr mit voller, ungeschwächter Kraft entweichen zu können, stand sie da.

Sie wußte, daß die Gefahr schon halb vorüber war, sobald sie nur die

erste hohe Welle verhindert hatte ihr die Fluth in das Canoe zu werfen

-- jetzt kam sie heran -- das Ruder setzte sie ein, daß es sich von dem

Drucke bog -- fort schnellte das Canoe, hinter ihr die gelbe drohende

Masse -- aber das Wasser, das so vorausdrängte, hob das Hintertheil des

leichten Fahrzeugs, jetzt faßte es die Woge und drohte den Bug vorn in

den Grund zu bohren, Tonio stieß einen Angstschrei aus, und hielt sich

krampfhaft an dem Bootrand fest.

»Gewonnen!« jubelte da die wilde Schifferin, indem sie den linken Arm

emporwarf, aber keine Zeit blieb ihr jetzt weitere Zeichen zu geben,

denn ihre ganze Gewandtheit erforderte die Regierung des Bootes, das sie

mit kundiger Hand inmitten der furchtbaren Strömung zu lenken wußte.

Und es war ein wunderbar schönes, wenn auch wildes Bild.

Hochaufgerichtet im Canoe, den schlanken, üppigen und rabenschwarzen

Oberkörper nackt bis zum Gürtel, mit jeder Muskel in voller Thätigkeit,

stand die Jungfrau. Das wollige, in kleine Zöpfe geflochtene Haar

flatterte im Wind, die dunklen, seelenvollen Augen glühten im Triumph

über ihr gewonnenes Wagestück, die vollen rothen Lippen hatte sie

trotzig aufgeworfen, daß zwei Reihen perlengleicher Zähne sichtbar

wurden, und das lange Ruder mit voller Sicherheit, und dadurch auch mit

Ruhe führend, glitt sie wie eine schwarze Najade über die schäumende

Fluth.

Die zum Strome hinabgesprungenen jungen Männer hatten ihr anfangs

erschreckt und sprachlos nachgesehen, denn keiner von allen zweifelte

daran, daß die erste und schwerste Sturzfluth auch ihr Schicksal

besiegeln und das Canoe rettungslos senken und füllen müßte. Wie es sich

aber hob und sank und wieder hob, und die schlanke Gestalt des Mädchens

fest und unerschüttert in ihrem Nachen stehen blieb, da donnerte ein

lauter Jubelruf der Bewunderung und des Beifalls hinter ihr her, und ein

leichtes Lächeln flog über ihre schönen Züge, als er ihr Ohr erreichte.

-- Aber schon hatte sie die nächste Biegung des Stromes erreicht -- wie

ein Pfeil glitt der Kahn, von der stürzenden Fluth getragen, dahin --

ihr Ruder begegnete der Kraft, die sie an das jenseitige Ufer zu werfen

drohte -- sie hielt die Mitte des Stromes, und wenige Secunden später

war auch der Schrei schon in weiter Ferne verhallt, und hoher, mächtiger

Urwald umgab sie an allen Seiten.

Tonio, der kleine schwarzbraune Bursche, dem aber der Muth der Schwester

vollständig gebrach, hatte mit Entsetzen sich zum Theilhaber eines

Wagestücks machen sehen, das ihm die krause Wolle zu Berge trieb. Mit

beiden Händen fest an den Rand des Canoes geklammert, erwartete er auch

nichts Geringeres, als dieses sinken und umdrehen zu sehen, wobei sie

selber dann, wenn sie an's Ufer schwimmen wollten, gegen die noch immer

hier und da aus der gährenden Fluth vorragenden Felsböcke geschleudert

und elend zerschellt werden würden. Er war sich auch in dem Augenblick

wirklich noch nicht einmal recht klar, ob die Schwester ihr Fahrzeug

muthwillig in den Strom hinausgestoßen, oder ob die Sturzfluth sie in

ihrem wilden Ansturm vom Ufer losgerissen habe, und das Canoe jetzt,

grimmig spielend, seinem Verderben entgegen wirbelte. -- Aber es behielt

seine Richtung -- es schwankte wohl unter den nachpressenden Wellen und

tanzte auf und ab, aber der schlanke Bug vermied sorgfältig jede Gefahr,

die ihm durch Felsen oder treibendes Holz drohen konnte und hoch und

aufgerichtet, mit den blitzenden Augen jeden gefährlichen Punkt

bewachend und ihm ausweichend, stand Eva im Rücktheil des Bootes.

Die ersten Wellen hatten dabei wohl ihre Spritzkämme an Bord gesandt und

eine Menge Wasser hineingeworfen, das gleich anfangs keine Zeit blieb zu

beseitigen. Jetzt aber war die erste Gefahr überwunden, und sich völlig

bewußt der weiteren Fahrt auch ruhig begegnen zu können, wandte sie ihre

Aufmerksamkeit auch wieder dem Boote zu.

»Komm, Tonio,« sagte sie lachend, »rutsch ein Stückchen weiter zurück zu

mir, daß ich das Wasser im Canoe unter die Füße bekomme. Was fürchtest

Du Dich, Muchacho, Du weißt ja doch, daß ich ein Canoe zu führen

verstehe.«

»Ja, aber Eva,« klagte der Knabe, indem er jedoch dem Befehl Folge

leistete, »was fiel Dir denn auch ein, in den Strom hinauszustoßen, wo

die Fluth kam. Wenn ich das vorher gewußt hätte, wär' ich gewiß nicht

mit Dir gefahren.«

»Du bist gar nicht wie ein Junge, Tonio,« sagte das junge Mädchen

lachend, indem sie den rechten Fuß im Canoe feststellte, und dann mit

dem linken das im Canoe stehende Wasser faßte, und es so gegen ihr

rechtes Bein schnellte, daß es hoch aufspritzend über Bord flog. Mit

sechs, acht Streichen hatte sie das kleine Fahrzeug vom Wasser klar, und

das bischen Nässe, das zurückblieb -- bah, was schadete das den bloßen

Füßen der Maid; ja, es kühlte sie eher, indem es darüber hinwusch.

Aber jetzt erforderte der Fluß auch wieder ihre volle Aufmerksamkeit,

denn noch war er nicht hoch genug gestiegen, um die darin liegenden

Stromschnellen völlig auszugleichen, und vor ihr lag eine Stelle, in der

die gelbe Fluth gurgelte und zischte, und überall verrätherische, unter

dem Wasser lauernde Felsen kündete.

»Setz' Dich, Eva,« bat Tonio, »wenn das Canoe einen Stein streift,

fliegst Du hinaus und kannst Dir Schaden thun.«

»Wenn ich sitze, seh' ich die Felsen nicht,« entgegnete aber die wackere

Bootführerin, »hab' keine Angst, Herz, ich führe Dich sicher hindurch.

Ist es denn das erste Mal, daß ich durch solches Wasser steuere?«

Im nächsten Moment brodelte und schäumte die Fluth um den Bug und wie es

die Wellen faßten, rieb der flache Boden ein paar Mal auf den glatten

Steinen. Aber Eva hatte nicht zu viel versprochen, wenn sie dem Bruder

versicherte, sie führe durch, was sie begonnen. Jetzt lag das Ruder

zwischen ihren Füßen und mit einer leichten, aber zähen Stange, die sie

aufgegriffen, lenkte sie den Lauf des Canoes so geschickt, daß es auch

nicht ein einzig Mal die Seite den gefährlichen Stellen bot.

Blitzesschnell aber schoß das leichte Fahrzeug in den aufgeregten

Wassern seine Bahn dahin, und Secunden brauchten sie dazu, um Stellen zu

passiren, gegen die sie gestern noch, mit Anspannung aller ihrer Kräfte

halbe Stunden lang anarbeiten mußten.

Erst aber nur einmal eine einzige Legua zurückgelegt, und die Gefahr war

vorüber; das Wasser fing an sich wieder zu beruhigen -- es stieg wohl

noch, aber nur langsam, und mit unermüdeter Kraft trieb Eva ihren Nachen

weiter.

Nur ein einziges Mal landeten sie auch unterwegs, und zwar an einer

Stelle, wo ein alter Neger, ein Freund ihres verstorbenen Vaters, den

Urwald gelichtet und einen Platanar angelegt hatte, und der Alte ließ

sie nicht fort, ehe sie nicht einen Becher Chokolade bei ihm getrunken

hatten. Aber dann ging es auch weiter, und Tonio mußte jetzt ebenfalls

sein Ruder nehmen, um noch rascher das Ziel zu erreichen.

Am Cachavi selber trafen sie überhaupt wenig gelichtete Punkte --

das tiefer gelegene Land war fruchtbarer, und als sie den ruhigern

Bogota erreichten, schien es ordentlich, als ob sie die Wildniß

hinter sich gelassen hätten. Noch mußten sie allerdings weite

Strecken Wald passiren, aber dann lichtete sich dieser plötzlich,

und die breitblätterigen Bananen schüttelten ihre edel geformten

Wipfel bis dicht über die, steil unter ihnen abfallende Uferbank.

Hochstämmige Cocospalmen ragten mit ihren gefiederten Kronen über

die darunter versteckten Wohngebäude der Menschen, und Cacao- und

Baumwollenpflanzungen bewiesen, daß auch der _=freie=_ Neger, wo ihm

zu seiner Entwicklung nur Raum gegeben wird, dem Boden mehr abzuringen

weiß, als er zu seinem eigenen Bedarfe braucht.

Aber wenig genug beachtete das junge Mädchen diese Anfänge der

Civilisation, diese Zeichen regen Fleißes, und nur dann und wann haftete

ihr Blick hier und da auf einer freundlicher gelegenen Hütte, aus deren

Schattenbäumen vielleicht eine Fülle goldiger Orangen hervorleuchtete,

während zahmes Vieh am Ufer des Flusses weidete, denn so hatte sie sich

ihre eigene Heimath oft und oft in stillen Stunden ausgemalt, und ein

schwerer Seufzer hob dann wohl ihre Brust, wenn sie daran dachte, wie

lange sie Beide -- sie und ihr José, wohl noch hart und bitter

arbeiten müßten, ehe sie das ersehnte Ziel erreicht. -- Aber der Arm

ruhte dabei auch keinen Augenblick -- je näher sie der Mündung des

Bogota in den Santiago kamen, desto schärfer griff sie aus, denn jede

Viertelstunde, die sie hier versäumte, verlängerte ja auch die

Kerkerhaft des Geliebten.

Endlich sah sie das breite, klare Wasser des schönen Stromes vor sich --

um die Landzunge bog der Bug ihres Canoes, und dort voraus schimmerten

wieder die weißen Häuser von Concepcion im Sonnenlicht.

Oh wie bog sich ihr Ruder gegen die Strömung des Santiago jetzt an, um

die kurze Strecke dort hinüber zurückzulegen, und wie trieb sie den

Bruder an, den sie bis jetzt so viel als möglich geschont, um sie in

dieser letzten kurzen Fahrt zu unterstützen. Er theilte ihre Eile gar

nicht, denn dort wartete nur wieder die Werkstatt des kleinen Italieners

auf ihn, der er gar so gern noch eine kurze Zeit entgangen wäre -- aber

die Schwester ließ ihn nicht. Aus allen Kräften mußte er sich in's Ruder

legen, und kaum berührte ihr Canoe den Sand, unterhalb der Stadt, als

sie auch schon mit flüchtigem Satz an's Land sprang, Tonio die Sorge um

das Canoe überlassend.

Kaum nahm sie sich dabei Zeit, ihr Oberkleid wieder umzuwerfen, so

drängte es sie, dem Geliebten die Kunde seiner baldigen Freiheit zu

bringen, und rasch hatte sie auch das Gefängniß erreicht, aber -- ein

eisiges Gefühl ergriff ihr Herz, als sie das niedere, unheimliche

Gebäude schon von weitem erblickte, denn -- die Thür stand offen. --

Hatten ihn die _=Weißen=_ frei gelassen, oder war er --

Ueber den Plan schlenderte der Schließer des Gebäudes, ein alter

mürrischer Neger mit einem, von den Blattern ganz zerrissenen Gesicht.

-- Sie kannte ihn.

»Oh Pedro!« rief sie ihn mit zitternder Stimme an -- »wo -- wohin habt

Ihr José gethan?«

»José?« antwortete der Alte mürrisch -- »sein Herr ist mit ihm heute

Morgen den Strom hinab gefahren. -- Was weiß ich, wohin.«

Viertes Capitel.

Nach dem Pailon.

Eva's Herzblut stockte bei der furchtbaren Kunde. -- So war alle Mühe

und Aufopferung umsonst gewesen und José -- der unglückliche

José auf's Neue für sie verloren. Im ersten Augenblick stand sie

auch wirklich regungslos und keines Gedankens fähig an derselben Stelle,

nur von dem Gefühl ihres Unglücks, ihrer Verlassenheit erfüllt, und der

alte Pedro war lange in den Schatten seiner eigenen Wohnung

zurückgekehrt, ehe sie einen neuen Entschluß fassen konnte, was nun zu

thun -- wie zu handeln.

Rigoli -- der kleine freundliche Weiße -- er blieb jetzt ihre einzige

Hoffnung, und wenige Minuten später stand sie in seiner Wohnung.

Der Italiener war allerdings auf's Aeußerste überrascht, sie schon

wieder in Concepcion zu sehen, und wollte es kaum glauben, daß sie in

der Zeit nach Cachavi hinauf und wieder zurückgerudert sein könne. Aber

das mitgebrachte Geld, das sie ihm zeigte, ließ keinen Zweifel mehr, und

Rigoli, der indessen den Gefangenen nicht aus den Augen verloren, erging

sich nun erst für kurze Zeit in einer Reihe der lästerlichsten

Verwünschungen gegen den schuftigen Guajaquilenen, jenen Francoschen

Offizier, und gegen den Alkalden selber, der mit ihm jedenfalls unter

einer Decke stecke. Eva, die ihn dabei mit keiner Sylbe unterbrach,

erfuhr nun, daß er gestern noch einmal bei dem Alkalden gewesen sei, und

dort einen heftigen Auftritt mit diesem gehabt habe, als er hörte, daß

sich der angebliche Offizier zur Abreise bereit mache. Er verlangte,

daß dieser die Rückkunft des abgesandten Boten erwarten solle, der

abgegangen wäre um die Summe für den Loskauf des Gefangenen

herbeizuholen -- ja er erbot sich sogar selber Bürgschaft für die

Zahlung des Geldes zu leisten -- Alles aber vergebens. Der Guajaquilene

behauptete, daß er seinen _=Diener=_ jetzt gerade nothwendig brauche, da

er an den Pailon hinüber und von dort durch den Wald wieder nach

Concepcion zurückkehren wolle. Er wisse aber nicht, ob er dort sicher

einen Träger bekommen könne. Wenn er zurückkehre und das Geld wirklich

bezahlt werde, so ließe sich weiter über die Sache sprechen.

»Und kehrt der Weiße wirklich hierher zurück?«

»Der Teufel trau' ihm!« rief Rigoli heftig aus -- »möglich ist's, aber

sicher in keinem Fall, denn was ich mir über die Sache denke, so ist

dieser vorgebliche Franco'sche General weiter Nichts als ein ganz

gewöhnlicher Landspeculant, der die Gegend hier abschnüffeln will, ob er

irgendwo einen vortheilhaften Kauf machen kann, ohne Schwielen dabei in

die Hände zu bekommen. Wenn er den José aber hier nicht an den Padre

abtreten darf, so verkauft er ihn unterwegs, wo er die erste beste

Gelegenheit bekommt, und ein paar hundert Dollars daran verdienen kann.

Die nöthigen Papiere sind ja leicht genug fabricirt, und wenn er dem

armen Jungen, der natürlich weder schreiben noch lesen kann, etwas von

baldiger Freiheit vorschwatzt, malt der sein Zeichen unter irgend einen

Wisch, den er ihm vorlegt.«

»Armer José,« hauchte das zitternde Mädchen.

»Wenn wir einen anderen Alkalden hätten, als diesen Holzklotz von einem

Menschen,« zürnte der kleine Italiener, »so wäre so etwas ganz unmöglich

gewesen. Aber mache einmal etwas gegen diesen -- ich hätte bald was

gesagt. Er blieb dabei, daß kein Gesetz des ganzen Staates irgend einen

weißen und freien Mann zwingen könne, seine Reise aufzuschieben, und

fort ist er jetzt an den Pailon -- ich hab' ihn nicht halten können.«

»Und wenn ich ihm dort das Geld für José brächte,« rief das Mädchen

plötzlich, von einem neuen Gedanken ergriffen, »müßte er ihn dort nicht

frei geben?«

»Hm,« sagte Rigoli -- »aber Du kannst nicht allein an den Pailon gehn --

Du kennst ja Niemand dort.«

»Die Señora Bastiano fährt heute oder morgen dorthin ab. Sie befahl mir

ihr Canoe rasch zurückzubringen, weil sie es für die Reise brauchte. --

Sie nimmt mich mit -- und ist auch bekannt dort und geachtet --«

»Geachtet? -- hm,« sagte der kleine Schneider, der seine ganz eigene

Idee darüber hatte, wie geachtet die dicke Negerin wohl in der, jetzt

von lauter Fremden besetzten Ansiedlung sein würde. Aber er mochte dem

armen Kinde auch das Herz nicht unnöthiger Weise vielleicht schwer

machen und sagte endlich:

»Nun, versuchen kannst Du's immer, Schatz -- Schaden wird's nicht thun,

ob's Dir aber hilft -- Gott weiß es. Säßen wir hier nur nicht so

weggesetzt aus der Welt, ich ginge -- straf mich dieser und jener,

meiner Seel' selber zum Präsidenten, und wenn es selbst dieser blutige

Franco wäre, und schenkte ihm einmal ein Glas reinen Wein ein; aber von

hier aus müßte ich erst nach Tomaco in Neu-Granada, und dort auf das

Dampfboot passen, und wo das Geld dazu hernehmen, wo keiner der hiesigen

Lumpe Geld genug im Sack hat, auch nur den Stoff für seine Hosen zu

bezahlen.«

»Lebt wohl, Meister Rigoli,« sagte Eva herzlich -- »und habt Dank --

vielen Dank für die Mühe, die Ihr Euch meinetwegen gegeben. Ich werde es

Euch nie vergessen.«

»Bah Mädel,« sagte der kleine gutmüthige Mann, »reden wir nicht weiter

davon. Ich wollte ich könnte Dir mehr helfen. Aber laß gut sein, jetzt

-- geh erst mit Deiner dicken Señora an den Pailon, und wenn Du dann

zurückkommst und Nichts ausgerichtet hast --«

»Aber sie müssen ihn doch freilassen, wenn ich das Geld für ihn

bezahle.«

»Na ich setze ja nur den schlimmsten Fall -- gewiß müßen sie, wenn ihre

Gesetze nicht lauter Lügen sein sollten -- aber ich meine ja nur so --

wenn Du trotz alle dem Nichts ausrichten solltest, dann komm wieder zu

mir hierher und -- ich weiß dann freilich selber noch nicht, was ich

gleich thun werde, aber einen Skandal giebts, darauf kannst Du Dich

verlassen -- einen Mordskandal, und das Andere -- wollen wir dann eben

abwarten. Schon gut, Mädel, schon gut, -- mach' jetzt, daß Du zu Deiner

Señora Bastiano hinüber kommst. Apropos, wo ist denn Dein Bruder

eigentlich -- ah, da kommt er eben angekrochen. Na! der wird schön müde

sein von der Parforcetour. Du hast den Teufel im Leibe. Nun er mag heute

schlafen und sich ordentlich ausruhen, daß er mir morgen wieder frisch

bei Kräften ist.«

Wie in einem Traum stieg das arme Mädchen die Leiter hinab und eilte dem

Hause der Patronin zu, von der allein sie jetzt noch Hülfe und

Unterstützung hoffte. Die alte würdige Dame war übrigens den Augenblick

bereit, sie mitzunehmen, aber für heute Abend war an den Aufbruch nicht

mehr zu denken. Sie hatte das Canoe gar nicht so rasch zurück erwartet

-- sie mußte ja damit geflogen sein -- einige Provisionen mußten auch

noch eingelegt, und einige Abschiedsbesuche gemacht werden -- Morgen

früh aber jedenfalls -- je früher desto besser, um die Morgenkühle noch

zu benutzen, und dann wollten sie den Señor schon kriegen, der einen

freien Mann zum Sclaven herabwürdigte. _=Sie=_ kannte alle Familien am

Pailon -- brave ehrenwerthe Leute, mit denen sie in intimster Verbindung

stand -- die ließen sie nicht im Stich, und Eva konnte ganz ruhig sein,

auf dem Rückweg hätten sie ihren José mit im Canoe.

Das Mädchen brannte vor Ungeduld, aber die Señora Bastiano war nicht aus

ihrem Gleis zu bringen, und es blieb eben bei der Abfahrt auf den

nächsten Morgen.

Schon vor Tag war Eva munter und unten an der Landung, um das kleine

Canoe in Stand zu setzen und ja keine Zeit zu versäumen -- aber es half

ihr Nichts. Eine Reise nach dem Pailon war für die würdige Dame, die nur

selten aus ihren vier Pfählen kam, eine viel zu wichtige Begebenheit,

um sie so leichthin anzutreten. Die dazu nöthigen Vorbereitungen mußten

mit der ihrem Stande würdigen Ordnung getroffen werden. Dabei hatte sie

sich überlegt, daß das kleine Canoe ein solches Auftreten aber unmöglich

mache, und deshalb beschlossen, ein größeres zu miethen.

Dem lagen nun allerdings keine Schwierigkeiten entgegen, denn große

Canoes gab es in Concepcion genug, und ein solches war bald

herbeigeschafft, aber es erforderte einige Zeit, ehe eine hübsch und

vollständig schattige Laube in dem Heck desselben aufgebaut werden

konnte, und wenn auch Eva unermüdlich Bananenblätter und Stäbe

herzutrug, und die Arbeiter zur Eile antrieb, so wurde es doch fast zehn

Uhr, ehe sie Alles in Stand hatten, und die Señora gerufen werden

konnte.

Und jetzt kam sie. Señora Bastiano war wirklich eine Persönlichkeit in

Concepcion, -- unter der farbigen Ra~ç~e wenigstens. Ihr Mann besaß

ein nicht unbedeutendes Grundeigenthum und hielt eine Menge Leute in

seinen Diensten. Außerdem spielte er ganz vortrefflich die Marimba oder

Holzharmonika, und da die alte Señora wirklich ein gutes Herz hatte und

viele Arme unterstützte, so war sie gewißermaßen ein Orakel der Neger

geworden, die sich bei ihr und ihrem Gatten in schwierigen Verhältnissen

gern Rath, und wenn es sein mußte, auch Hülfe holten.

Es ist dabei wunderbar, mit welcher Würde solche alte Negerdamen

aufzutreten pflegen, wenn sie einen gewissen Rang in der Gesellschaft

einnehmen, oder doch einzunehmen glauben. Keine Fürstin mag es ihnen an

huldreicher _=Herablassung=_ gleich thun, wo sie mit minder Glücklichen

zusammen kommen, und da sie sich außerdem sehr gewählt kleiden und fast

immer eine sehr tiefe Baßstimme haben, so kann sich der Europäer, wenn

er ihnen begegnet, selten eines Lächelns erwehren -- aber ich wollte es

ihm nicht rathen, daß es die Señora bemerkte. Ein völlig vernichtender

Blick würde ihn gewiß dafür strafen.

Señora Bastiano war der Typus dieser Negerfrauen. Wohlbeleibt, wenn auch

nicht übermäßig stark, aber sehr voll gebaut, und mit zurückgebogenem

Kopf einherschreitend, trug sie ein carrirtes Seidenkleid; darüber,

trotz der niederbrennenden Sonne, einen papageygrünen chinesischen

Shawl, eine dicke Kette von Bernsteinkugeln um den braunen Hals, und

glanzlederne Schuhe aber _=ohne=_ Strümpfe, und einen hellgelben,

seidenen Sonnenschirm oder Knicker, den sie aber nur als Fächer

benutzte.

Die Begleitung Eva's war ihr dabei ganz angenehm, denn wenn sie auch

selbstverständlich ein Mädchen zur Bedienung mitnahm, sahen zwei doch

besser und anständiger aus, und Eva dankte Gott, als sie endlich im

Canoe saßen, das von zwei starken Negern gerudert wurde, und sie nun

unterwegs waren. Rückten sie doch nun auch mit jedem Ruderschlage ihrem

Ziele näher. Sie selber wollte auch gleich mitarbeiten, aber das litt

die Señora nicht.

»Laß Du das nur die Leute thun, mein Kind,« sagte sie freundlich, aber

bestimmt. »Die haben Mark in den Knochen und bringen uns schon rasch

genug vorwärts, ob wir ein paar Stunden früher oder später an den Pailon

kommen, bleibt sich doch vollkommen gleich. Du kriegst Deinen José.«

Damit war die Sache abgemacht.

Das Canoe war ein breites, sehr bequem hergerichtetes Fahrzeug, aus dem

Stamm eines der mächtigen Waldriesen dieser Gegend ausgehauen, mit

flachem Boden, daß es nicht so leicht umschlug, und um ihm noch größere

Sicherheit zu geben, mit ein paar schwachen Balsastämmen[B] an beiden

Seiten. Den dritten Theil des ganzen Canoes deckte dabei eine

laubenartige Hütte, gerade hoch genug, daß man bequem, und ohne

anzustoßen, darunter sitzen konnte. Sie war einfach durch gebogene und

am Canoe befestigte Bambusstäbe hergestellt, über welche die breiten

Blätter der wilden und keine Frucht tragenden Banane gelegt und

festgesteckt wurden, und so dicht, daß sie nicht allein die

Sonnenstrahlen verhinderten durchzubrechen, sondern auch einen recht

tüchtigen Regenschauer abhalten konnten, -- und auf beides mußte man in

diesem Klima gefaßt sein.

In der Mitte der Laube nun, auf einer Anzahl von weichen Matten, saß die

Señora, zu ihren Füßen kauerte die mitgenommene Dienerin, und wenigstens

des Steuers hatte sich Eva bemächtigt, um doch etwas beitragen zu

können, zur Beschleunigung ihrer Reise.

So ruderten sie mit der nicht unbedeutenden Strömung -- nachdem der

Abschied am Ufer von einer Anzahl anderer würdiger Damen auch noch

einige Zeit in Anspruch genommen -- rasch vorwärts, und wie ein

wechselndes Bild von Palmen, Bananen und mächtigem Urwald, der seine

Riesenzweige bis weit über das Ufer hinausstreckte, glitt die Landschaft

an ihnen vorüber.

»Siehst Du das Haus dort, an der rechten Uferbank, Eva?« frug da die

alte Dame, nachdem sie etwa eine Stunde so gefahren waren, »wo die

vielen Orangen stehen?«

»~Si~ Señora.«

»Fahre dort an die Landung.«

»Wollen wir halten?«

»Ja mein Kind; die Señora Piedra würde es mir sehr übel nehmen, wenn ich

vorbeiführe, ohne ihr einen guten Morgen zu sagen. -- Es sind gar

achtbare Leute die Piedras.«

Eva gehorchte seufzend, und eine volle Stunde ihrer kostbaren Zeit wurde

damit verschwendet, daß sich ein paar alte Frauen leere Höflichkeiten

sagten, und Chokolade dazu tranken.

Und das war nur der Anfang einer vollkommenen Kette von Besuchen

gewesen, denn Señora Bastiano schien es mit einem höchst empfindlichen

Gefühl von Schicklichkeit ganz unversöhnbar zu halten, daß sie auch nur

ein einziges Haus vorbeifuhr, in welchem eine, selbst flüchtige

Bekanntschaft wohnte. Und was für Zeit brauchte sie nicht allein zum

Ein- und Aussteigen, und dem vorläufigen Anfragen im Hause, wohinauf

immer erst einer der Ruderer mußte, um sich zu erkundigen, ob die

»Señora« daheim und geneigt sei, den Besuch zu empfangen. Wie sie aber

den vierten solcher Besuche gemacht und glücklich beendet hatten, trat

die _=Fluth=_ ein, in deren Bereich sie sich schon befanden, und um ihre

Leute nicht unnöthig anzustrengen, wie auch den dringenden Anforderungen

einer anderen dicken Mulattin nachgebend, dort zu übernachten, wurde das

Boot noch am hellen lichten Tag an Land gezogen und Halt gemacht. Bei

Nacht wäre Señora Bastiano überhaupt nicht gefahren -- ihre Nerven

vertrugen das nicht.

So versäumten sie die Ebbe, und mußten bis zur zweiten Ebbe warten, die

erst um neun Uhr Morgens eintrat. Dann erst gingen sie wieder unterwegs,

aber auch nur, um diese unglücklichen Besuche zu erneuern, mit denen

wieder ein Theil der günstigen Zeit nutzlos vergeudet wurde.

Eva hätte blutige Thränen der Ungeduld weinen mögen, aber selbst ihre

Bitten fruchteten Nichts bei der alten Dame.

»Kind, das verstehst Du nicht,« sagte sie leutselig, »wenn Du einmal

älter bist, wirst Du auch einsehen, daß man Rücksichten im Leben zu

nehmen hat, und daß wir uns selber damit ehren, wenn wir Anderen eine

Ehre erweisen.«

Es blieb auch dabei, und als sie endlich die Gegend der Manglaren

erreichten, wo die Ansiedelungen seltener wurden, und zuletzt ganz

aufhörten, war es zum zweiten Male nöthig geworden, in dem letzten Hause

zu übernachten.

Von da an nahmen die Visiten ein Ende; nur im Garcero sprach die Señora

am nächsten Morgen noch einmal vor, traf aber glücklicher Weise Niemand

zu Hause, da die Bewohner der Ansiedelung sämmtlich nach dem Pailon und

San Lorenzo hinaufgefahren waren, und jetzt endlich faßten

undurchdringliche Manglaren das sumpfige Ufer ein, Lagune schloß sich an

Lagune und bildete Inseln und Küstenland, an dem zur Fluthzeit das

Wasser in den Zweigen und wunderlichen Wurzelbildungen der Mongrove

wusch, und zur Ebbezeit den von Millionen von Krabben bevölkerten

Schlamm offen legte.

Bald fuhren sie auch in den breiten und tiefen Canal des Pailon ein, der

in einem rechtwinkeligen Arm erst von dem nördlich gelegenen Ocean nach

Süden hineinläuft, und hier von der Mündung der Tolita-Lagune direkt

nach Osten einmündet. An dem Süd-Ufer dieses breiten Armes lag das

kleine Fischerdorf San Lorenzo.

Es hatte die Nacht über wieder gegossen, was vom Himmel herunter wollte

-- wie denn überhaupt in diesem Himmelsstrich und inmitten der weiten,

waldbewachsenen Niederungen selten eine Nacht ohne Regen vorüber geht --

aber jetzt, nachdem sie die Morgennebel niedergedrückt, stand die Sonne

frei und klar am Himmel, und beleuchtete die wunderschöne Bai, und

blitzte von den Millionen Regentropfen des Waldmeeres nieder.

Vor dem Canoe her strichen ein paar große braune Pelikane, und ein

Fregattenvogel stand hoch, mit zitterndem Flügelschlage in blauer Luft,

bis er sich einen Fisch zur Beute ersehen, auf den er dann wie ein Pfeil

herunter schoß, tief unter Wasser tauchte, und wenige Momente später

wieder mit tropfenden Schwingen ordentlich aus der Fluth emporschnellte,

um seine Beute hoch in dem eigenen Element zu verzehren.

Bis hierher hatten sie die Ebbe günstig für sich gehabt, von da an aber

kam sie aus dem Pailon heraus gegen sie an, und wenn sie auch schon ihre

größte Kraft verloren, mußten die beiden Schwarzen nun doch tüchtig

rudern, um gegen sie anzuarbeiten. Ein Beilegen in den Manglaren war

unmöglich, denn dort hätten sie Mosquitos und eine kleine nichtswürdige

Art von Stechfliegen, Jejen genannt, zu Tode gepeinigt, und Señora

Bastiano kannte jene Stellen zu genau, um sich vom Ungeziefer mißhandeln

zu lassen. Da mochten die Neger lieber schwitzen.

Es war etwa drei Uhr Nachmittags, als sie San Lorenzo endlich erreichten

-- leider in voller Ebbe, wo das ganze Ufer von einem vielleicht vierzig

Schritt breiten Schlammgürtel so vollständig eingefaßt war, daß an ein

Landen gar nicht gedacht werden konnte. Die Neger sprangen allerdings

über Bord, und schoben das Canoe so weit es nur möglicher Weise ging,

auf den Schlamm hinauf und dem Ufer um etwa zehn Schritt näher -- dann

aber arbeitete ihnen das solide Gewicht der Señora so entschieden

entgegen, daß sie es auch keinen Zoll breit weiter vorrücken konnten,

und die Señora hatte jetzt die Wahl, bis zur wachsenden Fluth hier

draußen sitzen zu bleiben -- was immer noch vier volle Stunden dauern

konnte, oder das allerdings nicht ganz würdevolle Entree nach San

Lorenzo hinein zu wählen, und mit hochaufgeschürzten Röcken durch den

etwa knietiefen Schlamm an Land zu waten.

Beides schien ihr gleich unangenehm, so entschloß sie sich denn endlich

zu der kürzeren, wenn auch schmerzlicheren Procedur, zog ihre Schuhe

aus, die sie Eva zu tragen gab, packte ihrer anderen Dienerin den

Sonnenschirm und eine Anzahl anderer Kleinigkeiten mit einem Korb

Backwerk auf, das sie den Kindern ihrer Freunde mitgebracht, und --

stieg über Bord.

Es war allerdings ein höchst komischer Anblick, die alte würdige Dame in

dieser Situation, und dabei mit dem ernsthaftesten Gesicht von der Welt,

durch den tiefen Schlamm waten zu sehen, und ein paar Fremde, die am

Ufer standen, wollten sich auch halb todt darüber lachen -- aber um so

viel finsterere Falten zog das braune Gesicht der alten Dame, die ihre

Kleider in der Angst, sie im Schlamm zu verunreinigen, noch weit höher

aufnahm als eigentlich nöthig gewesen wäre. Aber muthig watete sie

vorwärts, und hatte endlich die Genugthuung, eine kleine Quelle zu

erreichen, die während der Ebbe in ein paar Steinlöchern frisches Wasser

hielt, und wo sie im Stande war, sich von ihrem Mädchen die Füße waschen

zu lassen.

Dort aber mußte sie noch immer eine Weile in der bisher behaupteten

Stellung verharren, bis ihre Dienerin die ihr anvertrauten Sachen

abgelegt hatte, und dann im Stande war, ihre Señora mit Hülfe eines

Spahns erst von dem gröbsten Schlamm zu säubern, und dann reinzuwaschen.

Erst jetzt durfte sie wagen, ihre Kleider fallen zu lassen, und ihre

Schuhe anzulegen, um, wie es ihrem Stande zukam, in der Stadt zu

erscheinen.

Darauf aber hatte Eva schon nicht mehr gewartet. Leicht und flüchtig,

war sie nur wenig in den Schlamm eingesunken, und wie sie nur die Schuhe

am Ufer auf einen trocknen Platz gestellt, eilte sie flüchtigen Laufes

in die Stadt hinauf, um sich dort nur erst die Gewißheit zu holen, daß

José in San Lorenzo angekommen sei und dort weile. Mehr verlangte

sie ja nicht -- in allem Uebrigen würde ihr die Señora Bastiano gewiß

schon helfen.

Armes Kind, auch _=dieser=_ Weg schien vergebens gewesen, denn gleich im

nächsten Haus erfuhr sie, daß gestern allerdings ein »Señor

Ecuadoriano,« der ihrer Beschreibung entsprach, mit einem Canoe und

einem schwarzen Diener eingetroffen sei, und Verkehr mit den Fremden

gehabt habe, dann aber, und zwar noch gestern Abend, oder jedenfalls

heute Morgen vor Tagesanbruch _=zu Lande=_ aufgebrochen sei, denn er

habe das Canoe an die Fremden verkauft. Zu Lande _=konnte=_ er aber

keinen anderen Weg eingeschlagen haben, als die erst kürzlich durch die

Wildniß ausgehauene »Trocha«.[C] Ob er auf der aber beabsichtige bis zum

Bogota, und dann hinauf nach Quito zu gehen, oder ob er nach Concepcion

zurückkehren wolle, wußte Niemand anzugeben.

Der gutmüthige Ecuadorianer, dem das junge, in Thränen fast zerfließende

Mädchen leid that, ging sogar selber zu den dort eingetroffenen

Engländern hinüber, um sich zu erkundigen, ob sie etwas über den Fremden

und sein nächstes Ziel wüßten, erfuhr aber auch keine bestimmte Antwort.

Er hatte nur, ihnen gegenüber, geäußert, daß er den Weg durch die Trocha

einschlagen wolle, um das Land kennen zu lernen. Sein Geschäft war, wie

er angab, Juwelenhandel, und er hatte ihnen eine Anzahl von kostbaren

Steinen zum Verkauf angeboten. Die Leute aber, die hierher gekommen

waren um das Land zu cultiviren, brauchten keine Diamanten und Saphire,

und als er fand, daß er hier keine Geschäfte machen konnte, war er ohne

Weiteres wieder aufgebrochen.

Als Diener hatte er die Leute mitgenommen, die ihn hierher gerudert,

einen jungen Negerburschen und zwei alte Mulatten.

Unter Palmen und Buchen. Zweiter Band. Unter Palmen. Gesammelte Erzählungen. · 第 6 / 8 题